Einleitung in die Geisteswissenschaften Wilhelm Dilthey (1883) ======================================================================== PROVENANCE NOTE (Tower of Babel staging): Wilhelm Dilthey's Einleitung in die Geisteswissenschaften (1883) — the founding charter of the human sciences: Naturwissenschaften vs. Geisteswissenschaften. German first edition; standard English translations are post-1930. ======================================================================== Ginleitung in bie Geifteswiffenfhaften. in bie Geiſteswiſſenſch aften. Verſuch einer Grundlegung für das Studium der Geſellſchaft und der Gefchichte Wilhelm Dilthen, Vroleſor der Vbilelobdie an der Uninerfität Berlin. Erfter Band. Leipzig, Verlag von Dunder & Humblot. 1883. Das Ueberſetzungsrecht bleibt vorbehalten. An den Grafen Paul York von Wartenburg. In einer unferer erften Unterhaltungen entwickelte ich Ahnen den Plan dieſes Buches, welches ich damals noch ala Kritik der Hiftorifchen Vernunft zu bezeichnen wagte. In den ihönen Jahren jeitdem habe ich des einzigen Glückes genoffen, auf der Grundlage der Verwandtſchaft der Meberzeugungen in oft täglidem Geſpräch gemeinfam zu philofophiren. Wie könnte ich ausfondern twollen, was der Gedankenzuſammenhang, welchen ich vorlege, Ahnen verdankt? Nehmen Sie, da wir nun räum- li) getrennt worden find, dies Werk ala ein Zeichen unwandel⸗ barer Gefinnung. Der ſchönſte Kohn der langen Arbeit, in welcher es entftand, wird mir der Beifall des Freundes fein. Inhablt. Erſtes einleitendes Bud. Seue Aeberficht über den Bnſammenhang der Einzelwiſſenſchaften des Oeiftes, in welcher die Notwendigkeit einer grundlegenden Wiſſenſchaft dargethan wird. 1. Abficht dieſer Einleitung in die Geiſteswifſenſchaften. . . - 8 2. Die Geiſteswiſſenſchaften ein ſelbſtaͤndiges Ganze, neben ben Naturwiſſenſchaftffennn. 5 8. Das Verhaltniß diefea Ganzen zu dem ber Naturwifſenſchaften 17 4. Die Ueberfichten über die Geifteswifienichaften. . . . .... 26 5. Ihr Materiaind. 30 6. Drei Klafien von Ausfagen in ihnen. - . - 2» 200000. 82 7. Ausjonderung ber Ginzelwiffenichaften aus ber geichichtlich-gefells ſchaftlichen Wirklichteit. . 84 8. Wiſſenſchaften der Einzelmenſchen ala der Elemente dieſer Wirt: lichteiti. rn 85 9. Stellung bed Erkennens zu dem Zuſammenhang geſchichtlich⸗geſell⸗ ſchaftlicher Wirklichleit. . 44 10. Das wiſſenſchaftliche Studium ber natürlichen Gliederung ber Menſchheit jowie der einzelnen Völler . . . . -. 2-2 200. 49 11. Unterjcheidung von zwei weiteren Klafſen von Einzelwifienichaften 52 12. Die Wiſſenſchaften von ben Syftemen ber Sultur ...... . 61 Die Beziehungen zwiſchen ben Suflemen der Jultur und ber äußeren Organifation der Gelellichaft. Das Net. . . . . 65 Die Erkenntniß der Syfteme der Kultur. Gittenlehre ifl eine Wiffenſchaft von einem Syſtem ber Rultur . .. .... . 18 13. Die Wifienkhaften der Außeren Organifation ber Gefellichaft . . 80 14. 15. 16. 17. 18. 19. Inhalt. Die piychologiſchen Grundlagen - - >» 2 22222 Die äußere Organifation ber Geſellſchaft als geſchichtlicher That⸗ befſtannnnn. Die Aufgabe ber theoretiſchen Darftellung der äußeren Organi⸗ ſation der Geſellſchaft. . Philoſophie der Geſchichte und Sociologie find feine wirklichen Wifſenſchaftfennn. ne Ihre Aufgabe iſt unlögbar. Beſtimmung ber Aufgabe ber Geſchichtswifſenſchaft im Zu⸗ fammenbang ber Geifteswiflenidyaften . -. - - - 2... Ihre Methoden find falſch... Sie ertennen nicht die Stellung der Geichichtäwifjenichaft zu ben Einzelwifienichaften der Gelellihaft -. - - » 22 2200 n. Wachſende Ausdehnung und Vervollkommnung der Einzelwifien: Ihaften - - >20 ren Die Rothwendigkeit einer ertenntnißtheoretiſchen Grunblegung für bie Einzelwifſenſchaften des Beiftee - . - . 2220000 3mweit es Bu ch. Metaphyſik als Grundlage der Gelfteswilfenfdaften. Ihre Herrſchaft and ihr Verfall. Eriter Abſchnitt. Das mythiſche Vorſtellen und die Entſtehung der Wiffenichaft in Europa. Erfted Kapitel. Die aud dem Ergebniß bed erften Buches ent⸗ Ipringende Aufgadbde. nee Zweites Kapitel. Der Begriff ber Metaphyfik. Das Problem ihres Berhältniffes zu den nächſtverwandten Erfcheinungen . . Drittes Kapitel. Das religidjfe Leben als Unterlage ber Metaphyfik. Der Zeitraum des mythiſchen Borftellend. . . . Viertes Kapitel. Die Entftehung der Wiflenichaft in Europa Fünftes Kapitel. Charakter ber älteften griechiichen Wiſſen⸗ 12 1: Zweiter Abſchnitt. Metaphyfiſches Stadium in ber Entwidlung ber alten Bölter. Erſtes Kapitel. Berichiedene metaphufifche Standpunkte werben erprobt und erweiſen ſich al& zur Zeit nicht entwidlungsfähig 145 158 158 167 177 182 187 Inhalt. Zweites Kapitel. Anaragoras und bie Entſtehung ber mono⸗ theiftiichen Metaphyfik in Europa. - -. - - Drittes Kapitel. Die mechaniſche Weltanfiht durch Leukipp unb Demokrit begründet. Die Urſachen ihrer vorläufigen Macht: Iofigleit gegenüber der monotbeiftifchen Metapbufil . . . . . Diertes Kapitel. Zeitalter ber Sophiften und bes Sokrates. Die Methode ber Feſtſtellung des Erkenntnißgrundes wird ein- geführt. Fünftes Kapitel. Plato.. . Fortſchritt der metaphyfiſchen Methode....... Die Lehre von den ſubſtantialen Formen des ſtosmos tritt in die monotheiſtiſche Metaphyfil ein . - . -. -. -... Tie Begründung biefer Metaphyfil der fubflantialen Formen. Ihr monotheiftiiher Abihluß - - . - » - 220. Sechſtes Kapitel. Ariftoteles und die Aufftellung einer ab» gefonderten metaphyfiſchen Wiflenihaft - - - . » 2... Die wiflenichaftlicden Bedingungen - . - -» » 22 22. . Die Sonderung der Logik von ber Metaphyfil und ihre Bes ziehung auf biefelbe . . .. > 22 ren Aufftellung einer jelbftändigen Wiffenichaft der Metaphyfik. Der metapbufilde Zufammenhang der Welt . ...... Metaphyſik und Natuxwiflenihaft -. -. .» -» . 2... Die Gottheit "ala der Iehte und höchfte Gegenftand ber Meta 1) 1 ..... Siebentes Kapitel. Die Metaphyſik der Griechen unb bie geſellſchaftlich geſchichtliche Wirklichlett -. - - - - 2.2.2. Schranken der griechiſchen Geifteswiflenihait . -. - - . . - Stadium ber Zurkdführung ber geiellichaftlidhen Ordnung auf göttlide Stiftung - - - - - >» 2 2 2220. Das Naturreht der Sophiften ala eine atomiftilche Meta: phyfik der Geſellſchaft und die Gründe feiner Unfruchtbarteit Die politifche Wiſſenſchaft ber ſokratiſchen Schule. Der ideale Staat Platog. Die vergleichende Staatswifienichaft bes Ariſtoteles. rn. Achtes Kapitel. Zeriekung der Metaphyfit im Skepticismus. Die alten Böller treten in das Stadium ber Einzelwiſſen⸗ ſchaftenn. en Der Skepticiomus. Die nadjariftoteliiche Metaphyfit und ihr fubjeltiver Charakter Die Selbftänbigkeit ber Einzelwiflenichaften. . -. -. .» - . . Anhalt. Dritter Abſchnitt. Metaphyfiſches Stabium ber neueren Völker. Erfted Kapitel. Chriſtenthum, Erkenntnißtheorie und Meta: phyfikk....... Zweites Kapitel. Auguſtinus... 20 een Die Düne >: on AuguflinuB >: ven Drittes Kapitel. Die neue Generation von Völkern und ihr metaphyfiſches Stabium - - - - - - 22220 Viertes Kapitel. Erſter Zeitraum bed mittelalterlichen Denlend. 2: 00 ne Die Theologie und die Dialektit ala ihr Werkzeug . . . - Die Antinomie zwiſchen ber Borftellung des allmädhtigen und allwifienden Gottes und ber Vorftellung ber Freiheit des Meanihen - > 220er. Die Antinomien in ber Borftellung Gottes nach feinen Eigen: ſchaften. Fünftes Kapitel. Die Theologie Wird mit der Naturer⸗ tenntniß und ber ariſtoteliſchen Wiflenichaft vom Stodınoa ver: knüpf © 220er Die Naturerfenntniß ber Araber unb ihr ariftoteliicher Standpunt. nne Mebertragung auf daB Abendland...» » er... Sechſtes Kapitel. Zweiter Zeitraum des mittelalterlichen Denkens..... 1. Abſchluß der Metaphyfit der ſubſtantialen Formen... 2. Die verfiandesmäßige Begründung der transſcendenten Die Schlüfle auf das Tafein Bott... ..... Sie Beweiſe für bie Unfterblichkeit der Seele . . . . 3. Innerer Widerſpruch der mittelalterlichen Dietaphyfit, ber aus der Verknüpfung dev Theologie mit der Willens Ichaft vom Kosmos entipringt- - - - . - 222 .. Charakter der fo entitehenden Shufteme . . . .» . . . Antinomie zwifchen ber Vorftellung des göttlichen In⸗ tellett3 und ber Vorftellung bed göttlichen Willens. Antinomie zwiichen ber Ewigkeit ber Welt und ihrer Schöpfung in der Bet... 2. : 2200 e een Diefe Antinomien können in feiner Metaphyfik aufge: Löft werdeen. Seite 315 322 828 326 338 345 346 353 362 Anhalt. Siebentes Kapitel. Die mittelalterliche Metaphyſik ber Be: ſchichte und Geiellihaft - - - - > >22 rennen Das Reich immaterieller Subflanzen. - - ....... Aufftellung eines metaphyfiſchen Zuſammenhangs in demielben Der religiöfe Borftellungäkreiß . -. . - - 2000 e. Der weltliche Borftellungäkrei® . . - - 22200 Vierter Abſchnitt. Die Auflöfung ber metaphufiichen Stellung be Menichen zur Wirklichkeit. Erfied Kapitel. Die Bebingungen bed modernen wifſſenſchaft⸗ lichen Bemwußtleind - - © > 2 20er ne Zweites Kapitel. Die Naturwifienichaften.. - - -» ... . Die Metaphufit bes Alterthums und Mittelalterd wirb durch die Naturtifienichaften aufgelöl . . - . - - 2.2... Die mechaniſche Naturerklärung ift weber eine neue Meta⸗ phyfik noch kann fie ala Ausgangspunkt einer jolchen be: nubt werdennnn. Der Rückſtand aus ber naturwiſſenſchaftlichen Erklärung im freien Bewußtſein ber Gedankenmäßigkeit des Weltzu: fammenbangs und bes Leben? in ber Natur... .. . Drittes Kapitel. Bie Geifteswilienichaften . -. - . . . - Die metaphyfiſche Konſtruktion ber Gefellichaft und ber Ge⸗ ſchichte wirb aufgelöft durch die Analyfis in der Wiflen- ſchaft des Einzelmenſchen. in den Einzelwifſenſchaften der Gejellichaft . . - - - - in ber auf biefe gegründeten Geſchichtswiſſenſchaft Nüdftand aus den Geifteswiflenichaften im freien Bewußtſein von dem Meta⸗Phyfiſchen der Menichennatur und bes Lebens Viertes Kapitel. Sclußbetradhtung über bie Unmöglichkeit ber metapbufiichen Stellung des Extennend. ........ Der logiſche Weltzufammenbang ala Ideal der Metaphyſik. Der Widerfprucd dev Wirklichkeit gegen bie Ideal unb bie Unhaltbarkeit ber Metapbufil. -. -. . - - 22020. Die Bänder des metapbufilchen Weltzufammenbangs können von dem Verſtand nicht eindeutig beflimmt werben . . . Eine inhaltlide Borftelung des Weltzufammenhangs kann nicht erwwielen werden - - - > > 2 2 2 ren XI ©eite 418 418 422 429 434 446 457 458 491 491 499 Berichtigungen und Zuläte. S. 206 Zeile 12. Es ift mir werthvoll, in den memoires de l’in- stitut Bb. XXIX ©. 176ff., Martin, hypothöses astronomiques des plus anciens philosophes de la Gröce etrangers & la notion de la sphericite de la terre biefe Kombination, welche ich jeit einer Reihe von Jahren in meinen Vorlefungen vorgetragen, zu finden. ©. 347 Anm. 3. 4 lied et flatt Et. Vorrede. Das Buch, deſſen erſte Hälfte ich hier veröffentliche, verknupft ein biftorifches mit einem ſyſtematiſchen Verfahren, um die Frage nah ben philoſophiſchen Grundlagen der Geifteswiflenichaften mit dem höchften mir erreichbaren Grad von Gewißheit zu löſen. Das Hiftoriiche Verfahren folgt dem Gang der Entwidlung, in welcher die Philoſophie bisher nad) einer ſolchen Begründung gerungen hat; e3 ſucht den gejchichtlichen Ort der einzelnen Theorien innerhalb diefer Entwidlung zu beftimmen und über den vom hiſto⸗ riſchen Zuſammenhang bedingten Werth derjelben zu orientixen; ja aus der Verſenkung in diefen Zuſammenhang der bißherigen Entwidlung will e8 ein Urtheil über den innerften Antrieb der gegermvärtigen wifjenjchaftlicden Bewegung gewinnen. So bereitet die gefchichtliche Darftellung die erfenntnißtheoretiiche Grundlegung vor, welche Gegenftand der anderen Hälfte dieſes Verſuchs fein wird. | Da Hiftorifche und ſyſtematiſche Darlegung jo einander er- gänzen follen, erleidtert es wol die Lektüre des gejchichtlichen Theil, wenn ich den füftematifchen Grundgedanken anbeute. Am Ausgang des Mittelalterd begann die Emanzipation der Einzelwifienichaften. Doch blieben unter ihnen die ber Geſellſchaft und Gefchichte noch lange, biß tief in das vorige Jahrhundert hinein, in der alten Dienftbarfeit der Metaphufil. Ja bie an- twachlende Macht der Naturerfenntniß Hatte für fie ein neues xIv Vorrede. Unterwürfigkeitsverhaͤltniß zur Folge, das nicht weniger drückend war als das alte. Erſt die hiſtoriſche Schule — dies Wort in einem um⸗ fafſenderen Sinne genommen — vollbrachte die Emanzipation des geſchichtlichen Bewußtſeins und der geſchichtlichen Wiſſenſchaft. In derſelben Zeit da in Frankreich das im ſiebzehnten und achtzehnten Jahrhundert entwickelte Syſtem der geſellſchaftlichen Ideen ala Na⸗ turrecht, natürliche Religion, abſtrakte Staatslehre und abſtrakte po⸗ litiſche Oekonomie in der Revolution ſeine praktiſchen Schläffe zog, da die Armeen dieſer Revolution das alte, ſonderbar verbaute und vom Hauch tauſendjähriger Geſchichte umwitterte Gebäude des deutſchen Reiches beſetzten und zerſtörten, hatte ſich in unſerem Vaterlande eine Anſchauung von geſchichtlichem Wachsthum, als dem Vorgang in dem alle geiſtigen Thatſachen entſtehen, ausge⸗ bildet, welche die Unwahrheit jenes ganzen Syſtems geſellſchaft⸗ licher Ideen erwies. Sie reichte von Winkelmann und Herder durch die romantiſche Schule bis auf Niebuhr, Jakob Grimm, Savigny und Böckh. Sie wurde durch den Rückſchlag gegen die Revolution verſtärkt. Sie verbreitete ſich in England durch Burke, in Frankreich durch Guizot und Tocqueville. Sie traf in ben Kämpfen ber europäilchen Gejellihaft, mochten fie Recht, Staat ober Religion angehen, überall mit den Ideen des achtzehnten Jahrhunderts feindlich zufammen. Eine rein empirifche Betradh- tungsweiſe lebte in diefer Schule, Tiebevolle Vertiefung in bie Beionberheit des geſchichtlichen Vorgangs, ein univerfaler Geift der Geichichtäbetrachtung, welcher den Werth des einzelnen That beftandes allein au8 dem Zuſammenhang der Entwicklung be- ftimmen will, und ein gefchichtlicher Geiſt der Gejellichaftälehre, welcher für das Leben der Gegenwart Erklärung und Regel im Studium der Vergangenheit ſucht und dem fchließlich geiftiges Leben an jedem Punkte geichichtliches ift. Don ihr ift ein Strom neuer Ideen durch unzählige Kanäle allen Einzelwiſſenſchaften zu- gefloflen. Aber die hiſtoriſche Schule Hat big heute die inneren Schranten Vorrede. xV nicht durchbrochen, welche ihre theoretiiche Ausbildung wie ihren Einfluß auf dag Leben hemmen murßten. Ihrem Studium und ihrer Verwerthung der geichichtlichen Erfcheinungen fehlte der Zu⸗ ſammenhang mit der Analyfis der Thatſachen des Berwußtfeing, ſonach Begründung auf das einzige in leßter Inſtanz fichere Wiſſen, furz eine philofophiiche Grundlegung. Es fehlte ein gefundes Berhältni zu Erkenntnißtheorie und Piychologie. Daher kam fie auch nicht zu einer erflärenden Methode, und doch vermögen ge- ſchichtliches Anſchauen und vergleichendes Verfahren für ſich weder einen jelbftändigen Zuſammenhang der Geifteäwifjenichaften aufzu- richten noch auf das Leben Einfluß zu gewinnen. So verblieb es, ala nun Comte, St. DU, Budle von Neuem das Räthſel der geichichtlichen Welt durch Uebertragung naturwiſſenſchaftlicher Prinzipien und Methoden zu Löfen verfuchten, bei dem unwirkſamen Proteft einer lebendigeren und tieferen Anfchauung, die fich weder zu entwideln noch zu begründen vermochte, gegen eine dürftige und niedere, bie aber der Analyje Herr war. Die. Oppofition eines Garlyle und anderer lebensvoller Beifter gegen die exakte Wiſſenſchaft war in der Stärke des Hafles wie in der Gebundenheit ber Bunge und Sprache ein Zeichen diefer Lage. Und in folcher Unficher- heit über die Grundlagen der Geifteswifienfchaften zogen fich bie Einzelforicher bald auf bloße Defkription zurück, bald fanden fie in fubjeltiver geiftreicher Auffaffung Genüge, bald warfen fie fich wieder einer Metapbyfil in die Arme, welche dem Vertrauensvollen Sätze veripricht, die das praktiſche Leben umzugeftalten die Kraft haben. Aus dem Gefühl dieſes Zuftandes der Geiſteswiſſenſchaften ift mir der Verſuch entftanden, dad Prinzip der hiſtoriſchen Schule und bie Arbeit der durch fie gegenwärtig durchgehends beftimmten Einzelwiſſenſchaften der Geſellſchaft philoſophiſch zu begründen und jo den Streit zwilchen dieſer Hiftorifchen Schule und den ab⸗ ftralten Theorien zu jchlichten. Mich quälten bei meinen Arbeiten Fragen, die wol jeder nachdenkliche Hiftoriker, Juriſt oder Poli⸗ Xxvi Vorrede. tiker auf dem Herzen hat. So erwuchſen in mir von ſelber Ve⸗ dürfniß und Plan einer Grundlegung der Geiſteswiſſenſchaften. Welcher iſt der Zuſammenhang von Sutzen, der gleicherweiſe bem Urtheil des Geichichtäfchreiberd, den Schlüflen des Nationalölo- nomen, den Begriffen des Juriften zu Grunde liegt und deren Eicherheit zu beſtimmen ermöglicht? Reicht derjelbe in bie Die- tapfpfil zurüd? Giebt es etwa eine von metaphufiichen Begriffen getragene Bhilojophie der Geſchichte oder ein ſolches Naturrecht? Wenn das aber widerlegt werden kann: wo ift ber fefte Rüdhalt für einen Zuſammenhang der Süße, der den Einzelwifienichaften Verknũpfung und Gewißheit giebt? Die Antivorten Comte's und der Pofitiviften, St. Mill’a -und der Empitiften auf dieſe ragen fchienen mir bie geſchicht⸗ liche Wirklichkeit zu verflümmeln, um fie den Begriffen und Me thoben ber Naturwifienfchaften anzupaflen. Die Reaktion hiergegen, deren geniale Vertretung der Mikrokosmos Lobes ift, fchien mir bie berechtigte Selbftändigfeit der Eingehvifienichaften, die frucht- bare Kraft ihrer Erfahrungsmethoden und die Sicherheit ber Grunblegung einer jentimentalifchen Stimmung zu opfern, welche die für immer verlorene Befriedigung des Gemüths durch bie Wiſſenſchaft jehnjüchtig zurückzurufen begehrt. Ausſchließlich in der inneren Erfahrung, in den Thatlachen des Bewußtfeins fand ich einen feiten Anfergrund für mein Denken, und ich habe guten Muth, daß Fein Lejer fich der Beweisführung in diefem Punkte entziehen wird. Alle Wiſſenſchaft ift Erfahrungswiſſenſchaft, aber alle Erfahrung hat ihren urjprünglichen Zufammenhang und ihre hierdurch beftimmte Geltung in den Bedingungen unjereg Be- wußtjeind, innerhalb deſſen fie auftritt, in dem Ganzen unferer Natur. Wir bezeichnen diefen Standpuntt, der folgerecht die Un⸗ möglichkeit einfiebt, Hinter diefe Bedingungen zurückzugehen, gleich⸗ ſam ohne Auge zu fehen oder den Blick des Erkennens hinter das Auge felber zu richten, als den erfenntnißtheoretifchen ; die moderne Wiſſenſchaft kann keinen anderen anerkennen. Nun aber zeigte fich - — a aA 75: 5 8 Vorrede. XvII mir weiter, daß die Selbſtändigkeit der Geiſteswiſſenſchaften eben von dieſem Standpunkte aus eine Begründung findet, wie die hiſtoriſche Schule fie bedarf. Denn auf ihm erweiſt ſich unſer Bild der ganzen Natur ala bloßer Schatten, den eine uns ver- borgene Wirklichkeit wirft, dagegen Realität wie fie ift befifen wir nur an den in der inneren Erfahrung gegebenen Thatſachen des Bewußtſeins. Die Analyſis dieſer Thatfachen ift das Centrum der Geifteswifjenichaften, und jo verbleibt, dem Geifte der hiſto⸗ riihen Schule entjprechend, die Erkenntniß der Prinzipien der geiftigen Welt in dem Bereich diejer felber, und die Geiſtes— wiſſenſchaften bilden ein in fich felbftändiges Syſtem. Band ich mich in folchen Punkten vielfach in Uebereinftimmung mit ber erfenntnißtheoretiichen Schule von Lode, Hume und Sant, jo mußte ich doch eben den Zuſammenhang der Thatjachen des Bewußtſeins, in dem wir gemeinfam dag ganze Fundament ber Philoſophie erfennen, anders fafjen, ala e8 diefe Echule gethan hat. Wenn man von wenigen und nicht zur wiſſenſchaftlichen Ausbil⸗ dung gelangten Anjäßen, wie denen Herder's und Wilhelm von Humboldt's abfieht, jo Hat die bigherige Erfenntnißtheorie, bie ernpiriftilche wie die Kant's, die Erfahrung und die Erfenntniß aus einem dem bloken Vorftellen angehörigen Thatbeftand erklärt. In den Adern des erfennenden Subjelt3, das Lode, Hume und Kant Eonftruirten, rinnt nicht wirkliches Blut, fondern der ver- dünnte Saft von Vernunft ala bloßer Denfthätigkeit. Mich führte aber Hiftorifche wie piychologifche Beichäftigung mit dem ganzen Menjchen dahin, diefen, in der Mannichfaltigfeit feiner Kräfte, die wollend fühlend vorftellende Wejen auch der Erklärung der Erkenntniß und ihrer Begriffe (wie Außenwelt, Zeit, Subftanz, Urfache) zu Grunde zu legen, ob die Erfenntniß gleich diefe ihre Begriffe nur aus dem Stoff von Wahrnehmen, Vorftellen und Denken zu weben fcheint. Die Methode des folgenden Verſuchs ift daher dieje: jeden Beitandiheil des gegenwärtigen abſtrakten, wiſſen⸗ ſchaftlichen Denkens halte ich an die ganze Menfchennatur, wie XV Norrebe. Erfahrung, Studium der Sprache und der Gejchichte jie erweiſen und juche ihren Zuſammenhang. Und fo ergiebt ſich: die wichtigften Beitandtheile unjered Bildes und unferer Erkenntniß der Wirk: lichkeit, wie eben perjönliche Lebenseinheit, Außenwelt, Individuen außer und, ihr Leben in der Beit und ihre Wechſelwirkung, fie alle fönnen aus dieſer ganzen Menfchennatur erklärt werden, deren realer Lebenaproge am Wollen, Fühlen und Vorftellen nur feine verfchiedenen Seiten hat. Nicht die Annahme eines ftarren a priori unſeres Erkenntnißvermögens, jondern allein Entwidlungsgeichichte, welche von der Totalität unſeres Wejend ausgeht, kann die Fragen beantworten, die wir alle an die Philofophie zu richten haben. Hier jcheint fi das Hartnädigfte aller Räthfel dieſer Grund: legung, die Yrage nah Urfprung und Recht unferer Ueberzeugung von ber Realität der Außenwelt zu löfen. Dem bloßen Borftellen bleibt die Außenwelt immer nur Phänomen, dagegen in unjerem ganzen wollend fühlend vorftellenden Weſen ift und mit unjerem Selbft zugleich und jo ficher ala diejes äußere Wirklichkeit (d. h. ein don und unabhängige® Andere, ganz abgejehen von feinen räumlichen Beitimmungen) gegeben; ſonach als Leben, nicht ala bloßes Vorftellen. Wir willen von dieſer Außenwelt nicht Eraft eines Schlufles von Wirkungen auf Urjachen oder eines dieſem Schluß entiprechenden Vorganges, vielmehr find dieie Vorftellungen von Wirkung und Urfache felber nur Abftraktionen aus dem Leben unfered Willens. So erweitert fi) der Horizont der Er- fahrung, die zunächſt nur von unfren eigenen inneren Zuftänden Kunde zu geben fchien; mit unferer Lebendeinheit zugleich ift uns eine Außenwelt gegeben, find andere Lebenzeinheiten vorhanden. Doch wieweit ich die erweiſen kann und wieweit e8 dann ferner überhaupt gelingt, von dem oben bezeichneten Standpunkte aus einen geficherten Zuſammenhang der Erfenntniffe von der Gejellichaft und Geſchichte Herzuftellen, muß dem ſpäteren Urthal des Leſers über die Grundlegung felber anheimgegeben bleiben. Ich habe nun eine gewiſſe Umftändlichkeit nicht geſcheut, um Norrede. XIX den Hauptgedanken und die Hauptfäße diejer erfenntniftheoretifchen Grundlegung der Geiſteswiſſenſchaften mit den verjchiedenen Seiten des wiljenichaftlichen Denkens der Gegenwart in Beziehung zu ſetzen und dadurch mehrfach zu begründen. So geht diefer Verjuch zuerſt von der Weberficht über die Einzelwiſſenſchaften des Geistes aus, da in ihnen der breite Stoff und das Motiv diefer ganzen Arbeit Tiegt, und er ſchließt von ihnen rückwärts (erſtes Buch). Dann führt der vorliegende Band die Gefchichte des philoſophiſchen Denkens, da3 nach feiten Grundlagen des Willens jucht, durch den Zeitraum hindurch, in welchem fi) dad Schickſal der meta— phufifchen Grundlegung entjchied (zweites Buch). Der Beweis wird verfucht, daß eine allgemein anerkannte Metaphyſik durch eine Tage der Willenichaften bedingt war, die wir Hinter und gelaffen haben, und ſonach die Zeit der metaphufifchen Begründung der Geiftes- wiflenichaften ganz vorüber ift. Der zweite Band wird zunächſt dem gejchichtlichen Verlauf in das Stadium der Einzelwifjen- haften und der Erkenntnißtheorie nachgehen und die erfenntniß- theoretijchen Arbeiten bis zur Gegenwart darftellen und beurtheilen (dritte Buch). Er wird dann eine eigene erfenntnißtheoretilche Grundlegung der Geifteswillenfchaften verfuchen (viertes und fünftes Buch). Die Augsführlichkeit des Hiftorifchen Theils ift nicht nur aus bem praktischen Bedürfniß einer Einleitung, ſondern auch aus meiner Meberzeugung von dem Werth der geichichtlichen Selbftbe- finnung neben der erfenntnißtheoretiichen hervorgegangen. Diejelbe Ueberzeugung Spricht fich aus in der feit mehreren Generationen anhaltenden Vorliebe für die Gejchichte der Philojophie fowie in Hegel’3, des Ipäteren Schelling und Comte's Verjuchen, ihr Syſtem hiftorifch zu begründen. Die Berechtigung diefer Weberzeugung wird auf dem entwidlungsgeichichtlichen Standpunkt noch augen= fcheinlicher. Denn die Geichichte der intelleftuellen Entwidlung zeigt das Wachsthum deſſelben Baumes im hellen Lichte der Sonne, deffen Wurzeln unter der Erde die erfenntnißtheoretijche Grund: legung aufzufuchen bat. XX Vorrede. Meine Aufgabe führte mich durch ſehr verſchiedene Felder des Wiſſens, ſo wird mancher Irrthum mir nachgeſehen werden müſſen. Möchte das Werk auch nur einigermaßen ſeiner Aufgabe entſprechen können, den Inbegriff von geſchichtlichen und ſyſte— matiſchen Einfichten zu vereinigen, deren der Juriſt und der Po— litifer, der Theologe und der gejchichtliche Forſcher ala Grundlage für ein fruchtbared Studium ihrer Einzelwiſſenſchaften bedürfen. Diefer Verſuch ericheint, bevor ich eine alte Schuld durch die Dollendung der Biographie Schleiermacher’3 abgetragen Habe. Nach dem Abſchluß der Borarbeiten für die zweite Hälfte der- jelben ergab fich bei der Ausarbeitung, daß die Darftellung und Kritit des Syſtems von Schleiermacdher überall Erörterungen über die leßten Fragen der Philofophie vorausſetzten. So twurde die Biographie bis zum Erſcheinen des gegenwärtigen Buches zurücdges legt, welches mir dann ſolche Erörterungen erfparen wird. Berlin, Oftern 1883. Wilhelm Dilthey. Erſtes einfeitendes Bud). Ueberfiht über den Zufammenhang der Einzelwiflenfchaften des ‚Geiftes, in welder die Nothwendigleit einer grundlegenden Wiſſenſchaft dargethan wird. Dilthey, Einleitung. Nebrigens hat ſich bisher bie Wirklichkeit der treu ihren @efegen nachforſchenden Wiſſenſchaft immer noch viel erhabener und reicher enthüllt, als die Außerflen Auftrengungen mythiſcher Phantafie und metaphufliger Speculation fie anszumalen wußten. Helmholp. J. Abſicht dieſer Einleitung in die Geiſteswmiſſenſchaften. Seit Bacon's berühmtem Werke find Schriften, welche Grund⸗ lage und Methode der Naturwiſſenſchaften erörtern und fo in das Etudium derfelben einführen, insbefondere von Naturforichern verfaßt worden, die befanmtefte unter ihnen die von Sir John Herſchel. Es erſchien als ein Bedürfniß, denen, welche ſich mit der Geſchichte, der Politik, Jurisprudenz oder politiſchen Oekonomie, der Theologie, Literatur oder Kunſt beſchäftigen, einen ähnlichen Dienſt zu leiſten. Von den praktiſchen Bedürfniſſen der Gejell- ſchaft, von dem Zweck einer Berufsbildung aus, welche der Geſellſchaft ihre leitenden Organe mit den für ihre Aufgabe nothivendigen Kenntniffen ausrüftet, pflegen diejenigen, welche fich den bezeichneten Willenichaften widmen, an fie beranzutreten. Doch wird diefe Berufäbildung nur in dem Verhältniß den Ein- zelnen zu bervorragenderen Leiftungen befähigen, ala fie dad Maß einer techniſchen Abrichtung überjchreitt. Die Geſellſchaft ift einem großen Mafchinenbetrieb vergleichbar, welcher durch die Dienfte unzähliger Perſonen in Gang erhalten wird: der mit der iſolirten Technik feines Einzelberufs innerhalb ihrer Außgerüftete ift, wie vortrefflich er auch diefe Technik inne Habe, in der Lage eines Arbeiterd, der ein Leben hindurch an einem einzelnen Punkte dieſes Betriebs beichäftigt ift, ohne die Kräfte zu kennen, welche ihn in Bewegung ſetzen, ja ohne von den anderen Theilen dieſes Betrieb3 und ihrem Zufammenwirken zu dem Zweck des Ganzen eine Borftellung zu haben. Er ift ein dienendes Werkzeug der Geſellſchaft, nicht ihr bewußt mitgeftaltendes Organ. Dieje Ein- 1* 4 Erfted einleitenbes Buch. leitung möchte dem Politiker und Suriften, dem Theologen und Pädagogen die Aufgabe erleichtern, die Stellung der Sätze und Regeln, welche ihn leiten, zu der umfafjenden Wirklichkeit der menſchlichen Gejellihaft Tennen zu lernen, welcher doch, an dem Punkte, an weldjem er eingreift, jchließlich die Arbeit feines Leben? gewidmet ift. Es liegt in der Natur des Gegenftandes, daß die Einfichten, deren es zur Löſung diefer Aufgabe bedarf, in die Wahrheiten zurüdteichen, welche der Erkenntniß jorwol der Natur ala der geichichtlich gejellichaftlichen Welt zu Grunde gelegt werden müſſen. So gefaßt begegnet ſich diefe Aufgabe, die in den Bedürfnifien des praftiichen Lebens gegründet ift, mit einem Problem, welches der Zuftand der reinen Theorie ftellt. Die Wiflenfchaften, welche die gefchichtlichgejellichaftliche Wirk⸗ lichkeit zu ihrem Gegenftand haben, ſuchen angeftrengter als je zuvor geſchah ihren Zufammenhang untereinander und ihre Be- gründung. Urſachen, die in dem Zuftande der einzelnen pofitiven Wiſſenſchaften liegen, wirken in diefer Richtung zufammen mit ben mächtigeren Antrieben, die aus den Erfehütterungen der Gejellichaft feit der franzöfiihen Revolution entjpringen. Die Erkenntniß der Kräfte, welche in der Gejellichaft walten, der Urſachen, welche ihre Erſchütterungen hervorgebracht haben, der Hilfgmittel eine ge= ſunden Fortſchritts, die in ihr vorhanden find, ift zu einer Lebens⸗ frage für unfere Givilifation geworden. Daher wählt die Be- deutung ber Wiſſenſchaften der Gejellichaft gegenliber benen der Natur; in den großen Dimenfionen unjered modernen Lebens vollzieht fih eine Umänderung der wifjenjchaftlichen Intereſſen, welche der in den Heinen griechiſchen Politien im 5. und 4. Jahr- Hundert vor Chriſto ähnlich ift, ala die Umwälzungen in diefer Staatengejellichaft die negativen Theorien des ſophiſtiſchen Natur- recht? und ihnen gegenüber die Arbeiten der ſokratiſchen Schulen über den Staat hervorbrachten. Der Name Geifteswiflenichaft erläutert. 5 u. Die Grifteswiflenfhaften ein ſelbſtändiges Ganze, neben den Anturwiflenfhaften. Das Ganze der Wiſſenſchaften, welche die geichichtlich-gefell- ſchaftliche Wirklichkeit zu ihrem Gegenftande haben, wird in diefem Merle unter dem Namen der Geifteswiffenichaften zuſammengefaßt. Der Begriff diefer Wiſſenſchaften, vermöge beflen fie ein Ganzes bilden, die Abgrenzung diejes Ganzen gegen die Raturwifjenichaft kann endgültig erft in dem Werke felber aufgeklärt und begründet werden; bier an feinem Beginn ftellen wir nur die Bedeutung feft, in welcher wir den Ausdruck gebrauchen werden und deuten vorläufig auf den Thatfacheninbegriff Hin, in welchem die Ab- grenzung eines folchen einheitlichen Ganzen der Geiſteswiſſenſchaften ton den Willenfchaften der Natur gegründet if. Unter Wiffenfchaft verfteht der Sprachgebrauch einen Inbegriff von Sätzen, deſſen Elemente Begriffe d. h. volllommen beftimmt, im ganzen Denkzuſammenhang conflant und allgemeingültig, deflen Verbindungen begründet, in dem endlich die Theile zum Zweck der Mittheilung zu einem Ganzen verbunden find, weil entweder ein Beftandtheil der Wirklichkeit durch dieſe Verbindung von Sätzen in feiner Vollftändigfeit gedacht oder ein Zweig der menschlichen Thätigfeit durch fie geregelt wird. Wir bezeichnen daher Hier mit dem Ausdruck Wiſſenſchaft jeden Inbegriff geiſtiger Thatſachen, an welchem die genannten Merkmale fi) vorfinden und auf den ſonach indgemein der Name der Willenichaft ange» wendet wird: wir ftellen dem entjprechend den Umfang unferer Aufgabe vorläufig vor. Dieſe geiftigen Thatſachen, welche ſich geihichtlich in der Menfchheit entwidelt haben, und auf die nad) einem gemeinfamen Sprachgebraudy die Bezeichnung von Willen- Ichaften des Menſchen, der Geſchichte, der Gefellichaft übertragen worden ift, bilden die Wirklichkeit, welche wir nicht meiftern, ſondern zunächſt begreifen wollen. Die empirifche Methode fordert, daß an diefem Beftande der Wiffenfchaften felber der Werth der einzelnen Verfahrungsweiſen, deren das Denken fi) bier zur 6 Erſtes einleitendes Buch. Löſung feiner Aufgaben bedient, hiſtoriſch-kritiſch enttwidelt, daß an ber Anfchauung dieſes großen Vorganges, defien Subjekt die Menjchheit felber ift, die Natur des Willens und Erkennen? auf diejem Gebiet aufgeklärt werde. ine ſolche Methode fteht in Gegenfaß zu einer neuerdingd nur zu häufig gerade von den jo- genannten Bofitivilten geübten, welche aus einer meilt in natur- wiſſenſchaftlichen Beichäftigungen erwachſenen Begriffsbeftimmung des Willens den Inhalt des Begriffes Wiſſenſchaft ableitet, und von ihm aus darüber entjcheidet, welchen intellektuellen Beichäf- tigungen der Name und Rang einer Willenichaft zulomme. So haben die Einen, von einem toilllürlichen Begriff des Wiſſens aus, der Geichichtichreibung, wie fie große Meiſter gelibt haben, urafichtig und dünfelhaft den Rang der Wiſſenſchaft abgelprochen ; ‘die Anderen baben die Wiflenjchaften, welche Imperative zu ihrer Grundlage haben, gar nicht Urtheile über Wirklichkeit, in Erkennt⸗ niß der Wirklichkeit umbilden zu müſſen geglaubt. Der Inbegriff der geiftigen Thatjachen, welche unter biejen Begriff von Wiſſenſchaft fallen, pflegt in zwei Glieder getheilt zu werben, von denen da3 eine durch den Namen der Naturwiſſenſchaft bezeichnet wird; für das andere ift, merkwürdig genug, eine all- gemein anerlannte Bezeichnung nicht vorhanden. ch Ichließe mich an den Sprachgebrauch derjenigen Denker an, welche dieje andere Hälfte des globus intellectualis ala Geifteswifienfchaften bezeichnen. Einmal ift diefe Bezeichnung, nicht am wenigſten durch die weite Verbreitung der Logik J. St. Mill's, eine getvohnte und allge mein verftändliche getvorden. Alsdann erſcheint fie, verglichen mit all den anderen unangemefjenen Bezeichnungen, zwilchen denen die Wahl ift, ala die mindeit unangemefjene. Sie drückt Höchft undolllommen den Gegenftand dieſes Studiums aus. Denn in diefem jelber find die Thatſachen des geiftigen Lebens nicht von der pfycho⸗phyfiſchen Lebenzeinheit der Menfchennatur getrennt. Eine Theorie, welche die gejellichaftlich-geichichtlichen Thatjachen beichreiben und analyfiren will, kann nicht von diefer Totalität der Menichennatur abjehen und ſich auf das Geiſtige einjchränten. Aber der Ausdruck tbeilt diefen Mangel mit jedem anderen, der Die Geifteswifienichaften ein jelbftänbiges Ganze. 7 angewandt worden ift; Geſellſchaftswiſſenſchaft (Sociologie), mora= liſche, geichichtliche, Cultur-Wiſſenſchaften: alle dieſe Bezeich- nungen leiden an demſelben Fehler, zu eng zu fein in Bezug auf den Gegenftand, den fie ausdrüden jollen. Und der hier gewählte Rame bat wenigſtens den Borzug, den centralen Thatſachenkreis angemefien zu bezeichnen, von welchem aus in Wirklichkeit die Einheit diefer Wiffenjchaften gejehen, ihr Umfang entivorfen, ihre Abgrenzung gegen die Naturwiſſenſchaften, wenn auch noch Jo undolllommen, vollzogen worden ift. Der Beweggrund nämlich, von welchem die Gewohnheit aus gegangen iſt, dieſe Wiſſenſchaften als eine Einheit von denen der Natur abzugrenzen, reicht in die Tiefe und Totalität des menſch⸗ lichen Selbſtbewußtſeins. Unangerührt noch von Unterſuchungen über den Urſprung des Geiſtigen, findet der Menſch in dieſem Selbſtbewußtſein eine Souveränität des Willens, eine Verant⸗ wortlichkeit der Handlungen, ein Vermögen, Alles dem Gedanken zu unterwerfen und Allem innerhalb der Burgfreiheit ſeiner Perſon zu widerſtehen, durch welche er ſich von der ganzen Natur abfondert. Er findet fich in dieſer Natur in der That, einen Aug- druck Spinoza’3 zu gebrauchen, als imperium in imperio'). Und da für ihn nur das befteht, was Thatſache ſeines Bewußtſeins iſt, ſo liegt in dieſer ſelbſtändig in ihm wirkenden geiſtigen Welt jeder Werth, jeder Zweck des Lebens, in der Herſtellung geiſtiger Thatbeſtände jedes Ziel ſeiner Handlungen. So ſondert er von dem Reich der Natur ein Reich der Geſchichte, in welchem, mitten in dem Zuſammenhang einer objeltiven Nothwendigkeit, welcher Natur ift, Freiheit an unzähligen Punkten dieſes Ganzen aufbligt; Hier bringen die Thaten des Willens, im Gegenſatz zu dem mechanifchen Ablauf der Naturveränderungen, welcher im Anja Alles was in ihm erfolgt ſchon enthält, durch ihren Kraft- 1) Sehr genial drüdt Pascal dies Kebenzgefühl aus: Pensées Art. 1. ‚Toutes ces misöres — prouvent sa grandeur. Ce sont misöres de grand seigneur, miseres d’un roi depossede. (3) Nous avons une si grande idee de l'amo de I’homme, que nous ne pouvons souffrir d’en &tre meprises, et de n’ötre pas dans l’estime d’une Ame‘ (5) [Oeuvres Paris 1866 I, 248, 249). 8 Erſtes einleitenbes Buch. auftvand und ihre Opfer, deren Bedeutung das Individuum ja in feiner Erfahrung gegenwärtig befißt, wirklich etwas her- vor, erarbeiten Entwidlung, in der Perjon und in ber Menſch⸗ heit: über die leere und öde Wiederholung von Naturlauf im Bewußtſein Hinaus, in deren Vorſtellung als einem Ideal geichichtlichen Fortſchritts die Göbenanbeter ber intellektuellen Ent- widelung ſchwelgen. Dergeblich Freilich hat die metaphyſiſche Epoche, für welche diefe Verichiedenheit der Erklärungsgründe fich jofort ala eine ſubſtantiale Berfchiedenheit in der objektiven Gliederung des Welt- zuſammenhangs barftellte, gerungen, Yormeln für die objektive Grundlage dieſes Unterſchieds der Thatſachen des geiftigen Lebens von denen des Naturlaufs feitzuftellen und zu begründen. Unter allen Veränderungen, welche die Metaphufif der Alten bei ben mittelalterlichen Denkern erfahren Hat, ift feine folgenreicher ge- weſen, als daß nunmehr, im Zuſammenhang mit den alles be- herrichenden religiöfen und theologilchen Bewegungen, inmitten deren dieſe Denker ftanden, die Beitimmung der Verſchiedenheit zwiſchen der Welt ber Geifter und der Welt der Körper, aladann der Beziehung diefer beiden Welten zu ber Gottheit, in den Mittel⸗ punkt des Syſtems trat. Das metaphufilche Hauptwerk des Mittel- alter, die Summa de veritate catholicae fidei de8 Thomas, entwirft von feinem zweiten Buche ab eine Gliederung der ge- Ichaffenen Welt, in welcher die Wejenheit (eessentia quidditas) don dem Sein (esse) unterjchieden ift, während in Gott jelber dieſe beiden eins find"); in der Hierarchie der geichaffenen Weſen weit es als ein oberſtes nothwendiges Glied die geiftigen Sub- ftanzen nad), welche nicht au8 Materie und Yorm zujammenge- feßt, jondern per se körperlos find: die Engel; von ihnen jcheidet es die intellektuellen Subftanzen oder unkörperlichen fubfiftirenden Formen, welche zur Gompletirung ihrer Species (nämlich) der Spe- cies: Menjch) der Körper bedürfen, und entwidelt an diejem Puntte eine Metaphyſik des Menſchengeiſtes, im Kampf gegen die arabiſchen 1) Summa c. gent. (cura Uccellii, Romae 1878) I, c. 22. vgl. II, c. 54. Metaphufiiche Begründung ihrer Selbftänbigfeit. 9 Philoſophen, deren Einwirkung bis auf die letzten metaphyſiſchen Schriftſteller unſerer Tage verfolgt werben Tann); von dieſer Welt unvergänglicher Subftanzen grenzt e8 den Theil des Gejchaffenen ab, welcher in der Verbindung von Form und Materie fein Wefen bat. Diefe Metaphyſik des Geiftes (rationale Piychologie) wurde dann, ala die mechaniiche Auffaflung des Naturzufammenhangs und die Gorpuscularphilojophie zur Herrichaft gelangten, von anderen hervorragenden Metaphyſikern zu derjelben in Beziehung geſetzt. Aber jeder Verſuch fcheiterte, auf dem Grunde dieſer Subſtanzenlehre mit den Mitteln der neuen Auffaflung der Natur eine haltbare Vorftellung des Verhältnifjes von Geift und Körper auszubilden. Entwickelte Descarte® auf der Grundlage der Haren und deutlichen Eigenichaften der Körper ala von Raum- größen feine Borftellung der Natur ala eines ungeheuren Mechanis⸗ mus, betrachtete er die in diefem Ganzen vorhandene Bewegungs⸗ größe als conftant: jo trat mit der Annahme, daB auch nur eine einzige Seele von außen in diejem materiellen Syſtem eine Be- wegung erzeuge, ber Widerjpruch in das Syſtem. Und die Un- borftellbarfeit einer ECinwirkung unräumlicher Subftanzen auf dies ausgedehnte Syſtem tuurde dadurch um nicht3 verringert, daß er die räumliche Stelle folder Wechſelwirkung in Einen Punkt zufammen- 309: ala könne er die Schwierigkeit damit verſchwinden machen. Die Abenteuerlichleit der Anficht, daB die Gottheit durch immer fich wiederholende Eingriffe dies Spiel der Wechjelwirkungen unterhalte, der anderen Anficht, daß vielmehr Gott als der geſchickteſte Künftler die beiden Uhren des materiellen Syſtems und der Geifterwelt von Anfang an jo geftellt, daß ein Borgang der Natur eine Em- pfindung bervorzurufen, ein Willendaft eine Veränderung der Außenwelt zu bewirken fcheine, erwieſen fo deutlich ala möglich die Unverträglichkeit der neuen Metaphyſik der Natur mit der über- lieferten Metaphyſik geiftiger Subftanzen. So wirkte dieſes Pro- blem ala ein beftändig reizender Stachel zur Auflöfung des metaphufiichen Standpunktes überhaupt. Diefe Auflöjung wird fich 1) Lib. II, c. 46 sq. 10 Erſtes einleitendes Buch. vollftändig in der ſpäter zu entwidelnden Erkenntniß vollziehen, daß das Erlebniß des Selbſtbewußtſeins der Ausgangspunkt des Subftangbegriffes ift, daß diefer Begriff aus der Anpaſſung dieſes Erlebniffes an die äußeren Erfahrungen, welche das nad) dem Satze vom Grunde fortjchreitende Erkennen vollzogen bat, ent⸗ Ipringt und fo diefe Lehre von den geiftigen Subitanzen nicht? als eine Rückübertragung des in einer ſolchen Metamorphoje aus⸗ gebildeten Begriffs auf das Erlebniß ift, in welchen fein Anjat uriprünglich gegeben war. An die Stelle des Gegenfabes von materiellen und geiftigen Subftanzen trat der Gegenjah der Außenwelt, ald des in ber äußeren Wahrnehmung (sensation) durch die Sinne Gegebenen, zu der Innenwelt, ald dem primär durch die innere Auffafjung der piychilchen Ereigniffe und Thätigkeiten (reflection) Dargebotenen. Das Problem empfängt fo eine befcheidenere, aber die Möglichkeit empirischer Behandlung einfchließende Faſſung. Und e8 machen ſich nun angeficht3 der neuen befjeren Methoden dieſelben Erxleb- niſſe geltend, welche in der Subftanzenlehre der rationalen Piycho- Iogie einen wiflenjchaftlich unhaltbaren Ausdruck gefunden Hatten. - Zunächſt genügt für die jelbftändige Gonftituirung der Geiftes- wiffenschaften, daß auf diefem kritiſchen Standpunkt von den⸗ jenigen Borgängen, die auß dem Material des in den Sinnen Gegebenen, und nur aus dielem, durch dentende Verknüpfung ge- bildet werben, fi) die anderen ala ein bejonderer Umkreis von Thatfacden abfondern, welche primär in der inneren Crfahrung, ſonach ohne jede Mitwirkung der Sinme, gegeben find, und welche aladann aus dem jo primär gegebenen Material innerer Erfahrung auf Anlaß äußerer Naturborgänge formirt werden, um diejen durch ein gewiſſes dem Analogieichluß in der Leiſtung gleich- werthige® Berfahren untergelegt zu werden. So entiteht ein eigened Reich von Erfahrungen, welches im inneren Erlebniß feinen jelbftändigen Urſprung und fein Material bat, und dag demnach) naturgemäß Gegenftand einer bejonderen Erfahrungs⸗ willenichaft if. Und fo lange nicht Jemand behauptet, daß er den Inbegriff von Leidenfchaft, dichteriichem Geftalten, denkendem Auflöfung bderjelben. Kritiſche Begründung. 11 Erfinnen, weldden wir ala Göthe'3 Leben bezeichnen, aus dem Bau ſeines Gehirns, den Eigenichaften feines SKörperd abzuleiten und jo befler erfennbar zu machen im Stande ift, wird aud) die jelbftändige Stellung einer ſolchen Wiffenichaft nicht beftritten werden. Da nun was für und da tft, vermöge diefer inneren Erfahrung beiteht, was für ung Werth hat oder Zweck ift, nur in dem Erlebniß unfres Gefühls und unfres Willens uns jo gegeben ift: To liegen in diefer Wiſſenſchaft die Prinzipien unſers Erkennen, welche darüber beitimmen, twiefern Natur für ung eriftiren farm, die Prinzipien unſeres Handelns, welche das Vorhandenſein von Zwecken, Gütern, Werthen erklären, in dem aller praktiſche Ver⸗ kehr mit der Natur gegründet ift. Die tiefere Begründung der jelbftändigen Stellung der Geiſteswiſſenſchaften neben den Naturwiſſenſchaften, welche Stellung den Mittelpunkt der Conftruftion der Geifteswifjenichaften in diefem Werke bildet, vollzieht jich in diefem jelber fchrittweile, indem die Analyfia des Geſammterlebniſſes der geiftigen Welt, in feiner Unvergleichbarkeit mit aller Sinnenerfahrung über die Natur, in ihm durchgeführt wird. Ich verdeutliche hier nur dies Problem, indem ich auf den zweifachen Sinn hinweise, in welchem bie Un⸗ vergleichbarteit diefer beiden Thatſachenkreiſe behauptet werben kann: entſprechend empfängt auch der Begriff von Grenzen bes Naturerkennens eine zweifache Bedeutung. Einer unfrer erften Naturforscher hat diefe Grenzen in einer vielbeiprochenen Abhandlung zu beftimmen unternommen, und ſo⸗ eben diefe Srenzbeftimmung jeiner Wiflenichaft näher erläutert ?). Denken wir und alle Veränderungen in der Klörperwelt in Be⸗ wegungen von Atomen aufgelöft, die durch deren conftante Gen- tralfräfte bewirkt wären, jo würde das Weltall naturwiſſenſchaftlich erfannt. „Ein Geift“ — von diefer Borftellung von Laplace gebt er aus —, „der für einen gegebenen Augenblid alle Kräfte kennte, welche in der Natur wirkſam find, und die gegenfeitige Tage der 1) Emil Eu Bois⸗Reymond, über die Grenzen des Naturerkennens. 1872. Val.: Die fieben Welträtbiel. 1881. 12 Erſtes einleitendes Buch. Weſen, aus denen fie beſteht, wenn ſonſt er umfafſend genug wäre, um diefe Angaben der Analyfi3 zu unterwerfen, würde in ber- ſelben Formel die Bewegungen der größten Weltkörper und des leichteften Atoms begreifen”). Da die menſchliche Intelligenz in der aſtronomiſchen Wiſſenſchaft ein „ſchwaches Abbild eines jolchen Geiſtes“ iſt, bezeichnet Du Bois-Reymond die von Laplace vorge- ſtellte Kenntniß eines materiellen Syſtems als eine aftronomijche. Von dieſer Vorſtellung aus gelangt man in der That zu einer ſehr deutlichen Auffaſſung der Grenzen, in welche die Tendenz des naturwiſſenſchaftlichen Geiftes eingejchloffen ift. Es jei geftattet eine Unterfcheidung in Bezug auf den Begriff der Grenze ded Naturerfennena in diefe Betrachtungsweiſe einzu- führen. Da ung die Wirklichkeit, ald das Gorrelat der Erfahrung, in dem Zufammenwirken einer Gliederung unjerer Sinne mit der inneren Erfahrung gegeben ift, entjpringt aus der hierdurch be- dingten DVerfchiedenheit der Provenienz ihrer Veſtandtheile eine Unvergleichbarkeit innerhalb der Elemente unferer wiſſenſchaftlichen Rechnung. Sie jchließt die Ableitung von XThatfächlichkeit einer beftimmten Provenienz aus der einer anderen aus. So gelangen’ wir von den Eigenjchaften des Räumlichen doch nur vermittelft der Fakticität der Taftempfindung, in welcher Widerftand erfahren wird, zu ber Vorftellung ber Materie, ein jeder der Sinne ift in einen ihm eigenen Qualitätenkreis eingejchloflen; und mir müſſen von der Sinnegempfindung zu dem Gewahren innerer Zu⸗ ftände übergehen, jollen wir eine Bewußtjeinzlage in einem ge= gebenen Moment auffallen. Wir können ſonach die Data in der Umvergleichlichkeit, in welcher fie in Folge ihrer verfchiedenen Pro- venienz auftreten, eben nur binnehmen; ihre Thatjächlichkett ift für und unergründlich; all unfer Erkennen ift auf die Feititellung der Gleichförmigfeiten in Aufeinanderfolge und Gleichzeitigfeit einge- ſchränkt, gemäß denen fie nach unſrer Erfahrung in Beziehungen zu einander ftehen. Dies find Grenzen, welche in den Bedingungen unſeres Erfahrens jelber gelegen find, Grenzen, die an jedem 1) Laplace, Essai sur les probabilites. Paris 1814. p. 3. Beftimmung der Aufgabe berjelben. 13 Punkte der Naturwiſſenſchaft beftehen: nicht äußere Schranken, an welche das Naturerkennen ſtößt, fondern dem Erfahren jelber immanente Bedingungen deſſelben. Das Vorhandenſein diefer im: manenten Schranken der Erkenntniß bildete nun durchaus fein Hinderniß für die Funktion des Erkennens. DBezeichnet man mit Begreifen eine völlige Durchfichtigleit in der Auffaſſung eines Zuſammenhangs, jo haben wir es bier mit Schranken zu thun, an welche das Begreifen anftößt. Aber, gleichviel ob die MWiflen- Ichaft ihrer Rechnung, welche die Veränderungen in ber Wirklich- feit auf die Bewegungen von Atomen zuräüdführt, Qualitäten unterordne oder Bewußtſeinsthatſachen: falls dieſe filh ihr nur unterwerfen laflen, bildet die Thatſache der Unableitbarfeit kein Hinderniß ihrer Operationen; ic) vermag jo wenig einen Ueber- gang von ber bloßen mathematischen Beitimmtheit oder der Be- wegungagröße zu einer Farbe oder einem Ton als zu einem Bes wußtſeinsvorgang zu finden, das blaue Licht wird von mir durch die entiprechende Schwingungszahl jo wenig erklärt, als das ver- neinende Urtheil durch einen Vorgang im Gehirn. indem die Phyfik es der Phyfiologie überläßt, die Sinnesqualität blau zu erklären, bieje aber, welche in der Bewegung materieller Theile eben auch fein ‘Mittel beſitzt, das Blau hervorzuzaubern, es ber Pſychologie übergiebt, bleibt es ſchließlich, wie in einem Vexirſpiel, bei der Pſychologie ſitzen. An ſich aber ift die Hypotheſe, welche Qualitäten in dem Borgang der Empfindung entftehen läßt, au» nächſt nur ein Hilfemittel für die Rechnung, welche die Verände⸗ rungen in der Wirklichkeit, wie fie in meiner Erfahrung gegeben find, auf eine gewiſſe Clafje von Veränderungen innerhalb der⸗ jelben, welche einen Theilinhalt meiner Erfahrung bildet, vadicirt, um fie für den Zwed der Erkenntniß gewiflermaßen auf Eine Fläche zu bringen. Wäre e3 möglich, bejtimmt definirten That⸗ lachen, welche in dem Zuſammenhang der mechaniſchen Naturbe⸗ trachtung eine fefte Stelle einnehmen, conftant und beftimmt befinirte Bewußtſeinsthatſachen zu ſubſtituiren und nunmehr gemäß dem Syftem von Gleichförmigkeiten, in welchem die erfteren Thatjachen fih befinden, das Eintreten der Bewußtjeinsvorgänge ganz im 14 Erſtes einleitendes Bud). Einklang mit der Erfahrung zu beftimmen: alddann wären dieje Bewußtſeinsthatſachen ſo gut dem Zuſammenhang des Natur- erkennens eingeordnet, als es irgend Ton oder Farbe ſind. Gerade hier macht fich aber die Unvergleichbarkeit ma⸗ terieller und geiſtiger Vorgänge in einem ganz anderen Verſtande geltend und zieht dem Naturerkennen Grenzen von einem durchaus anderen Charakter. Die Unmöglichkeit der Ableitung von geiftigen Thatfachen aus denen der mechaniſchen Naturordnung, welche in der Derfchiedenheit ihrer Provenienz gegründet ift, hindert nicht die Einordnung der erfteren in daB Syſtem der lebteren. Erft wenn die Beziehungen zwiſchen den Thatjachen der geiftigen Welt fih ala in der Art unvergleichbar mit den Gleichförmigkeiten des Naturlauf? zeigen, daß eine Unterordnung der geiftigen That⸗ ſachen unter die, welche die mechanische Naturerkenntniß feftgeftellt bat, ausgelchloffen wird: dann erſt find nicht immanente Schranken des erfahrenden Erkennens aufgezeigt, jondern Grenzen, an denen Naturerkenntniß endigt und eine Jelbftändige, aus ihrem eigenen Mittelpunfte fich geftaltende Geiſteswiſſenſchaft beginnt. Das Grundproblem liegt ſonach in der Feitftellung der beftimmten Art von Unvergleichbarkeit zwiſchen den Beziehungen geiftiger That- ſachen und den Gleichförmigfeiten materieller Vorgänge, welche eine Einordnung der erfteren, eine Auffafjung von ihnen ala von Eigen fchaften oder Seiten der Materie ausfchließt und welche ſonach ganz anderer Art fein muß ala die Verſchiedenheit, die zwiſchen den einzelnen Kreiſen von Geſetzen der Materie befteht, wie fie Mathematik, Phyfit, Chemie und Phyfiologie in einem fich immer folgerichtiger entwickelnden Verhältniß von Unterordnung bar- legen. Eine Ausſchließung ber Thatjachen des Geiftes aus dem Zuſammenhang der Dlaterie, ihrer Eigenſchaften und Gelege wird immer einen Widerſpruch vorausfegen, der zwiſchen den Be— ziehungen der Thatfachen auf dem einen und denen der Thatjachen auf dem andern Gebiet bei dem Verſuch einer ſolchen Unterord⸗ nung eintritt. Und dies it in der That die Meinung, wenn die Unvergleichbarfeit des geiftigen Lebens an den Xhatfachen des Selbftbemußtjeind und der mit ihm zufammenhängenden Ein- Der wahre Begriff der Grenzen der Naturerfenntniß. 15 beit des Bewußtſeins, an der Freiheit und den mit ihr verbundenen Thatſachen des fittlichen Leben? aufgezeigt: wird, im Gegenſatz gegen die räumliche Gliederung und Theilbarkeit der Materie ſowie gegen die mechanifche Nothiwendigkeit, unter welcher die Leiftung des einzelnen Theils berjelben ſteht. So alt beinahe, ala das firengere Nachdenten über die Stellung des Geiftes zur Natur, find die Verſuche einer Formulirung diefer Art von Unvergleidy- barleit des Geiftigen mit aller Naturordnung, auf Grund der That- lachen von Einheit des Bewußtſeins und Spontaneität des Willens. indem diefe Unterjcheidung von immanenten Schranfen des Erfahren? einerfeit3, von Grenzen der Unterordnung von That⸗ fachen unter den Zuſammenhang der Naturerkenntniß andrerjeits in die Darlegung des berühmten Naturforſchers eingeführt wird, empfangen die Begriffe von Grenze und Unerklärbarkeit einen genau definixbaren Einn, und damit ſchwinden Schwierigkeiten, welche in dem von diefer Schrift hervorgerufenen Streit über bie Grenzen der Naturerfenntniß fich jehr bemerkbar gemacht haben. Die Eriftenz immanenter Schranken des Erfahren? entjcheidet in feiner Weile über die Frage nach der Unterordnung von geiftigen Thatfachen unter den Zuſammenhang der Erkenntniß der Materie. , Wird, wie von Hädel und anderen Forſchern geichieht, ein Ver⸗ fuch vorgelegt, durch die Annahme eines pigchiichen Lebens in den Beftandtheilen, aus denen der Organismus fich aufbaut, eine folche Einordnung der geiftigen Thatſachen unter den Natur: zuſammenhang herzuftellen, dann befteht zwiſchen einem ſolchen Verſuch und der Erkenntniß der immanenten Schranten alles Er⸗ fahrens jchlechterdinga fein Verhältniß von Ausfchließung; über ihn entjcheidet nur die zweite Art von Unterſuchung der Grenzen des Naturerfennend. Daber ift auch Du Bois⸗R. zu dieſer zweiten Unterſuchung fortgegangen, und hat fich in feiner Beweis⸗ führung fowol des Argument von der Einheit des Bewußtſeins ala des anderen von der Spontaneität des Willens bedient. Sein Beweis, „daß die geiftigen Vorgänge aus ihren materiellen Be⸗ dingungen nie zu begreifen find“ ?), wird folgendermaßen geführt. 1) Er beginnt: über die Grenzen, Aufl. 4, ©. 8. 16 Erſtes einleitendes Buch. Bei vollendeter Kenntni aller Theile des materiellen Syſtems, ihrer gegenleitigen Lage und ihrer Bewegung bleibt es doch durch⸗ aus unbegreiflich, wie einer Anzahl von Koblenftoffe, Waflerftoffe, Stickſtoff⸗, Sauerjtoff-Atomen nicht follte gleichgiltig jein, wie fie liegen und ſich bewegen. Dieje Unerklärbarkeit des Geiftigen bleibt ganz ebenſo beftehen,- wenn man dieje Elemente nach Art der Monaden ſchon einzeln mit Bewußtjein ausftattet, und von dieler Annahme aus kann das einheitliche Bewußtſein des Individuums nicht erflärt werden‘). Schon fein zu beweilender Sab enthält in dem „nie zu begreifen” einen Doppelfinn, und dieſer hat im Beweis jelber ein Hervortreten zweier Argumente von ganz ver⸗ fchiedener Tragweite neben einander zur Folge. Er behauptet ein- mal, daß der Verſuch, aus materiellen Veränderungen geiftige Thatſachen abzuleiten (der gegenwärtig ala roher Materialismus verichollen tft, und nur noch in der Weile der Aufnahme pſychi⸗ cher Eigenfchaften in die Elemente gemacht wird), die immanente 1) a. a. O. 29. 30. vgl. Räthſel 7. Dieſe Argumentation ift Übrigens nur jchlußträftig, wenn ber atomiftifchen Mechanik fozufagen metaphufifche Giltigteit beigelegt wird. Zu ihrer von Du Bois⸗R. berührten Gejchichte fann auch die Formulirung bei dem Claffiker der rationalen Pfychologie, Mendelsſohn, verglichen werben. 3. B. Schriften (Leipzig 1880) I, 277: 1) „Allee was der menfchliche Sörper vom DMarmorblod Verſchiedenes Hat, Läßt fi) auf Bewegung zurädführen. Nun iſt bie Bewegung nicht? Anderes, als die Veränderung bed Ort? oder der Lage. Es leuchtet in bie Augen, daß durch alle möglichen Ortöveränderungen in ber Welt, fie mögen noch fo zufammengefeßt fein, kein Wahrnehmen dieſer Ortöveränderungen zu er: balten jei.” 2) „Alle Materie befteht aus mehreren Theilen. Wenn bie ein: zelnen Borftellungen jo in den Theilen der Seele ifolirt wären wie bie Gegenftände in ber Natur, jo wäre das Ganze nirgends anzutreffen. Wir würden die Eindrüde verichiedener Sinne nicht vergleichen, die Borftellungen nicht gegeneinanderhalten, feine Verhältniffe wahrnehmen, keine Beziehungen erfennen Lönnen. Hieraus ift Har, dab nicht nur zum Denken, ſondern . zum Empfinden Vieles in Einem zufammentommen muß. Da aber bie Materie niemals ein einziges Subjelt wird u. |. w.“ Sant entwidelt diefen „Achilles aller bialektiichen Schlüffe der reinen Seelenlehre" als zweiten Paralogismus der trangfcendentalen Piychologie. Bei Lobe wurden dieſe „Ihaten bed beziehenden Willens“ ala „nicht zu überwältigender Grund, auf welchem bie Heberzeugung von der Selbftändigleit eines Seelen: weſens ficher beruhen kann“, in mehreren Schriften (zuletzt Metaphyfik 476) ent: wickelt und bilden bie Grundlage dieſes Theils feines metaphyſiſchen Syſtems. Verhältniß diejes Ganzen zu dem ber Naturwifjenichaften. 17 Schranke alle Erfahrens nicht aufzuheben vermag: was ficher ift, aber nichts gegen bie Unterordnung des Geiftes unter das Natur⸗ erkennen entjcheidet. Und er behauptet alsdann, daß diefer Verfuch an dem Widerjpruch jcheitern muß, welcher zwiſchen unjerer Vor⸗ jtelung der Materie und der Eigenfchaft ber Einheit, die uns ſerem Bewußtfein zulommt, befteht. In feiner fpäteren Polemik gegen Hädel fügt er diefem Argument da8 andere hinzu, daß unter folder Annahme ein weiterer Widerfpruch zwiſchen der Art, wie ein materieller Beitandtheil im Naturzufammenhang mechaniſch bedingt ift, und dem Erlebniß der Spontaneität des Willens entfteht; ein „Wille“ (in den Beitandtheilen der Materie), der „wollen fol, er mag wollen oder nicht und das im geraden Verhältniß des Produktes der Maflen und im umgekehrten des Quadrates der Entfernungen“ ift eine contradictio in adjecto ?). IH. Das Verhältniß diefes Ganzen zu dem der Ualurwiſſenſchaften. Jedoch in einem weiten Umfang faſſen die Geiſteswiſſen⸗ ſchaften Naturthatſachen in ſich, haben Naturerkenntniß zur Grundlage. | Dächte man fich rein geiftige Welen in einem aus folchen allein beftehenden Perjonenreih, jo würde ihr Hervortreten, ihre Erhaltung und Entwidlung, wie ihr Verſchwinden (melche Borftellungen man auch von dem Hintergrund fich bilde, aus welchen fie hervorträten und in den fie wieder zurüdtreten wür⸗ den), an Bedingungen geiftiger Art gebunden jein; ihr Wohlfein wäre in ihrer Lage zur geiftigen Welt gegründet; ihre Verbindung untereinander, ihre Handlungen aufeinander würden ſich durch zein geiftige Mittel vollziehen umd die dauernden Wirkungen ihrer Handlungen würden rein geiftiger Art jein; jelbit ihr Zurück⸗ — — 1) Welt⸗Raͤthſel ©. 8. Diltheh, Einleitung. 2 18 Erſtes einleitendes Bud). treten aus dem Reich der Perjonen würde in dem Geiftigen feinen Grund Haben. Dad Syftem folder Individuen würde in reinen Geifteswiffenichaften erfannt werden. In Wirklichkeit entjteht ein Individuum, wird erhalten und entwidelt fih auf Grund der Funktionen de thieriichen Organismus und ihrer Beziehungen zu dem umgebenden Naturlauf; jein Lebenzgefühl iſt wenigſtens theiltweile in biefen Funktionen gegründet; jeine Eindrüde find von ben Sinnedorganen und ihren Affektionen jeitena der Außen welt bedingt; den Reichtum und die Beweglichkeit feiner Vor⸗ ftellungen und die Stärke ſowie die Richtung feiner Willendafte finden wir vielfach von Veränderungen in feinem Nervenſyſtem abhängig. Sein Willensantrieb bringt Muskelfaſern zur Ver— kürzung und fo ilt fein Wirken nad) außen an Veränderungen in den Lageverhältniffen der Maffentheilhen des Organismus ge- bunden; dauernde Erfolge feiner Willenshandlungen erijtiren nur in der Yorm von Beränderungen innerhalb der materiellen Welt. So iſt das geiftige Leben eines Menjchen ein nur durch Abitraf- tion loslösbarer Theil der pſycho⸗phyſiſchen Lebengeinheit, ala welche ein Menjchendajein und Menfchenleben fich darſtellt. Das Eyftem diejer Lebendeinheiten ift die Wirklichkeit, welche den Gegen- Stand der geichichtlich-gefellichaftlichen Wiſſenſchaften ausmacht. Und zwar ift der Menſch ala Lebenseinheit, vermöge des doppelten Standpunftes unjerer Auffaffung (gleichviel welcher der metaphyſiſche Thatbeſtand jet), jo weit innered Gewahrwerden reicht, al ein Zuſammenhang geiftiger Thatjachen, jo weit wir dagegen mit den Einnen auffallen, ala ein körperliches Ganze für und da. Innere Gewahrwerden und äußere Auffaffung finden niemal3 in demjelben Akte ftatt und daher ift und die Thatſache des geijtigen Lebens nie mit der unſeres Körper? zugleich gegeben. Hieraus ergeben fich mit Nothivendigkeit zwei verjchiedene, nicht in einander aufhebbare Standpunkte für die wiflenjchaftliche Auffaffung, welche die geiftigen Thatjachen und die Körperwelt in ihrem Zus ſammenhang, deſſen Ausdrud die piycho-phufiiche Lebenseinheit ift, erfaflen will. Gehe ich von der inneren Erfahrung aus, jo finde ich die gefammte Außenwelt in meinem Betwußtfein gegeben, Die piycho-phufiiche Lebenseinheit. 19 die Geſetze dieſes Naturganzen unter den Bedingungen meines Bemußtjeind ftehend und ſonach von ihnen abhängig, Dies ift der Standpunkt, welchen die deutjche Philojophie an der Grenze des achtzehnten und unſeres Jahrhundert? als Tranzfcendental- Philofophie bezeichnete. Nehme ich dagegen den Naturzufammenhang, jo wie er ala Realität vor mir in meinem natürlichen Auffaffen fteht, und gewahre in die zeitliche Abfolge diefer Außenwelt ſowie in ihre räumliche Vertheilung pfychiſche Thatjachen mit eingeordnet, finde ich von bem Eingriff, welchen die Natur felber oder das Grperiment macht und welcher in materiellen Veränderungen be- fteht, warn diefe an da8 Nervenſyſtem herandringen, Veränderungen des geiftigen Lebens abhängig, erweitert Beobachtung der Lebens⸗ entwidlung und der Erankhaften Zuftände diefe Erfahrungen zu dem umfafjenden Bilde der Bedingtheit des Geiftigen durch dag Körperliche: dann entjteht die Auffaffung des Naturforjchers, welcher von außen nad) innen, von der materiellen Veränderung zur geiftigen Veränderung vorandringt. So ift der Antagonismus zwilchen dem Philoſophen und dem Naturforfcher durch den Gegenſatz ihrer Ausgangspunkte bedingt. Wir nehmen nun unjeren Ausgangspunkt in der Betrady- tungsweiſe der Naturiviffenichaft. Sofern dieje Betrachtungsweiſe fi ihrer Grenzen bewußt bleibt, find ihre Ergebniſſe unbeftreitbar. Sie empfangen nur von dem Standpunkt der inneren Erfahrung aus die nähere Beitimmung ihres Erkenntnißwerthes. Die Natur- wiflenfchaft zergliedert den urſächlichen Zufammenhang des Natur- laufe. Wo diefe Zergliederung die Punkte erreicht hat, an welchen ein materieller Thatbeftand oder eine materielle Veränderung regel- mäßig mit einem pſychiſchen Thatbeitand ober einer piychiichen Deränderung verbunden ift, ohne daß zwilchen ihnen ein weiteres Zwiſchenglied auffindbar wäre: da kann eben nur dieſe regelmäßige Beziehung felber feftgeftellt werden, da8 Verhältniß von Urfache und Wirkung kann aber auf diefe Beziehung nicht angewandt werden. Wir finden Gleichförmigfeiten des einen Lebenskreiſes regelmäßig mit folcden des anderen verknüpft und der mathematiſche Begriff der Yunktion ift der Ausdruck dieſes Verhältnifiee. Eine Auffafiung 2 * 20 Erſtes einleitendes Buch. befielben, vermöge deren der Ablauf der geiftigen neben dem der förperlichen Veränderungen mit dem Gange von zwei gleichgeftellten Uhren vergleichbar wäre, iſt mit der Erfahrung jo gut im Einklang als eine Auffaffung, welche nur Ein Uhrwerk als Erklärungsgrund annimmt, unbildlich, welche beide Erfahrungskreiſe ala verſchiedene Ericheinungen Eines Grundes betrachtet. Abhängigkeit des Geiftigen vom Naturzufammenbang ift alſo das Verhältniß, welchem gemäß der allgemeine Naturzufammenhang diejenigen materiellen That⸗ beftände und Veränderungen urjächlich bedingt, welche für ung regelmäßig und ohne eine weitere erkennbare Vermittlung mit geiftigen Thatbeftänden und Veränderungen verbunden find. So fieht da8 Naturerkennen die Verkettung der Urſachen bis zu bem pigcho=phyfiichen Leben Hin wirken: bier entſteht eine Veränderung, an welcher die Beziehung des Materiellen und Phyſiſchen fich ber urſächlichen Auffaffung entzieht, und dieje Veränderung ruft rüd- wärt? in der materiellen Welt eine Veränderung hervor. In dieſem Zufammenbang jchließt fi) dem Experiment des Phnfiologen die Bedeutung der Struktur des Nervenſyſtems auf. Die verwirrenden Erſcheinungen des Lebens werden in eine Hare Vorftellung der Ab: bängigteiten zerlegt, in beren Berfolg der Naturlauf Veränderungen bi3 an den Menſchen heran führt, dieje alsdann durch die Pforten der Sinnesorgane in das Nerveniyftem dringen, Empfindung, Vor⸗ jtellen, Gefühl, Begehren entitehen und auf den Naturlauf zurüd- wirken. Die Lebendeinheit jelbit, welche mit dem unmittelbaren Ge- fühl unjered ungetheilten Daſeins und erfüllt, wird in ein Syſtem von Beziehungen aufgelöft, die zwilchen den Thatfachen unferes Bes mwußtjeind und der Struktur jowie den Funktionen des Nerven- ſyſtems empirisch feftgeitellt werden können: denn jede pſychiſche Aktion zeigt fi” nur vermittelft des Nervenſyſtems mit einer Deränderung innerhalb unjered Körperd verbunden, und eine ſolche iſt ihrerfeit3 nur vermittelft ihrer Wirkung auf das Nerven- iyftem von einem Wechſel unferer piychiichen Zuftände begleitet. - Aus diefer Zergliederung der pſycho⸗phyfiſchen Lebenzeinheiten entipringt nun eine deutlichere Vorftellung der Abhängigkeit der- jelben von dem ganzen Zuſammenhang der Natur, innerhalb deſſen Die Zerlegung berjelben. 21 fie auftreten, wirken und aus dem fie wieder zurücktreten, und jomit auch des Studiums der gefellfchaftlich-gefchichtlichen Wirklich- feit von der Naturerkenntniß. Hiernach kann ber Grad von Be- rechtigung feftgeftellt werden, der den Theorien von Gomte und Herbert Spencer über die Stellung diefer Wiſſenſchaften in der von ihnen aufgeftellten Hierarchie der Geſammtwiſſenſchaft zu⸗ fommt. Wie diefe Schrift Die relative Gelbftändigfeit der Geiſteswiſſenſchaften zu begründen verjuchen wird, jo hat fie als die andere Seite der Stellung derjelben im wifjenfchaftlichen Gejammtganzen dad Syſtem von Abhängigkeiten zu entwideln, vermöge defjen fie durch die Naturerlenntniß bedingt find, und fonad in dem Aufbau, welcher in der mathematifchen Grund» legung anhebt, das lebte und höchſte Glied bilden. Thatjachen des Geiftes find die oberfte Grenze der Thatjachen der Natur, bie Thatſachen der Natur bilden die unteren Bedingungen des geiftigen Lebend. Eben weil das Reich der Perjonen oder die menjchliche Geſellſchaft und Gefchichte die höchſte unter den Ericheinungen ber irdiſchen Erfahrungswelt ift, bedarf feine Erfenntniß an unzähligen Punkten die des Syſtems von Vorausſetzungen, welche für feine Entwidlung in dem Naturganzen gelegen find. Und zwar ift der Menſch, gemäß jeiner jo bargelegten Stellung im caufalen Zufammenhang der Natur, von diejer in einer zwiefachen Beziehung bedingt. Die pfycho⸗phyſiſche Einheit, jo ſahen wir, empfängt, vermittelt durch das Nervenſyſtem, beftändig Einwirkungen aus dem all» gemeinen Naturlauf und fie wirft wieder auf ihn zurüd. Nun liegt e8 aber in ihrer Natur, daB die Wirkungen, welche von ihr ausgehen, vornehmlich ala ein Handeln auftreten, welches von Zwecken geleitet wird. Für dieſe piycho-phyfiiche Einheit kann alfo einerjeit3 der Naturlauf und feine Bejchaffenheit in Bezug auf die Geftaltung der Zwecke jelber Teitend fein, andrerſeits ift ex für diejelbe ala ein Syitem von Mitteln zur Erreichung dieſer Zwecke mitbeftimmend. Und fo find wir felbft da, wo wir wollen, wo wir auf die Natur wirken, eben weil wir nicht blinde Kräfte find, fondern Willen, welche ihre Zwecke überlegend feitftellen, 22 Erfted einleitendes Bud). von dem Naturzufammenhang abhängig. Demnach befinden fich die pſycho⸗phyſiſchen Einheiten in einer doppelten Abhängigkeit dem Naturlauf gegenüber. Dieſer bedingt einerjeit3 von der Stellung der Erde im kosſsmiſchen Ganzen ab als ein Shftem von Urjachen die aejellfchaftlich-gefchichtliche Wirklichkeit, und dag große Problem des DVerhältnifies von Naturzufammenhang und Freiheit in dieſer Mirklichkeit zerlegt fich für den empirischen Forſcher in unzählige Einzelfragen, welche das Verhältniß zwiſchen Xhatjachen des Geiſtes und Einwirkungen der Natur betreffen. Andrerſeits aber entſpringen aus den Zwecken dieſes Perſonenreiches Rück⸗ wirkungen auf die Natur, auf die Erde, welche der Menſch in dieſem Sinne als ſein Wohnhaus betrachtet, in dem ſich ein⸗ zurichten er thätig iſt, und auch dieſe Rückwirkungen find an die Benutzung des naturgeſetzlichen Zuſammenhanges gebunden. Alle Zwecke liegen dem Menſchen ausſchließlich innerhalb des geiſtigen Vorgangs ſelber, da ja nur in dieſem etwas für ihn da iſt; aber der Zweck ſucht ſeine Mittel in dem Zuſammenhang der Natur. Wie unſcheinbar iſt oft die Veränderung, welche die ſchöpferiſche Macht des Geiſtes in der Außenwelt hervorgebracht hat: und doch ruht in dieſer allein die Vermittlung, durch welche der jo geichaffene Werth auch für Andere da if. So find die wenigen Blätter, welche, als ein materieller Rüdftand tieffter Gedanken⸗ arbeit der Alten in der Richtung der Annahme einer Bervegung der Erde, in die Hand des Copernikus kamen, der Ausgangspunkt einer Revolution in unfrer Weltanficht getvorden. An diefem Punkte kann eingejehen werden, wie relativ bie Abgrenzung dieler beiden Claſſen von Wiflenichaften von einander ° if. Streitigkeiten, wie fie über die Stellung der allgemeinen Sprachwiſſenſchaft geführt wurden, find unfruchtbar. An ben beiden Uebergangaftellen, weldje von dem Studium der Natur zu dem des Geiftigen führen, an den Punkten, an welchen ber Naturzufammenhang auf die Entwidlung des Geiftigen einwirkt, und an den anderen Punkten, an welchen derjelbe von dem Geiftigen Einwirkung empfängt oder auch die Durchgangäftelle für die Einwirkung auf anderes Geiftige bildet, vermiſchen fich Auf fie gegründete Beſtimmung bed Verhältnifiee. 95 überall Erfenntniffe beider Claſſen. Erkenntniſſe der Naturwiſſen⸗ ſchaften vermiſchen ſich mit denen der Geifteswiffenichaften. Und zwar verwebt ſich in diefem Zujammenhang, gemäß der zivie- fachen Beziehung, in welcher der Naturlauf das geiftige Leben bedingt, die Erlenntniß der bildenden Einwirkung der Natur Häufig mit der Feſtſtellung des Einflufjes, welchen dieſelbe ala Material des Handelns ausübt. So wird aus der Erkenntniß der Natur- gejeße der Tonbildung ein wichtiger Theil der Grammatik und der mufilalifchen Theorie ‚abgeleitet, und wiederum ift das Genie der Spradhe oder Muſik an diefe Naturgeſetze gebunden, und das Studium feiner Leiftungen ift daher bedingt durch dag Verſtändniß diefer Abhängigfeit. Es kann an diefem Punkte weiter eingefehen werden, daß die Erkenntniß der Bedingungen, welche in der Natur liegen und von der Naturwiſſenſchaft entwickelt werden, in einem breiten Umfang die Grundlage für dad Studium der geiftigen Thatjachen bilden. Wie die Enwicklung bes einzelnen Menfchen, jo ift auch die Aus- breitung des Menſchengeſchlechts über das Erdganze und die Ge- ftaltung feiner Schickſale in der Geſchichte durch den ganzen kosmiſchen Bufammenhang bedingt. Kriege bilden 3.8. einen Hauptbeftandtheil aller Geſchichte, da diefe als politiiche e8 mit dem Willen von Staaten zu thun bat, diefer aber in Waffen auftritt und ſich durch diejelben durchjett. Die Theorie des Kriegs hängt aber in erfter Linie von der Erkenntniß des Phyfiſchen ab, welches für die ftreitenden Willen Unterlage und Mittel darbietet. Denn mit den Mitteln der phyfiſchen Gewalt verfolgt der Krieg den Zweck, dem Feinde unjeren Willen aufzuzwingen. Died jchließt in fi), daß ber Gegner auf der Linie bis zur MWehrlofigkeit, welche das theoretische Biel de ala Krieg bezeichneten Altes der Gewalt bildet, zu dem Punkte bingezwungen werde, an welchem jeine Lage nach⸗ theiliger ift ald da Opfer, das von ihm gefordert wird, und nur mit einer nachtheiligeren vertaufcht werden kann. In diejer großen Rechnung find alſo die für die Wiſſenſchaft wichtigften, fie zumeift befchäftigenden Zahlen die phufiichen Bedingungen und Mittel, während über die piychiichen Yaltoren jehr wenig zu jagen iſt. 24 Erſtes einleitenbed Buch. Und zwar haben die Wiffenjchaften des Menſchen, der Gejellfchaft und der Gejchichte einmal die der Natur zu ihrer Grundlage, fofern die pſycho⸗phyſiſchen Einheiten jelber nur mit Hilfe der Biologie ftudirt werden können, al3dann aber, jofern das Mittel, in dem ihre Entwidlung und ihre Zweckthätigkeit ftattfindet, auf deſſen Beherr- ſchung alfo dieſe letztere fich zu einem großen Theile bezieht, die Natur ift. In der erfteren Rüdficht bilden die Wiſſenſchaften des Organis⸗ mus ihre Grundlage, in der zweiten vorwiegend bie der anorganijchen Natur. Und zwar befteht der jo aufzuflärende Zuſammenhang ein- mal darin, daß diefe Naturbedingungen Entwidlung und Bertheilung des geiftigen Lebens auf der Erdoberfläche beftimmen, aldbann darin, daß die Zweckthätigkeit des Menſchen an die Geſetze der Natur gebunden und jo durch ihre Erkenntniß und Benutzung bedingt ift. Daher zeigt das erftere Verhältniß nur Abhängigkeit des Menſchen von der Natur, das zweite aber enthält diefe Abhängig- keit nur als die andere Seite der Gejchichte feiner zunehmenden Herrichaft über das Erdganze. Derjenige Theil des erfteren Verhält- niſſes, welcher die Beziehungen des Menschen zu ber umgebenden Natur einjchließt, ift von Ritter einer vergleichenden Methode untertuorfen worden. Glänzende Blicke, wie beſonders feine vergleichende Schäßung der Erdtheile nach der Gliederung ihrer Umriſſe, ließen eine in den Raumverhältnifien des Erdganzen feftgelegte Prädeftination der Univerjalgefhichte ahnen. Die folgenden Arbeiten haben biefe bei Ritter ala Teleologie der Univerjalgejchichte gedachte, von einem Budle in den Dienft des Naturalismus gezogene Anfchauung doch nicht beftätigt: an die Stelle der Vorftellung einer gleichmäßigen Abhängigkeit de Menſchen von den Naturbedingungen tritt die borjichtigere Vorſtellung, daß das Ringen der geijtigefittlichen Kräfte mit den Bedingungen ber todten Räumlichkeit bei den ge- Ihichtlichen Bölfern, im Gegenfaß zu den geichichtzlofen, das Verhältniß von Abhängigkeit beftändig vermindert hat. Und fo hat auch bier eine jelbftändige, die Naturbedingungen zur Er- Härung benußende Wiſſenſchaft der gejchichtlich - gejellichaftlichen Wirklichkeit fich) behauptet. Das andere Verhältniß aber zeigt mit der Abhängigkeit, welche durch die Anpaffung arı die Bedingungen Abhängigkeit und Herrichaft des Menichen. 25 gegeben ift, die Bewältigung der Räumlichkeit durch den wiſſen⸗ ſchaftlichen Gedanken und die Technit jo verbunden, daß die Menſchheit in ihrer Gelchichte eben vermittelft der Unterordnung die Herrjchaft erringt. Natura enim non nisi parendo vincitur!). Das Problem des Verhältnifies der Geiſteswiſſenſchaften zu der Naturerfenntniß kann jedoch erſt als gelöft gelten, wenn jener Gegenſatz, von dem wir auögingen, zwiſchen dem trand- fcendentalen Standpuntt, für welchen die Natur unter den Bes dingungen des Bewußtſeins fieht, und bem objektiv empirilchen Standpunft, für welchen die Entiwidlung des Geiftigen unter den Bedingungen ded Raturganzen fteht, aufgelöft fein wird. Diele Aufgabe bildet eine Seite des Erkenntnißproblems. Iſolirt man dies Problem für die Geiſteswifſenſchaften, fo ericheint eine für Alle überzeugende Auflöfung nicht unmöglid. Die Bedingungen derjelben würden fein: Nachweis der objeltiven Realität ber inneren Erfahrung; Vewahrheitung der Eriftenz einer Außenwelt; aladann find in diefer Außenwelt geiftige Thatſachen und geiftige Mejen Eraft eine Vorgangs don Mebertragung unferes Inneren in diefelbe da; wie das geblendete Auge, das in die Sonne geblict Hat, ihr Bild in den verfchiedenften Farben, an den verfchiedenften Stellen im Raume wiederholt: jo vervielfältigt unfre Auffaffung das Bild unfred Innenleben? und verjebt es in mannigfachen Abwandlungen an verichiedene Stellen ded una um⸗ gebenden Naturganzen; diejer Vorgang läßt fi) aber logiſch ala ein Analogieſchluß von dieſem originaliter und allen un mittelbar gegebenen Innenleben, vermittelt der Vorftellungen von den mit ihm verfetteten Aeußerungen, auf ein verwandten Er- Icheinungen der Außenwelt ent|prechend Verwandtes, zu Grunde Liegendes darftellen und rechtfertigen. Was immer die Natur an fh felber fein mag, dad Studium der Urſachen des Geiftigen kann fi) daran genligen laflen, daß jebenfalla ihre Erſcheinungen ala Zeichen des Wirklichen, daß die Gleichförmigfeiten in ihrem Zu⸗ fammenfein und ihrer Folge ala ein Zeichen folder Gleichförmig- 1) Baconis aphorismi de interpretatione naturae et regno hominis. Aph. 3. 26 Erſtes einleitendes Bud. feiten in dem Wirklichen aufgefaßt und benußt werden können. Tritt man aber in die Welt des Geiſtes und unterjucht die Natur, jofern fie Inhalt des Geiftes, jofern fie ala Zweck oder Mittel in den Willen eingewoben ift: für den Geift ift fie eben, was fie in ihm ift, und was fie an fich fein mag, ift hier ganz gleich» gültig. Genug daß er jo, wie fie ihm gegeben ift, auf ihre Geſetz⸗ mäßigfeit in feinen Handlungen vechnen und den ſchönen Schein ihres Daſeins genießen kann. —h — IV. Die Ueberſichten über die Geifteswiſſenſchaften. 63 muß verjucht werden, dem, welcher in da8 vorliegende Merk über die Geifteamifienichaften eintritt, einen vorläufigen Ueberblid über den Umfang diefer anderen Hälfte des globus intellectualis zu geben, und vermittelft defielben die Aufgabe des Werkes zu beftimmen. Die Wiſſenſchaften des Geiftes find noch nicht ala ein Ganzes conftituirt; noch vermögen fie nicht einen Zuſammenhang aufzu= ftellen, in welchem die einzelnen Wahrheiten nad) ihren Abhängig- feitöverhältnifien von anderen Wahrheiten und von der Erfahrung geordnet wären. Diefe Wiſſenſchaften find in der Praris des Lebens jelber er- wachjen, durch die Anforderungen der Berufsbildung entwidelt und die Syſtematik der dieſer Berufsbildung dienenden Fakultäten ift daher die naturgetwachlene Form des Zuſammenhangs derfelben. Wurden doch ihre erjten Begriffe und Regeln zumeift in der Aus⸗ übung der gejellfchaftlichen Funktionen jelber gefunden. Ihering bat nachgetviejen, wie juriſtiſches Denken durch eine im Rechts⸗ leben jelber ſich vollbringende bewußte geiftige Arbeit die Grund⸗ begriffe des römilchen Recht? geichaffen Hat. So zeigt auch die Analyſe der älteren griechiichen Verfaflungen in ihnen die Nieder- Ichläge einer bewundernwürdigen Kraft bewußten politischen Die Enchklopädien ber Berufawifienichaften. 97 Denken? auf Grund Harer Begriffe und Sätze. Der Grundgedanke, welchen gemäß die reiheit des Individuums in feinem Antheil an der politiichen Gewalt gelegen ift, diefer Antheil aber gemäß der Leiftung des Individuums für dad Ganze durch die ftaatliche Ordnung geregelt wird, ift zuerft für die politiiche Kunſt jelber leitend gewejen, danach von den großen Theoretikern der ſokratiſchen Schule nur in wiſſenſchaftlichem Zuſammenhang entwidelt wor⸗ den. Der Yortgang zu umfaflenden wiflenjchaftlichen Theorien lehnte fich dann vorwiegend an das Bedürfniß einer Berufßbildung der leitenden Stände an. So entiprangen ſchon in Griechenland aus den Aufgaben eines höheren politiichen Unterricht? in dem Zeit⸗ alter der Sophiften Rhetorik und Politik, und die Gejchichte der meiften Geiſteswiſſenſchaften bei den neueren Völkern zeigt den berrichenden Einfluß defjelben Grundverhältniſſes. Die Literatur der Römer über ihr Gemeinwejen empfing ihre ältefte Gliederung dadurch, daß fie in Inſtruktionen für die Priefterthümer und die einzelnen Magiftrate fich entwidelte!), Daher ift ſchließlich Die Syſtematik derjenigen Willenjchaften des Geiftes, welche die Grund lage der Berufäbildung ber leitenden Organe der Gejellichaft ent= alten, ſowie die Darftellung diejer Syſtematik in Enchflopädien au dem Bedürfnif der Ueberficht über da3 für ſolche Vorbildung Erforderliche hervorgegangen, und bie natürlichſte Form dieſer Enchtlopädien wird, wie Schleiermacher meifterhaft an der Theo⸗ logie gezeigt bat, immer die fein, welche mit Bewußtſein von diejem Zwecke aus den Zuſammenhang gliedert. Unter diejen ein= ſchränkenden Bedingungen wird der in die Geiſteswiſſenſchaften Eintretende in jolchen enchflopädifchen Werten einen Ueberblick über einzelne hervorragende Gruppen diefer Wiſſenſchaften finden 2). 1) Mommien, röm. Staatsrecht I, 3 ff. 2) Für den Zweck einer fo bedingten MWeberficht über einzelne Gebiete der Beifteswifienichaften kann auf folgende Encyflopädien verwieſen werben: Mohl, Encyklopäbdie der Staatswiffenichaften, Tübingen 1859. Zweite ums gearbeitete Aufl. 1872 (dritte 1881 Titelaufl.). Vergl. dazu Meberficht und Beurtbeilung anderer Encyklopäbdien in feiner Geſchichte und Literatur der Staatöwifjenichaften Bd. I, 111—164. Warnkönig, juriftifche Enchklopädie oder organilche Tarftellung ber Rechtswiſſenſchaft. 1853. Schleiermadher, TEE ih RESET u 28 Erſtes einleitended Buch. Verſuche, ſolche Leiftungen überjchreitend, die Geſammt⸗ gliederung der Wiſſenſchaften zu entdecken, welche die geſchichtlich⸗ gejellichaftliche Wirklichkeit zum Gegenftande haben, find von der Philoſophie ausgegangen. Sofern fie von metaphyſiſchen Prinzipien ber dieſen Zufammenhang abzuleiten verfuchten, find fie dem Schickſal aller Metaphyfik anheimgefallen. Einer beſſeren Methode bediente fi) ſchon Bacon, indem er mit dem Problem einer Er⸗ fenntniß der Wirklichkeit durch Erfahrung die vorhandenen Wiflen- Ichaften des Geiftes in Beziehung fette und ihre Leiftungen wie ihre Mängel an der Aufgabe maß. Comeniuß beabfichtigte in feiner Panfophia aus dem Verhältniß der inneren Abhängigkeit der Mahrheiten von einander die Stufenfolge, in welcher fie im Unter« richt auftreten müfjen, abzuleiten, und wie er jo im Gegenjak gegen den faljchen Begriff der formalen Bildung den Grundgedanken eined Tünftigen Unterrichtsweſens (das leider auch heute noch Zu⸗ kunft ift) entdeckte, hat er durch das Prinzip der Abhängigkeit der Wahrheiten von einander eine angemefjene Gliederung der Wiſſen⸗ ſchaften vorbereitet. Indem Comte die Beziehung zwiſchen diefem Iogiichen Berhältniß von Abhängigkeit, in welchem Wahrheiten zu einander ftehen, und bem gejchichtlichen Verhältniß der Abfolge, in welchem fie auftreten, der Unterfuchung untertwarf: ſchuf er bie Grundlage für eine wahre Philofophie der Willenfchaften. Die Con⸗ ftitution der Wiſſenſchaften der geſchichtlich-geſellſchaftlichen Wirklich" feit betrachtete er ala das Biel feiner großen Arbeit und in der That brachte fein Werk eine ftarfe Bewegung in diefer Richtung hervor; MIN, Littrs, Herbert Spencer Haben das Problem des Zufammen- hang der gejchichtlich-gejellichaftlichen Wiſſenſchaften aufgenommen !). furze Darftellung des theologifchen Stubiumd. Zuerft Berlin 1810. Zweite umgearbeitete Audg. 1830. Bödh, Encyklopädie und Methodologie der philo- logifchen Wiffenichaften, herausgegeben von Bratuſchek. 1877. 1) Eine Meberficht ber Probleme ber Geiftesiwifienichaften nach dem inneren Zufammenbang, in welchem fie methodiich zu einander ftehen, und in welchem folgerecht ihre Auflöjung herbeigeführt werden kann, findet man entworfen in: Auguste Comte, Cours de philosophie positive 1830— 1842, vom vierten bis jechiten Bande. Seine fpäteren Werke, welche einen - veränderten Stanbpuntt enthalten, können einem foldyen Zweck nicht dienen. Bliederungen nach dem Verhältniß der Abhängigkeit der Wahrheiten. 29 Diefe Arbeiten gewähren dem in die Geiſteswiſſenſchaften Eintre= tenden eine ganz andere Art von Meberblid als die Syſtematik der Berufäftudien. Sie ftellen die Geiftestiflenjchaften in den Zufammenhang der Erlenntniß, fie faſſen das Problem der⸗ ſelben in ſeinem ganzen Umfang, und nehmen die Löſung in einer die ganze geſchichtlich-geſellſchaftliche Wirklichkeit umfaſſen⸗ den wiſſenſchaftlichen Conſtruktion in Angriff. Jedoch, erfüllt von der unter den Engländern und Franzoſen heute herrſchenden ver⸗ wegenen wiſſenſchaftlichen Bauluſt, ohne das intime Gefühl der geſchichtlichen Wirklichkeit, welches nur aus einer vieljährigen Be⸗ ſchäftigung mit derſelben in Einzelforſchung ſich bildet, haben dieſe Poſitiviſten gerade denjenigen Ausgangspunkt für ihre Arbeiten nicht gefunden, welcher ihrem Prinzip der Verknüpfung der Einzel⸗ wiſſenſchaften entſprochen hätte. Sie hätten ihre Arbeit damit be— ginnen müſſen, die Architektonik des ungeheuren, durch) Anfügung beftändig erweiterten, von innen immer wieder veränderten, durch Jahrtauſende allmälig entftandenen Gebäudes der pofitiven Geiftez- wiflenfchaften zu ergründen, durch Vertiefung in den Baupları fich verftändlich zu machen, und jo der Bieljeitigfeit, in welcher dieje Wiſſenſchaften fich thatlächlich entwickelt haben, mit gefunden Blic für die Vernunft der Gefchichte gerecht zu werden. Sie haben Der bedeutendfle Gegenentwurf be3 Syſtems ber Wiflenfchaften ift von Herbert Spencer. Dem erften Angriff auf Gomte in Spencer, Essays, first series, 1858 folgte die genauere Tarlegung in: the classification of the sciences, 1864 (vergl. die Bertheidigung Comte's in Littre, Auguste Comte et la philosophie positive), Die ausgeführte Darftellung der Gliederung der Geifteswifjenichaften giebt nunmehr fein Syftem der ſynthetiſchen Phi- lofophie, von welchem die Prinzipien der Piychologie zuerft 1855 erichienen, bie der Sociologie ſeit 1876 hervortreten (mit Beziehung auf das Werk: De- scriptive Sociology), ber abfchließende Theil, bie Prinzipien der Ethik (von welchem er jelber erklärt, daß er ihn „für denjenigen halte, für welchen alle vorhergehenden nur die Grunblage bilden ſollen“) in einem erften Bande 1879 die „Thatſachen der Ethik“ behandelt. Neben dieſem Verſuch einer Gonftitution der Theorie der gefellichaftlich-gefchichtlichen Wirklichkeit ift noch der von John Stuart Mil bemerkenswerth; er ift enthalten im jechften Buch der Logik, das von der Logik der Beifteswiflenichaften oder ber moraliichen Wiflenichaften handelt, und in ber Schrift: Mill, Auguste Comte and Positivism. 1865. . 30 Erftes einleitendes Buch. einen Nothbau errichtet, der nicht haltbarer ift, als die verwegenen Speculationen eine® Schelling und Dfen über die Natur. Und fo ift es gefommen, daß die aus einem metaphyſiſchen Prinzip ent= widelten Geiftesphilojophien Deutſchlands, von Hegel, Schleiermacher und dem fpäteren Schelling, den Erwerb der pofitiven Geiftes- wiſſenſchaften mit tieferem Blick verwerthen, als die Arbeiten diejer pofitiven Philoſophen ed thun. Andere Verſuche einer umfafjenden Gliederung auf dem Gebiet ber Geifteswiflenichaften find in Deutjchland von der Ver⸗ tiefung in die Aufgaben der Staatäwiflenichaften außgegangen, wodurch Freilich eine Einfeitigfeit des Geſichtspunktes bedingt iſt ). Die Geifteswiflenjchaften bilden nicht ein Ganzes von einer logiſchen Conftitution, welche der Gliederung des Naturerkennens analog wäre; ihr Zuſammenhang hat ſich anderd entwidelt und muß wie er geſchichtlich gewachſen ift nunmehr betrachtet werden. V. Ihr Material. Das Material diefer Wiſſenſchaften bildet die geichichtlich-ge- ſellſchaftliche Wirklichkeit, jo weit fie ala gejchichtliche Kunde im Bewußtſein der Menfchheit fich erhalten bat, als gefellichaftliche, über den gegenwärtigen Zuſtand fich erſtreckende Kunde der Wiſſenſchaft zugänglich gemacht worden if. So unermeßlich dieſes Material iſt, ſo iſt doch ſeine Unvollkommenheit augen⸗ 1) Den Ausgangspunkt bildeten die Discuſſionen über den Begriff ber Geſellſchaft und die Aufgabe ber Geſellſchaftswifſenſchaften, in denen eine Ergänzung der Staatswiſſenſchaften gefucht wurde. Den Anftoß gaben 8. Stein, Der Socialismus und Communismus des heutigen Frankreich, zweite Aufl. 1848, und R. Mohl, Tüb. Beitichr. für Staatsw. 1851. Fortgeführt in feiner Geichichte und Literatur der Stantäwifjenichaften 3b. I, 1855 ©. 67 ff.: Die Staatswiflenichaften und die Geſellſchafts⸗ wiſſenſchaften. Wir heben zwei Verſuche der Gliederung als beſonders bemerkenswerth hervor: Stein, Syſtem ber Staatäwifjenichaft, 1852, und Schäffle, Bau und Leben des focialen Körpers, 1875 ff. Natur des Materiald der Geifteswiflenichaften. 31 ſcheinlich. Intereſſen, welche dem Bedürfniß der Wiſſenſchaft keineswegs entſprechen, Bedingungen der Ueberlieferung, welche in keiner Beziehung zu dieſem Bedürfniß ſtehen, haben den Beſtand unſerer geſchichtlichen Kunde beſtimmt. Von der Zeit ab, in welcher, um das Lagerfeuer verſammelt, Stammes⸗ und Kriegs-⸗ genofſſen von den Thaten ihrer Helden und dem göttlichen Ur- fprung ihres Stammes erzählten, hat das ftarke Interefie der Mitlebenden aus dem dunklen Yluffe des gewöhnlichen mentchlichen Leben? Thatjachen emporgehoben und bewahrt. Das Intereſſe einer fpäteren Zeit und geichichtliche Yügung haben darüber ent- ſchieden, was von biefen Thatſachen auf uns gelangen follte. Geſchichtſchreibung, ala eine freie Kunft der Darftellung, faßt einen einzelnen Theil diefeg unermeßlichen Ganzen zujammen, der des Sinterefied unter irgend "einem Geſichtspunkt werth erjcheint. Dazu kommt: die heutige Geſellſchaft lebt fozufagen auf den Schichten und Trümmern der Vergangenheit; die Niederjchläge der Rulturarbeit in Sprache und Aberglaube, in Sitte und Recht, wie andererjeit3 in materiellen Veränderungen, die über Auf- zeichnungen hinausgehen, enthalten eine Ueberlieferung, welche in unſchätzbarer Weile die Aufzeichnungen unterftüßt. Auch über ihre Erhaltung hat doch die Hand der geichichtlichen Fügung entichieden. Nur an zwei Punkten befteht ein den Anforderungen der Wiſſen⸗ ſchaft entiprechender Zuftand des Materiald. Der Verlauf der geiftigen Bewegungen in dem neueren Europa ift in den Schriften, welche feine Beſtandtheile find, mit einer zureichenden Bollftändig- feit erhalten. Und die Arbeiten der Statiſtik geftatten für den engen Zeitraum und den engen Bezirk von Ländern, innerhalb deren fie zur Anwendung gelommen find, einen zahlenmäßig feft- geftellten Einblid in die von ihnen umfaßten Thatjachen der Ge⸗ jellichaft: fie ermöglichen, der Kunde des gegenwärtigen Zuftandes der Gejellichaft eine exakte Grundlage zu geben. Die Unanfchaulichleit in dem Zuſammenhang dieſes uner- meßlichen Materiald kommt zu diefer Lückenhaftigkeit, ja hat nicht wenig dazu beigetragen, die leßtere zu fteigern. Als der menſch⸗ liche Geift die Wirklichkeit feinen Gedanken zu unteriverfen begann, 32 | Erſtes einleitendes Bud). wandte er fich zuerft, von Staunen angezogen, dem Himmel ent- gegen; dieje Wölbung über ung, die auf dem Rund des Horizontes zu ruhen ſcheint, beichäftigte ihn: ein in fi) verbundene räum⸗ lideg, den Menjchen ſtets und überall umgebende Ganze; fo war die Orientirung im Weltgebäude der Ausgangspunkt wiſſen⸗ Ichaftlicher Forſchung, in den öftlichen Ländern wie in Europe. Der Kosmos der geiftigen Thatfachen ift nicht dem Auge in feiner Unermeßlichkeit fichtbar, fondern nur dem fammelnden Geifte des Forſchers; in irgend einem einzelnen Theile tritt ex hervor, wo ein Gelehrter Thatſachen verbindet, und prüft und feitftellt: im inneren des Gemüthes baut er ſich dann auf. Eine kritiſche Sichtung der Ueberlieferungen, Feftitellung der Thatjachen, Samm- lung derjelben bildet daher eine erfte umfaflende Arbeit der Geiftes- wiſſenſchaften. Nachdem die Philologie eine muftergiltige Technik an dem fchwierigften und Ichönften Stoff der Gefchichte, dem claf- fiſchen Altertum, herausgebildet hat, wird diefe Arbeit theils in unzähligen @inzelforichungen geleiftet, theils bildet fie einen Beitandtheil von weiter reichenden Unterſuchungen. Der Zus ſammenhang diefer reinen Deſcription der gejchichtlich-gejellichaft- Iihen Wirklichkeit, wie er auf dem Grunde der Phyſik der Erde, angelehnt an die Geographie, die Vertheilung des Geiftigen und feiner Unterjchiede auf dem Erdganzen in Beit und Raum zu beichreiben zum Ziel bat, kann feine Anfchaulichkeit immer mur durch Zurückführung auf Mare räumliche Maße, Zahlenverhältniffe, Beitbeftimmungen, durch die Hilfsmittel graphiſcher Darftellung empfangen. Bloße Sammlung und Sichtung bed Materials geht bier in eine gedanfenmäßige Bearbeitung und Gliederung deflelben allmälig über. VI. Drei Claſſen von Ausſagen in ihnen. Die Geifteswifienichaften, wie fie find und wirken, Traft der Vernunft der Sache, die in ihrer Gejchichte thätig war (nicht wie die kühnen Architekten, die fie neu bauen wollen, wünſchen), ver Drei Elafien von Ausfagen in den Geifteswiflenichaften. 33 fnüpfen in fich drei unterjchiedene Claſſen von Auslagen. Die einen von ihnen Äprechen ein Wirkliches aus, da8 in der Wahr: nehmung gegeben ift; fie enthalten den hiſtoriſchen Beftandtheil der Erkenntniß. Die anderen entwickeln da3 gleichfürmige Ver- halten von Theilinhalten diefer Wirklichkeit, welche durch Abftraf- tion ausgefondert find: fie bilden den theoretiſchen Beftandtheil derſelben. Die lebten drüden Werthurtheile aus und fchreiben Regeln vor: in ihnen ift der praftiiche Beitandtheil der Geiftes- wiſſenſchaften befaßt. Thatſachen, Theoreme, MWerthurtheile und Regeln: aus diejen drei Claſſen von Sätzen beitehen die Geiftez- wiflenfchaften. Und die Beziehung zwiſchen der Hiftorifchen Richtung in der Auffaflung, der abftraft=theoretifchen und der praftiichen geht ala ein gemeinfames Grundverhältnig durch die Geiſteswiſſen⸗ Ichaften. Die Auffafjung des Singularen, Individualen bildet in ihnen (da fie die beftändige Widerlegung des Satzes von Spinoza: omnis determinatio est negatio find) jo gut einen letzten Zweck ala die Entwidlung abftratter Gleichförmigkeiten. Bon der erften Wurzel im Bewußtſein bis zur höchſten Spibe ift der Zufammenbang ber Werthurtheile und Imperative unabhängig von dem der zivei erſten Claſſen. Die Beziehung diefer drei Aufgaben zu einander im denkenden Bewußtjein kann erft im Derlauf der erfenntniß- theoretijchen Analyfis (umfafjender: der Gelbftbefinnung) ent— wicelt werden. Jedenfalls bleiben Ausſagen über Wirklichkeit bon MWerthurtheilen und Imperativen auch in der Wurzel gefondert: jo entftehen zwei Arten von Süßen, die primär verjchieden find. Und zugleich muß anerkannt werden, daß diefe Verſchiedenheit innerhalb der Geiſteswiſſenſchaften einen doppelten Zufammenhang in denfelben zur Folge hat. Wie fie gewachſen find enthalten die Geiſteswiſſen⸗ Ichaften neben der Erfenntniß deffen was ift das Bewußtſein des Zu⸗ fammenhangd der Werthurtheile und Imperative, als in welchem Merthe, Sdeale, Regeln, die Richtung auf Geftaltung der Zukunft verbunden find. Gin politifches Urtheil, das eine Inſtitution verwirft, ift nicht wahr oder falfch, fondern richtig oder un— richtig, injofern feine Richtung, fein Ziel abgeſchätzt wird; wahr oder falih Tann dagegen ein politiiches Urtheil Iein, welches Dilthey, Einleitung. 34 Erſtes einleitendes Vuch. die Beziehungen dieſer Inſtitution zu anderen Inſtitutionen erörtert. Erſt indem dieſe Einſicht für die Theorie von Satz, Ausſage, Urtheil leitend wird, entſteht eine erkenntniß-theoretiſche Grundlage, die den Thatbeſtand der Geiſteswiſſenſchaften nicht in die Enge einer Erkenntniß von Gleichförmigkeiten nad) Analogie der Naturwiſſen— ſchaft zufammendrängt und folchergeftalt verftümmelt, jondern wie fie gewachſen find, begreift und begründet. vu. Ansfonderung der Einzelwiflenfhaften ans der gefhidtlid: gefellfhaftlihen Wirklichkeit. Die Zwecke der Geiftegwiflenjchaften, das Singulare, In⸗ dividuale der geichichtlichegejellichaftlichen Wirklichkeit zu erfaflen, die in feiner Geftaltung wirkſamen Gleichförmigkeiten zu erkennen, Ziele und Regeln feiner Fortgeftaltung feftzuftellen, können nur vermittelft der Kunftgriffe des Denkens, vermittelt der Analyſis und der Abitraktion erreicht werden. Der abitrafte Ausdrud, in welchem von beftimmten Seiten des Thatbeitandes abgejehen wird, andere aber entwicelt werden, ift nicht das ausſchließliche letzte Biel diefer Wiflenichaften, aber ihr unentbehrliches Hilfsmittel. Wie da abftrahirende Erkennen nicht die Selbftäntigfeit der anderen Zwede diejer Wiflenichaften in ſich auflöfen darf: fo kann weder die gejchichtliche, die theoretilche Erkenntniß noch die Ent- widlung der die Geſellſchaft thatfächlich leitenden Regeln dieſes abftrahirenden Erfennend entrathen. Der Streit zwiſchen ber biftoriichen und der abftraften Echule entftand, indem die ab- ftrafte Schule den erften, die Hiftoriiche den anderen Fehler be- ging. Jede Einzelwiſſenſchaft entfteht nur durch den Kunftariff der Herauglöfung eines Theilinhalte® aus der geichichtlich-gefell- Ihaftlihen Wirklichkeit. Selbft die Gefchichte fieht von den Zügen im Leben der einzelnen Menjchen und der Gefellichaft, welche in der von ihr darzuftellenden Epoche denen aller anderen Epochen Ausſonderung ber Einzelwifjenichaften. 35 gleich find, ab; ihr Blick ift auf dad Unterfcheidende und Singulare gerichtet. Hierliber kann fich der einzelne Gejchichtichreiber täufchen, da aus einer foldden Richtung des Blickes ſchon die Auswahl der Züge in feinen Quellen entipringt; aber mer die wirkliche Leiftung defjelben mit dem ganzen Thatbeftand der gejellichaftlich- gejchichtlichen Wirklichkeit vergleicht, muB es anerkennen. Hieraus ergiebt fi} der wichtige Sat, daß jede einzelne Wiſſenſchaft des Geiſtes nur relativ, in ihrer Beziehung zu den anderen Willen- ſchaften des Geiftes mit Bewußtſein erfaßt, die gejellichaftlich- geichichtliche Wirklichkeit erkennt. Die Gliederung dieſer Wiflen- ichaften, ihr gefundes Wachsthum in ihrer Bejonderung ift ſonach an die Einficht in die Beziehung jeder ihrer Wahrheiten auf das Ganze ber Wirklichkeit, in der fie enthalten find, fowie an das ftete Bewußtſein der Abftraktion, vermöge deren diefe Wahrheiten ba find, und bes begrängten Erkenntnißwerthes, der ihnen gemäß ihrem abitratten Charakter zukommt, gebunden. | Nun Tann vorgeftellt werden, welche die fundamentalen Zer⸗ legungen find, vermöge deren die einzelnen Wiſſenſchaften bes Geiftes ihren ungeheuren Gegenftand zu bewältigen verjucht haben. VIII. Wiſſenſchaften der Einzelmenſchen als der Elemente dieſer Wirklichkeit. Die Analyfi3 findet in den Lebenseinheiten, den piycho- phyfiſchen Andividuis die Elemente, aus welchen Gejelliehaft und Geſchichte fih aufbauen, und das Studium dieſer Lebenzeinheiten bildet die am meiften fundamentale Gruppe von Wiffenschaften des Geiſtes. Den Naturwiſſenſchaften ift der Sinnenſchein von Körpern verjchiedener Größe, die fih im Raume beivegen, fich ausdehnen und erweitern, zujammenziehen und verringern, in welchen Veränderungen der Beichaffenheiten vorgehen, ald Ausgangs⸗ punkt ihrer Unterfuchungen gegeben. Sie haben fi nur langjam 3* 36 Erſtes einleitendes Bud). richtigeren Anfichten über die Conftitution der Mlaterie genäbert. In diefem Punkte befteht ein viel günftigered Verhältniß zwiſchen der geſchichtlich-geſellſchaftlichen Wirklichkeit und der Intelligenz. Diefer ift in ihr jelber die Einheit unmittelbar gegeben, welche da3 Element in dem vielverwidelten Gebilde der Gejellichaft ift, während daflelbe in den Naturwiflenichaften erjchloffen werden muß. Die Subjecte, an welche das Denken die Prädicirungen, durch die alle Erkennen ftattfindet, nach jeinem unmeigerlichen Geſetz beftet, find in den Naturwiſſenſchaften Elemente , welche durch eine Zertheilung der äußeren Wirklichkeit, ein Zerichlagen, Zeriplittern der Dinge nur hypothetiſch gewonnen find, in den Geiſteswiſſenſchaften find es reale, in der inneren Er- fahrung ala Thatjachen gegebene Einheiten. Die Naturwiſſenſchaft baut die Materie aus Kleinen, Teiner jelbftändigen Exiſtenz mehr fähigen, nur noch als DBeftandtheile der Molecüle denkbaren Elementartheilden auf; die Einheiten, welcje in dem wunderbar verfchlungenen Ganzen der Gefchichte und der Gefellichaft aufeinander wirken, find Individua, pſycho-phyſiſche Ganze, deren jedes von jedem anderen unterjchieden, derer jedes eine Welt ft. Iſt doch die Welt nirgend anders ala eben in der VBorftellung eines jolchen Individuums. Diefe Unermeßlichkeit eines pſycho⸗phyſiſchen Ganzen, in der |chließlich die Unermeßlichkeit der Natur nur enthalten ift, läßt jih an der Analyſis der Vorſtellungswelt verdeutlichen, ala in welcher aus Gmpfindungen und Borftellungen eine Cinzel- anſchauung fi aufbaut, dann aber, aus welcher Fülle von Ele- menten fie auch beftehe, ald ein Clement in die bewußte Ver- Inüpfung und Trennung der Borftellungen eintritt. Und Diele Singularität eined jeden folchen einzelnen Individuums, dag an irgend einem Punkte des unermeßlichen geiftigen Kosmos wirkt, läßt fi, gemäß dem Sat: individuum est ineffabile, in feine einzelnen Beſtandtheile verfolgen, wodurch fie erft in ihrer ganzen Bedeutung erfannt wird. Die Theorie diefer piycho-phyfilchen Lebengeinheiten ift bie Anthropologie und Pſychologie. Ihr Material bildet die ganze Gedichte und Lebenserfahrung und gerade die Schlüffe aus dem Die Wiflenichaften des Einzelmenichen. 37 Studium der pſychiſchen Maffenbewegungen werden in ihr eine ſtets wachſende Bedeutung erlangen. Die Verwerthung des ganzen Reichthums der Thatjachen, welche den Stoff ber Geiſteswiſſenſchaften überhaupt bilden, ift der wahren Piychologie jowohl mit den Theorien, von denen demnächſt zu ſprechen jein wird, als mit der Geſchichte gemeinfam. Aladann aber ift feft- zuhalten: außerhalb der piychifchen Einheiten, welche ben Gegen- ftand der Pfychologie bilden, giebt es überhaupt feine geiftige Thatſache für unfere Erfahrung. Da nun die Piychologie keines⸗ weg? alle Thatjadhen in ſich fchließt, welche Gegenftand der Geifteswitlenichaften find, oder (maß daſſelbe ift) welche die Erfahrung und an pſychiſchen Einheiten auffafjen läßt: jo ergiebt fih Hieraus, daß die Pſychologie nur einen Theilinhalt deſſen, was in jedem einzelnen Individuum vorgeht, zum Gegenftande dat. Sie kaͤnn daher nur durch eine Abftraction von der Ge- ſammtwiſſenſchaft der geſchichtlich⸗geſellſchaftlichen Wirklichkeit aus⸗ geſondert und nur in beſtändiger Beziehung auf fie entwickelt werden. Wohl iſt die pſfycho⸗phyſiſche Einheit dadurch in ſich ges ſchlofſen, daß für fie nur Zweck fein Tann, was in ihrem eigenen Willen gejett ift, nur werthvoll, was in ihrem Gefühl jo gegeben ift, nur wirklich und wahr, was ala gewiß, als evident vor ihrem Bewußtſein fich bewährt. Aber diefes ſo geichloffene, im Selbit- bewußtjein feiner Einheit gewiſſe Ganze ift andrerjeit3 nur in dem Zufammenbang der gejellichaftlichen Wirklichteit Herborgetreten ; feine Organifation zeigt e8 al3 von außen Einwirkung empfangend und nad) außen zurückwirkend; feine ganze Inhaltlichkeit ift nur eine inmitten der umfaſſenden Inhaltlichkeit bes Geiftes in der Geſchichte und Gejellichaft vorübergehend auftretende einzelne Ge- ftalt; ja der höchfte Zug ſeines Weſens ift es, vermöge defjen es in etwas lebt, daß nicht es felber ift. Der Gegenftand der Piycho- logie ift alfo jederzeit nur da Individuum, welches aus dem lebendigen Zufammenhang der gejchichtlich-gefellichaftlichen Wirk- lichkeit außgefondert ift, und fie ift darauf angewieſen, die all gemeinen Eigenſchaften, welche pſychiſche Einzelweſen in diejem Zufammenhang entwideln, durch einen Vorgang von Abftraftion 38 Erſtes einleitendes Buch. feftzuftellen. Den Menſchen, wie er, abgejehen von der Wechjel« wirkung in der Gefellichaft, gleichlam vor ihr ift, findet fie weder in der Erfahrung noch vermag fie ihn zu erjchließen: wäre das der Fall, jo würde der Aufbau der Geiſteswiſſenſchaften ſich un- gleich einfacher geftaltet Haben. Selbſt der ganz enge Umkreis unbeftimmt ausdrüdbarer Grundzüge, welche wir geneigt find dem Menſchen an und für ſich zuzufchreiben, unterliegt dem un⸗ geichlichteten Streit hart aneinanderftoßender Hypotheſen. Hier kann aljo ſofort ein Verfahren abgeiviefen werben, welches den Aufbau der Geifteswillenichaften unficher macht, indem es in die Grundmauern Hypotheſen einfügt. Das Verhältniß der Individualeinheiten zur Gefellichaft ift von zwei entgegengefehten Hypotheſen aus konſtruktiv behandelt worden. Seitdem bem Naturrecht der Sophiften Plato’3 Auffafjung des Staats ala des Menſchen im Großen gegenübertrat, befehden fich dieſe beiden Theorien, ähnlich wie die atomiftische und die dynamiſche, in Be- zug auf die Gonftruftion der Geſellſchaft. Wol nähern fie ſich einander in ihrer Fortbildung, aber die Auflöfung des Gegenjabes ift erſt möglich, wenn die conftruftive Methode, die ihn hervor⸗ brachte, verlaffen wird, wenn die einzelnen Wiflenichaften der gejellichaftlichen Wirklichkeit al Theile eine umfafjenden analy- tiihen Verfahrens, die einzelnen Wahrheiten als Ausſagen über Theilinhalle diefer Wirklichkeit aufgefaßt werden. In biefem analytiicden Gang der Unterſuchung kann die Piychologie nicht, wie durch die erfte dieſer Hypotheſen geichieht, als Darftellung der anfänglichen Ausftattung eines von dem geichichtlichen Stamme ber Gejellichaft losgelöſten Individuums entiwicelt werden. Gaben do 3. B. die Grundverhältniffe des Willens wol den Schauplat des Wirkens in den Individuen, aber nicht den Erflärungdgrund. Eine folche Iſolirung und dann eine mechanifche Zuſammenſetzung von Individuen, als Methode der Conſtruktion der Gejellfchaft, mar der. Srundfehler der alten naturrechtlichen Schule. Die Einjeitig- feit diefer Richtung ift immer wieder befämpft worden durch eine entgegengejeßte Einfeitigkeit. Diele hat, gegenüber einer mechanifchen Zufammenfeßung der Gejellichaft, Formeln entworfen, welche die Anthropologie und Piychologie. 39 Einheit des gejellichaftlichen Körpers ausdrüden und jo der an= deren Hälfte des Ihatbeftandes genugthun ſollten. Cine jolche Formel ift die Unterordnung des Verhältnifſes des Einzelnen zum Staat unter das Verhältniß des Theils zum Ganzen, welches vor dem Theil it, in der Staatälehre des Ariftoteles; ift die Durchführung der Vorftellung vom Staat als einem mwohlgeord- neten thieriichen Organismus bei den Publiciſten des Mittelalters, welche von bedeutenden gegenwärtigen Schriftitellern vertheidigt und näher ausgebildet wird; ift der Begriff einer Volksſeele oder eines Volksgeiſtes. Nur durch den geichichtlichen Gegenjab haben diefe Verſuche, die Einheit der Individuen in der Gejellichaft einem Begriff unterzuordnen, eine vorübergehende Berechtigung. Der Volksſeele fehlt die Einheit des Selbftbemußtjeind und Wirkens, welche wir im Begriff der Seele ausdrüden. Der Begriff des Organismus ſubſtituirt für ein gegebene Problem ein anderes, und zwar wird vielleicht, wie ſchon J. St. Mill bemerkt Hat, die Auflöfung des Problems der Gelellichaft früher und vollftändiger gelingen als die des Problems des thieriichen Organismus; ſchon jeßt aber kann die außerordentliche Verſchiedenheit diejer beiden Arten von Syſtemen, in denen zu einer Gelammtleiftung einander gegenjeitig bedingende Funktionen zufammengreifen, gezeigt werden. Das Verhältniß der piychiichen Einheiten zur Geſellſchaft darf ſo— nach überhaupt feiner Gonftruftion unterworfen werden. States gorien, wie Einheit und Vielheit, Ganzes und Theil, find für eine Conftruftion nicht benußbar: ſelbſt wo die Darftellung ihrer nicht entbehren kann, darf nie vergeflen werden, daß fie in der Erfahrung des Individuums von fich jelber ihren lebendigen Ur» Iprung gehabt haben, daß ſonach durch Feine Rückanwendung mehr an dem Erlebniß, welches das Individuum ſich felber in der Geſellſchaft ift, aufgeklärt werden Tann, ala die Erfahrung für ſich zu jagen im Stande it. Der Menſch ala eine der Geſchichte und Gejellichaft vorauf⸗ gehende Thatſache ift eine Fiction der genetiichen Erklärung; der= jenige Menſch, ben geſunde analytiiche Wiffenichaft zum Object hat, iſt das Individuum als ein Beitandtheil der Geſellſchaft. Das 40 Erſtes einleitendes Buch. ſchwierige Problem, welches Piychologie aufzulöfen hat, ift: analy- tiſche Erkenntniß der allgemeinen Eigenjchaften dieſes Mtenfchen. So aufgefaßt, ift Anthropologie und Piychologie die Grund- lage aller Erkenntniß des geichichtlichen Lebens, wie aller Regeln der Leitung und Fortbildung der Geſellſchaft. Sie ift nicht nur Vertiefung des Menjchen in die Betrachtung feiner ſelbſt. Ein Typus der Menfchennatur fteht immer zwilchen dem Gejchicht- Ichreiber und feinen Quellen, auß denen er Geftalten zu pul⸗ firendem Leben eriweden will; er fteht nicht minder zwijchen dem politiichen Denker und der Wirklichkeit der Gejellichaft, welcher diefer Regeln ihrer Fortbildung entwerfen will. Die Wiſſenſchaft will nur dieſem jubjeftiven Typus Richtigkeit und Yruchtbarkeit geben. Sie will allgemeine Säbe entwideln, deren Subject Diele Individualeinheit ift, deren Prädifate alle Ausſagen über fie find, welche für das Verſtändniß der Gejellichaft und der Gejchichte fruchtbar werben können. Diefe Aufgabe der Piychologie und An⸗ thropologie Jchließt aber in fich eine Erweiterung ihres Umfang. Ueber die bisherige Erforſchung der Gleichförmigfeiten bes geiftigen Leben? hinaus muß fie typiſche Unterjchiede defjelben erkennen, die Einbildungsfraft des Künſtlers, das Naturell des handelnden Menichen der Beichreibung und Analyfi3 unterwerfen und das Studium der Formen des geiltigen Lebens durch die Deicription der Realität ſeines Verlaufs, ſowie feines Inhaltes ergänzen. Hierdurch wird die Lüde ausgefüllt, welche in den bisherigen Syſtemen der gejellichaftlich-gefchichtlichen Wirklichkeit zwiſchen der Piychologie einerjeit3, ber Aeſthetik, Ethik, den Willenjchaften der politiichen Körper ſowie der Geſchichtswiſſenſchaft andrerjeits eriftirt: ein Plaß, der biaher nur von den ungenauen Generali- fationen ber Lebenderfahrung, den Echöpfungen der Dichter, Daritellungen der Weltmänner von Charafteren und Schickſalen, unbeftimmten allgemeinen Wahrheiten, welche der Gejchichtichreiber in feine Erzählung verwebt, eingenommen war. Die Aufgaben einer ſolchen grundlegenden Willenjchaft kann die Piychologie nur löfen, indem fie fich in den Grenzen einer defcriptiven Wiſſenſchaft hält, welche Thatfachen und Gleichförmig- Die Biographie. 41 feiten an Thatſachen feititellt, Dagegen die erflärende Piychologie, welche - den ganzen Zuſammenhang des geiftigen Leben? durch gewiſſe Annahmen ableitbar machen will, von fich reinlich unter- ſcheidet. Nur durch dieſes Verfahren kann für die leßtere ein ge- naues, unbefangen feitgeftelltes Material gewonnen werden, welches eine Berification der pfychologiichen Hypotheſen geſtattet. Vor Allen aber: nur jo können endlich die Einzelwiffenichaften des Geiſtes eine Grundlegung erhalten, die jelber jet ift, während jet auch die beiten Darftellungen der Pſychologie Hypotheſen auf Hypotheſen bauen. | Wir ziehen das Ergebniß für den Zuſammenhang biefer Darlegung. Der einfachite Befund, welchen die Analyfis der gejellichaftlich-gefchichtlichen Wirklichkeit abzugetwwinnen vermag, liegt in der Piychologie vor; fie ift demnach die erfte und elementarfte unter den Einzelwifjenjchaften des Geiftes; dem entiprechend bilden ihre Wahrheiten die Grundlage des weiteren Aufbaued. Aber ihre Wahrheiten enthalten nur einen aus diejer Wirklichkeit außgelöften Theilinhalt und haben daher die Beziehung auf Diefe zur Voraus⸗ ſetzung. Demnach kann nur vermittelft einer erkenntniß⸗theoretiſchen Grundlegung die Beziehung der pſychologiſchen Wiſfſenſchaft zu den anderen Wiflenchaften des Geiftes und zu ber Wirklichkeit felber, deren Theilinhalte fie find, aufgelärt werden. Für die Piycho- Iogie ſelber aber ergiebt fi) aus ihrer Stellung im Zufammen- bang der Geifteswillenichaften, daß fie als deſcriptive Wiſſenſchaft (ein in der Grundlegung näher zu entwidelnder Begriff) fich unterjeheiden muß von der erflärenden Wiflenjchaft, welche, ihrer Natur nach Hypothetiich, einfachen Annahmen bie Thatfachen des geiitigen Leben? zu unterwerfen unternimmt. Die Darftellung der einzelnen pſycho-phyſiſchen Lebenseinheit it die Biographie. Das Gedächtnig der Menfchheit hat jehr viele Individualexiſtenzen des Intereſſes und der Aufbewahrung würdig befunden. Carlyle jagt einmal von der Geſchichte: „weiſes Erinnern und weiſes Vergeſſen, darin liegt Alles“. Das Singulare des Menjchenbafeind ergreift eben, nach ber Gewalt, mit der ba3 Individuum die Anſchauung und die Liebe anderer Individuen 43 Erftes einleitenbes Bud). zu fich hinreißt, ſtärker ala irgend ein andered Object oder irgend eine Generalilation. Die Stellung der Biographie innerhalb der allgemeinen Geſchichtswiſſenſchaft entjpricht der Stellung der An- thropologie innerhalb der theoretiſchen Wifenjchaften der geichichtlich- gejellichaftlichen Wirklichkeit. Daher wird der Fortſchritt ber Anthropologie und die wachſende Erkenntniß ihrer grundlegenden Stellung auch die Einficht vermitteln, daß die Erfaflung der ganzen Wirklichkeit eined Individualdaſeins, feine Naturbeichreibung in feinem gejchichtlichen milieu, ein Höchſtes von Geichichtichreibung iſt, gleichwerthig durch die Tiefe der Aufgabe jeder gejchichtlichen Daritellung , die aus breiterem Stoff geftaltet. Der Wille eines Menſchen, in jeinem Berlauf und feinem Scidjal, wird bier in jeiner Würde ala Selbſtzweck erfaßt, und der Biograph ſoll den Menjchen sub specie aeterni erblideen, wie ex ſelbſt ſich in Momenten fühlt, in welchen zwilchen ihm und der Gottheit Alles Hülle, Gewand und Mittel ift und er fich dem Sternen- himmel jo nahe fühlt, ala irgend einem Theil der Erde Die Biographie ftellt jo die fundamentale gejchichtliche Thatjache rein, ganz, in ihrer Wirklichkeit dar. Und nur der Hiltorifer, der jo- zufagen von diefen Lebengeinheiten aus die Geichichte aufbaut, der durch den Begriff von Typus und Repräjentation ſich der Auf- faflung von Ständen, von geiellichaftlichen Verbänden über- haupt, von Zeitaltern zu nähern jucht, der durch den Begriff von Generationen Lebenzläufe aneinander kettet, wird die Wirklichkeit eine gejhichtlichen Ganzen erfaflen, im Gegenſatz zu den tobten Abſtraktionen, die zumeift aus den Archiven entnommen werben. Iſt die Biographie ein wichtiges Hilfämittel für die weitere Entwidlung einer wahren Realplychologie, fo hat fie andrerjeit3 in dem dermaligen Buftande diefer Wifjenichaft ihre Grundlage. Man kann das wahre Verfahren des Biographen ala Anwendung der Wiſſenſchaft der Anthropologie und Piychologie auf das Problem, eine Lebenseinheit, ihre Entwidlung und ihr Schickſal lebendig und verftändlich zu machen, bezeichnen. Regeln perjönlicher Lebensführung Haben zu allen Zeiten einen weiteren Zweig der Literatur gebildet; einige der jchöniten Die phyſiologiſche Piychologie. 43 und tiefften Schriften aller Literatur find diejem Gegenftande ge- widmet. Sollen fie aber den Charakter der Wiflenjchaft erlangen: fo führt eine ſolche Beitrebung zurüd in die Gelbftbefinnung über den Zuſammenhang zwilchen unjerer Erfenntniß von der Wirk- lichkeit der Lebenzeinheit und unjerem Bewußtfein von den Beziehungen der MWerthe zu einander, welche unjer Wille und unjer Gefühl im Leben finden. An der Grenze der Naturwillenichaften und der Pſychologie bat fich ein Gebiet von Unterfuchungen außgejondert, welches von feinem erften genialen Bearbeiter ala Pſychophyſik bezeichnet twor- den ift und welches fi) durch da8 Zuſammenwirken hervorragender Forſcher zu dem Entwurf einer phyfiologiſchen Piychologie er- weitert bat. Diefe Wiflenfchaft ging davon aus, ohne Rückſicht auf den metaphufiichen Streit über Körper und Seele die that« fächlichen Beziehungen zwiſchen dieſen beiden Erjcheinungsgebieten möglichft genau feftftellen zu wollen. Der neutrale, in der äußerften hier denkbaren Abjtraktion verbleibende Begriff der Funktion in feiner mathematischen Bedeutung wurde hierbei von Fechner zu Grunde gelegt, und Feſtſtellung der beftehenden jo in zwei Rich» tungen bdarftellbaren Abhängigkeiten als das Ziel diejer Willen- ichaft feftgehalten. Den Mittelpunkt feiner Unterjuchungen bildete dad Funktionsverhältniß zwiichen Reiz und Empfindung Will jeboch diefe Wiſſenſchaft die Lücke, welche zwiſchen Phyfiologie und Piychologie befteht, vollftändig ausfüllen, will fie alle Berührungs- punkte des körperlichen und pſychiſchen Lebens umfafjen und zwiſchen Phyfiologie und Piychologie die Verbindung jo voll» ftändig und wirkſam als möglich herftellen: dann findet fie fi) genöthigt, diefe Beziehung in die umfafjende Vorſtellung des urſächlichen Zuſammenhangs der gejammten Wirklichkeit einzu⸗ ordnen. Und zwar bildet bie einjeitige Dependenz pfychiſcher That⸗ fachen und Veränderungen von phuyfiologiichen den Hauptgegenftand einer folchen phyſiologiſchen Piychologie. Sie entwidelt die Ab- hängigfeit be geiftigen Lebens von feiner Körperlichen Unterlage; unterfucht die Grenzen, innerhalb deren eine ſolche Abhängigkeit nachweisbar ift; ftellt alsdann auch die Rückwirkungen dar, welche 44 Erſtes einleitenbes Buch. von den geiftigen Veränderungen zu den Zörperlichen gehen. So verfolgt fie dad geiftige Leben, von den Beziehungen, welche zwiſchen der phyfiologilchen Leitung der Sinnesorgane und dem piychiichen Vorgang von Empfindung und Wahrnehmung ob» walten, zu denen zwifchen dem Auftreten, Verſchwinden, der Ver⸗ fettung der Vorftellungen einerjeit?, der Struktur und den Funk— tionen des Gehirnd andrerjeit3, bis zu denen, welche zwiſchen dem Reflermechanigmus und motorischen Syſtem und entiprechend der Lautbildung, Sprache und geregelten Bewegung beiteben. IX. Stellung des Erkennens zu dem Zuſammenhang gefhichtlig: gefellfhaftliger Wirklichkeit. | Don diejer Zergliederung der einzelnen pſycho⸗phyſiſchen Ein- beiten ift diejenige unterjchieden, welche das Ganze der geichichtlich" gejellichaftlichen Wirklichkeit zu ihrem Gegenftande hat. Franzoſen und Engländer haben den Begriff einer die Theorie dieſes Ganzen entwidelnden Geſammtwiſſenſchaft entworfen und dieſelbe ala Sociologie bezeichnet. In der That kann die Erkenntniß der Ent- wicklung ber Gejellichaft nicht von der Erkenntniß ihres gegen- wärtigen status getrennt werden. Beide Claſſen von Thatjachen bilden Einen Zuſammenhang. Der gegenwärtige Zuftand, in welchem die Gejellfchaft fich befindet, iſt das Ergebniß des früheren und er ijt zugleich die Bedingung des nächſten. Der ermittelte status deflelben in dem jebigen Moment gehört im nädjiten be= reits der Geichichte an. Jeder Durchichnitt, der den status der Geſellſchaft in einem gegebenen Augenblid barftellt, ift daher, jo- bald man fich über den Moment erhebt, ala ein gejchichtlicher Zuftand zu betrachten. Der Begriff der Geſellſchaft kann ſonach gebraucht werden, dieſes fich entiwidelnde Ganze zu bezeichnen ). 1) Dex Begriff der Sociologie oder Geſellſchaftswiſſenſchaft, wie Comte, Spencer u. a. ihn faflen, muß ganz unterfchieden werden von dem Begriff, ben Geſellſchaft und Geſellſchaftswiſſenſchaft bei den beutichen Staatsrecht3: Stellung des Erkennen? zur Gejellichaft. 45 Viel verſchlungener noch, räthſelhafter als unfer eigener Organismus, als feine am meiſten räthſelhaften Theile, wie das Gehirn, ſteht dieſe Geſellſchaft, d. h. die ganze geichichtlich-gejell- ſchaftliche Wirklichkeit, dem Individuum ala ein Objekt der Be- trachtung gegenüber. Der Strom des Geſchehens in ihr fließt unaufbaltiam voran, während die einzelnen Individua, aus denen er beiteht, auf dem Schauplak des Lebens erjcheinen und von ihm wieder abtreten. So findet das Individuum fi in ihm vor,"ala ein Element, mit anderen Elementen in Wechſelwirkung. Es Hat dies Ganze nicht gebaut, in dag es hineingeboren ift. Es kennt von den Gefeßen, in denen bier Individuen auf einander wirken, nur wenige und unbeftimmt gefaßte. Wohl find es diefelben Vorgänge, die in ihm, vermöge innerer Wahrnehmung, ihrem ganzen Gehalt nach) bewußt find, und welche außer ihm diejed Ganze gebaut Haben; aber ihre Verwidelung ift jo groß, die Bedingungen der Natur, unter denen fie auftreten, find jo mannigfaltig, die Mittel der Meſſung und des Verſuchs find fo eng begrenzt, daß die Erkenntniß dieſes Baues der Gejellichaft durch kaum überwindlich erjcheinende Schwierigkeiten aufgehalten worden if. Hieraus entipringt die Verjchiedenheit zwiſchen un— ſerem Berhältniß zur Gejellichaft und dem zur Natur. Die That» beftände in der Gejellichaft find ung von innen verftändlich, wir fönnen fie in und, auf Grund der Wahrnehmung unferer eigenen Zuftände, bis auf einen gewiflen Punkt nachbilden, und mit Liebe und Haß, mit leidenschaftlicher Freude, mit dem ganzen Spiel unjerer Affekte begleiten wir anfchauend die Vorftellung der geichichtlichen Welt. Die Natur ift und ſtumm. Nur die Macht unſerer Imagination ergießt einen Schimmer von Leben und Innerlichkeit über fie. Denn fofern wir ein mit ihr in Wechſelwirkung ftehen- des Syſtem Törperlicher Elemente find, begleitet fein innered Ge⸗ wahrwerben das Spiel diefer Wechſelwirkung. Darım kann auch lehrern erhalten haben, welche in bem status einer gegebenen Zeit Geſellſchaft und Staat unterfcheiben, ausgehend von dem Bedürfniß, die äußere Organi- fation des Zuſammenlebens zu bezeichnen, welche die Vorausſetzung und Grundlage bes Staats bildet. 46 Erſtes einleitendes Bud). die Natur für und den Ausdrud erhabener Ruhe haben. Dieſer Aus- druck ſchwände, wem wir daflelbe wechſelnde Spiel inneren Lebens in ihren @lementen gewahrten oder in ihnen vorzuftellen ges zwungen wären, welches die Gelellichaft für uns erfüllt. Die Natur ift und fremd. Denn fie ift und nur ein Außen, fein Inneres. Die Geſellſchaft ift unjere Well. Das Spiel der Wechjelivirtungen in ihr erleben wir mit, in aller Kraft unſeres ganzen Weſens, da wir in uns felber von innen, in lebendigfter Unrube, die Zuftände und Kräfte gewahren, aus denen ihr Syſtem ch aufbaut. Das Bild ihres Zuftandes find wir gendthigt in immer regjamen Werthurtheilen zu meiftern, mit nie ruhendem Antrieb des Willens wenigſtens in der Vorftellung umzugeftalten. Dies Alles prägt dem Studium der Gejellichaft gewiſſe Grundzüge auf, welche es durchgreifend von dem der Natur unter- Icheiden. Die Gleichförmigkeiten, welche auf dem Gebiet der Geſellſchaft Feitgeftellt werden können, ftehen nach Zahl, Bedeu- tung und Beitimmtheit der Faſſung jehr zurüd Hinter den Gejeten, welche auf der ficheren Grundlage der Beziehungen im Raum und der Eigenschaften der Bewegung über die Natur aufgeftellt werden fonnten. Die Bewegungen der Geftirne, nicht nur unſeres Pla- netenſyſtems, fondern von Sternen, deren Licht erft nach Jahren unjer Auge trifft, können als dem fo einfachen Gravitationsgeſetz untertvorfen aufgezeigt und auf lange Zeiträume voraus berechnet werden. ine ſolche Befriedigung des Berftandes vermögen die Wiſſenſchaften der Gejellichaft nicht zu gewähren. Die Schivierig- feiten der Erfenntniß einer einzelnen piychilchen Einheit werden vervielfacht durch die große Verjchiedenartigkeit und Singularität diejer Einheiten, wie fie in der Geſellſchaft zufammentwirken, durch die Verwicklung der Naturbedingungen, unter denen fie verbunden find, durch die Summirung der Wechſelwirkungen, welche in der Aufeinanderfolge vieler Generationen ſich vollzieht und die es nicht geftattet, aus der menschlichen Natur, wie mir fie heute Tennen, die Zuflände früherer Zeiten direkt abzuleiten oder die heutigen Zuflände auß einem allgemeinen Typus der menſchlichen Natur zu folgen. Und doch wird dieſes Alled mehr als aufgewogen Grundzüge ihres Stubiums. 47 durch die Thatjache, daß ich jelber, der ich mich von innen erlebe und kenne, ein Beitandtheil dieſes gejellichaftlichen Körpers bin, und daß die anderen Beftandtheile mir gleichartig und ſonach für mich ebenfalld in ihrem Inneren auffaßbar find. Sch verſtehe das Leben der Geſellſchaft. Das Individuum ift einerfeitö ein Element in den Wechjelwirtungen der Gejellichaft, ein Kreuzungs⸗ punkt der verjchiedenen Syfteme diefer Wechjeliwirfungen, in be- wußter Willensrichtung und Handlung auf die Einwirkungen berjelben veagirend, und es ift zugleich die dieſes Alles anſchauende und erforfchende Intelligenzz. Das Spiel der für uns Jeelenlojen wirkenden Urfachen wird bier abgelöft von dem der Vorftellungen, Gefühle und Berveggründe. Und grenzenlos ift die Singularität, der Reichthum im Spiel der Wechſelwirkung, die Hier fich auſ— thun. Der Waflerfturz ſetzt ſich aus homogenen ftoßenden Wafler- theilcden zujammen; aber ein einziger Satz, der doch nur ein Hauch des Mundes iſt, erjchüttert die ganze bejeelte Geſellſchaft eine® Welttheild durch ein Spiel von Motiven in lauter indivi- duellen Einheiten: jo verjchieden ift die Hier auftretende Wechjel- wirkung, nämlich das in der Vorftellung entfpringende Motiv, von jeder anderen Art von Urſache. Andere unterjcheidende Grundzüge folgen hieraus. Das auffaflende Vermögen, welches in den Geiſtes⸗ wiſſenſchaften wirkt, ift der ganze Menſch; große Leiftungen in ihnen gehen nicht von der bloßen Stärke der Intelligenz aus, jondern von einer Mächtigleit des perjönlichen Lebens. Dieje geiftige Thätigfeit findet fich, ohne jeden weiteren Zweck einer Erkenntniß des Totalzufammenhangd von dem Gingularen und Thatſäch⸗ lichen in dieſer geiftigen Welt angezogen und befriedigt, und mit dem Auffaflen ift für fie praftiiche Tendenz in Beurtheilung, deal, Regel verbunden. Aug diefen Grundverhältnifien ergiebt fi) für das Individuum - der Gejellfchaft gegenüber ein doppelter Anjabpunft feines Nach: denkens. Es vollbringt feine Thätigkeit an diefem Ganzen mit Be= wußtfein, bildet Regeln derjelben, ſucht Bedingungen derjelben in dem Zufammenhang der geiftigen Welt. Andrerſeits aber verhält ed fich als anjchauende Intelligenz und möchte in jeiner Er- 48 Erſtes einleitenbes Buch. fenntniß dies Ganze erfaflen. So find die Wiſſenſchaften der Geſellſchaft einerjeit? von dem Bewußtſein des Individuums über feine eigene Thätigleit und deren Bedingungen audgegangen; auf diefe Weile bildeten ſich Grammatif, Rhetorik, Logik, Aefthetik, Ethik, Jurisprudenz zunächft aus; und bier ift begründet, daß ihre Stellung im Zufammenhang der Geifteswillenichaften zwischen Analyfi3 und Regelgebung, deren Objelt die Einzelthätigkeit des Individuums ift, und folder, die ein ganzes gejellichaftliches Syſtem zum Gegenftande bat, in unficherer Mitte bleibt. Hatte die Politik ebenfalls, wenigsten? Anfangs vorwiegend, dies Intereſſe: To verband es fich doch in ihr bereit mit dem einer Ueberficht über die politifchen Körper. Ausſchließlich aus ſolchem Bedürfniß eines freien, anjcjauenden, von dem Intereſſe am Menſchlichen innerlich bewegten Ueberblid3 entjtand dann die Geichichtichreibung. Indem aber die Berufßarten innerhalb der Gejellichaft fi) immer mannig- facher gliederten, die technifche Vorbildung für diejelben immer mehr Theorie entwidelte und in fich faßte: drangen dieſe tech- niſchen Theorien von ihrem praftiichen Bedürfniß aus immer tiefer in das Weſen ber Gefellichaft ein; das Intereſſe der Er- kenntniß geitaltete fie allgemach zu wirklichen Wiflenichaften um, welche neben ihrer praktiſchen Abzweckung an der Aufgabe einer Erkenntniß der gefchichtlich = gejellichaftlichen Wirklichkett mit- arbeiteten. Die Ausfonderung der Einzelwiſſenſchaften der Gejellichaft vollzog ſich ſonach nicht durch einen Kunftgriff des theoretiichen Derftandes, welcher das Problem der Thatſache der geichichtlich“ gejellichaftlichen Welt durch eine methodilche Zerlegung des zu unter⸗ juchenden Objektes zu löſen unternommen hätte: das Leben jelber vollbracdhte fie. So oft die Ausſcheidung eines gejellichaftlichen Wirkungskreiſes eintrat und diejer eine Anordnung von Thatlachen berborbrachte, auf welche die Thätigkeit des Individuums fich be= 309, waren die Bedingungen da, unter denen eine Theorie ent« ftehen Tonnte.e So trug der große Differenzirungöproceß der Gejellichaft, in welchen ihr wunderbar verjchlungener Bau ent- ftanden ift, in fich jelber die Bedingungen und zugleich die Es vollzieht ſich in Einzelwifienichaften. 49 Bedürfniffe, vermöge deren die Abfpiegelung eines jeden relativ ſelbſtändig gewordenen Lebenskreiſes Dderjelben in einer Theorie fich vollzog. Und fo ftellt fich jchließlich die Gefellichaft, in welcher, gleichſam der mächtigften aller Majchinen, jedes diejer Räder, dieſer Walzen nach feinen Eigenjchaften wirkt und doch in dem Ganzen feine Funktion bat, in dem Nebeneinanderbeftehen und Ineinander⸗ greifen jo mannichfacher Theorien bis zu einem gewillen Grade vollftändig dar. Auch machte ſich zunächſt innerhalb der pofitiven Wiflen- Ichaften des Geiftes fein Bedürfniß geltend, die Beziehungen dieſer einzelnen Theorien zu einander und zu dem umfaflenden Zufammen- bang der gejchichtlich-gefellfchaftlichen MWirklichkeit, deſſen Theil⸗ inhalte fie ausgeſondert betrachteten, feftzuftellen. Spät und ver- einzelt find in dieſe Lüde die Philojophie des Geiftes, ber Ge- ſchichte, der Geſellſchaft eingetreten, und wir werden die Gründe aufzeigen, aus welchen fie den Beitand ftätig und ficher fich entwidelnder Wiffenchaften nicht geivonnen haben. So heben fich die wirklichen und durchgebildeten Wiſſenſchaften einzeln unb in leichten Verknüpfungen von dem weiten Hintergrunde der großen Thatſache der geichichtlich=gejellfchaftlichen Wirklichkeit ab. Nur durch die Beziehung auf dieje lebendige Thatjache und ihre deſtriptive Darftellung, nicht aber durch die Beziehung auf eine allgemeine Wiſſenſchaft ift ihre Stelle beftimmt. X. Bas wiſſenſchaſtliche Studinm der natürlichen Gliederung der | Menfcheit fowie der einzelnen Völker. Dieſe deffriptive Darftellung, die man ald Gejchichtd- und Geſellſchaftskunde im weiteſten Verjtande bezeichnen kann, umfaßt die compleren Thatjachen der geiftigen Welt in ihrem Zuſammen⸗ hang, wie berjelbe in der Kunſt der Geichichtichreibung und in der Statiftit der Gegenwart erfaßt wird. Wir ſahen früher (S. 30), Diltheh, Einleitung. 50 Erſtes einleitendes Bud). tie die bloße Sammlung und Sichtung des Materials in einer bunten Mannichfaltigkeit von Arbeiten allmälig, in continuirlicher Steigerung der benfenden Bearbeitung, in Wiſſenſchaft übergeht. Die Stellung der Gefchichtichreibung in diefem Zuſammenhang, zwiſchen der Sammlung der Thatfachen und der Auzfcheidung des Gleichartigen aus ihnen in einer einzelnen Theorie, ward in ihrer felbitändigen Bedeutung nachdrüdlich hervorgehoben. Sie war und eine Kunft, weil in ihr, wie in der Phantafie des Künſtlers ſelber, dag All⸗ gemeine in dem Befonderen angejchaut, noch nicht durch Abftraftion von ihm gejondert und für fich dargeftellt wird, was erft in der Theorie geihieht. Das Beiondere ift hier nur von ber Idee im Geifte des Geſchichtſchreibers gefätligt und geftaltet, und wo eine Generalifation auftritt, beleuchtet fie nur blikartig die Thatſachen und entbindet auf einen Moment dad abftrafte Denken. So dient ja auch dem Dichter die Generalifation, indem fie auß dem Unge— ftüm, den Leiden und Affelten, welche ex daritellt, einen Augenblic die Seele feine® Zuhörer? in die freie Region der Gedanken erhebt. Aus diefem genialen Weberblid des Gefchichtichreibers, ber fi über dad mannichfaltige Leben der Menſchheit verbreitet, löſt fi nun aber eine erſte deſtriptive Zufammenordnung von Gleihartigem aus. Sie jchließt fi) naturgemäß an die An- thropologie des Einzelmenſchen. Entwickelte dieſe den allge- meinen menſchlichen Typus, die allgemeinen Geſetze des Lebens der pſychophyſiſchen Einheiten, die in dieſen Geſetzen angelegten Differenzen von Einzeliypen: jo geht bie Ethnologie oder vergleichende Anthropologie von hier auß weiter; ihren Gegen- Stand bilden Gleichartigkeiten engeren Umfangs, durch welche Gruppen innerhalb der Gejammtheit fi) abgrenzen und ala Ein- zelglieder der Menjchheit fich darftellen: die natürliche Gliederung des Menſchengeſchlechts und die durch fie unter den Bedingungen des Erdganzen entjtehende Vertheilung des geiftigen Lebens und jeiner Unterfchiede auf der Oberfläche der Erbe. Dieje Völkerkunde erforjcht alfo, wie auf der Grundlage des Familienverbandes und der VBerwandtichaft, in durch den Grad der Abftammung gebildeten Studium der natürlichen Gliederung ber Menjchheit. 51 concentriichen Kreiſen, das Menfchengeichlecht natürlich gegliedert ift, d. h. wie in jedem engeren Kreife zuſammenhängend mit näherer BDerwandtichaft neue gemeinfame Merkmale auftreten. Bon der Trage nach der Einheit der Abftammung und Art, nach dem älteften Wohnfite, dem Alter und den gemeinfamen Merkmalen be3 Menfchengefchlecht3 wendet dieje Wiſſenſchaft fich zur Abgren- zung der einzelnen Racen und der Beitimmung ihrer Merkmale, zu den Gruppen, welche jede diefer Racen in fich faßt; auf der Grundlage der Geographie entwickelt fie die Bertheilung des geiftigen Lebens und jeiner Unterfchiede auf ber Oberfläche der Erde: man fieht den Strom der Bevölferung fich verbreiten, der Richtung der leichteften Befriedigung folgend, wie das Waſſernetz ſich ben Be- dingungen des Bodens anjchmiegt. Mit diefer genealogiſchen Gliederung verweben fich gefchicht- liche That und geichichtliches Schickſal, und jo bilden fich bie Völker, lebendige und relativ jelbftändige Gentren der Kultur in dem gejellfchaftlichen Zuſammenhang einer Zeit, Träger der geichichtlichen Bewegung. Wohl Hat das Bolt in dem genea- Iogifchen Naturzufammenhang feine Grundlage, die fih auch leiblich zu erkennen giebt; aber während verwandte Völker eine Verwandtſchaft des förperlichen Typus zeigen, der fich mit wunder⸗ barer Feſtigkeit erhält, geftaltet fich ihre gefchichtliche geiftige Phy- fiognomie zu immer feiner verzweigten Unterjchieden auf allen ver- Ichiedenen Gebieten des Volkslebens. Diele individuelle Lebendeinheit in einem Volle, die fich in der Verwandtſchaft aller feiner Lebenzäußerungen, wie jeines Rechts, jeiner Sprache, ſeines religiöjen Inneren, untereinander fundgiebt, wird myſtiſch durch Begriffe wie Volksſeele, Nation, Volksgeiſt, Organiamus außgedrüdt. Dieje Begriffe find fo un- brauchbar für die Gejchichte, al der von Lebenzkraft für die Phyfio- logie. Was der Ausdrud: Volk bedeute, kann nur analytijch aufgeklärt werden (innerhalb gewiſſer Grenzen), mit Hilfe von Un- terfuchungen, welche in dem methodologilchen Zuſammenhang der Geiſteswiſſenſchaften ala Theorien zweiter Ordnung bezeichnet werden können. Diefe haben die Wahrheiten der Anthropologie zu ihrer 4* 52 Erſtes einleitendes Bud). Vorausſetzung, fie wenden diefe Wahrheiten auf die Wechſelwirkung don Individuen unter den Bedingungen des Naturzuſammenhangs an, und Jo entftehen die Willenjchaften der Syſteme ber Kultur und ihrer Geftaltungen, der äußeren Organijation der Geſellſchaft und der einzelnen Verbände innerhalb derjelben. An fich findet die Willenjchaft ziwilchen dem Individuum und dem verwidelten Berlauf der Geihichte drei große Claſſen von Objekten, die dem Stubium zu unteriverfen find: die äußere Organifation ber Ge- ſellſchaft, die Syſteme der Kultur in ihr und die Einzelvöller: dauernde Thatbeftände, unter benen ber von Volksganzen der am meiften complexe und ſchwierige it. Wie fie alle drei nur Theil- inhalte des wirklichen Lebens find, jo kann keiner ohne die Be⸗ ziehung auf das wiſſenſchaftliche Studium des anderen Hiftorifch aufgefaßt oder theoretiich behandelt werden. Jedoch ift, dem Ver⸗ hältniß der Verwicklung entſprechend, die Thatſache bes Einzel- volkes nur mit Hilfe der Analyfi3 der beiden anderen Thatſachen bearbeitet worden. Was durch den Ausdrud Volksſeele, Volks⸗ geiſt, Nation und nationale Kultur bezeichnet werde, das kann nur dadurch anfchaulich vorgeftellt und analyfirt werben, daß man zu= nächft bie verjchiedenen Seiten des Volkslebens, 3. B. Sprache, Religion, Kunft, in ihrer Wechſelwirkung auffaßt. Dies nöthigt zu dem nächften Schritt in der Analyfis der geichichtlich-gefell« ſchaftlichen Wirklichkeit. XI. Unterfheidung von zwei weiteren Claſſen von Einzelwiſſenſchaften. Wer die Erſcheinungen der Geſchichte und Geſellſchaft ſtudirt, dem treten abſtrakte Weſenheiten überall gegenüber, dergleichen Kunſt, Wiſſenſchaft, Staat, Geſellſchaft, Religion find. Sie gleichen zufammengeballten Nebeln, die den Blid Hindern, zum Wirklichen zu dringen, und bie fich doch nicht greifen laſſen. Wie einft die Zwei weitere Clafſen von Einzelmwifienichaften. 55 fubftantialen Formen, die Geftirngeifter und Effenzen zwischen dem Auge des Forſchers und den Geſetzen ftanden, welche unter den Atomen und Miolelülen walten, jo verjchleiern diefe Weſenheiten die Wirklichkeit des geſchichtlich⸗geſellſchaftlichen Lebens, die Wechjel- wirkung der piychophufiichen Lebendeinheiten unter ben Bedingungen des Naturganzen und ihrer naturgeborenen genealogiichen Glie- derung. Ich möchte dieſe Wirklichkeit ſehen lehren — eine Kunſt, die lange geübt fein will wie die der Anſchauung von räumlichen Gebilden — und dieſe Nebel und Phantome vericheuchen. Sn der unermeßlichen Mamnichfaltigkeit von Heinen, ſchein⸗ bar verfchwindenden Wirkungen, die von Individuum zu Indivi⸗ duum durch dad Medium materieller Vorgänge ausftrahlen, geht fo wenig eine Wirkung verloren, als ein Sonnenftrahl in der phyſiſchen Welt. Aber wer vermöchte, dem Lauf der Wirkungen dieſes Sonnenftrahla zu folgen? Nur wo gleichartige Effekte in der gejellichaftlichen Welt fich vereinigen, entitehen die That⸗ beftände, welche eine deutlidde und ftarfe Sprache zu und reden. Bon diefen entjpringen einige auß einer gleichartigen, aber vor= übergehenden Spannung der Kräfte in einer beftinmten Richtung oder auch durch die fingulare Gewalt einer einzigen mächtigen Willenskraft, welche doch immer nur in der Richtung Jolcher in ber Geichichte und Gejelichaft angejammelten Spannträfte große Wirkungen bervorbringen kam. So bredden in der Geſchichte plögliche gewaltige Erſchütterungen, wie Revolutionen und Striege, hervor, und gehen vorüber. Dauernde Wirkungen entjtehen aus ihnen nur, indem fie in einem ſchon vorhandenen conftanten ge= ſellſchaftlichen Gebilde eine Modifikation hervorbringen: jo wirkte die Epoche de Sturms und Drangd von ber mächtigen Perfon Rouffeau’3 aus auf die angefammelten Spannkräfte in unferm Volksleben und gab unfrer Dichtung eine andere Geftalt. Eben diefe conftanten Gebilde find der andere in der gejellichaft- lichen Wirklichkeit ſtark hervortretende Thatbeitand, fie entjpringen aber aus dauernden Beziehungen der Individuen, und fie allein haben bisher eine wirklich wiljenjchaftliche theoretiiche Bearbeitung gefunden. 54 Erſtes einleitenbes Buch. Wir fahen, die Naturgrundlage der gejellichaftlichen Glie— derung, welche in das tieffte metaphufiiche Geheimniß zurückreicht und von bort her in gefchlechtlicher Liebe, Kindezliebe, Liebe zum mütterlicden Boden mit ftarlen dunflen Banden naturgewaltiger Gefühle und zulammenbält, bringt in den Grundverhältnifien ber genealogiichen Gliederung und der Niederlaffung Gleichartigkeit Hleinerer und größerer Gruppen und Gemeinjchaft zwifchen ihnen hervor; das gejchichtliche Leben entwickelt dieſe Gleichartigkeit, ver- möge deren inZbejondere die einzelnen Völker ſich dem Studium als abgegrenzte Einheiten darbieten. Hierliber hinaus entftehen nun dauernde Gebilde, Gegenftände der gefellichaftlicden Analyſe, wenn entweder ein auf einem Beftandtheil der Menjchennatur be- ruhender, und darum andauernder Zweck piychiiche Alte in den einzelnen Individuen in Beziehung zu einander feßt und jo zu einem Zweckzuſammenhang verknüpft, oder wenn dauernde Urs lachen Willen zu einer Bindung in einem Ganzen vereinen, mögen nun dieſe Urſachen in der natürlichen Gliederung oder in den Zwecken, welche die Menjchennatur bewegen, gelegen fein. Inſo⸗ fern wir jenen erfteren Thatbeftand auffafjen, unterjcheiden wir in der Gejelichaft die Syſteme der Kultur; injofern wir diefen letz⸗ teren betrachten, wird die Äußere Organifation ſichtbar, welche ſich die Menfchheit gegeben bat: Staaten, Verbände, und, wenn man weiter greift, da Gefüge dauernder Bindungen der Willen, nad) den Grundverhältnifien von Herrichaft, Abhängigkeit, Eigenthum, Gemeinichaft, welches neuerdings in einem engeren Verſtande ala Geſellſchaft im Gegenſatz zum Staat bezeichnet worden ift. Die Einzelnen find in der Wechjeliwirlung des gejchichtlich- gejellichaftlichen Lebens thätig, indem fie in dem lebendigen Spiel ihrer Energien eine Mannichfaltigfeit von Zwecken zu verwirklichen fuchen. Die Bebürfnifje, welche in der menjchlichen Natur ange- legt find, werden in Folge der Eingefchränktheit des Menſchenda⸗ feina nicht von der iſolirten Thätigkeit des Ginzelnen befriedigt, fondern in der Theilung der menjchlichen Arbeit und in dem Erb⸗ gang ber Generationen. Died wird möglich durch die Gleichartig- feit der Menfchennatur und die im Dienft diefer Zwecke ftehende Einzelwiflenichaften der Syfteme der Kultur. 55 überfchauende Vernunft in ihr. Aus diefen Eigenjchaften ent- fpringt die Anpaffung de8 Handelns an den Ertrag der Arbeit bes Vorlebens, an die Mitwirkung der Thätigfeit der Gleichzeitigen. So greifen die weienhaften Lebenszwecke des Menſchen durch Ge⸗ ſchichte und Geſellſchaft hindurch. Die Wiſſenſchaft unternimmt nun, nach dem Satze vom Grunde, welcher allem Erkennen zu Grunde liegt, die Abhängig- feiten feftzuftellen, welche innerhalb eines ſolchen auf einem Be— ftandtbeil der Menfchennatur beruhenden, über das Individuum hinausgreifenden Zweckzuſammenhangs zwilchen den einzelnen pfy⸗ chiſchen oder pfychophyſiſchen Elementen beftehen, die ihn bilben, ſowie die Abhängigkeiten, welche zwiſchen ihren Eigenjchaften ftatt- finden. Sie beftimmt, wie Ein Element daß andere in dieſem Zweckzuſammenhang bedingt, von dem Auftreten Einer Eigenschaft in ihm da3 einer anderen abhängig ift. Da bieje Elemente bewußt find, können fie in gewillen Grenzen in Worten ausgedrückt werben. Daher bildet fich dieſer Zuſammenhang in einem Ganzen von Sätzen ab. Jedoch find diefe Sätze ſehr verjchiedener Natur; je nachden die piychiichen Elemente, welche in dem Zweckzuſammen⸗ bang verbunden find, vorwiegend dem Denken oder dem Fühlen oder dem Willen angehören, treten Wahrheiten, Gefühlsausſagen, Regeln auseinander. Und bdiefer Verjchiedenheit ihrer Natur ent- Ipricht die ihrer Verbindung, folgerichtig der Abhängigkeiten, welche die Wiſſenſchaft zwiſchen ihnen findet. Schon an dieſem Punkte kann eingejehen werden, daB es einer der größten Fehler der ab⸗ ftralten Schule war, alle diefe Verbindungen gleichmäßig ala Iogifche aufzufaffen, und ſonach ſchließlich alle dieſe geiftigen Zweck⸗ thätigkeiten in Vernunft und Denken aufzulöfen. Ich wähle für einen ſolchen Zwedzufammenhang den Ausdrud: Syftem. Die Abhängigkeiten, die jolchergeftalt in Beziehung auf den Zweckzuſammenhang von piychiichen oder pfychophyſiſchen Ele— menten inmerhalb eines einzelnen Syſtems beftehen, exiftiren zu⸗ nächſt in Bezug auf diejenigen Grundverhältniffe deſſelben, welche ihm an allen Punkten gleichförmig eigen find. Solche bilden die allgemeine Theorie eines Syſtems. Abhängigkeiten diejer 56 Erjtes einleitendes Bud). allgemeinften Art hat Schleiermacher innerhalb des Syſtems der Religion zwiſchen der Thatjache des religiöjen Gefühls und den Thatjachen der Dogmatif und philofophiichen Weltanſchauung, zwiſchen der Thatjache dieſes Gefühls und denen des Cultus jowie der religiöjen Geſelligkeit aufgeftelt. Das Thünen'ſche Ge- je drüdt da3 Verhältniß aus, in welchen die Entfernung vom Markte, indem fie die Verwerthung der Bodenprodufte beeinflußt, die Intenfität der Landwirthichaft bedingt. Solche Abhängigkeiten werden naturgemäß gefunden und dargeftellt in dem Bulammen- wirken der Analyfe des Syſtems mit dem Schluß aus der Natur der Wechſelwirkung der in ihm verbundenen pfychiſchen oder pigchophufiichen Elemente jowie der Bedingungen von Natur und Geſellſchaft, unter denen fie flattfindet. Alsdann beftehen Ab- bängigfeiten engeren Umfangs zwiſchen den Modifikationen dieſer allgemeinen Eigenjchaften eines Syſtems, welche eine Einzelge- ftalt deilelben bilden. So ift ein Dogma innerhalb eines religiöfen Einzeligftem3 nicht unabhängig von den anderen, welche in dem⸗ jelben mit ihm vereinigt find; ja die Hauptaufgabe der Dogmenge- Ichichte und Dogmatik, wie fie durch Schleiermachers tiefere Analyſe der Religion zu klarem Bewußtſein gelangte, wird darin liegen, an die Stelle eines untergefchobenen logischen Verhältniſſes von Ab⸗ hängigfeit, vermöge deflen nur ein Lehrſyſtem entiteht, in beiden Wiſſenſchaften die Art von Abhängigkeit der Dogmen untereinander zu jegen, welche in der Natur der Religion, ingbejondere des Chriſtenthums gegründet ift. Und zwar beruhen diefe Willenichaften von den Syſtemen der Kultur auf piychiichen oder pſychophyſiſchen Inhalten, und dieſen entiprechen Begriffe, welche von denen, die von der Individualpfychologie benußt werden, ſpecifiſch verjchieden find und verglichen mit ihnen ald Begriffe zweiter Ordnung im Aufbau der Geiſteswiſſenſchaften bezeichnet werden können. Denn die Inhaltlichkeit, wie fie in dem Beſtandtheil der Menſchen⸗ natur angelegt ift, auf welchem der Zweckzuſammenhang eines Syſtems beruht, bringt in der Wechſelwirkung der Indivi⸗ duen unter den Bedingungen bed Naturganzen, in geichichtlicher Sie weilen auf Piychologie und Erkenntnißtheorie zurüd, 57 Steigerung zufammengejeßte Thatjachen hervor, welche fih von der in der Piychologie entwickelten zu Grunde liegenden Inhalt⸗ lichkeit jelber unterjcheiden und die Grundlage der Analyfis des Syſtems bilden. So beherrjcht der Begriff der wiſſenſchaftlichen Ge⸗ wißheit in feinen verjchiedenen Geftalten, ala Neberzeugung von Wirk: lichkeit im Wahrnehmen, als Evidenz im Denten, als Bewußtſein von Nothmwendigleit gemäß dem Sa vom Grunde im Erkennen die ganze Theorie der Wiſſenſchaft. So bilden die piychophufiichen Begriffe von Bedürfniß, Wirthichaftlichkeit, Arbeit, Werth u. a. die nothivendige Grundlage für die von der politiichen Oekonomie zu vollziehende Analyſis. Und wie zwilchen den Begriffen, jo be= fteht (gemäß der Begriffe mit Säben verfnüpfenden Beziehung) zwilchen den fundamentalen Sätzen diefer Wiflenfchaften und den Ergebniſſen der Anthropologie ebenfalls ein Verhältniß, nach welchem fie ald Wahrheiten zweiter Ordnung in dem auffteigenden Zuſammenhang der Geifteswiflenichaften bezeichnet werden können. Wir können den Zuſammenhang der Argumentation, welchem diefe Analyje der Einzelwiſſenſchaften des Geiſtes gewidmet ift, nunmehr ein weitered Glied einfügen. Die Thatſachen, welche die Syſteme der Kultur bilden, können nur vermittelft der That⸗ fachen, welche die piychologiide Analyje erkennt, ftudirt werben. Die Begriffe und Süße, welche die Grundlage der Erkenntniß diefer Syſteme ausmachen, ftehen in einem Verhältniß von Ab» bängigfeit zu den Begriffen und Sätzen, welche die Piychologie entwidelt. Aber dies Verhältniß ift jo-veriwidelt, daß nur eine zujammenhängende erfenntniß-theoretifche und logiſche Grundlegung, welche von der bejonderen Stellung des Erkennens zu der ge- ſchichtlichen, der gejellichaftlichen Wirklichkeit ausgeht, die Lücke auzfüllen kann, welche zwiſchen den Einzelwifjenfchaften der pſycho⸗ phufiichen Einheiten und denen der politiichen Defonomie, des Rechts, der Religion u. a. bis heute befteht. Dieſe Lücke wird von jedem Einzelforſcher gefühlt. Die englifch-Franzöfiiche Wiflen- ſchaftslehre, welche auch bier ein bloßes Verhältniß der deduftiven und der indultiven Operation fieht, und daher auf dem rein logischen Wege durch Unterfuchhung der Tragweite diejer beiden 58 Erſtes einleitendes Bud). Dperationen die ſchwierige Yrage zu löſen glaubt, hat ihre Uns fruchtbarfeit nirgend deutlicher als in den weitläufigen Debatten über biejen Punkt dargethan. Die methodologiſchen Vorausſetzungen diejer Debatten find irrig. Die Frage ift nicht, wie dieſe Forſcher fie ftellen, ob ſolche Wiſſenſchaften einer deduktiven Entwidelung fähig jeien, welche dann einer induktiven Berifilation und An- paſſung an die complexen Verhältniſſe des thatlächlichen Lebens unterliege, oder ob fie induftiv zu entwideln und dann durch eine Deduktion aus der menſchlichen Natur zu betätigen ſeien. Diefe Trageftellung jelber ift in der MUebertragung eines abftraften Schema’3 aus den Naturwiflenichaften gegründet. Nur das Studium der Arbeit des Erkennens, welche unter den Bedingungen ber bejonderen Aufgabe der Geiſteswiſſenſchaften fteht, kann das Problem des bier beftehenden Zuſammenhangs auflöſen. Man könnte ſich nun vorftellen, ea gebe Wefen, beren Wechſel⸗ wirkung nur in einem ſolchen Sneinandergreifen pſfychiſcher Alkte in Einem oder einer Mehrheit von Syſtemen verlief. Man bächte fi dann alle Wirkungen folder Wejen ala ſähig in einen folden Zweckzuſammenhang einzugreifen und ſchränkte ihr ganzes Berhältniß zu einander auf diefe Fähigkeit ihre Zweckthätigkeit einem oder mehreren folder Zuſammenhänge anzupafien ein. Ob gleich ein jebe3 biejer Wejen jein Thun dem der vor oder neben ihm befindlichen anpafite, um es zweckmäßig einzurichten, verbliebe jedes berjelben für fi), nur die Intelligenz ftiftete zwiſchen ihnen einen Zuſammenhang, ſie rechneten auf einander, aber fein lebendiges Gefühl von Gemeinichaft bejtünde zwiſchen ihnen; fie vollzögen jo pünttlih und vollftändig, glei bewußten Atomen, bie Aufgaben ihrer Zweckzuſammenhänge, daß fein Zwang und fein Verband zwijchen ihnen nothwendig wäre. Der Menſch ift nicht ein Weſen folder Art. Es befteben andere Eigenschaften feiner Natur, welche in der Wechſelwirkung diefer piychiichen Atome zu den dargelegten noch andere conftante Beziehungen Hinzufügen, deren am meiften in's Auge fallenden von und als Staat bezeichnet werden. Es beiteht in Folge hiervon eine andere theoretiiche Betrachtung des gejellichaftlichen Lebens, Wiflenichaften der äußeren Organifation ber Gefellichaft. 59 welche in den Staatswiſſenſchaften ihren Mittelpunkt hat. Die regellofe Gewalt feiner Leidenjchaften jo gut ala fein inniges Bedürfniß und Gefühl von Gemeinſchaft machen den Dienfchen, wie ex Beftandtheil in bem Gefüge diefer Syfteme ift, fo zu einem Glied inderäußeren DOrganijation der Menjchheit. Bon der Struktur, welche ein Zuſammenhang pſychiſcher Elemente in dem Zweckganzen eines Syſtems zeigt, von der Analyfis derjelben, welche die Beziehungen in einem ſolchen Syſtem unterjucht, unterjcheiden wir die Struktur, welche in dem Berbande von Willenzeinheiten entfteht, und die Analyfis der Eigenfchaften der äußeren Organifation der Gejell- Ihaft, der Gemeinjamleiten, der Verbände, des Gefüges, dad in Herrſchaftsverhältnifſen und Außerer Bindung vom Willen entitebt. Die Grundlage, auf welcher biefe andere Form dauernder Beziehungen in der Wechſelwirkung beruht, reicht eben fo tief, ala die, welche die Thatjache der Syſteme hervorbringt. Sie liegt zu= nächit in der Eigenichaft des Menjchen, vermöge deren er ein ge- ſelliges Weſen if. Mit dem Naturzufammenhang, in welcher der Menſch fteht, den Gleichartigkeiten, die jo entipringen, den dauern⸗ den Beziehungen von pfychiichen Akten in Einem Menſchenweſen auf ſolche in einem anderen find dauernde Gefühle von Zuſammen⸗ gehörigfeit verbunden, nicht nur ein Taltes Vorftellen diejer Ver- hältnifje. Andere gewaltfamer wirkende Kräfte nöthigen die Willen zum Berbande zufammen: Interefje und Zwang. Wirken dieſe beiden Arten von Kräften nebeneinander: jo kann die uralte Streitfrage, welchen Antheil jede von ihnen an der Ent— ſtehung des Verbands, des Staates Habe, nur Durch Hiftorifche Analyfiz von Yal zu Fall aufgelöft werben. Natur und Umfang der Wiflenichaften, welche jo ent- ftehen, ergiebt fich erft näher aus der Erörterung ber Kulturſyſteme und ihrer Wiſſenſchaften. Bevor wir in dieje eintreten, ziehen wir zwei weitere Folgerungen in den Zufammenhang der Bewweisführung, welche durch diefe Analyfe der Geifteswifjenjchaften hindurch geht. Augenscheinlich befteht daſſelbe Verhältniß, vermöge. deſſen Begriffe und Säbe ber Wifienfchaften der Kultur von denen der Anthropologie abhängig waren, auch auf dieſem Gebiet ber 60 Erſtes einleitendes Buch. Wiſſenſchaften von der Äußeren Organijation der Gefellichaft. Die Thatjachen zweiter Orönung, welche bier die Grundlage bilden, werden an einem fpäteren Punkt erörtert werden, da fie erſt nach einer näheren Analyfi3 der Syſteme der Kultur mit hinreichender Deutlichkeit gefehen werden können. Aber wie wir fie auch ber ſtimmen werben, fie müſſen daffelbe Problem einjchließen, defien Borhandenjein Beweis für die Nothivendigkeit einer Wiſſenſchaft ift, welche unter den allgemeinen Bedingungen menjchlichen Er— kennens die Geftaltung des auf die gefchichtliche und gejellichaft- liche Wirklichkeit gerichteten Erkenntnißproceſſes unterjucht, eine Grenzen, feine Mittel, den Zuſammenhang der Wahrheiten dar- legt, in welchem voran zu fchreiten der Wille der Erkenntniß in der Menjchheit auf diefem Gebiet gebunden if. Die Lücke im Zuſammenhang des wiljenfchaftlichen Denkens hat ſich den Staats⸗ wiſſenſchaften jo fühlbar gemacht, ala denen der Religion oder politiichen Oekonomie. Faßt man alddann dad Verhältniß dieſer beiden Claſſen von Wiſſenſchaften zu einander in's Auge, jo entfteht bier für den Logiker eine Forderung an methodiſches Bewußtſein über den Zuſammenhang des Erlenntnikvorgangd, in dem dieje Einzel» wiſſenſchaften entftanden find, welche noch weiter führt. Die Wiſſenſchaften einer jeden dieſer beiden Clafſen können gemäß der Natur des Vorgangs von Zerlegung, in welchem fie fich Ihieden, nur in der beitändigen Relation ihrer Wahrheiten auf die in der anderen Claſſe gefundenen entwicdelt werden. Und innerhalb einer jeden dieſer Claſſen befteht daſſelbe Verhältniß, oder wie könnten die Wahrheiten der Wiſſenſchaft der Aeſthetik ohne die Beziehung zu denen der Moral wie zu denen der Re— ligion entwidelt werden, da doch der Urſprung der Kunft, die Thatjache des Ideals, in diejen lebendigen Zuſammenhang zurüd- weitt? Wir erkennen auch bier, indem wir analyfiren und den Theilinhalt abftralt entwickeln; aber Bewußtſein über diefen Zuſammenhang und Verwerthung deſſelben: das ift die große methodologiſche Anforderung, welche aus diefem That- beitand ent|pringt; nie barf die Beziehung bed jo gewifjermaßen Sie weilen auf Piychologie und Erfenntnißtheorie zurüd. 61 berauspräparirten Theilinhalte® auf den Organismus der Wirk- lichkeit, in welchem allein das Leben jelber pulfirt, vergefien werden, vielmehr Tann da8 Erkennen nur von diefer Beziehung aus den Begriffen und Säben ihre genaue Form geben und ihren angemefjenen Erkenntnißwerth zutheilen. Es war der Grunbfehler der abſtrakten Schule, die Beziehung des abftrabirten Theilinhaltes auf das lebendige Ganze außer Acht zu laſſen und fchließlich dieſe Abſtraktionen ala Realitäten zu behandeln. Es war der come plementäre, aber nicht minder verhängnikvolle Irrthum der hiſtoriſchen Schule, in dem tiefen Gefühl der lebendigen, irrational gervaltigen, alles Erkennen nad dem Sabe vom Grunde über- Ichreitenden Wirklichkeit au8 der Welt der Abftraktion zu flüchten. . XI. Die Wiſſenſchaften von den vyſtemen der Kultur. Den Ausgangspunkt für dag Verſtändniß des Begriffs von Syftemen des gejellichaftlichen Lebens bildet der Lebensreichthum be einzelnen Individuums felber, das als Beftandtheil der Gejell- haft Gegenstand der erften Gruppe von Wiſſenſchaften ift. Denken wir und einmal dieſen Lebensreichthum in einen gegebenen Individuum als gänzlich unvergleichbar mit dem in einem anderen und auf daſſelbe nicht übertragbar. Aladann könnten dieje Individua einander durch phyfiſche Gewalt bewältigen und unterjochen, allein fie bejäßen feinen gemeinfamen Inhalt, jedes wäre in fich jelber verichloffen gegen alle anderen. In der That giebt e in jedem Individuum einen Punkt, an welchem es ſich ſchlechterdings nicht einordnet in eine ſolche Coordination feiner Thätigfeiten mit an⸗ deren. Was von diefem Punkte auß in der Lebenzfülle des Individuums bedingt ift, das geht in Feines der Syſteme des gejellichaftlichen Lebens ein. Die Gleichartigfeit der Individuen ift die Bedingung dafür, daß eine Gemeinſamkeit ihres Lebens⸗ inhaltes da ift. — Denken wir und dann das Leben in einem jeden 63 Erftes einleitendes Buch. diefer Individua wohl vergleichbar und übertragbar, aber einfach und unzerleglich, alddann würde die Thätigkeit der Gejellichaft Ein einziges Syſtem bilden. Wir machen und die einfachften Eigen- ſchaften eines ſolchen Grundſyſtems Har. Daſſelbe beruht zunächft auf der Wechſelwirkung der Individuen in der Gejelichaft, fofern fie, auf der Grundlage eined denfelben gemeinfamen Beltand- theils der Menfchennatur, ein Ineinandergreifen der Thätigkeiten zur Tolge bat, in welchem diejer Beitandiheil der Menſchennatur zu feiner Befriedigung gelangt. Hierdurch unterjcheidet fich ein ſolches Grundſyſtem von jeder DVeranftaltung, welche nur ein Syſtem von Mitteln für die Bebürfniffe der Geſellſchaft in fich faßt. Geht man von der Wechjelwirtung von Individuen aus, fo unterfcheidet fich die direkte, in welcher ein Individuum A feine MWirtung auf B C D erftredt und von ihnen Einwirkung em= pfängt, von den indirelten, welche auf den Forkwirkungen der Veränderung in B auf R Z beruhen. Vermöge ber erfteren ent- fteht ein Horizont Direkter Wechſelwirkungen der einzelnen Indi⸗ viduen und dieſer ift für fie ein jehr verfchiedener. Die indirekten find in der Geſellſchaſt nur begrenzt durch die fie ver- mittelnden Bedingungen der Außenwelt. Ein ſolches Syſtem, wie es auf den direkten und indirekten Wechſelwirkungen von In⸗ dividuen in der Gejellihaft beruht, hat nothwendig die Eigen- Ichaften der Steigerung und Entwidlung Denn zu den Geſetzen der pinchiichen Lebendeinheit, welche Steigerung und Entwiclung bedingen, tritt das entiprechende Grundverhältnig ihrer Wechſel⸗ wirkungen, welchem gemäß Empfindungen, Gejühle, VBorftellungen bei ihrer Uebertragung von dem Individuum A auf dad B in A mit ihrer alten Stärke verbleiben, während fie auf B über- gehen. — Beltünde nun ein einziges folches Syftem, jo würde es da3 ganze Leben der Gefellichaft ausmachen; der Vorgang der Mebertragung in ihm und fein Inhalt wären ein und einfach. In Wirklichkeit ift der Lebensreichthum des Individuums in Wahr- nehmungen und Gedanken, in Gefühle, in Willensakte gejchieden. Gleichviel aljo, welche Sonderungen und Verbindungen in ihm ſonſt noch ftattfinden, ſchon hierdurch, vermöge der natürlichen — —— Die Wiſſenſchaften von den Syſtemen der Kultur. 63 Gliederung des piychiichen Lebens, ermöglicht diefer Lebensinhalt eine Verſchiedenheit der Syſteme im Leben der Gejellichaft. Diefe Syſteme beharren, während die einzelnen Individuen felber auf dem Schaupla des Lebens erſcheinen und von dem⸗ jelben wieder abtreten. Denn jedes ift auf einen beftimmten, in Modifitationen wiederkehrenden Beitandtheil der Perfon gegründet. Die Religion, die Kunft, das Recht find unvergänglich, während die Individua, in denen fie leben, wechjeln. So firömt in jeber Generation neu die Inhaltlichleit und der Reichthum der Dienfchen- natur, jofern fie in einem Beftandtheil derjelben gegenwärtig oder mit ihm in Beziehung find, in das auf diefen gegründete Syſtem ein. Iſt auch 3. 3. die Kunſt auf dad Vermögen der Phantafie, ala einen einzelnen Beftandtheil der Menjchennatur, gegründet: fo ift do in ihren Schöpfungen der ganze Reichthum der Menſchen⸗ natur gegenwärtig. Seine volle Realität, Objektivität empfängt da3 Syſtem aber erft Dadurch, daß die Außenwelt Einwirkungen von Individuen, die raſch vergänglich find, auf eine mehr dauernde oder fih wiedererzeugende Weile aufzubewahren und zu vermitteln die Fähigkeit hat. Dieje Verbindung von werthvoll nach dem Zweck eined ſolchen Syſtems geftalteten Beitandtheilen der Außenmelt mit der lebendigen, aber vorübergehenden Thätigkeit der Perſonen, erzeugt eine von den Individuen jelber unabhängige äußere Dauer und den Charakter von maffiver Objektivität diejer Syfteme. Und fo geftaltet fich jedes derjelben als eine auf einem Beftandtheil der Natur der Perfonen berubende, von ihm aus mannichfacdh ent» widelte Thätigfeitäweife, welche im Ganzen der Gejellichaft einem Zweck bderjelben genügt, und die mit denjenigen in der Außenmelt bergejtellten dauernden oder im Zuſammenhang mit der Thätigfeit fi) erneuenden Mitteln ausgeftattet ift, welche dem Zweck diejer Thätigfeit dienen. Das einzelne Individuum ift ein Kreuzungspunkt einer Mehr- beit von Syſtemen, welche fi) im Verlauf der fortichreitenden Kultur immer feiner pecialifiren. Ja derjelbe Lebensakt eines Individuums kann dieje Vielfeitigkeit zeigen. Indem ein Gelehrter ein Werk abfaßt, kann dieler Vorgang ein Glied in der BVerbin- 64 Erfted einleitendes Buch. dung von Wahrheiten bilden, welche die Wiſſenſchaft ausmachen; zugleich iſt derſelbe das wichtigſte Glied des ökonomiſchen Vor⸗ gangs, der in Anfertigung und Verkauf der Exemplare ſich voll⸗ zieht; derſelbe hat weiter als Ausführung eines Vertrags eine rechtliche Seite, und er kann ein Beſtandtheil der in den Ber- waltungszuſammenhang eingeordneten Berufsfunktionen des Ge— lehrten fein. Das Niederichreiben eines jeden Buchſtabens dieſes Werkes ift jo ein Beitandtheil all diefer Syſteme. Die abftrafte Wiſſenſchaft ftellt nunmehr dieſe jo in der geichichtlichegejellichaftlichen Wirklichkeit veriwebten Syſteme neben- einander. Wird doch der Einzelne in fie Hineingeboren und findet fie daher ala eine Objektivität fich gegenüber, die vor ihm war, nach ihm verbleibt und mit ihren Veranſtaltungen auf ihn wirft. So ftellen fie fich der wiſſenſchaftlichen Einbildungskraft ala auf fi jelber beruhende Objektivitäten dar. Nicht nur die Wirth: Ihaftsordnung oder die Religion, ſelbſt die Wiſſenſchaft ſteht ala eine ſolche bildlich vor und. Der umfaffende Schluß von der erſcheinenden Himmelskugel, von der täglichen und jährlichen Be— wegung der Sonne, den theilweije fo verichlungenen Bewegungen der Geitirne an ihr auf die wirklichen. Stellungen, Maſſen, Ve- wegungsformen, Geichwindigleiten der Körper im Weltraume eriftirt in feinen Gliedern für den heutigen Menſchen ala ein ob⸗ jektiver Thatbeftand, Theil des umfafjenderen der Naturwiſſenſchaft, ganz losgelöſt von den Perjonen, in denen er ſich vollzieht: ein Thatbeftand, zu welchem ſich der Einzelne ala zu einer geiftigen Wirklichkeit verhält. Indem jo diefe Syfteme nebeneinander der Analyfi3 unterworfen werden, können jolche Unterfuchungen nur in fteter Beziehung auf die andere Claſſe von Unterfuchungen angeftellt werden, welche Die Ge⸗ meinfamfeiten und Verbände innerhalb der gefchichtlich-gejellichaft« lichen Welt zu ihrem Gegenftande haben. Im Hinblid auf dieſe Beziehung tritt ein für die Conftitution diefer Wiſſenſchaften folgen- reicher Unterjchied zwiſchen den einzelnen Syſtemen hervor. Ein jedes berjelben entwickelt fich innerhalb bes Ganzen der gejchichtlich-gejellfchaftlichen Wirklichkeit. Denn jedes ift das Er- Ihr Studium m. dem d. äuß. Organijation d. Gefellichaft verbunden. 65 zeugniß eines Beſtandtheils der menfchlichen Natur, einer in ihm angelegten, durch den Zweckzuſammenhang des gejelljchaftlichen Lebens näher beftimmten Thätigkeit. Es ift in diefer der Gefell- ihaft aller Zeiten gemeinfamen Grundlage angelegt, wenn es auch erft auf einer höheren Kulturftufe zu abgelonderter und innerlich reicher Entfaltung gelangt. In einem ftärkeren oder geringeren Grade ftehen nun diefe Syfteme mit der äußeren Organifation der Gefellichaft in Beziehung, und bie DVerhältniß bedingt ihre nähere Geftaltung. Insbeſondere kann dag Studium der Syſteme, in welche das praktiſche Handeln der Gejelljchaft ich zerlegt Hat, von dem Studium des politifchen Körpers nicht getrennt werden, da fein Wille alle äußeren Handlungen der ihm unterivorfenen In—⸗ Dividuen beeinflußt. Die Beziehungen zwiichen den Syftemen der Kultur und der äußeren Organijation der Geſellſchaft. Das Recht. Das vorige Kapitel war der Darlegung des Unterſchieds zwilchen den Syftemen der Kultur und der äußeren Organifation der Gejellichaft gewidmet. Das Kapitel, in welchem der Leſer ſich befindet und das die Wiffenichaften von den Syftemen der Kultur behandelt, hat zunächft auf der Grundlage dieſer Darlegung ben Begriff eines Syſtems der Kultur entwidelt. Bon der Auffaffung des Unterſchieds zwiſchen den Syſtemen der Kultur und der äußeren Organijation der Gejellichaft wenden wir ung nun zu der Auffaffung der Beziehungen zwilchen ihnen. Goethe hat in feiner reifen Epoche, in welcher jeine natur= wiffenfchaftliche Betrachtungsweiſe durch den Yortgang zur Ber- gliederung der gefchichtlichen Welt erft zu einer MWeltanficht fich erweiterte, nach dem Tode feines Freundes Karl Auguft, aus der Einfamkeit von Dormburg (Juli 1828), feine Anficht der ge- ihichtlicden Welt folgendermaßen ausgedrüdt. Er geht von dem Blick auf das Schloß und die Gegend unter ihm aus; ſo entfteht ihm ein anfchauliches Bild für die abftrafte Wahrheit: „die ver- nünftige Welt ſei von Gefchlecht zu Geichlecht auf ein jolgerechtes Dilthey, Einleitung. 66 Erſtes einleitendes Buch. Thun entichieden angewieſen.“ Die Anficht der gejellichaftlich-ge- ſchichtlichen Wirklichkeit, welche fich Hieraus ergiebt, faßt er in dem „hoben Wort eined Weiſen“ zufammen: „die vernünftige Welt ift ala ein großes unfterbliches Individuum zu betrachten, welches unaufhaltiam dag Nothwendige bewirkt und dadurch ſich ſogar über da3 Zufällige zum Herrn erhebt." Diejer Sat begreift wie in einer Yormel dad in fi), was die hier verjuchte Weberficht über die geichichtlich-gejellfchaftliche Wirklichkeit und ihre Wiflen- Ihaften auf dem Wege einer allmäligen Zergliederung , welche bon den Individuen ala den Elementen der gejellichaftlich-geichicht- lihen Wirklichteit ausgeht, gewonnen bat und noch gewinnen wird. Die Wechſelwirkung der Individuen jcheint zufällig und unzuſammenhängend; Geburt und Tod und die ganze Zufälligfeit des Schickſals, die Leidenichaften und der beichräntte Egoismus, welche fich im Vordergrund der Bühne des Lebens jo breit machen: dies Alles ſcheint die Anficht der Menſchenkenner zu beftätigen, welche in dem Leben der Gejellichaft nur Spiel und Widerjpiel von Intereſſen der Individuen unter der Einwirkung des Zufalla erbliden, die Anficht des pragmatifchen Hiftoriferd, für welchen der Verlauf der Gejchichte fich ebenfalld in das Spiel der perjön- Iichen Kräfte auflöft. Aber in Wirklichkeit wird eben vermittelft diefer Wechſelwirkung der einzelnen Individuen, ihrer Leidenichaften, ihrer Eitelkeiten, ihrer Intereſſen der noth— wendige Zwedzujammenhang der Geſchichte der Menſchheit verwirklicht. Der pragmatifche Hiſtoriker und Hegel verjtehen einander nicht, da fie wie von der feſten Erde zu Iuftigen Höhen miteinander reden. Einen Theil der Wahrheit be- fitt doch jeder von beiden. Denn Alles was in diefer geichichtlich- gejellichaftlichen Wirklichkeit vom Menſchen bewirkt wird, geichieht vermittelt der Sprungfeder des Willend: in dieſem aber wirft der Zweck ald Motiv. Es iſt ſeine Beſchaffenheit, es ift das Allgemeingiltige und über das Einzelleben Hinausgreifende in ihm, gleichviel in welcher Formel man es falle, auf welchem der Zweck⸗ zuſammenhang beruht, der durch die Willen hindurchgreift. In dieſem Zweckzuſammenhang vollbringt das gewöhnliche Treiben Der Zweckzuſammenhang in der Gefellichaft. 67 der Menichen, dad nur mit fich jelber beichäftigt ift, Doch was es muß. Und felbft von den Handlungen ihrer Helden läßt bie Geſchichte dasjenige erfolglos verfinken, was fich dieſem Zweckzu⸗ ſammenhang nicht einorönet. Diefer große Zweckzuſammenhang verfügt aber in erfter Linie über zwei Mittel. Das erfte ift das folgerichtige Sneinandergreifen der einzelnen Handlungen der verichiedenen Individuen, aus welchem die Syſteme der Kultur hervorgehen. Daß andere ift die Macht der großen Willendein- heiten in der Gejchichte, welche ein folgerichtigeg Thun innerhalb der Gejellichaft vermittelft der ihnen untertworfenen Cinzelwillen berftellen. Beide wirken Zweckzuſammenhang, ja beide find leben⸗ diger Zweckzuſammenhang. Aber diefer verwirklicht ſich dort durch das Thun jelbftändiger vermöge der Natur der Sache einander in ihrem Thun angepaßter Individuen, bier durch die Macht, welche eine Willenzeinheit über die durch fie gebundenen Individuen übt. Freies Thun und Regulirung der Thätigkeit, Yürfichfein und Gemeinschaft ftehen fich Hier einander gegenüber. Aber dieſe beiden großen Thatbeſtände ſtehen, wie Alles in der lebendigen Gejchichte, miteinander in Beziehung. Die jelbftändige folge- richtige Thätigkeit der Einzelnen geftaltet bald Verbände zur Be— förderung ihrer Ziele, bald fucht und findet fie Stützpunkte in der vorhandenen Organijation der Gefellichaft oder fie wird dieſer Organifation auch gegen ihren Willen unterworfen. Weberall aber fteht fie überhaupt unter der allgemeinen Bedingung der äußeren Organiſation der Gejellichaft, welche dem jelbitändigen und folge- richtigen Thun der Einzelnen einen Spielraum fichert und eingrengt. Sp weiſen die Beziehungen, in denen die Syfteme der Kultur und die äußere Organijation der Geſellſchaſt in dem lebendigen Bmedzufammenhang der geichichtlich-gefelihaftlichen Welt zu ein- ander ftehen, auf eine Thatjache zurüd, welche die Bedingung alles folgerichtigen Thuns der Einzelnen bildet und in welcher noch Beides, Shfleme der Kultur und äußere Organifation der Gejell- ſchaft ungefchieden zuſammen ift. Diefe Thatlache ift das Recht. In ihm iſt in ungefonderter Einheit, was dann in Syſteme der 5* 68 Erſtes einleitendes Buch. Kultur und äußere Organiſation der Geſellſchaft auseinandergeht: ſo klärt die Thatſache des Rechts die Natur der Sonderung, die hier ſtattfindet, und der mannigfachen Beziehungen des Geſonder⸗ ten auf. In der Thatſache des Rechts ſind, als an der Wurzel des geſellſchaftlichen Zuſammenlebens der Menſchen, die Syſteme der Kultur noch nicht von der äußeren Organiſation der Geſellſchaft getrennt. Das Merkmal dieſes Thatbeſtandes iſt, daß jeder Rechts⸗ begriff das Moment der äußeren Organiſation der Geſellſchaft in ſich enthält. An dieſem Punkte erklärt ſich ein Theil der Schwierig⸗ feiten, welche fich dem entgegenitellen, der aus der Wirklichkeit des Recht einen allgemeinen Begriff defjelben abzuleiten beabfichtigt. Es erklärt fich zugleih, wie der Neigung eine Theils der po= fitiven Yorjcher, die Eine der beiden Seiten in der Thatfache des Rechts herauszuheben, ftet3 die Neigung eine® anderen Theils gegenübertritt, welcher dann die don jenem vernadjläjfigte Seite geltend macht. Das Recht ift ein auf das Rechtsbewußtſein ala eine be- ftändig wirkende pfychologifche Thatfache gegründeter Zweckzu⸗ lammenhang. Wer dies beftreitet, tritt in Widerlpruch mit dem realen Befund der Nechtögefchichte, in welchem der Glaube an eine höhere Ordnung, das Rechtsbewußtjein und dag pofitive Recht in einem inneren Zujammenhang mit einander ftehen. Er tritt in Widerſpruch mit dem realen Befund der lebendigen Macht des Rechtsbewußtſeins, welches über das pofitive Recht übergreift, ja fih demfelben entgegenftellt. Er verftümmelt die Wirklichkeit des Rechts (wie fie z. B. in der hiſtoriſchen Stellung des Gemohn- heitsrechtes erfcheint), um fie in feinen Vorſtellungskreis aufnehmen zu können. So opfert hier der ſyſtematiſche Geift, welcher fich in den Geiſteswiſſenſchaften jo felten der Grenzen feiner Leiftung bewußt ift, die volle Wirklichkeit der abftraften Anforderung an Einfachheit der Gedankenentwidlung. Aber diefer Zweckzuſammenhang des Rechts ift auf eine äußere Bindung der Willen in einer feften und allgemeingültigen Abmeſſung gerichtet, durch welche die Machtiphären der Individuen Die Natur des Rechts. 69 in ihrer Beziehung auf einander und die Welt der Sachen, ſowie auf die Gefammtwillen beftimmt werden. Das Recht eriftirt nur in biefer Funktion. Selbſt das Rechtsbewußtſein ift nicht ein theoretifcher Thatbeitand, ſondern ein Willendthatbeitand. Schon äußerlich angejehn ift der Zweckzuſammenhang des Rechts correlativ zu der Thatfache der äußeren Organijation der Gejellichaft: die beiden Thatſachen bejtehen jederzeit nur neben= einander, miteinander, und zwar find fie nicht als Urſache und Mirkung miteinander verbunden, jondern jede hat die andere zur Bedingung ihres Dafeind. Dies Verhältnig ift eine der jchiwierig- ften und wichtigſten Formen caujaler Beziehung; es kann nur in einer erfenntnißtheoretiichen und logiſchen Grundlegung der Geiftes- wiſſenſchaften aufgeklärt werden; und fo fügt fich Hier wieder ein Glied in die Kette unferer Beweizführung, welche zeigt, wie die pofitiven Wiſſenſchaften des Geiftes gerade an den für ihre ftrengere wiſſenſchaftliche Geftaltung entfcheidenden Punkten zurüdführen in eine grundlegende Wiſſenſchaft. Die pofitiven Forſcher, welche Klarheit fuchen, aber fie nicht durch Flachheit erfaufen wollen, finden fich beftändig auf eine folche grundlegende Wiſſenſchaft zu⸗ rüdgewielen. Inſofern nun dies correlative Verhältniß zwiſchen dem Smedzufammenhang des Rechts und der äußeren Organifation der Gejellichaft befteht, Hat da8 Recht, ala Zweckzuſammenhang, in weldem das Rechtsbewußtſein wirkſam iſt, den Geſammtwillen d. h. den einheitlichen Willen der Geſammtheit und ſeine Herr⸗ ſchaft über einen abgegrenzten Theil der Sachen zur Vorausſetzung. Der theoretiihe Sat, da der Zweckzuſammenhang des Rechtz, wenn man ihn hypothetiſch zufammen mit der Abweſenheit jeder Art von Geſammtwillen vorftellt, die Entftehung eines ſolchen Geſammt⸗ willen? zur Folge haben müßte, enthält feinen benußbaren Inhalt. Er jagt nur aus, daß in der menſchlichen Natur Kräfte wirkfam find und mit dem Zweckzuſammenhang, der vom Rechtsbewußt⸗ fein ausgeht, in Verbindung jtehen, welche diefer Zweckzuſammen⸗ hang alsdann mitzuergreifen vermögen würde, um fi) fo die Vorausſetzungen feiner Wirkfamkeit zu fchaffen. Weil diefe Kräfte vorhanden find, weil fie ald Sprungfedern des geiftigen Lebens 70 Erftes einleitendes Buch. in Wirkſamkeit find: darum ift eben, two menschliche Natur ift, auch äußere Organijation der Gejellihaft da und Hat nicht auf die Bedürfniffe der Rechtsordnung zu warten. Und eben jo wahr ala diefer Sab würde, entiprechend der angegebenen Zweiſeitigkeit in der Thatjache des Rechts, welche fich bis auf jeden Rechtsbe- griff erftredt, der correfpondirende Satz ſein, welcher von ber andern Seite in der Thatjache des Recht? ausginge. Denkt man fih die äußere Organifation der Gejellichaft, ettva als Yamilien- verband oder ala Staat, allein funktionivend: alddann würde die- jelbe die Beftandtheile der Menfchennatur ergreifen, welche um Rechtsbewußtſein wirkſam find, der Verband würde in fich eine Rechtsordnung entwideln, er würde in den feiten und allgemein giltigen Abmeffungen des Rechts die Machtiphären der ihm Unter: worfenen gegen einander, in Bezug auf die Sachen, im Verhältniß zu ihm jelber ordnen. Alfo die beiden Thatjachen des Zweckzuſammenhangs im Recht und der äußeren Organifation der Gejellichaft find correlativ. Aber auch diefe Einficht erjchöpft nicht die wahre Natur ihres Zuſammenhangs. Das Recht tritt nur auf in der Form von Imperativen, hinter welchen ein Wille ſteht, der die Abſicht hat, fie durchzu— ſetzen. Diefer Wille ift nun ein Geſammtwille d. h. der einheitliche Mille einer Geſammtheit; er hat in der äußeren Organilation der Gejellichaft feinen Sit: jo in der Gemeinde, dem Staat, der Kirche. Je mehr wir nämlich auf die älteften Zuftände der Ge- jellichaft zurüdgehn und und ihrer genealogijchen Gliederung nähern, um jo deutlicher finden wir den Thatbeſtand: die Macht- ſphären der Individuen in Bezug auf einander und in Bezug auf die Sachen find im Zufammenhang mit den Funktionen diejer Individuen in der Gefellfchaft, ſonach mit der äußeren Organi- fation diefer Gefellfchaft abgemefjen. Dir BVerjelbftändlichung des Privatrecht? gegenüber den Funktionen der Individuen und ihres Beſitzes in der Gejellichaft bezeichnet ein ſpätes Stadium, in welchem der anwachſende Individualismus die Rechtsentividlung beitimmt, und fie bleibt immer nur relativ. Da fo der Gelammt- Die Natur des Rechts. 7 wille unter Berüdfichtigung der Funktion der Einzelnen innerhalb der Organifation, welche er beherricht, die Rechte derjelben abmißt, fo Hat die Rechtöbildung in diefem Geſammtwillen ihren Sitz. Dem entiprechend ift es auch diefer Geſammtwille, welcher die von ihm aufgeftellten Imperative aufrecht erhält und ihre Ver— letzung zu ahnden den Antrieb jelbftverftändlich in ſich enthält. Und zwar beiteht diefer Antrieb und jtrebt fich durchzufeßen, mögen dem Geſammtwillen bejondere regelmäßige Organe für die Hormulirung und Promulgation jowie für die Vollziehung jeiner Imperative zu Gebote ftehen oder mögen dieje fehlen. Wie fie ja 3. B. nad) der einen Richtung im Gewohnheitsrecht, nad) der anderen im Bölferrecht wie Hinfichtlich der den Souverän ſelber betreffenden Säte im Staatsrecht nicht vorhanden find. Sonach wirken in ber Nechtöbildung der Geſammtwille, welcher Träger des Rechtes ift, und das Rechtsbewußtſein ber Einzelnen zuſammen. Dieje Einzelnen find und verbleiben leben⸗ dige rechtöbildende Kräfte; auf ihrem Rechtsbewußtſein beruht die Geftaltung des Rechtes einerſeits, während fie andrerjeit3 von der MWillengeinheit, die ſich in der äußeren Organijation der Gefell- ſchaft gebildet hat, abhängt. Das Recht Hat daher weder voll» fändig die Eigenschaften einer Funktion des Geſammtwillens noch vollftändig die eines Syſtems der Kultur. Es vereinigt weſent⸗ liche Eigenfchaften beider Claſſen von gejeltichaftlichen Thatſachen in ſich. Jenſeit dejjelben treten da® auf einander bezogene Thun der Ginzelnen, in weldhem ein Syftem der Kultur ſich ausbildet, und die Beiftungen von Gejammtmwillen, welche Glieder der äußeren Organifation der Gejellichaft find, in zunehmen- der Sonderung außeinander. Das Syſtem, welches die politifche Oekonomie analylirt, hat zwar feine Anordnung nicht durch den Staatswillen erhalten, aber e3 ift durch die ganze Gliederung des geichichtlich=gejellichaft- lichen Ganzen jehr beeinflußt und durch Anordnungen ſeitens des Staatswillens innerhalb der einzelnen politiichen Körper erheblich mitbeftimmt. Eo ftellt e8 fich unter dem einen Gefichtöpunft als 72 Erſtes einleitendes Bud. Gegenſtand einer allgemeinen Theorie, der Wirthſchaftslehre dar, unter dem anderen als Inbegriff von Einzelgeſtalten, von Volks— wirthichaftägangzen, deren jedes wie durch alles, was alle Volld- genofien zufammen beeinflußt, jo auch durch den Staatöwillen und die Rechtsordnung bedingt ift. Das Studium der allgemeinen Eigen= Ichaften des Syſtems, welche aus dem Beftandtheil der Natur des Menſchen, in welchem es gegründet ift, und den allgemeinen Be- dingungen der Natur und der Gefellichaft, unter denen e3 wirkt, berfließen, wird Hier ergänzt durch das Studium des Einflufles, welchen die nationale Organifation und die regelnde Einwirkung des Staatswillens augüben. In der Sittlichfeit löſt fich Schon auf dem Gebiet des praf- tiichen Handelns die innere Kultur von der äußeren Organijation der Geſellſchaft los. Wenn wir die Syſteme, in welche das praf- tiiche Handeln der Geſellſchaft fich zerlegt hat, verlaffen, finden wir dieſe Abfonderung überall. Sprache und Religion haben unter dem Einfluß der Gliederung der Menjchheit, der Strömungen der Geichichte, der Bedingungen der äußeren Natur, fi) zu mehreren abgegrenzten Ganzen entwidelt, innerhalb deren der Beftandtheil und Zweck des geiftigen Wirkens, der in feiner Sleichartigkeit Durch dag eine und dad andere Syſtem hindurchgeht, ſich zu einer Viel- heit bejonderer Geftalten der Anordnung entfaltet. Kunſt und Wiſſenſchaft find Weltthatfachen, die von feiner Schranke der Staaten oder der Völker oder der Religionen aufgehalten werden, jo mächtig auch dieſe Abgrenzungen des gejellichaftlichen Kosmos auf fie eingewirft haben und obwol fie in hohem Grade noch heute auf fie einwirken. Das Syſtem der Kunſt wie das der Wiſſenſchaft fünnen in den Grundzügen entwidelt werden, ohne daß die Einführung der äußeren Organifation der Geſellſchaft in die Unterfucjung für die Entwiclung diefer Grundzüge erforderlich wäre. Weder die Grundlagen der Aefthetit noch die der Willen _ ſchaftslehre fchließen den Einfluß des nationalen Charakter auf Kunft und Wiffenschaft oder die Wirkung von Staat und Ge- noſſenſchaften auf diefelben ein. Bon der Erörterung der Beziehung, in welcher die Syſteme Die Erkenntniß der Syſteme der Kultur. 73 der Kultur, um deren Erkenntniß es fich bier handelt, zu der äußern Organifation der Gefellichaft ftehen, wenden wir ung nun⸗ mehr zu den allgemeinen Eigenjchaften der Wiſſenſchaften von den Spitemen der Kultur ſowie zu den ragen über die Abgrenzung des Umfangs diefer Wiſſenſchaften. Die Erkenntniß der Syfleme der Kultur. Sittenlehre ift eine Wiſſenſchaft von einem Syftem ber Kultur. Die Erkenntniß eines einzelnen Syſtems vollzieht fich in einem Zuſammenhang methodilcher Operationen, welche durch die Stellung defielben innerhalb der gefchichtlich = gejellfchaftlichen Wirklichkeit bedingt ift. Ihre Hilfemittel find mannigfach: Zergliederung des Syſtems, Bergleihung der Einzelgeitalten, welche es in ſich faßt, Verwerthung der Beziehungen, in welchen die Unterfuchung3- gebiet einerjeit3 zu der pſychologiſchen Erkenntniß der Lebens⸗ einheiten fteht, welche die Elemente der dad Syſtem bildenden Wechſelwirkungen find, andrerjeit3 zu dem gefchichtlich-gejellichaft- lichen Zuſammenhang, aus welchem e3 für die Unterfuchung aus: gejondert ift. Aber der Erfenntnißvporgang jelberiftnur Giner. Die Unhaltbarkeit der Sonderung philofophifcher und pofi- tiver Unterfucjung ergiebt ſich einfach daraus, daß die Begriffe, deren fich dieſe Erkenntniſſe bedienen (3. B. im Recht der Wille, die Zurechnungsfähigfeit 2c., in der Kunſt die Einbildungskraft, das Ideal 2c.), ſowie die elementaren Süße, zu welchen fie gelangen oder von denen fie ausgehen (3. B. das Prinzip der Wirthichaftlichkeit in der politischen Delonomie, das Prinzip der Metamorphoje der Borjtelungen unter dem Einfluß des Gemüthslebend in der Aeſthetik, die Denkgeſetze in der Wiſſenſchaftslehre), nur unter Mit- wirkung der Piychologie zureichend feitgeftellt werden fünnen. Ja die großen Gegenfäke felber, welche die pofitiven Forſcher in Be— zug auf die Auffaffung diefer Syſteme trennen, können nur mit Hilfe einer wahrhaft defcriptiven Piychologie eine Löſung finden, weil fie in der Verjchiedenheit des typilchen Bildes der menjc)= lichen Natur, das den Forſchern vorjchiwebte, mitbegründet waren. 74 Erſtes einleitendbes Buch. Ich erläutere diefen wichtigen Punft an einem hervorragenden Beilpiel. Die Ableitung der Sprache, der Eitten, des Recht? aus verftandesmäßiger Erfindung hat lange aud) die pofitiven Wiſſen⸗ Ichaften diefer Syfteme beberricht; dieſe pſychologiſche Theorie wurde abgelöft durch die großartige Anſchauung eines unbewußt in der Weile de Fünftleriichen Genius ſchaffenden Volksgeiſtes, eine organischen Wachsthums feiner Hauptlebensäußerungen. Diele Theorie, getragen durch die metaphyſiſche Formel eines unbewußt Ihaffenden Weltgeiftes, verfannte aber, mit derjelben piychologijchen Einſeitigkeit als jene ältere, den Unterjchied zwijchen den Schöpfungen, welche auf einem gefteigerten Vermögen der Anjchauung beruhen, und denen, welche die Harte Arbeit des DVerftandes und die Bes rechnung hervorbringt. Jene wirkt unbewußt in der gejegmäßigen Entfaltung ihrer Bilder, wie man dies ſchon an den von Johannes Müller zuerft aufgededten elementaren Proceſſen ftudiren kann: von pfochologifchen Unterfuchungen in diefer Richtung wird dag Derftändniß der Geftaltungen im Syſtem der Kunft mitbedingt !). Verſtand, der in Begriffen, Formeln und Inftitutionen arbeitet, ift anderer Art. Sp hat Ihering den Nachweis unternommen, daß die Begriffe und Formeln des älteren römijchen Rechts das Er- gebniß bemußter, verftandesmäßig gefchulter juriftiicher Kunft find, harter Arbeit juriftiichen Denkens, welcher Vorgang freilich nicht in feiner urjprünglichen flüſſigen Geftalt erhalten ift, ſondern „ob⸗ jetivirt und comprimirt auf Heinjten Raume, d. h. in Geftalt von Rechtsbegriffen“. Die juriftiiche Meihode als die des zer- legenden Verſtandes, gegenüber ihrem Material, den realen Lebens⸗ verhältniffen, wird von Ihering zuerft an der Struktur des älteren römiſchen Proceffe und des Rechtögejchäftes aufgezeigt, alsdann an der Struktur der materiellen Recht2begriffe diejer älteren 1) Joh. Müller zuerft in feiner Schrift über die phantaftiichen Geſichts⸗ ericheinungen. Goblenz. 1826. Ich habe einen Verſuch gemacht, die Ein: bildungskraft bed Dichters durch eine Verknüpfung ber hiftorifchen mit den piychologiichen und pſychophyſiſchen Thatſachen aufzuklären: über die Ein: bildungskraft der Dichter, Zeitichrift für Völkerpigchologie und Sprachwifſen⸗ ſchaft. Bd. X, 1878. ©. 42—104. X Die Erlenntnit ber Syfteme der Kultur. 5 römischen Jurisprudenz. Faßt man dieſes Problem für das Syftem des Rechts allgemein und vergleichend, jo kann die Mit- wirkung der Piychologie nicht entbehrt werden, und Ihering jelber hat, indem er von feinem Geift des römijchen Rechts zu dem Merle über den Zweck im Recht vorandrang und den Nachweis unternahm, daß „der Zweck die Grundlage des ganzen Rechts⸗ ſyſtems ſei“, fich entichließen müflen, „auf feinem Gebiet Philo- fophie zu treiben“ d. h. eine piychologiiche Grundlegung zu fuchen. Diefe einzelnen Syfteme und ihr Zufammenhang im Leben der Gefellichaft Fönnen nur in dem Zujammenhang der Unter- juchungen felber, an deren Eingang wir und befinden, aufgefunden werden. Inzwiſchen ftehen diefelben vor der Betrachtung wie anjchauliche mächtige objektive Thatjachen. Der menschliche Geift bat fie zu ſolchen geftaltet, bevor er fie wiſſenſchaftlich be= trachtet Hat. Es giebt ein Stadium in der Entwidlung biefer Spfteme, in welchen das theoretifche Nachdenken von dem prak— tiichen Wirken und Bilden noch ungefchieden if. So war der⸗ jelbe Verftand, welcher fich ſpäter der bloß theoretijchen Begrün- dung und Erklärung des Rechts, des wirthichaftlichen Lebens zumandte, zunächft mit der Geftaltung diefer Syſteme beichäftigt. Einige unter diefen mächtigen Realitäten (ala ſolche erjcheinen fie wenigſtens der wiflenichaftlichen Einbildungsfraft), wie die Religion und dad Recht, Haben fich zu jehr umfangreichen Syſtemen von Wiſſenſchaſten ausgebildet. So viel ich jehe, Jcheint nur die Betrachtung der Gebiete des Recht? und der Sittlichkeit Schwierigkeiten darbieten zu können, wenn man die bier dargelegte Auffaflung von Grundfyftemen der Gefellichaft auf den Beſtand der pofitiven Wiſſenſchaften des Geiftes anwendei. — Dieje Schivierigkeiten find in Bezug auf ba Recht ganz andere ala in Bezug auf die Sittlichkeit und fie find in dem Vorhergehenden aufzulöjen verjucht worden. Die Wiflen- Ichaften des Recht? können dem Entwickelten zufolge von denen der äußeren Organilation der Gejellichaft nur in einer unvoll- fommenen Weile getrennt werden, denn in dem Recht iſt der Charakter eines Syſtems der Kultur von dem eines Beitandtheils 76 Erſtes einleitendes Buch. der äußeren Organifation nicht gejchieden und e3 vereinigt weſent⸗ liche Eigenichaften beider Claſſen von gejellichaftlichen Thatſachen in ſich. — Ein Bedenken ganz anderer Art ſcheint fich zu erheben, wenn man bie GSittlichkeit ala ein ſolches Syſtem auffaßt, das auch eine Funktion in dem gejellichaftlichen Leben Hat, die Sittenlehre ala eine Wiflenfchaft eine ſolchen Syſtems der Kultur. Nicht ala eine jolche Objektivität, jondern ala ein Im perativ des perjünlichen Lebens ift fie gerade von einigen ſehr tiefen Forichern aufgefaßt worden. Selbſt ein PHilofoph von der Richtung Herbert Spencer’3 hat in dem Plan feines Rieſenwerkes die Ethik, „die Theorie über das rechtichaffene Leben“ als ben Schlußtheil deflelben von der Soriologie getrennt. So ift unum- gänglich, diefe Inſtanz gegen die vorliegende Borftellung in's Auge zu fallen. In der That eriftirt ein Syftem der Sittlichfeit, mannig« fach abgeftuft, in langer geichichtlicher Entwidlung erwachſen, örtlich vielfach jelbftändig geartet, in einer Vielfachheit von Yormen aus⸗ geprägt: eine nicht minder mächtige und wahrhafte Realität als Religion oder Recht. Sitte, ala die Regel, dad Wiederkehrende, die Form des Stetigen und Allgemeinen in Handlungen, bildet nur die neutrale Grundlage, die ſowohl den Erwerb aufgefundener Zweckmäßigkeit des Handelns, dad unter möglichit geringem Widerſtand fein Ziel erreichen will, in fich faßt, ala den an- gefammelten Reichtum von Dlarimen der Sittlichkeil, felbft eine Seite des Gewohnheitsrechts, nach welcher es den Inbegriff ge= meinfamer Recht3überzeugungen umfaßt, fofern fie durch Uebung ih ala beherrichende Macht über die Einzelnen manifeftiren. Mie denn Ulpian die mores definirt als tacitus consensus po- puli, Jonga consuetudine inveteratus’). Die Sitte grenzt ſich nad) Völkern und Staaten deutlich ab. Dagegen bildet die Sitt- lichkeit ein einziges Idealſyſtem, das durch den Unterjchied von Gliederungen, Gemeinichaften, Verbänden nur modiftcirt wird. Die Erforihung dieſes Idealſyſtems vollzieht fich in der 1) Ulpiani fragm. prince. $ 4 [Huschke)]. Sittlichkeit ein Syſtem ter Kultur. 77 Berbindung piychologiicher Eelbftbefinnung mit der Vergleichung feiner Modifilationen bei verjchiedenen Völkern, für welche von allen Gejchichtichreibern Jakob Burdhardt den tiefften Blick ges zeigt hat. Diejeg Syſtem der Eittlichkeit befteht nicht in Handlungen der Menſchen, ja fann nicht einmal an dieſen zunächſt ſtudirt werden, ſondern es befteht in einer beflimmten Gruppe von Thatſachen des Bewußtfeind und demjenigen Beftandtbeil der menschlichen Handlungen, welcher durch fie hervorgebracht wird. Wir juchen zunächſt dieje Thatfachen des Bewußtſeins in ihrer Bollftändigkeit aufzufallen. Das Sittliche ift in einer doppelten Form vorhanden, und die beiden Geftalten, in denen es erjcheint, wurden Ausgangspunkte für zwei einfeitige Schulen der Moral. 63 ift da ala Urtheil des Zuſchauers über Handlungen und ala ein Beftandtheil in den Motiven, welcher ihnen einen von dem Erfolg der Handlungen in der Außenwelt (ſonach der Zweck— mäßigfeit berjelben) unabhängigen Gehalt giebt. Es ift in beiden Geſtalten daſſelbe. In der einen erjcheint es ala in der Motivation lebendige Kraft, in der anderen als von außen gegen die Hand— lungen anderer Individuen in unparteiifcher Billigung oder Miß- billigung reagirende Kraft. Diefer wichtige Sat kann folgender: maßen beiviefen werden. In jedem all, in welchen ich mich als Handelnder unter der Nöthigung einer moralifchen Berbind- lichkeit befinde, läßt fich diefe in demjelben Eat ausdrücken, welcher meinem Urtheil als Zufchauer zu Grunde liegt. Indem die Ethik bisher immer eine von beiden Geftalten zu Grunde legte, Kant und Fichte dag Sittliche als in der Motivation lebendige Kraft, die hervorragenden engliſchen Moraliften und Herbart ala eine von außen gegen die Handlungen Anderer reagirende Kraft: gingen fie der allfeitigen, ganz gründlichen Einficht verluftig. Dem Bei- fall und Mißfallen des Zufchauerd enthalten da3 Eittliche zwar ungefondert (ein unjchäßbarer Vortheil), aber in abgeblaßter Form. Zumal die innere Verbindung des Beweggrundes mit dem ganzen Inhalt des Geiftes, wie fie in den ſittlichen Kämpfen des Han— delnden mit folcher Gewalt an das Licht gebracht wird, ift hier 78 Erſtes einleitendes Bud). ganz abgeſchwächt. Wo andrerjeit? das Sittliche in der Motivation jelber zum Gegenftand der Unterfucfung gemacht wird, ift die Analyje fehr ſchwierig. Denn nur der Zuſammenhang zwifchen Motiv und Handlung ift ung in klarem Bewußtſein gegeben; Die Motive aber treten auf eine und räthjelhafte Weile hervor. Daher iſt der Charakter des Menfchen diefem felber ein Geheimniß, welches ihm nur jeine Handlungsweiſe theilweile fichtbar macht. Durch⸗ fichtigkeit de Zufammenhangd von Charakter, Motiv und Hand- lung eignet den Geftalten des Dichters, nicht der Anjchauung des wirklichen Lebens, und fo Tiegt auch daB Aeſthetiſche in der Er- icheinung des wirklichen Menſchen darin, daß über feinen Hand⸗ lungen noch ein Abglanz der berborbringenden Seele leuchtender al® über denen der anderen Menfchen liegt. An diefer Doppelgeftalt durchwirkt nun das fittliche Bewußt⸗ fein in einem unendlich verziweigten Spiel von Wirkungen und Reaktionen die ganze bejeelte Gejellichaft. Dem Entwickelten ent- Iprechend kann das Bewegende in ihm in zwei Formen von Kräften zerlegt werden. Es wirkt zunächſt direkt, ala Ausbildung eined moralifchen Berwußtjeind und unter jemem Antrieb ftehende Regelung der Handlungen. Alles was dad Leben für den Menſchen lebenawerth macht, ruhet auf dem Grunde de Gewiſſens: denn wer Gefühl feiner Würde Hat und darum dem, was fonft ſich wandeln kann, gefaßt in's Auge blickt, bedarf doch dieſes Fun— damentes nicht nur bei fich, fondern auch bei denen, die er liebt, um leben zu können. Die andere Form von pigchologiicher Kraft, durch welche das fittliche Bewußtſein in der Geſellſchaft wirkt, ift indirekt. Das moraliiche Bewußtfein, das filh in der Geſellſchaft ausbildet, wirkt ala ein Drud auf den Einzelnen. Gerade hierauf iſt es gegründet, daß Sittlichkeit ala ein Eyftem über den weiteſten Umkreis der Geſellſchaft herricht und fich die mannigfachften Be— weggründe in ihr unterwirft. Sklaven gleich, dienen gezwungen dieſer Macht des fittlichen Syſtems auch die niedrigften Motive. Die öffentliche Meinung, das Urtheil der anderen Menjchen, die Ehre: diefe find die ftarken Bänder, welche die Geſellſchaft da zu= fammenhalten, wo der Zwang, den das Recht übt, verfagt. Und Sittlicyfeit ein Syſtem ber Kultur. 9 wenn ein Menjch auch ganz liberzeugt wäre, daß die Mehrzahl der ihn Verurtheilenden ganz jo Handeln würde, ala ex jelber gehandelt Hat, falls fie nur dem Urtheil der Welt fich dabei zu entziehen vermöchten: auch die hebt den Banıı nicht auf, unter dem jeine Seele fteht, wie das Raubthier unter dem Bann der Augen eines muthigen Menfchen, wie der DBerbrecher unter dem Bann der Hundert Augen des Geſetzes. Will er diefer Totalmafie der öffentlichen fittlichen Meinung fich wirklich entziehen, jo erträgt er nur dann die Wucht ihres Anpralls, wenn er zufammenfteht mit Anderen, in einer anderen Atmosphäre von öffentlicher Mei⸗ nung, welche ihn trägt. Dieje regulirende Gewalt des fittlichen Geſammtgewiſſens bewirkt andrerjeit3 im Beginn der perjönlichen Entwidlung, ſowie für die nicht fittlich ſelbſtändig Fühlenden, ja im Einzelnen ſchließlich auch für die fittlich Höchititehenden die Uebertragung des Gejammtergebnifjes der fittlichen Kultur, welches Niemand in jedem Moment des bewegten Leben ganz jelbitändig in feinen mannigfachen Verzweigungen in ſich berborzubringen vermöchte. So bildet ſich in der Geſellſchaft ein ſelbſtändiges Syſtem der Sittlichkeit aus. Neben dem des Rechtes, das auf den äußeren Zwang angewieſen iſt, regulirt es mit einer Art von innerem Zwang das Handeln. Und die Moral hat ſonach in den Geiſteswiſſenſchaften nicht ihre Stelle als bloßer Inbegriff von Imperativen, der das Leben des Einzelnen regelt, ſondern ihr Gegenſtand iſt eines der großen Syſteme, welche im Leben ber Geſellſchaft ihre Funktion Haben. An den Zufammenhang diefer Syfteme, welche in direkter Weile Zwecke verwirklichen, die in den DBeitandtheilen der menschlichen Natur angelegt find, ſchließen fich die Syſteme von Mitteln, welche in dem Dienfte der direkten Zwecke des gejellichaftlichen Lebens ftehen. Ein ſolches Syſtem von Mitteln ift die Erziehung. Aus den Be- dürfniffen der Gejellichaft entftanden die einzelnen Schulförper, ala Leiftung von Privatperfonen jowie von Verbänden, aus un- Iheinbaren Anfängen: differenzirten fich, traten in Verbindung untereinander, und nur allmälig, nur theilweiſe wurde das 80 Erſtes einleitendes Buch, Erziehungäwelen in den Zuſammenhang der Staatöverwaltung jelber aufgenommen. Diefe Syſteme erlangen in der Gejellichaft vermöge der beftändigen Anpaſſung Einer Einzelthätigfeit in ihnen an die andere, jowie vermöge der einheitlichen Zweckthätigkeit der zu ihnen gehörigen Verbände eine allgemeine Anpaffung ihrer Funk— tionen und Leiſtungen aneinander, welche ihrer inneren Beziehung gewiſſe Eigenjchaften eined Organismus giebt. Die menfchlichen Lebenszwecke find Bildungskräfte der Gejellichaft, und wie ver- mitteljt ihrer Gliederung die Syſteme außeinandertreten: bilden diefe Syiteme untereinander eine ent|prechende Gliederung höherer Ordnung. Der lebte Regulator diejer vernünftigen Zweckthätig— feit in der Gejellichaft ift der Staat. XI. Die MWillenfihnften der ünßeren Organifation der Gefellfdaft. Die pfychologiſchen Grundlagen. Bon diefen Willenichaften, welche die Syſteme der Kultur ſowie die in diefen Syſtemen ausgebildete Inhaltlichkeit zum Objekte Haben, fie in gejchichtlichem Erfaffen, in Xheorie und Regelgebung erforſchen, trennte ein überall gleichförmig durch— geführter Vorgang von Abftraktion die anderen Willenjchaften, deren Gegenstand Die äußere Organilation der Gejellichaft iſt. In den Willenfchaften von den Syſtemen der Kultur werden die pfochifchen Elemente in verjchiedenen Individuen zunächſt nur als in einem Zweckzuſammenhang geordnet aufgefaßt. Es giebt eine hiervon verjchiedene Betrachtungsweiſe, welche die äußere Organisation der Geſellſchaft betrachtet, ſonach die Verhältniſſe von Gemeinjchaft, äußerer Bindung, Herrichaft, Unterordnung der Willen in der Geſellſchaft. Diefelbe Richtung der Abſtraktion Pſychologiſche Grundlagen d. äuß. Organifation d. Geſellſchaft. 81 ift wirkſam, wenn die politiiche Gefchichte von der Kulturgejchichte unterjchieben wird. Insbeſondere die dauernden Geftaltungen, welche in dem Leben der Menjchheit, auf der Baſis der Gliede- rung derſelben in Völker, auftreten und welche vor Allen die Träger ihres Fortichritts find, fallen unter diefen doppelten Gefichtäpunft von Beziehungen pfychiſcher Elemente in verjchiedenen Individuen innerhalb eines Zweckzuſammenhangs zu einem Kulturſyſtem, und von Bindung der Willen nad) den Grundverhältnijlen von Ge- meinschaft und Abhängigkeit zu einer äußeren Organifation der Geſellſchaft. Ich erläutere dieſen Begriff der äußeren Organiſation. Das Erlebniß, vom Subjekt aus angeſehen, iſt, daß daſſelbe ſeinen Willen in einem Zuſammenhang äußerer Bindungen, in Herrſchafts⸗ und Abhängigkeitsverhältniſſen gegenüber Perſonen und Sachen, in Gemeinſchaftsbeziehungen findet. Dieſelbe ungetheilte Perſon iſt zugleich Glied einer Familie, Leiter einer Unternehmung, Gemeindeglied, Staatsbürger, in einem kirchlichen Verbande, dazu etwa Genoſſe eines Gegenſeitigkeitsvereines, eines politiſchen Ver⸗ eines. Der Wille der Perſon kann ſo auf höchſt vielfache Weiſe verwoben ſein, und wirkt dann in jeder dieſer Verwebungen nur vermittelſt des Verbandes, in welchem er ſich befindet. Dieſer That⸗ beſtand, zuſammengeſetzt wie er iſt, hat eine Miſchung von Macht— gefühl und Druck, von Gefühl der Gemeinſchaft und des Yürfich- jeind, von Außerer Bindung und Freiheit zur folge, welche einen weientlichen Beftandtheil unferes Selbſtgefühls bildet. Objektiv angefehen, finden wir in der Gejellichaft die Individuen nicht nur durch Correſpondenz ihrer Thätigkeiten aufeinander bezogen, nicht al3 nur in ſich ruhende oder auch in der freien fittlichen Tiefe ihres Weſens einander Hingegebene Einzelweſen, jondern diefe Ge⸗ jellichaft bildet einen Zufammenhang von Verhältniſſen der Ge- meinjchaft und Bindung, in welchen die Willen der Individuen eingefügt find, gleichfam eingebunden. Und zwar zeigt und ein Bid auf die Gejellichaft zumächft eine unermeßliche Anzahl ver⸗ ſchwindend Kleiner, raſch vorübergehender Beziehungen, in welchen Willen vereinigt und in Bindungsverhältnik erſcheinen. Alsdann Dilthey, Einleitung. 82 Erſtes einleitendes Buch. entſpringen dauernde Verhältniſſe dieſer Art aus dem wirthſchaft⸗ lichen Leben und den anderen Kulturſyſtemen. Vor Allem aber: in Familie, Staat und Kirche, in Körperſchaften und in Anſtalten find Willen zu Verbänden zuſammengefügt, durch welche eine theil- weile Einheit derjelben entfteht: dies find conftante Gebilde von freilich jehr verjchiedener Lebensdauer, welche beharren, während Individuen ein» und auätreten, wie ein Organismus beharrt troß des Eintritt? und Austritts der Molecüle und Atome, au denen er beiteht. Wie viele Gejchlechter der Menſchen, wie viele Geftal- tungen der Geſellſchaft hat die mächtigfte Organifation, welche der Boden dieſer Erde bisher getragen hat, die katholiſche Kirche, fommen und gehen fehen, von der Zeit, in welcher Sklaven neben ihren Herren zu den unterixdiichen Grüften der Märtyrer Ichlichen, zu der Zeit, in welcher in ihren mächtigen Domen der adlige Grund- herr und der leibeigene Mann, dazwiſchen ein freier Bauer, der Innungsgenoſſe aus der Stadt und der Mönch vereinigt waren, bi8 zu dem heutigen Tag, an dem dieje bunte Gliederung in dem modernen Staat großentheild untergegangen ift! So find in der Geſchichte Verbände der verichiedenftern Lebensdauer ineinanderver- flochten. Indem dad Verbandaleben der Menſchheit eine Generation mit der anderen in einem fie überdauernden Gebilde verfnüpft, ſammelt fi} in der fefteren Yorm, die fo entiteht, fichrer, behüte⸗ ter, wie unter einer ſchützenden Bededung, der durch Die Arbeit des Menjchengeichlechtes innerhalb der Kulturſyſteme wach⸗ jende Erwerb. So ift Afjociation eine der mächtigften Hilfamittel des geichichtlichen Fortſchritts. Indem fie die Gegentwärtigen mit denen vor ihnen und nach ihnen verknüpft, entftehen willenamächtige Einheiten, deren Spiel und Widerjpiel das große Welttheater der Geſchichte erfüllt. Keine Phantafie kann die Fruchtbarkeit dieſes Prinzips in der künftigen Geltaltung der Gejellichaft ausdenken. Vermochte doch die Menſchenbeobachtung eined Kant dad Traum⸗ bild vor feiner Seele nicht zu verfcheuchen, welches zu dem Gefühl von Verwandtſchaft, dad die Menfchheit einjchließt, zu der Coordi⸗ nation unfrer Thätigkeiten und unjerer Zivede, zu der örtlichen Vereinigung auf diefer Erde, als unfrem gemeinfamen Wohnhaufe, Piychologiiche Grundlagen b. äuß. Organifation db. Geſellſchaft. 88 auch die äußere Verbindung hinzudachte: eine das ganze Menjchen- geſchlecht umfpannende Affociation. Zwei pſychiſche Thatfachen liegen diejer äußeren Organifation der Menjchheit überall zu Grunde. Sie gehören ſonach zu den pfychiſchen Thatfachen zweiter Ordnung, welche für diefe theore- tiihen Einzelwiſſenſchaften der Geſellſchaft grundlegend find. Eine von ihnen ift in jeder Art von Gemeinſchaft und Be- wußtjein von Gemeinschaft vorliegend. Wird fie mit dem Ausdrud: Gemeinfinn oder Gejelligkeitätrieb bezeichnet, jo muß, wie bei der Unterjcheidung von Vermögen rüdfichtlich der piychi- ſchen Thatjachen erfter Ordnung, feitgehalten werden, daß dies nur ein zufammenfaffender Ausdruck für das diefer Thatfache zu - Grunde liegende x ift; daſſelbe kann ebenjogut eine ‘Mehrheit von Faktoren enthalten ala eine einheitliche Grundlage. — Die That: ſache felber aber ift dieſe: mit jehr verſchiedenen piychiichen Be— ziehungen zwiſchen Individuen, mit dem Bewußtſein gemeinfamer Abſtammung, mit örtlihem Zuſammenwohnen, mit der Gleich- artigfeit der Individuen, die in ſolchen Verhältniffen gegründet ift (denn Ungleichheit ift nicht ala jolcje ein Band von Gemeinſchaſt, fondern nur fofern fie ein Sneinandergreifen der Verſchiedenen zu einer Leiftung ermöglicht, jei fie auch nur die eines geiftreichen Geſprächs oder eines erfrilchenden Eindruds in der Einförmig- feit des Lebens), mit der mannigfachen Zuſammenordnung durch die im piychiichen Leben angelegten Aufgaben und Zwecke, mit dem Thatbeftand von Verband it in irgend einem Grade ein Gemein- ſchaftsgefühl verknüpft, wofern es nicht durch eine entgegenftehende pigchiiche Einwirkung aufgehoben wird. So ift mit der Zweck⸗ porftellung eines Thun und den ihr verbundenen Antrieben in A, welche auf den ent|prechenden mitwirkenden Vorgang in B und C rechnen, in A ein Gefühl von Zujammengehörigfeit und Gemein- ſchaft verwebt: eine Solidarität der Intereſſen. Wir können die beiden piychiichen Thatbeſtände, das Verhältniß, daß zu Grunde liegt, und das Gemeinſchaftsgefühl, vermöge deſſen es fich gewiſſer⸗ maßen im Gefühlaleben reflektirt, von einander deutlich ſondern. — Seder Kunft der Analyje }pottet nun die außerordentliche Mannig⸗ 6* 84 Erftes einleitendes Buch. faltigfeit, die Yeinheit der Unterichiede, in welcher dies für das geichichtlich-gejellichaftliche Leben jo wichtige Gefühl bie äußere Organifation der Menſchheit durchzittert und mit feiner Innigkeit belebt. Die Analyſe defjelben bildet daher eines der fundamentalen Probleme diejer Einzeltheorien! der Geſellſchaft. Auch an diefem Punkte fteht der verfchleiernde Nebel einer Abftraktion, eines Triebs oder Sinns, der als eine Weſenheit in den Staatswiſſenſchaften und der Geichichte aufzutreten pflegt, zwiſchen dem Beobachter und der Mannigjaltigleit des Phänomene. Es bedarf ber Einzel⸗ analyjen. Wie außerordentlih war die Wirkung jener Cinzel- analyje auf die theologiſche Wiflenichaft, in welcher Schleiermachers berühmte vierte Rede über Religion aus den GEigenfchaften des re= ligidjen Gefühlslebens das Bedürfniß religiöjer Gejelligfeit und Die Eigenichaften des Gemeindebewußtſeins in ihrer ſpecifiſchen Diffe- ven; von anderen Formen diejes allgemeinen Gemeinſchaftsgefühls abzuleiten, und jo die Beziehungen zwiſchen dem twichtigften Kul⸗ turſyſtem und der aus ihm entipringenden äußeren Organilation aufzuzeigen unternahm. Sein Verſuch zeigt beſonders deutlich, daß es bier zunächſt eine Vertiefung in das Erlebniß jelber giebt, welche der Selbftbeobacdhtung in der Einzelpiychologie entipricht, und die von ber vergleichenden Unterſuchung der gejchichtlichen Ericheinungen wie von der pigchologiichen Analyſis geſondert auf- treten kann, wenn dies auch naturgemäß Einjeitigleit des Ergeb⸗ nifles zur Folge bat. Die andere diefer beiden für das Verſtändniß der äußeren Organifation der Gejellichaft fundamentalen piychilchen und plycho= phyſiſchen Thatfachen wird durch dad Verhältniß von Herrſchaft und Abhängigkeit zwijchen Willen gebildet. Auch dies Verhält⸗ niß iſt, wie das der Gemeinſchaft, nur relativ; folgerecht ift auch jeder Berband nur relativ. Auch die größte Steigerung der Intenfität eined äußeren Machtverhältnifjes ift begrenzt und kann unter Um⸗ ftänden von einer Gegenwirfung überboten werden. Man Tann einen Widerftrebenden von einem Ort zum anderen beivegen; aber ihn zwingen fi) an diefen Ort zu begeben, das können wir nur, indem wir ein Motiv in ihm in Bewegung jeten, das flärfer Pſychologiſche Grundlagen d. Auf. Organifation d. Geſellſchaft. 85 wirkt als die Motive, welche ihn zu bleiben beitimmen. Das Quantitative in dieſem Verhältniß der Intenfitäten, deſſen Ergeb- niß die äußere Bindung eines Willen? in einer Steigerung bis zu dem Punkte, daß fein gegenwirkendes Motiv Ausficht auf Er- folg bat, d. 5. der äußere Zwang ift, der Zuſammenhang diejer quan⸗ titativen Beziehungen mit dem Begriff einer Mechanik der Gejell- ſchaft machen dieſe Begriffsreihe zu einer der Fruchtbarften in der von und ala Begriffe zweiter Ordnung bezeichneten Claſſe. — So⸗ fern ein Wille nicht äußerlich gebunden ift, nennen wir feinen Buftand Freiheit. Hier nehmen wir die Folgerungen wieder auf, welche zu der Einficht in die Beichaffenheit der Grundlegung für die Geiftes- wiſſenſchaften Hinleiten. Es ftand zu vermuthen, dab den Willen- Ichaften von der äußeren Organifation der Menjchheit Begriffe von piochifchen oder piychophufiichen Thatſachen und Sätze über fie zu Grunde liegen würden, welche denen entiprechen, auf denen die Wiſſenſchaften von den Syftemen der Kultur gegründet find. Gemeingefühl, Gefühl bes Fürfichſeins (eine Thatſache, für die wir fein Wort haben), Herrichaft, Abhängigkeit, Yreiheit, Zwang: das find ſolche pſychiſche und pſychophyfiſche Thatjachen zweiter Ordnung, deren Erlenntniß in Begriffen und Sätzen dem Studium der äußeren Organifation der Gefellfchaft zu Grunde liegt. Hier fragt ſich zunächit, welches dad Verhältniß dieſer Thatjachen zu einander jei. ft 3. 3. Gefühl der Gemeinschaft nicht auflögbar in das gegenfeitiger Abhängigkeit? Es fragt fi) dann, in welchem Um- fang die Analyfis diefer Thatfachen, ihre Zurüdführung auf die piychiichen Thatfachen erfter Ordnung möglich fe. So ſchließen wir nunmehr: den beiden Claſſen der theoretiichen Wiſſenſchaften der Gejellichaft Tiegen Thatfachen zu Grunde, welche nur vermittelft der pfychologiſchen Begriffe und Sätze analyfirt werben können. Das Centrum aller Probleme einer ſolchen Grundlegung ber Geiſteswiſſenſchaft iſt ſonach: die Möglichkeit einer Erfenntniß der piychiichen Lebenzeinheiten und die Grenzen einer jolden Erkennt⸗ niß; es Handelt fi) dann um die Beziehung der pigchologifchen Erkenntniß zu den Thatjachen zweiter Ordnung, durch welche über 86 Erſtes einleitendes Buch. die Natur dieſer theoretiihen Wiflenichaften der Geſellſchaft ent- Ichieden wird. Die dargeftellien pſychiſchen Thatfachen von Gemeinjchaft einer- jeitö, von Herrſchaft und Abhängigkeit andrerſeits (gegenjeitige Ab- hängigfeit natürlich mit einbegriffen) durchftrömen wie Herzblut in dem feinften Aderſyſtem die äußere Organifation der Gejellichaft. Ale Verbandsverhältniſſe find, pfychologifch angejehen, aus ihnen zuſammengeſetzt. Und zwar ift da8 Vorhandenſein dieſer Gefühle keineswegs immer an das eines Verbands geknüpft. ſondern dieſe pſychiſchen und pfychophyſiſchen Beſtandtheile alles Verbandslebens erſtrecken ſich viel weiter als dieſes ſelber in der Geſellſchaft. — So finden wir in der naturgewachſenen Gliederung der Geſellſchaft, welche der genealogiſche Zuſammenhang zunächſt beſtimmt, nach den Grundverhältniſſen von Abſtammung und Verwandtſchaft größere Gruppen immer die kleineren umfaſſend, dieſe nach ihrer Verwandtſchaft aneinandergereiht: die an der größeren feſtſtellbare durchgehende Modifikation der menſchlichen Natur iſt ſtets in dem Umfang der kleineren Gruppe durch neue Züge einer engeren Gleichförmigkeit näher beſtimmt: und auf dieſer Natur⸗ grundlage verbindet nun eine intimere Wechſelwirkung und ein be= ftimmter Grad von Bewußtſein der Zufammengehörigkeit nad) Gleich- artigfeit Jowie nach Erinnerung von Abftammung und Verwandt⸗ ſchaft eine jede folche Gruppe zu einem relativen Ganzen. Auch wo fein Verband mit ihnen verfnüpft ift, beftehen dieje Gemein- ſchaften. — Mit der Niederlaffung entfleht eine neue Gliederung, welche von der genealogiichen unterjchieden ift, ein neues Gefühl von Gemeinschaft, welches durch Heimathlichkeit, durch gemeinfamen Boden und gemeinfame Arbeit bedingt ift, und auch diefe Ge- meinſchaft ift von dem Beltand eines Verbandes unabhängig. — Geſchichtliche Macht großer Perjönlichkeiten, gefchichtliches Eingreifen großer Völferaftionen ändern, zerbrechen, verknüpfen anderd und näher, was fo durch die Naturgliederung des genealogiichen Zu- ſammenhangs der Menjchheit jorwie des Bodens, auf dem bderjelbe fi) außbreitet, als ineinandergreifende Kreiſe von Gemeinſchaften gegeben jein würde. Bor Allem die Völker haben fich durch welt⸗ Piychologiihe Grundlagen d. äuß. Organifation d. Geſellſchaft. 87 geichichtliche That gebildet, welche die Naturgliederung durchbricht. Aber wenn fie auch das volle Gefühl von Zuſammengehörigkeit in der Regel (nicht immer, wie dad Beiſpiel der durch National- gefühl verbundenen griechifchen Politien zeigt) duch Zuſammen⸗ faflung zur Staatdeinheit erhalten haben: dieſe nationale Gemein⸗ ſchaft, die fi) als Nationalgefühl im Gefühlzleben der zu ber Gruppe gehörigen Individuen refleftirt, vermag den Beſtand des Staates lange zu überleben, und jo ift auch hier Gemeinfchaft nicht abhängig vom Beitand eines Verbandes. — Mit dieſen Kreilen von Gemeinichaft, welche in genealogijcher Gliederung und Nieder- loffung gegründet find, kreutzen fi) nun weiter die Gemeinjam- keiten und Abhängigfeitsverhältnifle dauernder Art, welche auf dem Grunde der Kulturſyſteme der Menjchheit entftehen. Gemeinſam⸗ keit der Sprache fchließt fi) an die genealogilche Gliederung und dad nationale Leben; Verwandtſchaft der Geburtsftellung, des Be⸗ files und des Beruf? bringt die Zufammengehörigteit des Standes hervor; Gleichheit der wirthichaftlichen Befiverhältnifie, der durch fie bedingten focialen Lage und Bildung verbindet die Individuen zu einer Claſſe, die fich zufammengehörig fühlt und ihre Intereſſen denen der anderen Clafſen gegenüberftellt; Gleichartigfeit der Ueber⸗ zeugung und thätigen Richtung begründet politiiche und Tirchliche Parteien: Gemeinjamleiten, deren feine an und für ſich einen Ver band einjchließt. Andererjeits entipringen aus dem Zweckzuſammen⸗ Hang in ben Syſtemen Verhältniffe von Abhängigkeit, welche der Staat ebenfalls nicht direkt hervorbringt, fondern welche von jenen Kulturfyftemen her in ihm fich geltend machen. Ihr Verhältniß zu der Zwangsgewalt, welche vom Staat jelber ausgeht, bildet eines der Hauptprobleme einer Mechanik der Geſellſchaft. Die zwei wirkſamſten Arten von Abhängigkeit diefer Art find die aus dem Wirthichaftäleben und dem kirchlichen Leben entipringenden. So bilden dieſe beiden plychiichen Grundverhältniffe das ganze Gewebe der äußeren Organilation der Menjchheit. Das Willenz- verhältniß von Herrſchaft und Abhängigkeit findet jeine Grenze an der Sphäre der äußern freiheit, das der Gemeinjchaft an der, in welcher ein Individuum nur für fi da if. Ausdrücklich 88 Erſtes einleitendes Buch. kann der Deutlichleit wegen hervorgehoben werden: gänzlich ver- ſchieden von all diefen äußeren Willenzverhältniffen ift der aus den Tiefen der menfchlichen Freiheit entfpringende Vorgang, in welchem ein Wille fich jelber theilweiſe oder ganz aufopfert, nicht fih als Willen mit einem anderen Willen vereinigt, fondern ſich als Willen theilweiſe dahin giebt. Dieje Eeite in einer Handlung oder einem DBerhältni macht fie zu einem fittlichen. Die äußere Organijation der Geſellſchaft als geichichtlicher Thatbeftand. Unter einem Berband verftehen wir eine dauernde auf einen Zweckzuſammenhang gegründete Willendeinheit mehrerer Perfonen. Wie vielfach auch die Formen von Verbänden fich geftaltet Haben, ihnen allen ift eigen: die Einheit in ihnen geht über das formlofe Bemwußtlein von Zuſammengehörigkeit und Gemeinjchaft, über die dem Einzelvorgang überlaffene intimere Wechſelwirkung innerhalb einer Gruppe hinaus: eine ſolche Willenzeinheit hat eine Struktur: die Willen find in einer beftimmten Form zum Zuſammenwirken verbunden. Zwiſchen diefen Merkmalen eines jeden Verbands be= fteht aber eine jehr einfache Beziehung. Schon das kann ala tautologijch angelprochen werden, daß die Willengeinheit zwiſchen mehreren Perſonen auf einen Zweckzuſammenhang gegründet jet. Denn welchen Einfluß auch die Gewalt auf die Geftaltung einer ſolchen Willenzeinheit habe: Gewalt ift doch nur eine Art und Meile, in welcher die Zufammenordnung des Gefüges fich voll- ziehen kann: den Arm der Gewalt ſetzt ein Wille in Bewegung, der von einem Zweck geleitet wird, und er hält den Unterworfenen feft, weil derjelbe ein Mittel für einen von ihm berzuftellenden Zweckzuſammenhang ift. Daher behält Ariftoteles Recht, der am Be: ginn feiner Politik dem Sinne nach jagt: maca xowivria AyaFod rvös evexa ovvlorzzer. Die Gewalt untertwarf, auch geichichtlich ange— jehen, nur, um die Gefnechteten in den Zweckzuſammenhang des eignen Thuns einzuordnen. Ein dauernder Zweckzuſammenhang aber bringt in der Anordnung der Individuen, die ihm unterworfen find, aladann der Güter, deren er bedarf, eine Struktur hervor: + Der geichichtliche Thatbeftand d. Auf. Organifation d. Gefellichaft. 89 fo ift von dem Merkmal de Zweckzuſammenhangs wieder das der Struktur bedingt: der Zweckzuſammenhang wirkt ala Bildungs⸗ gejeß für die Geftaltung des Verbandes: Welch merkwürdige That- ſache! die Beziehung von Zweck, Funktion und Struktur, welche im Reich der organiſchen Wefen nur als ein hypothetiſch einge- führtes Hilfsmittel der Erkenntniß die Yorjchung leitet, ift Hier erlebte, gejchichtlich aufweisbare, gejellfgaftlicher Erfahrung zugäng- liche Thatſache. Und welche Umdrehung des Verhältnifies alfo, den Begriff de3 Organismus, wie er in den Thatſachen der or⸗ ganiſchen Natur feitgeftellt werden kann, in denen er dunkel und hypothetiſch ift, ala Leitfaden für die durch diefe Beziehung in der Gefellichaft entftehenden Berhältniffe gebrauchen zu wollen, welche erlebt und Far find. Daher ift es viel naturgemäßer, wenn die Naturſorſchung fi) der Analogie mit den gejellichaftlichen Thatjachen jet gern bedient, fo oft fie vom thieriichen Organismus fpricht. Nur entfteht lo die Gefahr, daß ein neues naturphilofophiiches Spiel mit dem Leben in der Materie durch dieſe Bilderſprache ſanft eingänglich gemacht werde. Für die Staatswiſſenſchaften ift jedenfalls die Auf- gabe Mar vorgezeichnet in dieſer Rüdficht. Da die Naturwiſſenſchaften an einem Sinnlidhen eine anfchauliche Vorlage haben, da fie eine anſchauliche ja eindringlicde Terminologie entwickelt haben, durch welche die Lüden in der Terminologie der Wiflenjchaften von ber Geſellſchaft auszufüllen jehr verlodend ift: jo gilt es, Mare und eigentliche Ausdrücke in den Geifteswiflenfchaften feftzuftellen, weldhe die vorhandenen Lücken ergänzen, und jo einen reinen und in fich folgerichtigen Sprachgebrauch außzubilden, welcher bie Geiſteswiſſenſchaften vor der Sprachmiſchung mit den Naturwiſſen⸗ ſchaften ſchützt und die Entwidlung fefter und allgemeingiltiger Begriffe auf dem Gebiet geiftiger Thatfachen auch von der Seite der Terminologie aus fördert. Die Grenze, welche den Verband von anderen Yormen des Zuſammenwirkens in der Gejellichaft trennt, kann nicht in ein- deutiger und doch für alle Rechtsordnungen gleichmäßig giltiger Weile in Begriffen feitgeftellt werden. 90 Erſtes einleitended Buch. Das Merkmal der Dauer untericheidet den Verband von vor- übergehenden Beziehungen der Willen in einem Zwedzujammen- bang, insbeſondere im Bertrag, nur infofern, als es in der Natur ded Vertrag? an und für fich nicht liegt, dauernde Verhältniſſe herbeizuführen. Dieſes Merkmal ift außerdem in fich unbeftimmt, und fteht e8 auch mit dem Zweckzuſammenhang in Beziehung, befjen Natur auf die Dauer der Verbindung wirkt, jo ermöglicht doch diefe Beziehung nicht eine Hare Abgrenzung des Verbandes von mehr vorübergehenden Formen der Willenzeinigung. Denn zunächſt bringt nicht jeder Zived einen Verband hervor. Viele unfrer Lebenz- äußerungen, ob fie gleich zweckmäßig find, greifen gar nicht in das zwedmäßige Handeln andrer Perfonen ein. Wo dies aladann der Fall ift, kann oftmals der Zweck durch eine Coordination von Einzel- thätigfeiten nach und nebeneinander wirkender Perfonen erreicht werden. So liegt ed im Weſen des künftleriichen Schaffens, daß ihm feine Geftalten aus der einfamen Tiefe de Gemüths empor- fleigen, und dann doc in das Reich der’ Schatten, welche die Vhantafie der Menjchheit erfüllen, an einer beftimmten Stelle eintreten und in dieſem ftillen Reich nad) einem höheren über den Künftler Hinausreichenden Zweckzuſammenhang einen Platz ausfüllen. Wo jchlieglih ein ſolcher Zweckzuſammenhang auf andere Perfonen rechnet, reicht dann wieder meist der Vertrag aus, fofern er eine Einigung über ein einzelnes Geichäft oder eine Reihe von Gejchäften bewirkt. Bon ihm führt zum Ber- band ein Yortgang, innerhalb deſſen unmöglich auf eine für die Lebensverhältniſſe und Rechtsordnungen der verjchiedenften Kultur- ftufen gleichmäßig gültige Weije der Einfchnitt des Begriffs vollzogen werden kann. Denn diefe Grenze zwifchen einem Ber- trag, der fich auf ein einzelnes Geſchäft oder eine Reihe von Geſchäften bezieht, und der Begründung eine® Verbands wird durch das Necht firirt; ſonach kann fie ihrer Natur nad nur juriftiich auf- eindeutige Weile ausgedrüdt werden; und da nun die Rechtsordnungen verfchteden find, jo ift 3. B. eine Gon- ftrultion, welche aus dem römiſchen Gegenſatz von societas und universitas die Beſtimmung des Punktes ableitet, an dem Der geichichtliche Thatbeftand d. Aug. Organifation d. Geſellſchaft. 91 Bertragsverhältnifie in Verbandäverhältniffe übergehen, doch offen- bar unbrauchbar, den Punkt im deutichen Recht zu bezeichnen, an welchem irgend eine Form von Verband auftritt. So wenig ala der Grenzpunft, Tann eine Eintbeilung der Berbände auf eine für alle Rechtsordnungen gültige Weife in be- grifflicher Fafſung feftgeftellt werden. Der Begriff, welcher diefe Abgrenzungen conſtruirt, gehört ala Nechtsbegriff nothwendig irgend einer einzelnen Rechtsord⸗ nung an. Daher Tann nur die Funktion, welche ein ſolcher Begriff in einer beitimmten Rechtsordnung hat, verglichen werden mit ber, welche in einer anderen einem entiprechenden Begriff zulommt. So kann die Funktion, welche den Begriffen von municipium, collegium, societas publicanorum in der römijchen Rechtsordnung zukommt, mit der Funktion verglichen werden, welche im deutichen Recht die Begriffe Gemeinde, Gilde, Er- werbsgenoſſenſchaft haben. Thatjachen, wie die Yamilie und der Staat, können aber, wie und die erkenntniß-theoretiſche Grund- legung zeigen wird, überhaupt einer wirklichen Conſtruktion durch den Begriff nicht untertvorfen werden. Jedes Verfahren, welches fi) diefe Aufgabe ftellt, fjeht einen Mechanismus zujanımen. immer wieder erneuert fih in anderen Formen der fundamen- tale Fehler des Naturrechts, welches, von der richtigen Erkennt⸗ niß aus, daß das Recht ein in einem Beftandtheil der menſch⸗ lichen Natur gegründetes, daher nicht aus dem Belieben des Staates entiprungened Syſtem fei, nunmehr jeinerfeit? zur Conftrultion des Staates aus dem Recht fortfchritt: eine verhängnißvolle Ver- fennung der anderen Seite des Thatbeſtandes, der gewaltigen Ur⸗ Iprünglichteit des menjchlichen Verbandslebens. Das Verfahren einer zufammenjeßenden Conftruftion ift jehr fruchtbar für die Ab- leitung der Rechtäverhältniffe innerhalb eines in feinen Elementen beftimmten Rechtsfyftemes; aber e8 bat hier feine Grenze. Diele große geichichtliche Wirklichkeit Tann nur ala ſolche, kann nur in ihrem Hiftorifchen Zuſammenhang verftanden werden, und deſſen Grundgeſetz ift: das Verbandäleben der Menfchheit hat ſich nicht auf dem Wege der Zufammenjegung gebildet, jondern ed hat ſich 923 Erftes einleitended Buch. aus der Einheit des Familienverbands differenzirt und entfaltet. AU unjer Erkennen vermag nur, rückſchreitend von der Gliederung dieſes Verbandslebens, wie wir e8 auf ung zugänglichen den pri- mären Zuftänden möglichft nahen Stufen der äußeren gelellichaft- lichen Organifation vorfinden, die Refte zu interpretixen, welche ein Licht auf den großen geſchichtlichen Vorgang werfen, in welchem von der lebend und machtvollen Einheit des Yamilienverbandes aus die äußere Organijation ber Geſellſchaft fih differenzirt Hat, und Verbandsleben, Ver- bandsentwicklung bei den verfchiedenen Völkerfamilien und Völkern einem vergleichenden Verfahren zu unterwerfen. Es ift die außerordentlihe Bedeutung der germanischen Verbandsentwick⸗ lung für eine ſolche vergleichende Unterfuchung, daß auf eine verhältnigmäßig ehr frühe Stufe einer DVerbandsentiviclung, welche zu einer außerordentlich reichen Entfaltung genofienichaft- lihen Daſeins beftimmt war, ein ausreichendes gejchichtliches Licht fallt.) Auf dem Gebiet der äußeren Organijation der Menfch- beit ift das umfaffende Grundgeſetz des geichichtlichen Lebens in feiner Wirffamkeit noch deutlich fühlbar, nach welchem, wie ich zeigen werbe, auch die Xotalität des inneren Zwecklebens fih nur allmälig zu den einzelnen Kulturſyſtemen differenzirt hat, und nach welchem dieſe Kulturſyſteme erſt allmälig zu ihrer vollen Selbftändigfeit und Einzelausbildung gelangt find. Die Familie ift der fruchtbare Schooß aller menfchlicher Ord⸗ nung, alles Verbandslebens: Opfergemein|chaft, wirthichaftliche Ein- beit, Schußverband, auf dem Grunde der naturmächtigen Bande von Liebe und Pietät, enthält fie dag, was ihre bleibende Funktion ift, in noch nicht differenzirter Einheit mit Recht, Staat, religiöjem Ber- band in einander gewachſen. Doch ift auch diefe concentrixtefte Form don Willendeinheit unter Individuen, die in der Welt ift, nur relativ; die Individuen, aus denen fie fi zuſammenfügt, gehen nicht gänzlich in fie ein; da3 Individuum ift in feiner leßten Tiefe für fich ſelber. Wenn die Auffaffung, welche die menſch— u 1) Bal. bie Darftellung Gierke’3 im erften Bande feines Werkes über das Deutfche Genoffenichaftsrecht (Berlin 1868). Der geichichtliche Thatbeftand d. Auf. Organifation d. Gefellfchaft. 93 liche Freiheit und That in dad Naturleben des Organismus ver- fenkt, die Familie als „Jociale Gewebezelle“1) betrachtet: jo wird in einem ſolchen Begriff gleich im Beginn der Wiſſenſchaft von der Gejellichait dag freie Fürfichlein des Individuums ſchon im Yamilienverbande eliminirt, und wer mit dem zellenhaften Leben der Familie beginnt, kann nur mit der focialiftiichen Geftaltung der Gejellichaft endigen. indem dann weiter Yamilien die Verbände der Geichledhter- ordnung bilden, dieje in Verbände anderer Struktur, wie die von Niederlaflung find, eintreten, oder von einem weiteren Verbande umfaßt werden, muß, gemäß der Grundfunktion des Staates, Macht zu fein, welche die Souveränität zu jeinem jpecifilchen Merkmal macht, die Staatsfunktion jedesmal in dem weiteſten Verbande ihren Sit haben; jo ſondern fi) Yamilienverband und Staatzverband von einander. Wo die Germanen in die Gejchichte eintreten, finden wir dieſe Trennung lange vollzogen, den deut- ſchen Hausverband für fich geftaltet, von der Beit, in welcher die Sippe einst die Familien zu einem jelbitändigen Verbande ver- fnüpft haben mag, nur noch Refte, und Volksgemeinden als jelb- ftändige ſtaatliche Gemeinweſen. Die Stadien, welche bier von feinem Beobachter wahrgenommen durchlaufen worden find, ehe ein Cäſar oder Tacitus aufzeichneten, was in der nördlichen Wild- niß geichah, find nur theilweile zugänglich in den Berichten der Reiſenden von den Verbandsleben der Naturvöller. Aber während die Refte des älteften germanifchen Verbandslebens darauf deuten, daß die patriarchalifche Gewalt (mundium), die im Hausverbande waltete, nicht conftitutiv für den Geſchlechtsverband wurde, be- gegnen wir nım bier bei vielen Stämmen einer aus der patriar- haliichen Hausordnung erwachſenden Häuptlingsverfaflung.. So ift der Vorgang der Differenzirung, welcher die äußere gejellichaft- liche Organifation bei den verichiedenen Völkerfamilien und Völkern bervbrbringt, gleich in feinem Anſatz verjchieden. Dies zieht einem vergleichenden Verfahren, welches fi der Zuftände von Natur- 1) Echäffle, Bau und Leben des organifchen Körpers I, 213 ff. 94 Erfted einleitenbes Buch. völfern zur Aufhellung älterer Zuftände der jeßigen europäiſchen Nationen bedient, fefte Grenzen. Es entfaltet fi) aber die äußere Drganifation der Gejellichaft in Yamilie, Geſchlechterordnung, örtlichem Verband, in jedem berr- ſchaftlichen Verbande, in Kirche und anderem Religiondverband, in den mannigfadhen Modifikationen dieler Yormen mit einer natur- mächtigen Urfprünglichleit und Unermeßlichkeit, Biegjamleit und Anpaffung, welcher gemäß jeder diefer Verbände eine unbeftimmte und wechſelnde Mannigfaltigleit von Sweden in fich hegt, diefen Zweckzuſammenhang fallen läßt und jenen aufnimmt, ja nur für heute einen Zweck fallen läßt, um ihn dann morgen wieder auf- zunehmen und jubfidiär jedes Gemeinbedürfniß zu befriedigen die Tendenz bat. So befteht wohl im Verbandaleben der Menjch- heit der am meilten gleichmäßig durchgreifende Unterfchied zwilchen diejen Verbänden und den anderen, welche durdh einen beftimmten AH bewußter Willenvereinigung, für einen mit Bewußtſein ge= ſetzten und begrenzten Zweck conftituirt worden find und welche daher naturgemäß einem jpäteren Stadium ded Verbandslebens bei einem jeden Volke angehören. Ueberblidt man das Ganze der äußeren Organifation, das fo die Menjchheit fich geichaffen hat, jo ift der Reichthum der Formen unermeßlih. In allen diejen Formen ift e8 die Beziehung zwiſchen Zweck, Funktion und Struktur, welche ihr Bildungsgeſetz und daher die Ausgangspunkte für die Methode der Vergleichung darbietet. Und in irgend einem gejchichtlichen Durchfchnitt findet dag Studium des Verbandslebens der Menjchheit beinahe jeden Grad von Umfang de3 Zweckzuſammenhangs irgend einem Berbande zu Grunde liegend, von der Lebensgemeinſchaft der Familie bis zu der gegen- feitigen Berficherungögejellichaft gegen Hageljchaden: fie findet bei- nahe jede Form von Struktur, von den Dezpotenftaaten im Herzen von Afrika bis zu der modernen Altiengefellichaft, in welcher jeder Theilnehmer feine Einzelperjönlichkeit voll behauptet und nur vertraggmäßig einen genau begrenzten Theil jeine® Vermögens dem gemeinfamen Zwecke widmet. Die Aufgabe ber theoretifchen Darftellung. 095 Die Anfgabe der theoretifchen Darftellung der änßeren Organijation der Geſellſchaft. Die bisherige Erörterung Hat die fundamentalen pſychiſchen Thatlachen beftimmt, welche dem ganzen Gewebe der äußeren Or- ganifation der Gejellichaft überall gleichſörmig, überall irgendwie mit einander verbunden zu Grunde liegen. Sie bat das auf fie gebaute Verbandsleben der Menjchheit, unter Verwerfung einer begrifflichen Abgrenzung und Eintheilung defielben, in einer ge= ſchichtlichen Anſchauung umfchrieben. Bon bier aus Tann num wenigſtens da8 Problem fichtbar gemacht werden, welches in diejem geſchichtlichen Ganzen für die Theorie liegt. Zwei Fragen find für die Stellung und den Aufbau der einzelnen Willenjchaften, in welche diefe Theorie der äußeren Organilation der Gefellfchaft fich zerlegt, befonderd wichtig, Die Eine von ihnen betrifft die Stellung der äußeren Organifation, indbejondere des Staat? zum Recht; die andere dad Verhältniß des Staats zur Gejellichaft. Indem zunächht die Frage nach der Stellung des Recht? zu der Äußeren Organifation der Geſellſchaft be handelt wird, gilt es den Ertrag der bißherigen Erörterungen über dad Recht‘) mit dem nunmehr entwidelten Begriff der äußeren Organifation der Gejellichaft zu verbinden. Nicht jeder Zweck, jo jahen wir?), bringt einen Verband hervor; viele unſerer Lebenäußerungen greifen in die anderer Perjonen überhaupt nicht zu einem Zweczufammenhang ein, wo dann ein folder auftritt, kann er durch die bloße Coordination von Ein- zeltbätigfeiten, ohne die Unterftüung eines Verbandes, in vielen Fällen erreicht werden; es giebt aber Zwecke, welche beiler von einem Verbande erreicht oder welche nur von einem folchen erreicht werden können. Hieraus ergiebt ſich das Verhältniß, welches zwiſchen der Lebensthätigkeit der Individuen, den Syſtemen der Kultur und der äußeren Organiſation der Geſellſchaft beſteht. Die Einen dieſer Lebensäußerungen ſtellen keinen dauernden Zuſammenhang 1) S. 65 ff. — 2) ©. 61ff. 67. 90. 96 Erſtes einleitended Buch. zwifchen den pſycho⸗phyſiſchen Lebenzeinheiten her; die Anberen haben einen ſolchen Zwedzufammenhang zur Folge und ftellen fih dem entiprechend in einem Syſtem dar, und zwar wird die Aufgabe, welche in ihnen wirkſam ift, in einigen Fällen durch eine bloße Goordination der Perjonen im Zweckzuſammenhang vollbracht, während in anderen Fällen die Erfüllung der Auf- gabe von der Willendeinheit des Verbandes getragen ift. In den Wurzeln der menjchlichen Exiftenz und des gejellfichaft- Iihen Zuſammenlebens find Syſteme und äußere Organifation jo ineinandergewachſen, daß nur die Verichiedenheit der Betrachtungs⸗ weiſe fie Jondert. Die am meiften vitalen Intereſſen des Menſchen find die Untertverfung der zur Befriedigung feiner Bedürfniffe dienenden Mittel oder Güter unter feinen Willen und ihre Um- änderung gemäß diejen Bebürfniffen, zugleich aber die Sicherung feiner Perfon und des fo entitandenen Eigentums. Hier ift die Beziehung zwiſchen dem Recht und dem Staat angelegt Den Unbilden der Natur mag der Körper des Menfchen lange widerftehen: aber jein Leben und was er bedarf, um zu leben, ift ſtündlich von jeines Gleichen bedroht. Daher war die Betrachtung der Verknüpfung pfochifcher Elemente in mehreren Perjonen unter einem Zweckzuſammenhang zu einem Eyſtem eine Abftraftion. Die regellofe Gewalt der Leidenjchaften geftattet den Menſchen nicht, fich in die Ordnung eines folchen Zweckzuſammenhangs in Harer Selbitbeichräntung einzufügen: eine ftarfe Hand hält jeden in feinen Grenzen: der Verband, der diefe Aufgabe vollbringt, der alfo jeder Macht auf dem Gebiet, über das feine ſtarke Hand fidh erftrecit, überlegen jein und daher mit dem Attribut der Sou⸗ veränität ausgeſtattet jein muß, ift Staat, gleichviel ob er noch in Familieneinheit oder Gejchlechterverein oder Gemeinde beichloffen ift, oder ob ſeine Funktionen fich Schon von denen diefer Verbände gelondert Haben. Der Staat erfüllt nicht etwa durch feine Willend- einheit eine Aufgabe, die font weniger gut durch Goordination bon Ginzelthätigleiten bejorgt würde: er ift die Bedingung jeder ſolchen Coordination. Diefe Yunktion des Schutzes wendet fich nad außen in der Vertheidigung der Unterthanen; nad) innen in Verhaältniß zwiſchen Rechts: und Staatäwillenichaften. 07 der Aufftellung und zwangsweiſen Aufrechterhaltung von Regeln des Recht2. Sonach ift das Recht eme Funktion der äußeren Or- ganijation der Geſellſchaft. Es hat in den Geſammwillen innerhalb diefer Organijation feinen Sit. Es mißt die Madht- Iphären ber Individuen im Zuſammenhang mit der Aufgabe ab, welche fie innerhalb diefer äußeren Organiſation gemäß ihrer Stellung in ihr haben. Es ift die Bedingung alles folgerichtigen Thuns der Einzelnen in den Syſtemen der Kultur‘). Dennoch bat dag Recht eine andere Seite, durch welche es den Shftemen der Kultur verwandt ift?). Es it ein Zweckzu— ſammenhang. Einen folchen bringt jeder Wille hervor, ſonach auch der Staatöwwille, in jeder Jeiner Yeußerungen, mag er Wege bauen, Heere organifiren oder Recht ſchaffen. Auch ift dieſer Staatswille auf die Mitwirkung der ihm Unterivorfenen in jeder jeiner Aeußerungen jo gut ala im Recht angewieſen. Aber der Bived- zufammenhang des Recht? hat bejondere Eigenfchaften, die aus dem Verhältniß des Rechtsbewußtſeins zur Rechtsordnung fließen. Der Staat ſchafft nicht durch feinen nadten Willen diejen Zufammendhang, weber in abstracto, wie er in allen Rechtsord⸗ nungen gleichförmig wiederfehrt, noch den concreten Zuſammen⸗ hang in einer einzelnen Rechtsordnung. Dad Recht wird in dieſer Rüdficht nicht gemacht, fondern gefunden. So Parador e8 lautet: Dies ift der tiefe Gedanke des Naturrechts. Der ältefte Glaube, welchem gemäß die Rechtsordnung des ein- zelnen Staat? von Göttern ftammte, fette fi) in dem Yortgang des griechifchen Denkens in den Sat um, daß ein göttliches Welt- gejeß der hervorbringende Grund aller Staats⸗ und Rechtsord⸗ nung ſei?). Dies war die ältefte Form ber Annahme eines 1) S. 67ff. — 2) ©. 68. 71. 3) Dieſes Stadium des griedhiichen Denken? über Recht und Staat ift noch erhalten in bem Fragment des Heraflit: roeyovras yap navres of avdpamıyoı vouos uno £vös To Helov’ xonres yap Tomoürov 020009 2I&sı xal Lfapxecı nüos xal nregıylveras (Stob. flor. DI, 84), ſo- wie in den verwandten Stellen bed Aeſchylos und Pindar. Die Stelle bes leteren: zar« yıosy vouog ö nurrwmy Baoskcus ı. (fr. XI, 48) ift für die Dilthey, Einleitung. 7 98 Erſtes einleitendes Buch. natürlichen Rechtes in Europa. Sie faßte daffelbe noch als bie Grundlage jeder einzelnen pofitiven Gejebgebung auf. Als die erften Theoretifer, welche die Gejetgebung der Natur zu den po» fitiven Gejeßen des einzelnen Staat? in Gegenjaß ftellten, und fo das Naturrecht verjelbitändigten, treten in den Trümmern des älteren griechifchen Naturrechts Archelaoa und Hippia hervor; es war die geichichtliche Bedeutung des lebteren, daß er, offenbar im Zujammenhang mit jeinen archäologiſchen Studien, die un- geichriebenen Geſetze, welche fich gleichmäßig bei den verjchiedenften, dur ihre Sprachen getrennten Völkern finden und die daher nicht durch Reception von Einem zum Anderen gebracht fein können, als Naturreht von dem pofitiven Rechte jchied und dem letzteren die Verbindlichkeit abſprach )). in bedeutfames Denkmal dieſes Stadiums des Naturrechts bilden die Tragödien des Sophofles, welche diefen Gegenſatz der ungejchriebenen Normen des Rechtes und der pofitiven Gelebgebung zweifellos aus den Debatten jener Zeit aufnahmen, ihm aber emen claffilhen Ausdruck gaben. Bildete jo das Naturrecht den Gedanken eine Zweckzuſammen⸗ hanges im Rechte aus, welchem gemäß daflelbe ein Syſtem ift — mochte es nun diefen ala einen göttlichen oder einen natür- fihen Zufammenhang faflen —, jo unterjchied es von ihm natur⸗ gemäß da3, was der Wille ded Verbandes Hinzugefügt hat. So ftelen die mittelalterlihen Naturrechtälehrer dem natürlichen Syftem das aus der Gewalt des Verbands entiprungene pofitive Recht gegenüber ?). Entwidelung® bes Begriffs bejonderd bemerkenswert, Kine Stelle des Demofthenes, in welcher ber vouos in erfter Linie ala ein eipnun zei dupor Iewv, in zweiter ald nolews ouvsnxn xown aufgefaßt und in feiner Verbindlichkeit erflärt wird, ift durch Marcian in die Panbelten ge: langt (l. 2 Dig. de leg. 1, 8). 1) Den Einfluß feiner archäologiſchen Studien auf eine ſolche ver- gleichende Sammlung finde ich Clemens Strom. VI, 624. Die Relation über bag Geſpräch zwiſchen Hippiad und Sofrates (Xenoph. Memorabil. 4, 4) ift zweifellos echt, aber entftellt und verworren, da bie Anficht des Hippias ficher bei dem Beginn bes Geſprächs in ihm ausgebilbet war, wie ja auch der Eingang ung beweift, jonach die Geſprächführung dem entipre: chend anders vorgeftellt twerden muß. 2) Um Dtibverftändniffe zu verhüten, merke ich an: Bon biefer natur: Derhältnig zwifchen Rechts: und Staatswiſſenſchaften. 09 Auf dem Thatbeftand, den das Naturrecht fo auszudrücken verjuchte, beruht die Eine Seite des Verhältnifjes zwiſchen Rechts⸗ und Staatswiflenichaften: die relative Selbfländigkeit der erfteren. Das Recht ift Selbitzwed. Das Rechtsbewußtſein wirkt im Vor⸗ gang der Entitehung und Aufrechterhaltung der Rechtsordnung | mit den organifirten Geſammtwillen zufammen. Denn es ift Millenzinhalt, deflen Macht in die Tiefe der Perfönlichkeit und des religiöſen Erlebniſſes zurückreicht. Die Conception des Naturrechts wurde dadurch fehlerhaft, daß dieſer Zweckzuſammenhang im Recht losgelöſt von feinen Be- ziehungen, inZbejondere denen zum Wirthſchaftsleben ſowie zur äußeren Organilation der Gejellichaft, betrachtet und in eine Region jenſeit der gejchichtlichen Entwidlung verjeßt wurde. So nahmen Abſtraktionen den Plab der Wirklichkeiten ein; die Mehrheit der Geftaltungen der Rechtsordnung blieb der Erflärung unzugänglich. Der Kern dieler abſtrakten Theorien kann nur durch die Me- thode, welche allen Wiſſenſchaften der Geſellſchaft gemeinſam ift, nämlic Verbindung geichichtlicher mit pfychologilcher Analyfis, eine wiflenschaftliche Bearbeitung empfangen. An diefem Puntte ift ein weiterer Schluß in der VBerlettung der Gedanten möglich, welche in die Stellung der Einzelwifjenfchaften des Geiftes zu ihrer Grund: legung zurüdführen. Dies Problem, welches fi) dag Natur- recht ftellte, it nur lösbar im Zujfammenhang der pojitiven Wiſſenſchaften des Rechts. Diefe ihrerjeits können ein klares Bewußtſein der Stellung der Abſtraktionen, durch welche fie erkennen, zu der Wirklichkeit nur vermittelft einer grund» legenden erlenntnißstheoretiichen Wiſſenſchaft, vermittelft der Feſt⸗ ftellung der Beziehung der Begriffe und Säte, deren fie fich bedienen, zu ben piochologifchen und piychophufiichen erhalten. Hieraus folgt, daß es eine befondere Philofophie des Rechts nicht giebt, rechtlichen Theorie muß die andere ganz abgetrennt werden, welche in ber negativen Schule ber Theoretiker der Gewalt und der Intereſſen fich ent: widelt bat, deren Hauptvertreter im Alterthbum Thraſymachos war und von ber und Plato eine ſyſtematiſche Darftellung hinterlaffen hat. 7* 100 Erſtes einleitended Buch. daß vielmehr ihre Aufgabe dem philofophijch begründeten Zufammen- bang der pofitiven Willenichaften des Geiſtes wird" anheimfallen müflen. Dies fchließt nicht aus, daß Arbeitätbeilung und Schul- betrieb es nüßlich ericheinen laſſen, daß die Aufgabe der allge- meinen Rechtswiſſenſchaft auch in der Yorm des Naturrechts immer twieder einmal gelöft werde, aber es bejtimmt den methodiichen Zufammenbang, in dem fchlechterdingd die Löſung einer ſolchen Aufgabe ftehen muß. Und wie könnte nun Ddieje Allgemeine Rechtäwiflenichaft das Recht anders ala in feinem lebendigen Zufammenhang mit den Ge- fammtwillen innerhalb der Organifation der Gejellichaft erkennen? Die Tragweite der Thatjachen der Rechtzüberzeugungen und der mit ihnen verbundenen elementaren pfychiſchen Regungen, des Ge» wohnheitsrechtes, des Völkerrecht kann nur jo meit reichen, die Griftenz eines Beitandtheild in der menjchlichen Natur zu eriveilen, auf welchem der Charakter des Rechts ala eines Selbſtzweckes beruht. Dieſe Beweisführung wird eine wichtige Ergänzung durch die hiftorische Erörterung der Beziehungen von Rechtsbegriffen und Rechtsinſtituten zu religiöjen Ideen erhalten, welche wir an den auffaßbaren Anfängen unferer Kultur gewahren. Aber — das ift die andere Seite dieſes DVerhältnifjes von Recht und Staat — feine Argumentation kann die Tragweite haben, die Eriftenz eines von der äußeren Organifation der Gefellihaft unabhängigen that- fächlichen Rechtes zu erweiſen. Die Rechtsordnung ift die Ordnung der Zwecke des Gefellichaft, welche von der äußeren Organifation derjelben durch Zwang aufrecht erhalten wird. Und zwar (©. 96. 97) bildet der Zwang des Staat? (das Wort in dem (©. 96) ent» widelten allgemeinen Berftande genommen) den entjcheidenden Rück⸗ halt ber Rechtsordnung; aber äußere Bindung der Willen ſahen wir durch die ganze organifirte Gejellichaft verbreitet (©. 84 ff.), und jo erklärt fich, daß in diefer auch andere Geſammtwillen neben dem Staat Recht bilden und aufrecht erhalten. Jeder Rechtsbegriff enthält alſo dad Moment der äußeren Organijation der Geſell⸗ ſchaft in ſich. Andrerfeit3 Tann jeder Verband nur in Rechts⸗ begriffen conftruirt werden. Dies ift eben jo wahr, ala daß Derhältnig zwiſchen Rechts: und Staatswiffenichaften. 101 dad Berbandsleben der Menfchheit nicht aus dem Bedürfniß ber Rechtsordnung ertvachlen it und daß der Staatswille nicht erft mit feinen Rechtäordnungen das Rechtsbewußtſein geichaffen hat. So wird die andre Seite des Verhältniſſes zwiſchen Rechts- und Staatswiſſenſchaften fichtbar: jeder Begriff in jenen Tann nur vermittelft der Begriffe in diefen entwidelt werden und um- gekehrt. Die Unterfuchung der beiden Seiten des Rechts in der all- gemeinen Rechtswiſſenſchaft führt zu einem noch allgemeineren Problem, welches über das Recht hinausgreift. Der Zweck⸗ zuſammenhang, welchen das Recht enthält, hat fich vermittelft der einzelnen Geſammwillen, in der Arbeit der einzelnen Völker, ſonach gefchichtlich entiwidelt. Der Gegenfab des 18. Jahrhunderts, welches die gefchichtlich:gejellichaftliche Wirklichkeit in einen Inbegriff von natürlichen Syftemen auflöfte, die den Einwirkungen des ge- ſchichtlichen Pragmatismus unterliegen, und der Hiftorifchen Schule des 19. Jahrhunderts, welche fich dieſer Abftraktion entgegenjebte, aber, troß ihres höheren Standpunktes, in Yolge des Mangels einer wahrhaft empirifchen Philojophie eine in Begriffen und Sätzen Hare und fo verwerthbare Erfenntniß der gejchichtlich-ge- jellichaftlichen Wirklichkeit nicht erreichte, Tann nur in einer Grund- legung der Geiftezwiflenichaften aufgehoben werden, welche den Standpunft der Erfahrung, der unbefangenen Empirie auch gegen- über dem Empirismus durchführt. Don einer foldden Grund legung aus können die Probleme, die am Recht bervortraten, fich einer Auflöfung nähern: Yragen, die mit der Menfchheit felber berangewachjen find, welche jchon im 5. Jahrhundert vor Chrifto die Geifter beichäftigt Haben und noch gegenwärtig die Jurisprudenz in verjchiedene Heerlager theilen, andere Fragen, welche heute zwiſchen dem Geifte des 18. und dem des 19. Jahrhunderts ſchweben. Jenſeit diefer Wurzeln der menjchlichen Eriftenz und des gejellfchaftlichen Zufammenlebend treten dann Syiteme und Derbände deutliher audeinander Die Religion, ala ein Syftem des Glaubens, ift in jolchem Grade von dem Berbande ablößbar, in welchem fie wohnt, daß ein hervorragen- 102 Erſtes einleitenbes Bud). der und gläubiger Theologe der lebten Generation die Ange- mefjenheit von Tirchliden Verbänden an unjer gegenmwärtiges chriſtliches Leben in Abrede ftellen konnte. In Wiſſen— haft und Kunft erreicht aber die Goordination von jelb- fländigen Einzelthätigfeiten einen jolden Grad von Ausbildung, daß Hinter ihrer Bedeutung die der Verbände, welche fich zur Ver⸗ wirklichung der künftleriichen und wiſſenſchaftlichen Zwecke gebildet haben, ganz zurüdtritt; dem ent|prechend enttwideln die Wiffen- Ichaften, welche dieje Syſteme zum Gegenftand haben, Aefthetif und Wiſſenſchaftslehre, ihr Objekt, ohne je ſolcher Verbände zu gedenken. Solchergeftalt Hat eine ihrer ſelbſt unbewußte Kunft der Ab» ftrattion mit zunehmender Klarheit dieje beiden Clafſen von Wiſſen⸗ Ichaften von einander gejondert. Dies that fie, obwohl naturgemäß die Borbildung des Einzelnen, jeine Thätigfeit an den Verbänden dad Studium des Syſtems mit dem des Verbandes verknüpfte. Aus diefen Darlegungen über das Verhältniß des Verbands zum Syftem entipringt jchließlich eine methodifch wichtige Yolgerung in Bezug auf die Natur der Wiſſenſchaften, melde die äußere Organifation der Menjchheit zu ihrem Objekt haben. Die Wiſſenſchaften der äußeren Organilation der Gejellichaft haben fo wenig ala die von den Syſtemen der Kultur die concrete Mirklichkeit jelber zu ihrem Gegenſtande. Alle Theorie erfaßt nur Theilinhalte der compleren Wirklichkeit; die Theorien des ges ſchichtlich⸗geſellſchaftlichen Lebens ſcheiden die unermeßlich verwickelte Thatſächlichkeit, der fie fich nähern, um in fie einzudringen. So bebt die MWifienfchaft auch aus der Wirklichkeit des Lebens den Berband als Gegenftand heraus. Eine Gruppe von Andividuen, die in einem Verbande verfnüpft ift, geht niemals in diejem gänz⸗ ih auf. Sn dem modernen Leben ift in ber Regel ein Menſch Mitglied mehrerer Verbände, welche einander nicht einfach unter» geordnet find. Aber auch wenn ein Menſch nur Einem Berbande angehörte: jein ganzes Weſen geht doch in denjelben nicht ein. Denkt man fich den Älteften Yamilienverband, fo hat man den ele⸗ mentaren focialen Körper vor fi), die concentrixtefte Form von Willendeinheit, die unter Menſchen denkbar ift. Und doch ift Staat nicht ein Ausfchnitt der Wirklichkeit, fondern ein Theilinhalt. 103 auch in ihr die Vereinigung der Willen nur relativ; die Indivi— duen, aus denen fie fich zuſammenfügt, gehen nicht gänzlich in fie ala in ihre Einheit auf. Das, was die Anfchauung ala Land, Volt und Staat unmwillfürlicy räumlich abgrenzt, und jo als eine volle Wirklichkeit beit dem Namen Deutichland oder Frankreich vorſtellt, ift nicht der Staat, iſt nicht der Gegenftand der Staats⸗ wiſſenſchaften. So tief auch die ftarfe Hand des Staat? in bie Lebenseinheit des Individuums, dieſes an fich reißend, greift: der Staat verbindet und unterivirft die Individuen nur theilmeife, nur relativ: Etwas in ihnen ift, das nur in der Hand Gottes ift. So viele auch die Staatäwiflenjchaften von den Bedingungen diefer Willenzeinheit einbegreifen: direkt haben fie es nur mit einer in der Abftraftion allein darftellbaren Theilthatfache zu thun, und von der Realität, welche die auf einem Territorium lebenden Menichen bilden, laſſen fie einen Rüdftand von jehr großer Er- beblichkeit zurüd. Die Staatsgewalt jelber umfaßt nur ein be= ftimmtes dem Staatszweck untertworfened Quantum der gefammten Volkskraft, daS freilich größer fein muß als irgend eine andere Kraft auf feinem Zerritorium, welches aber dag ihm nothwendige Machtübergewicht nur durch feine Organifation und durch die Milwirkung von pigchologiichen Motiven empfängt ?). Innerhalb der äußeren Organifation ift neuerdingd dom Staat die Geſellſchaft (dad Wort in einem engeren Ver— ftande gefaßt) unterſchieden worden. 1) Dieje Auffaffung, welche von ber im Begriff des Staats vollzogenen Abftraftion ausgeht, findet fich in Nebereinftimmung mit der aus befonnener Empirie, wie fie ihm eigen war, geichöpften Begriffäbeftimmung Mohls: „Der Staat ift ein dauernder einheitlicher Organismus berjenigen Ein- richtungen, welche, geleitet buch einen Sejammtmillen, ſowie auf: rechterhalten und durchgeführt dur eine Geſammtkraft, die Aufgabe haben, die jeweiligen erlaubten Lebenszwecke eines beftimmten und räumlich abgefähloffenen Volles, und zwar vom Einzelnen bis zur Gejellichaft, zu fördern, foweit von ben Betreffenden nicht diejelben mit eigenen Kräften befriedigt werden können und fie Gegenftand eines gemeinfamen Bebürfniffes find.” Aus dieſer Definition folgt, daB die Staatswiſſenſchaft den Theil- inhalt ber Wirklichkeit, welchen fie zum Wegenftand hat, nur in ber Bezieh⸗ ung auf diefe Wirklichkeit auffafien kann. 104 Erfted einleitended Buch. Das Studium der äußeren Organijation der Gefellichaft hat, feitdem e3 in Europa auftrat, feinen Mittelpunkt in der Staat3- wiſſenſchaft. In der Abenddämmerung des Lebens der griechiichen Politien treten die zwei großen Staatötheoretifer hervor, welche das Fundament dieſer Wifjenfchaft gelegt haben. Wohl beftanden damals noch die Phylen und Phratrien einerſeits, die Demen andrerſeits, ala die Refte der alten Geichlechter- und Gemeinde» ordnungen, beſaßen Recht3perfönlichkeit und Vermögen, neben ihnen beftanden auch freie Genofienichaften. Aber im pofitiven Rechte Athens jcheint 1) zwiſchen dem Beichluß einer Corporation und der Abrede für eine gemeinfame Handelsunternehmung fein Unterfchied beftanden zu haben. Unter dem allgemeinen Begriff von xowwri« wurde das ganze Berbandäleben befaßt und eine Untericheidung wie die römische zwifchen universitas und societas hatte ſich nicht herausgebildet. Ariftotele8 formulirt daher nur das Ergebniß der griechiichen Verbandsentividlung, wenn er von dem Begriff der xowwria in feiner Politik ausgeht, dag genetiiche Verhält⸗ niß entwidelt, da8 von dem Yamilienverband zu dem Dorfverband (xoun), von diefem zum Stadtftaat (ndAıs) führt, alsdann aber den Dorfverband, ala ein Stadium von nur geichichtlicdem In— tereffe in feiner politifchen Theorie felber verſchwinden läßt und den freien Genoſſenſchaften feine Stelle in feinem Staate zutheilt. Mar doch im griechiichen Leben in der Herrichaftsordnnung des Stadtftantes alles Verbandaleben untergegangen. — Es entwickelten fi) dann weitere Beftandtheile einer Theorie der äußeren Organi- fation der Gefellichaft in der Rechtäwiflenichaft, in der kirchlichen Wiſſenſchaft: am hellen Tage der Geichichte jehen wir ben größten Verband, den Europa hervorgebracht Hat, die Tatholilche Kirche, heranwachſen und in theoretifchen Formeln feine Natur ausſprechen, aus ihr heraus feine Rechtsordnung fich Ichaffen. Die europätfche Gejellichaft zeigte nach der Franzöfiichen Re- volution ein ganz neues Phänomen, als ſozuſagen die Hemmungs⸗ apparate, weld;e in ihrer früheren äußeren Organijation zwiſchen den ftarfen Leidenjchaften der arbeitenden Claſſen und der die v Dal. das Solon zugeichriebene Geſetz Corp.jur. 1. 4 Dig. de coll. 47, 22, Die Gefellichaftäwifienichaft. 105 Eigenthums⸗ und Rechtsordnung aufrecht erhaltenden Staatsmacht beftanden hatten, nunmehr größtentheild weggefallen waren, und das rapide Wachäthum der Induftrie und der Verkehrsverbindungen eine täglich anwachſende Maſſe von Arbeitern, durch Intereſſenge⸗ meinjchaft über die Grenzen der Einzelſtaaten hinaus verbunden, durch den Fortichritt der Aufklärung ihrer Intereffen immer deut- licher betvußt, der Staat3macht gegenüberftellte. Aus der Auffafjung diefer neuen Thatſache entjprang der Verfuch einer neuen Theorie, der Geſellſchaftswiſſenſchaft. Im Frankreich bebeutete Socivlogie die Ausführung der gigantifchen Traumidee, aus der Berfnüpfung aller von der Wiſſenſchaft gefundenen Wahrheiten die Erkenntniß der wahren Natur der Gejellichaft abzuleiten, auf Grund diejer Erkenntniß eine neue den herrichenden Thatlachen der Wifjenichaft und Induftrie entiprechende äußere Organifation der Gefellichaft zu entwerfen, ſowie vermittelft diefer Erfenntniß die neue Gejellfchaft zu leiten. Im diefem Berftande hat während der gewaltthätigen Krifen in der Wende des Jahrhunderts der Graf Saint:Simon den Begriff der Sociologie entwidelt. Sein Schüler Comte bat die angeftrengte Arbeit eined ganzen Leben? mit folgerichtiger Beharrlichkeit dem ſyſtematiſchen Aufbau diejer Wiſſenſchaft gewidmet. In der Rüdwirkung auf diefe Arbeiten, unter dem Einfluß derielben Lage der Gejellichaft entftand in Deutichland der Begriff und Verſuch einer Gefellfchaftälehre!). In gefunden, willenjchaft- lich pofitivem Sinn, unternahm fie nicht, die Staatswiſſenſchaften durch ein Ganzes von ungeheuren Dimenfionen zu erjegen: fie wollte fie ergänzen. Das Ungureichende des abſtrakten Staatäbe- griffs war, ſeit den erften Bliden von Schlözer, durch die hiſtoriſche Schule immer deutlicher zum Bewußtſein gekommen, dieje hatte die Thatſache des Volkes durch ihre Arbeiten in einer ganz neuen — — — —— — 1) Zu der gründlichen Ueberficht der Literatur in Mohls Geſchichte und Literatur der Staatswiſſenſchaften I, 1855 ©. 67ff. bemerke ich, daß der erfte (und fruchtbarfte) Entwurf (mas Mohl ©. 101 nicht hervorgehoben) hinter 1850 zurüdgeht und in Steins Socialismus Frankreichs 2. Aufl. 1848 ©. 14 ff. fich findet. 106 Erſtes einleitendes Bud. Tiefe gejehen. Hegel, Herbart, Krauje wirkten in derſelben Richtung. Es Tann nicht beftritten werben, daß man, von dem @inzelleben der Individuen zur Staatmacht fortichreitend, zwifchen beiden ein weites Reich von Thatſachen antrifft, welche dauernde Beziehungen diefer Individuen aufeinander und die Welt der Güter enthalten. Der Staatsmacht ſtehen die Individuen nicht ala iſolirte Atome gegenüber, fondern ald ein Zujammenhang. Im Sinne unferer bisherigen Darlegungen wird man weiter an= ertennen müflen, daß auf der Grundlage der natürlichen Yamilien- gliederung und der Niederlaffung, im neinandergreifen der Thätig= feiten des Kulturlebens in ihren Beziehungen auf die Güter eine Organifation entfteht, welche der Staat von Anfang an trägt und ermöglicht, welche aber nicht ganz, wie fie ift, in den Zuſammen⸗ bang der Staatsgewalt eingegliedert wird. Die Ausdrüde Volk und Gejellichaft haben zu diefer Thatſache eine augenfcheinliche Beziehung. Die Trage nach der Griftenzberechtigung einer bejonderen Geſellſchaftswiſſenſchaft ift nicht die über die Eriftenz diefer That⸗ fache, jondern über die Zweckmäßigkeit, fie zum Gegenftand einer bejonderen Wiflenichaft zu machen. — Im Ganzen gleicht die Frage, ob irgend ein Theilinhalt der Wirklichkeit geeignet ei, von ihm aus bewieſene und fruchtbare Sätze zu entwideln, der Trage, ob ein Meier das vor mir liegt ſcharf ſei. Man muß fchneiden. Eine neue Wiſſenſchaft wird conftituirt durch die Entdeckung wich⸗ tiger Wahrheiten, aber nicht durch die Abſteckung eines noch nicht occupirten Zerraind in der weiten Welt von Thatfachen. Das muß gegen den Entwurf Robert von Mohl's Bedenken erregen. Diefer geht davon aus, daß zwiſchen Einzelperfon, Familie, Stamm und Gemeinde!) einerjeit?, dem Staat andrerſeits, gleich- förmige Beziehungen und in Folge deflen bleibende Geftaltungen einzelner Beitandtheile der Bevölkerung ſich befinden: jolche werden 1) So nachdem er auf Grund der Einwendungen Treitichle’3 (Ge- jellichaftsmwifienichaft 1859) Die Gemeinde aus feiner Gefellichaftölehre ausge⸗ ichieden hatte. Vgl. darüber Encyklopädie der Staatäwifienfchaften. Aufl. 2. 1872, ©. 5lf. Sie Geſellſchaftswiſſenſchaft. 107 durch die Gemeinjchaft der Abftammung von bevorzugten Yamilien, die Gemeinfchaft der perjönlichen Bedeutung, der Verhältniffe des Beſitzes und Erwerbs ſowie der Religion gebildet. Ob auf Grund dDiefer Abgrenzung eines Thatbeftandes eine „allgemeine Geſell⸗ ichaftälehre d. 5. Begründung des Begriff und der allgemeinen Geſetze“1) der Gejellichaft nothivendig jei, würde nur durch Die Auffindung diejer Gelee beiviejen werden können. Jede andere Art von Erörterung jcheint fein Ergebnik zu verjprechen. — In vieljähriger Arbeit hat Lorenz von Stein verfucht, einen folchen Zuſammenhang von Wahrheiten zu enttwideln; was er anftrebt ift eine wirkliche erflärende Theorie, welche zwiſchen bie Güterlehre?), in der lebten Faſſung: zwiſchen die Erkenntniß der wirthichaft- lichen Thätigfeit, der Arbeit des Gottesbewußtjeind und der Arbeit des Willens °) einerjeit? und die Staatswiſſenſchaft andrerſeits treten ſoll. Uebertragen wir das in den bier entwidelten Zu⸗ ſammenhang, fo wäre dieje Wiflenfchaft das Bindeglied zwiſchen den Willenichaften von den Syſtemen der Kultur und der Staats⸗ wiſſenſchaft. Die Gejellichaft ift ihm, dem entiprechend, eine dauernde und allgemeine Seite in allen Zuftänden der menſchlichen Gemeinfchaft, ein weſentliches und machtvolles Element der ganzen Weltgefchichte). Erſt wenn wir an einer jpäteren Stelle jeine tiefgedachte Theorie einer logiſchen Prüfung unterwerfen, Tann Die Frage entichieden werden, ob die von ihm entividelten Wahrheiten zur Ablonderung einer Gejellichaftälehre berechtigen. Auch an diefem Punkte tritt die Nothivendigkeit einer erfennt- nißtheoretiihen und logiſchen Grundlegung hervor, welche dag Berhältniß der abftrahirten Begriffe zu der gejellichaftlich-gefchicht- lichen Wirklichkeit, deren Theilinhalte fie find, aufllärt. Denn bei den Stantögelehrten macht fi) die Neigung bemerkbar, die Ge⸗ jellichaft ala eine für fich beftehende Wirklichkeit zu betrachten. Will doc Mohl die Gefellichaft geradezu ala „ein wirkliches Leben, 1) Mohl, Staatswiffenichaften, S. 51. 2) Stein, Socialismus 1848. ©. 24. 3) Stein, Volkswirthſchaftslehre. 2. Auflage. Wien 1878. ©. 465. 4) Stein, Gejellichaftälehre. Abth. I, ©. 269. 108 Erſtes einleitendes Buch. einen außer dem Staate ftehenden Organismus“ ?!) verftanden willen, ala ob irgend einer ihrer Lebenskreiſe außerhalb ber Alles erhaltenden Staatsgewalt, außerhalb der vom Staat ge⸗ ſchaffenen Rechtsordnung die Dauer haben könne, welche nad) ihm jelber zu ihren Merkmalen gehört. Stein conftruirt gejellfchaftliche Ordnungen und Verbände und läßt dann über fie im Staat fich die Einheit in abloluter Selbftbeftimmung zur höchften Yorm alle gemeiner Perfönlichkeit erheben. Sieht man bei ihm Gefellichaft und Staat einander ala Mächte gegenübertreten, jo kann der Em- pirifer dem doch nur die Unterjcheidung der zu einer gegebenen Beit beitehenden Staatsmacht und der in ihrer Herrichaftsiphäre befindlichen, aber nicht von ihr gebundenen, jondern in einem eigenen Syſtem von Beziehungen ftehenden freien Kräfte unter- legen. Sn einer theoretifchen Betrachtung über die Kräfteverhält- niffe im politifchen Leben kann man jo gut als das Kräfteverhält- niß zwiſchen Stantdeinheiten auch das zwiſchen der Staatsmacht und den freien Kräften in's Auge faſſen. Aber Gejellichaft in diefem Verſtande faßt auch Refte älterer ftaatlicher Ordnungen in fih fie jet fich nicht wie die Geſellſchaft Stein? aus Beziehungen von einer beftimmten Provenienz zufammen. XIV. Phileſephie der Gefhichte und Sorislogie find keine wirklihen Wiſſenſchaften. Mir ftehen an der Grenze der biäher zur Ausbildung ge= langten Einzelwifjenfchaften der gefchichtlich-gefellfchaftlihen Wirk⸗ lichkeit. Dieje haben zunächſt Bau und Funktionen der wichtigften dauernden Thatbejtände in der Welt der piychophufiichen Wechſel⸗ wirkungen zwiſchen Individuen innerhalb des Naturganzen erforjcht. Es bedarf anhaltender Uebung, um dieje übereinander fich lagernden, einander fich Ichneidenden engeren Zufammenhänge von Wechjel- 1) Mohl, Lit. d. Staatzwifl. I, 1855 €. 82. Philoſophie der Geſchichte und Sociologie feine Wiffenichaften. 109 wirtung, die ſich in ihren Trägern, den Individuen, kreuzen, gleichzeitig ala Theilinhalte der Wirklichkeit, nicht ala Abſtraktionen, vorzuftellen. Verſchiedene Perfonen find in jedem von uns, das Hamilienglied, der Bürger, der Berufsgenofje; wir finden ung im Zufammenhang fittlicher Verpflichtungen, in einer Rechtsordnung, in einem Zweckzuſammenhang des Lebend, der auf Befriedigung gerichtet ift: nur in der Selbftbefinnung finden wir die Lebens⸗ einbeit und ihre Gontinuität in ung, welche alle dieje Beziehungen trägt und hält. So Hat auch die menſchliche Geſellſchaft ihr Leben in der Herborbringung und Geftaltung, Bejonderung und Ber- knüpfung biefer dauernden Thatbeftände, ohne daß fie oder eines der fie mittragenden Individuen darum ein Bewußtſein von dem Zuſammenhang bderjelben beſäße. Welch ein Vorgang von Diffe- venzirung, in welchem das römilche Recht die Privatrechtsiphäre abfonderte, die mittelalterliche Kirche der religiöfen Sphäre zu voller Selbftändigkeit verhalf! Bon den Beranftaltungen ab, welche ber Herrichaft des Menjchen über die Natur dienen, bis zu den höchften Gebilden der Religion und Kunft arbeitet jo der Geift beftändig an Scheidung, Geftaltung dieſer Syfteme, an ber Entwidlung der äußeren Organijation der Geſellſchaft. Ein Bild, nicht weniger erhaben ala jedes, dad Naturforichen von Entitehung und Bau des Kosmos entwerfen kann: während die Individuen kommen und gehen, ift doch jedes von ihnen Träger und Mitbildner an diefem ungeheuren Bau der gefchichtlich-gefell- Ichaftlichen Wirklichkeit. Löſt nun aber die Einzelwiſſenſchaft diefe dauernden Zuftände aus dem rajtlofen, wirbelnden Spiel von Veränderungen los, welches die gefchichtlich-gejellichaftliche Welt erfüllt: To haben fie doch Entftehung und Nahrung nur in dem gemeinjchaftlichen Boden diefer Wirklichkeit; ihr Leben verläuft in ben Beziehungen zu dem Ganzen, aus welchem fie abftrahirt find, zu den Indivi⸗ duen, welche ihre Träger und Bildner find, zu ben anderen dauern⸗ den Geftaltungen, welche die Geſellſchaft umfaßt. Das Problem des Verhältnifſſes der Leiftungen diefer Syſteme zu einander im Haushalt der gejellichaftlichen Wirklichkeit tritt hervor. Diefe Wirk- 110 Erftes einleitended Buch. lichkeit jelber, ala ein lebendiges Ganze, möchten wir erkennen. Und fo werden wir unaufbaltfam dem allgemeinften und lebten Problem ber Geifteswifjenichaften entgegengetrieben: giebt e8 eine Erkennt⸗ niß dieſes Ganzen der geichichtlich-gefellichaftlichen Wirklichkeit ? Die wiſſenſchaftliche Bearbeitung der Thatjachen, welche irgend eine der Einzelwiflenjchaften vollbringt, führt den Gelehrten in ber That in mehrere Zufammenhänge, deren Enden von ihm felber weder aufgefunden noch verknüpft werden zu können fcheinen. ch verdeutliche die8 an dem Beiſpiel des Studiums poetifcher Merle. — Die mannichfaltige Welt der Dichtungen, in der Auf- etnanderjolge ihrer Erfcheinungen, kann zunächſt nur in und aus der umfaflenden Wirklichkeit des Kulturzufammenhangs verftanden werden. Denn Fabel, Motiv, Charaktere eines großen dichterifchen Werkes find durch dag Lebenzidenl, die Weltanficht, ſowie die ge- ſellſchaftliche Wirklichkeit der Zeit bedingt, in der es entftand, rüd- wärts durch die weltgejchichtliche Uebertragung und Entwicklung dichterifcher Stoffe, Motive und Charaktere. — Andrerjeit3 führt die Analyſe eines dichterifchen Werkes und feiner Wirkungen zurück auf die allgemeinen Gejete, welche dieſem Theil des in der Kunſt vorliegenden Syſtems der Sultur zu Grunde liegen. Denn bie wichtigften Begriffe, Durch welche ein dichterifches Werk erkannt wird, die Geſetze, welche in feiner Gejtaltung wirken, find in der Phantafie des Dichter? und ihrer Stellung zur Welt ber Erfahrungen begründet und können nur durch ihre Bergliederung gewonnen werden. Die Phantafie aber, melde ung ala ein Wunder, ala ein vom Alltagsleben der Menjchen ganz verfchie- dene Phänomen zunächſt gegenübertritt, ift für die Analyfis nur die mächtigere Organilation beftimmter Menjchen, welche in der ausnahmsweiſen Stärke beftimmter Vorgänge gegründet iſt. So⸗ nach baut fi) das geiftige Leben feinen allgemeinen Geſetzen ge- mäß in dieſen mächtigen Organifationen zu einem Ganzen von Yorm und Leitung auf, welches von der Natur ber Durchſchnitts⸗ menſchen ganz abweicht und doch nur in denfelben Geſetzen ge- gründet ift. Wir werden aljo in die Anthropologie zurückgeführt. Die Correlatthatſache der Phantafie bildet die äfthetiiche Empfäng- Dreifache Verbind. j. Unterj. m. d. Ganzen b. geſch.⸗geſ. Wirklichkeit. 111 lichkeit. Sie verhalten ſich zu einander wie das fittliche Urtheil zu den Beweggründen des Handelns. Auch dieſe Thatjache, welche die Wirkung von Dichtungen, die auf die Berechnung diefer Wir- fungen gegründete Technik, die Nebertragung äfthetiicher Stimmungen auf ein Beitalter erklärt, ift eine Folgethatſache der allgemeinen Geſetze des geiftigen Lebens. — Sonach ift das Studium der Ge- Ichichte dichteriicher Werke und der nationalen Literaturen an zwei Punkten von dem des geiftigen Leben? überhaupt bedingt. Ein- mal fanden wir es nämlich abhängig von der Erkenntniß des Ganzen ber gejchichtlich-gejellichaftlichen Wirklichkeit. Der concrete urſächliche Zuſammenhang ift hineinverwebt in den der menjchlichen Kultur überhaupt. Wir fanden aber zweitens: die Natur geiftiger Thätigfeit, welche dieſe Schöpfungen hervorgebracht Hat, wirkt nach den Gejeten, welche das geiftige Leben überhaupt beberrichen. Daher muß eine wahre Poetif, welche Grundlage für dad Studium ber fchönen Literatur und ihrer Gefchichte fein joll, ihre Begriffe und Säbe aus der Verknüpfung gefchichllicher Forihung mit . diejem allgemeinen Studium der menjchlichen Natur gewinnen. — Unverädtlich ift endlich die alte Aufgabe einer jolchen Poetik, Regeln für die Herborbringung und die Beurtheilung von dich- terischen Werken zu entwerfen. Die zwei claffiichen Arbeiten Leſſings haben gezeigt, wie Klare Regeln aus den Bedingungen, unter die unjere äfthetiiche Empfänglichkeit vermöge der allgemeinen Natur einer beftimmten tünftleriichen Aufgabe tritt, abgeleitet werden Türmen. Den Hintergrund einer allgemeinen Methode von Abſchätzung deſſen, was den Eindrud dichteriicher Werke beftimmt, bat freilich Leifing abfichtlich, nach der ihm eigenen Strategie der Theilung von Fragen und Außfonderung der zur Zeit ihm auf lösbaren Einzelprobleme, in feinem Dunkel gelaſſen; aber es ift Har, daß die Behandlung dieſes Jolchergeftalt allgemein gefaßten Problems vermittelft der Analyfe ber äfthetiichen Wirkungen auf die allge- meinflen Eigenjchaften der menjchlichen Natur zurüdgeführt haben würde. Wir können alfo das äſthetiſche Urtheil nicht auslöſen aus der Auffaflung dieſes Theils der Geſchichte; ſchon dem In⸗ tereſſe, das aus dem Strom des Gleichgiltigen ein Werk zur Be: 112 Erſtes einleitenbes Buch. trachtung heraushebt, liegt die Urtheil zu Grunde. Wir können nicht eine exakte Gaufalerfenntniß, welche die Beurtheilung aus⸗ ſchlöſſe, herftellen. Dieje ift von der geichichtlichen Erkenntniß durch feine Art von geiftiger Chemie abzufcheiden, jolange der Erkennende ein ganzer Menſch ift. Und doch bilden andrerjeit? Beurtheilung, Regel, wie fie in ben Zuſammenhang diefer Erfenntniß verwebt find, eine britte jelbftändige Clafle von Sätzen, die nicht aus den beiden anderen abgeleitet werden fann. Dies trat uns fchon am Beginn dieſes Ueberblidd entgegen. Nur in der pfychologifchen Wurzel mag ein folder Zuſammenhang beftehen: zu dieſer aber dringt nur die über die Einzelwifjenichaften hinausgehende Selbft- befinnung. Diefe dreifache Verbindung jeder Einzelunterfuchung, jeder Einzelwiſſenſchaft mit dem Ganzen der geichichtlich-gejellichaftlichen Wirklichkeit und ihrer Erkenntniß kann an jedem anderen Punkte nachgewieſen werden: Verbindung mit dem concreten Gaufalzu- fammenhange aller Thatfachen und Veränderungen biejer Wirflich- feit mit den allgemeinen Geſetzen, unter denen dieje Wirklichkeit fteht, und mit dem Syſtem der Werthe und Smperative, das in dem Verhältniß des Menſchen zu dem Zuſammenhang feiner Aufgaben angelegt ift. Giebt e8, jo fragen wir nun genauer, eine Wiſſen⸗ Schaft, welche diefen dreifachen die Einzelwiſſenſchaften überfhreitenden Zufammenhang erkennt, die Beziehungen erfaßt, welche zwiſchen der geichichtlichen Thatfache, dem Geſetz und der da8 Urtheil leitenden Regel beftehen? Zwei Wiflenichaften von ſtolzem Titel, die Philofophie der Geſchichte in Deutichland, die Sociologie in England und Frankreich beanspruchen eine Erlkenntniß diefer Art zu fein. Der Urjprung der einen dieſer Willenichaften lag in bem hriftlichen Gedanken eines inneren Zuſammenhangs fortichreiten- der Erziehung in ber Gefchichte der Menſchheit. Clemens und Auguftinus bereiteten fie vor, Vico, Leffing, Herder, Humboldt, Hegel führten fie aud. Unter dem mächtigen Antrieb, den fie in dem chriftlichen Gedanken einer gemeinfamen Erziehung aller Nationen durch die Vorſehung, eines ſich jo verwirklichenden Reiches Philoſophie d. Geſchichte u. Sociologie beanjpruchen fie zu erfennen. 113 Gottes empfangen hat, fteht fie noch Heute. Der Urfprung ber anderen lag in den Erjchütterungen der europäiichen Gejellichaft feit dem lebten Drittel des 18. Jahrhunderts; eine neue Organi- ſation der Geſellſchaft jollte unter der Leitung des im 18. Jahr⸗ Hundert mächtig berangewachjenen wiſſenſchaftlichen Geiftes ſich vollziehen; von dieſem Bedürfniß aus follte der Zuſammenhang des ganzen Syſtems der wiſſenſchaſtlichen Wahrheiten, von ber Mathematit aufwärts, feftgeftellt und ala ihr letztes Glied bie neue erlöfende Willenfchaft der Gejellichaft begründet werden; Condorcet und Saint⸗Simon waren die Vorläufer, Comte der Begründer diefer umfaflenden Wiſſenſchaft der Geſellſchaft, Stuart Mill ihr Logiker, in Herbert Spencers ausführlicher Darftellung begirmt fie die Phantafien, welche ihre ungeftüme Jugend bewegt haben, abzuthun '). Gewiß, ein armfeliger Glaube wäre es, die Weije, in der es ber Kunft des Gelchichtichreiberd (ie wir jahen) gegeben ift, das Allgemeine des Zuſammenhangs menfchlicher Dinge im Be⸗ ionderen zu fchauen, fei die einzige und ausschließliche Yorm, in welcher der Zuſammenhang diejer unermeßlichen geſchichtlich-geſell⸗ 1) Bon Saint:-Simon können mit Sicherheit folgende Gebanten in der Sociologie Comte's abgeleitet werben: der Begriff ber Geiellichaft, im Unterichied von dem des Staates, ala einer von den Grenzen ber Staaten nicht eingeichräntten Gemeinschaft; vgl. feine Schrift: Reorganisation de la societe europeenne, ou de la necessit& et des moyens de rassembler les peuples de l’Europe en un seul corps politique, en conservant & chacun sa nationalite (in Gemeinichaft mit Auguftin Thierry verfaßt) 1814; bann der Gedanke einer nach der Zerfehung der Gejellfchaft nunmehr nothivenbigen Organifation derjelben, vermittelft einer leitenden geiftigen Macht, welche ala Philoſophie der pofitiven Wiffenichaften die Verfettung der Wahrheiten in diefen Wiffenjchaften aufzufinden und aus ihr die Socialwifjenichaften abzu⸗ leiten babe; vgl. Nouvelle Enncyclopedie 1810, fowie dad Memoire über diefelbe ꝛc.; endlich ift der Plan, nach welchem ex feit 1797 zuerft die mathe matiſch⸗phyfikaliſchen Wiſſenſchaften in der polgtechniichen Schule ftubirte, dann die biologischen in der medicinifchen Schule von feinem Mitarbeiter und Schüler Comte dann wirklich in wiflenfchaftlicdem Geifte durchgeführt worden. Gomte verband mit diefer Grundlage Turgot's feit 1750 ent: widelte Theorie von den drei Stadien der Intelligenz und de Maiſtre's Theorie von der Rothivendigkeit einer im Gegenſatz zu der zerſetzenden Tendenz bes Proteftantismus bie Geſellſchaft zufammenbaltenden eeiftinen Gewalt. Diltbey, Einleitung. 114 Erſtes einleitendes Bud). ſchaftlichen Welt ſür uns da iſt. — Immer wird in dieſer fünftle- riſchen Darſtellung eine große Aufgabe der Geſchicht— ſchreibung beſtehen, welche durch die Generaliſationswuth einiger neueren engliſchen und franzöſiſchen Forſcher nicht eniwerthet werden kann. Denn wir wollen Wirklichkeit gewahr werden, und der Verlauf der erkenntnißtheoretiſchen Unterſuchung wird zeigen, daß fie, wie ſie iſt, in ihrer durch kein Medium veränderten That- ſächlichkeit, nur in dieſer Welt des Geiſtes für und beſteht. Und zwar liegt für unſer Anſchauen in allem Menſchlichen ein Intereſſe nicht des Vorſtellens allein, ſondern des Gemüths, der Mitempfin⸗ dung, des Enthuſiasmus, in welchem Goethe mit Recht die ſchönſte Frucht geſchichtlicher Betrachtung ſah. Hingebung macht das Innere des wahren congenialen Hiſtorikers zu einem Univerſum, welches die ganze geſchichtliche Welt abſpiegelt. In dieſem Univerſum ſittlicher Kräfte hat das Einmalige und Singulare eine ganz andere Bedeu⸗ tung als in der äußeren Natur. Seine Erfaſſung iſt nicht Mittel, ſondern Selbſtzweck: denn das Bedürfniß, auf dem ſie beruht, iſt unvertilgbar und mit dem Höchſten in unſerem Weſen gegeben. Daher haftet auch der Blick des Geſchichtſchreibers mit einer natür⸗ lichen Borliebe an dem Außerordentlichen. Ohne es zu wollen, ja oft ohne es zu willen vollzieht auch Er beftändig eine Abftraf- tion. Denn das Auge deijelben verliert für die Theile des That— beitandes, welche in allen gefchichtlichen Ericheinungen wieder⸗ fehren, die friſche Enmpfänglichkeit, wie die Wirkung eines Ein: drudes, der eine bejtimmte Stelle der Netzhaut anhaltend trifft, ſich abſtumpft. Es bedurfte der philanthropiichen Beweggründe des 18. Jahrhunderts, um das Alltägliche, allen Gemeinjame in einem Beitalter, die „Sitten“, wie ſich Voltaire ausdrückt, ſowie die Veränderungen, welche in Bezug auf diejes ftattfinden, neben dem Außerordentlichen, den Handlungen der Könige und den Schid- lalen der Staaten, wieder recht fichtbar zu machen. Und der Untergrund de3 zu allen Zeiten Gleichen in der menschlichen Natur und dem Weltleben tritt überhaupt nicht in die künſtleriſche Ge— ſchichtsdarſtellung. Auch fie alfo beruht auf einer Abſtraktion. Aber diefelbe ift unmwillfürlih, und da fie aus den ftärkiten Be- Anſchauung dieſes Zuſammenh. i. d. künftleriichen Geichichtichreibung. 115 weggründen der Menichennatur entipringt, jo werden wir ihrer gewöhnlich gar nicht inne. Indem wir ein Vergangenes miterleben, durch die Kunft geichichtlicher Vergegenwärtigung, werden wir be— lehrt, wie durch dag Schauspiel des Lebens jelber; ja unjer Welen erweitert ſich, und pfychilche Kräfte, die mächtiger find ala unſre eigenen, fteigern unjer Dafein. Daher find die ſociologiſchen und geſchichtsphiloſophiſchen Theorien faljch, welche in der Darftellung des Singularen einen bloßen Rohſtoff für ihre Abftraktionen erbliden. Diejer Aberglaube, welcher die Arbeiten der Geichichtichreiber einem geheimnißvollen Proceß unterwirft, um den bei ihnen vorgefundenen Stoff des Singularen alchymiſtiſch in das lautere Gold der Abftraftion zu verwandeln und die Gelchichte zu zivingen ihr letztes Geheimniß zu berrathen, ift genau jo abenteuerlich, ala je der Traum eines alchymiſtiſchen Naturphilofophen war, welcher das große Wort der Natur ihr zu entloden gedachte. Es giebt Jo wenig ein ſolches leßtes und einfaches Wort der Geichichte, das ihren wahren Einn ausfpräche, ala die Natur ein ſolches zu verrathen bat. Und ganz fo irrig ala diejer Aberglaube ift das Verfahren, welches gewöhnlich mit ihm verbunden ift. Diefes Verfahren will die von den Gefchichtichreibern ſchon formirten Anfchauungen vereinigen. Aber der Denker, welcher die gejchichtliche Welt zum Objekt bat, muß in direkter Verbindung mit dem unmittelbaren Rohmaterial der Geichichte und all ihrer Methoden mächtig fein. Er muß ſich demjelben Geſetz harter Arbeit an dem Rohſtoff unteriverfen, unter dem der Geichichtichreiber fteht. Den Stoff, der durch daß Auge und die Arbeit des Gejchichtichreiberd jchon zu einem künſtleriſchen Ganzen verbunden ift, jei eg mit pfychologifchen fei es metaphy- ſiſchen Säten in Zuſammenhang bringen: diefe Operation wird immer mit Unfruchtbarkeit behaftet bleiben. Spricht man von einer Philoſophie der Gejchichte, jo kann fie nur hiſtoriſche Forſchung in philoſophiſcher Abficht und mit philofophiichen Hilfsmitteln fein. Aber dies ift nun die andere ©eite der Sache. Dad Band ziwilhen dem Singularen und Allgemeinen, das in ber genialen Anſchauung des Gejchichtichreiber3 liegt, wird durch die 8 * 116 Erſtes einleitended Buch. Analyfis zerriffen, welche einen einzelnen Beitandtheil dieſes Ganzen der theoretiſchen Betrachtung unterwirft; jede Theorie, welche fo in ben Einzelwiſſenſchaften der Geſellſchaft, die wir erörtert haben, entfteht, ift ein weiterer Schritt in der Loslöfung eines all- gemeinen erflärenden Zujammenhanga von dem Gewebe der That- fadden; und diefen Vorgang hält nichts auf: der Gefammtzu- fammenbang, welden die gejchichtlichgejellichaftliche Wirklichkeit ausmacht, muß Gegenftand einer theoretilchen Betrachtung werden, welche auf das Erflärbare in diefem Zufammenhang gerichtet ift. Aber ift nun die Philofophie der Geſchichte oder die Socio⸗ Iogie diefe theoretiiche Betrachtung? Der Zufammenhang diefer ganzen Darlegung enthält die Prämiffen, aus welchen diefe Trage berneint werden muß. XV. Ihre Aufgabe if unlösher. Beſtimmung der Aufgabe der Geſchichtswiſſenſchaft im Zufammenhang der Beifteswifienichaften. 63 befteht ein unlösbarer Wideripruch zwifchen der Aufgabe, welche dieje beiden Wiſſenſchaften fich geftellt haben, und den Hilfs⸗ mitteln, welche ihnen zur Löſung derjelben zur Verfügung flehen. Unter Philoſophie der Geſchichte verftehe ich eine Theorie, welche den Zufammenhang der gefchichtlichen Wirklichkeit durch einen entiprechenden Zuſammenhang zu einer Einheit ver⸗ bundener Süße zu erkennen unternimmt. Dieſes Merkmal der Einheit des Gedankens ift von einer Theorie unabtrennbar, welche eben in der Erkemtniß vom Zufammenhang des Ganzen ihre unterfcheidende Aufgabe bat. Daher Hat die Philoſophie der Ge⸗ ſchichte bald in einem Plan des gejchichtlichen Verlaufs dieje Ein- beit gefunden, bald in einem Grundgedanlen (einer dee), bald in einer Yormel oder einer Verbindung von Formeln, welche das Geſetz der Entwiclung außdrüden. Die Sociologie (ich ſpreche Relat. Erkenntniß d. Zuſammenh. d. d. fortſchr. Geſchichtswiſſenſchaft. 117 hier nur von der franzöſiſchen Schule derſelben) ſteigert noch dieſen Anſpruch der Erkenntniß, indem ſie vermöge der Erfaſſung dieſes Zuſammenhangs eine wiſſenſchaftliche Leitung der Geſellſchaft herbeizuführen hofft. Nun ging uns aus der Vertiefung in den Zuſammenhang der Einzelwiſſenſchaften des Geiſtes die folgende Einſicht hervor. In dieſen Wiſſenſchaften hat die Weisheit vieler Jahrhunderte eine Zerlegung des Geſammtproblems der gejchichtlich-gejellichaftlichen Mirklichfeit in Einzelprobleme vollbracht; in benfelben find diefe Ginzelprobleme einer ftreng wiflenichaftlichen Behandlung unter- worfen worden; der in ihnen durch dieſe beharrliche Arbeit ge⸗ IHaffene Kern von wirklicher Erkenntniß ift in langjamem, aber beftändigem Wachsthum begriffen. — Wol ift nothivendig, daß diefe Wiflenichaften fich des Verhältnifies ihrer Wahrheiten zu der Wirklichkeit, von twelcher fie doch nur Xheilinhalte darftellen, folgerecht der Beziehungen, in welchen fie zu den aus berfelben Wirklichkeit durch Abſtraktion ausgeſonderten anderen Willenfchaften fteben, bewußt werden; gerade dieß ift das Bedürfniß, daß aus der Natur der Aufgabe, welche dieje Wirklichkeit dem menſchlichen Wiſſen und Erkennen ftellt, die Kunftgriffe, vermöge deren bda3- jelbe ſich in fie eingräbt, fie zeripaltet, zerjeßt, verftanden werden; was dag Erkennen mit feinen Werkzeugen bewältigen kann, was als unzerjeßbare Thatjache widerfteht und zurückbleibt, das muß fih Bier zeigen: kurz einer Erfenntnißtheorie der Geiſteswiſſen⸗ ichaften, oder tiefer: der Selbftbefinnung bedarf es, welche den Begriffen und Sägen berjelben ihr Verhältnik zur Wirklichkeit, ihre Evidenz, ihr Verhältniß zu einander fihert. Sie vollendet erſt die echt wiſſenſchaftliche Richtung dieſer pofitiven Arbeiten auf Har begränzte und in fich fichere Wahrheiten. Sie legt erft die Grundlagen für das Zuſammenwirken der Einzelwiſſenſchaften in der Richtung auf die Erfenntniß des Ganzen. — Uber wie folchergeftalt diefe Einzelwiflenfchaften, bervußter in fich geworben durch eine ſolche Erkenntnißtbeorie, ihres Werthes und ihrer Grenzen ficher, ihre Beziehungen in ihre Rechnung aufnehmend, nach allen Seiten voranschreiten: fo ſind fie die einzigen 118 Erſtes einleitendes Bud). Hilfsmittel der Erklärung der Gefhichte, und es hat feinen vorjtellbaren Sinn, außerhalb ihrer eine Löſung des Problems vom Zuſammenhang der Gejchichte ſich vorzuftellen. Denn biefen Zu— jammenhang erkennen heißt ihn, ein unermeßlich Zufammengejektes, in feine Beftandtheile auflöfen, an dem Einfacheren Gleichförmig⸗ feiten auffuchen, vermöge ihrer dann dem Verwickelteren fich nähern. Daher findet die Anwendung ber bisher dargeitellten Einzelwifjenichaften zur Erklärung des Zuſammenhangs der Ge- Ihichte in der fortſchreitenden Geſchichtswiſſenſchaft felber in immer höherem Grade flat. Das BVerftändniß jebes Theil von Geichichte fordert die Anwendung der vereinten Hilfsmittel ver⸗ ſchiedener Einzelwillenichaften des Geiftes, von der Anthropologie aufwärts. Wenn Rante einmal ausſpricht, er möchte fein Selbft aus⸗ löfchen, um die Dinge zu jehen, wie fie geweſen find, fo drückt dies das tiefe Verlangen des wahren Gejchichtichreibers nad) der objektiven Wirklichkeit jehr Ichön und Träftig au. Aber dies Berlängen muß ich mit der wiſſenſchaftlichen Erkenntniß der pfychifchen Einheiten, aus denen diefe Wirklichkeit befteht, der dauernden Geftaltungen, bie in der Wechjelmwirkung derſelben fich entwideln und Träger des ge- Ihichtlichen Fortſchritts find, ausrüſten: jonft wird es diefe Wirflich- keit nicht erobern, die nun einmal in bloßem Bliden, Gewahren nicht ergriffen wird, jondern nur durch Analyſis, Zerlegung. Giebt ed etwas, was als Wahrheitskern hinter der Hoffnung einer Phi- Iofophie der Gejchichte verborgen ift, dann ift es dieſes; gefchicht- liche Forſchung auf dem Grunde einer möglichft umfaſſenden Beherrihung der Einzeltifenfchaften des Geiſtes. Wie Phnfit und Chemie die Hilfsmittel des Studiums des organiichen Lebens find, jo Anthropologie, Rechtswiſſenſchaft, Staatswiſſenſchaften die Hilfsmittel des Studiums des Verlaufs der Geichichte. Diefer Hare Zufammenhang kann methodisch jo ausgedrückt werden: die höchft zufammengefeßte Wirklichkeit der Gejchichte kann nur vermittelft der Wiffenichaften erkannt werden, welche die Gleich- förmigfeiten der einfacheren Thatfachen erforjchen, in die wir diefe Wirklichkeit zerlegen können. Und fo beantivorten wir die oben gejtellte Frage zunächft dahin: die Erkenntniß des Ganzen ber Relat. Erkenntniß d. Zuſammenh. d. d. fortichr. Geſchichtswiſſenſchaft. 119 geſchichtlich-geſellſchaftlichen Wirklichkeit, welcher wir und ala dem allgemeinften und legten Problem der Geiſteswiſſenſchaften entgegen getrieben fanden, verwirklicht fich fucceffive in einem auf erfermtniß = theoretilcher Selbftbefinnung beruhenden Zuſammen⸗ bang von Wahrheiten, in welchem auf die Theorie des Menſchen die Einzeltheorien der geſellſchaftlichen Wirklichkeit ſich aufbauen, dieſe aber in einer wahren fortichreitenden Geſchichtswiſſenſchaft angewandt werden, um immer Mehrere von der thatjächlichen, in der Wechſelwirkung der Individuen verbundenen geihichtlichen Wirklichkeit zu erklären. In dieſem Zuſammenhang von Wahr- heiten wird die Beziehung zwiſchen Thatſache, Geje und Negel vermittelft der Selbitbefinnung erkannt. In ihm ergiebt ſich auch, wie weit wir noch) von jeder abjehbaren Möglichkeit einer allgemeinen Theorie des geichichtlichen Verlauf entfernt find, in welchen beicheidenen Sinn überhaupt von einer ſolchen bie Rebe fein kann. Univerjalgeichichte, ſofern fie nicht etwas Uebermenſch⸗ liches ift, würde den Abichluß diefea Ganzen der Geifteäwiffen- ſchaften bilden !). Ein ſolches Verfahren vermag freilich nicht den gefchichtlichen BDerlauf auf die Einheit einer Formel oder eined Prin— zips zurüdzuführen, jo wenig ala die Phyfiologie das Leben. Die Wiſſenſchaft kann fich der Auffindung einfacher Erklärungs⸗ prinzipien durch die Analyfi2 und die Handhabung der Mehr- beit von Erklärungsgründen nur nähern. Die Philojophie der Geſchichte müßte ſonach ihre Ansprüche aufgeben, wollte fie des Verfahrens, an welches fchlechterdinga alle wirkliche Erkenntniß des gejchichtlichen Verlaufs gebunden ift, fich bedienen. So wie fie it, quält fie ieh an der Quabratur bed Cirkels ab. Daher denn auch für den Logiker ihr Kunftgriff durchfichtig genug ift. — Ich kann, wenn ich mid) an die Erfcheinung eines Zufammen- hanges von Wirklichkeit Halte, die meiner Anfchauung ſich bar- bietenden Züge in einer fie zuſammenhaltenden Abftraftion ver- fnüpfen, in welcher, als in einer Art von Allgemeinvorftellung, 1) Ausführlich Habe ich über Univerjalgeichichte gehandelt in meiner Abhandlung über Echloffer, Preußiſche Jahrbücher April 1862. 120 Erſtes einleitended Buch. das Bildungsgeſetz diefed Zuſammenhangs enthalten ift. Irgend eine wenn auch noch ſo ſchwankende und verworrene Allgemein⸗ vorſtellung der geſchichtlichen Wirklichkeit entſteht in Jedem, der fich mit ihr beſchäftigt hat und nun den Zuſammenhang dieſer Wirklichkeit in einem geiſtigen Bilde vereinigt. Solche Abſtrak⸗ tionen geben auf allen Gebieten der Arbeit der Analyfis voran. Eine Weſenheit diefer Art war die geheimnißvolle volltommene Kreisbewegung, welche die alte Aftronomie zu Grunde legte, ſowie die Lebenskraft, in welcher die Biologie vergangener Tage die Urjache der Haupteigenjchaften des organiichen Leben? ausdrückte. Und iede Formel, welche Hegel, Schleiermacdher oder Comte aufgeftelft haben, das Geſetz der Geichichte auszudrücken, gehört dieſem natür- lichen Denken an, da8 überall der Analyfis vorausgeht und eben — Metaphufit it. Dieſe anſpruchsvollen Allgemeinbegriffe der Phi- loſophie der Geſchichte find nichts ald die notiones universales, welche Spinoza jo meifterhaft in ihrem natürlichen Urfprung und ihrer verhängnißgvollen Wirkung auf das wiflenichaftliche Denken geichildert hat). — Natürlich heben diefe Abftraktionen, welche den Verlauf der Geichichte ausdrüden, aus dieſem, der mit dem Bernußtjein unermeßlichen Reichthums die Seele bewegt, ftet? nur Eine Seite heraus, und fo Jondert jede Philojophie eine etwas andere Abftraktion aus diefem Gewaltigen, Wirklihen aus ?). Wollte man aud des Ariſtoteles Stufenfolge von Naturkräften bis zum Menſchen ein Prinzip der Philoſophie der Geſchichte ab- leiten, jo würde e8 von dem Comte's in Rückſicht feines eigentlichen Gehalts fich etiwa jo unterjcheiden, wie der Blick auf diejelbe Stabt bon verjchiedenen Höhen aus, ebenſo dieſes von der Humanität Herder 3), dem Hindurchdringen der Vernunft durch die Natur 1) Scholion zu prop. 40 des zweiten Buch? der Ethik, ſowie de in- tellectus emendatione. 2) Ex gr. qui saepius cum admiratione hominum staturam con- templati sunt, sub nomine hominis intelligunt animal erectae staturae:; qui vero aliud assueti sunt contemplari, allam hominum communem imaginem formabunt etc. 3) Vgl. das vierte und fünfte Buch der Ideen, an welches dann dad fünfzehnte anfnüpft, fowie den von Joh. Müller mitgetheilten Entivurf des letzten Bandes gegen den Schluß. Allgemeinvorftellungen ala Gegenftand ber Geſchichtsphiloſophie. 121 bei Schleiermadher, oder Hegels Fortſchritt im Bewußtſein der Freiheit. — Und wie zu weite Definitionen ala Sätze wahr find und nur als Definitionen falih, To pflegt auch das was in dem faltigen Gewand biefer Yormeln fich birgt nicht unrichtig zu fein, nur ein ärmlicher und unzureichender Ausdrud der machtvollen Wirklichkeit, deren Gehalt auszudrüden es beaniprucht. Da nun Philoſophie der Gejchichte in ihrer Formel die ganze Weſenheit des Weltlaufs auszudrücken beaniprucht, jo will fie in der- ſelben zugleich mit dem Caufalzuſammenhang auch den Sinn des geſchichtlichen Verlaufs d. h. feinen Werth und fein Ziel aus⸗ Iprechen, fofern fie einen jolcden neben dem Cauſalzuſammenhang anerkennt. Die Enden unſeres Bewußtſeins, Willen von Wirk- lichkeit und Bewußtſein von Werth und Pegel, find in ihrer Allgemeinvorftellung in eins gebunden: fei es nun daß nach ihr in dem metaphyfiichen Weltgrunde dieje Einheit angelegt ift, ala eine Verwirklichung des Weltziwedes vermöge des Syſtems der wirken⸗ den Urfachen, oder daß die Zwecke welche der Menſch ſich fett, die Werthe die er den Thatfachen der Wirklichkeit giebt, mit Spinoza und den Naturaliften ala eine ephemere Yorm inneren Leben? in gewifſen Erzeugnifjen der Natur angelehen werden, welche nicht in deren blinde Macht zurückreichen. Sei aljo Geſchichtsphiloſophie teleologifch oder naturaliftiich: ihr weiteres Merkmal ift, daß in ihrer Formel des Weltlaufs auch der Sinn, Zweck, Werth, welchen fie in der Welt verwirklicht fieht, vertreten ift. Negativ ausge⸗ drückt, fie begnügt fich nicht mit der Erforjchung des zugänglichen Cauſalzuſammenhangs, indem fie da® Gefühl vom Werthe des Weltlaufs, wie e8 in unjerem Bewußtſein ala Thatſache auftritt, twalten läßt, ohne e8 weder zu verſtümmeln nod) vortwißig in die Forſchung zu miſchen. Das thut der wahre Einzelforicher. Sie geht auch nicht von den Werthen und Regeln zurüd zu dem Puntte im Selbitbetwußtfein, an welchen diefe mit dem Borftellen und Denken verfnüpft find. Das thut der kritische Denker. Sonft würde fie erkennen, daß Werth und Regel nur in ber Beziehung auf unſer Syſtem der Energien da find und daß fie ohne DBe- ziehung auf ein ſolches Syftem feinen vorjtellbaren Sinn mehr 122 Erſtes einleitendes Buch. haben. Ein Arrangement der Wirklichkeit Tann nie an fih, ſondern immer nur in feiner Beziehung zu einem Syſtem von Energien Merth haben. Hieraus ergiebt fich weiter: naturgemäß finden wir, was im Syſtem unjerer Energien ala Werth empfunden, ala Regel dem Willen vorgeftellt wird, im gejchichtlichen Weltlauf ala den werth⸗ und finnvollen Gehalt defielben wieder; jede Formel, in der wir den Sinn der Geichichte ausdrücken, ift nur ein Reflex unfere3 eigenen belebten Imeren; jelbft die Macht, welche der Be- griff von Fortjchritt Hat, Liegt weniger in dem Gedanken eines Zieles, ala in der Eelbfterfahrung unſeres ringenden Willens, unferer Zebendarbeit und des frohen Bewußtſeins von Energie in ihr: welche Gelbiterfahrung fi in dem Bilde eines allge meinen ortichreitend auch dann projiciren würde, wenn in ber Mirklichkeit des gefchichtlichen Weltlaufs ein folcher Fortſchritt ſich keineswegs ganz klar aufzeigen ließe. So beruht auf diejem That- beftand das unvertilgbare Gefühl von dem Werth und Sinn des gefchichtlichen Weltlebend. Und ein Schriftfteller wie Herder ift mit feiner Allgemeinvorftellung der Humanität niemals über das verworrene Berwußtjein dieſes Reichthums des Menſchendaſeins, dieſer Fülle ſeiner freudigen Entfaltungen hinaus gegangen. Hieraus aber würde Philoſophie der Geſchichte, noch weiter in der Selbitbefinnung fortſchreitend, haben folgern müſſen: aus einer un⸗ ermeßlichen Mannichfaltigkeit einzelner Werthe baut ſich der Sinn der geſchichtlichen Wirklichkeit auf, wie aus derſelben Mannichfaltig- feit von Wechſelwirkungen jein Cauſalzuſammenhang. Der Sinn der Geſchichte ift alfo ein außerordentlich Zuſammengeſetztes. So hätte auch bier wieder diejelbe Aufgabe fich ergeben, Selbftbefinnung, welche im Gemüthgleben den Urfprung von Werth und Regel und ihre Beziehung zu Sein und Wirklichkeit erforjcht, und allmälige, langſame Analyfis, welche diefe Seite des verwickelten geichichtlichen Ganzen zerlegt. Denn was dem Menſchen wertvoll ſei und welche Regeln das Thun der Gejellichaft leiten jollen, das Tann nur mit Hilfe der geichichtlichen Forſchung mit irgend einer Aus- jiht auf allgemeingültige Yaflung unterfucht werden. Und fo ftehen wir wieder vor demjelben Grundverhältnig: die Philofophie Ihre Unfähigkeit den Werth des geichichtlichen Verlaufs zu beftimmen. 123 der Geſchichte, anftatt fi der Methoden der geichichtlichen Ana— Iyfi3 und der Gelbitbefinnung zu bedienen (welche ihrer Natur nach ebenfall3 analytifch ift), verbleibt in Allgemeinvorftellungen, welche entweder den Zotaleindrud des geichichtlichen Weltlaufs in einer Abbreviatur wie eine Weſenheit Hinftellen, oder dieſes zu= ſammengezogene Bild von einem allgemeinen metaphyfiichen Prin- zip aus entiverfen. Mit jo einfacher Deutlichkeit ala von feinem anderen Beftandtheil der Metaphyſik kann nun von diefer Philojophie der Geichichte ge= zeigt werden, daß in dem religiöjen Erlebniß ihre Wurzeln liegen, und daß fie, von diefem Zuſammenhang losgelöſt, vertrocdnet und verweſt. Der Gedanke eines einheitlichen Plan der Menfchenge- ſchichte, einer Erziehungsidee Gottes in ihr ift von der Theologie geichaffen worden. Ihr waren in Beginn und Ende aller Ge- ſchichte feſte Punkte für eine ſolche Konftruftion gegeben: jo ent- ftand eine wirklich auflösbare Aufgabe, zwiſchen Sündenfall und letztem Gericht die verbindenden Fäden durch den gejchichtlichen MWeltlauf zu ziehen. — In der mächtigen Schrift de civitate dei hat Auguftinud aus der metaphufiichen Welt den Gejchichtäver- lauf auf diefer Exde entipringen laflen und ihn dann wieder in diefe metaphufiiche Welt aufgelöftl. Denn nach ihm hebt jchon in den Regionen ber Geiſterwelt der Kampf zwiſchen den himmliſchen und dem irdiſchen Staate an; Dämonen treten den Engeln gegen- über; Kain als ber civis hujus seculi dem Abel ala dem pere- grinus in seculo; die Weltmonarchie Babylon, und Rom, welches es in der Weltherrichaft ablöft, das zweite Babylon treten dem Gottes⸗ ſtaat gegenüber, der im jüdilchen Volke ſich entwickelt, im Erjcheinen Ehrifti den Mittelpunkt feiner Gejchichte hat, und ſeitdem als eine Art von metaphufiicher Wefenheit, ein myſtiſcher Körper, auf diejer Erde ſich entwickelt. Bis dann das Ringen ber Dämonen und ber fie anbetenden irdiichen civitas mit dem Gottesſtaate auf diefer Erde im Weltgericht endet und Alles in die metaphufiiche Melt wiederum zurüdfehrt. — Dieje Philofophie der Gejchichte bildet ben Mittelpunkt der mittelalterlihen Metaphyfit des Geiſtes. Eie empfing durch die Theorie von den geiftigen Subftanzen, welche 124 Erſtes einleitenbes Buch. die allgemeine Metaphyſik des Mittelalter? entwidelt Hat, eine Grundlage von ftrengerer metapbufilcher Haltung; in der Aus⸗ geftaltung der Papftlicche und ihrem Kampf mit dem Kaiſerthum erhielt fie eine gewaltige Actualität und einleuchtende Gegentwärtig- feit; in der Tanoniftiichen Theorie von der rechtlichen Natur diefes myftiichen Körpers gelangte fie zu den einjchneidenditen Folgerungen für die Auffaffung der äußeren Organifation der Gejellichaft. Die harten Realitäten, mit denen fie operirt, geftatten, jo lange fie in Geltung bleiben, feinem der Zweifel Eingang, die jonft jeden Derjuch den Sinn der Geſchichte in einem formelbaften Zuſammenhang aus- zudrücken belaften. Niemand kann fragen, warum dag mühſame Aufs wärtsflimmen der Menjchheit nothiwendig war, da der Sünbenfall vor jeinen Augen liegt. Niemand kann fragen, warum der Segen der Geſchichte nur einer Minderheit zu Gute fomme, da der Rath⸗ ſchluß Gottes und der böje Wille die Antwort in der einen oder anderen Wendung in fich fließen. Auch kann der Zuſammen⸗ bang diefer Geichichte, vermöge deren der Weltlauf einen einbeit- lichen Sinn hat und die Menjchheit eine reale Einheit ift, von Niemandem in Yrage geftellt werden: da nach der maffiven Vor⸗ ftellung des Traditionaligmus (verſtärkt durch die Auffafjung der Beugung ala eines Acte der böfen Luft) dad verderbte Blut Adams jedes Element dieſes Ganzen durchftrömt und mit jeiner dunkelen Farbe tingirt, und da andrerſeits in dem myſtiſchen Körper der Kirche von oben ber eine eben folche reale Leitung der Gnade jtattfindet. — Die Literatur, welche in den Grundlinien, die Auguftin gezogen, verharrt, erftredt fich biß auf Boſſuets Dis- cours sur l’histoire universelle, und indem der Biſchof von Meaux eine ftrengere Vorftellung von Cauſalzuſammenhang jowie einen Begriff von nationalem Gejammtgeift einfügt, bildet ex das Zwiſchenglied zwiſchen dieſer theologiſchen Philoſophie der Geſchichte und den Verſuchen des 18. Jahrhunderts. Turgot's Plan einer Univerſalgeſchichte entfaltete ſich an dem Gedanken, die von Voſſuet behandelte Aufgabe rational zu löſen: er hat die Philoſophie der Geſchichte ſecularifirt. Vico's principj di scienza nuova laſſen die äußeren Umriſſe der theologiſchen Philoſophie Sie fubflituirt nur d. Realitäten db. Theologie abftratte Weienheiten. 195 der Gejchichte ftehen: innerhalb dieſes ungeheuren Gebäudes Hat feine pofitive Arbeit, wirkliche Hiftoriiche Forſchung in philo= ſophiſcher Abficht, ſich in der alten Völkergeſchichte angefiedelt und dad Problem der Entwicklungsgeſchichte der Völker, der allen Völkern gemeinfamen Epochen diefer Entwicklungsgeſchichte verfolgt. Der Gedanke eines einheitlichen Planes in dem gejchichtlichen Weltlauf wandelt filh, indem er im 18. Jahrhundert von ben feften Prämiſſen de theologifchen Syſtems losgelöſt feftgehalten wird: aus feiner maffiven Nealität wird ein metaphufifches Schattenfpiel. Aug dem Dunkel eines unbelannten Anfang? treten nunmehr die räthjelhaft verwickelten Vorgänge des gejchichtlichen Weltlaufs Hervor, um fich in dafielbe Dunkel nad) vorwärtd zu verlieren. Wozu dies mühjame Emporklimmen der Dienjchheit? Wozu das Weltelend? Wozu die Beichränkung des Fortichreiteng auf eine Minderzapl? Vom Standpunkt des Auguftin Alles wohl zu begreifen, auf dem Standpunkt des 18. Jahrhunderis Rätbiel, für deren Auflöfung jeder Mare Anhaltspunkt fehlt. Da- ber ift jeder Verfuch des 18. Jahrhunderts, den Plan und Sinn in der Menſchengeſchichte aufzuzeigen, nur Tranzformation des alten Syſtems: Lefſings Erziehung des Menichengefchlechtes, Hegels Selbftentwidlung Gottes, Comte’3 Umwandlung der bierarchilchen Organifation find nichts Andered. Da der myſtiſche Körper, welcher im Mittelalter den Zujammenhang der Weltgejchichte in fich Schloß, fi in der Denkart des 18. Jahrhundert? in Indi⸗ viduen auflöft: muß ein Erſatz gefunden werden in einer Vor⸗ ftellung, welche diefe Einheit ber Menfchheit aufrecht erhält. Zwei Wendungen treten ein, welche beide zu diefem Zweck die Meta⸗ phyſik zu Hilfe rufen und beide jede wirklich wiſſenſchaftliche Behandlung bes Problems ausſchließen. Die Eine berjelben fubftitwirt metaphyſiſche Wejen- heiten, wie die allgemeine Vernunft, der Weltgeift folche find, und betrachtet die Gefchichte als Entwicklung von diefen. Gewiß macht fi} auch Hier wieder geltend, daß ſolche Formeln eine Wahr« heit bergen. Die Verbindung des Individuums mit der Menjchheit ift Realität. Iſt doch eben dies dag tieffte pſychologiſche Problem, 126 Erftes einleitendes Buch. das Gejchichte und aufgiebt, wie dag Mittel des Fortſchreitens in ihr in letzter Inſtanz die aufopfernde Hingebung des Individuums ift, an Perjonen die es liebt, an den Zweckzuſammenhang eines Syſtems der Cultur, welchem fein innerer Beruf eingeordnet ift, an das Geljammtleben der Verbände, ala deren Glied es fich fühlt, ja an eine ihm unbefannte Zukunft, der feine Arbeit dient: Sittlichkeit alſo; denn diefe hat eben fein anderes Merkmal ala Selbftauf- opferung. Aber die Yormeln vom Zufammenhang des Einzelnen mit dem geichichtlichen Ganzen, wahr in dem was fie vom per- lönlichen Gefühle dieſes Zuſammenhangs außfagen, treten in Widerſpruch mit jedem gefunden Empfinden, indem fie alle Werthe des Leben? in eine metaphyſiſche Einheit, welche ſich in der Ge— Ihichte entfaltet, verjenten. Was ein Menſch in feiner einjamen Seele, mit dem Schidjal ringend, in der Tiefe feines Gewiſſens durchlebt, das ift für ihn da, nicht für den Weltproceß und nicht für irgend einen Organismus der menschlichen Geſellſchaft. Aber diefer Metaphyſik ift die ergreifende Wirklichkeit des Leben? nur in einem Schattenriß fichtbar. Auch ändert ed hieran nicht, wenn, fozujagen in einer tveiteren Verflüchtigung, diefer allgemeinen Vernunft die Gejell- ſchaft ala eine Einheit fubjtituirt wird. Das Band, das fie zur Einheit macht, aus dem Erlebniß in eine Yormel umgewandelt, ift ein metaphyſiſches. Es war daher nicht eine willfürliche Wendung im Geifte Comte’3, die aus den Begebenheiten feines Leben? oder gar aus dem Verfall feiner Intelligenz bervorge- gangen wäre, jondern ein Schickſal, das in dem urjprünglichen Widerſpruch zwijchen feiner Formel des einheitlichen Zuſammen— hangs in der Geichichte ſowie der in ihr gegründeten Tendenz auf Organijation der Gefellfchaft vermittelft einer geiftigen Macht und jeiner pofitiven Methode gelegen war, wenn er von feiner philo- sophie positive und ihrer Methode zu einer Art von Religion als Grundlage der Fünftigen Gejellichaft Fortfchritt. Der Zwieſpalt feiner Anhänger, der hierüber entftand, verdeutliht nur diejen Widerjpruch eines Syſtems, welches aus den Gejeßen des Nature Sie fubftituirt nur d. Realitäten d. Theologie abftratte Welenheiten. 127 zufammenhangd den Imperativ für die Gejellichaft abzuleiten unternahm. Der deutſche Individualismus war geziwungen eine andere Wendung des Gedanken? zu verfuchen: auch fie führte ihn auf Metaphyfik. Die unendliche Entwidlung des Individuums, in ihrem Berhältniß zur Entwidlung des Menfchengejchlechts, wurde ihn das Hilfgmittel einer Loſung des geſchichts⸗philoſophiſchen Problems. Aber die Metaphufit kämpft hier ſchon mit dem kritiſchen Bemwußtlein der Grenzen gejchichtlichen Erkennens, und diejer Kampf zieht fich durch die ganze Gedankenarbeit dieſer Richtung. Kant jelber fand in dem Plan der Vorſehung den Zus jammenhang der Geſchichte. Denn „da Mittel defjen fich die Natur bedient, die Entwidlung aller ihrer Anlagen zu Stande zu bringen, ift der Antagonigmus derſelben in der Gelellichaft“ — die „ungefellige Gefelligkeit“ ') des Menſchen. Seine Hypothefe ſchränkt fi auf die Unterfuchung ein, wie in der Gefchichte dag Problem der Erreichung einer allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gejellichaft aufgelöft wird. „Befremdend bleibt e3 aber immer hierbei: daß die älteren Generationen nur ſcheinen um der |päteren willen ihr mühjeliged Geſchäft zu treiben, um nämlich diefen eine Stufe zu bereiten, von der diefe dag Baus wert, welches die Natur zur Abficht hat, Höher bringen könnten; und daB doch nur die jpäteften das Glüc Haben follen, in dem Gebäude zu wohnen, woran eine lange Reihe ihrer Borfahren (freilich ohne ihre Abficht) gearbeitet Hatten, ohne doch jelbft an den Glück, da8 fie vorbereiteten, Antheil nehmen zu können. Allein jo rälhjelhaft dieſes auch ift, jo nothwendig ift e8 doch zu= gleich, wenn man einmal annimmt: eine XThiergattung foll Ber: nunft haben, und ala Clafſſe vernünftiger Wefen, die insgeſammt fterben, deren Gattung aber unfterblich ift, dennoch zu einer Vollſtändigkeit der Entwidlung diefer Anlagen gelangen“ 2). Leſſing hatte dieſe Schwierigkeit durch den Gedanken der Seelen- wanderung gelöft. „Wie? Wenn es nun gar fo gut als ausgemacht 1) Kant Werke Rofente. Bd. 7, ©. 321. — 2) ebenda. 320f. 128 Erſtes einleitendes Buch. wäre, daß das große langſame Rad, welches das Gejchlecht feiner Bolllommenheit näher bringt, nur durch Kleinere ſchnellere Räder in Bewegung gejeßt würde, deren jedes fein Einzelnes eben bahin liefert? Nicht Anders! Chen die Bahn, auf welcher das Ge- ſchlecht zu feiner Vollkommenheit gelangt, muß jeder einzelne Menſch erft durchlaufen haben“ !). Herder verhält fich realiftifcher, Yeitiicher ala beide. Ob ex gleich jein Wert ala Ideen zu einer Philofophie der Gejchichte bezeichnete, jo hat er doch den Außdrud, deſſen fich ſchon Boltaire bedient, in anderem Berftande genommen und eine Formel über den Sinn der Geichichte nicht aufgeftellt. Seine große und bleibende Leiftung entjprang aus einer Combination der pofitiven Wiflenichaften in philoſophiſchem d. 5. zufammenfaflen- dem Geiſte. Mit dem Griff des Genie's verband er die Nature funde jener Zeit mit dem Gedanken einer Univerjalgefchichte, wie er vor dem Geifte eines Turgot ftand, von Boltaire aufgefaßt, in Deutichland aber von Schlöger in feiner merkwürdigen, Vorſtellung der Univerfalhiftorie” aufgenommen worden war. Vermöge diejer Verbindung erwuchſen aus den ſchon im Alterthum werthgehaltenen Beobachtungen über den Zufammenhang der Naturbedingungen mit dem geichichtlichen Leben nun jene leitenden Ideen, die Ritter allge= meiner Geographie zu Grunde liegen. Er verknüpfte weiter mit Be- trachtungen über die auffteigende Reihe der Organifationen big zum Menſchen, die er mit Goethe theilte und die auf die Naturphilojophie gewirkt haben, einen Schluß der Analogie auf höhere Stufen des geiftigen Reiches und von dieſen auf Unsterblichkeit: an dieſem Schluß bat ſchon Kant getabelt, daß er Höchftend auf die Eriftenz andrer höherer Wejen deuten koönne. Don diefem Punkte ab jedoch ift feine Arbeit wefentlich die des Univerfalhiftoriterd. Im Zuſammenwirlen der beiden Faltoren ber Naturbedingungen und des Menſchen⸗ 1) Leifing, Erziehung bed Menſchen $ 92, 93. Für meine nähere Ans ficht über den Zufammenhang ber Seelenwanberungalehre mit Leifings Syftem veriveife ich auf meine Unterfuchungen in: Leifing, preuß. Jahrbücher 1867, nebft den Erörterungen von Gonft. Rößler ebendafelbft, und meiner Ent» gegnung. Dder einen unbeweisbaren Zulammenhang. 129 weſens will er die Menfchengejchichte in ftrengem Gaufalzufammen- Bang entwideln. Iſt er doch ein Schüler von Leibnig und durch Spinoza nur noch härter gegen die äußeren Endzwede geftimmt ). Die Zmedmäßigkeit, die in der Weltgeichichte wie im Naturreich waltet, vollzieht fich nach ihm nur in der Form des Cauſalzuſammen⸗ hangs. Diejer weilen Zurüdhaltung entfpricht nun, daß er zwar das Problem Leffings anerlannte — aber es als tranzjcendent zurüd ließ. „Wenn Jemand jagte, daß nicht der einzelne Menſch, fondern das Geſchlecht erzogen werde, jo ſpräche er für mich un⸗ verftändlich, da Geichlecht und Gattung nur allgemeine Begriffe find, außer, injofern fie in einzelnen Weſen exiftiren — ala wenn id) von der Thierheit, der Steinheit im Allgemeinen ſpräche.“ Er verwirſt das ausdrücklich ala mittelalterliche Metaphyſik, und ex ” fteht aljo mit Leifing auf dem gejunden Boden des Realismus, der nur Individuen kennt, ſonach ala Sinn des Weltlauf3 auch nur Ent- widlung der Individuen. Aber in Bezug auf jede Borftellung von der Art diefer Entwidlung der Individuen bemerkt er, mit deutlichem Wink auf Leffing: „Auf welchen Wegen die geichehen werde — welche Philofophie der Erde wäre es, die hierüber Gewißheit gäbe?“ Ich entwidle nicht wie nahe Lotze's Auffaffung der PHilo- fophie der Geichichte ſich mit der von Herder berührt, ſowol in Bezug auf die Berfnüpfung von caufaler mit teleologijcher Be- trachtung ala in Bezug auf den Realiamus, der nur Indivi⸗ duen und was ihrer Entwidlung dient anerlennt. An dieſem Punkte hat Lotze doch über Herder hinausgehen zu müfſen ge= glaubt. Er thut das indem er fozujagen die Methode, in welcher Kant ben Glauben an Gott und die Unfterblichkeit begründete, auf den planvollen Bujammenhang der Gejchichte anwendet und fo ala Bedingung deflelben einen Antheil der Abgeichiednen an dem Fortſchritt der Gejchichte aufzu- zeigen fucht. „Seine Erziehung der Menfchheit ift denkbar, ohne 1) Ideen, Buch 14,6: „Die Philojophie der Endzwede hat der Natur: geichichte keinen Vortheil gebracht, fondern ihre Liebhaber vielmehr ftatt der Unterfuchung mit Icheinbarem Wahne befriedigt; wie viel mehr bie taufendawedige, in einander greifende Menichengeichichte.” Dilthey, Einleitung. 130 Erftes einleitenbes Buch. daß ihre Endergebniffe einft Gemeingut derer werden, die in dieſer irdiſchen Laufbahn auf verjchiedenen Punkten zurückgeblieben find; feine Entwicklung einer Idee hat Bedeutung, wenn nicht zulekt allen offenbar wird, was fie zuvor ohne ihr Willen ala Träger diefer Entwicklung erlitten)“. Gefühl gegen Gefühl (denn in ein ſolches verſchwimmt nun bier fchließli die Betrachtung des Plans der Geichichte, die einft in Auguftinus mit fo harten Reali- täten begann, und fcheint fich jo jelber in einen feinen Nebel auf- ‚ zulöfen): dieſe elegifche VBorftellung von einem beichaulichen Antheil der Abgejchiedenen an dem, was wir bier durchlämpfen, welche an die Engeläföpfe erinnert, die auf alten Bildern aus bem Himmelsgewölk den Märtyrern zujehn, wie fie ſich noch plagen müflen, erſcheint ung in den Stunden nüchterner Kritik ala zu viel, in träumenden aber als zu wenig, da das Endergebniß der Ent- wicklung ber Menſchheit nur im Erlebniß beſeſſen werden kann, nicht in müßiger Betrachtung. XVL Ihre Methoden find falld. Iſt ſonach die Aufgabe, twelche diefe Wiſſenſchaften fich ftellten, an fi) unlößbar, jo find ferner die Methoden derjelben wohl dazu verwerthbar, durch Generalifationen zu blenden, aber nicht bazu, eine bleibende Erweiterung der Erfenntniß herbeizuführen. Die Methode der deutſchen Philoſophie der Geſchichte entjprang einer Bewegung, welche im Gegenfab gegen das vom 18. Jahrhundert gefchaffene natürliche Syſtem ber Geiſteswifſen⸗ Ichaften fich in die Thatſächlichkeit des Gefchichtlichen verjentte. Die Träger diefer Bewegung waren Windelmann, Herder, die Schlegel, W. dv. Humboldt. Sie bedienten fi eines Verfahrens, welches ich ala das der genialen Anjchauung bezeichne. Es war dies Verfahren feine bejondere Methode, fondern der Proceß ber 1) Soße, Mikrokosmos 3, 52 (erfte Auflage). Die Methoden ber Philoſophie dev Geſchichte find Falich. 131 fruchtbaren Gährung jelber, in der bie Einzelwiſſenſchaften des Geiftes in einander arbeiteten: eine werdende Welt. Dieje geniale Anſchau⸗ ung ift durch die metaphyſiſche Schule auf ein Princip zurüdgeführt worden. Wohl empfing durch diefe Concentration der Gehalt der genialen Anſchauung auf kurze Zeit eine ungewöhnliche Energie der Wirkung; aber diefe Eoncentration kam nur zu Stande, indem nun die notiones universales ihr graues Netz über die geichichtliche Welt außbreiteten. Der „Geift“ Hegels, welcher in der Geſchichte zum Bewußtſein feiner Freiheit kommt oder die „Vernunft“ Schleier- machers, welche die Natur durchdringt und geftaltet, dies ift eine abftrafte Wejenheit, welche in einer farblojen Abftraftion den geichichtlichen Weltlauf zufammenfaßt, ein Subjelt ohne Ort und ohne Zeit, den Müttern vergleichbar, zu denen Yauft hinabfteigt. Aus der Anſchauung abftrahirte Allgemeinvorftellungen find dann die uniderjalgejchichtlichen Epochen Hegeld, und zwar ift die Ab- ſtraktion, die fie gewinnt, durch da8 metaphufifche Prinzip geleitet; denn die MWeltgeichichte ift ihm „eine Reihe von Beltimmungen der Freiheit, welche aus dem Begriff der Freiheit hervorgehen“. Aus der Anſchauung abftrahirte Allgemeinvorftellungen find Die Srundgeftalten des Handelns der Bernunft, welche Schleiermacher ent- wirft, in denen dieſes Handeln „ala ein Mannichfaltiges, abgeſehen von den Beftimmungen dur) Raum und Zeit, gejondert durch Be- griffäbeftimmungen* erlannt wird. Hegel, der von der Gelchichte ausging, ordnet diefe Allgemeinvorftellungen in einer Zeitreihe, Schleiermadher, der von dem Erlebniß in der gegenwärtigen &ejell- ſchaft ausgeht, breitet fie nebeneinander aus, wie ein anderes Naturreich. | j Die Methoden, deren filh die Sociologie bedient bat, treten freilich mit dem Anſpruch auf, daß durch fie die metaphyfiſche Epoche abgethan, die der pofitiven Philojophie eröffnet jei. Doch bat der Begründer diefer Philofophie, Comte, nur eine naturaliftiche Metaphyſik der Gefchichte geichaffen, welche als folche den Thatſachen des geichichtlichen Verlaufs viel weniger angemeflen war als die bon Hegel oder Schleiermacdher. Daher find auch jeine Allgemeinbe- griffe viel unfruchtbarer. Brad) Stuart Mill mit den gröberen Irr⸗ | | * 132 Erſtes einleitendes Buch. thümern Comte's, jo wirken doch die feineren in ihm fort. Aus der Unterordnung ber geichichtlichen Welt unter das Syſtem der Natur⸗ erfenntnig war im Geifte der franzöfiichen Philoſophie des 18. Zahrhunderts die Sociologie Comte's entftanden; die Unter: ordnung der Methode des Studiums geiftiger Thatfachen unter die Methoden der Naturwifſenſchaft hat wenigftens Stuart Mil feftgehalten und vertheidigt. Die Auffaffung Comte's betrachtet dad Etudium des menſch⸗ lichen Geiſtes ald abhängig von der Wiſſenſchaft der Biologie, da3 was von Gleichförmigkeiten in der Folge geiftiger Zuftände wahrgenommen werden Tann, ala den Effekt der Gleichförmigfeiten in den Zuftänden des Körper, und fo leugnet fie, daß Geſetz⸗ mäßigkeit in pfychiſchen Zuftänden für fich ftudirt werden könne. Diefem logiſchen Verhältniß der Abhängigkeit unter den Willen: Ichaften entipricht dann nad) ihm die Hiftoriiche Ordnung in der Abfolge, durch welche den Wiflenfchaften der Geſellſchaft ihr hiſtoriſcher Ort beftimmt if. Da die Sociologie die Wahrheiten aller Naturwiſſenſchaften zu ihrer Vorausſetzung hat, gelangt fie erft nach ihnen allen in das Stadium ber Reife d. h. zur Feſt⸗ ſtellung der Säte, welche die gefundenen Einzelmahrbeiten zu einem - wiflenichaftlichen Ganzen verknüpfen. Die Chemie trat in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts mit Lavoifier in dieſes Stadium; die Phyfiologie erft im Beginn unſres Jahrhunderts mit der Gewebelehre von Bichat: fo fchien e8 Gomte, daß die Sonftituirung der gejellichaftlichen MWiflenfchaften als der höchften Claſſe wiſſenſchaftlicher Arbeiten ihm felber zufalle!). — Allerdings erfennt er an (troß feiner Neigung zu einförmiger Reglementirung der Wiflenichaft), daß zwilchen der Sociologie und den ihr vorauf- gehenden Wiflenichaften, insbeſondere der Biologie, welche auch) unfere geringe Kenntniß pfychiicher Zuftände in fich faßt, ein anderes Verhaͤltniß beftehe, ala dasjenige, das zwiſchen irgend einer ber früheren Wiſſenſchaften und den fie bedingenden Wahrheiten fich findet; das Berhältni der Dedultion und Induktion ift an diefem 1) Tiefer Zuſammenhang ausdrücklich ala emticheidend für die Ent: wicklung ber Eociologie anerlannt: philosophie positive 4, 225. Die Methode der Soriologie Comte's ift falſch. 133 hochſten Punkte der Wifjenichaften umgekehrt; die Generaliſation aus dem in der Geſchichte gegebenen Stoff ift der Schwerpunkt des Verfahrens der Wiſſenſchaft der Gefellichaft und bie Deduktion aus den Ergebnifien der Biologie dient nur zur Verificirung der jo gefundenen Geſetze. — Diejer Einordnung ber geiftigen Er- ſcheinungen unter den Zuſammenhang der Naturerlenntniß Tiegen zwei Annahmen zu Grunde, von denen die eine unbeweigbar, die andere augenfcheinlich faljch if. Die Annahme der ausſchließlichen Bedingtheit piuchiicher Zuftände durch phyfiologiiche ift ein vor⸗ eiliger Schluß aus Thatbeftänden, welche nach dem Urtheil der unbefangenen phyfiologiſchen Forſcher jelber durchaus keine Ent- ſcheidung geftatten‘). Die Behauptung, innere Wahrnehmung fei in fi unmöglich und unfruchtbar, „ein Unternehmen, das unjere Nachkommen einmal zu ihrer Beluftigung auf die Bühne gebracht ſehen werden“, ift aus einer Entftellung des Wahrnehmungsvor- gang in irriger Weile gefolgert, und wird ausführlich widerlegt werden. _ In diefem Zufammenhang der Hierarchie der Wiſſenſchaften entwidelt Somte „die nothivendige Richtung des Geſammtzuſammen⸗ hangs der menjchheitlichen Entwicklung“), welche ihm alsdann ald Prinzip für die Leitung der Gejellichaft dient, auß der Anſchauung des geichichtlichen Weltlaufs und verificirt fie durch die Biologie. — In der biologiſchen Berification berühren wir augenjcheinli” den Lebensknoten feiner Sociologie. Welche ift alfo die biologifche Grundlage, deren Herftellung erft die Echöpf- ung der Eociologie ermöglichte? Comte erflärt: die Methode, deren die Sociologie fi bedient, mußte erſt auf dem Gebiet der Raturforichung ausgebildet werden. Das Mittel (milieu), in dem der Menſch fich befindet, mußte erft in den Wifjenjchaften der anorganiichen Natur erfannt werden. Sei da, wir ver- langen aber einen Zuſammenhang, der in den Mittelpunft der Sociologie jelber bineinreiht. Es ift jchwer, ein Lächeln zurüd- 1) So auch wieder Hikig in den Unterfuchungen über bad Gehirn. ©. 56 u. a. a. D., wozu vgl. Wundts Phyfiol. Piychologie. Sechſter Ab- fchnitt de3 zweiten Bandes. Aufl. 2. 1880. — 2) 4, 631. 134 Erſtes einleitended Bud). zubalten: er befteht darin, daß die Conftanz der äußeren bio- Iogifhen Organiſation die Conſtanz einer gewiſſen pfychiichen Grundſtruktur dartdut, dann aber — doch wir geben feine Worte — nous avons reconnu, que le sens general de l'évolution humaine consiste surtout à diminuer de plus en plus l’ine- vitable preponderance, necessairement toujours fondamentale, mais d’abord excessive, de la vie affective sur la vie in- tellectuelle, ou suivant la formule anatomique, de la region post6rieure du cerveau sur la region frontale!). Derbe naturaliftiihde Metaphyfik — das ift die wirkliche Grundlage feiner Sociologie. — Andrerfeits ift der „allgemeine Sinn der menſchheitlichen Entwidlung”, wie er ihn der Anſchauung des geichichtlichen Weltlaufs abgewinnt, wieder nichts ala eine notio ‚universalis, eine veriworrene und unbeftimmte Allgemeinvor= ftellung, welche aus dem bloßen Ueberblid über den gejchichtlichen Zufammenhang abftrahirt ift. Eine unwiſſenſchaftliche Abftraktion, unter deren weiten Mantel die wachſende Herrichaft des Menjchen über die Natur, der wachſende Einfluß der Höheren Fähigkeiten über die niederen, der Intelligenz über die Affekte, unfrer focialen über unfere egoiftiichen Neigungen ſich zufammenfinden 2). Diele abftraften Bilder der Geſchichtsphiloſophen ftellen den gejchicht- lichen Weltlauf nur in immer anderen Verkürzungen dar. Geht man zur Ausführung über, vermittelit deren der Schüler be Maiſtre's fein Papftthum der naturwiſſenſchaftlichen Intelligenz begründet, jo bildet dieſe eine merkwürdige Beftätigung unferer Säbe. Das Geſetz, dad Comte wirklich gefunden hat, welches die Beziehungen der logifchen Abhängigkeit von Wahrheiten unter- einander zu ihrer gejchichtlichen Abfolge ausdrüdt (wenn es auch noch unvolllommen bei ihm formulirt ift) gehört einer Einzel- willenichaft des Geiftes an, und ed wurde von ihm vermöge einer anbaltenden und tiefeindringenden Beichäftigung mit dieſem Kreiſe der gefellichaftlichen Wirklichkeit gefunden. Die Generalifation von den drei Epochen ift in ihren wahren Grundzügen von — — — 1) philos. pos. 5, 45. — 2) philos. pos. 4, 623 ff. * Die Methode der Sociologie Comte's ift falich. 135 Zurgot feftgeftellt worden, und die Ausführung Comte's mißlang, da ihm da8 Detail der Geichichte der Theologie und Meta⸗ phyſik nicht befannt war. So vermag feine Sociologie die Stellung nicht zu erjchüttern, welche das pofitive Studium des geichichtlich=gejellfchaftlichen Lebens ſtets behauptet Hat: als die Eine Hälfte des Kosmos der Wiſſenſchaften, ruhend auf ihren eigenthümlichen und unabhängigen Erfenntnigbedingungen, an= wachiend aus eigenen Erkenntnißmitteln in erfter Linie, dabei mitbeftimmt durch den Fortichritt der Wiflenichaften vom Erd⸗ ganzen und von den Bedingungen und Formen des Leben? auf ihn. Brachte jo Comte feine Sociologie in eine blendende, aber falſche Beziehung zu den Naturwiflenichaften, jo bat er andrer= ſeits das wahre und fruchtbare Verhältniß jeder geichichtlichen Betrachtung zu den Einzelwiſſenſchaften des Menichen und der Geſellſchaft nicht erfannt und nicht benubt. Im Wideripruch mit feinem Prinzip der pofitiven Philofophie, hat er feine ungeftümen Generalifationen außer Zuſammenhang mit der methodiichen Ver⸗ werthung der pofitiven Willenichaften des Geiftes abgeleitet, aus⸗ genommen jeine Theorie über den Zuſammenhang der Entivid- lung der Intelligenz. Als eine Abſchwächung dieſes Prinzips der Unterordnung der gefchichtlichen Erfcheinungen unter die Naturwiſſenſchaften, wie ed in Comte vorliegt, muß die Art von Unterordnung betrachtet werden, welche Stuart Mill in feinem berühmten Gapitel über die Logik der Geifteswillenichaften vertritt. Kehrt er dem Meta- phufilchen in Comte den Rüden und hätte demnach wohl eine gefundere Richtung in der Betrachtung der Geichichte vorbereiten können, jo wirkt doch in jeiner Methode die Unterordnung der Geiſteswifſenſchaften unter die der Natur in verhängnißvoller Meile nad. Er unterjcheidet fi von Comte, wie ji) das auf Pſychologie gegründete natürliche Syſtem der gejellichaftlichen Funktionen und Lebensſphären, welches die Engländer im 18. Jahr⸗ hundert aufgeftellt hatten, von dem auf die Naturwiſſenſchaften gegründeten unterjcheidet, welches die franzöfiichen Materialiften des 18. Jahrhunderts verteidigt hatten. Er erkennt die Selbjtändig- 136 Exftes einleitenbes Ruch. feit der Erflärungdgründe der Geiſteswiſſenſchaften vollftändig an. Aber er ordnet ihre Methoden zu jehr dem Schema unter, welches er aus dem Stubium ber Naturwiſſenſchaften entwidelt hat. „Wenn“, jo jagt er in diefer Beziehung, „einige Gegenflände Reſul⸗ tate ergaben, denen zulebt alle auf den Beweis Achtenden ein= ftimmig beiftimmten, wenn man in Beziehung auf andere weniger glücklich war und die Icharffinnigften Geifter ſich von der frübeften Zeit an mit denjelben beichäftigten, ohne daß es ihnen gelungen wäre, ein anfehnliches,, gegen Zweifel oder Einwürfe gefichertes Syftem von Wahrheiten zu begründen, jo dürfen wir diejen Fleck vom Antli der Wiſſenſchaft dadurch zu entfernen hoffen, dab wir die bei den erfteren Unterfuchungen fo glücklich befolgten Methoden verallgemeinern und fie den lebteren anpafſen !).” So anjechtbar diefer Schluß ift, jo unfruchtbar ift die „Anpaffung”“ der Ve thoden der Geiſteswiſſenſchaften geweſen, welche durch ihn be= gründet wird. Bei Mill beſonders vernimmt man ba8 einförmige und ermüdende Gellapper ber Worte Andultion und Dedultion, welches jebt aus allen ung umgebenden Ländern zu una berübertönt. Die ganze Geſchichte der Geifteswiffenichaften ift ein Gegenbeweis gegen den Gedanken einer ſolchen „Anpaflung”. Dieje Wiflen- Ichaften Haben eine ganz andere Grundlage und Struktur al die der Natur. Ihr Objekt jet fich aus gegebenen, nicht erjchlofjenen Einheiten, welche und von immen verftändlich find, zufammen ; wir willen, verftehen hier zuerſt, um allmälig zu erfennen. Fort⸗ Ichreitende Analyfis eines von una in ummittelbarem Willen und in Verftändniß von vorn herein bejefjenen Ganzen: das ift Daher der Charakter der Gefchichte diefer Willenichaften. Die Theorie der Staaten oder der Dichtung, wie fie die Griechen zu Alexanders Beit befaßen, verhält fich zu unferer Staatswiſſenſchaft oder Aeſthetik ganz anders als naturwifjenjchaftliche Vorjtellungen jener Epoche zu den unferen. Und e8 ift eine eigene Art von Erfahrung die hier ftattfindet: das Objekt baut ſich jelber exrft vor den Augen der fortichreitenden Wiſſenſchaft nach und nach auf; Individuen 1) Mil, Logik 2, 436. Die Methode der Gociologie Stuart Mill's if fall. 137 und Thaten find die Elemente diefer Erfahrung, Verſenkung aller Gemütbäfräfte in den Gegenſtand ift ihre Natur. Diefe Andeutungen zeigen binlänglich, daß, im Gegenſatz gegen die gewifiermaßen von außen an die Geifteswifjenichaften herantretenden Methoden eines Mill und Budle, die Aufgabe gelöft werben muß: durch eine Er- fenntnißtbeorie die Geiſteswiſſenſchaften zu begründen, ihre felb- fländige Geftaltung zu rechtfertigen und zu ftüßen fowie die Unter» ordnung ihrer Prinzipien wie ihrer Methoden unter die der Natur- wiſſenſchaften definitiv zu bejeitigen. XVII. Sie erkennen nit die Stellung der Geſchichtswiſſenſchaft zu den Einzelwiſſenſchaflen der Geſellſchaft. Mit diefen Irrthümern über Aufgabe und Methode fteht Die faliche Stellung diefer Träume von Wifjenfchaften zu den wirklich eriftenten Ginzelwifienichaften im nächften Zuſammenhang. Die- jelben erwarten von ihren tumultuarifchen Beftrebungen, was ſtets nur dad Werk der anhaltenden Arbeit vieler Generationen fein Tann. Daher gleichen alle dieje ijolirten Entwürfe Badfteinbauten, welche durch Zünche die Blöde, Säulen und Berzierungen in Granit nachahmen, die nur in der geduldigen und langſamen Bearbeitung eines jpröden Stoffes entftehen. In den unzähligen AMbftufungen der Berjchiedenheit von in- dividuellen Einheiten, in dem unermeßlich vertheilten und veränder- lichen Spiel von Urſachen, Wirkungen, Wechjelwirkungen ziifchen ihnen, als der Wirklichkeit der gefchichtlich-gejellichaftlichen Welt, faßt die Wiſſenſchaft, will fie diefe Wirklichkeit auch nur auffallen, das Sleichartige der Thatfachen, das Gleichfürmige der Beziehungen einerjeit? in dem Nacheinander der Thatbeftände und Verände⸗ rungen, andrerjeitö in den Nebeneinander derjelben zuſammen. Die Eine Seite bed Problem3 vom allgemeinen Zuſammen⸗ bang in diefer Wirklichkeit bildet alfo dag höchft complere Ganze 138 Erſtes einleitended Buch. des Fortgangs der Geſellſchaft von feinem Lebensſtande (status societatis) in einem beftimmten Durchjchnitt zu dem in einem beftimmten anderen, ſchließlich von ihrem erften für und auffaß- baren Lebenäftande zu dem, welcher die Gelellichaft der Gegenwart ausmacht (ein status deſſen Auffaffung den früheren Begriff von Statiftit bildete), Diefe Seite des Problems Hat, als die Theorie des gefhichtliden Fortſchritts, von Anfang das Gentrum der Philoſophie der Geichichte gebildet: Comte bezeichnet fie als Dynamik der Gefellichaft. — Nie hat nun die Philoſophie der Geſchichte vermocht, ein allgemeines Geſetz dieſes Fortſchritts von hinlänglicher Beſtimmtheit aus der gejchichtlich-gefellfchaftlichen Wirklichkeit direkt abzuleiten. Eine ſolche Theorie müßte entweder die Beziehung zwiſchen Formeln enthalten, deren jede einzeln den Inbegriff eines beftimmten status societatis ausdrückte und deren Vergleihung ſonach das Geſetz des Geſammifortſchritts ergeben würde, oder eine folche Theorie müßte in einer Formel den Inbe— griff aller Caufalbeziehungen außdrüden, tweldde die Veränderungen innerhalb des Totalzufammenhangd der Gefellfchaft herborbringen. Es braucht nicht entwickelt zu werden, daß die Ableitung einer Formel der einen wie der anderen Art aus der Geſammtanſchau⸗ ung ber gefchichtlichegejellfichaftlihen Wirklichkeit die menſchliche Anſchauungskraft gänzlich überfteigt. Sol der Zujammenhang des geichichtlich - gejellichaftlichen Lebens, nach der Seite der Abfolge der in ihm enthaltenen Zu= ftände angejehen, der Methode der Erfahrung unterworfen werden, dann muß dad Ganze beffelben in Einzelzuſammenhänge auf= gelöft werden, welche überfichtlicher und einfacher find. Das— jelbe Verfahren muß angewandt werden, vermöge deflen Die Naturwiflenichaften ihr umfaſſendes Problem des Zuſammenhangs der äußeren Natur zerlegt und in der Lehre von leichge- wicht und Bewegung der Körper, von Schall, Licht, Wärme, Magnetismus und Glektricität, ſowie vom chemiſchen Berhalten der Körper einzelne Syſteme von Naturgejegen conftituirt haben, vermittelft deren fie ſich alsdann der Auflöfung ihres allgemeinen Problems nähern. — Nun eriftiren aber Einzelwifjenichaften, welche Das Problem des geichichtlicden Tyortichritt2. 139 dies Verfahren angewandt Haben. Der einzig mögliche Weg einer Erforſchung des geichichtlichen Zuſammenhangs: Zerlegung deflelben in Einzelzuſammenhänge, ift in den Einzeltheorien der Syſteme der Kultur und der äußeren Organifation der Geſellſchaft längft eingejchlagen worden. Dad Studium des Individuums ala der Lebengeinheit in der Zuſammenſetzung der Gejellichaft ift die Bedingung für die Erforſchung der Thatbeſtände, die aus der Wechjelwirkung diefer Vebenzeinheiten in ber Geſellſchaft durch Abftraktion ausgelöft werden Türmen, nur auf diefer Grundlage der Ergebnifje der Anthropologie, vermittelft der theoretilchen Wiſſenſchaften der Gejellichaft in ihren drei Hauptelaflen, der Ethnologie, der Wiſſenſchaften von den Syſtemen der Kultur ſowie derer von der äußeren Organilation der Gejellichaft kann dag Pro⸗ blem des Zuſammenhangs unter den auf einander folgenden Bu= ftänden ber Geſellſchaft allmälig einer Löſung näher geführt werden. — Auch find thatlählich auf diefem Weg alle exakten und fruchtbaren Geſetze gefunden worden, zu denen die Geiſteswiſſen⸗ Ichaften bisher gelangt find, wie das Grimm'ſche Geſetz in der Sprachwifſenſchaft, das Thünen'ſche in der politiichen Oekonomie, die Verallgemeinerungen über Struktur, Entwicklungsgeſchichte und Störungen ded Staatslebens jeit Ariftoteles, die Sätze welche MWindelmann, Heyne, die Schlegel über die Entwiclungsgejchichte der Fünfte gewonnen haben, das Comte'ſche Geſetz der Beziehung zwijchen der logiſchen Abhängigkeit der Willenjchaften von einander und ihrer geichichtlichen Abfolge. Die andere Seite dieſes Problemd von dem allgemeinen Zulammendang in der geichichtlich-gejellichaftlichen Wirklichkeit, dag Studium ber Beziehungen zwildden den gleichzeitigen Thatſachen und Veränderungen, fordert ebenfalld Zer⸗— legung des compleren Thatbeftandes eines folchen status socie- tatis. Die Beziehungen von Abhängigkeit und Verwandtſchaft, wie fie zwifchen den Erſcheinungen eines Beitalterd flattfinden und in der Störung ſich Tundgeben, die bei Abänderungen in Einem Beſtandtheil des gejellichaftlicden Gejammtzuftandes in anderen auftritt, fönnen mit dem Berhältniß, welches zwiſchen den Beſtand⸗ 140 Grftes einleitended Buch. theilen, zwijchen den Funktionen eines Organismus flattfinbet, ver⸗ glichen werden. Sie liegen dem Begriff der Kultur eines Zeitalters oder einer Epoche zu Grunde und jede kulturgeichichtliche Schilderung geht von ihnen aus. Hegel erfaßte fie höchft energiſch; ed war fein Kunſtgriff, literarische Erzeugniffe eines Zeitalters zu benußen, um auf die Geiftesverfaffung deffelben von ihnen aus ein Licht zu werfen, wie denn hierauf feine irrige Theorie von dem für den ganzen Geift eine Zeit repräfentativen Charakter philoſophiſcher Syſteme gegründet war. Die franzöfiichen und engliſchen Socio⸗ logen faflen dieſe Beziehungen in dem Begriff des Conſenſus zwiſchen gleichzeitigen gejelichaftlichen Grfcheinungen zufammen. Aber ein genauer Ausdrud für die VBerwandtichaft zwilchen den verichiedenartigen Beitandtheilen, für die Abhängigkeit des einen vom anderen jet auch bier augenjcheinlich die Unterfcheidung der einzelnen Glieder und Syſteme voraus, welche den status socie- tatis bilden; ſchon eine Ueberficht über den Charakter der Kultur in einer Epoche muß zeigen, wie in der Verjchiedenheit der Glieder und Syſteme der Geſellſchaft gleichartige Grundverhältnifie fich ala Berwandtichaft äußern. Diefem Verhältniß, welches die Methodologie der Geiſtes⸗ wiſſenſchaften tiefer zu entwickeln haben wird, entipricht der thatſäch⸗ liche Beftand der allgemeinen Wahrheiten in der Philofo= phie der Gejhichte und ber Sociologie. Pico, Turgot, Condorcet, Herder waren in erfter Linie Univerjalgiftoriter in philoſophiſcher Abficht. Der umfaſſende Blick, durch welchen fie Wiſſenſchaften miteinander combinirten, wie Vico Jurisprudenz und Philologie, Herder Naturkunde und Geichichte, Turgot politiiche Oekonomie, Naturwiſſenſchaften und Geichichte hat der modernen Geſchichts⸗ wiſſenſchaft erft ihre Wege gebahnt. Der Name der Philoſophie der Geſchichte, ja nicht Selten dafjelbe Wert umfaßt aber mit dieſen Arbeiten, welche fruchtbare Combinationen in der Richtung einer wahren Univerjalgefchichte vollzogen, zugleich Xheorien ganz anderer Art, welche der Gemeinfchaft mit jenen Arbeiten den größten Theil ihres Anſehns verdanken. Aus dieſen Yormeln, welche den Sinn der Gejchichte außzufprechen beanspruchen, ift Das Problem des Conſenſus gleichzeitiger Thatſachen. 141 feine fruchtbare Wahrheit gefloſſen. Alles metaphyſiſcher Nebel. Bei keinem iſt er dichter als bei Comte, der den Katholicismus de Maiſtre's in das Schattenbild einer hierarchiſchen Leitung der Geſellſchaft durch die Wiſſenſchaften wandelte!). Und wo irgend aus diefen Nebeln Harere Gedanken auftauchen, da find ea Sätze über Funktion, Strultur und Entwidlungsgeichichte der einzelnen Bölker, Religionen, Staaten, Wiflenichaften, Künfte oder über Die Beziehungen zwiſchen diejen im Zufammenhang der geichichtlichen Melt. Aus diefen Säten über das Leben ber Glieder und Syſteme der Menjchheit fett fich jedes genauere Bild zuſammen, durch welches irgend eine Philoſophie ber Gefchichte ihrem ſchatten⸗ haften Grundgedanken etwas von Fleiſch und Blut giebt ?). VI. Badiende Ansdehunng und Vervolkommunng der Einzel: Ä wiſſenſchaften. Inzwiſchen unterwerfen ſich die Einzelwifſenſchaften bes Geiſtes immer neue Gruppen von Thatſachen, fie erhalten durch vergleichende Methode und piychologiiche Srundlegung immer mehr den Charakter allgemeiner Theorien, und wenn fie fi) der Beziehungen zu ein- ander in der Wirklichkeit immer deutlicher betvußt werden: jo muß wohl Kar werden, dab in ihrem Zuſammenhang allmälig die⸗ jenigen unter den Problemen der Sociologie, der Philofophie des Geiftes oder der Geſchichte einer Löſung ſich nähern, bie einer folgen überhaupt zugänglich find. Wir ſahen, wie dieſe Einzelwifienichaften aus dem Totalzu⸗ 1) Comte, phil. pos. 4, 683 ff. 2) Beſonders beutlid in Schleiermachers fo großartiger Ethik, da bier das „Handeln ber Vernunft auf die Natur, auf ber Baſis ihres In⸗ ander, wie es alö ein begrifflih Mannichfaltiges conftruirt wird" (8 75), erſt feinen Inhalt durch bie Beziehung auf die Gufteme, melde das Beben ber Geſellſchaft bilden, und die Ergebnifie ber Einzelwifienichaften über fie empfängt. 142 Erftes einleitendes Buch. fammenhang durch einen Vorgang von Analyfis und Abftraktion ausgeſondert worden find. Nur in der Beziehung auf die Wirk- Iichfeit, in der ihre abftraften Süße enthalten find, liegt ihre Wahrheit. Nur indem dieſe Beziehung in ihre Säbe mit aufge- nommen wird, gelten diejelben von diefer Wirklichkeit. In ber Los⸗ löſung von dieſem Zuſammenhang entiprangen die verhängniß- vollen Irrthümer, welche ala abftraftes Naturrecht, abftrakte poli- tiiche Delonomie, ald Syftem der natürlichen Religion, kurz ala das natürliche Syſtem des 17. und 18. Jahrhunderts die Wiſſen⸗ ſchaften verdorben und die Sefellichaft geichädigt haben. Indem die Einzelwiflenichaften von einem erfenntnißtheoretiichen Bewußtſein aus die Stellung ihrer Sätze zu der Wirklichkeit, auß der fie ab- ftrabirt find, fefthalten, erhalten dieſe Sätze, wie abftraft fie auch jeien, da8 Maß ihrer Geltung an der Wirklichleit. — Wir fahen aber ferner, daß una feine Erkenntniß des concreten Totalzufammen- hangs der gejchichtlich-gejellichaftlichen Wirklichkeit vergönnt ift, ala welche durch Zergliederung deflelben in Einzelzuſammenhänge, jo- nach vermittelft dieſer Einzelwiſſenſchaften erreicht wird. In letzter Inſtanz ift unfre Erfenntniß dieſes Zuſammenhangs nur ein ſich ganz Klar⸗, ganz Bewußtmachen des logiſchen Zufammen- hangs, in welchen die Einzelwiflenichaften ihn befiten oder ihn zu erkennen geftatten. Dagegen müflen die ilolirten Einzelwifjen- Ichaften des Geiftes der todten Abftraftion verfallen; die iſolirte Philoſophie des Geiftes ift ein Geſpenſt; die Sonderung der philo- ſophiſchen Betrachtungsweiſe der gejchichtlich-gejelichaftlichen Wirk⸗ lichkeit von der poſitiven iſt die verderbliche Erbſchaft der Metaphyſik. Die Entwicklung der Einzelwiſſenſchaften des Geiſtes zeigt einen Fortſchritt, welcher hiermit in Uebereinſtimmung iſt. Un- befangene, von den Abftraftionen vergangener Tage freie Analyjen einzelner Geftaltungen aus dem Gebiet der äußeren Organijation der Gejellichaft oder der Syſteme der Kultur, wie wir jeit Toque⸗ ville's glorreichen Arbeiten deren eine ganze Anzahl erhalten haben, legen den inneren Zuſammenhang von geichichtlichen Ge⸗ bilden bloß. Das Verfahren der Bergleichung Hat in der Sprach⸗ wiflenichaft jeine Probe beftanden, Hat fich fiegreich auf die Mytho⸗ Machiende Ausdehnung u. Vervollkommnung b. Geiſteswiſſenſchaft. 143 Iogie ausgedehnt, und es veripricht, allmälig allen Einzelwiſſen- ichaften des Geiſtes den Charakter von wirklichen Theorien zu geben. Der Zufammenbang mit der Anthropologie wird von feinem der pofitiven Forſcher mehr vernadhläffigt. Die Willenichaften der Syfteme der Kultur und der äußeren Organifation der Gejellichaft ftehen aber mit der Anthropologie hauptſächlich durch jene pſychiſchen und pſychophyſiſchen Thatjachen in Verbindung, welche ich als ſolche zweiter Ordnung bezeichnet habe. Die. Analyſis dieſer Thatſachen, welche in der MWechiel- wirkung der Individuen in der Gejellichaft fich bilden und keines⸗ wegs in die der Anthropologie völlig auflöglich find, bedingt in einem erheblichen Grade die theoretiiche Strenge der Einzelwiflen- Ichaften, denen fie zu Grunde liegen. Die Thatfachen von Bebürfniß, Arbeit, Herrichaft, Befriedigung find pſychophyſiſcher Natur; fie find Beftandtbeile der Grundlagen der politiſchen Delonomie, der Stantd- und Rechtswiſſenſchaft, und ihre Bergliederung geftattet, fozufagen in die Mechanit der Gejellichaft einzudringen. Man fönnte fich eine allgemeine Betrachtungsweiſe denken, gewifjermaßen eine Pſychophyſik der Gejellichaft, welche die Beziehungen zwiſchen der Vertheilung der veränderlichen Gelammtmafje des pigchilchen - Leben? auf der Erdoberfläche und der Vertheilung derjenigen Kräfte zum Gegenftande hätte, die in der Natur bereit liegen, in den Dienft diefer Gefammtmafje gebracht find und durch deren Leiftungen dieje Schließlich ihre Bedürfniſſe befriedigt. Andere wichtige pfychiſche Thatjachen liegen den Syftemen der höheren geiftigen Kultur zu Grunde, jo die Thatfache der Uebertragung und der in ihr fich vollziehenden Umbildung. In der Uebertragung verbleibt ein Zu⸗ fand in A während er auf B übergeht; hierauf gründen fich Die quantitativen Beziehungen in jedem Syſtem einer geiftigen Be- wegung. Geht man davon aus, daß in der Willenjchaft eine vollftändige Webertragbarfeit der Begriffe und Säbe von dem Denker der fie aufgefunden auf den defien Fafſungskraft der Auf- gabe ihres Verſtändniſſes angemefjen ift übergeht: jo entfteht das interefjante Problem, die Urjachen ber Störungen zu erforſchen, 144 Erſtes einleitendes Buch. welche einen jolcden regelmäßigen Fortgang in der Gejchichte bes Wiſſens verhindert haben. Es giebt innerhalb der geichichtlihen Welt, die ja, dem Meere glei), immer in Wellen bewegt ift, neben den dauernden Thatbeftänden, welche, Theilinhalte der pſychophyfiſchen Wechſel⸗ wirkung wie fie find, ald Religionen, Staaten, Künfte dauernde Gebilde darftellen und ala jolche von den Einzelwiflenichaften des Geiſtes erforfcht werden, auch umfangreiche und in fih zujammen- bängende Vorgänge von einer mehr vorübergefenden Art, die innerhalb der gejchichtlichen Wechſelwirkung auftreten, wachjen und . fi ausbreiten, um dann bald wieder zu verichwinden. Revolu⸗ tionen, Epochen, Bewegungen: das find Namen für dieſe geichicht- lichen Phänomene, twelche weit ſchwerer faßbar find als die dauern⸗ den Geftaltungen, welche die äußere Organijation der Geſellſchaft oder die Syiteme der Kultur bervorbringen. Schon Ariftoteles bat den NRevolutionen eine fcharffinnige Unterſuchung gewidmet. 63 find aber beſonders die geiftigen Bervegungen, welche mit der Beit einer jehr exakten Behandlung zugänglich werden müſſen, da fie quantitative Beftimmungen geftatten. Bon der Epoche der Gejchichte ab, in welcher ber Bücherdrud auftritt und eine Hinlängliche Beweg⸗ lichkeit erlangt hat, find wir durch Anwendung der ftatiftifchen Methode auf den Beſtand der Bibliotheken im Stande, die In⸗ tenfität geiftiger Bewegungen, die Bertheilung des Intereſſes in einem beftimmten Zeitpunkt der Geſellſchaft zu meflen; jo werden wir in Stand gefeßt, den ganzen Vorgang, von den Bedingungen eines Kulturkreiſes ab, dem Grad von Spannung und Intereſſe in ihm, durch die erften taftenden Verſuche, biß zu einer genialen Schöpfung vorftellig zu machen. Die Darftellung der Ergebnifie einer ſolchen Statiftit wirb durch graphiſche Darftellung ſehr an Anſchaulichkeit gewinnen. Ep wird die poſitive Wiſſenſchaft auch die mehr vorüber⸗ gehenden Zufammenhänge inmitten der allgemeinen Wechſelwirkung ber Individuen in der Gelellichaft der theoretiichen Behandlung zu unterwerfen bemüht jein. Doch wir find an der Grenze an⸗ gelangt, an welcher dad Erreichte zu künftigen Aufgaben binüber- leitet — von der aus wir zu fernen Küften binliberbliden. Nothwendigkeit der erfenntnigtheoretifchen Grunblegung. 145 XIX. Bie JUothwendigkeit einer erkenntnißtheoretifhen Grundlegung für die Einzelwiſſenſchaften des Geiſtes. Alle Fäden der bisherigen Erwägungen laufen in der folgen den Einficht zufammen. Das Erkennen der geichichtlich-gejellichnfte lihen Wirklichkeit vollzieht fih in den @inzelmifienichaften des Geiſtes. Diefe aber bedürfen ein Bewußtſein über das Verhält⸗ niß ihrer Wahrbeiten zu der Wirklichkeit, deren Theilinhalte fie find, jowie zu den anderen Wahrheiten, die gleich ihnen aus dieſer Wirklichkeit abjtrahirt find, und nur ein jolches Bewußtſein kann ihren Begriffen die volle Klarheit, ihren Säten die volle Evidenz gewähren. Aus diefen Prämiſſen ergiebt fich die Aufgabe, eine er⸗ fenntnißtheoretifhe ®rundlegung der Geiſteswiſſen— haften zu entwickeln, aladann das in einer jolchen gejchaffene Hilfämittel zu gebrauchen, um den inneren Zuſammenhang der Einzelwiſſenſchaften des Geiftes, die Grenzen, innerhalb deren ein Erkennen in ihnen möglich ift, jowie das Verhältnik ihrer Wahr» beiten zu einander zu beftimmen. Die Löjung diefer Aufgabe fünnte ala Kritik der hiſtoriſchen Vernunft d. 5. des Vermögens des Menſchen, fich jelber und die von ihm gejchaffene Gejellichaft und Geichichte zu erkennen, bezeichnet twerden. Eine ſolche Grundlegung der Geiſteswiſſenſchaften muß fich, wenn fie ihr Ziel erreichen will, in zwei Punkten von den bis⸗ herigen Arbeiten verwandter Art unterfcheiden. Sie verknüpft Erkenntnißtheorie und Vogik mit einander und bereitet jo die Löfung der Aufgabe vor, welche im Schulbetrieb ala Encyklopädie und Methodologie bezeichnet wird. Aber fie ſchränkt andrerjeit3 ihr Problem auf da8 Gebiet der Geijted- wiſſenſchaften ein. Die Sogiklala Methodenlehre zu geftalten, ift die gemein⸗ fame Richtung aller hervorragenden logiſchen Arbeiten unſeres Jahr⸗ Dilthey, Einleitung. 146 Erſtes einleitendes Bud). hundert. Aber dad Problem der Methodenlehre empfängt durch den Zufammenhang, in welchem e3 in ber neueren deutſchen Philo- ſophie auftritt, eine bejondere Form. Diefe Yorm der Aufgabe ift in dem ganzen Zuſammenhang unferer Philoſophie objektiv ange⸗ legt und muß jede Methodenlehre, die unter una auftritt, unter fcheiden von den Arbeiten eines Stuart Mill, Whewell oder Jevons. Die Analyfi3 der Bedingungen des Bewußtſeins hat die un⸗ mittelbare Gewißheit der Außenivelt, die objektive Wahrheit der Wahmehmung, alsdann der Sätze, welche die Eigenjchaften des Räumlichen ausdrüden, jowie der Begriffe von Subitanz und Ur⸗ fache, welche die Natur des Wirklichen ausſprechen, aufgelöft, und zwar twurde fie theils getragen, theils beftätigt durch die Er- gebniiffe der Phyſik und Phyſiologie: jo entfteht Die Aufgabe, die einzelnen Wifjenichaften mit diefem kritiſchen Bewußtſein zu er- füllen. Den Anforderungen an Evidenz, in welchen die pofitiven Wiſſenſchaften der früheren Zeit zufammentrafen mit der formalen Logik jener Tage, wurde genuggethan, indem die im Bewußtſein ala unmittelbar gewiß auftretenden Thatfachen und Sätze unter die Geſetze des diskurfiven Denken? geftellt wurden. Nunmehr aber, vom Fritiichen Standpunkte aus, find an die Geitaltung eines feiner Sicherheit Klar bervußten Denkzuſammenhangs inner⸗ halb der einzelnen Wiſſenſchaften andere Anforderungen zu ftellen. Hieraus entipringt für die Logik die Aufgabe, dieſe Anforderungen zu entwideln, wie fie der kritiiche Standpunkt an die Geftaltung eines feiner Sicherheit Kar bewußten Denkzuſammenhangs innerhalb der einzelnen Wiflenichaften machen muß. Eine Logik, welche diefe Anforderungen erfüllt, bildet dag Mittelglied zwiichen dem Standpunkt, welchen die kritiiche Philo- ſophie errungen bat, und den fundamentalen Begriffen und Sätzen der einzelnen Willenjchaften. Denn die Regeln, welche dieſe Logik entwirft, wollen die Sicherheit von Sätzen der Einzelwiſſenſchaften durch einen Zuſammenhang gewährleiften, welcher auf die Elemente gegründet ijt, bis zu denen die Analyfis des Bewußtſeins die Sicherheit des Willen? zurückführt. Es ift auch Bier die nicht aufzuhaltende Bervegung in der Wiſſenſchaft unferes Jahrhunderts, Sie fol Erkenntnißtheorie und Logik verknüpfen. 147 die Grenzen niederzureißen, welche ein eingejchränkter Fachbetrieb zwiſchen der Philojophie und den Einzelwiljenichaften errichtet Hat. Den Anforderungen des Tritiichen Bewußtſeins vermag aber die Logik nur zu entiprechen, indem fie ihr Gebiet über die Ana⸗ lyſis des diskurſiven Denkens hinaus erweitert. Die formale Logif ſchränkt fich auf die Geſetze des diskurfiven Denkens ein, welche aus dem Ueberzeugungsgefühl abftrahirt werden konnten, dag unſer im Bemwußtjein verlaufende Urtheilen und Schließen begleitet. Dieje Logik Dagegen, welche die Konſequenz des kritiſchen Stand⸗ punktes zieht, nimmt die von Sant als transcendentale Aefthetif und Analytik bezeichneten Unterſuchungen in fich auf, d. h. den Zuſammenhang der dem diskurfiven Denken zu Grunde liegenden Vorgänge; fie dringt alfo rüdwärt? in die Natur und den Er⸗ lenntnißwerth von Prozeſſen ein, deren Ergebnifle unfere früheſte Erinnerung ſchon vorfindet. Und zwar kann fie dem jo ent- ftehenden, den inneren und äußeren Wahrnehmungsvorgang ſowie das diskurſive Denken umfaflenden Zuſammenhang ein Prinzip der Aequivalenz zu Grunde legen, welchem gemäß die Leiſtung, durch welche der Wahrnehmungsvorgang über das ihm Gegebene hinausgeht, dem diskurfiven Denken gleichiwertbig iſt. In der Richtung einer ſolchen Erweiterung der Logik Liegt der von Helm= holtz entworfene tiefe Begriff der unbewußten Schlüſſe ). Dieje Er: weiterung muß aladann auf die Formeln zurüchvirken, in welchen die Beitandtheile und Normen des diskurſiven Denken? dargeftellt werden. Das logiſche deal felber ändert fi. Sigwart bat von diefem Standpunft aus die Formeln der Logik umge- bildet und jo eine Methodenlehre unter kritiſchem Geſichtspunkt begründet 2). Nachdem einmal dag Tritiiche Bewußtſein da ift, kann ed unmöglich eine Evidenz erfter und zweiter Klafſe oder Wiſſende erfter und zweiter Nangordnung geben; nur derjenige Begriff ift nunmehr volllommen in logischer Rüdficht, welcher ein 1) Bol. die legte Fafſung, Thatſachen in der Wahrnehmung (1879) ©. 27. 2) 1873 im exften Band feiner Logik, dem dann 1878 im zweiten bie Methodenlehre folgte. 10” % 148 Erſtes einleitendes Bud. Bewußtſein feiner Provenienz in ſich enthält; nur derjenige Satz befist Sicherheit, beffen Begründung in ein unanfechtbares Willen zurückreicht. Die logiſchen Anforderungen an den Begriff find vom kritiſchen Standpunkt aus erft dann erfüllt, wenn im Zus ſammenhang ber Erkenntniß, in welchem er auftritt, ein Bewußt⸗ fein des Erlenntnißvorganges ſelber, durch den er gebildet wird, vorhanden, und ihm durch diejes ſein Ort in dem Syſtem der Zeichen, welche ſich auf die Wirklichkeit beziehen, eindeutig beitimmt ift. Den logifchen Anforderungen an ein Urtheil ift erft dann entiprochen, wenn dad Bewußtſein feines logiſchen Grundes in dem Zufammenhang der Erkenntniß, in welchem es auftritt, die erfermtnißtheoretiiche Klarheit über Gültigkeit und Tragweite de ganzen Zuſammenhangs piychiicher Akte einjchließt, welche diejen Grund ausmachen. Daher führen die Anforderungen der Logik an Begriffe und Sätze bis in das Hauptproblem aller Erkenntnißtheorie zurüd: Natur des unmittelbaren Willen? um die Thatjachen des Bewußtſeins und Verhältniß deffelben zu dem nad) dem Sabe vom Grunde fortjchreitenden Erkennen. Diefe Ermeiterung de Geſichtskreiſes der Logik iſt in Nebereinftimmung mit ber Richtung der pofitiven Wiflenjchaften jelber. Indem das naturwiſſenſchaftliche Denken über die natür- liche Beziehung unjerer Empfindungen auf Einzeldinge in Raum und Zeit Hinaußgeht, findet es fich überall auf die genaue DBe- ſtimmung dieſer Empfindungen felber zurückgeführt, jonach auf die Beftimmung ihrer Abfolge nach einem allgemeingültigen Zeitmaß, auf allgemeingültige Orts- und Größenbeftimmungen ſowie Elimi- nirung ber Beobachtungsfehler, kurz auf Methoden, durch welche Die Bildung der Wahrnehmungaurtheile ſelber zu logiſcher Vollkommen⸗ heit geführt werben kann. In Bezug auf die Geifteawifjenichaften aber zeigte fich und, daß pfychiſche und pfychophyſiſche Thatſachen die Grundlage ber Theorie nicht nur vom Individuum, Jondern ebenfo von ben Syitemen der Kultur ſowie von der Äußeren Or- ganiſation der Gejellichaft bilden, und daß biejelben der hiſtoriſchen Anſchauung und Analyfis in jedem ihrer Stadien zu Grunde liegen. Daher bie erfenntnißtheoretiiche Unterfuchung über die Art, Unb ihr Problem a. d. Grunblegung d. Geifteswiffenfchaften einfchränfen. 140 wie fie und gegeben find, und die Evidenz, die ihnen zulommt, allein wirkliche Meihodenlehre der Geiftestwifjenichaften begründen Tann. So tritt zwiſchen die erfenntnißtheoretiiche Grundlegung und bie Einzelwiflenichaften die Logik als Mittelglied ; damit entſteht derjenige innere Zuſammenhang der modernen Wifjen- ſchaſt, welcher an die Stelle des alten metaphyſiſchen Zuſammen⸗ hangs unferer Erfenntniß treten muß. Die ziveite Eigenthümlichkeit in Beftimmung der Aufgabe diefer Einleitung liegt in der Einſchränkung derielben auf die Grundlegung der Geiſteswiſſenſchaften. — Wären bie Bedingungen, unter denen das Erkennen der Natur fteht, in bemjelben Sinn grundlegend für den Aufbau der Geifteswifien- fchaften, wären alle- Berfahrungdweilen, vermittelft deren unter dieſen Bedingungen Naturerfennen erreicht wird, auf dad Studium des Geiftes anwendbar, und zwar feine als fie, wäre endlich die Art von Abhängigkeit der Wahrheiten von einander ſowie von Beziehung der Willenfchaften aufeinander diefelbe hier wie dort: alsdann wäre die Sonderung der Grundlegung ber Geiftes- wiflenichaften von der für die Wiffenfchaften der Natur ohne Nuten. — In Wirklichkeit find gerade die am meiften umftrittenen von ben Bedingungen, unter denen naturwifienjchaftliches Erkennen fteht, nämlich räumliche Anordnung und die Bewegung in der Außenwelt, auf die Evidenz der Geifteswiflenichaften ohne Ein⸗ fluß, da*) die bloße Thatſache, daß ſolche Phänomene beftehen und Zeichen eined Nealen find, für die Konſtruktion ihrer Säße außreicht. Tritt man alfo auf diefe engere Grundlage, fo eröffnet fih die Möglichkeit, für den Zuſammenhang ber Wahrheiten in den Wiſſenſchaften vom Menſchen, der Gefellichaft und Gejchichte eine Sicherheit zu gewinnen, zu welcher die Naturwiſſenſchaften, fofern fie mehr ala Beichreibung von Phänomenen fein wollen, niemals gelangen Türmen. — In Wirklichkeit find ferner die Ver⸗ fahrungsweiſen der Geiftestwifienichaften, ala in denen ihr Objelt 150 Erſtes einleitended Bud). verftanden ift, noch bevor es erlannt wird!), und zwar in der Totalität des Gemüthes 2), jehr verichieden von denen der Natur⸗ willenichaften 9). Und man braudht nur die Stellung zu erwägen, welche bier die Auffaffung der Thatjache ala ſolcher hat 9, als⸗ dann ihr Hindurchgehen durch verjchiedene Grade von Bearbeitung unter dem Einfluß der Analyſis 5), um die ganz andere Struktur des Zuſammenhangs in diefen Wiflenichaften zu erkennen. — Endlich jtehen hier Thatjache, Gele, Werthgefühl und Regel in einem inneren Zuſammenhang, welcher innerhalb der Naturwiſſen⸗ ſchaften jo nicht ftattfindet. Dieſer Zufammenhang kann nur in der Selbftbefinnung erfannt werden ®), und jo Hat Diejelbe auch hier ein beſonderes Problem der Geifteawiflenichaften zu löfen, welches, wie wir ſahen, auf dem metaphyſiſchen Standpunfte der Philofophie der Geichichte feine Auflöfung nicht fand. Daher eine folche abgelonderte Behandlung die wahre Natur der Geifteswillenichaften für ſich Heraustreten läßt und jo viel« leicht dazu beiträgt, die Feſſeln zu brechen, in denen die ältere und flärkere Schweiter dieſe jüngere gehalten hat, von der Zeit ab in welcher Descartes, Spinoza und Hobbes ihre an Mathematik und Naturwiſſenſchaften gereiften Methoden auf dieſe zurücgeblie benen Wiſſenſchaften übertrugen. 1) ©. 114 f. 2) ©. 12. 3) ©. 186 f. 4) ©. Al. Ä 5) ©. 30 f., 49 f., 116 ff. 6) ©. 112. Zweites Bud). Metaphyſik al8 Grundlage der Geiſteswiſſenſchaften. Ihre Herrſchaft und ihre Berfalt. Söttinnen thronen hehr in Einſamkeit, Um fie fein Ort, noch wen’ger eine Zeit; Bon ihnen ſprechen ift Verlegenheit. Fauſt: Wohin ber Weg? Kein Weg: Ins Unbetretene, - Richt zu Betretende. Goethe. Erſter Abſchnitt. Bas mythilce Vorſtellen und die Entftehnng der Miſſenſthaft in Enropn. Erites Kapitel. Die aus dem Ergebnik dei erften Buchs entipringende Aufgabe. Das erfte einleitende Buch Hat zunächft das Objekt dieſes Werkes in einem Ueberblick dargeftellt: die geichichtlich-gejellichaft- liche Wirklichkeit, in dem Zuſammenhang, in welchem fie innerhalb der natürlichen Gliederung des Menſchengeſchlechts aus Individual: einheiten fich aufbaut, fowie die Wiſſenſchaften von dieſer Wirk⸗ lichkeit d. h. die Geifteswiflenjchaften, in der Sonderung und den inneren Beziehungen, in welchen fie aus dem Ringen des Erkennens mit diejer Wirklichkeit entftanden find: damit der in dieſe Ein- leitung Cintretende zuvörderſt das Objekt jelber in feiner Realität gewahr werde. Dies war durch den leitenden wiſſenſchaftlichen Gedanken des vorliegenden Wertes geboten. Denn in demjelben ift jede von den bisherigen Ergebniſſen des philofophilchen Nachdenkens abweichende Erkenntniß ein Ausfluß des Einen Grundgedankens, die Philo- fopbie jei zunächſt eine Anleitung, die Realität, die Wirklichkeit in reiner Erfahrung zu erjaflen und in den Grenzen, welche die Kritik des Erkennens vorjchreibt, zu zergliedern. Dem mit den Geiſteswiffen⸗ Ichaften Beichäftigten will bafjelbe fonach gleichſam die Organe für die Erfahrung der gefchichtlichegejellichaftlichen Welt ausbilden. Denn dies ift die gewaltige Seele der gegenwärtigen Wiſſenſchaſt: 154 Zweites Buch. Erſter Abſchnitt. ein unerfättliches Verlangen nach Realität, welches fi), nachdem es die Naturwiſſenſchaften umgeftaltet hat, nunmehr der geichicht- lichegejellichaftlicden Welt bemächtigen will, um, wenn möglid,, da3 Ganze der Welt zu umfaflen und die Mittel zu gewinnen, in den Gang der menschlichen Geſellſchaft einzugreifen. Diele ganze, volle, unverftümmelte Erfahrung ift aber bisher noch niemals dem Philojophiren zu Grunde gelegt worden., Viel⸗ mehr ift der Empirismus nicht minder abſtrakt, ala die Spekulation. Der Menſch, welchen einflußreiche empiriftiiche Schulen aus Empfindungen und Borftellungen, wie aus Atomen, zujammen- jegen, fteht mit der inneren Erfahrung, aus deren Elementen doch die Vorftellung vom Menſchen gewonnen ift, in Widerjprud: diefe Maſchine hätte nicht für Einen Tag die Fähigkeit fich in der Welt zu erhalten. Der Zujammenhang der Gejellichaft, welcher aus dieſer empiriftilchen Auffaffung gefolgert wird, ift nicht minder, als der, den die fpefulativen Schulen aufgeftellt haben, eine von abftraften Elementen aus entworfene Konftruftion. Die wirkliche Gelellichaft ift weder ein Mechanismus noch, wie andere fie vor⸗ nehmer vorftellen, ein Organismus. Nur zwei verjchiedene Seiten defielben Standpunktes der Erfahrung find die den ftrengen An= forderungen der Wiffenichaft entiprecjende Analyſis der Wirklich⸗ feit und das Anerfenntniß der über diefe Analyfia Hinaußreichenden Realität der Wirklichleit. „Im Betrachten wie im Handeln“, be= merkt Goethe, „iit dad Zugänglicde von dem Unzugänglichen zu unterjcheiden, ohne dies läßt fich im Leben wie in der Willen- ſchaft wenig leiſten.“ Im Gegenſatz gegen den herrſchenden Empirismus wie gegen die Spekulation mußte alſo zunächſt die geſchichtlich⸗geſellſchaftliche Wirklichkeit in ihrer vollen Realität fichtbar gemacht werden; auf diefe Wirklichkeit beziehen fich alle folgenden Unterfuhungen. Im Gegenfab gegen die Entwürfe einer den ganzen Zujammenbang diejer Wirklichkeit umfpannenden Wiſſenſchaft mußte das Ineinander⸗ greifen der Leiftungen der geichichtlich getvordenen, fruchtbaren Einzelwiffenichaften gezeigt werden; in ihnen vollzieht ſich der große Prozeß einer zwar relativen, aber fortichreitenden Erkenni⸗ Aufgabe der folgenden Grundlegung. 155 niß des gefjellfchaftlichen Lebens. Und da wir ben Leſer mit den Einzelwiſſenſchaften beichäftigt oder in der mit ihnen verknüpften Technik des Berufslebens thätig vorfinden, jo mußte, im Gegenſatz gegen dieſe DVereinzelung, die Nothmwendigkeit einer grundlegenden Wiſſenſchaft nachgewieſen werden, welche Die Beziehungen der Einzel- wifienichaften zu dem fortfchreitenden Erkenntnißvorgang entwickelt; in eine ſolche Grundlegung führen alle Geiſteswiſſenſchaften zurück. Zu diefer Grundlegung felber wenden wir und nunmehr. Sie entnimmt für ihren Aufbau auß dem Biäherigen nur den Be weis der Nothiwendigfeit einer die Geifteswiflenichaften begründen den allgemeinen Wiflenichaft. Dagegen muß fie für die im erften Buch entwidelte Anſchauung der geichichtlich-gefellichaftlichen Wirk⸗ Iichfeit und de Vorgangs, in welchem deren Erkenntniß ftattfindet, joweit diefe Anſchauung mehr al® eine Zufammenordnung von Thatfachen ift, nun exft die ftrenge Begründung darlegen. Wir finden nun in der Literatur der Geifteswiflenichaften zwei unterichiedene Geftalten einer Jolden Grundlegung. Während die Begründung ber Geifteswifjenichaften auf die Selbit- bejinnung, jomit auf Erkenntnißtheorie und Piychologie bisher in einer geringen Anzahl von Arbeiten verjucht worden ift, welche erft durch die kritische Philofophie des 18. Jahrhundert? hervorgerufen wurden, befteht jeit mehr ala zweitaufend Jahren ihre Begründung auf Metaphyſik. Denn feit einer fo langen Zeit wurde die Erkenntniß der geiftigen Welt auf die Erkenntniß Gottes ala ihre Urhebers und auf die Wiſſenſchaft von dem allgemeinen inneren Zuſammenhang der Wirklichkeit al von dem Grunde der Natur jowie des Geiftes zurückgeführt. Insbeſondere bis in da 15. Jahrhundert Hat die Metaphyſik (den Zeitraum von der Bes gründung der alexandrinischen Willenjchaft bis zum Aufbau der chriſtlichen Metaphyſik ausgenommen) über die einzelnen Wiſſen⸗ Ihaften gleich einer Königin geherrſcht. Ordnet diefelbe fich doch, ihrem Begriff nach nothivendig, alle einzelnen Wiſſenſchaften unter, wenn fie überhaupt anerkannt wird. Diefe Anerkennung aber war jo lange jelbftverftändlich, ala der Geift den inneren und all⸗ gemeinen Zuſammenhang der Wirklichkeit zu erkennen gewiß war. 156 Zweite Buch. Erſter Abfchnitt. Denn Metaphyſik ift eben das natürliche Syſtem, welches aus der Unterordnung der Wirklichkeit unter das Geſetz des Erkennens entipringt. Metaphyſik ift alſo überhaupt die Verfaſſung ber MWiffenichaft, unter deren Herrfchaft das Studium des Menfchen und der Geleichaft ſich enttwicelt haben und unter deren Einfluß fie no heute, wenn auch in vermindertem Umfang und Grade, ftehn. An der Pforte der Geiſteswiſſenſchaften tritt ung daher die Metaphufit gegenüber, begleitet von dem Skepticismus, der von ihr ungertrennlich ift, gleichlam ihr Schatten. Der Beweis ihrer Un⸗ baltbarkeit bildet den negativen Theil der Grundlegung der einzelnen Geifteswifjenichaften, welche wir im erften Buch ala nothwendig erfannt haben. Und zwar verſuchen wir die abftrafte Beweis⸗ führung des 18. Jahrhunderts durch die Hiftoriiche Erkenntniß dieſes großen Phänomens zu ergänzen. Wol bat das 18. Jahr⸗ Hundert die Metaphyſik widerlegt. Aber der deutſche Geift lebt, unterichieben von dem englifchen und frangöfifchen, in dem hiſtoriſchen Bewußtſein der Kontinuität, deren Faden bei und im 16. und 17. Jahrhundert nicht abriß; Hierauf beruht feine Biftorifche Tiefe, in welcher daB Vergangene einen Moment des gegenwärtigen gejchichtlichen Bewußtſeins bildet. So bat die Liebe zum großen Alterthum einerjeit3 die gebrochene Metaphyſik bei und in edlen Geiftern auch im 19. Zahrhundert geftüßt; aber eben durch diejelbe gründliche Verſenkung in ben Geift des Pergangenen, in die Erforſchung der Gefchichte des Gedankens haben wir nun andrerſeits die Mittel ertvorben, die Metaphyſik in ihrem Urjprung, ihrer Macht und ihrem Verfall gefchichtlich zu ertennen. Denn die Menfchheit wird dieje große geiftige Thatfache, wie jede andere, welche fich überlebt hat, welche aber ihre Tradition mit fich fortichleppt, nur völlig überwinden, indem fie diefelbe begreift. indem aber der Leſer dieſer Darftellung folgt, wird er ge= ſchichtlich für die erfenntnißtheoretiiche Grundlegung vorbereitet. Die Metaphyfit, ala das natürliche Syſtem, war, wie die folgende Darftellung begründen wird, ein nothwendiges Stadium in der geiftigen Entwicklung der europäiichen Völler. Daher Metaphyfit ald Grundlegung ber Geiſteswiſſenſchaften. 157 fann der Standpunkt der Metaphyſik von dem, welcher in die Wiſſenſchaften eintritt, gar nicht durch bloße Argumente zur Seite geichoben,, jondern er muß von ihm wo nicht durchlebt, doch ganz durchgedacht und folchergeftalt aufgelöft werden. Beine Folgen erftreden fi) durch den ganzen Bulammenhang der modernen Begriffe, die Litteratur der Religion und des Staats, bes Rechts wie der Gejchichte ift zum größten Theil unter feiner Herrichaft entitanden, und auch der übrigbleibende Theil befindet fi) meift, jelbft gegen jeinen Willen, unter feinem Einfluß. Nur wer diejen Standpunkt in feiner ganzen Kraft jich Har gemacht b. h. das Bedürfniß bdefielben, das in der unveränderlichen Natur des Menjchen wurzelt, geichichtlich verftanden, jeine lang währende Macht in ihren Gründen erfannt und feine Yolgen fich entwidelt bat, vermag jeine eigene Denkart von diejem metaphyſiſchen Boden ganz loszulöſen und die Wirkungen der Metaphyſik in der ihm vorliegenden Litteratur der Geiſteswiſſenſchaften zu erfennen ſowie zu eliminiren. Hat doch bie Menſchheit jelber dieſen Gang ge- nommen. Alsdann nur wer die einfache und Harte Form der prima philosophia an ihrer Gejchichte erkannt hat, wird die Un- Haltbarkeit der gegenwärtig herrſchenden Metaphyſik durchſchauen, welche mit den Erfahrungswiflenichaften verbunden oder ihnen an⸗ gepaßt ift: der Philoſophie der naturphiloſophiſchen Moniſten, Schopenhauers und ſeiner Schüler ſowie Lotzes. Endlich nur wer die Gründe der Sonderung von philoſophiſchen und empiriſchen Geiſtes⸗ wiſſenſchaften, welche in eben dieſer Metaphyſik gelegen find, erkannt, fowie die Folgen diefer Sonderung in der Geichichte der Metaphufif verfolgt Hat, wird in dieſer Sonderung in rationale und empirifche Wiſſenſchaften dad ftehen gebliebene Gehäuſe des metaphufiichen Geiſtes erkennen und es entichloffen wegräumen, um dem gefunden Verfländniß des Zuſammenhangs der Geiſteswiſſenſchaften freien Boden zn Ichaffen. 158 Zweites Buch. Erſter Abichnitt. Zweites Kapitel. Ser Begriff der Metaphyſik. Das Problem ihres Berhältnities zu den nächftverwandien Ericheinungen. Die Betrachtung der geichichtlichen Welt gab uns eine ſchwere Trage auf. Die Wechſelwirkung der Individualeinheiten, ihrer Freiheit, ja ihrer Willfür (diefe Worte in dem Verſtande von Namen für das Erlebniß, nicht für eine Theorie genommen), die Berichiedenheit der nationalen Charaktere und der Individualitäten, endlich die aus dem Naturzufammenhang, in welchem dies Alles auftritt, ftammenden Schidfale:; diefer ganze Pragmatismus der Geſchichte bewirkt einen zuſammengeſetzten weltgeſchicht— lichen Zweckzuſammenhang, vermittelſt der Gleichartigkeit der Menſchennatur ſowie vermittelſt anderer Züge in ihr, welche eine Mitarbeit des Einzelnen an einem über ihn ſelber Hinaus⸗ reichenden ermöglichen, in den großen Formen der auf freies sneinandergreifen der Kräfte gegründeten Syſteme jowie der äußeren Organijation der Menſchheit: in Staat und Recht, wirth- ſchaftlichem Leben, Sprache und Religion, Kunft und Wiſſenſchaft. So entftehen Einheit, Nothivendigkeit und Geſetz in der Geichichte unſeres Geſchlechts. Mag der pragmatiiche Gejchichtichreiber im Spiel der einzelnen Kräfte, in den Wirkungen der Natur und des Geſchicks ober auch einer höheren Hand ſchwelgen, mag der Metaphyſiker feine abftrakten Formeln dieſen wirkenden Kräften jubftituiren, ala ob fie gleich den Geftirngeiftern der eben- falls durch metaphyſiſche Borftellungen genährten Aftrologie dem Menfchengeichlecht feine Bahn vorjchrieben: beide reichen nicht ein⸗ mal an dieje Yrage jelber heran. Das Geheimniß der Gejchichte und der Menjchheit ift tieffinniger ala die Einen und die Anderen. Sein Schleier lüftet fi), wo man den mit fich jelber beichäftigten Willen des Menſchen, gegen feine Abfiht, an einem über ihn Binausreichenden Zweckzuſammenhang wirken oder wo man jeine eingeſchränkte intelligenz an diefem Zuſammenhang etwas voll: bringen fieht, deffen diejer bedarf, daß aber von der einzelnen In⸗ telligena weder beabfichtigt noch voraußgejehen war. Der blinde Fauft Die intellektuelle Entwicklung ein Zweckzuſammenhang. 159 in der letzten täuſchenden Arbeit ſeines Lebens iſt das Symbol aller Helden der Geſchichte, ſo gut als Fauſt, der mit Auge und Hand des Herrſchers Natur und Geſellſchaft geſtaltet. Innerhalb diefes lebendigen Zweckzuſammenhangs, welcher in der Totalität der Menſchennatur gegründet iſt, hat ſich allmälig die intellektuelle Entwicklung des Menſchengeſchlechts in der Wiſſenſchaft abgeſondert. — Sie bildet einen vernünftigen Zuſammen⸗ hang, der über das Individuum hinausreicht. Die Zweckthätigkeit der einzelnen Menſchen, die Schleiermacher ala „Wiſſenwollen“, andere als „Wiſſenstrieb“ bezeichnen (Namen für eine Thatſache des Bewußtſeins, nicht aber Erklärung dieſer Thatſachey, muß auf die entiprechende Zweckthätigkeit anderer Menſchen rechnen, diejelbe aufnehmen und in fie hinübergreifen. Und zwar find gerade Vor- ftellungen, Begriffe, Säße einfach übertragbar. Darum findet in dieſem Zuſammenhang oder Eyſtem eine jo ftätige Yortentwidlung ftatt, al3 auf feinem anderen Felde menschlichen Thuns. Obwohl biefer Zweckzuſammenhang der wifjenjchaftlichen Arbeit nicht durch einen Geſammtwillen geleitet wird, jondern er vollzieht fi in der freien Thätigfeit der einzelnen Individuen. — Die allgemeine Theorie dieſes Syſtems iſt Erfenntnißtheorie und Logik. Sie hat daB Verhältniß der Elemente in diefem vernünftigen Zuſammen⸗ Hang des im Menſchengeſchlecht fich vollziehenden Erfenntnißpro- zeſſes zu einander, jofern e3 einer allgemeinen Yallung fähig ift, zu ihrem Gegenſtande!?). Somit ſucht fie in dem über das In⸗ bividuum hinausreichenden Zuſammenhang dieſes Erfenntnißvor- gangs Nothwendigkeit, Gleichförmigkeit und Geſetz. Ihr Material Siſt die Geſchichte der menſchlichen Erkenntniß ala Thatſache und ihren Schlußpunkt bildet das zuſammengeſetzte Bildungsgeſetz in dieſer Geſchichte der Erkenntniß. — Denn obgleich die Geſchichte der Wiſſenſchaft theilweiſe durch ſehr mächtige, zum Theil höchſt eigenwillige Individuen gemacht wird, obgleich die verſchiedenen Anlagen der Nationen auf dieſe Geſchichte einwirken, das miliou der Geſellſchaft, in welchem dieſer Erkenntnißvorgang ſich vollzieht, überall ihn mitbeftimmt: dennoch zeigt die Geſchichte des willen- — —— — 1) Bergl. ©. 55. 160 Zweites Buch. Erſter Abſchnitt. ſchaftlichen Geiftes eine über ſolchen Pragmatismus hinausreichende folgerichtige Einheit. Pascal betrachtet das Menichengeichlecht ala ein einziges Individuum, welches immerfort lernt. Goethe vergleicht die Gejchichte der Wiflenfchaften mit einer großen Fuge, in welcher die Stimmen ber Völker nad) und nach zum Vorſchein kommen. In diefem Zweckzuſammenhang der Gelchichte der Willen- Ichaften tritt an einem beftimmten Punkte, im 5. Jahrhundert v. Chr. bei den europäiſchen Völkern die Metaphyſik hervor, beherrſcht in zwei großen Beiträumen den wiflenjchaftlichen Geift Europas und ift alddann ſeit mehreren Sahrhunderten in einen allmäligen Auflöfungsprogeß eingetreten. Der Ausdrud Metaphyſik wird in fo verichiedenem Verſtande gebraucht, daß der Inbegriff von Thatjachen, welcher bier mit dieſem Namen bezeichnet wird, zunächſt hiſtoriſch einigermaßen abgegrenzt werden muß. Es ift bekannt, daß der Ausdruck uriprünglid nur die Stellung der „erften Philojophie” des Ariftoteles Hinter feinen naturwiſſenſchaftlichen Schriften bezeichnete, daß derſelbe aber als⸗ dann, der Zeitrichtung entiprechend, auf eine Wiſſenſchaft beffen, was über die Natur hinausgeht, gedeutet wurde !). Mas Ariftoteles unter erfter Philofophie verftand, wird da= _ rum der Beitimmung diefes Begriffs am zweckmäßigſten zu Grunde gelegt, weil dieje Wiſſenſchaft durch Ariftoteles ihre jelbftändige von den Einzelwifjenichaften Ear unterjchiedene Geftalt empfangen bat, und weil der Begriff der Metaphyſik, wie derjelbe im Zus jammenbang hiermit von Xriftoteles geprägt wurde, in dem folge- richtigen Verlauf des Erkenntnißvorgangs angelegt war. Das was Hiftoriich hier auftrat, kann zugleich als das was in dem 1) Bonitz, Aristotelis Metaphysica II, p. 3 80. erörtert erichöpfend, bat Ariftoteles dieſe Wiffenfchaft ald mewrn yılooopl« bezeichnete, daß ber Ausdruck vera Ta yuoıza für diefen Theil der Schriften bes Ariftoteled im Zeitalter des Auguſtus zuerft auftritt (wahricheinlich auf Andronikus zurück⸗ zuführen) und zunächſt den Schrifteninbegriff bedeutet, welcher auf den natur: wiflenjchaftlichen in der Sammlung und in dem von Ariftoteles hinreichend angedeuteten ſyſtematiſchen Zuſammenhang folgte, aldbann aber, ber Zeitrich tung entiprechend, auf eine Wiflenichaft des Tranzicendenten gebeutet wurbe. . « Der Begriff der Metaphyſik durch Ariftoteles beftimmt. 161 Zweckzuſammenhang der Geſchichte der Wiſſenſchaften bedingt war, erwieſen werden. — Von der Erfahrung unterſcheidet fich nach Ariſtoteles die Wiſſenſchaft dadurch, daß ſie den Grund erkennt, welcher in der wirkenden Urſache gelegen iſt. Von der Einzel⸗ wiſſenſchaft unterſcheidet fich die Weisheit, in welcher der Wifſſens⸗ trieb ſeine in ihm ſelber gelegene Befriedigung findet (das Wort Weisheit hier in ſeinem engſten, höchſten Verſtande genommen, ſonach die erſte Weisheit), dadurch, daß fie die erſten Gründe, welche ganz allgemein die ganze Wirklichkeit begründen, erkennt. Sie enthält alle Gründe für die befonderen Erfahrungskreiſe und ſie beherrſcht vermittelſt dieſer Gründe das geſammte Handeln. Dieſe erſte vollkommene Weisheit iſt eben die erſte Philoſophie. Während die Einzelwiſſenſchaften, 3. B. die Mathematik, einzelne Gebiete des Seienden zu ihrem Gegenftand haben, hat dieje erfte Philofophie dad ganze Seiende oder dad Seiende als Seiendes d. 5. die gemeinjamen Beitimmungen des Seienden zu ihrem GSegenftand. Und während jede Einzelwiflenichaft, entiprechend biejer Aufgabe, ein beftimmtes Gebiet des Seienden zu erkennen, in der Feftftellung der Gründe nur bis zu einem gewifjen Punkte zurückgeht welcher felber im Zuſammenhang der Erkenntniß rüd- wärts bedingt ift, Hat die erſte Philoſophie die nicht weiter im Erkenntnißvorgang bedingten Gründe alles Seienden zu ihrem Gegenftand. ') Diefe Begriffäbeftimmung der erften Philojophie oder Meta⸗ phyſik, welche Ariftoteles entwarf, wird von den am meiften ber- vorragenden Metaphyſikern des Mittelalters feitgehalten.2) In der neueren Philojophie überwiegt immer mehr die, am meilten abftrafte unter den Formeln bes Ariftoteles, welche die ‘Meta- phyſik ala Wiſſenſchaft der nicht weiter im Erfenntnißvorgang be- 1) Dieje Begrifföbeftimmung der nowrn yılocoyla bed Ariftoteles ift vermittelft der DBerbinbung von insbejonbere Metaph. I, 1. 2. IH, 1ff. VI, 1 abgeleitet. In Betreff bes DVerhältnifies ber Begriffe von aoyia, rEWTn Oopla, Olms Voyös ZU npWrn yılocopla verweije ich auf Schweg⸗ ler? Commentar zur Metaphyfit S. 14 und ben Index bon Boniß s. v. coole. 2) Thomae Aquinatis summa de veritate 1. I, c. 1. Dilthey, Einleitung. 11 162 Zweites Bud. Erfter Abichnitt. dingten Gründe beftimmt. So definirt Baumgarten die Metaphyſik ala die Wiſſenſchaft der erften Erkenntnißgründe Und auch Kant beftimmt ganz übereinflimmend mit. Ariftotele® den Begriff der- jenigen Wiſſenſchaft, welche er ala die dogmatilche Metaphyſik be⸗ zeichnet und deren Auflöfung zu vollbringen er unternahm. Er Inüpft in feiner Kritif der Vernunft genau an den Ariftoteliichen Begriff von Gründen, welche jelber nicht mehr bedingt find, an. Jeder allgemeine Sab (jagt Kant), injofern er ala Oberjat in einem Bernunftichluß dienen farm, iſt ein Prinzip, nach welchem das⸗ jenige erkannt wird, was unter die Bedingung defielben jubjumirt wird. Diefe allgemeinen Sätze als ſolche find nur comparative Prinzipien. Die Vernunft unterwwirft nun aber alle Verſtandes⸗ regeln ihrer Einheit, zu den bedingten Erkenntniſſen des Ver⸗ ftandes fucht fie das Unbedingt. Hierbei wird fie von ihrem ſynthetiſchen Prinzip geleitet: ift dag Bedingte gegeben, jo ift auch die ganze Reihe einander untergeordneter Bedingungen, die mit- bin ſelber unbedingt ift, gegeben. Dies Prinzip ift nad Kant das der dogmatiichen Metaphufil, und diejelbe ift ihm ein noth- wendiges Stadium in der Entwidlung der menjchlichen Intelli⸗ genz.!) — Alsdann jtimmen mit der Begriffsbeftimmung Des Ariftoteles die meiften philojophiichen Schriftfteller der letzten Generation überein. ?) In diefem Verſtande ift der Materialis⸗ mus oder der naturwiſſenſchaftliche Monismus jo gut Metaphyſik, ala die Ideenlehre Platos; denn auch in jenen Handelt es ſich um die allgemeinen nothwendigen Beitimmungen des Seienden. Aus der Ariftoteliichen Begriffebeftimmung der Metaphyſik ergiebt fich vermittelft der ficheren Einfichten der kritiſchen Philo- ſophie ein Merkmal der Metapbufit, welches ebenfalls einem Streit nicht unterliegen kann. Kant hat dies Merkmal richtig heraus⸗ gehoben. Alle Metaphyſik überjchreitet die Erfahrung. Sie ergänzt 1) Kant’ Werte (Roſenkr.) 2, 63 ff. 341ff. — 1, 486 ff. 2) Trendelenburg, log. Unterjuchungen (dritte Aufl.) 1, 6ff. Ueber: weg, Logik (dritte Aufl.) S. 9ff. Schelling, der in feinen letzten Arbeiten ebenfalla auf Ariftoteles zurüdgeht, Philofophie der Offenbarung, W. W. 1, 3, 38. Lotze, Metaphyſik ©. 6ff. Unpaltbarkeit abweichender Beftimmungen des Begriffe Metaphyfil. 163 da8 in der Erfahrung Gegebene durch einen objel- tiven und allgemeinen inneren Zuſammenhang, welcher nur in der Bearbeitung der Erfahrumg unter den Bebin- gungen des Bewußtſeins entfteht. Herbart bat diefen wahren Charakter aller Metaphufit, wie er ſich aus der Betrachtung ihrer Geſchichte unter dem Gefichtspunft eines Eritiichen Denkens ergiebt, meifterhaft dargelegt. Jede Atomenlehre, welche das Atom nicht blos als einen methodiſchen Hilfebegriff betrachtet, ergänzt bie Erfahrung durch Begriffe, welche in der Bearbeitung dieſer Erfahrung unter den Bedingungen des Bewußtſeins entiprungen find. Der naturwiſſenſchaftliche Monismus fügt eine in feiner Erfahrung liegende, dieje vielmehr ebenfalld ergänzende Beziehung zwiſchen materiellen und pfychiſchen Vorgängen zu dem Erfahrenen Binzu, welcher gemäß in den Beftandtheilen der Materie entiweder überall piuchiiches Leben verbreitet ift oder in den allgemeinen Eigenichaften diejer Beitandtheile die Gründe des Auftretens von pſychiſchem Leben liegen. Einige Schriftfteller gebrauchen den Ausdrud Metaphyfil in einem von diejem herrichenden Sprachgebrauch abweichenden Sinne, weil fie einzelne Beziehungen verfolgen, in welche natur= gemäß die jo gejchichtlich aufgefaßte Thatfache der Metaphufil tritt. Kant's Begriff von der dogmatiichen Metaphyſik fchien in feinen elementaren Beftimmungen nur den des Ariftoteles auf- zunehmen und weiterzudenten. Dies ift darin gegründet: das Erkennen, auf feinem natürlicden Standpunfte, bewegt fich feinem Weſen gemäß in der Richtung von den gefundenen bedingten Wahrheiten auf ihren lebten, unbedingten Zuſammenhang; aus dieſer Richtung des Erkennen? entiprang die Metaphyſik des Arifto- teles ala geichichtlihe Thatſache, ſowie der Begriff von rückwärts nicht wei’er bedingten Gründen, durch den jozufagen die Sprung- feder im Zweckzuſammenhang des Denkens bloagelegt wird, welcher dieje metaphufilche Geiftesrichtung in Bewegung febt; und biejelbe Nothivendigkeit im Grunde der Bedingungen bes Vewußtſeins er- faßte auch der tiefe Blick Kant’. Ex, auf feinem kritiſchen Stand⸗ punkt, jo ſahen wir weiter, durchſchaute auch die erkenntnißtheoretiſche 11* 164 Zweites Bud. Erſter Abichnitt. Vorausſetzung, welche in diejer dogmatifchen Metaphyſik enthalten war. — Über hier beginnt jeine Abweichung von Ariftoteles. Seinem erfenntnißtheoretiichen Standpunkt gemäß will er den Begriff der Metaphyſik aus ihrem Uriprung im Erkennen entwerfen. Nun denkt er aber unter der unbeweisbaren Vorausſetzung, allgemeine und nothwendige Wahrheiten hätten eine Erlenntnißart a priori zu ihrer Bedingung. Daher erhält für ihn Metaphyſik als die Wiſſenſchaft, welche die höchfte una mögliche Vernunfteinheit in unfere Erkenntniß zu bringen ftrebt,!) folgerecht das Merkmal, Syftem derreinen Bernunft zu fein d. h. „philofophiiche Er- fenntniß aus reiner Vernunft in ſyſtematiſchem Zufammenhang.“ *) Und fo ift ihm Metaphyſik durch ihren Urſprung in der reinen Ver⸗ nunft beftimmt, welcher allein philoſophiſches, apodiktiiches Willen ermöglicht. Bon der dogmatiſchen untericheidet er fein eigenes Syſtem ala kritiſche Metaphyfik; biegt ex doch die Ausdrücke der alten Schule auch ſonſt in das Erfenntnißtheoretiiche um. Seine Faſſung des Begriffe Metaphyſik ging auf feine Schule über. >) Aber diefe Abweichung von dem hiſtoriſchen Sprachgebrauch ver- widelt Kant in Wiberfprüche, da ſelbſt die Metaphyfit des Arifto- teles eine jolche reine Vernunftwiſſenſchaft nicht ift, und fie bringt in feine Terminologie eine auch von ſeinen Verehrern bemerfte Duntelbeit. Ein anderer Sprachgebraud) hebt eine Beziehung an ber Metaphyfit hervor, welche für die allgemeine Vorftellung der Ge— bildeten am meiften in den Vordergrund tritt, und diefer Sprach⸗ gebrauch ift daher im Leben jehr verbreitet. Wol find auch die moniftiichen Syſteme der Naturphilojophie Metaphyſik. Aber der Schwerpunkt der großen geichichtlichen Maſſe von Metaphyſik liegt den gewaltigen Speculationen näher, welche nicht nur die Er— fahrung überjchreiten, jondern ein von allem Sinnfälligen unter- ſchiedenes Reich von geiftigen Weſenheiten annehmen. Dieſe Speculationen bliden aljo in ein hinter der Sinnenwelt Derborgenes, Weienhaftes: eine zweite Welt. Die Vor— 1) Kant 2, 350. — 2) Sant 2, 648. — 1, 49. 3) Apelt, Metaphyfik ©. 21 ff. Unhaltbarkeit abweichender Beftimmungen des Begriffe Metaphyſik. 165 ftellung findet fich daher bei dem Namen Metaphyfil am ftärkften zu der Gedantenmwelt eines Plato oder Ariſtoteles, Thomas von Aquino oder Leibniz Hingezogen. Und diefe Idee von Metaphyſik wird durch den Namen felber unterftüßt, den auch Kant auf ein Objekt bezog, welches trans physicamı gelegen fei!). Auch hier wird eine einzelne Beziehung der Metaphyſik einjeitig heraußgehoben; in die Welt des Glauben? reichen einige der tiefiten Wurzeln der bezeichneten Klaſſe metaphyfiicher Syiteme, und aus diefen jogen dieſelben einen Theil ihrer Kraft, dag Gemüth ganzer Zeitalter zu beherrichen. Endlich bezeichnen Schriftfteller jeden Zuftand von Ueber— zeugung über den allgemeinen objektiven Zufammenbang der Wirk— lichkeit oder enger über das die Wirklichkeit Ueberſchreitende ala Metaphyſik, und jo ſprechen fie von einer naturwüchſigen, einer Volksmetaphyſik. Sie drüden richtig eine Verwandtſchaft aus, welche zwilchen biefen Weberzeugungen und der Metaphyſik ala Wiſſenſchaft beiteht, aber das Bewußtſein diefer Verwandtſchaft wird angemeſſener durch eine Anwendung der bezeichneten Aus— drüde in einem übertragenen Sinn bezeichnet, als durch eine Jolche Erweiterung bed Wortfinng von Metaphyfit, welche die gejchichtliche Einſchränkung defielben auf Wiflenjchaft aufbebt. - Mir gebrauchen alfo den Ausdrud: Metaphyſik in dem entwidelten von Ariſtoteles geprägten Verſtande. Während mın Wiſſenſchaft überhaupt nur mit der Menjchheit jelber wieder unter: _ gehen kann, ift innerhalb ihres Syſtems dieſe Metaphyſik eine geichichtlich begrenzte Erſcheinung. Andere Thatjachen des geiftigen Leben gehen ihr innerhalb des Zweckzuſammenhangs unferer intelleftuellen Entwidlung voraus, fie ift von anderen be- gleitet und wird von ihnen in der Herrichaft abgelöft. Der ge- ſchichtliche Verlauf zeigt ala ſolche andere Thatjachen: die Religion, den Mythos, die Theologie, die Einzelwiſſenſchaſten der Natur und der geichichtlich-gejellichaftlicden Wirklichkeit, endlich die Selbft- befinnung und die in ihr entipringende Erkenntnißtheorie. So empfängt das Problem, das uns befchäftigt, auch die Geftalt: 1) Sant 1, 558. 166 | Zweites Buch. Erſter Abichnitt. welche find die Beziehungen der Metaphufit zu dem Zweckzu⸗ ſammenhang der intellektuellen Entwidlung und den diejen aus⸗ machenden, anderen großen Thatjachen des geiftigen Lebens? &omte bat verſucht, diefe Beziehungen in einem einfachen Geſetz auszudrücken, welchem gemäß in der intellettuellen Entwick⸗ lung des Menſchengeſchlechts ein Stadium der Theologie abgelöft worden jei von einem der Metaphyſik, unb dieſes von einem ber pofitiven Wiſſenſchaften. Metaphyſik ift alfo auch für ihn und feine weitverbreitete Schule ein vorlibergehendes Phänomen in der Geſchichte des Fortichreitenden wiflenfchaftlichen Geiſtes, wie fie ea für Kant und jeine Schule in Deutichland und für John Stuart Mill in England ift. Auch Kant Hat fih geichichtlich mit der Metaphufil aus— einandergejeßt, und diejer tieffinnigfte Geift, den die neueren euro- päilchen Völker hervorgebracht haben, hat bereits erkannt, daß in der Geſchichte der Intelligenz ein nothiwendiger, in der Natur des menfchlichen Erklenntnißvermögens jelber begründeter Zufammenhang beftehe. Der menjchliche Geiſt durchlief drei Stadien, „das erite war das Stadium des Dogmatigm“ (in den gewöhnlichen Sprach⸗ gebrauch übertragen: der Metaphufit), „das zrveite das des Slep⸗ ticiam, das dritte das des Kriticiam der reinen Vernunft; dieſe Beitordnung ift in der Natur des menſchlichen Erkenntnißvermögens gegründet.” ’) Der Knoten in diefem Drama des Erfenntnißvor- gang liegt nad Kant in der oben?) entwidelten Natur der Ber- nunft, aus ihr ent|pringt eine natürliche und unvermeibliche Sllufion, und fo wird der menjchliche Geift in den dialektiſchen Wiberftreit zwilchen Dogmatigm (Metaphufit) und Skepticism verwidelt, die Auflöſung dieſes Widerftreit3 durch Erkenntnißtheorie ift aber der Kriticiam. °) Sowohl diefe Theorie von Kant ald die von Comte enthalten eine einjeitige Auffafjung des Thatbeftandes. Comte hat die Hifto- rilchen Beziehungen der Metaphyfil zu demjenigen wichtigen Theil der intelleftuellen Bewegung, welchen Skepticismus, Selbftbefinnung und Erkenntnißtheorie bilden, gar nicht unterſucht; er bat 1) Kant 1, 493. - 2) ©. 168 f. — 3) Kant 2, 241 ff. Problem ihres Verhältniffes zu den näcdhftverwandten Ericheinungen. 167 die Beziehungen der Metaphyſik zu Religion, Mythos und Theologie ohne die hier nothivendige Zerlegung des zuſammenge⸗ fetten Thatbeſtandes behandelt, und jeine Theorie tritt daher in Widerfpruch mit den Thatſachen der Gelchichte und der Ge⸗ ſellſchaft. Ya feine Auffaffung der Metaphyſik jelber entbehrt der geichichtlichen Einficht in die wahren Grundlagen der Macht derjelben. Kant jeinerfeit? giebt eine Konftruftion, nicht eine gefchichtliche Darlegung, und dieje Konftrultion ift von feinem erfenntnißtheo- retiſchen Standpunkt, innerhalb befielben von feiner Ableitung alles apodiktiichen Willen? aus den Bedingungen des Vewußtſeins, ein- feitig beftimmt. Die nachfolgende Darlegung analyfirt nur den geichichtlicden Thatbeftand; an jpäterer Stelle Tann ihm das Er- gebniß aus der Analyfis des Bewußtſeins zur Beitätigung dienen. Drittes Rapitel. Das religisfe Leben als Unterlage der Metaphyſil. - Der Zeit- raum des mythiſchen Borftellens. Niemand kann bezweifeln, daß der Entitehung der Wiflen- Ichaften in Europa eine Zeit vorausgegangen ift, in welcher die intelleftuelle Entwicklung fich in der Sprache, Dichtung und im mythiſchen Vorftellen jowie im Fortſchritt der Erfahrungen des praftifchen Lebens vollzog, dagegen eine Metaphyfik oder Wifjen- ſchaft noch nicht beftand !). — Wir treffen die europäiſche Menfch- 1) Zurgot hat zuerft verjucht das Gejekmäßige in ber Entwidlung der Intelligenz zu entwideln, ba Bico’3 scienza nuova (1725) fi) auf die Entwidlung ber Nationen bezieht. Er geht richtig von der Sprache aus; bad mythiſche Borfiellen bezeichnet ihm dann die erfle Stufe des auf bie Urfachen gerichteten Forſchens. „La pauvret6 des langues et la necessite des metaphores, qui re&sultoient de cette pauvrete, firent qu’on employa les allö&gories et les fables pour expliquer les phenomönes physiques. Elles sont les premiers pas de la philosophie. [Oeuvres 2, 272 (Paris 1808) aus den Papieren Zurgot’3, die auf feine Reden über die Geſchichte von 1750 fich bezogen.] Les hommes, frappes des phenome£nes gensibles, supposerent que tous les effets ind&pendans de leur action &toient produits par des etres semblables & eux, mais invisibles et plus puissans [2, p. 63]. 168 Zweites Buch. Erſter Abſchnitt. heit, ungejondert von den Heinafiatilchen Griechen, in intimer Wechſelwirkung mit den umgebenden Kulturländern, ſechs Jahr⸗ hunderte v. Chr. im Uebergang zu dem Stadium der Wiflenjchaft vom Kosmos jowie der Metaphufif an. Dieſelben entftanden alfo in Europa in einer feitftellbaren, ja in ihrem Charakter der For⸗ hung zugänglichen Beit, nachdem das mythiſche Vorſtellen eine unabjehbare Zeit hindurch, welche ſich in gänzliches Dunkel ver- liert, geherrjcht Hatte. Dieſe lange und dunkle Epoche empfängt nur in ihrem lebten Stadium ein Direkte Licht durch erhaltene dichteriiche Werke und durch Ueberlieferungen, welche eine theil- weile Rekonſtruktion der verlorenen geftatten. Was in ihr dieſen Dentmälern voraußliegt, ift einer vergleichenden Kulturgeſchichte allein zugängli. Und zwar kann diefe wol für die indogermanifchen Böller an der Hand der Sprache Etappen ihrer äußeren Lage, der fteigenden äußeren Givilifation, ja vielleicht der Entwidlung der Vorſtellungen erichließen; fie fann an der Hand der ver« gleichenden Mythologie die Metamorphofen von indogermaniichen Grundmythen aufzeigen, Grundzüge der äußeren Organifation umd des Rechtes errathen. Aber das Innere der Menjchen jelber in jenem Zeitraum, welchen man im Unterjchied von dem prähiftorifchen den prälitterariichen nennen könnte, d. 5. einem Zeitraum, in welchem dichterifche Werke Hinter und zurückbleiben, entzieht fich einer Hifto- riſchen Wiederherftellung. Wenn Lubbod zu erſchließen verfucht, daß alle Völker ein Stadium des Atheismus d. h. der volljtändigen Ab- wejenheit jeder Art von religiöfer VBorftellung durchlaufen Haben, ?) oder Herbert Spencer, dat aus Ideen von den Todten alle Reli- gion erwachſen jei?): jo find dies die Orgien eines die Grenzen des Erkennens mißachtenden Empirismus. An den Grenzpunkten der Geſchichte kann man eben auch nur dichten, wie an jedem andern Grenzpunkt der Erfahrung Wir ſchränken uns alſo zu⸗ nächſt auf den Zeitraum ein, innerhalb defſen litterariſche Denkmale das innere des Menjchen erbliden laſſen. 1) Lubbod, Entjtehung der Eiviltfation. Deutſche Ausg. 1875. S. 172 vergl. 170. 2) Spencer, Syitem der Philofophie, Bd. VI, zuiammengefaßt ©. 504 ff. Untericheidung der Religion vom mythiſchen Borftellen. 169 Inden wir Dieje Grenzen des hHiftoriichen Erkennen? ein- halten, ift ung innerhalb ihrer zunächft durch das Verhältniß von Nebeneinanderbeftehen und Aufeinanderfolge der großen Thatjachen des geiftigen Lebens eine Unterſcheidung von Mythos und Religion gegeben. Der Mangel derjelben ift der erfte Grund der Tehlerhaftigleit des Comte'ſchen Geſetzes. Das religiöfe Erlebniß fteht zu dem Mythos und der Theologie, der Metaphyſik und der Selbftbefinnung in einem viel vertidelteren Verhältniß, als Comte angenommen bat. Hievon überzeugt ung die Betrachtung des gegen- wärtigen geiftigen Zuftandes; mußte doch Comte an Jeinem eignen Syſtem im 19. Jahrhundert die Erfahrung machen, daß bafjelbe über die zweite Stufe der Metaphyſik in den Geifteäwillenjchaften nicht hinauskam, ſchließlich aber durch eine Art von wiffenichaft= lichem Atavigmus auf die erfte, die theologifche Stufe zurüdianf. Deutlicher noch ſpricht die Gefchichte gegen Comte. Der Zeitraum der Alleinherrichaft mythiſchen Vorftellend ging bei den griechiichen Stämmen vorüber; aber das religiöfe Leben blieb und fuhr fort wirffam zu fein. Die Wiſſenſchaft erwachte langſam; das my— thiſche Vorſtellen beſtand neben ihr fort, und, wo das religiöſe Leben den herrſchenden Mittelpunkt der Intereſſen bildete, bediente ed fich mancher von der Wiſſenſchaft entwickelter Sätze. Ja jetzt geſchah es, daß das religiöſe Leben in tief von ihm bewegten Naturen, wie Xenophanes, Heraklit, Parmenides waren, an dem metaphyfiſchen Denken eine neue Sprache fand. Es überlebte aber auch dieſe Art ſeines Ausdrucks. Denn auch die Meta⸗ phyſik iſt vergänglich, und die Selbſtbeſinnung, welche die Me— taphyſik auflöſt, findet in ihrer Tiefe abermals — das religiöſe Erlebniß. So zeigt das empiriſche Verhältniß von Zuſammenbeſtehen und Aufeinanderfolge der großen Thatſachen, die in der Geſchichte der Intelligenz verwebt ſind: das religiöſe Leben iſt ein Thatbeſtand, welcher gleicherweiſe mit dem mythiſchen Vorſtellen wie mit der Metaphyſik und mit der Selbſt— beſinnung verbunden iſt. Daſſelbe muß, wie eng auch die Art feiner Verbindung mit dieſen letzteren Erſcheinungen ſein .mag, 170 Zweites Buch. Erfter Abichnitt. | von denjelben ala ein Thatbeſtand viel umfafjenderer Verbreitung abgefondert twerden. Und zwar findet fi) nicht nur in bem- jelben Zeitalter, fondern in demfelben Sopf, ohne Widerfpruch, religiöjeg Leben, mythiſches Vorftellen und metaphyfiſches Denken vereinigt; dies war bei vielen griechiſchen Denkern ber Fall; mit grandiofem Ernft ringen ein Heraklit, Parmenides und Plato, die Mythenſprache ihrer Gedankenwelt gemäß zu geftalten. 63 findet fich in demjelben Kopf mit der Metaphyfik auch Theo» logie und religiöjes Erleben verbunden, dies war bei vielen mittel- alterlicden Denlern der Yal. Nur kann nicht diefelbe Thatjache zugleich mythiſch vorgeftellt und gedankenmäßig erklärt werben. Diefe Verhältniſſe ſondern noch deutlicher religiöſes Leben von mythiſchem Borftellen. Für den vorliegenden Zwed einer erfahrungsmäßigen Dar- legung würde eine Beitimmung des Begriffs von religiöfem Leben und leicht dem Verdacht einer Konſtruktion ausſetzen: es genügt, den vorhandenen Thatbeftand defjelben zu umſchreiben und zu bezeihnen. Das Vorhandenſein von Erlebniß, von innerer Erfahrung überhaupt kann nicht geleugnet werden. Denn dieſes unmittelbare Wiflen ift der Erfahrungginhalt, defien Analyjis aladann Kenntniß und Wiflenjchaft der geiftigen Welt if. Diele Wiſſenſchaft beftünde nicht, wenn innere Er⸗ lebniß, innere Erfahrung nicht vorhanden wären. Nun find Er⸗ fahrungen folcher Art die Freiheit des Menjchen, Gewiſſen und Schuld, aladann der alle Gebiete des inneren Lebens burchziehende Gegenjat des Unvolltommenen und Volllommenen, des Vergäng- lichen und Ewigen jowie die Sehnſucht des Menſchen nach dem legteren. Und zwar find dieſe inneren Erfahrungen Beitandtheile de3 religiöjen Lebens. Dafielbe umfaßt aber zugleich dag Bewußt⸗ jein einer unbedingten Abhängigfeit des Subjekts. Schleiermacher bat den Urſprung dieſes Bewußtjeing im Erlebniß aufgezeigt. Neuerdings bat Mar Müller diefer Theorie eine feftere eınpiriiche Grundlage zu geben verſucht. „Wenn ed uns zu kühn klingt, zu jagen, daß der Menjch wirklich das Unfichtbare fieht, jo jagen wir, daß er den Drud des Unfichtbaren merkt, und dieſes Unfichtbare ift eben Der Thatbeftand des religidfen Lebens. 171 nur ein bejonderer Name für das Unendliche, mit dem der Natur⸗ menfch fo feine erſte Yühlung gewinnt.“ !) Und jo führt die Be trachtung religiöfer Gemiüthazuftände überall auf die Verwebung der Erfahrung von Abhängigkeit mit der eines höheren und von der Natur unabhängigen Lebens zurüd. Das Mertmal des religidjen Lebens ift, dab es fich Eraft einer anderen Art von Weberzeugung behauptet, als die wiflenfchaftliche Evidenz if. Der religiöfe Glaube verweiſt allen Angriffen gegenüber auf die inmere Erfahrung, auf das, was ba Gemüth noch gegenwärtig in fi) erleben kann, und dag, was ihm geichichtlich widerfahren iſt. Er ift weder vom Raifonnement ge⸗ tragen noch kann er von ihm widerlegt werden. Er entipringt in der Totalität aller Gemüthakräfte, und auch nachdem der Differenzirungs- prozeß des geiftigen Lebens die Boefie, die Metaphyſik, wie die Wiſſenſchaften zu relativ jelbftändigen Formen dieſes geiftigen Lebens entwidelt Hai, bleibt das religiöfe Erlebniß in der Tiefe des Gemüths fortbeftehen und wirkt auf diefe Yormen. Denn nie wird das Erkennen, welches in den Wiflenichaften thätig ift, des urfprünglichen Erleben? Herr, dag in dem unmittelbaren Wiſſen dem Gemüth gegemvärtig if. Das Erkennen arbeitet an dieſem Erlebniß jozujagen von außen nach innen. Aber mag e3 aud) immer neue Thatſachen dem Gedanken und der Nothwendigkeit unterwerfen — und das iſt feine Funktion — : mit zäher Kraft des MWiderftandes erhalten fi) ihm gegenüber im Bewußtſein freier Wille, Zurechnung, deal, göttlicher Wille: fie bleiben ſtehen, ob fie gleich dem nothiwendigen Zuſammenhang in dem Erkennen widerjprehend find. Wol muß das Grlennen dem in ihm liegenden Gele gemäß feinen Gegenftand der Nothwendigkeit unterwerfen. Aber muß oder fann ihm darum Alles Gegenftand werden, muß oder kann Alles von ihm erlannt werben? Die Einfiht, daB dag religiöjfe Leben der dauernde Untergrund der intelleftuellen Entwid- lung ift, nicht eine vorübergehende Phaje im Sinnen der Menjch- 1) Mar Müller, Uriprung und Entwidelung der Religion. ©. 41. 172 Zweites Buch. Erfter Abjchnitt. beit, wird ſpäter durch die pfychologiſche Bergliederung vervoll- ftändigt werden. Hiſtoriſch ift dieſes Verhältniß für die be— reitd abgelaufene Entwicklung nur innerhalb eine begrenzten Zeit⸗ raums nachweisbar. Es kann nicht Hiftorifch dargethan werden, daß dag religiöfe Leben, wie wir es folchergeftalt al3 den Untergrund des geichichtlichen Leben? in Europa feftitellen können, zu jeder Zeit einen Beitandtheil der menfchlichen Natur gebildet Habe. Nur To viel ergiebt ſich auß dem bisher Entwickelten: wenn die Thatſachen und zwängen, an irgend einem Punkte der ſich rüd- wärts erftredienden Linie des geichichtlichen Verlaufs einen reli- giondlofen Zuftand (Religion in dem Sinne des uriprünglichen religiöfen Exlebniffes genommen, in welchem fie das Bewußtſein von gut und böfe und die Beziehung Hiervon auf einen Zu⸗ fammenbang, von dem der Menſch abhängig ift, bereits ent- hält) anzunehmen — was jedody nicht der Yall ift —, aladann würde diefer Punkt zugleich ein Grenzpunft des hiſtoriſchen Verſtehens fein. Wir könnten über eine ſolche Zeit wol hiſtoriſche Notizen haben, aber diejelbe läge jenfeit der Grenzen unſeres Hifto- riſchen DVerftändnifies. Denn mir verftehen nur vermittelft der Uebertragung unferer inneren Erfahrung auf eine an fich todte äußere Thatſächlichkeit. Wo nun unableitbare Beftandtheile der inneren Erfahrung, durch welche der Zuſammenhang diefer Er- fahrung in unjerem Bewußtſein erft möglich ift, in einem hifto- riihen Zuftande ala abweſend aufgefaßt werden jollen, da find wir eben an der Grenze de3 hiſtoriſchen Auffaſſens felber an- gelangt. Hiermit ift nicht außgeichloffen, daß ein ſolcher Zuftand beftanden babe. Es wäre möglich, daß Beitandtheile der inneren Erfahrung, ob fie gleich für una nicht ableitbar find, dennoc nicht primär wären, und die Erkenntnißtheorie hat eine ſolche Möglich» feit zu prüfen. Aber das ift ausgeſchloſſen, daß wir ihn verftehen und don ihm aus einen Buftand, in welchem diejer unableitbare Beitandtheil aladann auftritt, verſtändlich machen könnten; aus⸗ geichloflen alſo ift das hiſtoriſche Verſtändniß eines religionsloſen Zuſtandes und der Entſtehung des religiöſen Zuſtandes aus ihm. Hervorragende neuere empiriſtiſche Schriften über die Anfänge der Das religiöfe Leben ala beftändige Unterlage der Kultur. 173 Kultur in England und bei und verfallen daher in den folgenden Widerſpruch. Sie finden unableitbare Thatjachen der inneren Er⸗ fahrung in dem primären Zuftande der Menjchheit noch nicht vorhanden, aber fie wollen weder darauf verzichten, dieſen Zuftand hiftorifch zu verftehen, noch darauf, den folgenden aus ihm ab- zuleiten. | So meit aljo überhaupt die Verbindung nadter Fakta zu gejellichaftlicher Erfahrung reiht, gab es Heine Zeit, in welcher nicht das Individuum, wie es fich fand, ſich nur ala foribeftehend, rückwärts beftimmt, ſonach unbedingt abhängig gefunden hätte, aladann den Horizont der Welt jelber nach allen Seiten, finn- lich gejehn, urjächlich aufgefaßt, als in die Unendlichkeit zer- fließend. Es gab Feine Zeit, in welcher nicht die freie Spontaneität des Menſchen mit dem Anderen, beflen Drud ihn umgab, gerungen Hätte, und auch die mythiſchen Borftellungen haben in dem Willen ihre ſtarken Wurzeln. Steine Zeit beftand, in welcher der Menſch nicht im Gegenſatz zu feinem armen Leben Bilder von etwas Reinerem und Bolllommnerem befaß. Und 1) Den Ausgangspunkt dieſes pigchologiichen Ihatbeflandes Hat Schleiermacher auf unanfechtbare Weile feitgelegt. Dies bildet fein un⸗ vergängliches Verdienſt; er bat bie intelleftualiftiiche Begründung der Religion auf Railonnement des Berftandes, welches an ber Hanb ber Begriffe Urſache, Berftand und Zwed geht, ala jecundär aufgezeigt; er hat gezeigt, wie das Selbftbewußtfein Thatſachen enthält, welche den Anſatzpunkt alles religiöfen Leben? bilben. Dogmatit$ 36, 1. (3. Aufl.) „Wir finden una ſelbſt immer nur im Fortbeſtehen, unſer Dafein ift immer ſchon im Berlauf begriffen; mithin kann auch unfer Selbftbewußtfein, jofern wir bon allem anberen abgeiehen und nur ala endliches Sein jeben, dieſes nur in jeinem ortbeftehen repräſentiren. In dieſem aber aud) fo vollftändig — weil nämlich das fchlechthinige Abhängigkeitägefühl ein fo allgemeiner Be- ftandtbeil unſeres Selbſtbewußtſeins ift — daß wir jagen können, in welcher Art des Gefammtfeind und in welchen Zeitpunkt wir auch möchten geftellt fein, wir würden in jeder vollftändigen Befinnung und immer nur fo finden, und daß wir biejes auch immer auf das gefammte endliche Sein übers tragen." Sein Fehler lag darin, daß biefer tiefe Blid ihn nicht beftimmte, nunmehr mit der intelleftualiftiichen Metaphyſik zu brechen und der Phi» Lofophie eine feinem Ausgangspunkt entiprechenbe, piychologiiche Grundlage zu geben. So verfiel ex dem Platonismus und ber mächtigen Zeitfirömung der Raturphilofophie. 174 Zweites Bud. Erfter Abfchnitt. Alles, was der Menſch wirkend fand, zeigte dem Gemüth, das Luft und Wehe empfindet, Hofft und fürchtet, dem Willen, der liebt und haßt, ein doppeltes Angefiht. Dies Alles ift Leben, nicht Ichließendes Erkennen. Sobald diefe unableitbaren Beftandtheile meines eigenen Lebens, meiner inneren Erfahrung fih mit den hiftoriichen Thatjachen, und zwar den durch fichere Schlüffe verbürgten Thatfachen, nicht mehr zu geſchichtlichem Ver⸗ ſtäändniß zufammenjchließen, bin ich an der Grenze des geichicht- lichen Verfahrens angelangt. An diefem Punkte beginnt das Reich des geichichtlich Trangfcendenten. Denn auch da8 geichichtliche Ver- fahren Hat eine innere, im Bewußtſeinsvorgang ſelber Tiegende und darum unverrüdbare Grenze, fo gut, ala die naturwifſſenſchaft⸗ liche Erkenntniß eine ſolche hat. Da e8 in dem gegenwärtigen Be- wußtjein vermittelft der gejchichtlichen Yalten die Schatten der Ver⸗ gangenbeit erjcheinen läßt, fo vermag es nur auß dem Leben und der Realität dieſes Bewußtſeins ihnen ihre Wirklichkeit mitzuteilen. So weit konnte bier, vor der piychologischen Analyſis, der wichtige Sab feftgeitellt werden, welchem gemäß das religiöſe Leben der beitändige Untergrund der ung geichichtlich bekannten intelleftuellen Entwicklung if. Wir finden nun das religiöfe geben mit dem mythiſchen Vorftellen in dem Beitraume von der und erhaltenen epilchen Dichtung der Griechen ab bis zu dem Auftreten der Wiflenichaft in einer beſtimmten Weije verbunden. Aus dem, was über die Art diejer Verbindung noch fetgeftellt werden Tann, entnehmen wir wenige und ganz allgemeine Züge, welche für die Anfchauung des Zweckzuſammen⸗ hangs der intelleftuellen Geichichte nothwendig find. Das mythiſche Vorftellen geftaltet einen realen und lebendigen Zuſammenhang ber den Menſchen jener Tage be- ſonders bedeutfamen Phänomene. Hiermit leiftet e8 etwas, was das Wahrnehmen, Borftellen, Wirken, welche mit den Objelten in täg- lichem Verkehr fteben, ſowie die Sprache nicht leiſten. Wol ver- knüpfen Wahrnehmen und Vorftellen überall die Eindrüde zu Dingen, welchen Eigenjchaften, Zuftände, Thätigfeiten zulommen ; zwiſchen D. mythiſche Vorftellen bringt einen realen Zuſammenh. d. Phän. hervor. 175 diejen ſetzen fie Verhältnifſe, insbeſondere das von Urſache und Wir- fung. So nachdrücklich ala möglich muß man ſich gegen Auffaffungen verwahren, welche dieſe aus dem täglichen Kleinverkehr mit den Ob⸗ jetten entipringenden Züge unjerer Vorftellungäweife in der Zeit der Diythenbildung in eine allgemeine Lebendigkeit des Welt- zuſammenhangs aufgelöft vorftellen. Wol ift ferner dad frühe Be- wußtjein der jo entſtehenden Beziehungen in der Sprache aus⸗ gedrüdt worden. Das Wurzelverhältniß, die Sonderung der Wort- arten, der Caſus, Tempora ꝛc., die ſyntaktiſche Gliederung, bie Unterordnung von Thatſachen unter Namen von Allgemeinvor- ftellungen: dies Alles bildet Beziehungen ab, welche an ber Wirklichkeit aufgefaßt und unterjchieden worden find. Das fpätere pbilojophiiche Denken Mmüpft in vielen Punkten an die Sprache an; das mythiſche Vorftellen ift mit ihr in tiefen Vezügen ver- webt. Dennoch ift, was bier geleiftet wird, gänzlich verichieden von der Herftellung des realen und allgemeinen Zuſammen⸗ hangs zwiſchen den für die Menſchen jener Tage bedeutjamen Phänomenen, welche im mythiſchen Vorftellen vollbracht wird. Die Funktion des mythiſchen Vorftellend ift daher in diefer Zeit der analog, welche die Metaphyſik für einen ſpäteren Zeitraum Dat. Nicht die Neligion, nicht das in ihr gejebte Bewußtſein Goites bezeichnet ein folches erſtes Stadium, daher auch nicht die Borftellung des Supranaturalen: fie bilden vielmehr die beftändige Bedingung des geiftigen Lebens der Menjchheit. Comte's Theorem von dem erften Stadium der geiftigen Entwidlung, das er ala das theologifche bezeichnet, ift Daher unhaltbar, weil e8 die Funktion des mythiſchen Vorſtellens im Zufammenhang der geiftigen Ent- willung nicht von der Stellung der Religion in dieſem Zu⸗ fammenbang jondert. Und die Armahme von dem beftändig in der Geichichte abnehmenden und allmälig vor der Wiſſenſchaft verichtwindenden Einfluß religiöfer Vorftellungen auf die euro- päiſche Gelellichaft ift von dem Verlauf ber Gejchichte nicht be= ftätigt worden. Und zwar zeigt das mythiſche Vorftellen eine relative Selbftändigkeit dem religiöfen Leben gegenüber. 176 Zweites Buch. Erſter Abſchnitt. Zivar ruht der reale Zuſammenhang von Phänomenen, welchen e8 geitaltet, auf dem religiöfen Leben: dieſes ift in ihm bie alles Sichtbare überjchreitende Lebensmacht. Aber dieſer Zuſammenhang ift nicht in der religiöſen Erfahrung allein gegründet. Er ift eben- fo bedingt durch die Art, wie den Menfchen jener Tage die Wirk- lichleit gegeben ift. Dieſe ift für fie ala Leben da, bleibt ihnen Leben, wird nicht durch Erkennen zu einem Objelt des Berflandes. Daher ift fie an allen Punkten Wille, Fakticität, Gejchichte, d. h. lebendige urjprüngliche Realität. Da fie für ben ganzen leben- digen Menfchen da ift und noch feiner verftandesmäßigen Ana- lyſis und Mbftraktion, ſonach Verdünmung unterworfen wird: fo ift fie entiprechend felher Leben. Und mie folchergeftalt der Zuſammenhang, welchen das mythiſche Vorftellen bildet, nicht allein aus dem religiöjen Leben entipringt, jo kann auch der Inhalt de3 letteren nie ganz in der Vorſtellungsform der Mythen fich erihöpfen. Leben geht nie in PVorftellung auf. Das religiöfe Erlebniß bleibt vielmehr das ewig Innere; in feinem Mythos und feiner Borftellung eines Gottes findet es daher einen adäquaten Ausdrud. Wie denn bafjelbe Verhältniß auf einer höheren Stufe zwilchen der Religion und der Metaphyfit ftattfindet. So hat die Mytheniprache für die vorwiflenichaftliche Zeit 3. B. der griedhiihen Stämme eine über den Auddrud de religiöfen Lebens hinausreichende Bedeutung Die Grundmythen der indogermanifchen Völker, wie fie Die vergleichende Mythologie feftzuftellen bemüht ift, gleichen hierin den Wurzeln ihrer Sprachen, daß fie relativ jelbftändige Mittel des Ausdrucks find, welche fich in dem Wechjel der religiöfen Zuftände als konftante Dar- ftellungsmittel erhalten. Sie dauern in immer neuen Metamor- phojen (deren Gelee aus denen der Phantafie fließen), welchen Wechſel auch die Vorftellungen von den Göttern und das ihnen zu Grunde liegende religiöje Bewußtſein erfahren. Sie walten jo ſelbſtändig in der Phantafie diefer Völker, daß fie in derjelben nicht erlöfchen, auch wenn der Glaube erliicht, der in ihnen fich ausdrückte. Sie dienen in relativer Selbftändigfeit einem über das reli- giöſe Bewußtſein hinausreichenden Bedürfniß, die Phänomene der Relative Selbftändigleit de3 Mythus gegenüber der Religion. 177 Natur Sowohl ala der Gejellichaft in Zuſammenhang zu bringen und eine erſte Art von Erklärung derjelben zu geben. Hier tritt und die ältefte Form des allgemeinen Verhältnifſes entgegen, in welchem der religiöfe Untergrund der intellettuellen Entwicklung Europas zu der in ihr wirkſamen Richtung auf eine zuſammen⸗ bängende Berfnüpfung und Erklärung der Phänomene fteht. Die Art der Erklärung ift höchſt unvolllommen; der Zuſammenhang der Phänomene wird ala ein Willenszuſammenhang, ein In⸗ einandergreifen lebendiger Regungen und Handlungen erfahren und angeſchaut. Sie vermochte daher nur eine abgegrenzte Zeit hindurch die intellektuelle Entwicklung diefer jugendftarlen Stämme in fi zu faflen: alsdann zeriprengte die Richtung auf Erklärung die undolllommene Hülle. Viertes Kapitel. Die Entftehung der Wiſſeuſchaft in Europa. Der geichichtliche Verlauf, in welchem dies gejchah, in welchem aus mythiſchem Borftellen die wiſſenſchaftliche Erklärung des Kosmos entftand, ift und nach jeinem urfächlichen Zufammenhang nur ſehr unvollkommen befannt. Mindeftens über drei Jahrhunderte liegen zwiſchen den bomerijchen Gedichten, nach den Anſätzen der namhbafteften Forſcher der alerandriniihen Zeit, und der @e- burt des erften, welcher nach der Meberlieferung eine wiflen- ſchaftliche Erklärung der Welt verjuchte: des Thaled. Ein Zeit- genofie des Solon, lebte er in der zweiten Hälfte des fiebenten Jahrhunderts und in der erften Zeit des fechften vor Chriſtus. In diefem langen und dunklen Zeitraum von den bomerilchen Gedichten bis auf Thales jchritt, foviel können wir urtheilen, die Entwidlung des aufllärenden Geiftes in zwei Rich— tungen voran. Die Erfahrung, welche in den Aufgaben des Leben, ins⸗ bejondere der Induftrie und dem Handel erwuchd, unterwarf einen immer zunehmenden, räumlichen Bezirt ber Erde und Diltdey, Einleitung. 178 Zweites Buch. Erſter Abfchnitt. innerhalb defjelben einen immer anwachſenden reis von Thatſachen ihrer Herrichaft, d. 5. der Einwirkung, der Vor⸗ außfage ſowie der Einfiht in die Nothwendigkeit des Bu- jammenhangd. Und fie benubte Hierbei den Erwerb von Völkern älterer Kultur, mit welchen die Griechen in Verbindung fanden. Die Trage ift transſcendent, ob es je eine Zeit gab, in welcher nicht in irgend einem Umfange, irgend einer Geftalt die Abfon- derung eines Bezirks von Erfahrung von dem des mythiſchen Vorſtellens ftattfand. Aber der Fortſchritt ift eine feftftellbare That- jache, welcher in dem weiteren Berlauf des mythiſchen Vorſtellens fichtbar ift und einerjeitd die Wiflenfchaft vorbereitete, andrerjeits die mythiſche Welt in ihrem Inneren umgeftaltete: die lebendigen Kräfte, welche der affeltiv bewegte Menfch ala die Hand des Un- endlicden auf ihm empfand, fürchtete, Tiebte, wurden immer mehr an den Horizont des fich erweiternden Umkreiſes von natürlichem Geſchehen gedrängt; von wo fie ſich in das Dunkel verloren. Schon in der homerifchen Dichtung finden wir bie mythiſche Welt im Zurlidweichen begriffen. Die göttlichen Gewalten bilden eine Ordnung für ſich, einen göttlichen Familienzufammenbang mit ftaatlidem Geflige der Willensverhältnifie; ihre eigentlichen Site find von dem Bezirk der gewöhnlichen Arbeit eines da= maligen Griechen in Aderbau, Induſtrie und Handel getrennt; fie verweilen nur zeitweilig in dieſem Bezirk, vornemlich in vor⸗ übergehendem Beſuch in ihren Tempeln, und ihre Einwirkung auf das dem Erfahren und dem Gedanken unterworfene Gebiet wird zum fupranaturalen Eingriff. Auch werden feine Bermählungen zwilchen den olympiichen Göttern und den Menſchen mehr aus der Beit der troiſchen und nachtroifchen Ereignifie in ben homerifchen Dichtungen berichtet. Ja es findet fich in diefen Dichtungen ein beftimmtes Bemwußtjein über die Abnahme des Verkehrs zwiſchen Göttern und Menjchen. So breitete die fortichreitende Aufklärung den Umkreis, den die natürliche Erklärung beherrſcht, immer weiter aus und machte die Geifter immer mehr ſteptiſch gegenüber der Annahme von jupranaturalen Eingriffen. Und zwar fteht diefer Fortgang in Zuſammenhang mit einer Zwei Richtungen bes über den Mythus hinausfchreitenden Geiftes. 179 Veränderung des Lebensgefühls. Die Lebensordnung des heroiſchen Konigthums verfiel, die epiſche Dichtung, die ihr Ausdruck ge- weſen war, erftarrte. Das Lebensgefühl, welches den veränderten politifchen und focialen Ordnungen entiprach, verkündete fich in der Elegie und dem Jambus mit freier Macht: dag beivegte Innere der Perfon wurde zum Mittelpuntt des Intereſſes. In der lyriſchen Dichtung find, wenigſtens aus der Zeit des Thalca, ſo⸗ gar Spuren, welche dad Vertrauen auf die Götter zurücktretend Binter dieſem jelbftändigen Lebensgefühl zeigen‘). Und an die Blüthe der Gefühladichtung ſchloß fich die Sittenbetrachtung, in welcher der Geiſt den Bezirk der fittliden Erfahrungen fi unterivarf. Die andere Richtung, in welcher der erflärende Geift voranfchritt, ift noch in den Meberreften der Litteratur von Theo⸗ gonien fihtbar. Die ung erhaltene Theogonie des Heliod, unter ihnen die wichtigfte, lag, mindeftena in ihrem Kern, ſchon den erften Philofophen vor. Die erflärende Richtung geftaltete in dieſen Theogonien aus dem Stoff des mythiſchen Vorſtellungs⸗ kreiſes einen inneren, durch Zeugungen voranfchreitenden Zu⸗ ſammenhang des Weltprogefleg. Und zwar ſpielt fich diefer Welt- prozeß weder als eine bloße Beziehung von Willendgewalten noch ala ein aus allgemeinen Naturvorftellungen geknüpfter Zuſammen⸗ bang ab. Nacht, Himmel, Erde, Eros find Borftellungen, welche zwilchen Naturthatfache und perjönlicher Macht in dDämmern- dem Bivielicht ftehen. Aus dem Perfönlichen wanden allgemeine Borftellungen von einem natürlichen Zuſammenhang fi) los. Dieje beiden Richtungen des Geiftes zerftörten den Zuſammenhang der ®elt, welchen dad mythiſche Denken entworfen hatte. Da Andere, welches wir unjerem Selbft ala Natur gegenüberftellen, empfängt jeinen lebendigen Zuſammenhang aus dem Selbftbewußtlein, in welchem es da ift. Diefer Zuſammen⸗ bang wird in voller Lebendigkeit von dem mythiſchen Denken erfaßt, aber vor dem Gedanten hält feine Wahrheit nicht Stand; 1) Mimnermus fragm. 2. Bergk II“, 26. 12* 180 Zweites Buch. Erſter Abjchnitt. die Erfahrung der Regelmäßigkeit in der Umwandlung ber Stoffe, in der Abfolge der Weltzuftände, in dem Spiel der Bewegungen verlangt eine andere Erklärung, ein anderer Zu—⸗ ſammenhang der Natur, ala welcher in den Beziehungen der Willen von Perfonen gelegen ift, wird nothwendig. Und fo be- ginnt die Arbeit, diefen Zuſammenhang gedanfenmäßig, der Wirk- lichkeit ent|prechend , zu entwerfen. Die Dinge, in Wirken und Leiden mit einander verfettet, Veränderung an Veränderung ge— bunden, Bewegung im Raum: dies Alles ift der Anſchauung gegeben, und es joll Run in feinem Zuſammenhang erfannt werden. Ein langer und mühſamer Weg erfahrenden und verjuchen= den Denkens beginnt, und, an feinem Ende angelommen, werden wir jagen: Dies Andere, welches Natur ift, kann jo wenig in Gedankenelemente aufgelöft und durch fie gänzlich erkannt werden, ala es im mythiſchen Vorftellen durchdrungen wurde. Es bleibt undurchdringbar, da e8 eine in der Totalität unferer Gemüthskräfte gegebene Thatjächlichkeit ift. Es giebt keine metaphufiiche Erkenntniß der Natur. | Dies Alles ftand bevor; aber wir verfolgen zunächit, wie, durch die beiden bezeichneten Richtungen allmälig vorbereitet, nun= mehr die große Thatſache einer wiſſenſchaftlichen Erklärung des Kosmos Hervortrat. Im ſechſten Jahr- hundert iſt dieſe Thatſache entſtanden, indem in den joniſchen und italiſchen Kolonien der Griechen zu dieſer Zeit elementare mathe- matiſche und aftronoinifche Einfichten und Verfahrungsweilen auf das Problem angewandt wurden, welches auch dad mythiſche Vorftellen beichäftigt Hatte: die Entftehung des Kosmos. Die jonilchen Kolo- nialftädte waren in rapider Entwicklung zu demokratiſchen DVer- fafjungen und zur Entfeffelung aller Kräfte vorangefchritten. Durch die Organijation ihres Kultusrechtes war die geiftige Bewegung in ihnen weniger von dem Prieftertfum abhängig, als in den fie um⸗ gebenden, alten orientaliſchen Kulturftaaten. Und nun gab der in ihnen aufgehäufte Reichtum unabhängigen Männern die Muße und die Mittel der Forſchung. Denn die jelbftändige Entwiclung der einzelnen Zweckzuſammenhänge in der menfchlichen Gejellichaft ift Entftehung der Wiſſenſchaft. 181 an die Verwirklichung derjelben durch eine befondere Klafſe von Perſonen gebunden. Nun war aber erſt mit dem Anwachſen bes Reichthums die Bedingung dafür gejchaffen, daß einzelne Perſonen fih ganz und in gefchichtlicher Kontinuität dem Erkennen der Natur widmeten. Diejen unabhängigen, weltbewanderten Männern öffneten fi) durch eine weltgejchichtliche Fügung feltenfter Art zu berfelben Zeit die uralten Stätten der Kultur im Orient, inZbefondere während der zweiten Hälfte des fiebenten Jahrhunderts Egypten. Die Geo- metrie, wie fie fid) als eine praftiiche Kunft und eine Summe einzelner Säte in Egypten enttwidelt hatte, und die Tradition langer aſtro⸗ nomiſcher Beobachtung und Aufzeichnung, wie fie auf den Stern- warten des Oſtens beitand, wurden nun von ihnen zu einer Orientirung in dem Weltraume benußt, deſſen Bild das mythiſche Vorſtellen überliefert Hatte. Damit traten die Griechen in eine geiftige Bervegung ein, deren größerer, in den Orient zurüdreichender Zuſammenhang una bis jebt unzureichend befannt ift. Sie ift aber durch den Zweckzuſammenhang de Erfennend bedingt. Die Wirklichkeit kann nur durch Ausfonderung einzelner Theilinhalte ſowie durch die abgejonderte Erkenntniß derielben dem Gedanken unterworfen werden; denn in ihrer fompleren Form ift fie für denjelben nicht anfaßbar. Die erfte Willenjchaft, welche durch dies Verfahren entitand, ift die Mathematik geweien. Raum und Zahl find von der Wirklichkeit Früh abgefondert worden, und fie find einer rationalen Behandlung ganz zugänglid. Die Betrachtung begrenzter Flächen und Körper wird leicht aus der Anfchauung der wirklichen Dinge abitrahirt; von ſolchen abgeichloffenen Gebilden ging die geometriſche Unterfuchung aus; Geometrie und Zahlenlehre waren gemäß der Natur ihres Gegenjtandes die erften Wiflenfchaften, welche zu Maren Wahrheiten gelangten. Diefer Gang der Analyſis der Wirklichkeit war vor dem Eintreten der Griechen in den Zufammenhang des Erkennen? jchon eingejchlagen, nun kam ihm die Eigenthümlichkeit des griechijchen Geiftes entgegen. Anſchauungskraft und Formſinn bildeten die außzeichnenden Eigenthümlichkeiten dieſes Geiftes; dies zeigt fich 182 Zweites Buch. GErfier Abſchnitt. höchft auffallend in dem anſchaulich Haren und folgerichtigen Bilde des Weltall, das bereit? die homeriſchen Epen enthalten. So löfte nun die beginnende griechiiche Wiſſenſchaft, insbeſondere in der pythagoreiſchen Schule, die Unterſuchung der räumlichen und BahleneVerhäftniffe ganz los von den praktiſchen Aufgaben und unterfuchte diefelben ohne jede Rüdficht auf Anwendbarkeit. Entjprechend ging die beginnende Aftronomie von der Kon⸗ ftruftion der Weltkugel aus und begann Linien auf ihr zu ziehen. Mathematik, indbejondere Geometrie ſowie dejkriptive Aftronomie, in einem fpäteren Zeitraum binzutretend Logik, ala Theorien, welche gewiflermaßen in der Region reiner und angewandter Yormen anfchauend verweilen, bilden die vollfommenften intelleftuellen Leiftungen des griechilchen Geiſtes. Fünftes Kapitel. Charalter ber älteften griechiichen Wiſſenſchaft. Hundert Jahre diejer fortjchreitenden Entwidlung der grie- chiſchen Wiſſenſchaft verfloflen, bevor dieje Phyfifer die Natur der erften Urſachen, aus denen fie den Kosmos ableiteten, einer ftrengeren und allgemeineren Betrachtung unterwarfen. Und dies war doch die Bedingung für die Entftehung einer abgefonderten Wiſſenſchaft der Metaphyſik. Finden wir Thales im erften Drittel des fechiten Jahrhunderts auf der Höhe feiner Thätigkeit, jo reichen Leben und Wirkjamteit des Heraflit und Parmenides, welche diefen Yortjchritt machten, eine geraume Beit in das fünfte Sahrhundert hinein. Diefe Hundert Jahre hindurch fteht die fortichreitende Orien- tirung im Weltall durch die Hilfemittel von Mathematif und Aftronomie im Vordergrund der Intereſſen; an fie fchließen fich Berfuche, einen Anfangazuftand und Realgrund defjelben feit- zuftellen. Das umblidende Auge des Menjchen findet fich, zumal wo die See weite Ausficht gewährt, auf einer im Kreis des Horizontes fich abichließenden Ebene, über welcher die Halbkugel des Die ältefte griech. Wiſſenſchaft geht von ber Orientirung im Weltraum aus. 183 Himmel fi wölbt. Geographiiche Kunde beftimmt die Aus- dehnung dieſes Erdkreiſes und die Vertheilung von Wafler und Sand auf demſelben. Schon gemäß einer Anfchauung der auf der See heimiſchen Griechen homeriſcher Zeit wurde mın ala Die Geburtaftätte von Allem das Wafler, das Meer angejehen. — Hier müpfte Thales an. Der die Erdſcheibe umfließende Okeanos Homers debnte ſich in feiner Anſchauung aus: auf dem Wafler ſchwimmt dieſe Erdjcheibe, aus ihm ift Alles herborgetreten. Bor Allem wurde dad Werk der Orientirung in diefem kosmiſchen Raume von Thales gefördert, und hier lag der wejenhafte Kern deſſen, was geichah. Anaximander ſetzte dieſes Werk fort, entivar] eine Grötafel, führte den Gebrauch des Gnomon ein, welcher zu jener Zeit da3 wichtigfte Hilfsmittel der Aftronomie war. Von dem Zuftande einer allgemeinen Fluth, in deſſen Annahme er mit Thales überein- ftimmte, ging er auf ein zeitlich diefem Zuftande vorausgehendes Un- endliches zurüd; aus ihm hat fich alles Beftimmte und Begrenzte ausgeichieden, und, unvergänglich, umfaßt es Dieje Alles räum⸗ lich und lenkt es. Und zwar bat er nach gutem Zeugniß dieſes Unendlicde, Alllebendige, Unfterblihe ala Prinzip !) bezeichnet, und jo biefen dem metaphufiichen Denken jo wichtigen Ausdruck (zunächſt wol im Sinne von Anfang und Urſache) eingeführt. Diefer Ausdruck bezeichnete, daß nunmehr dad Erkennen feiner Aufgabe fi) bewußt war, und daher fich die Wiſſenſchaft abfonderte. Die Phänomene ber bewegten Atmojphäre enthalten auch für die weiteren kosmobogiſchen Verſuche der joniichen Phy- filer die Mittel der Erklärung. Wie in diejer feuchter Niederfchlag, Wärme, bewegte Luft miteinander verbunden find, jcheint für dieſe primitiven Erklärungsverfuche bald aus der Luft Alles bervor- zutreten, bald aus dem Feuer, bald aus dem Wafler. Auch die Wiflenichaft der unteritaliichen Kolonien, welche in dem Berbande der Pythagoreer gepflegt wurde, hatte ihren Ausgangspunkt, ihr weſenhaftes Intereſſe und ihre Be— 1) aexn. Simplic. in phys. f. 6r 36-54. — Hippolyt. Refut. haer. 1, 6. — Auf Theophraft zurüdgehend, vgl. Diels doxographi 183, 476; Zeller 14 208. 184. Zweites Bud. Erſter Abſchnitt. deutung für die intellektuelle Entwidlung in der fortichreitenden Orientirung innerhalb des Weltraums, mit den Hilfsmitteln der Mathematit und der Aftronomie. In dieſer Schule entwickelte fih eine von dem Zweck der Benukung losgelöſte Betrachtung der Berhältniffe von Zahlen, von Raumgebilden, ſonach reine mathematifche Wiſſenſchaft. Ja ihre Unterfuchungen Hatten bereits die Beziehungen zwiſchen Zahlen und Raumgrößen zum Gegen ftande, jo entitand ihnen die dee des Srrationalen auf dem Ge- biete der Diathematil. Auch ihr Schema de Kosmos War aftronomiih: in der Mitte der Welt das Begrenzende, Ges ftaltende, welches ihnen im ſchönſten griechiichen Geifte das Göft- liche ift,; indem es das Grenzenlofe an fich zieht, entfteht Die zahlenmäßige Ordnung des Kosmos. Alle dieje Erklärungen des Weltganzen, ob fie gleich als Er- Märungen an der allmäligen Auflöjung des mythiſchen Vorftellend arbeiteten, waren noch mit einem ſehr erheblichen Beſtand— theil von mythiſchem Glauben vermiſcht. Das Prinzip, aus welchem dieje eriten Yorjcher ableiteten, hatte noch viele Eigen- Ichaften des mythilchen Zuſammenhangs. Es enthielt in fich eine den mythiſchen Kräften verwandte Bildungakraft, Fähigkeit der Um- wandlung, Zwedmäßigfeit, gleichfam die Fußſpuren der Götter in feinem Wirken. So war es auch mit einem von diefen Phyfilern feftgehaltenen mythiſchen Götterglauben in für und kaum fichtbaren Wurzeln verjchlungen. Die Ueberzeugung des Thales, daß das Weltall von Gottheiten erfüllt ſei, darf nicht in einen modernen Pantheismus umgedeutet werden. Der mythiſche Glaube des Anari= mander läßt alle Dinge durch ihren Untergang für dad Unrecht ihres Sonderdajeind Buße und Strafe leiden, gemäß der Ordnung der Zeit. Keine andere Lehre kann bem Pythagoras fo ficher zu⸗ gejchrieben werden, als die von der Seelenwanderung, und der von ihm geftiftete Verband hing am Apollokultus und an religiöfen Riten mit fonjervativer Feſtigkeit. Vorftellungen des Vollkommnen beftimmen das kosmiſche Bild der unteritalifchen Schulen. Und zwar tritt hier der für den griechiichen Geift jo bezeichnende Gedanke hervor, daß das Begrenzte das Göttliche jei — twogegen man den Fortbeſtand mythiſcher Elemente. Der weltgeichichtliche Fortichritt. 185 Satz Spinoza's Halte: omnis determinatio est negatio. So ift dieje alterthumliche Weltanficht keineswegs, wie feit Schleiermacher oft gefchieht, einfach auf eine primitive Yorm des Pantheismus zurüdguführen. So langſam, allmälig bat, auch nachdem eine erflärende Wiſſenſchaft fich losgerungen hatte, dieje die Macht der mythiſchen Erllärungsgründe, des mythiſchen Zuſammenhangs zerjebt. In ſo harter Arbeit hat ſich aus der erſten Gebundenheit des geiſtigen Geſammtlebens, in welcher dem Menſchen die Wirklich- feit gegeben ift und immer gegeben bleibt, der Zweckzuſammenhang des Erkennens in der Wiſſenſchaft zur Selbftändigfeit herausgearbeitet. Sp ſchwierig war diefer Willenfchaft der Erſatz der urjprünglichen Borftellungen durch ſolche von einer größeren Angemeſſenheit an ihren Gegenftand. Denn der Zuſammenhang der Dinge ift urſprüng⸗ lich von der Totalität der Gemüthskräfte hervorgebracht worden; nur ſchrittweiſe hat dann das Erkennen das rein Gedanlenmäßige aus ihm herausgelöſt. Leben ift das Erfte und immer Gegenmwärtige, die Abftraktionen des Erkennens find das zweite und beziehen fich nur auf ba8 Leben. So entipringen wichtige Grundzüge des alterthHümlichen Dentend. Es beginnt nicht mit dem Relativen, fondern mit dem Abfoluten, und zwar faßt es daſſelbe mit den Beftimmungen auf, weldde aus dem religiöfen Erlebniß ſtammen; dag MWirkliche ift ihm ein Lebendiges; der Zuſammenhang der Er- jcheinungen ift ihm ein Pſychiſches oder doch ein dem Piychiichen Analoge2. Dennoch bat die menjchliche Intelligenz zu feiner Zeit einen größeren Yortjchritt gemacht, ala in dem Jahrhundert, das nun⸗ mehr abgelaufen war, ald Heraflit und dann Parmenides auftraten. Die Willenfchaft war nun vorhanden. Die Phänomene wurden in ihrer Regelmäßigfeit und ihrem Zuſammenhang überwiegend aus natürlichen Urfachen abgeleitet. Das Korrelat der nun ein- getretenen Selbftänbigkeit der griechiichen Wiflenfchaft ift der Aus⸗ drud: Kosmos. Er wird von den Alten auf Pythagoras zurück⸗ geführt: „Pythagoras zuerft nannte das Weltall Kosmos, wegen 186 Zweites Buch. Erſter Abſchnitt. der in ihm berrichenden Ordnung.” ') Dieſes Wort ift gleichlam der Spiegel der in die gedankenmäßige Regelmäßigfeit und den harmoniſchen Zufammenhang der Verhältniffe und Bervegungen des Weltalls vertieften griechiichen Intelligenz, Im ihm ſpricht fih der äftbetiiche Charakter des griechiichen Geiſtes jo urjprünglich und tief auß, ala in den Körpern, welche Phidiad und Prariteles bildeten. Nun wird nicht mehr in der Natur die Spur eines will- fürlichen, eingreifenden Gottes verfolgt; die Götter walten in dem Ichönen, regelmäßigen Yormenzufammenbang des Kosmos. In demfelben Sinne werden von der durch den Gedanken zu regel- mäßig wirkenden Yormen geordneten Gelellichaft auf die Ver⸗ hältniffe des MWeltall3 die Augdrüde Gejet und vernünftige Rede übertragen ?). Aber die Art und Weiſe der Ableitung von Phä— nomenen, wie fie in dieſer Wifienfchaft vom Weltall beftand, fonnte den fortjchreitenden Anforderungen des Er— fennen® nit genügen. Wird irgend einem Beftandtbeil des Naturganzen Leben, Fähigkeit, fi) in andere Beltandtheile umzuwandeln, ſich außzudehnen und zujammenzuziehen , zu⸗ gejchrieben , aladann ift es gleichgültig, von welchem dieſer Beitandtheile die Erklärung ausgeht; denn Alles kann jo aus Allen abgeleitet werden. Und hatten nicht diefe Phyfiker wech⸗ jelnd, aber mit gleicher Leichtigkeit, von Waller, Teuer. Luft aus die anderen Theile de Naturzufammenhangd durch Um— wandlung erklärt? In Heraklit enttwidelt die Spekulation dieje Anschauung einer inmeren Wandlungsfähigkeit ala der allgemeinen Gigenichaft jedes Zuftandes im Weltall; in Parmenides ftellt fie diefem endlofen Wechſel die Anforderungen de Gedankens gegenüber. So entiprang Metaphyſik im engeren Berftande. — 1) Ps. Plutarch, de plac. II, 1. Stob. ecl. I, 21 p. 450 Heer. — Diels 327. 2) vouos. Aöyog. D. allgemeinft. Eigenichaft. e. Prinzips werden Gegenft. d. Nachdenkens. 187 Bweiter Abſchnitt. Metaphyſiſthes Itadinm in der Entwicklung der alten Jälker. Erſtes Rapitel. Verſchiedene metaphufiiche Standpunkte werden erprobt und er weiſen fih als zur Zeit nicht entwidinngsfähig. In dem Zweckzuſanmenhang der Erkenntniß wird eine neue Stufe erreicht; der fortichreitende Geift ſucht, in der Generation des Herallit und Parmenides, die allgemeine Beichaffenheit des Zuſammenhangs im Kosmos fowie die eine Prinzips dieſes Zu⸗ ſammenhangs zu beftimmen. Er entwickelt die Eigenfchaften eines Prinzip, die es zur Erflärung von Naturphänomenen benutzbar machen. Dies ſetzt voraus, daß er fi) nunmehr feine bisherigen Berfuche, die Erjcheinungen des Kosmos abzuleiten, gegenftänd- lich mad. Ein Jahrhundert Hindurch Hatte die neuentftandene Wiflen- ſchaft vermittelft der Anichauungen von Umwandlung und Be— wegung die Phänomene der Außenwelt zu verbinden und zu er⸗ Hären geſucht. Sie Hatte Hierzu den Begriff des Prinzips ausgebildet, d. h. eines Erften, welches zeitlicher Anfangazuftand ‘und erfte Urfache der Phänomene ift, und von welchem diejelben abgeleitet werden Tönnen. Diefer Begriff war der Ausdruck des Willen? der Erkenntniß felber. Viele Urjachen drängten nunmehr zum Nachdenken über die allgemeinften Eigenjchaften eines ſolchen Prinzips, überhaupt aber des Weltzufammen- hangs: der Wechſel in den Prinzipien, die Unmöglichkeit eines diefer Prinzipien zu beiveifen, die Schwierigkeiten in der Anjchauung von Umwandlung, welche dem biäherigen Verfahren zu Grunde gelegen Hatte, bie nicht minder großen Schwierigkeiten in den einzelnen DBorftellungen, wie fie eine ſolche Erklärung zu ihrer Verwendung hatte. Wir nennen dad Nachdenken, welches folcher- geftalt einzelne Erklärungen zur Vorausſetzung bat und die all⸗ 188 Zweites Buch. Zweiter Abfchnitt. gemeinen Beftimmungen eines jeden aufftellbaren Weltzufammen- hangs ableitet, ein metaphyſiſches. Diez metaphufiiche Nachdenken zergliederte an der Außentvelt den Zuſammenhang der Wirklichkeit. Wol war dieſer Zuſammen⸗ hang in letzter Inſtanz im Bewußtſein begründet, er bildete mit der geſchichtlichen Welt erſt das Ganze der Wirklichkeit, jedoch hat das metaphyfiſche Denken der Griechen dieſen Zuſammenhang an dem Studium der Außenwelt aufgefaßt. Dies hatte zur Folge, daß die metaphyſiſchen Begriffe an die räumliche Anſchauung gebunden blieben. Das vernunftmäßig bildende Prinzip war ſchon den Pythagoreern ein Begrenzendes, es hat bei den Eleaten und Plato einen analogen Charakter. Die Erklärung des Kosmos löſte Alles, bis in den höchſten Begriff, zu welchem der griechiſche Geiſt gelangte, den des unbewegten Bewegers, in Bewegungen und Erſcheinungen im Raume auf. Vermögen wir nun das innere Geſetz auszudrucken, welches in dieſem Stadium von Erkenntniß der Zergliederung des Zuſammenhangs von Wirklichkeit die Richtung gab? — Die Melt zeigte zunächſt dem beginnenden wiſſenſchaftlichen Denken eine Vielheit einzelner Dinge, in Thun und Xeiden veränderlich verbunden, im Raume beweglich, wachjend und abnehmend, ja entflehend und vergehend. Die Hellenen, dies bemerkte einer der neu auftretenden Metaphyſiker, ſprachen irrthümlich von Entſtehen und Vergehen. In der That beweilt ſchon die Sprache, daß diefe Vorftellungen die einfache Naturauffaffung be- berrichten. Wolken jcheinen fich zu bilden und in der Luft zu zergehen, jo die einzelnen Dinge. Selbit die Götter des griechiichen Mythog waren in der Zeit entftanden. — Das abgelaufene Jahr⸗ Hundert griechifcher Willenfchaft hatte nun durch die Vorſtellung eines eriten bildungskräftigen Stoffe® und feiner Umtvandlungen, in Unteritalien durch den Gegenſatz der begrenzenden, bildenden Kraft und des Unbegrenzten, einen Zuſammenhang unter diefen Anfchauungen hergeftellt. Wir können die intellektuelle Verfaffung eines gebildeten Griechen jener Tage, weldder an den Göttern zu zweifeln begann und fi) nun in diefem Wirbel der Stoffummand- Tas Erkennen ift auf die Subftanz und das höchſte Gut gerichtet. 189 lungen jah, Schwer nachfühlen. Denn Religion und pofitive Wiſſenſchaft geben einem heutigen Menfchen fefte Anhaltspunkte für feine Weltvorftellung. In dem Spiel ber Phänomene befaß ein Grieche jener Zeit nunmehr feinen feften Punkt. Weber bie mythiſche Religion konnte ihm einen ſolchen gewähren, noch bejtand- pofitive Wiflenichaft, welche ihm Haltpunfte barbieten konnte. — Nun wird der Menſch jeder Beit inne, daß feine Handlungen und Buftände in feinem Ich gegründet find. Er kann ſich nicht vor⸗ ftellen, daß dies Ih Zuſtand oder Thun von etwas fei, daB inter dem Ich liege. Das ift fein Lebensgefühl. Und das Andere, das Außen, welches er feinem Willen gegenüber findet, it ihm ebenfo in allen Veränderungen Zuftand und Weußerung einer Unterlage, welche nicht jelber wieder Zuftand oder Thun von etwas Binter ihr ift. Gleichviel ob dieſe jelbftändige Unterlage an dem einzelnen Ding gefunden wird oder an der Einen Spinozifti- ſchen Subftanz oder an den Atomen: da8 Außen, das uns im Selbitberwußtfein gegeben ift, bat unweigerlich diejen Charalter. Definiren wir Subftanz ala das, was Subjiekt für alle prädifativischen Beſtimmungen, Unterlage für alle Zuftände und Thätigkeiten ift, jo blickt der Menſch fozufagen durch ben Wirbel und dad Farbenſpiel der Phänomene in das Subitanziale, was dahinter iſt; er kann nicht andere. Auch die Vorftellung des Wirkens, der Begriff der Kaufalität wird diefem Subftanzialen untergeordnet. Und in fih, in dem Wechſel jeiner Antriebe, Regungen, Zwede muß er ebenfall3 nach einem feften Punkte ſuchen, der fein Handeln regele. So find in ihm und in dem, was außer ihm feiner Perfon gegenübertritt, dies die beiden feiten Punkte, welche die natürlichen Ziele jeines Nachdenkens bilden: die fubftanziale Unterlage des Außen und in feinem Handeln der Zweck, der nicht Mittel ift, das höchfte Gut feine Willen?. | Diejer Thatbeitand erklärt, warum für die Philojopbie der Alten da8 wahrhafte Sein und das höchſte Gut die beiden centralen ragen bilden. Dieſe Fragen find nicht abgeleitet. Nicht die fubjeltive Feſtigkeit der Ausſage, die Nothwendigkeit der Ge— 190 Zweites Buch. Zweiter Abichnitt. danken ift e8, was das menjchliche Erkennen zuerft jucht. Dieje Feftigfeit des Ausſagens tft jozujagen die Jubjeftive, logiſche Seite der objektiven Feſtigkeit des Zweckes in uns felber, der Subftanz außer und. Dies zeigt fich gefchichtlich darin, daB erſt die Un- fiherheit und der Zweifel, welche die Denkgewißheit ftören, bie Trage nach dem logiſchen Zuſammenhang von Grund und Tolge, nach dem Grunde, der in fich feſt ift, bervorgetrieben haben. - Und zwar ringt fi in dem Borgang, den wir munmehr darzuftellen haben, da8 Erkennen der Weltfubftanz auch jebt no dh nicht los von dem Zuſammenhang, welcher vordem in der Totalität der menſchlichen Gemüthaträfte das Erkennen gleichſam gebunden hielt. Die Götter hatten in der Welt der joniſchen Phyſiker ſowie der Pythagoreer noch Plaß gefunden. Indem nun der Zujammenhang des Kosmos nach feinen allgemeinften Eigen- Ichaften beftimmt wurde, fand ſich in demfelben für fie im Grunde feine Stelle mehr. Xenophanes, Heraflit, Parmenides, Anaxagoras, die leitenden Geifter der neuen Zeit, entwidelten einen Welt⸗ zuſammenhang, welcher durch das are Bewußtſein ſeines all⸗ gemeinen Charakters, feines alle Phänomene einſchließenden Um- fangs gleichfam da8 ganze Terrain der Wirklichkeit oecupirte. Das war in der Welt des Anarimander oder Pythagoras noch nicht der Tall geweien. Auch war ed für die jo eintretende Wer änderung gleichgiltig, daß die Götter in dem perjönlichen Be- dürfniß des einen oder anderen diefer Männer noch fortbeftanden, wie dies 3. DB. augenjcheinlich bei Xenophanes der Fall war. Aber was war nun die Folge diejer Veränderung für bie meta- pbnfilche Conception der Weltordnung? Der ganze Inbegriff der höheren Gefühle, das religiöje Leben, das fittliche Bewußtſein, das Gefühl der Schönheit und des unendlichen Werthes der Welt waren mın in diefem Weltzufammenhang jelber gegenwärtig. Alle Eigenichaften, welche da3 religiöje und fittliche Leben den Göttern zugefchrieben Hatte, fielen nun in diefe kosmiſche Ordnung. Das höchſte Gut felber, ber Zweck, der fein Mittel mehr ift, wurden auf ihn zurückgeführt. So lag in dieſem bie Erſcheinungen Zu⸗ fammenbaltenden das Vollkommne, Gute, Schöne, dem Unzu⸗ Kenophaned. Heraklit. 191 reichenden der Wirklichfeit gegenüber das Vollendete, ihrer Unreife gegenüber das Feſte und innen Selige. Xenophanes beftimmt dag Eine Sein, das ihm dieſer Zuſammen⸗ hang ift, theologiſch. Das Geſetz, das nach Heraflit im Fluß ber Erſcheinungen herrſcht, ift nicht nur durch die Gegenſätze oder den Meg aufwärts und abwärts beftimmt, fondern es Hat einen tief religiöfen Hintergrund. Der Beginn des Parmenideiichen Lehr- gedichts kündigt in alterthümlicher Erhabenheit eine mit dem reli- giöjen Glauben zufammenhängende Wahrheit an. Die Pylhagoreer zeigen denſelben Charalter. So entſpricht es dem Zuſammenhang der intelleltuellen Ent⸗ wicklung ſowie dem Geiſte dieſer alterthümlichen Zeit, daß bie tiefere Befinnung über das Prinzip des Kosmos aus dem reli— giöſen Leben kam und dem entſprechend ſich als Anforderung an den Gedanken der Gottheit geltend machte. — In der pytha— goreiſchen Schule war die Trennung zwiſchen dem in der Wahrnehmung Gegebenen und einer metaphyſiſchen Weltordnung vorbereitet. Der Kosmos wurde in zwei Erklärungsgründe in Be⸗ zug auf jeinen Urfprung zerlegt; dem Unbegrenzten trat das, was Geftalt ift und geftaltet, gegenüber, das Prinzip der Form; dieſes wurde von den Pythagoreern mathematiich gefaßt, in den Bes ziehungen zwiſchen Zahl und Raumgröße dargeitellt, in die reale Melt der Töne ſowie in die harmoniſchen Verhältniffe der kosmiſchen Maſſen verfolgt. — Kenophanes erwies aus bem religidjen Be⸗ wußtſein das Prinzip des Einen Seind. Die Borftellung vom Tode ber Götter ift unfromm; was aber in der Beit entftanden ift, das ift auch vergänglich; daher ift der Gottheit ewiger und unver⸗ änbderlicher Beſtand zugufchreiben. Ebenjo ift mit dem Bewußtſein von der Macht und Vollkommenheit der Gottheit eine Mehrheit von Göttern nicht verträglich; die ewige Gottheit ift alfo Eine. So ift in Xenophane mit der Befinnung über die Eigenfchaften des Prinzips des MWeltalld der Beginn einer durchgreifenden Polemik gegen das mythiſche Vorftellen verbunden, das eine Vielheit von Göttern annimmt, die geboren werden und fterben; er bereit? 192 Zweites Buch. Zweiter Abichnitt. durchſchaut das Anthropomorphiftiiche im Götterglauben und deſſen Unhaltbarkeit. Die ſtrengere Entwicklung dieſes Prinzips des All⸗Einen ſcheint dadurch gefördert worden zu ſein, daß Heraklit aus der Naturanſchauung der joniſchen Phyſiker, abſchließend, ala die Grund⸗ lage derſelben die Formel von der allgemeinen Wandelbarkeit ab⸗ leitete. — Das Bewußtſein des Unterſchieds des ihm aufgehenden metaphyſiſchen Bewußtſeins von aller bisherigen Forſchung er⸗ füllt ihn mit herbem Stolz und vernichtender Kritik. Dieſes metaphyſiſche Bewußtſein bezieht ſich nach der tiefen Einficht des Heraflit gerade auf dad, was den Menichen beftändig umıgiebt, was er beftändig hört und fieht: während der gewöhnliche Zu⸗ ftand des Menichen ift, da und doch nicht dabei zu fein, faßt dieje metaphufiiche Befonnenheit eben da8 überall Wiederfehrende in wachen Bewußtjein auf und ſpricht eg aus. Und jo tritt fie wie zu dem vulgären Dabinleben, das dem Schlaf gleicht, aud) zu der Empirie in Gegenſatz, welche fich in einzelner Kunde und Orientirung über den Kosmos audbreitet, und Die doch den Sinn nicht belehrt, zu der falſchen Kunft, deren Typen ihm Pythagoras, Xenophanes, Hekatäos unter feinen Beitgenoffen und Vorgängern find. — Diefem metaphufiichen Bewußtjein geht nun das Welt- geſetz der Abwandlung auf, welches an jedem Punkte des AU gleichmäßig wirkſam if. Das fi) abwandelnde All-Eine ift nicht nur als dafjelbe in den Gegenſätzen gegenwärtig, in jeder ein⸗ zelnen Ericheinung jelber ift jchon ihr Gegenfa enthalten, in unfrem Leben ift der Tod, in unfrem Tod das Leben. — In diefen Gedanken, die alles Sein auflöfen, lag dann der Grund für Die Abwendung Heraklits von der pofitiven Wiflenichaft der Seit. Heraklit Hat auch feine Phyſik dem Grundgedanken der Abwand⸗ lung unterivorfen, und er hat ſelbſt die Sonne in jeine Rhythmik de3 Umſatzes Bineingezogen: täglich jollte fie neu entftehen. Diefer Gedanke, welchem gemäß Konftanz nur in dem Gele der Veränderungen beitebt, enthielt zweifellos einen wichtigen Ans ſatzpunkt wahrer Ginfichten; aber in der damaligen Lage ber Wiſſenſchaften mußte Herallit dem Gedanken wie den Thatjachen Parmenides. 193 Gewalt anthun, und feine Schule, die Geſellſchaft der, Fließenden“, verfiel naturgemäß dem Skepticismus. Denn befteht nur ber Fluß der Dinge d. 5. der Umſatz eine Zuftandes ber Materie in den andern, fällt jonach die Konſtanz nur in das Gejeh dieſes Umſatzes: aladann fann ein Prinzip, welches’ Träger diejer Um⸗ jagbeiwegung wäre, nicht unterjchieden werden. Wenn aljo Hera- fit auch nur ſymboliſch das euer ala ein ſolches Prinzip be- zeichnete, jo verfiel jein Syſtem damit dem inneren Widerſpruch. Auch wurden ferner die regelmäßigen und fonftanten Kreisbe⸗ wegungen der Geftirne einer Erklärung aus dem Prinzip ber Umwandlung unterivorfen, und hierbei mußte fich zeigen, dab bie ftätige, unveränderliche Urjache, welche fie fordern, mit der Rhythmik der Umſätze in Widerſpruch fteht. So gerieth Heraflit mit den aftronomilchen Vorftellungen feiner Zeit nothwendig in Streit; jo gelangte er zu jeinen eigenen, paradoren aftronomilchen . Behauptungen, die nur als ein Rüdjchritt gedeutet werden können. An dem Gegenfat gegen die Formeln de Heraklit bat wahr- ſcheinlich Parmenides den Gedanken des Xenophanes zu voller metapbufilcher Klarheit entwickelt. Er arbeitet, wie Heraflit, fich den Gehalt der Weltvorjtellung tiefer bewußt zu machen. Auch er will nicht mehr in erſter Linie fich im Weltall orientiren oder den thatſächlichen Zufammenhang der Bewegungen feiner großen Maſſen feſtſtellen. Wol war Parmenides der erfte, der die große Entdedung von der Kugelgeftalt der Erde ala Schriftfteller vertrat, wern er auch nicht ala der Entdeder felber bezeichnet werden Tann; denn es ift nicht ausgeſchlofſen, daß er diefe in der Aftronomie epochemachende Einficht in feiner unteritalifchen Heimath fchon bei den Pythagoreern vorfand. Aber der Anfang feines Lehrgedichts zeigt, daß eine metaphufiiche Befinnung über die allgemeinften Eigenjchaften de Weltzufammenhangd auch ibm als die große Aufgabe feines Lebens erichien. Derſelbe Anfang macht zugleih fichtbar, daß diefer Weltzufammenbang für ihn allen religidjen Tieffinn des mythiſchen Zeitalters in ſich ſchloß, ganz wie bie auch bei Heraflit der Yall war. Aller Glanz der müthiichen Welt, der Sitz der Gottbeiten und Diltbey, Einleitung. 194 Zweites Buch. Zweiter Abſchnitt. ihre ftrahlenden Geftalten find nun in dieſe metaphufiiche Welt zufammengegangen. So ift ed auch ein göftlicher Mund, der an diejem Beginne feine® Gedicht? den ganzen Gegenjat von Wahr- Heit und Irrthum in folgenden Eäßen zufammenfaßt: dad Seiende iſt, dag Nichtfeiende tft nicht; der Irrthum ift in der entgegen- geſetzten Annahme begründet, daß das Nichtjeiende Exiſtenz habe, daß das Sein nicht beitehe. Die Fragmente find nicht augreichend, den genauen Sinn Teftzuftellen, welchen feine Erläuterung und Begründung dieſes feines Hauptfaßes gehabt hat!). Es ift zweifellos, daß er diejen Sat dadurch begründete, daß dag Sein nicht von dem Denken getrennt zu tverden vermag; das Nichtleiende kann weder erkannt noch ausgeſprochen werden. Dieje Berweisführung enthält augen Icheinlich in fi), daß das Vorftellen, in welchem die Wirklichkeit gegenwärtig ift, nicht mehr übrig bleibt, jobald man die in ihm gegebene Wirklichkeit aufhebt. Doc) ift ein ſolcher moderner Aus» druc freilich in Gefahr, nicht den einfachen und ganzen Sinn dieſes alterthümlichen Denken? aufzufaflen. Etwas einfacher und dem Sprachgebrauch des Parmenides näher jagen wir: ift das Sein nicht da (eine abftrafte Bezeichnung für da „ift“, welches die im Vorftellen gegebene Gegenftändlichkeit ausdrüdt), aladann fann ja auch fein Denken vorhanden fein. — Da alſo nichts Anderes außer dem Sein exiftirt, jo ift auch das Denken gar nicht etwas von dem Sein Unterſchiedenes. Denn außer dem Sein ift überhaupt Nichts; es ift gleichjam der Ort, in welchem auch die Ausſage ftattfindet. Denken und Sein find darum daſſelbe. Nicht- ſeiendes ift alfo ein Ungedanke, ein Nonſens in ftrengftem Ber- ftande?). 1) Nach der Beichaffenheit unferer Nachrichten über Parmenides kann die Erörterung feiner hervorragenden Stellung in der Geſchichte ber Meta⸗ phyſik leider nur vermittelft einer Art von fubjeltiver Reproduktion flatt: finden, die fonft nicht geftattet jein würde. 2) So erklärt fih wol der Sinn bes viel discutixten Saßes: ro yap avro vociv koriv re xal eiyaı (bei Mullach fr. phil. graec. I, 118, v. 40), Wenn Zeller (I*, 512) Zaren» lieſt unb überſetzt: „denn dafjelbe kann gedacht werden und fein“, fo wäre vociasaı zu erwarten, dad „Können“ entipricht Parmenides. 195 Dieſe Sätze enthalten allerdings das Denkgeſetz des Wider⸗ ſpruchs in metaphyſiſcher Faffung im Keime; aber ihre Tragweite reicht hierüber Hinaus. In ihnen ift der Befund des Bewußt⸗ ſeinszuſammenhangs, in welchem mit dem Subjekt das Objekt untrennbar verbunden ift und das Objekt den Charakter ſubſtan⸗ tialer Feſtigkeit beſitzt, in unentwickeltem Tiefſinn ausgeſprochen. Und jo find dieſe Sätze einerſeits die zureichende Grund— lage für Wahrheiten, welche nun das griechiſche Denken zu⸗ nächſt den mathematischen Hinzufügte und welche den Webergang von den leßteren zu einer wiflenjchaftlichen Betrachtung des Kos⸗ mos ermöglichten; fie find andrerjeit? in der Dunkelheit, in welcher fie dem Bewußtſein zuerft aufgehen, der Außgangd- punkt für überfpannte Anforderungen des Denkens an die allgemeinften Eigenjchaften des Weltzuſammenhangs. Diele in den oben angegebenen Säben des Parmenides im- plieite enthaltenen Wahrheiten find einfach. Die erſte liegt in der Auffaffung der Eigenichaft unſres Bewußtſeinszuſammen⸗ hangs, welche Ariftotele8 in jeiner Yormel vom Satze des Widerfſpruchs in eine genauer beftimmte und dadurch halt- bar gewordene Geftalt brachte. Die andere liegt in dem phufilchen Sate: es giebt fein Entſtehen und "feinen Unter-= gang!); von dem wahrhaft Seienden ift Entjtehen und Unter- gang auszuſchließen; denn aus dem Nichtleienden kann Sein nicht entitehen, da dafielbe eben nicht ift, da8 Seiende aber würde nichts Anderes als fich felber erzeugen. Auch diefer Sat hat erft Ipäter, zunächft dur) Anatagoras und Demofrit, eine genauer eingeichränfte, Haltbare Geftalt empfangen. Die beiden Sätze, von der Unbeftimmtheit und den Webertreibungen befreit, die ihnen bei aber auch faum bem Gedanken des Parmenides. Ind der Sinn bed Au?: ſpruchs wird fichergeftellt ducch v. 94 zwurov d’Lor) voeiv re xal ouvexev !ors vonue und bie fich anſchließende Begründung. 1) Wir verzeichnen die ältelte Faffung dieſes Gedankens, welcher für die NRaturtifienfchaft jo wichtig wurde, Parmenides v. 77 (bei Mullach fr. phil. graec, I, 121) ros yeveıs utv antaßeoraı zal arıoros Ole$oog. und v. 69 rouvexev ovre yerladaı our’ 0Alvodaı avıjxe dien. 13 * 196 Zweites Bud. Zweiter Abſchnitt. Parmenides anhaften, traten zu den Wahrheiten der Mathematik und ermöglichten jo einen feſten Anſatz für die Erfenntniß der Natur. Jedoch gelangte Parmenides von diefen Wahrheiten, in Folge der unvolllommenen, unbeitimmten Art, in welcher er fie auf: faßte, zu Folgerungen, welche auch diefe Weltanficht unbenußbar für pofitide Forſchung machten und ihr darum fchließlich nur Anwendbarkeit für die Beweizführungen des Skepticismus übrig ließen. Die moderne Raturwiflenichaft, indem fie von der Erhaltung des Stoffe und der Kraft auögeht, verlegt die ganze Beränderlichkeit und Mannigfaltigleit der Prädifate in die Rela- tionen. Parmenides überſpannt die Tragweite des ald Grundſatz des Naturerfennend gültigen ex nihilo nihil fit und Eonftruirt ein ewiges, kontinuirlich im Raume fich erftreddendes, jede Veränderung und Bewegung außfchließendes Sein, in welches ihm alle Voll⸗ fommenheit der göttlichen Weltordnung aufgeht. Er verneint von ihm aus die wirkliche, veränderliche, mannigfaltige Welt, und jo wird ihm dann jelbft ihr Schein unerklärlich. | So hoben denn Barmenides, Zenp, Meliſſus die ganze Melterflärung aus den Angeln, welche die ihnen voraußgegangene phyſiſche Wiſſenſchaft geichaffen Hatte. Diele ältere Phyſik hatte den Kosmos von einem bildenden Prinzip aus, welches eine un⸗ beftimmte Beränderlichkeit in fi) hat, mit den Hilfamitteln der Borftellungen von Bewegung des Stoffes im Raume, qualitativer Veränderuzig, Entſtehung des Vielen aus dem Ginen erklärt. Nun wurden alle Eonftruftiven Brinzipien, mit welchen dieje Phyſik arbeitete, in Frage geftellt. — Was eine Größe hat, ift theilbar; jo gelange ich nie zu dem Einfachen, aus welchem das Zuſammengeſetzte beſteht, wenn ih nicht das Gebiet des Räumlichen verlaffe. Verlaſſe ich aber diejes, jo kann ich aus unräumlih Einfachen nie das Räum- lide zujammenjegen. Entiprechend kann jeder Zwiſchenraum zwilchen zwei räumlichen Größen in's Unendliche getheilt werden. — Andrerfeit? wird jede Raumgröße von einer anderen um— faßt. — Der Weg, den ein bewegter Körper durchläuft, ift in's Unendliche teilbar. Negative Wirkung feiner Schule. Leukipp, Empebocles, Anaragorad. 197 In der That find die Schwierigkeiten, welche dieſe Denter folchergeftalt an dem Raume, der Bewegung, dem Vielen auf- zeigten, innerhalb der Metaphyſik felber unüberwindlich; nur der ertenntnißtheoretiihe Standpunft, weldder auf ben Urſprung der Begriffe zurlidgeht, kann diefe Widerſprüche auflöfen. Er erfennt, wie die Wirklichkeit in der Anjchauung gegeben tft, und wie die unendliche Freiheit des Willens diefe Wirklichkeit beliebig teilen und zufammenjeßen, wie fie vermittelft der Abftraftion dad reale Kontinuum und die Bewegung dur Punkte, durch Zerlegung der Bahn der Bewegung in ſolche Punkte nachbilden kann, ohne damit doch jemals die Realität der Anſchauungsthat⸗ fache jelber zu erreichen. jeden metaphyfiichen Theorem folgt ala jein Schatten ba Bewußtſein des dunklen Reſtes von aus ihm nicht ableitbaren Thatſachen. Heraklit's Werden widerjprach feiner Konception von dem euer ala lebendigem Subftrat, an welchem das Werben baftet; dem Sein des Parmenides widerſprach die veränberliche Welt. Der Yortgang der Metaphyſik ift naturgemäß ber zu immer Ttomplicirteren Annahmen, welche in demjelben Verhältnik geeigneter find, die Thatſachen zu erflären, andrerjeit aber auch eine twachjende Zahl von inneren Schwierigkeiten enthalten. Zweites Rapitel, Anaragoras und die Entftehung der monotheiftiihen Metaphufit in Europa. Neben Zeno und Meliſſus, welche jo von der neu gewonne- nen Grundlage aus ihre vernichtende Dialektik gegen alle Hilfämittel der phyſiſchen Welterflärung richteten, treten Leukipp, Empe- docles, Anaragorad auf, welde auf diefem Boden die phyſiſche Welterflärung umtgeftalteten. In derſelben Generation fteben jene ſteptiſche und diefe fortjchreitende Richtung neben einander. 198 Zweite Bud. Zweiter Abſchnitt. Schon damals bewährte ſich, daß denen in der Wiſſenſchaft die nüt- liche Wirkung gehört, welche nicht ettva die Wahrheit gegenüber dem Irrthum befien, ſondern welche, vom Glauben an die Erkenntniß vorangetrieben, einen neuen Verfuch machen, ſich ihr anzunähern, auch indem fie Vorausſetzungen hierbei verwenden, welche für ben Ber- ftand zur Zeit nicht widerfpruchäfrei ausgebildet werden können. Sp wurden damals Bewegung und leerer Raum zur Erklärung be= nußt, obwohl ohne Zweifel Teiner der Forſcher, weldde von diefen Borftellungen Gebrauch machten, die Schwierigkeiten aus ihnen zu entfernen im Stande war. Denn dies ift der Zweckzuſammen⸗ hang der menſchlichen Wiſſenſchaft: an die Wirklichkeit tritt Ver: ſuch auf Verſuch, fi) ihr anzunähern und ihren Thatbeſtand er- Härbar zu machen ; die vollkommenen überleben die unvolllommenen. So entitand nun damald der neue metaphyfiſche Grundbegriff des Elements, der genauer ausgebildete ded Atom. Die Folgerungen, welche auß ben beiden dargelegten Prinzipien für den Begriff des Seins in der eleatiſchen Schule gezogen wurden, waren über da3 in biefen Prinzipien Gelegene hinaus» gegangen; übergewwaltig waren zuerft die negativen Konſequenzen aufgetreten: die Weltanficht des All-Einen Seienden vernichtete den mannigfaltigen Kosmos. Daher fchritt nun der Wille der Erkenntniß über fie hinweg; Leukipp, Empedocles, Demokrit ver- ſuchten, das Prinzip des Seins der Aufgabe einer Erklärung der veränderlichen, mannigfaltigen Welt anzupaflen. Ihr fundamentaled Theorem ſetzte aljo in Parmenidez ein. Es giebt weder Entftehen noch Vergehen, jondern — fo fahren fie fort — nur Verbindung und Trennung von Maſſen— theilhen vermittelft ber Bewegung im Weltraum. Dies Theorem tritt bei ihnen ganz gleichförmig auf. — Daß es aus der eleatijchen Schule hervorging, kamm nachgewieſen werben !). Zwar können die biftoriichen Bezüge, in welchen dieje Männer 1) Simpl. in phye. f. 7r 6ff. (Diels Doxogr. 488), wol aus Theophraft geichöpft: Aeizunmos BE 6 ’Elsaıns 7 Mıilnosog ... xoıvwrvnoag ITapuevidy ns yıloooplas or rn9 ausyv EBadıoe IInpuevidn xal Bevompaveı reg) rov Övroy cdoV. Die Theoretiler der Maſſentheilchen. 199 augenfcheinlich unter einander ftanden, nicht mehr feftgeftellt werben. Auch kennen wir leider nicht die Art von Argumentation, vermöge deren Leufipp, Empedocles, Anaragorad, Demokrit ihre Theorie der unveränderlichen Mafjentheilcden gegenüber dem Einen elenti- ſchen Sein gerechtfertigt haben. Wie dem fei, num wurde im Aufbau der europäiichen Metaphyſik von dem Begriff des Seienden aus Eine von den mehreren vorhandenen Möglichkeiten entwidelt und zwar die nächitliegende: Zerichlagung der Wirklichkeit in Elemente, welche einerjeit3 den Anforderungen de Denken? an unveränberliche Anhaltspunkte feiner Rechnung genugthaten, andrer- feit3 eine Erklärung von Veränderung, Vielheit und Bewegung nicht ausfchloffen. Damit vollzog fich ein bedeutender Fortſchritt. An die Stelle einer in unbeftimmter Umwandlung wirkſamen Kraft oder der Beziehung einer ſolchen auf einen grenzenlojen Stoff (Pytha⸗ goreer) traten fich jelbft gleiche, unveränderliche Elemente. Aus jener Kraft konnte Alles erklärt werden, diefe Elemente ermög- lichten eine Klare, überfichtliche Rechnung in der Welterflärung. Damit tritt in die Erklärung des Kosmos eine neue Art von Begriffen. Solche waren dad Atom des Leukipp, die Samen der Dinge des Anaragoras, die Elemente des Empebocles jowie die mathematischen Yiguren, aus denen Plato die Körper- welt Yonftruirte. Die erfte Urſache ala Erflärungsgrund (aexı/) war eine metaphyſiſche Kategorie, welche der ganzen Wirklichkeit ala in ihr gleichmäßig überall gegebener Theilinhalt untergelegt werden konnte. Der Begriff des Element? oder Maſſentheilchens (Atoms) ift an der äußeren Natur entiwidelt worden und bat, vermöge feines Merkmal ftarrer Unveränderlichkeit, nur für fie Geltung. Auch ift er nicht ein Beftandtheil der Naturwirk- lichleit d. h. ein in ihr enthaltener einfacher Begriff; ſolche find Bewegung, Geſchwindigkeit, Kraft, Maſſe. Vielmehr ift er eine konſtruktive Schöpfung zur Grllärung von Naturer- cheinungen, ganz wie der Begriff der platonijchen dee. indem der Begriff bes Element? ala metaphyſiſche Realität auftrat und behandelt wurde, entjtanden Schwierigkeiten, welche unter diefen Bedingungen unüberwindlich waren. — 200 Zweites Buch. Zweiter Abſchnitt. Eine ſolche Schwierigkeit lag in der ſchon Leukipp zugeſchriebenen Annahme, neben dem Seienden komme auch Exiſtenz dem Nichtſeienden zu d. h. dem leeren Raume. Und doch war ohne dieſe Annahme Bewegung nicht möglich. Anaxagoras leugnet, ja bekämpft den leeren Raum)), aber er vermag dann freilich das Ausweichen feiner Mafjentheilchen nicht zu erklären. — Eine weitere Schwierigkeit lag in der Annahme der Untheilbarkeit von Heinen Körpern, dergleichen die Atomiften lehrten. SHiergegen richtete, wie es jcheint, Anaxagoras feine tieffinnige Lehre von’ der Relativität der Größe?). — Endlich lag eine Schwierigkeit in der Unerflärbarfeit der qualitativen Beränderung aus Atomen; ihr gegenüber entwickelte Anaragoras eine jehr zufammengejeßte Theorie, und an diefem Punkte bemerkt man, welche Bedeutung für die Hortentiwidlung der Atomiſtik das Auftreten des Protagorad hatte. Denn Protagoras fteht zwiſchen Leulipp und Anaxagoras einerfeits und der Vollendung des atomiftichen Syſtems andrerfeitd. Seine Theorie der Sinneswahrnehmung ermöglichte erſt die wiſſenſchaft⸗ lich begründete Ablöfung der Vorftellungen des Qualitativen von den Atomen, und daß fich Demokrit, vielleicht in einer befonderen Schrift, mit Protagorad audeinandergefebt habe, wird ausdrück⸗ lich überliefert). — Die Atomtheorie des Demokrit, von jo viel Schwierigkeiten umgeben, durch Protagorad mit der Stepfi3 ver- bunden, erhielt durch Metrodor und Naufiphanes eine noch ſtep⸗ tiihere Haltung; jo gelangte fie durch Naufiphanes zu Epikur ®); jie erhielt fih, allen Schwierigkeiten troßend, weil fie, wie ber weitere Verlauf zeigen wird, ein berechtigter Beftandtheil der Na— turerflärung ift. War jchon der Begriff von Maflentheilchen ein konſtruktiver — oo — — 1) Ariſt. Phys. IV, 6. 2) Simpl. in phys. f. 35r. (Mullach I, 251 fr. 15). Dazu vgl. ben einleuchtenden Nachweis Zeller’8, Anaragorad habe in feiner Schrift fich auf Leukipp polemiſch bezogen (I*, 920 }). 8) Plut. adv. Colot. c. 4. p. 11094. Dal. Sert. Empir. adv. Math. VII, 389. 4) Zeller ba. 857 ff. Der Charakter des Anaragorad und feine Leiftung. 201 metapbufifcher Begriff: jo entitand für dieſe Theoretifer ber Maſſentheilchen nun das konftruftive Problem, ob aus ihnen allein der Kosmos erllärt werden Türme. An diefem Punkte der Entwidlung, es war in der fchönften Zeit Athens, trat nun im Zuſammenhang mit der Lage der Wiſſenſchaften diejenige Konftrultion des Kosmos in erflem groß gedachten Wurf hervor, welche der europäiichen Metaphyfif ihre lang dauernde Macht über den Geiſt unſres Welttheild verjchafft bat. Dies ift die Lehre von einer vom Kosmos jelber unterfchiedenen MWeltvernunft, welche ala erfter Berveger die Urſache des regel- mäßigen, ja zweckmäßigen Zuſammenhangs im Kosmos ift. Der Monotheismus d. h. der Gedante des Einen Gottes, welcher, von der Natur nicht nur im Begriff, fondern ala That- ſächlichkeit gänzlich unterfchieden, ala eine rein geiftige Macht die Welt regiert, entftand in dem Abendlande im Zuſammenhang mit den aftronomifchen Unterfuchungen; er ift daſelbſt zwei Jahr— tauſende lang durch ein Raifonnement getragen worden, welches in der Auffaſſung des Weltgebäudes feinen Rückhalt Hatte. Mit Ehrfurcht nähere ich mich dem Manne, welcher zuerft diefen ein- fachen Zufammenbang der regelmäßigen Bewegungen der Geftirne mit einem erften Beweger erfann. Seine Perjon erſchien dem Alterthum ala repräfentativ für eine Richtung des Geiftes auf dad Wiffenawertbe, mit VBernadjläffigung deſſen, was Klugheit für den eigenen Nuten ſucht. „Anaxagoras foll einem. der ihn befragte, weswegen doc) Jemand dad Sein dem Nichtjein vorziehe, geantwortet haben: wegen der Betrachtung des Himmels ſowie der über den ganzen Kosmos verbreiteten Ordnung“). Dieje Stelle verdeutlicht den Zuſammenhang, in welchem die Alten den Geilt feiner aftronomifchen Forſchungen mit feiner monotbeiftiichen Meta⸗ phyfik erblidten. Bon da ergoß fich über jein ganzes Wejen der Charakter von gefahter Würde, ja Erhabenheit, den er nad) der Auf: fafjiung guter Berichterftatter feinem Freunde Pericles mittheilte 2), l) Eth. Eudem. I, 5; vgl. Eth. N. X, 9. 2) Außer den belannten Stellen Plutarch's vgl. den Phädrus Plato3 p. 270. 202 Zweites Buch. Zweiter Abſchnitt. Die Trümmer feines Wertes über die Natur athmen diejelbe einfache Majeftät. Dan hält unmillfürli den Anfang befielben mit der großen Urkunde des Monotheismus der Iſraeliten, der Schöpfungsgeichichte, zufammen.. „Zujammt waren alle Dinge, unermeßlich an Menge und Kleinheit; denn auch das Kleine war ein Unermeßlichee. Und da Alles zufammt war, war nichts deutlich hervortretend, wegen der Kleinheit“). Anaragoras zer gliederte aber den Anfangszuftand der Materie mit den Hilfs⸗ mitteln der unteritaliichen Metaphyſik. Die ältefte Borftellung von einer in jelbftthätiger Ummandlung begriffenen Materie, welche Alles abzuleiten geftattete und ſonach im Grunde Nichts, war in diefer unteritalifchen Metaphufit bejeitigt worden. Ihr folgend und mit Empedocles und Demofrit hierin einig, legte Anaragoras feinem Denken den folgenden Sat zu Grunde: „Die Hellenen Iprechen nicht mit Recht von Entftehung und Untergang. Denn fein Ding entfteht, noch geht es zu Grunde“ ?). Verbindung und Trennung, ſonach Bewegung der Subftanzen im Raume, trat an die Stelle von Entftehung und Untergang. Diefe Maſſentheilchen, welche Anaragorag, Leukipp und Demokrit zu Grunde legten, find die Bafıa jeder Theorie über den Naturzufammenbang geblieben, welche einen feften, der Rechnung zugänglichen Anſatz fordert. In mehreren Punkten unterfchieden fi) nun die „Samen der Dinge“ °), auch kurzweg „Dinge des Anaragorad (fozujagen die Dinge im Kleinen) von den Atomen des Demokrit. Anaragorad, nach der Lage der Forſchung zu feiner Zeit, entwickelte den denkbar Härteften Realismus. In feinen Mafjentheilchen ift jede Abftufung von Qualität, welche die finnliche Wahrnehmung irgendwo darbietet, gegeben. Und da ihm nun jede Vorftellung des chemilchen Pro⸗ zeſſes fehlte, mußte er zu zwei Hilfsſätzen greifen, deren Paradorie die Tradition nicht mehr aus dem Zuſammenhang verftanden hat. In jedem Naturobjekt find alle Samen der Dinge enthalten; aber 1) Simplic. in phys. f. 33v. (Mullad I, 248 fr. 1.) 2) Simplic. in phys. f. 34v. (Mullady I, 251 fr. 17.) 3) Simplic. in phys. f. 35 v. (Mulla I, 248 fr. 3.): ameouara AAYIWY Xonuarem. Anaragora begründet den Monotheidmus auf die Aſtronomie. 208 unfere Sinne haben enge Grenzen der Empfindungsfähigkeit: hier- aus erklärte er den täufchenden Schein qualitativer Veränderungen '). Alsdann aber findet fich jchon bei Anaxagoras das Theorem von ber Relativität der Größe, das die fophiftiiche Epoche in negativen Sinne ausgebeutet hat, und defien Tragweite ſpäter Hobbes Jelb- ftändig entwickelte. Es jcheint, daß Anaragoras im Zuſammen⸗ bang Hiermit annahm, jeder für un? vorſtellbare Heinfte Theil ſei wiederum als ein Syſtem zu betrachten, daB eine Vielheit von heilen in fich faſſe. Verſchiedene Erperimente werden von ihm überliefert, durch welche er phyfikaliſche Grundvorftellungen zu befeftigen unternahm. Als Phyfifer in eminentem Sinne wurde er von der Tradition bezeichnet. Bermitteljt einer gerwagten Induktion übertrug er nun bie Phyſik der Erde auf dad Himmelsgewölbe. Am hellen Tage fand bei Aegos Potamoi der Tall eines fehr großen Meteorfteineg Statt. Anaxagoras ging davon aus, daß derfelbe aus der Geſtirnwelt ſtamme, und er ſchloß jo aus bem alle dieſes Meteorfteines auf die phufilche Gleichartigleit des ganzen Weltgebäudes 2). Da er den Umlauf des Mondes um die Erde biejer näher ala den Umlauf der Sonne anſetzte und ent⸗ Iprechend die Sonnenfinfternifie aus dem Zwiſchentreten des Mondes zwilchen Exde und Sonne ableitete, jo wird er auch aus den Sonnenfinfternifien gefchloflen haben, daß der Mond eine große, dichte Mafje jein müfle?). Die Schlüffe können nicht mehr 1) &3 ift bemerfenawerth, daß das älteſte Erperiment über Sinnes⸗ täuſchungen, über da8 Nachricht auf und gelommen ift, von ihm in diefem Zufammenhang zum Beweis verwandt wurde Seht man bem Weiß tropfenmweife eine dunkelfarbige Flüffigkeit zu, fo vermag unſere Sinnesempfindung die ſchrittweiſen Veränderungen der Färbung nicht zu unterſcheiden, obgleich in der Wirklichkeit dieſe Veränderungen ſiattfinden. Seine Paradoxie vom ſchwarzen Schnee gehört demſelben Zuſammenhang an. — Andere Experimente des Anaxagoras Ariſt. Phys. IV, 6. 2) Dieſer Schluß des Anaxagoras aus Silenus erhalten bei Diogenes Laert. II, 11 f. Zu dem folgenden fei bemerkt, daß gemäh dem Zweck ber Darlegung bavon abgeſehen ift, ob Anaragoras alle biefe Theorien zuerft aufge ftellt hat. 8) Dippol. philos. VIII, 9 (Diels 562): und zwar verbindet Hipp. 204 7 Zweites Bud. Zweiter Abſchnitt. auf einleuchtende Weile hergeftellt werden, vermöge deren er nun Stellungen, Größen und Urſachen des Leuchtens für die einzelnen Geſtirne beftimmte.. Die Mondfinfternifie erklärte er theild aus dem Erdfchatten, theils aus zwilchen Erde und Mond befindlichen, dunklen Körpern. — Die der Erde nächſte Bahn unter den und befannten Geftirnen beichreibt der Mond, offenbar da er in den Somnenfinfterniflen zwiſchen Erde und Sonne tritt. Anaragoraz ftellte eine Theorie der Mondphafen auf und, wie Plato als feine Aufjehen machende Behauptung hervorhob '), Teitete er das Licht des Mondes (mindeſtens theilweiſe) auß der Be- ftrahlung defjelben durch die Sonne ab; „indem die Sonne im Kreife um ihn berumgeht, wirft: fie immer neues Licht auf ihn (den Mond)“ 2). In Zufammenhang hiermit hielt er den Mond-mit feinen Schluchten und Bergen für bewohnt; es erinnert an den Meteorftein, wenn er die Fabel, daß der nemeilche Löwe vom Simmel gefallen ſei, dahin interpretirte: derjelbe möge wol aus dem Monde gefallen fein. — Die Sonne dachte er ala eine glühende Steinmaffe, in einer entfernteren Region des Himmel? um- laufend; indem er wol ihre Größe mit der des Mondes verglich, erklärte er fie für viel größer, ald den Peloponnes, welchem er den Mond gleich ſetzte. — Auch die Sterne waren ihm folche glühende Maflen, deren Wärme wir nur wegen der Entfernung nicht empfinden. | Diefe Erkenntniß der phyſiſchen Gleichartigkeit in ber Be- Ichaffenheit aller Körper diente ihm ala Lehrſatz, um, auf Grund der den Unterfa bildenden Thatjache der Umdrehung der Geftirne, feinen großen metaphyſiſchen Schluß zu vollziehen. Denn in dem Theorem von der phyfiichen Gleichartigkeit aller Weltlörper war auch die Einficht enthalten, dab die Schwerkraft in ihnen allen wirkte. Hieraus ergab ſich die Nothiwendigkeit der Annahme einer in feinem Bericht miteinander: Anaragorad habe Tyinfterniffe und Mond⸗ phaſen zuexft genau bejtimmt, und: er habe den Mond für einen erdartigen Körper erklärt fowie Berge und Thäler auf ihm angenommen. 1) Bergl. indeß Parmenibed v. 144 (Mullach I, 128). 2) Im Eratylus 409 A. Anaxagoras begründet ben Monotheismus auf bie Aftronomie. 205 ihr entgegenwirkenden Kraft von außerordentlicher Stärke, welche den Kreisumſchwung diejer ſchweren und mächtigen Körper her⸗ vorgebracdht hat umd erhält. An den Fall des genannten großen Meteorfteind knüpfte Anaragorad die Erklärung: die ganze Stern- welt beitehe aus Steinen: würde der gewaltige Umſchwung nach⸗ laffen, dann müßte fie abwärts ftürzen'). Die Meberlieferung vergleicht, ohne dem Anaragorad diefen Vergleich zuzufchreiben, dieſes dem Umſchwung der Geftirne zu Grunde liegende Verhältniß zwiſchen der Schwerkraft, welche die Weltkörper abwärts zieht, und der den Umſchwung Hervorbringenden Kraft, welche ihren Fall Hindert, mit dem, vermöge deſſen der Stein nicht aus ber Schleuder tritt, das Wafler in einer Schale beim Umſchwung derjelben,, wenn diefer jchneller ala die Bervegung des Waſſers nad) unten ift, nicht außgegofjen wird :). Mit diefem Schluß verknüpfte ſich nun an dem jeht erreichten Punkte ein zweiter, deflen Glieder vielleicht noch auf überzeugende Meile ergänzt werden fünnen. Vermöge defjelben beftimmte er diefe Kraft, welche die Drehungen der Geftirne im Weltraum bervorbringe, ala Eine beftändig und zwedmäßig wirkende, welche von Außen, von der Weltmaterie ganz getrennt, den Umlauf der Geftirne hervorrufe und erhalte. So tritt das Weltprinzip der Vernunft (ded vous), getragen von einem aftronomijchen Raifonnement, in die Gejchichte. Die Drehung nämlich, welche Anaragorad auf die der Schwer⸗ fraft entgegenwirkende Kraft zurüdführt, wird von ihm mit der Drehung (megıywer,oıs) ausdrücklich in eins geſetzt, „in welcher fich Geftirne, Sonne und Mond, Luft und Aether gegenwärtig um drehen” °). — Diele letztere ift natürlich die Icheinbare, in welcher fi) der ganze Himmel mit allen jeinen Geftimen täglich einmal 1) Diogened a. a. ©. 2) Humboldt, Kosmos (erfie Ausg.) II, 348. 501 vgl. I, 139 u. a. a. O. nach Jacobis handichriftlicden Aufzeichnungen Über das mathematifche Wiflen der Griechen, welche Aufzeichnungen Humboldt erwähnt, die aber verloren find oder irgendiwo verborgen ruhen. Plut. de facie in orbe Lunae c. 6, p. 923c. Ideler, Meteorologia Graec. 1832 p. 6. 3) Simplic. in phys. f. 33v. 35r. (Mullach 1, 249 fr. 6). 206 Zweites Buch. Zweiter Abichnitt. von Oft gegen Weit um unfere Erde bewegt. Anaxagoras Tannte die Drehung der ganzen Himmelskugel um ihre Are, wenn auch dieſer Begriff der Are noch nicht in feiner mathematischen Strenge von ihm gedacht wurde. Berfolgte er nun die parallelen Kreiſe, in welchen einige Geftirne theilweije über dem Horizonte ums laufen, andere ganz, bis zu ben Heinften Kreiſen der Bären oder des dem Pole damals zunächſt ftehenden Sterns 4 des Kleinen Bären: jo mußte er eine, wenn auch noch jo unvollkommene Vor- ftellung de3 nördlichen Endpunktes diefer Are fih bilden‘). — Hier ericheint eine Kombination der Nachrichten unausweichlich, durch welche man erft den Zufammenhang derjelben unter einander und mit der damaligen Lage der Aftronomie berzuftellen vermag. Dieje Stelle, welche den nörblidden Endpunft eine? Stabes bilden würde, um welchen wir die Drehung etwa ftattfindend dächten, ift der kosmiſche Punkt, von welchem auß der Nus (die Weltvernunft) die Drehungsbewegung in ber Materie begann, und von welchem aus fie noch gegenwärtig bewirkt wird. Der Nus fing mit dem Sleinen an; die Stelle, an welcher daß geichah, war der Pol. Dieſer war ſonach die Stelle, an welcher die Drehung begann; von ihr aus bat fich dann die Drehung immer weiter verbreitet und wird fich verbreiten, und von ihr aus wurde mit der Drehung zugleich die Scheidung der Maflentheilcden bewirkt. Die Miederherftellung der Grundanficht des Anaragorad in ſolchem Sinne ift nur die deutlichere Bor- ftellung des in folgenden Säten Enthaltenen: die von dem Nus hervorgebrachte Drehung ift identifch mit der gegenwärtigen Drehung 1) Womit die Art übereinftimmt, in welcher in dem Artikel bes Diogenes über Anaxagoras ber Pol erwähnt wirb: Diog. II, 9. War doch ber Theil de3 Himmels, an welchem biefe Stelle fich befindet, jeit den Zeiten Homer’3 beſonders wichtig: „die Bärin, bie fonft der Himmelswagen genannt wird, welche fi} an berielben Stelle umbreht ... und allein niemals in Okeanos' Bad fi hinablaudht.” Aratus bemerkt (phaen. 37 sq.), ba bie Griechen bei ihrer Schifffahrt den großen Bären brauchen, weil er heller ift und leichter bei bem Einbruch der Nacht geiehen werben kann. Die Phönicier Halten fih an den Fleinen Bären, ber zwar dunfler, aber ben Schiffern nüglicher ift, weil er einen kleineren Kreis beichreibt. Anaragoras begründet ben Monotheismus auf die Aſtronomie. 207 der Himmelskugel, der Nus aber Hat diefe Drehung von einer Heinen Angriffsftelle aus hervorgebracht, und von dieſer aus hat die Drehung fi) immer weiter außgebreitet. Denn dieje Süße führen auf einen Anfangspunkt, an welchem der Heinfte Kreis an der Himmelskugel bejchrieben wird. Geht man nun von diefer Grundvoritellung aus, jo über- fieht man, wie Anaragoras feinen Monotheismus erſchloß. War er von der Berbreitung der Wirkung der Schwerkraft in allen Himmelskörpern ausgegangen und hatte eine entgegenwirkende Kraft poftulict, jo ſchloß er jet näher, auf Grund der gemein- famen Drehung aller Stellen der Himmelgfugel, (indem er für die Gigenbewegungen von Sonne, Mond und Planeten einen bejon= deren mechanifchen Erklärungsgrund fich vorbehielt) auf Eine von der Materie diejer Körper unabhängige, zweck— mäßig, ſonach intelligent wirfende Kraft. „Das Andere bat einen Theil von Allem mit fich verbunden. Der Nus aber it ein Unermeßliches und Selbftherrliches und er ift mit feinem Dinge!) gemilcht, ſondern allein für fih ruhet er auf fi jelber“ 2). — Zuerft: der Nus muß von ber Materie gejondert fein; denn wäre er dem Anderen beigemifcht, jo würde dag mit ibm Zufammengemifchte ihn hindern, fo daß er fein Ding jo zu beherrfchen vermöchte, wie er nun vermag, da er auf fich felber zubt?). Und zwar wurde eine folche jelbftändige Kraft, welche die gemeinjame Drehung hervorbringt, überhaupt am einfachiten von ber Weltfugel räumlich getrennt und von einer Angriffsftelle außerhalb derſelben die Drehung und Weltbildung bewirkend ge= dacht; für Anaragoras, welchen der Nus das „Leichtefte" und „Reinſte“ aller „Dinge“, ſonach ein verfeinertes Stoffliches oder doch an der Grenze von Stofflichkeit noch befindlich geweſen ift, war diele Vorftellung unvermeidlid. — Aladann: die Er=- kenntniß der gemeinfamen Bervegungen an der ganzen Himmels- fugel vervollftändigte dieſen Schluß dahin, daß dieſe von außen 1) Anaxagoras Sagt: keinem yonuarı, Maffentheilchen. 2) Simplic. daf. f. 33v. (Mulladh I, 249 fr. 6). 3) Ebendajelbft. 208 Zweites Buch. Zweiter Abichnitt. . wirkende Kraft Eine fei. — Endlich: die Betrachtung der inneren Zweckmäßigkeit des Weltgebäudes wie der einzelnen Organifationen der Erde ließ diejen erften Beweger als einen nach innerer Zweck⸗ mäßigleit wirkenden Nus erkennen. Diefe Zweckmäßigkeit des Weltall3 ift aber nicht feine Angemeflenheit für die Zwecke bes Menſchen, jondern die immanente, deren Ausdruck die Schönheit, deren Folgethatſache der einheitliche Zuſammenhang für einen Ver⸗ ftand ift, welcde daher auf Einen orbnenden, aber jozujagen un perlönlichen Verſtand zurückweiſt '). So entiprang in ber jchönften Epoche der griechiichen Ge- ſchichte aus der Wiffenichaft vom Kosſsmos, insbejondere aus der aſtronomiſchen Forſchung, der griechifche Monotheismus d. b. der Gedanke von dem bewußten Zweck als Leiter des einheitlichen und zwedmäßigen Bewegungsinbegriffs im Kosmos und von der Ver⸗ nunft ala dem jelbftändigen, zweckmäßig wirkenden Berveger. Der Mann, der ihn entwarf, ward von der atbeniichen Bevölkerung jener Tage mit einer Miſchung von Bewußtjein feiner fremdartigen Erhabenheit und von Scherz der Nus genannt. Den Kreis von Ana- xagoras, Pericles und Phidiad umgab dieſe große Lehre mit einer Fremdartigkeit, die von dem altgläubigen Volke ſtark empfunden wurde und ihn unpopulär machte. In dem Zeus des Phidias empfing diefer Gedanke feinen fünftlerifchen Ausdrud. Es ift bier nicht der Ort, darzulegen, wie Anaxagoras die Schwierigkeiten überwand, welche die Durchführung jeines großen Gedanken? im Ginzelnen darbot. — Den eriten Schritt in jener genaueren SKonftruftion der Weltentftehfung nöthigte ihm eine eingebildete Schwierigkeit ab. Die Sache ift fehr bezeichnend für das Vorherrſchen der Vorftellungen von gep= metriicher Regelmäßigfeit im griechifchen Geifte. Die jchiefe Stellung des Pol und ber parallelen Kreiſe der Geftirne zum Horizont beftimmte ihn zu der Annahme, urjprünglic; habe die Drehung 1) Ariſt. de anima I, 2 p. 404 b1 von Anaxagoras: mollayov ur ‚ap TO altıor toü xels xal OpFWs Toy voor Alysı. Anaxagoras jelbft (Mullach I, 249 fr. 6): zul öxoin Euelde Kosadaı zal öxoia nv xal a00« rũv Ratı zei Ixoia Zora, navıa ÖLEXOCUNMGE Yoog. Auaxagoras begründet den Monotheiomus auf Aftronomiee 209 der Geſtirne parallel dem Horizont von Oft nach Weſt ftatt- gefunden, fonach habe die Drehungsaxe der Weltkugel ſenkrecht zu der oberen Fläche der Erde geitanden (welcher er die Geftalt einer flachen Walze gab); der Endpunkt diefer Are trifft die über dem Horizont jo ſich erhebende Kuppel in der Mitte (im Zenith). indem fih dann die Erdoberfläche gegen Süden neigte, erhielt der Pol feine jebige Stellung; und zwar geichah es gleich nach dem Auftreten des organiichen Lebens auf der Erdoberfläche. Die Berichterftatter ſetzen die in Beziehung zu dem Entſtehen ver- fchiedener Klimate und bemohnter im Gegenſatz zu unbewohnbaren Erdſtrichen 1). | Die Vorftellung des Anaxagoras, wie nun durch den Um⸗ ſchwung, welchen der Nus in der MWeltmaterie herborbrachte, die Geftirne und ihre Bahnen entftanden, ift ſehr unvollfommen. Man fieht auch Hier, wie in der Atomiſtik: aus einzelnen Prämiffen, welche der modernen Wiſſenſchaft konform find, entipringen noch feine entiprechenden Ergebniſſe, da andere nothiwendige Prämiffen fehlen und faljche aus dem Sinnenjchein abſtrahirte phyfilalijche Borftellungen dafür eingejeßt werden. — Das im Anfangszuftande des Anaragora® Gebundene wird durch die Umdrehung aus⸗ einanbergeriflen, und feiner Natur folgend, fteigt nun das Warme, Glänzende, Feuerartige, das Anaragorad als Aether bezeichnet, aufwärt3; aus der Atmofphäre ſetzt ſich niederwärts das Tylüffige ab, aus diefem das Feſte, welches nach einer weiteren Grund» 1) Diels 337 f. die parallelen Stellen des Plutarch und Stobäuß, vgl. Diog. I, 9. Daß bie Erde nad Anaxagoras fich gegen Süben geneigt habe, nicht umgekehrt Himmeldare und Pol eine Neigung ausführten, muß nach dem Wortlaut der parallelen Stellen und den Angaben über bie entiprechende Theorie der Atomiften angenommen werden. Humboldt, Kosmos 3, 451 ſcheint die Stelle auf die Schiefe der Ekliptik zu beziehen. „Das griechiiche Alterthum“, jagt er, „ift viel mit der Schiefe ber Efliptit beichäftigt getweien . . . nach Plutarch plac. II, 8 glaubte Anaragorad: „dab die Welt, nachdem fie entftanden und Iebende Weſen aus ihrem Schooße hervorgebracht, fich von jelbft gegen die Mittagsfeite geneigt habe”... „Die Entftehung der Sciefe der Ekliptik dachte man fich wie eine kosmiſche Begebenheit.” Dies Mißverſtändniß ift wol durch die Beziehung dieſer Neigung ber Erdfläche auf die Entftehung ber Klimate entftanden. Dilthehy, Ginleitung. 14 210 Zweites Buch. Zweiter Abſchnitt. vorftellung dem Rubezuftand zuſtrebt. Don diefem Sinkenden reißt der Umſchwung Theile ab, welche nun ala Geflirne rotiren. Nun tritt aber erft die Lebensfrage diefer Kosmogonie hervor. Anaragoras hatte vor Allen die Aufgabe zu löfen, die ihm be= fannten Bewegungen am Himmel zu erklären, welche fich der täg« lichen allgemeinen Drehung nicht unterordnen laſſen: fo die jährliche Bewegung der Sonne, die Mondbahn, die jo unregel- mäßigen jcheinbaren Bewegungen der anderen ihm befannten MWandelfterne. Er erklärte diefe Bewegungen mechaniſch, indem er in dem Gegendrud der durch den Umſchwung dieler Geftirne zu⸗ jammengepreßten Luft eine dritte kosmiſche Urſache einführte ?). Hier war der Punkt, welcher diefe groß gedachte Kosmogonie des Anaragoras ſchon im Zeitalter Platod nicht mehr möglich) ericheinen ließ. Die genauere Kenntniß der Icheinbaren Bahnen der fünf mit bloßem Auge ficätbaren Planeten, deren Zahl in Platos Zeit ſchon beftimmt ift, Tieß die Erklärung aus dem Gegen- drud der Luft ald ganz unzureichend erfcheinen. Und fo erfuhr die monotheiftiiche Metaphufit des Anaragorad eine bemerkens- werthe Umgeftaltung. Die eine Richtung ſchied von der Eigenbeiwegung der Planeten die gemeinjame tägliche Berwegung des ganzen Himmels in der Ebene des Aequatord als eine fcheinbare aus und führte dieſelbe auf eine tägliche Berwegung der Erde zurüd. In Folge hiervon brauchte fie nicht diefe Eigenbewwegungen der Planeten einer ge= meinfamen Drehung einzuordnen. Die andere Richtung erjann einen. ungeheuren Mechanismus, vermittelft deilen innerhalb der gemeinfamen Bervegung des Himmeld die zulammengejeßte Be— 1) Dies ıft von Sonne und Mond überliefert. Es darf aber wol angenommen werben, daß er auch die anderen von ihm wahrgenommenen unregelmäßigen Bewegungen am Himmel auf dieſelbe Urſache zurückführte, welche er in Bezug auf Sonne und Mond annahm. Planeten ala ihren Ort wechjelnde Geftirne unterfchieden er und ſeine SZeitgenofien, Arift. meteorol. I, 6 p. 342 527, und aus ihrem Zujammentreten extlärte er bie Kometen. Aber noch Demokrit Tannte ihre Zahl und ihre Bewegungen nicht genauer, Seneca nat. quaest. 7, 3. Vgl. Schaubach Anax. fr. p. 166}. Urſachen der Veränderung biejer Theorie. 211 wegung der Wandelfterne hervorgebracht würde, und fie gab dem entfprechend die Annahme einer einzigen und einfachen Kraft für die Erklärung dieſes Syſtems von Bewegungen auf. Das erftere thaten Pythagoreer zuerft; in den fragmenten des Philolaus haben wir dieje kosmiſche Anficht vor und. Das zweite that die aſtronomiſche Schule, an welche ſich Ariftoteles anfchloß, und theils auf dieſe theila auf den neuen Verſuch des Hipparch und Ptolemäus ſtützte ſich dann die dad Mittelalter beherrichende Metaphufil. So wurde alfo diefe herrſchende europäifche Metaphyſik weiter in der Ausbildung ihrer Vorftellung von der die Geftirn- welt bewegenden Kraft durch Zerlegung der verwidelteren Bahnen der Planeten geleitet. Diefe Zerlegung geſchah nach der Regel der aſtronomiſchen Forſchung, die jchon Plato formulirte: geht man von den Bahnen aus, welche die Wandeljterne am Himmel be- fchreiben, jo find die gleichmäßigen und regelmäßigen Bewegungen zu fuchen, welche die gegebenen Bahnen erklären, ohne den That- ſachen Gewalt anzuthun!). Die Formel der Aufgabe fchließt die richtige Faflung von Problem und Methode, zugleich aber auch jene willfürliche Vorausſetzung über die Bewegungen in fich, welche die alte Aftronomie an die Zurüdführung auf Kreigbemegungen feftnagelte. Indem dieje Yormel angewandt wurde, wandelte fich die anaragoreifche Lehre vom meltbewegenden Nus um in bie ariftoteliiche von einer Geifterwelt, in welcher unter dem erjten ‚Die volllommene Bewegung der Firiternfphäre unmittelbar bewir⸗ fenden, unbewegten Berveger die Drehung der anderen zahlreichen Sphären von eben jo viel ewigen und unklörperlichen Weſen ber- vorgebradht wird. — — — — — 1) Bericht des Sofigenes bei Simplic. zu de caelo Schol. p. 4980 2 TIvay vnotedeoav Öualoy xal Terayulvav xıynaewv diaawsn Ta TEE) Tas ynasıs TÜV NIAYMUEIWY (pasyoueve, 14* 212 Zweites Buch, Zweiten Abfchnitt. Drittes Kapitel. Die mechaniſche Weltanficht durch Leufipp und Demolrit begründet. Die Urfachen ihrer vorläufigen Machtloſigkeit gegenüber ber monotheiftiichen Metaphyſik. Vergeblich ftellte ſich damals diefer großen Lehre von dex dag Weltall zweckmäßig betvegenden Vernunft die atomiftifche Welt- anficht in den Weg, welche Leufipp und Demofrit begründet haben, und die durch Epikur und Lukrez zu Gaflendi und den modernen Theorien einer bloßen Mechanik von Maſſentheilchen binüberreicht. Unter den Gründen, welche dem Einfluß des Demokrit in feiner - Beit entgegenftanden, befand fich gewiß in erfler Linie, daß von feinen Prämifien aus damals eine genauere Erklärung der Bewe⸗ gungen der Weltlörper ganz unmöglich war. 63 ift dargelegt worden, wie mit der allgemeinen Lage der griechiſchen Wiflenfchaft nach dem Auftreten der parmenideilchen Metaphufit die Theorie der Maſſentheilchen entjtand; fie war re= präfentirt von Empedocles, Anaxagoras, Leufipp, Demokrit!). Auch kann noch feitgeftellt werden, wie die atomiftilche Theorie der zwei lebtgenannten Denker zunächft in metaphyfiſchen Betrady- tungen begründet war. Denn Leufipp und Demofrit beweilen ihre Theorie, unter der Vorausſetzung der Realität von Bewegung und Theilung, aus dem eleatifchen Begriff von dem Sein als einer untheilbaren Einheit Jowie aus der mit ihm verbundenen Leugnung von Entftehen und Vergehen 2): fo leiten fie das Atom und den leeren Raum ab. , Wir ſuchen die Bedeutung der atomiftifchen Theorie in ihrer damald von Leufipp und Demokrit erfundenen Geftalt ung deutlich zu machen. Wir jehen dabei ganz von ihrer eben hervorgehobenen metapbyfilchen Begründung ab und jondern die Betrachtung ihres allgemeinen wifjenjchaftlichen Werthes von der ihrer Benußbarkeit in der damaligen Lage der Willenichaft. — 1) ©. 197 ff. 2) ©. 195 Anm. Danernde Bebeutung ber Atomiftil. 213 Diefe atomiftifche Theorie, wie fie nun Leufipp und Demokrit begründen, tft, nach ber ſcientifiſchen Brauchbarkeit be- meſſen, die bebeutendfte metaphyfiihde Theorie bes ganzen Altertfums. Sie ift der einfache Ausbrud der Anforde rung des Erkennen? an feinen Gegenitand, für das Spiel der Deränderungen, des Gntftehend und Vergehens ftätige, ſtand⸗ haltende Subftrate zu haben. Dies erreicht die atomiftifche Theorie, indem fie mit natürlichem Sinne den Vorgängen von Theilung und Zuſammenſetzung der Einzeldinge, von fcheinbarem Verſchwin⸗ den eines Dinges im Wechſel des Aggregatzuftandes und dem Wieder: ſichtbarwerden desſelben folgt; fo gelangt fie zu Heinen Dingen, Subſtanzen, welche ala ftätig raumerfüllend untheilbare Ganze find. Denn wenn bie Zerreißung eines Dinges als darum möglich vorgeftellt wird, weil dies Ding aus diskreten Theilen befteht, fo bilden die Grenze diefer Zerlegung heile, welche darum nicht mehr trennbar. find, weil fie nicht mehr aus diskreten Theilen zufammengefeßt find. Die atomiftifche Theorie kann alddbann die untrennbaren Einheiten als unveränderlich) beſtimmen, gleich- fam als die wahren parmenideilhen Subftanzen; benn Ber- änderung ift ihr nur durch Verfchiebung von Theilen erflärbar. Sie kann endlich, was der wahre Sinn aller ächten Atomiftif iſt, das anſchauliche Bild von Bewegungen im Raume, Entfernungen, Ausbehnungen, Maflen auf dieje Welt des Kleinen, welche ſich der Sichtbarkeit entzieht, über- tragen. Zu den Beftandtheilen dieſes anjchaulichen Bildes gehört auch ber leere Raum; denn bevor wir von der At—⸗ mofphäre zuxeichende Begriffe ausbilden, glauben wir die Dinge in ihn ausweichen zu jeben, und auch nad Berichtigung dieſer Vorſtellung können wir Bewegung nur vermittelit diejes Hilfs⸗ begriffs eines Leeren benfen, in welches die Objekte ausweichen. Dieſe einfache Anſchaulichkeit vollendet ſich durch zwei weitere Theoreme: jede Wirkung, die im Kosmos ftattfindet, wird auf Berührung, Drud und Stoß zurüdgeführt; dem entjprechend wird jede Veränderung auf die Bewegung der fich gleichbleibenden Atome im Raume reducirt, und ſonach werden alle Eindrüde von 214 Zweite Buch. Zweiter Abfchnitt. Qualitäten außer Dichtigkeit, Härte und Schwere der Sinnes- empfindung zugewieſen und den Objekten abgeiprochen!). ine ſolche Betrachtungsweiſe mußte dem mit den finnlichen Objelten beichäftigten Verſtande zufagen, wenn fie auch zunächſt mur den Werth einer Metaphyſik hatte, jo lange ihre Anwendbarkeit auf die Probleme der Naturwiſſenſchaft noch eine jo geringe tar. Daher ift fie, nachdem fie einmal da war, dem griechiichen Denken nicht wieder verloren gegangen. Aber dieje atomiftische Theorie konnte andrerjeitd zu der Zeit de3 Leufipp und Demokrit nicht zur Herrichaft gelangen, da die Bedingungen für ihre Verwerthung zur Erklärung der Phänomene fehlten. Die Bewegungen der Maflen im Weltraum bildeten da3 Hauptproblem der Naturtiffenichaft jener Tage, und feit dem Auftreten des Anaxagoras war immer mehr die Unterfuchung der Planeten in den Vordergrund getreten. Trotzdem lehnt ſich Demokrit in enticheidenden Punkten der aſtronomiſchen Konftruftion noch an Anaragora an, deilen Theorie fih doch als nicht ausreichend erweiſen mußte. Ja Demokrit befaß überhaupt in feinen Vorausſetzungen feine Mittel aftrono- milder Erklärung. Nimmt man an?), er habe den Tall der Atome im leeren Raume von oben nad unten in Folge ihrer Schwere und 1) An diefem wichtigen Punkte fam Protagoras der genaueren Be: gründung der Atomiftit zu Hilfe. 2) So Zeller I? 779. 791, deſſen Auffaffung beflimmend geweſen ift (3. B. Lange, Geichichte des Materialigmus I®, 88ff.). Ich fann nur anbeuten, warum feine Gründe mich nicht Überzeugen. Die Stellen Arift. de caelo IV, 2 p. 3085 35, Theophraft de sensibus 61. 71 (Diels 516 ff.) erweiſen nur die im Tert angegebenen Säße Über Atomverbindungen. Aber man ift nicht berechtigt, Gewicht und fenkrechten Fall von biefen zuſammenge⸗ jegten Körpern auf das Verhalten ber im divos freifenden Atome zu übertragen. Vermeidet man dies, fo find ſolche Stellen in Einklang mit denen, welche ben jentrechten Fall ber Atome ala Anfangdzufland aus⸗ ſchließen und als ſolchen ben divos ftatuiren: Arift. de caelo III, 2 p. 300 58. Metaph. I, 4 p. 985 b 19. Theophraft bei Simplic. in phys. f. 7r6 ff. (Diela 483 |.) Diogenes Laert. IX, 44. 45. Plutarch plac. I, 23 mit Parallelft. (Zield 319) Epicur. ep. 2 bei Diogen. Laert. X, 90. Eicero de fato 20, 46. Geringe Benutzbarkeit in der damaligen Lage ber Wiflenichaft. 215 da8 proportionale Verhältniß der Geſchwindigkeit dieſer ihrer Fallbewegung zu ihrer Mafle als Vorausſetzungen für die Er- Härung des Kosmos betrachtet, demnach eine zujammenhängende mechanische Anficht entworfen: dam erjcheinen die von ihm be= nutzten Crflärungsgründe ala "ganz unzureichend, das Mißver⸗ hältniß diejer Theorie zu der Erklärung des gedankenmäßig ge» ordneten Kosmos konnte in diefem Fglle doch faum etwas Anderes ala Lächeln in der mathematischen Schule Platos hervorrufen. Schon die Bahn eined geworfenen Körperd konnte zeigen, tie vorübergehend die Wirkung der einzelnen Anftöße von einander treffenden Atomen gegenüber der beitändig abwärts ziehenden Schwere jei. Jedoch ift diefe Auffaffung der Nachrichten über Demokrit kaum haltbar. Demokrit blieb dabei ftehen, die etwige Bewegung der Atome im leeren Raume ſei durch ihre Beziehung zu dieſem bedingt. Den erften Bewegungszuſtand dachte er als eine Treijende Bewegung aller Atome, ald divos. In diefem Dinos ftoßen die Atome aneinander, verbinden fih und aus ihrer Anbhäufung bildet fi) ein Kosmos, der dann ſchließlich durch einen aus mächtigeren Maſſen beftehenden zertrümmert wird. Wo nun eine einzelne Atomverbindung entfteht, eriftirt innerhalb derjelben ein beftimmted quantitative® DVerhältnig der Atommaſſe zu dem in der Verbindung enthaltenen leeren Raume; hierdurch ift die Ver- ichiedenheit des Gewichts bei gleicher Größe bedingt, das Auf- fteigen der einen Atomverbindungen, dad allen der anderen von oben nad) unten, und zwar mit entiprechend verjchiedener Ge= ſchwindigkeit. Die Unbejtimmtheit und Fehlerhaftigfeit diefer Grund: vorftellungen mußte eine folche Bervegung der Atome ald ganz werthlos für die Welterflärung erjcheinen laſſen. Nicht anders verhält es fich auf dem biologiichen Gebiet, auf welchem ein originaler Fortſchritt Demokrit’3 in Bezug auf Naturerfenntniß noch aus den Quellen erkennbar iſt: ift hier Doch Demofrit augenscheinlich der einzige namhafte Borgänger des Ari- ftoteled. Soviel der hier noch jo ungelichtete Zuftand der Yrag- mente und Nachrichten erkennen läßt, beftand das Verdienft Demo- 216 Zweites Buch. Zweiter Abſchnitt. krit's in der Ausbildung jorgfältiger beſchreibender Wiſſenſchaft, ja er verihmäht bier fogar nicht, den Thatbeftand durch Vorſtellung eined DVerhältniffes von Zweckmäßigkeit zwifchen den Organen des thieriichen Körperd und den Aufgaben feines Lebens verftändlich zu machen. Hieraus verftehen wir, was ſich nun ereignete. Die mono» theiſtiſche Metaphyfik Europas hat nicht nur die pantheiftifchen Glemente der alten Zeit, die in Diogenes von Apollonia fort- wirkten, fondern auch die mechanische Welterflärung als unge- nügende Konftruftionen zur Seite gefchoben. Jedoch hat fie nicht dermocht, diejelben zu vernichten. Die mechanische Weltanficht ſprach eine dem Berftande entiprechende Möglichkeit auß und blieb aufrecht, mit ſtarkem Bewußtſein ihrer im Rechnen mit den finnliden Thatſachen mwurzelnden Kraft; der Tag ihres Sieges brach freilich erſt an, als die erperimentellen Methoden fich ihrer bemächtigten. Die pantheiftiide Weltanfiht entſprach einer Gemüthslage, welche bald in der ftoiichen Schule ihre Erneuerung bewirkte. Aber ſtärker als dieſe beiden metaphyfifchen Grundanfidhten war der ſkeptiſche Geiſt. Er Hatte in der eleatifchen Schule Widerſprüche in den Grundvorftellungen der Phyſik des Kosmos entwidelt, welche von feiner Metapyſik auf: gelöft werden fonnten. Gr Hatte aus der Schule Heraklit's vermitteljt des Widerſpruchs im Werden einen Zummelplab des Skepticismus gemacht. Dieſer ſteptiſche Geift war mit jedem neuen metaphyſiſchen Verſuche gewachſen und über⸗ fluthete nun die ganze griechiſche Wiſſenſchaft. Er wurde be= günftigt durch die Veränderungen in dem fozialen und politifchen geben von Athen, da3 jeit Anaragoras die griechiſche Willenjchaft centralifirte. Er wurde gefördert durch eine Umänderung der wiſſenſchaftlichen Intereſſen, welche die Beichäftigung mit geiftigen Thatjachen, mit Sprache, Redefunft, Staat in den Vordergrund rüdte. Der Wiflenfchaft vom Kosmos trat unter diefen Umftänden der Anfang einer Erkenntnißtheorie gegenüber. Blicken wir voraus. Welches wird unter diefen Umftänden das Schidfal ber monotheiftiihen Weltanſicht Jein? Sieg der monotheiftiihen Metapbufit. 217 Die monotbeiftiiche Metaphyſik ift auch von der ffeptifchen Be- wegung nicht geftört worden; fie war unabhängig von den ein- zelnen metaphyſiſchen Pofitionen in der Anſchauung bes gedanken⸗ mäßigen Zuſammenhangs des Kosmos begründet; zudem war fie getragen don einer inneren Entwicklung des religiöfen Lebens; fo “wird fie auf der neuen von den Sophiften und Socrates ge- Ihaffenen Grundlage durch Plato und Ariftoteled vollendet werben. Es entiteht der höchſte Ausdrud, den der griechiiche Geift für den Zuſammenhang der Welt gefunden hat, welcher in der Anſchauung ala ichön, vor dem Erkennen ala gedankenmäßig fich darftellt. Das wird gejchehen, indem fi) der monotheiftifche Grundge⸗ danfe mit einer neuen Beftimmung über das Weſenhafte ver- bindet, in welchem der Zufammenhang des Kos mos gefunden werden Tann. Sucht man das wahrhaft Seiende, fo bietet fich ein doppelter Weg. Die veränderliche Welt „kann einerjeit? in fonftante Beitandtheile zerlegt werden, deren Relationen fich ändern, andrerſeits kann die Konftanz in der Gleichförmigkeit gefucht werden, welche das Denken in dem Wechfel jelber auffaßt. Und zwar wird zunächſt diefe Gleichförmigkeit in den Inhalten ge= funden, wie fie in ber Wirklichkeit wiederfehren. Lange Zeiten werden vergehen, in welchen die menjchliche Intelligenz vorwiegend auf dieſer Stufe des Erkennens verhartt. Dann erft, in Folge einer tiefer greifenden Zerlegung der Erfcheinungen, findet fie die Regel der Veränderungen in dem Gele, und damit ift die Möglichkeit gegeben, für dieſes Geſetz in den konftanten Beſtandtheilen Angriffe- punkte zu finden. Aber was auch geichieht, jeder Geftalt des europäiſchen Denfend folgt das ſkeptiſche Bewußtſein der Schwierigkeiten und Wider- iprüche in den grundlegenden Vorausſetzungen. Immer wieder beginnt die Metaphyſik, unermüdlih, an einem tiefer gelegenen Punkte der Abftraftion von Neuem die Arbeit des Aufbaus. Werden nicht auch da jedesmal die Schwierigkeiten und Wider: iprüche, welche die Metaphyſik begleiten, nur in einer noch ver= widelteren Weije wiederkehren? 218 Zweites Buch. Zweiter Abſchnitt. Viertes Kapitel. Zeitalter der Sophiſten und des Socrates. Die Methode der Feſtſtellung des Erkenntnißgrundes wird eingeführt. Seit etwa der Mitte des fünften Jahrhunderts vor Chriftus fand eine intelleftuelle Ummälzung in Griechenland ftatt, welche die Geifter jo tief bewegte, wie feine Veränderung der Ideen jeit dem Borgang der Entftehung der Wiſſenſchaft jelber. Mit jedem neuen metaphufiichen Entwurf war der ffeptijche Geiſt gewachſen und machte ſich nun mit fouveränem Bewußtſein geltend. Die fozialen und politiichen Veränderungen verftärkten das Gefühl der Independenz in den Individuen. Sie bewirkten einen Wechjel in der Richtung der Intereſſen, durch welchen die Zechnif der mit dem Staatdleben zufammenhängenden Thätigfeit innerhalb der gefellichaftlichen Wirklichkeit in den Vordergrund trat. Sie riefen eine glänzende, die Aufmerkſamkeit von ganz Griechen- land wie durch Zauber auf fich ziehende Berufsklaſſe in das Leben, die Sophiften, welche dem neu entftandenen Bedürfniß durch einen höheren Unterricht für die politiichen Gejchäfte entiprachen. Die geiftige Welt begann den Griechen neben der Natur aufzu= gehen. Im Beginn diefer Erſchütterung aller wiſſenſchaftlichen Be- griffe ſprach Protagoras, der leitende Kopf diefer neuen Berufs- Hafje vor Gorgiad, die Formel der Zeit aud. Der Relativismus, welchem diefe Formel Ausdruck gab, enthielt den erjten Anſatz einer Erfenntnißtheorie. Der Menſch ift „da® Maß aller Dinge, der feienden, tie fie find, der nichtjeienden, wie fie nicht find“ ; fo lautete es in dem berühmten Anfang jeiner philofophifchen Hauptichrift. Was einem jeden erjcheint, tft auch für ihn. — Über diefe Sätze des Pro- togora® müfjen in Bezug auf die Grenzen genau aufgefaßt werden, in denen fie mit Sicherheit aus den dürftigen Reſten nachgewieſen werden können. Sie find nicht der Ausdruck einer allgemeinen Theorie des Bewußtſeins, welcher jede in demſelben gegebene Protagoras. 219 Thatſache untergeordnet wurde. Sie enthalten baher nicht unjeren heutigen, kritiſchen Standpunkt. Vielmehr find fie mır die Formel für feine geniale Wahrnehmungslehre, die ſich augenscheinlich unter dem Eindrud der medicinischen Betrachtungen feiner Zeit entwidelt Batte, und fie beichränten fih im Zuſammenhang derjelben auf die prädilativen Beftimmungen über die Außenwelt, dagegen ftellen fie nicht die Realität einer joldden in Frage. — Wir erläutern das näher. Der Oberjab des Schlufjes, welcher zu feiner Formel führte, war: Willen ift äußeres Wahrnehmen. Wir können nicht mehr feftitellen, ob dieſer Oberfat die von ihm nicht aus⸗ drüdlic zum Vewußtſein gebrachte Vorausſetzung ſeines Stand- punktes war oder ob derjelbe von ihm in bewußter Klarheit Bingeftelt wurde. Der Unterja zeigte an dem Vorgang der Wahrnehmung, daß diefe von ihrem Gegenftand nicht getrennt werden könne, der Gegenftand nicht von ihr d. h. das Wahr- genommene Objekt nicht von "dem wahrnehmenden Subjekt, für welches es da if. So ift Protagorad der Begründer ber Theorie des Relativiamus, welche nachher von den Skeptikern fort- gebildet tuorden iſt). — Aber diefer fein Relativismus behauptete zwar von den Qualitäten der Dinge, daß fie nur in der Relation beftünden, dagegen nicht von ber Dinglichkeit ſelber. Süß, wenn man das Subjelt wegdenkt, welches die Süßigfeit ſchmeckt, ift nichts mehr; es beiteht nur in der Relation auf die Em: pfindung. Daß ihm aber mit diefer Empfindung des Süßen nicht das Objekt jelber verſchwand, zeigt feine nähere Theorie ber Wahrnehmung. Berührt ein Objekt dad Sinnesorgan und ver- hält fich fo jenes thätig, dieſes leidend: jo entfteht einerjeitö in diejem Sinnedorgan Sehen, Hören, die beftimmte finnliche Em- pfindung, andrerjeitd ericheint nunmehr dad Objekt ala farbig, tönend, kurz in verjchiedenen finnlichen Qualitäten. Dieje Er- HMärung des Vorgang? ermöglichte dem Relativismus bed Prota- goras erft eine Theorie der Wahrnehmung, und man fieht wol, — — — — — 1) Schon Sextus Empiricus bezeichnet ihn als Relativiſten, adv. Math. VII, 60: ynot ... . rar noos rı elvas 179 dlndeıar. 220 Zweites Bu. Zweiter Abichnitt. er fonnte nicht die Realität der Bewegung außerhalb des Subjeltes, durch welche die Wahrnehmung ihm entftand, zugleich wieder da⸗ durch aufheben, daß er alle Dinglichkeit jelber in Frage ftellte!). — Er entwidelte aladann die verichiedenen Zuftände des empfinden- den Subjekts und zeigte fo die Bedingtheit der Qualitäten des ericheinenden Objekts durch diefe Zuſtände. So ging aus feiner Wahrnehmungdlehre die Paradorie hervor, die Wahr- nehmungen jeien in Widerjpruch miteinander, jedoch alle gleid) wahr ®). Diefer Relativismus bat in Verbindung mit dem Skepti⸗ cismus der Eleaten und Herafliteer Plato beftimmt, die Erkenntniß jenjeit der veränderlichen Phänomene aufzuſuchen; er konnte von Ariftotele8 muthig weggedrängt, doch nicht widerlegt werden; er behielt feine Anhänger und erjcheint nach Ariftoteles in der für die griechiiche Metaphyſik des Kosmos undurchdringlichen Rüftung der ſkeptiſchen Schule. " Biel geringer waren die'Schriften von Sophiften, welche aus ber negativen Richtung der eleatiichen Schule ſleptiſche Konſequenzen zogen. Eine ſolche war die nihiliftifche Brandſchrift des Gorgias „über das Nichtfeiende oder die Natur“. Sie bezeichnet ben äußerften Punkt, zu welchem eine gehaltlofe Skepſis fortging. Aber es ift wichtig feftzuftellen, daß die Borausfeßungen ber We: taphufit der Alten auch an diefem Punkte nicht überjchritten wurden. Wir haben keine Andeutung, daß Gorgiad die Phänome- nalität der Außenwelt behauptet hätte. Dies bat fein Grieche 1) Die Beziehung ber Wahrnehmungslehre des Protagoras auf Hera: it und die Erklärung ber Wahrnehmung durch ein Zufammentreffen ber Beivegungen, ſonach eine Berührung, erfcheint ſchon daburch gefichert, daB Protagoraz feinem Theorem nur durch ein Eingehen in den Wahrnehmunge: vorgang Anfchaulichkeit geben Tonnte, die Möglichkeit aber ausgeſchloſſen ift, baß er eine folche gegeben, Plato ihm aber eine ganz andere untergeichoben hätte. Sie wird beftätigt durch die Darftellung be Sextus Empir. hypot. I, 216f. adr. Math. VII, 60ff., welche nicht auf Plato ala ausſchließliche Quelle zurückgeführt werden kann (Zeller It, 984). Bon biefer Differenz abgejehen verweife ich auch auf die Darftellung bei Laas, Idealismus und Pofitivismus I, 1879. 2) Arift. Metaph. IV, 4 p. 1007 b 22. Gorgias. Socvrates. 221 gethan; denn dies hätte in ſich geſchloſſen, daß ex von dem objek⸗ tiven Standpunft auf den des Selbftbewußtjeing über- getreten wäre, Vielmehr ſetzt der Streitiag des Gorgias eben vorauß, dab ein anderes Sein ala das der Außenwelt nicht beftehe. Gr hebt — ächt griechiich — daB Sein auf, indem er zeigt, daß die Außenwelt durch die Begriffe, welche in ihr ent« halten find, nicht gedacht werden fann. Und zwar thut er dies ver⸗ mittelft einer Vorausſetzung Über das Sein, welche ihn in der objek⸗ tiven Wiflenichaft vom Koamos ganz befangen zeigt. Er zerftört nämlich die Möglichkeit, daß dag Sein als anfang2lo8 und Eines gedacht würde, welche bie Eleaten übrig gelaffen Yatten, durch olgerungen aus der Räumlichleit de Seienden. So erjcheint dieſe Räumlichkeit des Seins ala die Vorausſetzung jeineg Denlens !). Dem entſpricht, daß er allem Seienden zumutbet, entiveder be⸗ megt „der rubend zu fein, Bewegung aber dann in dem Sinne iaft, dab fie Theilung einichließt. Der Gedanke liegt gar nicht in feinem Geſichtskreis, daß nach der Zerftörung der Begriffe, Dusch welche die Außenwelt gedacht werden kann, das Subjelt, in welchen twahrgenommen und gedacht wird, als Realität zurlickbleibe. So fieht man den Efepticiamus in diefem Kopfe an die Schranken de3 griechifchen Geiftes anftoßen: er durchbricht fie nicht. Denn bevor die Selbftbefinnung in dem Subjelt felber eine feinem Zweifel unterworfene Realität aufdecte, ward Realität nur in der Vertiefung in den Naturzufammenbang aufgefucht. Wo daher Realität im Altertum geleugnet wurde, war dieſe Leugnung entweder mit dem tragiichen Bewußtiein der Trennung des Er- fennena von feinem Objekte verbunden oder mit dem frivolen Bewußtjein, welches mit dem Schein fpielte und fi in ihm ſonnte ?). 1) Pf. Arift. de Melisso etc. p. 979» 21 ff. 2) Langes Auffafjung de Zuſammenhangs der griechilchen intellek⸗ tuellen Entwidlung gelangt zu der Antithefe: „wir haben oben gezeigt, wie abſtrakt genommen, der Standpunkt der Sophiften hätte weiter ent« widelt werden können, aber weun wir die treibenden Kräfte hätten nach weifen jollen, welche vielleicht ohne Dazwiſchenkunft der ſokratiſchen Reattion ſolches geleiflet Hätten, jo würden wir in Berlegenheit geratben.” Geſch. 222 Zweites Buch. Zweiter Abichnitt. In der mächtigen intellektuellen Organifation des Socrates!) vollzog fi) eine tiefe und anhaltende Gedantenarbeit, durch melde im Zweckzuſammenhang des Erkennens eine neue Stufe erreicht wurde. Er fand in der Sophiftit daß prüfende, zweifelnde Sub- jet vor, welchem gegenüber die vorhandene Metaphyſik nicht Stand bielt. In der ungeheuren Erjchütterung aller Borftellungen fuchte er einen Halt; durch dieſes Pofitive in feiner großen wahrheits⸗ durftigen Natur jchied er fih von den Sophiſten. Er zuerit wandte beharrlich die Methode an, von dem vorhandenen Willen und Glauben der Zeit auf den Rechtsgrund jedes Satzes zurüdzugehen‘). Er jebte aljo an die Stelle eines aus genialen Aufftellungen ableitenden Verfahrens eine Methode, welche jede Aufftellung auf ihre logiſche Begründung zurüdführte. — Und zwar, wie in diejem griechifchen Volle auch das wiflenjchaftliche Leben ein öffentliches war, mußte die ein- fachfte, nächftliegende Form von Unterſuchung des Rechtögrundes für die umherſchwirrenden Meinungen die Frage nach diefem Rechts⸗ grunde fein, welche ben Gefragten nicht losließ, bis er das Letzte d. Materialiamus 1,43. So wären nach Lange bie Prämifien der modernen Erkenntnißtheorie im fünften Jahrhundert vor Chriſtus dageweſen: nur bie Perſonen fehlten, welche die Konſequenz gezogen hätten! 1) Die kritiichen Schwierigkeiten, welche aus ber Verſchiedenheit zwifchen der Relation des Kenophon und dem platoniichen Bilde entipringen, löfen fich nicht zuxeichend vermittelfi des von Schleiermacher aufgeftellten unb feitdem von der Forſchung meift acceptirten Kanons (vgl. nebft Litt. bei Beller IL? 85 ff.), fondern indem man Platos NApologie des Socrates zur kritiſchen Enticheidung zwiſchen jener Relation unb den anberen plato: niſchen Schriften verwerthet. Die Bertheidigung hatte nur dann einen Sinn, wenn fie ein treued Bild des Socrates, mindeſtens in Bezug auf bie Gegenftände der Anklage, gab. Ziele Treue der Tarftellung ift alfo hier gewährleiftet, während fie in allen andren Werken Platos nur durch eine der Diskuffion mehr auageiebte Unterfuchung fetgeftellt werben kann. 2) Ueber diejen fundamentalen Thatbeftand befteht Einigkeit zwiſchen ber direkten Darftellung in der Apologie, ber ganzen Stellung die Plato feinem Socrates giebt, und der Hauptftelle des Xenophon über das Ber: fahren des Socrate® Memorab. IV, 6, vgl. bei. bafelbft $ 138 2m mw unoseoıw Inaviytv @v navıa 1ov Äöoyovr und 14 ovrw di av Aoyay Inavayouevwy za rois avrıllyovav alrois yarspcv Eyiyrıro TalndE. Er ſuchte aoyalsınvy Aöyov ($ 15). Socrates geht auf den Erkenntnißgrund zurüd. 223 gefagt Hatte: das ſokratiſche Geſpräch!)y. In ihm wurde dad analytijche, auf den lebten Erkenntnißgrund des wiſſenſchaft⸗ lichen Beitandes, ſchließlich der wiflenfchaftlichen Weberzeugung überhaupt zurücigehende Verfahren in ber Gefchichte der Intelli⸗ genz entbunden. Und daher ward died Geſpräch, nachdem der unermüdliche Frager durch feine Richter zum Schweigen gebracht worben, zur Kunſtform der Philofophie feiner Schule. — Indem er jo die vorhandene Wiſſenſchaft, die vorhandenen Weberzeu- gungen auf ihren Rechtsgrund prüfte, wies er nad), daß eine Wiſſenſchaft noch nicht vorhanden fei und zwar auf feinem Gebiet”). Bon der ganzen Wiflenichaft des Kosmos hielt vor feiner Methode nur die Zurückführung des zweckmäßigen Zu⸗ ſammenhangs im Kosmos auf eine weltbildende Vernunft Stand. Gr fand aber auch kein deutliched Bewußtſein der wiſſenſchaft⸗ lihen Nothwendigkeit auf dem Gebiet des fittlichen, des gejell- Ichaftlichen Lebens. Er ſah das Handeln des Staatsmanns, da Berfahren des Dichterd ohne Klarheit über feinen Rechtägrund und daher unvdermögend, ſich vor dem Gedanken zu rechtfertigen. Aber ex entdecte zugleich, daß gerecht und ungerecht, gut und böje, ſchön und Häßlich einen unwandelbaren, bem Streit der Meinungen enthobenen Sinn Haben. | Hier auf dem (Gebiete des Handelns gelangte die Macht der Selbftbefinnung, welche mit ihm in die Gefchichte trat, zu pofitiven Ergebnifien. Der Erkenntnißgrund der Sätze und Begriffe auf diefem Gebiet liegt zunächft im fittlichen Bemwußtjein. Indem Socrates von den Allgemeinvorftellungen, die galten, den Säten, die herrichend waren, audging, prüfte er diejelben an einzelnen Fällen und dem Verhalten des fittlichen Bewußtſeins zu denjelben und fo, burch ent⸗ gegenftehende Inſtanzen Hindurch jchreitend, entwarf er fittliche Begriffe. Sein Verſahren beftimmte ſich daher Hier näher dahin, das fittliche Bewußtjein zu befragen, um an ihm ald dem Er⸗ fenntnißgrunde aus den Allgemeinvorftellungen Begriffe zu ent- 1) Diefer Zufammenhang mit fofratifcher Ironie vorgetragen Plat. Apol. p. 218 f., vgl. Xenoph. Diem. IV, 5 8 12. 2) PBlat. Apol. 22—24. 224 Zweites Bud). Zweiter Abichnitt. wideln und zu rechtfertigen, welche das klare Maß für das bandelnde Leben fein konnten ?). Hat nun Socrated die Grenzen überjchritten, welche wir ala die des griechiichen Menſchen überhaupt bezeichnet haben? Auch der Selbftbefinnung des Socrates geht nicht auf, daß die Außen- welt Phänomen des Selbftbemußtjeind, daß und aber in diefem felber ein Sein, eine Wirklichkeit gegeben jei, deren Erkenntniß uns allererft eine unanfechtbare Realität aufdedt. Wol iſt dieſe Selbitbeiin- nung der tieffte Punkt, den der griechiiche Menſch in dem Rüdgang auf die wahre Pohitivität erreichte, wie das frivole Nichts des Gorgias die äußerfte Grenze bezeichnet, zu welcher fein ffeptiiches Verhalten gelangte. Sie tft aber nur der Rüdgang in den Erfenntnißgrund bes Wifſens; daher entſpringt aus ihr Logik ald Wiſſenſchaftslehre, wie fie Plato ala Möglichkeit jah und Ariftoteles ausführtee Im Bus ſammenhang hiermit fteht dann die Auffuchung des Erkenntnißgrun⸗ des für ſittliche Säbe im Bewußtſein: und aus ihr entipringt bie platonifchsariftotelifche Ethil. Daher ift dieſe Selbftbefinnung logiſch und ethisch; fie entwirft Regeln für die Beziehung des Denkens zum äußeren Sein in der Grienntniß der Außenwelt, für die Be- ziehung des Willens zu ihm im Handeln; aber noch ift in ihr feine Ahnung, daß im Selbftbewußtjein eine mächtige Realität auf- gebe, ja Die einzige, deren wir unmittelbar inne werden, noch weniger davon, daß alle Realität nur in unjerem Erlebniß gegeben fei. Denn dieje Realität wird für die metapbufiiche Befinnung erft vorhanden fein, wo der Wille in ihren Horizont tritt. 1) Bol. Xenophon's Relation der einzelnen Geipräche jowie die unbe holfene, aber wahrhafte Charakteriſtik des Verfahren? von Socrates IV, 6, nach welcher er fittlicye und politiiche Syragen durch Zurädführung auf Begriffe, welche an dem Erkenntnißgrund des fittlichen Bewußtſeins erwieſen wurden, zur Enticheidung brachte. Hierbei ift bie befondere Natur dieſer Berthbegriffe, welche Sätze in fich fchlieken, zu erwägen. DBgl. weiter Aris ftoteles (Stellen b. Bonit ind. Arist. p. 741); wenn diefer Metaph. XI, 4 p. 1078% 27, dem Socrates Induktion und Begriffsbefiimmung (nicht wur die letztere) zufchreibt, jo muß berüdfichtigt werden, daß derſelbe ein analytifches Berfahren als Beitandtheil der logiſchen Operation nicht kennt unb darum das ganze Verfahren bed Socrates ber Induktion unterordnen muß. Fortſchritt der Methode der Metaphyſik in Plato. 295 Fünftes Kapitel. Plato. Vermittelft der neuen Methode des Socrates geſtaltete Plato die Wiſſenſchaft vom Kosmos, von ſeinem gedankenmäßigen Zu⸗ ſammenhang und feiner vernünftigen einheitlichen Urſache fort. Sp entitand die dem wiſſenſchaftlichen Ergebniß de Socrates entiprechende Metapbyjitala Bernunftwiffenichaft. Nur diefen Bortihritt in dem Erkenntnißzuſammenhang heben wir aus feinen Schriften heraus, dem Zauber derjelben hier widerſtehend, ber gerade aus der Berjchmelzung folder Sätze mit den Empfindungen eined von der Schönheit der griechiichen Welt gejättigten Genius entipringt. Fortſchritt ber metaphyſiſchen Methode. Der Fortſchritt ift im der ſokratiſchen Schule vollzogen, Wiſſenſchaft, damals fagte man: Philofophie, ift nun nicht mehr Ableitung von Grjcheinungen aus einem Prinzip, ſondern ein Gedankenzufammenhang, in welchem der Sat durch feinen Er⸗ fenntnißgrund gemwährleiftet ift. Diefem logiſchen Be— wußtſein Platos erjcheinen alle Denker vor Socrates wie Märchen- erzähler. „Jeder, ſcheint es, Hat uns fein Geſchichtchen erzählt, wie Kindern. Der Eine: bdreierlei wäre daß Seiende, bisweilen Einiged davon unter einander im Streit, dann wieder Alles fich befreundet, da e8 bann Hochzeiten giebt und Zeugungen und Auf- erziehen des Erzeugten. Ein anderer nimmt der Dinge zwei an, feucht und troden oder warm und kalt, macht ihnen ein gemein= ſames Bett und verbeirathet fie. Unfer eleatifches Volt aber vom Xenophanes und noch früher her trägt feine Geſchichte jo vor, ala ob das, was wir Alles nennen, nur Eine wäre“ ’). Im % 1) Plato, Sophiftee 242 cD. Dal. die verwandte Schilderung Theätet 180f. und den entiprechenden Uebergang zu der Aufgabe, von ben Behauptungen ber älteren Schulen auf die Erfenntnißgründe berfelben zurückzugehen. Dilthehy, Einleitung. 15 226 Zweites Bud. Zweiter Abjchnitt. Gegenſatz hierzu ift dem Schüler des Socrates dad Merkmal wirklicher Erkenntniß der Zufammenhang des Satzes mit dem Erfenntnikgrund. und die duch ihn bedingte Dentnoth- mwendigfeit!) Dieſer Erfenntnißzufammenhang nach Grund und Folge gelangt daher nun als das die Wiflenichaft Kon ftituirende zum Bewußtſein. Und zwar richtet der organija- toriiche Geift Platos nicht wie Socrate® an die, welche er auf dem Marfte findet, fondern an die Märchenerzähler der vergangenen Tage indgemein, „ala ob fie jelbft zugegen mwären*, die ſokratiſche Trage nad) dem Zuſammenhang der von ihnen behaupteten Süße mit dem in dem Bewußtſein Feſtſtehenden?). Er fragt kraft der ſokratiſchen Methode: der Dialog ift daher feine Kunftform, die Dialektik feine Methode, Socrates ift der Führer des Geſprächs, den feine Feinde tödteten, um feine ragen verftummen zu machen, und den nun Plato an diefen Yeinden rächt. Ja indem diejer organifatoriiche Geift die Mathematik der Zeit in feiner Schule zufammenfaßt und dieſe Echule zu einem Mittelpunkt der mathematifchen Gedanfenarbeit macht, indem er die mathematifche Naturwiſſenſchaft, insbeſondere die Aftronomie in Be- zug auf ihren theoretifchen Werth und ihre Evidenz prüft: bringt der Begriff einer Rechenſchaft über unſer Willen die erfte Einſicht in die zufammenhängende Organijation der Wijfenjhaften vom Kosmos hervor. Die Philojophie empfängt nun die Auf- gabe, von den Vorausſetzungen, welche in jenen Wiflenichaften nod) ohne Rechenichaft über ihre Giltigkeit eingeführt werden, zu den erften Erkenntnißgründen zurüczugehen, welche diefe Rechenſchaft enthalten 3). Und fo entjteht in Plato ein Mares Bewußtſein über das Problem, deilen Lölung nach der formalen Seite die griechifche 1) Timäus 5le. Meno 97 f. Politie VI, 506. 2) Sophiftes 243 ff. XTheätet 181 ff. $) Bolitie VI, 511 entwirft, zum eriten Mal in der Geichichte ber Miflenichaften, dieſes Problem der Wiffenfchaftälehre; aladann wird Politie VII, 523—534 eine Ueberficht diefer pofitiven Wiffenfchaften gegeben, und aus ihr das Problem ber Dialektik abgeleitet: „die dialektiſche Methode allein geht, die Vorausfegungen (vrro9ELosıs) aufhebend, gerade zum Anfang ſelbſt, damit dieſer feft werde" (533 0). Diefer Fortichritt befteht i. d. methodifchen Schluß auf Bedingungen. 227 Wiflenichaftslehre, nach der realen die griechiiche Metaphyſik geweſen ift. Dieſe beiden grundlegenden philoſophiſchen Wiſſenſchaften find in dem Geiſte Platos noch ungetrennt, und fie find auch für Ariftoteled nur zwei Seiten defjelben Erkenntnißzuſammenhangs. Plato bezeichnet diefen Erkenntnißzuſammenhang ala Dialektik. So tritt diefe Rechenfchaft über das Willen in die biäherige Forſchung ein, welche auf die erſten Urjachen gerichtet war. Das Erkennen fucht die thatfählihen Bedingungen, unter deren Annahme da8 Sein wie dad Willen, der Kosmos wie das fittlide Wollen gedacht werden können. Diefe Be- dingungen Tiegen für Plato in den Ideen und ihren Be- jiehungen zu einander; die Ideen ftehen nicht unter der Rela= tivität der finnlihen Wahrnehmung und werden nicht von den Schwierigfeiten einer Erkenntniß der veränderlichen Welt berührt; fie treten vielmehr neben die Erfenntniß der ruhen den, fi) immer gleichen und typiſchen räumlichen Gebilde und ihrer Beziehungen fowie der Zahlen und ihrer Ver— hältniffe. Gleich ihnen werden fie in der Veränderlichkeit der Melt nirgend als einzelne äußere Objekte gejehen, find aber in ihrem typiſchen Beflande die für den Verftand darftellbaren, einer ftreng wiſſenſchaftlichen Behandlung zugänglichen Bedingungen, welche Dafein und gleicherweile Erfenntniß der Welt möglid) machen ?). Die revolutionäre Erſchütterung der europäifchen Wiſſen⸗ ichaft hat jo zu einer höheren Stufe des methodijchen 1) Bolitie VII, 5278 wird die Meßkunſt ala eine „Wiflenichaft des immer Seienden“ bezeichnet und dem entiprechend neben die Entwidlung ber Ideen geflellt. Die rein theoretiiche Gedankenarbeit Platos ift von der Mathematik als bex damals ſchon konftituirten Wiflenichaft geleitet. Iſt ihm zunächſt die Zahl das finnliche Schema des rein Begrifflichen, ſo drängte die Konſequenz ſeines Syſtems zu einer Unterordnung der mathe- matifchen Größen und der Ideen unter einen gemeinfamen Begriff, welcher dann ber allgemeinfte Ausdruck der Bedingungen für die Denkbarkeit der Welt wäre. Dielen fand er jpäter in einem abftratteren Begriff von Zahl: dem entiprechenb unterfchieb er zwiſchen Zahlen im engeren Verſtande, welche aus gleicyartigen Einheiten befiehen, jo daß jebe diefer Zahlen von der anderen nur der Größe nach verfichieben ift, und ben Idealzahlen, deren jede von der anderen ber Art nach unterichieben ift. 15 * 228 Zweites Bud. Zweiter Abſchnitt. Dentens geführt; wir bezeichnen das Verhäliniß diefer Stufe zu den älteren Berfuchen, weldye wir nunmehr hinter una lafien. Die Mittel zu den bisherigen intelleltuellen Fortſchritien lagen , wie die Entwidlung feit Thales zeigt, in der Erweiterung der Erfahrung und der Anpaflung von Erklärungen an beren Thatbeftand. Das Berfahren des Denkens, welches die Geichichte der Wiflenjchaften Hierbei gewahren läßt, ift ein Ginjeben von Vorausſetzungen (Subflitution), aladann eine verſuchsweiſe Be— nußung derſelben; unvolllommene Erflärungen geben beftändig in großer Zahl zu Grunde, wie wir denn diefe Grauſamleit des Zweckzuſammenhangs gegenüber der mühſamen Arbeit der Indi⸗ viduen befländig um und ausgeübt. jehen und jelber von ihr be- droht find; lebensfähige dagegen paſſen fidh den Anforderungen an Erkenntniß der Wirklichkeit ſchrittweiſe an und bilden fich fo fort. So haben ſich die Atomtheorie und die Lehre von den fubflan= tiolen Formen allmälig entwidelt. Und als Grundlage biejer Einordnung der Erfahrungen unter lebenzfähige Erklärungen wird, wenn auch noch in befcheidenem Umfang, die Mathematik bereits benußt. — Nun beftehen die Erklärungen der Wiſſenſchaft bis zu der in Plato vollzogenen Umwälzung nur in einem unmethodifchen Schlußverfahren auf Urſachen, auf einen urſächlichen kosmiſchen Zufammenhang. Bon Plato ab ift Erklärung der methodijche Rüdgang auf die Bedingungen, unter welchen eine Wiſſen⸗ Schaft vom Kosmos möglich if. Diele Methode geht von der Korre- ſpondenz des Erfenntnißzufammenhangs mit dem realen Zufammen- hang im Kosmos aus. Daher fie, auf der Bafiz der natürlichen An⸗ ficht, diefe Bedingungen zugleich in irgend einer Weife als Urfachen (ſonach ald Vorausſetzungen, Prinzipien) betrachtet. — Wird biefe Form des wiffenichaftlichen Verfahrens für fich Dargeftellt, jo ſondert fich die Logik von dem metaphyſiſchen Eyftem jelber, wenn auch beide vermittelft der Vorausſetzung der Korrejpondenz mit einander in innerer Verbindung bleiben. Dieſen Schritt follte erſt Ariſtoteles thun, und damit verfchaffte er diejer auf dem Boden der natürlichen MWeltanficht errichteten Metaphyſik erft volle Klarheit über ihr Ver- fahren. Seine Logik ift demgemäß nur die Darftellung der Yorm der eben dargelegten volllommneren Methode der Metaphyſik. Die Ideen ala denknothwendige Bebingungen. 229 Die Lehre von den fubftantialen Formen des Kos— mos tritt in die monotheiftiifhe Metaphyſik ein. Und welches find nun die Prinzipien, welche dieſe Rechen- ſchaft über unſer Willen auffindet und deren Enwicklung das letzte Ziel der platoniſchen Wiſſenſchaft ift? Die Metaphyſik Europas thut nun auch in Rüdficht ihres Inhaltes einen weiteren enticheidbenden Schritt. Die FTonftanten Bedingungen der veränderlichen Welt konnten in der damaligen Lage der Wiſſenſchaft, in welcher Vorftellungen, wie die von ber Urſprünglichkeit und Bolllommenheit treisförmiger Bewegungen am Himmel oder von dem Streben jedes durc Stoß bewegten Körper? auf der Erde nad) jeinem Ruhezuftand noch nicht durch eine beharrliche, vom Verſuch unterftüßte Arbeit der Zerlegung fomplerer Zuſammenhänge in die einzelnen Berhältnifje von Anhängigkeit verbefiert worden waren, keineswegs mit wirk—⸗ lichen Nuten für die Erfenntniß in Atomen und deren Eigen- Ichaften aufgejucht werden. Denn zwiſchen diefen Atomen und dem Hormzufammenhang des Kosmos fehlte jede Verbindung. In den Syſtem der Formen Selber und in demjelben ent» Iprechenden pſych iſchen Urſachen mußte ber europäiſche Geift den metaphufilchen Zuſammenhang der Welt jehen, welcher ihren letzten Erflärungsgrund enthalte. Mer empfände nicht in dem beftridenden Glanz der fchönften Werke Platod, daß die Ideen nicht nur ala Bedingungen für dag Gegebene in feiner reichen dichterifchen,, ethilch gewaltigen Seele Beitand Hatten. Seine Ausgangspunkte find die fittliche Perſon, der Enthuſiasmus, die Liebe, die jchöne, gedankenmäßige, in Maßen geordnete Welt, fein deal ift daS wahrhaft Eeiende, welches alle Vollkommenheit in fich Ichließt, die feine erhabene Geiftes- richtung forderte. Er Ihaute die Ideen in diefem Thatbeftand, dachte fie nicht nur als die Bedingungen defſelben. An dieſer Stelle muß aber jede Erörterung ausgeſchloſſen bleiben, welche den Urſprung diefer großen Lehre zum Gegenftande hat. Wir Haben 230 Zweites Buch. Zweiter Abjchnitt. ed mit dem Zufammenbang feiner Gedanken zu thun, ſofern dieſer in der Beweisführung atıftritt und in dieſer fuftematifchen Form den weiteren Yortgang der europäilchen Metaphyſik beftimmte. Das Seiende, welches dem Werden und Vergehen entnommen ift, findet die von Plato außgehende Richtung des meta= phyſiſchen Geifles in dem Hintergrund der in Raum und Zeit auftretenden Erjcheinungen, den unfere Allgemeinvorftellungen augdrüden oder zu dem fie doch emporleiten. Die Metaphufit jeßt damit nur fort, was die Sprache begonnen hat. Diefe bereitö hat in den Namen für Allgemeinvorftellungen, insbeſondere für die Gattungen und Arten, Wejenheiten aus den einzelnen Er— Icheinungen herausgehoben. Die Anwendung der Worte führt unvermeidlich mit fih, daß dies immer Wiederkehrende, welches dad DVorftellen als einen Typus an die Dinge beranbringt, wie eine Macht über fie empfunden wird, welche die Dinge ein Geſetz zu verwirklichen zwingt. Die Allgemeinvorftellung, welche in dem Sprachzeichen einen abgejchloffenen Ausdrud empfängt, enthält ihon ein Willen von dem ji Gleichbleibenden im Kommen und Gehn der Eindrüde, ſoweit dieſes ohne Ana— lyſis der Erfcheinungen, ſonach aus ber bloßen Anjchauung derjelben hergeftellt werden kann. Jedoch vollzieht fich in der Sprache diefer Vorgang ohne Bewußtſein des MWerthes feiner Er- zeugnifle für die Erfenntniß des Zufammenhangs der Ericheinungen. Indem nun das Bewußtſein Hiervon aufgeht, fonach dieſe Allgemeinvorftelungen in ihrer Beziehung zu den Thatjachen, welche durch fie vorgeftellt werden, jowie zu den anderen neben=, über- oder untergeordneten Allgemeinvorftellungen beftimmt, be— richtigt und bdefinirt werben, entfteht der Begriff und der Zuſammenhang der Begriffe Und indem die Philofophie den inhalt und den Zujfammenhang der Welt in dem Syftem dieſer Begriffe feitzuftellen unternimmt, entjteht diejenige Yorm der Me— taphyſik, welche als Begriffephilojophie bezeichnet werden kann; dieſelbe hat ſo lange das europäiſche Denken beherrſcht, bis ſozu⸗ ſagen von der tiefer liegenden Gleichförmigkeit des Weltzuſammen⸗ hangs der Vorhang weggezogen worden iſt. D. Lehre v. d. fubftantial. Formen e. nothw. Stabium d. Metaphufil. 231 Diefe Metaphyſik der jubftantialen Formen drückte aus, was das unbewwafinete Auge der Erkenntniß exblidt. Das, was dad Spiel der Rräfte im Kosmos ſtets neu hervorbringt, bildet einen erkennbaren, immer gleichen Inhalt der Welt. Dad, was im Wechiel der Orte, Bedingungen und Zeiten ſtets wiederfehrt, nein vielmehr immer da ift und niemals jchwindet, bildet einen Zufammenhang ber Ideen, dem Unvergänglichkeit zulommt. Während ber einzelne Menſch an einer einzelnen Stelle in Raum und Zeit auftritt und verſchwindet: verharrt doch, was in dem Begriff bes Menjchen ausgedrüdt if. Auch denfen wir an nicht® anderes zunächft, wenn wir den Gehalt der Welt una vorzuftellen bemüht find. Wir denken an bie Gattungen und Arten, Eigenjchaften und Thätigfeiten, welche die Buchſtaben der Schrift diefer Welt bilden. Diele find, in ihren Beziehungen zu einander aufgefaßt, für dag natürliche Vorſtellen der underänderliche Beſtand der Welt, weldyen die Vorſtellen fertig vorfindet, an dem ed gar nichts zu ändern vermag und der ihm daher als objektiver zeitlofer Beltand gegenüberfteht. Wie fie dann zu Begriffen in der Wiſſenſchaft geprägt worden find, enthielten fie fo lange unſere Erkenntniß des Weltinhaltes, als wir nicht die Erjcheinungen aufzulöfen und durch Bergliederung auf Zuſammenwirken von Geſetzen zurüdzuführen vermochten. Während dieſer ganzen Zeit war die Metaphyſik der jubftantialen Formen das lebte Wort der europäiichen Erkenntniß. Und auch nachher fand dad metaphufiiche Denken in der Beziehung des Naturmechanismus zu Ddiefem ideellen und in Zuſammenhang hiermit teleologijch aufgefaßten Gehalt des Weltlaufd ein neues Problem. ‘ Jedoch konnte auf dem Standpunkt des natürlichen Syſtems unſerer Borftellungen, melchen die Metaphyſik einnimmt, das Berhältniß diefer Ideen, wie fie den konftanten Inhalt des Weltlaufs bilden, zu dieſem felber, zu ber Wirklichkeit, nicht auf angemeflene Weife beftimmt werden. Einerſeits Hat erft die Erkenntnißtheorie, indem fie dag, was im Denken ala Erklärungs⸗ grumd gegeben ift, nach feinem Urfprung und ſeiner durch den= 232 Zweite Buch. Zweiter Abfchnitt. jelben bedingten Geltung von dem ſondert, was in der Wahr- nehmung ald Wirklichkeit gegeben tft, da® Berhältni des Dinges zur "dee richtig auszubrüden vermocht. Daher jehen wir jebe metaphyſiſche Theorie dieſes Verhältnifies an ihren Widerjprüchen zu Grunde gehen; jede jcheiterte an der Unmöglichkeit, das Ber- hältniß der Ideen zu den Dingen inhaltlich in Begriffen auszu⸗ drüden. Andrerjeits hat erſt die pofitive Wiflenfchaft, welche das Allgemeine in dem Geleß des Veränderlichen auffuchte, die wahr: haft wifjenichaftliche Grundlage geſchaffen, durch welche für Diele Typen der Wirklichkeit die Grenzen ihrer Geltung: und die Unter- lage ihres Beſtandes feitgeftellt wurden. Died war im Allgemeinen die geichichtlihe Stellung der Metaphyfit der jubftantialen Formen, beren Echöpfer Plato ge= weſen ift, innerhalb des Zuſammenhangs ber intellettuellen Ent⸗ wicklung. Innerhalb dieſer Metaphyſik der ſubſtantialen Formen ent⸗ wickelte nun aber Plato nur eine der Möglichkeiten, das Verhältniß dieſer Ideen zu der Wirklichkeit und den Einzel— dingen auszudrücken, alſo ein reales Sein der Ideen mit dem realen Sein der Einzeldinge in einen inneren objektiven Zu⸗ ſammenhang zu bringen. Platos Idee iſt der Gegenſtand des begrifflichen Denkens; wie dieſes an den Dingen die Idee heraus⸗ hebt als urbildlich, nur in dem Gedanken auffaßbar, vollkommen, ſo beſteht dieſelbe, abgeſondert von den Einzeldingen, welche zwar Theil an ihr haben, aber Hinter ihr zurückbleiben: eine ſelb⸗ ſtändige Weſenheit. Das Reich diejer ungewordenen, unvergäng- lichen, unfichtbaren Ideen erjcheint wie durch goldene Fäden mit dem mythiſchen Glauben im griechiichen Geifte verbunden. Wir bereiten die Darlegung der Beweisführung für die Sdeenlehre vor, indem wir einige einfache Beitandtheile ihres Zuſammenhangs herausheben, auf welche die offen daliegenden Schriften überall zurüdführen. Die Kritif der finnlichen Wahrnehmung ſowie der in ihr gegebenen Wirklichkeit Hatte zu unmiderleglichen Ergebniſſen ge- führt, fo fand ſich Plato auf dag Denken und eine in dieſem Die Hdeenlehre Platos ala eine einzelne Geftalt diefer Lehre. 2833 gegebene Wahrheit vertviefen. In diefem Zufammenhang jonbert er nun das Objekt des Denken? von dem ber Wahrnehmung. Denn er erkennt die Subjektivität der Sinneseindrücke vollftändig an, dringt jedoch nicht zu der Einficht vor, daß die Thatfache des Seins jelber in diefen Eindrüden, in der Erfahrung mitenthalten ift, und jo erfaßt er nicht in diefer durch Erfahrung gegebenen Wirklichkeit zugleich das Objekt des Denkens, betrachtet nicht das Denken in jeiner natürlichen Beziehung zum Wahrnehmen; viel- mehr ift das Denken ihm Erfafjen einer befonderen Realität, eben de Seind. Hierdurch vermied er zwar den inneren Widerſpruch, in welchen der Objeltivismus des Arifto- teleß |päter durch Annahme eine allgemeinen Realen in dem Einzelnen gerieth, verfiel aber freilich in Schwierigfeiten anderer Natur. — Alsdann nahm in Plato mit den Jahren die Richtung auf die Ausbildung einer ftrengen Wiſſenſchaft von den Be- ziehungen dieler Fdeen zu. Dem Griechen jener Zeit ſtand ber Dorgang noch nahe genug, in welchen: die Mathematik fi) von den praftiichen Aufgaben als Wifjenichaft losgelöſt und ihre Süße miteinander in Verbindung gebracht Hatte; Plato wollte in feiner Schule neben, ja über der Mathematik nım auch die Wiſſen— haft von den Beziehungen der Begriffe Tonftituiren. — Wie erheblich aber auch dieje theoretifchen Beweggründe der Ideen⸗ lehre waren, diejelbe hatte für Plato einen weiter zurücliegenden Halt in anderen Beweggründen, welche über das Erkennen hinaus reihen. Auch nachdem der mythilche Zufammenhang dem wiſſen⸗ Ihaftlicden Denken Pla gemacht hatte, finden wir etwas, was aus der Zotalität de Seelenlebens ftammt, als den unauflößlichen Hintergrund in allen gedantenmäßigen Erfindungen: in ben Welt- gejeß Heraklit’3 mie in dem ewigen Sein der Eleaten; e3 bildet den Hintergrund in den Zahlen der Pythagoreer wie in der Liebe und den Halle des Empedocles und in der Vernunft des Anaxagoras, ja jelbft in dem durch die Welt verbreiteten Seelifchen des De- mofrit. Das Crlebte, Erfahrene wurde nun durch Socrates und Plato noch in weiterem Umfang zu philojophiicher Befinnung gebracht. Die methodische Selbftbefinnung ließ die großen ethiſchen 234 Zweites Bud. Zweiter Abichnitt. Thatjachen Hervortreten, welche vordem eben jo da, aber gewiſſer⸗ maßen unter dem Horizont der philoſophiſchen Befinnung ge= blieben waren. Man kann die Trage aufiwerfen, ob nicht die Ideenlehre in der erften Konception, wie fie der Phädrus zeigt, noch auf fittliche Ideen beichräntt war. Gleichviel welche Be antwortung diefe Yrage finde: das Typiſche, Urbildlicde in den Ideen beweift, welchen Antheil die erhabene Stimmung bed pla= tomijchen Geiftes, dad Sittliche und Aefthetiiche an der Ausbil: dung feiner Ideenwelt hatte. Dies aljo war ed, was ber jugendliche Plato aus den Be- griffebeftimmungen jeine® Lehrers mit dem Blick de Genius herauslas. Das wahre, ewige Sein kann in dem Syſtem der Begriffe, welche das im Wechſel Beharrende erfaflen, dargeftellt werden. Dieje in Begriffen darftellbaren Beitandtheile, die Ideen, und ihre Beziehungen zueinander bilden die denfnothtwendigen Bedingungen des Gegebenen. Plato bezeichnet in dielem Zu⸗ fammenhang die Ideenlehre geradezu ala „fichere Hypotheſis“ 1). Die Wiſſenſchaft diefer Ideen, feine Wiſſenſchaft, ift daher, wie man richtig gejagt hat, ontologifch, nicht genetifch. Das aber, was der Begriff an der Wirklichkeit nicht erfaßt, was jonach nicht aus ber dee begreiflich gemacht werden kann — ift die Materie. Eine geftaltlofe, unbegrenzte Weſenheit, Urfache und Erflärungdgrund (fofern fie überhaupt etwas erflärt) für den Mechiel und die Unvolllommenheit der Phänomene, der dunkle Reft, welchen die Willenjchaft des Plato von der Wirklichkeit als ge- dankenlos, Schließlich unfaßbar zurüdläßt, ein Wort für einen Un- begriff d. h. für das x, deſſen nähere Erwägung dieſe ganze Formenlehre ſpäter vernichten follte. Die Begründung diejer Metaphyſik der fubitan- tialen Formen. Ihr monotheiftiihder Abſchluß. Und welches find nun die Glieder der Beweidführung, vermittelft deren Plato die Ideen, welche er in dem ethiſch mächtigen Menichengeifte, in dem fchönheiterfüllten, gedanfenmäßigen Kosmos 9) BHädo 100f, D. Eriftenz v. db. Ting. gelond. Ideen a. Thatſ. d. Willens bewielen. 285 Ichaute, ala die Bedingungen des Gegebenen nachwies? vermittelft deren er ihre Beitimmungen ableitete und die Wiſſenſchaft ihrer Beziehungen entiwarf? Es entiprach dem Zuſammenhang der großen Bewegung, bie er zum Stehen brachte, daß die Anforderung, die Möglichkeit de3 Willens aufzumweilen, ibm im Vordergrund ftand. Diele Möglichkeit ſah er ringd von den Gophiften beftritten; durch eine Erweiterung ber philofophiichen Befinnung war fie eben von Socrates vertheidigt worden; ihr war das intelleftuelle Intereſſe zugewandt. Die Beweisführung Platos aus dem Willen ift indirekt. Sie ſchließt die Möglichkeit aus, daß das Willen aus ber äußeren Wahrnehmung entipringe und folgert jo, daß dafelbe einem von ber Wahrnehmung unterjchiedenen, felbftändigen Denkvermögen angehöre. Sie korreipondirt der anderen Beweidführung, daß das höchſte Gut nicht in der Luſt beftehe, die Gerechtigkeit nicht aus dem Kampf der Intereffen finnlicher Weſen entipringe, ſonach das Handeln des Einzelnen wie des Staates in einem von unjerem finnliden Weſen unabhängigen Beweggrund angelegt fein müſſſe. Beiden Beweisführungen liegt als Oberſatz eine Disjunktion zu Grunde, deren Unvollftändigkeit Plato Begründung unzureichend macht. Zuſammen jondern fie ein höheres Vermögen der Ver— nunft von der Sinnlichkeit. Von diefem aus erjchließt dann Plato die Griftenz der Ideen als felbftändiger Weſenheiten auf folgende Weife. Unabhängig von der Äußeren finnlichen Erfahrung trägt nach Plato der Menſch die ideale Welt in fi. Die Selbftbefinnung des Socrates ift in Platos mächtiger Perjönlichkeit ertveitert, ge= fteigert. In der künftlerifchen Darftellung, welche Plato in feinen Schriften von Socrates giebt, der höchſten Schöpfung des dich- teriichen Vermögen? der Athener, ift dieſe Selbitbefinnung gleichſam Perſon gervorden. Plato zeigt alsdann analytifch die Inhaltlichkeit der Menichennatur in dem Dichter, in dem religiöfen Vorgang, in dem Enthufiagmus. Er entnimmt endlich einen ftrengen Be- weis für das Vorhandenjein eines Wiſſensinhaltes 236 Zweites Bud. Zweiter Abfchnitt. im Menſchen, welder unabhängig von ber Erfahrung in ihm ſei, aus der Wiſſenſchaft feiner Zeit und feiner Echule, der Mathematik, und auch in diefem Punkte ift er der Vorgänger Kant. Draftiich zeigt der Dialog Meno, wie mathematijche Wahrheit nicht erworben, fondern in ihr nur eine vorhandene innere Anſchauung entwidelt wird‘). Die Bedingung biefes ZThatbeftandes ift für Plato die transjcendente Berührung der Seele mit den Ideen, und dieje Lehre Platos tritt als Verſuch der Erklärung für den von der äußeren Wahmehmung unabhängigen Inhalt unſeres geiftigen Lebens, Hier zunächſt unferer Intelligenz, neben die Theorie von Sant. Der Thatbeftand, um welchen es fich handelt, wird von Kant auf eine Form des Geiftes, der Intelligenz wie bes Willens zu- rückgeführt. Dies ift im Grunde gar nicht vorftellbar. Aus einer bloßen Yorm de Denkens Tann eine inhaltliche Beſtimmung unmöglich entjtehen; die Urſache, das Gute find aber augenfchein- lich foldde inhaltliche Beftimmungen. Und wäre die Verhältniß— vorftellung der Kaufalität oder der Subſtanz in einer Form unferer ntelligenz gegründet, wie etwa die von Gleichheit oder Verſchiedenheit ift, jo müßte fie ebenjo eindeutig beflimmt und der Intelligenz durchfichtig ala diefe jein Daher enthält Platos Lehre zunächft eine auch Kant gegenüber baltbare Wahrheit. Hier aber tritt andrerſeits die Grenze des griechiichen Geiftes her⸗ vor. Die wahre Natur der inneren Erfahrung war noch nicht in feinem Geſichtskreis. Yür den griechiichen Geift ift alles Erkennen eine Art von Erbliden; für ihn beziehen fich theoretiſches wie praktiſches Verhalten auf ein der Anfchauung gegenüberftehendes Sein und haben dafjelbe zur Vorausſetzung; ihm ift ſonach das Erkennen jo gut ala das Handeln Berührung der Intelligenz mit etwas außer ihr, und zwar daß Erkennen eine Aufnahme dieles ihm Gegenüberftehenden. Und bierbet ift ed gleich, ob die Stellung des Subjekts eine ſteptiſche oder dogmatifche ift: der griechiiche Geiſt faßt Erkennen 1) Meno 82 ff. vol. Phabo 72 ff. Doraudfegung diefed Beweifes in der Auffaflung des Wiſſens. 237 und Handeln ald Arten der Beziehung dieſes Subjeltes zu einem Sein. Der Skepticismus behauptet nur die Unfähigfeit des auf- faflenden Vermögens, das Objekt zu erfafien, wie es ift; er lehrt daher nur die theoretiche wie praftiiche Zurückziehung des Subjekt? auf fi} felber, die Enthaltung, feine Einſamkeit inmitten des Seienden. Dagegen gebt das dogmatiiche Verhalten der griechifchen Denter von dem ficheren Gefühl der Verwandtſchaft mit dem Naturganzen aus; To ift es fchließlih in der griechiſchen Naturreligion be⸗ gründet, fo drückt ed fih in dem Satze aus, der ben älteren dog⸗ matifchen Theorien der Wahrnehmung wie des Denken? zu Grunde fiegt: Gleiches wird durch Gleiches erkannt. Aus biefer griechifchen Denkweiſe entipringt Platos Schluß: der Inhalt, welchen die Seele in fich findet, jedoch nicht in der Erfahrung während ihres dies⸗ feitigen Lebens erworben hat, muß vor demſelben erworben jein; unfer Willen ift Erinnerung, die Ideen, welche wir in uns finden, haben wir geſchaut. Selbft unfere fittlichen Ideen find nach Plato vermöge einer ſolchen Anjchauung für und da. Geht man von der frühen Entitehung des Phädrus aus, jo liegt bier die fundamen- tale Begründung der Lehre von der Transſcendenz der ideen). Alle anderen einigermaßen firengen Echlüffe Platos aus dem Willen auf die Ideenlehre ala feine Bedingung beruhen auf ben- jelben Grundlagen. Dad Wiſſen iſt nicht aus Wahrnehmen und Borftellen ableitbar, jondern von ihm gelondert und ihm gegenüber jelbftändig; dem jo gejonderten Willen muß aud) ein für ſich bejtehender Gegenftand entiprechen. — So ihließt Plato: dem unveränderlihen Willen muß nad feinem Unterjchied von der veränderlichen Wahrnehmung ein unveränber- I) Die Grenze bed Mythiſchen und Scientifiihen in dieſer Beweis⸗ führung Platos kann allerdings ber Natur der Sache nach nicht genau feftgeftellt werben. Schleiermacher, Geichichte der Philoſ. S. 101 hat dies felbe daher dahin umgedeutet: „Plato nannte diefes zeitlofe, vom urſprüng⸗ lichen Schauen abgeleitete Einwohnen eine urnun”. Die Vorausſetzung ber Ideenlehre bleibt aber auch in ber Region ber Zeitlofigfeit Beziehung eines überall und immer ſich felber gleichen Wiflen® auf ein fein reales Objekt bildendes zeitlofed und Überall fich felber gleiches Sein. Im Hebrigen vgl. Zeller, II, 1°, S. 555 ff. 238 Zweites Buch. Zweiter Abfchnitt. licher Gegenftand zukommen; bleibt doch der Begriff in ber Seele, während das Ding untergeht, ſonach muß ihm ein bletbender Gegenſtand entjprechen. — Oder er folgert mit Bu- bilfenahme ber eleatiichen Sätze: ein Nichtfeiendes ift nicht erkenn⸗ bar, und da die Vorftellung ſich auf das bezieht, was Eein und Nichtlein in fich vereinigt, jo ift die Vorſtellung nur theilweiſe Grfenntniß; da nun im Begriff ein wahres Wiflen gegeben ift, fo muß derjelbe ein von dem Objekt der Borftellung unterjchiedenes Objekt haben. — Derfelbe Zuſammenhang von Willen und Sein wird dann auch von dem Begriff des Seins aus entwickelt: das Ding ftellt das, was in feinem Begriff enthalten ift, nicht rein dar, fondern jeine Prädikate find relativ und mechjelnd; alſo hat es feine volle Wirklichkeit, jondern diefe fommt nur dem zu, was der Begriff außdrüdt; diefer aber kann aus feiner Wahr- nehmung der Dinge abftrahirt werden. So fteht innerhalb des Umkreiſes der Selbftbefinnung, welche mit der ſokratiſchen Echule in die Metaphyſik eintrat und ihren Horizont erweiterte, gerade die Befinnung über dad Willen im DBordergrund, indem vom Willen aus auf feine Bedingung, die Ideen geichloffen wird. Jedoch verbindet fi) mit dieſem Schluß der aus dem Sittlihen. Denn die ganze Inhalte lichkeit der Menfchennatur, wie dieſer Geift von gewaltiger Realität fie in fi erfuhr, ift ihm, als aus der Sinnlichkeit nicht ableitbar, ein Beweis für ihren Zulammenhang mit einer höheren Welt. Demgemäß Hat der zweite Beltandtbeil des für Platos Syſtem grundlegenden disjunktiven Schluſſes auf die Selbitändig- feit der Vernunft zu feinem Oberſatz die Disjunktion: das Biel des Handelns für den Einzelnen ift entweder auß der Luft ab» zuleiten oder aus einem von ihrer Vergänglichkeit abgejonderten, felbftändigen Grunde des Sittlichen; das Ziel des Staatswillens iſt entweder durch die einander bekämpfenden ſelbſt⸗ ſüchtigen, auf Luſt gerichteten Intereſſen entſtanden oder in einem von ihnen unabhängigen Weſenhaften gegründet. Platos Polemik gegen die Sophiſtik ſchließt das erſte Glied der Dis— junktion aus, und dieſe Ausſchließung bildet den Unterſatz ſeines Der Beweid aus dem fittlichen Bewußtjein hat diejelbe Borauzfegung. 239 Schluſſes. Seine Erdrterungen hierüber entwideln wahrhaft tief- finnig den Gehalt unjeres fittlichen Bewußtſeins; fo wird ein neuer Kreis der wichtigften Erfahrungen (vorbereitet von der ſo⸗ kratifchen Schule) über den Horizont der philofophiichen Befinnung erhoben und bleibt fortan im Bemußtjein der Menjchheit. — Aber - wie in Socrates, ftoßen wir an diejer Stelle au in Plato twieder an die der griechifchen Geiftesart eigenthümlichen Schranfen. Auch wo bdiefem gleichſam dem Kosmos eingeordnneten Bewußt⸗ fein die Selbitbefinnung aufgeht, findet diejelbe nicht in unmittel« barem Innewerden die Realität der Realitäten gegeben, das willenerfüllte Ich, in welchem die ganze Welt erſt da ift, nein: Anſchauung, welche ja nur in der Hingabe an dad Angefchaute eriftirt, bildende Kraft, welche das Geſchaute an dem Stoffe der Wirklichkeit geftaltet, daB ift dad Schema, unter welchem Diele Selbftbefinnung das Geiftige und feinen Inhalt erblidt. Und wo der jfeptifche Geift auf dieſss Verhältnik zum Objekt verzichtet, bleibt ihm nur „Enthaltung“. Daher begreift Plato den felb- fländigen Grund bes GSittlihen nur als ein Anſchauen der Urbilder des Schönen und Guten. So ordnet fi} ber Schluß aus dem fittlichen Bewußtſein auf Grund der angegebenen Disjunktion zuleßt der Yolgerung aus dem Willen unter. Diejer Schluß Hat zunächft das Dafein des von der Luft unabhängigen weienhaften Sittlichen abgeleitet, und von diefem Ergebniß aus erweiſt ex aladann, daß die Thatjache des Sittlichen die Urbilder des Schönen und Guten zu ihrer Bedingung Hat, auf welche ſchauend wir handeln '). — — — — 1) Es tönnte gezeigt werben, wie jede ſtrengere Begründung ber Ideen⸗ lehre jolchergeſtalt die Vorſtellung der Berührung mit dem Gegenſtande (den unſinnlichen Ideen) in dem auſchaulichen Denken vorausſetzt. Und mit dieſem inneren Zuſammenhang ihrer Begründung iſt in Ueberein⸗ ſtimmung, daß der Phädrus aus ganz anderen, nämlich literarhiſtoriſchen Grüunden, welche von Schleiermacher, Spengel und Uſener entwickelt worden find, als eine frühe Schrift Platos anerkannt werden muß, gerade dieſen Zuſammenhang der Ideenlehre aber in einem erſten Wurfe enthält, und zwar ausgehend von der Zurückführung des ſittlichen Bewußtſeins auf eine ſolche Berührung. 240 Zweite Bud. Zweiter Abfchnitt. In einem grandiofen Gleichniß ift diefer Zufammenhang von ' Plato dargeftellt worden. Die Idee des Guten ift die Königin der geiftigen Welt, wie die Sonne die ber fichtbaren. Der Geſichts⸗ finn für fi) ermöglicht nicht dag Wirkliche zu ſehen, jondern das Licht, dad von der Sonne ausſtrömt, muß daffelbe offenbaren; daher find der Gefichtäfinn und das Wahrnehmbare durch dad Band des Lichtes zum Sehen miteinander verbunden, diejelbe Some gewährt dem Sichtbaren auch feine Entftehung und fein Wach: tum. So ift die Idee des Guten das geheimnißvolle, aber reale Band des Kosmos. In diefem Gleichnik ift der Zuſammenhang ausgedrückt, in welchem die Metaphyfil den Iekten Grund bed Erkennens mit der letzten Urſache der Wirklichkeit verknüpft. Und hier nehmen wir den Faden der Geichichte des meta= phyſiſchen Schlußverfahrend aus aſtronomiſchen Thatjachen wieder auf. Dieſes Schlußverfahren vermittelt in Platos Syſtem eine Vorſtellung vom Wirken der Ideenwelt, welche freilich nur den Werth eines Mythus hat. Mathematik und Aſtronomie ſind noch für Plato die einzigen Wiſſenſchaften des Kosmos, und auch er ſchließt in erſter Linie aus der gedankenmäßigen An— ordnung der Geſtirnwelt, deren Ausdruck ihre Schönheit ft, auf die vernünftige Urſache derſelben. „Zu jagen aber, daß Vernunft Alles anordnete, ziemt dem, ber die Welt und Sonne, Mond und Sterne und den ganzen Umſchwung anſchaut“ 2). Seinen näheren Schlüffen legt er folgende Theorie zu Grunde. Jede dur) Stoß mitgetheilte Bewegung geht in Ruhe⸗ zuftand über. Died wurde damals irrthümlich auß der Erfahrung von den Bewegungen geftoßener Körper abftrahirt; man ſah jeden Körper auf der Erde nad) einem einzelnen Anftoß in den Rube- ſtand zurückkehren und hatte noch von Reibung und Luftwider- ftand Keine Vorſtellung. So wird allein der Seele die Fähigkeit zugejchrieben, von innen und daher dauernd zu bewegen, die Be⸗ wegung bloßer Körper wird ala mitgetheilt betrachtet und jede mit- 1) Plato Philebus 28 E vgl. 80 und beſonders Timäus jowie Gejebe an verichiedenen Stellen. Die Transſcendenz Platos und bie bes Chriſtenthums. 941 getheilte Bervegung als vorübergehend. Das find Vorausſetzungen, welche ſchon der Phädrus entwickelt, und diefer Pſychismus ftimmt mit dem mythiſchen Vorjtellen überein. Hieraus ergiebt fi) dann der Schluß von den regelmäßigen und konſtanten Bewegungen der Geftirne auf konftant wirkende piychifche Weſenheiten ala Ur- fachen diefer Berwegungen. Solche intelligente Urſachen müfſen andrerjeit3 aus den Harmonifchen mathematiihen Verhältnifien der Sphärendrehungen gefolgert werden, in welche fich die Bahnen der Wandelfterne zerlegen lafien. Denn die Verhältniffe der Dre- hungen nad; Umfang, Richtung Iınd Geſchwindigkeit, die fi) da— mals der mechanischen Betrachtung gänzlich entzogen, werden ala Berhältniffe piychiicher Wefenheiten zu einander aufgefaßt und begreiflich gemacht. Und hierüber hinaus liegt überhaupt auf dem ganzen Kosmos der Wiederjchein der Ideen. Die Trandjcendenz diefer platonijchen Ideenordnung hat fich fpäter mit der Trandfcendenz der unfichtbaren Welt des Chriften- thums verſchmolzen. In ihrem innerften Chgrafter find beibe durchaus verichieden. Wol hat Plato die irdifche Welt ala ein ihm Fremde empfunden; aber nur injofern fie nicht der reine Ausdruck weienhafter Yormen ifl. Er flüchtet in das Reich diefer vollftommenen Formen, und jo bleibt der höchſte Aufſchwung feiner Seele an den Kosmos gebunden. Die Beziehungen dieſer tranzcen= denten Weſenheiten zu einander jind ihm nur gedankenmäßige, ja fie werden, wie die Beziehungen geometrijcher Gebilde, durch Ver⸗ gleichung, Feitftellung von Verſchiedenheit ſowie von theilmeifer Gemeinſchaft erfannt. Und indem er den wirklichen Kosmos von ihnen aus unter Vermittlung ber Idee des Guten zu erklären unternimmt, ift es, in allem mythiſchen Glanze, der feine Dar- ftellung umgiebt, ein von den äußeren kosmiſchen Bewegungs- zufammenhängen entnommenes Schema, unter welchem er das Wirken der Gottheit jelber vorftellt: ein Weltbildner, welcher eine Materie formt. Dilthey, Einleitung. 16 242 Zweite Buch. Zweiter Abjchnitt. Sechſtes Kapitel. Ariftoteles und die Anfftellung einer abgejonderten metapbyfiichen Wiſſenſchaft. Ariſtoteles hat die Metaphyſik der ſubſtantialen Formen vollendet. In dieſer ſuchte die Wiſſenſchaft das im Wechſel und der Veränderung Gleichförmige, fand aber zunächſt dies Standhaltende und darum der Erkenntniß Zugängliche in dem, was die All⸗ gemeinvorftellung, der Begriff umfaßt. Dieſe Metaphyſik entiprach einer Naturforſchung, welche in der Zerlegung. vorzüglich auf der Sintelligenz entjprechende, gedanfenmäßige Naturformen zurüd- ging ; hiermit war die Erklärung folder Naturformen aus piychiichen Urfachen verbunden, welche von Gedanken geleitet gedacht wurden ; ein Beftandtheil des mythiſchen Worftellend dauerte in dieſer Annahme pfychiicher Urfachen für den Naturlauf fort. Und zwar wurde in Ariſtoteles diefe Metaphyfit der fubftantialen Yormen zum Mittel, die Wirklichkeit dem Erkennen zu unterwerfen, während Plato in den wirklichen Objekten nur die gigantiſchen Schatten ſah, welche die Ideen werfen. Platos Anſchauung einer unver- änderlichen Ideenordnung jebt fich bei Aristoteles um in die An= ihauung einer ungewordenen ewigen wirklichen Welt, in weldder die Formen in unmwandelbarer Gleichheit mit ſich felber, auch inmitten des Wandel von Anlage, Entfaltung und Untergang auf biefer Erde, ſich erhalten. So bezeichnet Ariftoteled eine wichtige Stelle in der gefchichtlichen Derkettung der Gedanken, welche die Gntwidlung des europäischen Denkens bildet. Die wifjenfhaftliden Bedingungen. Ariftoteled denkt unter der Vorausſetzung, daß der geiftige Vorgang fih des Seienden außer und bemäch— tige!), diefer Standpunkt kann ala Dogmatismus oder ala Chjel- tivismus bezeichnet werden. Und zwar wird von Nriftoteles Die 1) Vgl. ©. 236 ff. DBorausf. d. Arift., daB d. geift. Vorgang fich d. Seienben bemädhtige. 243 Borftellung von der Erfenntniß des Gleichartigen durch; Gleichartiges, welche die Form diefer Vorausſetzung für den unter dem Einfluß feiner Naturreligion und Mythologie ftehenben griechiſchen Geiſt ift, in einem abjchließenden Theorem entwidelt; daſſelbe hat auch eine einflußreiche Schule ber neueren Metaphyſik geleitet. Don welcher Bedeutung der Sat, daß Gleichartiged nur durch Gleichartiged erkannt werde, für das Nachdenken der älteren griechilchen Philofophen war, hat Ariftoteles jelber hervorgehoben ?). Nah Heraflit wird das Bewegte durch dad Bewegte erkannt. Bon Empedocles erwähnt Ariftoteles bei diefer Gelegenheit folgende Verſe: | Erde erbliden wir ftet3 durch Erde, durch Waſſer dag Maffer, Göttlichen Aether durch Aether, verzehrendes Feuer durch Feuer, Liebe durch Liebe und Streit vermittelft des traurigen Streites. Ebenſo ging Parmenibes davon aus, daß Verwandtes das Verwandte empfinde); Philolaus entwidelt, die Zahl füge Die Dinge harmoniſch der Seele. Und denfelben Sab, daß Gleiches durch Gleiches erkannt werde, findet ſchließlich Ariftoteles bei jeinem Lehrer Plato wieder). Diefe Entwidlung ſchließt Ariftoteled durch das folgende Theorem ab. Der Nus, die göttliche Vernunft, ift das Prinzip, der Zweck, durch welchen da8 Bernunftmäßige an den Dingen wenigſtens mittelbar in jedem Punkte bedingt ift, und fo kann durch die der göttlichen verwandte menſchliche Vernunft der Kosmos, jofern er vernünftig ift, erfannt werden ). Metaphyſik, Bernunftwifjenichaft ift vermöge dieſes Entſprechens möglich. 1) Ariſt. de anima I, 2 p. 403 b f. 2) Dal. Theophraft de sensibus 3 bei Dield p. 499. 3) Arifl. de anima I, 2 p. 404517 yırwazeodas yap Tg Ouoln To öuorwv. Er beruft fih hierfür auf den Timäus und auf eine Schrift ep yılooogplas, in welcher über Platos Lehre auf Grund der mündlichen Borträge beffelben berichtet wurde. Vgl. zur ganzen Etelle Trenbelenburg zu Arift. de anima 1877 Ausg. 2, ©. 181 ff. 4) Die Faſſung ift vorfichtig gewählt worden wegen der befannten Schwierigkeiten in Bezug auf die Stellung des göttlichen voüs zu ben fub: flantialen Formen und zu den Geftirngeiftern. 16* 244 Zweites Buch. Zweiter Abfchnitt. Führte nun Plato den Borgang, in welchem wir den ideellen Gehalt des Kosmos gleichfam von ihm ablefen, vorzugsweiſe auf den angeborenen Beſitz dieſes Gehaltes zurüd und Tieß gegen diefen urjprünglichen Bei den anderen Faktor des Vorgangs, die Erfahrung, zurüdtreten, ja grenzte ihren Antheil nirgend Har ab: jo erhalten Hingegen bei Ariftoteles äußere Wahrnehmung und Erfahrung eine berborragende und äußerlich feſte Stellung. Das Theorem des Entſprechens erftredt fich bei ihm auch auf das Verhältniß der Wahrnehmung zu dem Wahrnehmbaren. Sonad) mußte er die nun entftehende Schwierigkeit aufzulöfen juchen, daß die menjchlicde Vernunft den Grund des Willen? von ber Bernunftmäßigleit des Kosmos in fich trägt, jedoch Dies Wiſſen felber erft durch die Erfahrung erwirbt. Er befteht darauf, daß wir nicht ein Willen von den Ideen bejiten können, ohne ein Bewußtſein dieſes Wiſſens zu Haben!), und verjucht bie fo auftretende Frage im Zuſammenhang feiner Metaphyfif durch den Begriff der Entwidlung zu löſen. In dem menfchlichen Denken ift vor dem Erkenntnißvorgang die Möglichkeit (Dynamis) des unmittelbaren Wiſſens von den höchſten Prinzipien und fie gelangt in dem Erkenntnißvorgang jelber zur Wirklichkeit). Die Aus: führung diejer erfenntniß-theoretiichen Grundanſchauung, jo tiefe Blicke fie enthält, vermag den von Plato im Dunkel gelaffenen Punkt, die Stellung der in der menfchlichen Vernunft (dem Nus) gegebenen Bedingung der Erkenntniß zu der anderen in der Erfahrung Itegenden nicht zu erhellen. Der einzelne Sinn entjpricht den Gegenftänden einer einzelnen Gattung; das Wahrnehmungsfähige ift (gemäß dem obigen allgemeinen Lölungsverfahren) der Möglich- feit nach jo beichaffen, wie e8 der Wahrnehmungsgegenftand der Mirklichkeit nach iſt?); innerhalb feiner Objektsſphäre gewahrt daher das geiunde Sinnedorgan dad Wahre. Ja Ariftoteles legt 1) So in ber Polemik gegen die Ideenlehre Metaph. I, 9 p. 99821. 2) Vgl. die Stellen fowie bie nähere Darlegung bei Zeller U,2°, 188 ff. 3) To d’alodntızöov Jvrausı Loriv oiov ro alaInrov ndn drrelszreie de anima II, 5 p. 4183, Was ber geiflige Vorgang am Kosmos auffaßt. 945 dar, dab wir alle überhaupt möglichen Sinne befiten !), ſonach die geſammte Realität auch durch unfere Einne aufgefaßt wird, und dieſe Meberzeugung Tann ald der Schlußftein feines objektiven Realismus betrachtet werden. Wie dad Sinnedorgan zum Wahr: nehmbaren, jo verhält ſich aladann die Vernunft, der Nus, zum Denkbaren. Dem entfprechend erfaßt auch die Vernunft die Prin- zipien durch eine unmittelbare Anfchauung, welche jeden Irrthum ausfchließt ?2); ein ſolches Prinzip ift das Denkgeſetz vom Wider- ſpruch. Aber weder der Umfang ber im Nus angelegten Prinzi- pien der Erfenntniß noch die Stellung des von den Wahrnehmungen zurüdichreitenden, indultiven Vorgangs zu den urfprünglichen im Nus angelegten Begriffen und Ariomen gelangt |chließlich zur Klarheit. Diefer objeltive Standpunkt des Ariſtoteles repräfentirt die natürliche Stellung der Intelligenz de Menichen zum Kosmos. Und zwar war e8 nun zweiten durch das Stadium, in welchem zu der Zeit des Ariftoteles die Wiſſenſchaft fi) befand, be- dingt, was die Intelligenz an dem Kosmos damals erfannte, Zwar hatte die Wiffenichaft des Kosmos von den Objekten Die Betrachtung der allgemeinen Beziehungen losgelöſt, welche zwiſchen Zahlen, Raumgebilden herrichen ?); dagegen beſtand noch fein von den Objekten abftrahirendes, abgejondertes und in fich zufammen- bängendes Studium anderer Eigenjchaften derfelben, wie etwa ber Bewegung, ber Schwere oder des Lichtes. Die Schulen be Anaxa⸗ gorad, Leukipp und Demofrit neigten fich einer theilweiſe oder ganz mechanijchen Betrachtungsweiſe zu, doch haben auch fie nur höchſt unbeftimmte, unzufammenhängende und theilmeife irrige Dorftellungen von Bewegung, Drud, Schwere x. für ihre Er- Härung des Kosmos angewandt, und wir erlannten hierin den Grund, aus dem die mechanische Betrachtungsweiſe im Kampf mit derjenigen unterlag, welche bie Formen mit pfychiichen Welen- — 1) de anima III, 1 p. 424 b 22. 2) Bol. den Schluß ber in ben beiden Analytifen und vorliegenden logiſchen Hauptichrift Analyt. post. II, 19 p. 100b. 3) Bol. ©. 181. ° 246 Zweites Bud. Zweiter Abſchnitt. heiten in Beziehung ſetzte i). Begegnen wir doch zuerft bei Archi⸗ medes einigen angemefjenen und beftimmten Borftellungen über Mechanik. Unter ſolchen Umftänden übertvog immer noch in der griechiichen Naturwifjenichaft die Betrachtung der Bewegungen ber Geftirne, welche fi in Folge der großen Entfernung derſelben dem menfchlichen Geifte von jelber Iosgelöft von den anderen Eigenſchaften dieſer Körper darboten, alsdann bie vergleichende Betrachtung der intereffanteren Objelte auf der Erde, und unter dieſen zogen naturgemäß die organijchen Körper beſonders die Auf: merkſamkeit auf fidh. Diefem Stadium der pofitiven Willenfchaften entiprady am beiten eine Metaphyfik, welche die Yormen der Wirklichkeit, wie jte fi) in Allgemeinvorftellungen außdrüden, und die Beziehungen zwwilchen biefen Yormen in Begriffen darftellte jowie als meta= phyſiſche Wejenheiten der Erklärung der Wirklichkeit zu Grunde legte. Dagegen war die Atomiftik diefem Stadium weniger angemefjen. War fie doch in jener Zeit ebenfalld nur ein meta- phyſiſches Theorem, nicht eine Handhabe für Experiment und Rechnung. Ihre Maffentheilcden waren begrifflich feftgeftellte Sub- jekte des Naturzuſammenhangs, und zwar erwieſen fich diejelben als unfruchtbar für die Erklärung des Kosmos. Denn die Zwiſchen⸗ glieder zmwilchen ihnen und den Naturformen fehlten: angemeffene und beitimmte VBorjtelungen über Bewegung, Schwere, Drud x. ſowie zufammenhängende Entwidlung folder Borftellungen in abftraften Willenjchaften. Der Herrichergeift des Ariftoteles, durch welchen er fich zwei Sahrtaufende unterivarf, lag nun darin, wie er dieſe dargelegten willenichaftlichen Bedingungen verknüpfte, wie er demnach die natürliche Stellung der Intelligenz zum Kosmos in ein Syftem brachte, das jeder Anforderung genügte, die innerhalb dieſes Stadiums der Wiſſenſchaften gemacht werden konnte. Er war aller poſitiven Wiſſenſchaften ſeiner Zeit mächtig (von der Mathematik wiſſen wir es am wenigſten); in den meiſten derſelben 1) Bgl. bie beachtendwerthen Bemerkungen be3 Simpliciu3 zu de caelo Schol. p. 491b8. Die Hierdurch bedingte Bedeutung der ariftoteliichen Metaphyfik. 247 war er bahnbrechend. In Folge Hiervon verkürzte er ihre Vorausſetzungen an feinem Puntte, jo daß es erforderlich geweſen wäre, über feine metapbyfiiche Grundlegung hinauszugehen; der Wahrnehmung wahrte er ihr Recht; er erfannte im Werden, der Bewegung, der Veränderung und dem Vielen Wirklichkeit, die nicht durch unfruchtbares Raifonnement geleugnet, jondern erklärt werden muß; ihm hatte das Einzelding, das Einzelweſen die vollfte Realität, die ung gegeben if. So fommt ed, daß feine . einzelnen Gedankenwendungen der Diskuſſion in den folgenden Jahrhunderten unterlagen, daB aber die Grundlagen feines Syſtems feftitanden, ſo lange das bezeichnete Stadium der Wiflenjchaften fort= dauerte. Während diejer ganzen Zeit hat man jeine Metaphyſik zwar erweitert, aber ihre vorhandenen VBorausfegungen aufrecht erhalten. Die Sonderung der Logik von der Metaphysik und ihre Beziehung auf dieſelbe. Unter diefen Vorausſetzungen entftand ala abgejonderte Willen: Ihaft Metaphyfil, die Königin der Wiſſenſchaften. Die Leitung des Ariftotelea, welche died zunächft ermöglichte, war die abge= fonderte Behandlung der Logik. Ariſtoteles hat den dentnoth- wendigen Zuſammenhang, welchen bie Erfenntniß bildet, einer theoretifchen Betrachtung unterworfen. Er ftellte eine erfte Theorie der Formen und Gefete der wiſſenſchaftlichen Beweisführung auf. Wir nüpfen an die Darlegung über die beiden Klaſſen der unmittelbaren Wahrheiten: Wahrnehmungen und Prinzipien an. Zwiſchen beiden bewegt fich alle andere Erfenntniß, ald ver= mitteltes Wiffen. Denn jeder wifſſenſchaftliche Schluß führt vermittelft jeiner Prämiffen ſchließlich auf ein unmittelbar Gewiſſes, und ein ſolches ift entweder die Wahrnehmung ald das für ung Erſte oder die unmittelbare Bernunftanfchauung ala dag an fi Erſte. Mit dem Hinweis auf die leßtere als den tiefften Grund de3 vermittelnden Denkens oder des Raiſonnements jchließt die ariftotelifche Analytik’). 1) Analyt. post. II, 19 p. 100 b 14 e? oV» undiv allo nag Enıorn- 248 Zweited Bud. Zweiter Abichnitt. Die weltgejchichtlide Bedeutung ber ariftotelijchen Logik liegt nun darin, daß in ihr die Formen dieſes vermittelnden Denken? zuerft in folgerechter Vollſtändigkeit abgelöft betrachtet wurden, und zwar mit einem logiſchen Verftande erften Ranges. So entitand die Schlußlehre‘). Für jene Zeit bot dieſe Logik zunächft einen Schlüffel zur Auflöfung der Streitfäße der Sophiften und beendete daher die lange revolutionäre Bewegung, welche bie Periode der Sophiften, des Socrates, Antifthenes, jowie der Megarifer erfüllt hatte. Alsdann enthielt diefelbe die Hilfsmittel für die formale Durchbildung der Einzelwiſſenſchaften. Wie die Mathematit dem Ariftoteles das bedeutendfte Beiſpiel Iogifcher Entividlungen in jener Zeit darbieten mußte, jo hat jein logifches Geſetzbuch auch wieder rückwärts die Mittel gewährt, der Geometrie ald Wiſſen⸗ Ihaft die einfach ftrenge, muftergiltige Yorm zu geben, welche das Elementarwerk des Euflid zeigt, und dieje Form ift dann das Vorbild mathematischer Entwidlungen für alle Folgezeit ge- worden ?). | Die Grenzen der ariftoteliichen Logik waren durch die zu enge Beziehung berjelben zu ber Metaphufif bedingt. Sm Bezug auf dad Einfache ift Wahrheit ein Erfaflen in Ge: danken, eine Art von Berührung (Iıyyareır), wie diejelbe die letzte Vorausſetzung dieſes griechifchen Objektivismus bildet; in Bezug auf das Zuſammengeſetzte iſt Wahrheit diejenige Zuſammen⸗ fügung im Denken, welche der im Seienden entſprechend iſt, Irr⸗ thum aber iſt die andere, welche ihr widerſpricht?). Sonach haben wir das BVerhältniß der Korrefpondenz auch auf das Gebiet des vermittelnden Denkens auszubehnen; die Formen dieſes Denken? und die Beziehungen im Seienden entfprechen einander. unv yEvog Eyouev dAndEs, voüs av Ein Emiornuns doyn. xal n wir doyn täs apyüs ıIn av, n dt naoa Öuolwus Eye noös To Anav noüyua. 1) Died erklärt er jelber mit berechtigtem Selbftgefühl Elench. soph. 33 p. 183 34 p. 184 11. 2) Proclus in feinem Kommentar zu Euklid (p. 70 Friedl.) berichtet, daß Euflid eine bejondere Schrift über die Trugichlüffe verfaßte, was ſeine eingehende Beichäftigung mit der logiſchen Theorie beweiſt. 8) Arift. Metaph. IX, 10 p. 1051334 vgl. IV, 7 p. 1011623. Die Sonderung d. Logik v. d. Metaphyfit u. ihre Beziehung auf biefelbe. 249 So ift der Begriff der Ausdrud des Weſens; fo verknüpft das wahre bejahende Urtheil, was in den Dingen verknüpft ift, und das entiprechende verneinende trennt, was in ihnen getrennt ift; jo entipricht der Mittelbegriff in dem vollfommenen Zuſammen⸗ Bang de3 fyllogiftiichen Schluffes der Urfache in dem Zujammen- bang der Wirklichkeit. Und wie man endlich die Stellung ber Arten der Audfage über das Seiende (yEyn r@v xarnyogıör), ber Kategorien, zu dem Denkzulammenhang bei Ariſtoteles auffafje: dieje Kategorien entiprechen ebenfalld Formen des Sein !). Und zwar behält diefe Faſſung des Verhältniffes, wie wir fie bei Ariftotelea finden, jo lange ihre Berechtigung und ihre Macht, ala die Logifchen Yormen, welche das diskurſive Denken bietet, nicht aufgelöft und die Beziehungen zwiſchen dem Denken und feinem Gegenftand nicht Hinter das fertige Objekt zurüdverfolgt werden. Auch in diefem Punkte erweift fich Ariftoteles als ein Metaphufiler, welcher bei den Formen der Wirklichkeit Stehen bleibt. Seine Zergliederung der Wiſſenſchaft verbleibt innerhalb der Berlegung von Formen in Formen und zeigt fo dieſelbe Grenze wie die aftronomische Zergliederung des Weltgebäudes durch die Alten. Was die Rede, das diskurſive Denken ald Zuſammenhang darbietet, wird in eine Beziehung von Formen zu einander aufgelöft, und diefe werden zu den Formen der Wirklichkeit in das Ver- hältniß des Abbildens geſetzt. Schleiermacher mit feiner Theorie der Korrefpondenz, Trendelenburg, Ueberweg haben, welches auch im Einzelnen die Verjchiedenheiten von Ariftoteles find, diefen ob- jektiviftiichen Standpunft feftgehalten. Der Begriff des Entſprechens, der FKorrefpondenz zwiſchen Wahrnehmung und Denken einerſeits, Wirklichkeit und Sein andrerjeit3, auf welchen Hiernach die ganze Grundlegung dieſes natürlichen Syſtems zurückgeht, ift vollftändig dunkel. Wie ein Gedachtes einem draußen wirklich Eriftirenden entiprechen könne, davon kann ſich Niemand eine Borftellung maden. Was Aehn- 1) Arist. Metaph. V, 7 p. 1017223 öoayws yap Afyeroı, Tooav- Taxus ro eivas Onualveı. 250 Zweites Bud. Zweiter Abſchnitt. lichkeit in mathematiſchem Verſtande jei, kann definirt werden; bier wird aber eine Aehnlichkeit behauptet, die ganz unbeſtimmt it. Ja man kann fagen, beftänden nicht die Phänomene von Abfpiegelung in der Natur ſowie von Nachbildung in der Kunft des Menſchen: eine jolche VBorftellung hätte faum entftehen können. Der nähere Zufammenhang des logiſchen Denkens, wie ihn die Lehre des Ariftoteled von Schluß und Beweis entwidelt, ift ein Gegenbild des von ihm angenommenen metaphyſiſchen Zus ſammenhangs. Dies ergiebt ſich aus der angegebenen Borftellung von Entſprechen. Sigwart jagt zutreffend: „Indem Ariftoteles ein objektive Begriffsfyftem vorausſetzt, daß fich in der realen Melt verwirklicht, jo daß der Begriff überall ala das das Welen der Dinge Konftituirende und als die Urjache ihrer einzelnen Be— ſtimmungen erſcheint, ftellen fi ihm alle Urtheile, die ein wahres Willen enthelten, ald Ausdruck der nothivendigen Begriffsverhält- niſſe dar, und der Syllogismus ift dazu da, die ganze Macht und Tragweite jedes einzelnen Begriff? der Erkenntniß zu offenbaren, in= dem er die einzelnen Urtheile verfnüpft und durch die begriffliche Einheit von einander abhängig macht; und der ſprachliche Ausdruck diefer Begriffsverhältniffe ergiebt fich daraus, daß fie immer zu= gleich als das Weſen des einzelnen Seienden ericheinen, dieſes alfo in feiner begrifflichen Beftimmtheit das eigentliche Subjekt des Urtheileng ift, das Verhältniß der Begriffe alſo in dem allgemeinen oder partitularen, bejahenden oder verneinenden Urtheil zu Tage tritt ).“ Hieraus ergeben fich die Stellung des kategoriſchen Urtheils, die Bedeutung der erften Figur und die Zurücdführung der anderen Figuren auf diefelbe, die Stellung bes Mittelbegriffs, welcher der Urſache entſprechen ſoll: kurz die Haupteigenthümlichkeiten der ariftotelifchen Analytik, Sonach ftand die Syllogiftit des Ariftoteled jo lange feft, als die Vorausſetzung eines objektiven, im Kosmos realifirten Begriffsſyſtems feitgehalten wurde. Seitdem die Logik dieje Vor- ausſetzung aufgab, bedurfte fie einer neuen Grundlegung. Und 1) Sigwart, Logik I, 394. Aufftellung einer jelbfländiggn Wilfenichaft der Metaphyfik. 251 wenn fie troßdem die logiſche Yormenlehre des Ariftoteles feſtzu⸗ halten bemüht wear, juchte fie den Schatten von etwas zu ſchützen, deſſen Weſen dahin war!). Aufftellung einer felbftändigen Wiſſenſchaft der Metaphyſik. So hat Ariſtoteles zuerſt den logiſchen Zuſammenhang in dem Denkenden für ſich betrachtet, abgeſondert von dem realen Zuſammenhang in der Wirklichkeit, aber in Beziehung auf ihn; dem entſprechend hat er klarer den Begriff des Grundes von dem der Urſache?) geſchieden: er hat von der Logik die Metaphyſik abgetrennt. Dieje Sonderung war ein wichtiger Fortſchritt inner- halb des natürlichen Syflemd, ſonach in den Schranfen des Objektivismus, verglichen mit der früheren Einheit von Meta⸗ phyif und Logik. Auch wird die Bedeutung diefer Sonderung für da8 Stadium, welches wir barftellen, dadurch nicht gemindert, daß dieje Selbftändigfeit der Metaphyfil auf dem Eritifchen Stand- punkt in Frage geftellt werden wird, weil der reale Zujammen- bang ja nur in dem Bewußtjein, für und durch dafjelbe vorhanden und jeder Beitandtheil diejeg Zuſammenhangs, welchen die Meta- phyfik analyfirt, wie die Subftanz, das Quantum, die Zeit nur Thatfache des Bewußtſeins ift. Und wie Ariftoteles feine erſte Philojophie von der Logik ſchied, jo trennte er dieſelbe andrerjeit® von der Mathe- matik und Phyſik. Die Einzelwiſſenſchaften, wie die Mathe- matit, haben beiondere Gebiete des Seienden zu ihrem Gegenftande, die erſte Philojophie aber die gemeinfamen Beitimmungen des Seienden. Die Einzelwiffenjchaften gehen in der Feſtſtellung der Gründe nur bis zu einem gewiſſen Punkte zurüd, die Metaphyſik 1) Die Beziehung ber Logik des Ariftoteles zu feiner Metaphyſik und folgerecht den rechten Sinn ber ariftoteliichen Logik zuerft in ausführlicher Gründlichkeit dargelegt zu haben ift ein großes Verdienſt von Prantl. Sigmwart Hat dann von hier aus die Grenzen bed Werthes ber ariftotes liſchen Syllogiſtik kritiſch gezeigt. 2) apyn ber beides umfaſſende Ausdruck. Metaph. V, 1 p. 1013 3 17 die Eintheilung: „Allem, was aoyn ift, ift alſo dies gemeinfam, das Erfte zu fein, woraus etwas ift oder wirb oder erfannt wird.” 252 Zweites Buch. Zweiter Abſchnitt. aber bis zu den im Erkenntnißvorgang nicht weiter bedingten Gründen. Sie ift die Willenichaft der allgemeinen und unver- änderliden Prinzipien‘). Und zwar geht Ariftoteles don dem im Kosmos Gegebenen rückwärts zu den Prinzipien. Wenn aud) die Rückverweiſungen auf die phyſiſchen Schriften nichts beweiſen, fo wird Ddiefer Zuſammenhang doch daraus deutlich), dab die Metaphyſik die Aufzeigung der erften Urjachen von der Phyſik empfängt und jelber zunächſt nur durch eine hiſtoriſch-kritiſche Mufterung die Vollftändigkeit der in der Phyſik gefundenen Prinzipien beftätigt ?). — In erfter Linie folgert diefer Zujammen- bang auß der Anerkennung und Betrachtung der Bervegung. „Uns aber ftehe der Grundſatz feſt, daß dad von Natur Eriftirende, alles oder doch einiges in Bewegung ift; und zwar ift dies durch Schluß aus der Erfahrung klar?).“ Die eleatiſche Leugnung der Bewegung ift dem entiprechend für Ariftoteles, welcher in der Aufgabe der Erklärung der Natur lebt, nur bie unfruchtbare Negation aller Wiſſenſchaft des Kosmos. Bon den ftätigen und volllommenen Bewegungen der Geftirne, von dem Spiele der Veränderungen unter dem Monde geht die Erfennt= niß zu den erſten Urjachen zurüd, welche zugleich die erften Erflärungsgründe enthalten. So wird der reale Zuſammenhang des Kosmos, welcher Gegenftand der ſtrengen Wifjenichaft ift, durch eine Analyſe erfannt, die von ihm, ala dem und gegebenen Zuſammengeſetzten, auf die Prinzipien zurüdichließt, ala auf die wahren Subjelte des Naturzuſammenhangs ). Auf der jelbftändigen metaphyfiſchen Willenjchaft beruhte, To lange eine erfenntnißtheoretifche Grundlegung nicht beftand, zur einen Hälfte die Möglichkeit, die pofitiven Wiſſenſchaften einer formalen Vollendung entgegenzuführen, wie fie zur anderen in — — — — 1) Vergl. S. 160 ff. 2) Metaph. L, 3 und 10, womit bie ſchrittweiſe Ableitung der Prinzi⸗ pien in der Phyſik (bei. Buch I und ID) zu vergleichen. 3) Arift. Phys. L 2 p. 185 = 12. 4) Arift. Phys. I, 1 p. 184» 21 Zorı d’nuiv nowroy dnla xal aayn Te auyxeyvueva ucklov' üvoregov dx Toutay ylveran yYvapıua Tu OToszEin. Der metaphyſiſche Zulammenhang der Welt. 958 der logiſchen Selbitbefinnung begründet mar. So ift die Meta- phyfik die nothivendige Grundlage der Wiflenfchaften des Kosmos geworden und fie zuerit bat ihnen verflandeamäßig präparirte Grundbegriffe geliehen. In dem inneren diefer Metaphyſik be= reitete ſich alsdann der kritiſche Standpunkt vor, denn erft die verftandesmäßige Zergliederung der allgemeinen Beltandtheile des Mirklichen ermöglichte, in ihnen Bewußtſeinsthatſachen aufzufaflen. In ihrem Schooße Hat ſich auch vorbereitet, was die Erkenntniß⸗ theorie vielleicht über Kant hinausführen kann. Denn wenn die Unmöglichkeit ſich herausſtellen jollte, dieſen Beftandtheilen der Wirklichkeit eine logiſch Hare Form zu geben, dann öffnete fich unferer geichichtlichen und pſychologiſchen Betrachtung der Blid in einen Urſprung derjelben, welcher nicht in dem abftraften Verftande liegen Tönnte. Der metaphyſiſche Zuſammenhang der Welt. Diefe metaphyſiſche Analyſis vollbringt ala erfte große Leiftung die Auffindung und gedantenmäßige Darftellung der allgemeinen Beitandtheile der Wirklichkeit, wie diejelben der Unter- ſuchung des Xriftoteles fi) ergaben. Solche Elemente oder Prinzipien, welche im realen Zufammenhang des Kosmos überall wiedergefunden werden, bieten ſich dem gewöhnlichen Borftellen Ihon in der Realität, dem Ding und feinen Eigenfchaften, dem Wirken und Leiden dar. Ariſtoteles Hat dieje allgemeinen Be⸗ ftandtheile, welche in den Kosmos verivebt find, zuerft iſolirt und wie einfache Körper darzuitellen verſucht. Wir find Hier nicht genötigt, das jehr dunkle und jchwierige Verhältniß zu unter- ſuchen, in weldem bie von ihm aufgefundenen Kategorien zu jeinen metaphyſiſchen Prinzipien ftehen, uns genügt der klare Thatbeftand feiner Ergebniſſe. Das tragische Schickſal diefer großen und immer fortgehenden Arbeit der Metaphyſik, welche unabläffig darauf gerichtet ift, die allgemeinen Beftandtheile der Wirklichkeit jo zu entiwideln, daß eine reale und objektive Erfenntniß des Weltzufammenhangd mög⸗ lich fei, beginnt, fi) nunmehr Alt auf Akt vor und zu enthüllen! 254 Zweites Buch. Zweiter Abfchnitt. Die Sinnedqualitäten, Raum, Zeit, Bervegung und Ruhe, Ding und Eigenschaft, Urſache und Wirkung, Form und Materie: bies find alles allgemeine Beftandtheile, welche wir an jedem Punkte der Außenwelt antreffen und die aljo in unferem Bewußtfein don äußerer Wirklichkeit überhaupt enthalten find. Un- abhängig von dem Unterſchied philofophiicher Standpunfte ergiebt fh nun hieraus die Frage: wird die Klarheit über Dieje Elemente, ifolirt von der Unterſuchung des Bemußt- fein3 und der in ihm gegebenen allgemeinen Bedingungen aller Wirklichkeit, erreicht werden können? Der Verlauf der Gejchichte der Metaphufit ſelber mag allmählich auf diefe Frage antworten. Zunächſt ftellen fidh einer ſolchen Erwägung die einfachen Begriffe von Sein und Subftanz dar. 1. Die metaphufiiche Analyfia des Artftoteles findet überall Subitanzen mit ihren Zuftänden, die in Beziehungen zu einander jtehen *); Hier find wir im Mittelpunkt der metaphyſiſchen Schriften des Ariſtoteles. | „Eine Willenichaft exriftirt, welche dad Seiende ald Eeien- des (ro dv 7 dr) und deflen grundweſentliche Eigenfchaften unter- fucht. Sie ift nicht mit irgend einer der Fachwiſſenſchaften iden- tiſch; denn feine von biefen anderen Wiſſenſchaften ftellt im allge= meinen Unterfuchungen über ba3 Seiende ala Seiendes an, Jondern indem fie einen Theil deſſelben abſchneiden, unterfuchen fie deffen bejondere Beichaffenheit 2).” Die Mathematik hat das Seiende als Zahl, Linie oder Fläche, die Phyſik als Bewegung, Element zum Gegenftande; die erfte Philojophie betrachtet es, wie es überall dafielbe ift: das Seiende als ſolches. Nun wird diefer Begriff des Seienden (des Gegenſtandes der Metaphyſik) in mehrfacher Bedeutung gebraucht; die Sub: tanz (odote) wird jo gut mit diefem Namen bezeichnet wie die Qualität einer ſolchen. Immer aber fteht der Begriff des Seienden 1) Ueber dieſe Dreitheilung in oro/m, n&sos und moos rı |. Prantl Geſch. der Logik I, 190. 2) Arift. Metaph. IV, 1 p. 1008 = 21. Die Analyfis des Subftanzbegriff? bei Ariftoteles. 955 zu dem der Subftanz in Beziehung’). Denn was außer ber Subſtanz ala jeiend bezeichnet werden Tann, ift dies, weil es einer ſolchen und zwar einer Einzelſubſtanz zulommt. Daher ift die erite Bedeutung, in welcher von einem Seienden die Rebe ift, die von Einzelfubftang: alles Webrige wird darum als jeiend be- zeichnet, weil es die Quantität, Qualität oder Eigenſchaft zc. eines ſolchen Seienden ift?). Die Metaphyſik iſt fonach in erfter Linie bie Wifjen- Ihaft von den Subftanzen, und es wird fich zeigen, daß ber höchſte Punkt, welchen fie erreicht, Erkenntniß der göttlichen Subftanz ift. Nur in uneigentlihem Sinne darf man jagen, daß fie da8 Seiende in feinen weiteren Bedeutungen zum Gegenftande habe, mag es als Qunlitatived, Quantitatived oder als andere prädilative Beitimmung auftreten?) Näher unter- ſcheiden ſich die folgenden einfachen Beftandtheile der Ausſage und der ihr entiprechenden Wirklichkeit: die Subſtanz ift ein meßbares Quantum von eigen\chaftlicher Beftimmtheit ſowie in Res lation ftehend, und zwar in den Verhältniſſen von Ort und Seit, Thun und Leiden‘). So bildet die Subſtanz den Mittelpunft der Metaphyſik des Ariftoteles, wie fie ihn in der Metaphyſik der Atomiler und Platos gebildet Hatte. Erſt mit dem Auftreten der beſonderen Erfahrungsmwifienichaften tritt der Begriff der Kaufalität in den Vordergrund, welcher mit dem Begriff des Geſetzes in Beziehung fteht. Kann nun die Metaphyſik des Ariftoteles diefen ihren Grundbegriff der Subftanz zu verftandes- mäßiger Klarheit bringen? Eine Definition, welche in dem platoniihen Sophiſtes erwähnt wird°), beflimmt das Wahrhaft-Seiende (övruc dr) — — — — — — 1) Ebendaſelbſt IV, 2 p. 10088 f. 2) Metaph. VIL 1 p. 1028 » 11, 18. 3) ®gl. VII, 1 p. 1028213 p. 102866, IX, 1 p. 104527, XIL 1 p. 1069218. 4) Hierzu kommen in ber vollftändigen Aufzählung der zehn Kategorien no Zyeır und xeio9as, vgl. die Meberfiht in Prantl's Geſchichte ber Logik I, 207. 5) Plato Sophiftes 247 DE. 256 Zweites Buch. Zweiter Abfchnitt. als dad, was dad Vermögen zu wirken und zu leiden befitt, und nach anderen bat Leibniz diefe Definition wieder auf- genommen ?). Diejelbe führt den Begriff der Subftanz in den ber Kraft, der urjächlichen Beziehung zurüd und löſt ihn in dieſen auf. Eine ſolche Begriffsbeftimmung könnte fich in dem fpäteren Stadium, in dem Leibniz auftrat, nüßlich erweilen, um der Subſtanzvor⸗ ftellung einen Begriff von größerer Verwerthbarkeit für die natur- willenjchaftliche Betrachtung zu ſubſtituiren. Aber fie drückt nicht daB aus, was in dem Thatbeftand des Dinges von und vorge= jtellt it und was folgerecht die dem Erkennen dienende Unter⸗ Iheidung der Subſtanz und des ihr Inhärirenden abgrenzen will. Der realiftifche Geift des Ariſtoteles war bemüht, dies direkt zu bezeichnen. Ariſtoteles beftimmt einerjeit3, was wir in dem realen Zufammenhang der Wirklichkeit unter Subftanz ung vorftellen. Sie ift dag, was nicht Accidens von einem Anderen ift, von dem vielmehr Anderes Accidens ift; wo von der Einzel- ſubſtanz und ihrem Subftratum die Rede ift, drüdt dies Ariftoteles durch eine bildliche, räumliche Vorftellung aus. Er ftellt andret- jeitö feft, wa3 wir in dem Dentzujammenhang unter Subftanz vorftellen. In diefem ift die Subftanz Subjekt; fie bezeichnet dad, was im Urtbeil Träger von prädifativen Beſtimmungen it; daher werden alle anderen Yormen der Ausfage (Kategorien) von der Subſtanz prädictt ?). Verknüpft man dieje leßtere Beitimmung mit den früheren: jo ſucht Ariftoteleg in der Metaphufil dad Subjelt oder die Subjekte für alle Eigenfchaften und Veränderungen, die un? am Kosmos entgegentreten. Dies iſt die Beichaffenheit aller meta— phyſiſchen Geiftezrichtung: diefelbe ift nicht auf den Zuſammen⸗ bang gerichtet, in welchem Zuftände und Veränderungen mit ein= ander verbunden find, jondern geht geradenmeges auf dad da= Hinterliegende Subjekt oder die dahinter liegenden Subjekte. 2) ipsam rerum substantiam in agendi patiendique vi consistere Leibn. opp. I, 156. Erdm. 3) xarnyopoüvras zera mv ovoıwv. Vgl. Bonik ind, Ar. unter ovore. Die Analyfis der Staufalität bei Ariftoteles. 257 Aber die Metaphyfit des Ariftoteles arbeitet, indem fie das objektive Verhältnig der Subftanz zum Accidens erkennen will, wie es an diefen Subjekten befteht, mit Beziehungen, welche fie nicht auf- zubellen vermag. Was heißt in fich, in einem Anderen fein? Die Subſtanz im Gegenjaß zum Accidens wird nod) von Spinoza durd) dag Merkmal von in se esse ausgedrückt; das Accidens ift in der Subſtanz. Dieje räumliche VBorftellung ift nur ein Bild. Mas mit dem Bilde gemeint ſei, ift nicht, wie Gleichheit oder Verjchiedenheit, dem Berftande durcchfichtig und kann an feiner äußeren Erfahrung aufgezeigt werden. In Wirklichkeit iſt dieſes In⸗ſich-ſein in der Erfahrung der Selbftändigfeit, im Selbſtbewußtſein gegeben, und wir verftehen es, weil wir es erleben. Und kann wohl weiter, ohne daß Hinter die logifche Form der Verknüpfung von Subjelt und Prädikat zurücdgegangen wird, das Verhältniß dieſes meta⸗ phyfiſchen zu dem logischen Ausdruck der in der Subſtanz gelegenen Beziehung aufgehellt werden? In dem vorliegenden Zujammenhang hat der verjchiedene Sinn fein Intereſſe, in welchen ſich Ariftoteles dann im Einzelnen des Ausdrucks Subſtanz bedient; derjelbe entfpringt daraus, daß Ariftoteleg von den verichiedenen Subjeften, auf welche feine Meta⸗ phyſik zurückgeht, jpricht: von Materie ald Grundlage (Ürcoxeiue- vov), von dem Weien, das dem Begriff entipricht (A ara Tor Aoyov oroia), von dem Einzelding (tude ve). Insbeſondere an das Einzelding al die erfte Subftanz lehnen ſich Beftimmungen '), die jo unvolllommen durchgebildet find, daß wir von ihnen abfehen. Unter den anderen Klafjenbegriffen der Ausſage, den Sate- gorien, haben Thun und Leiden für die Metaphyfil die größte Bedeutung. Der Begriff der Kaufalität tritt in der neueren Metaphyſik neben den der Subftanz, ja das Streben beiteht, die Eubitanz in die Kraft aufzulöien. Es ift bezeichnend für bie Metaphyſik der Alten, daB die Unterjuchung der in diejem Begriff gelegenen Probleme noch zurüdtritt; die Subftanzen, ihre Be- wegungen im Raume,’ die Formen bilden den Geſichtskreis ihrer 1) Categ. 5 p. 22 11. Dilthey, Ginleitung. 17 258 Zweites Bud. Zweiter Abichnitt. Phyſik und ſonach ihrer Metaphyſik; Thun und Leiden werden in dieſem Zuſammenhang der anjchaulich Haren Borjtellung der Bewegung untergeordnet !). Und zwar führt in dem Zuſammen⸗ hang der Welterflärung die Thatjache der Beiwegung an den Sub- ftanzen zurüd in die lebten erklärenden Begriffe des ariſtoteliſchen Syſtems, welche in demjelben eine gründliche Kaujalvorftellung und bie Erlenntniß der Gejeße der Bewegung, der Veränderung erſetzen müſſen; hier wird uns jpäter der die Bergliederung der Wirklichkeit abichließende, aber unbalibare Begriff von Vermögen (duvauıs) begegnen. — Im Einzelnen jah dann Ariftotele® wol die Schwierigfeit, den Unterjchied von Thun und Leiden durchweg feftzuhalten ; jo ift die Wahrnehmung ein Leiden, und dennoch verwirklicht der Gefichtäfinn thätig im Sehen feine Natur?). Auch bemerft er die andere Schwierigkeit, Einwirkung des Wirkenden auf da Leidende vorftellig zu machen, aber wie unzureichend ift doch die von ihm gefundene Löfung, daß auf dem Boden bes Gemeinfamen da8 Verſchiedene aufeinander wirke und dag Thätige fid) das Leidende ähnlich mache ?). | 2. So ringt Ariftoteles vergeblich, Begriffe wie Subftanz und Urfache wirklich faßbar zu machen; die Schwierigkeiten aber häufen fih, indem er nunmehr die platonifche Lehre von den Jubftan- ialen Formen zur Aufllärung des Weltzuſammenhangs benutzt. Mol widerlegt er die Lehre Platos von der getrennten Eriftenz der Ideen fiegreich; aber wird er ein anderes objektives Verhältniß der Ideen zu den Dingen zur Sllarheit bringen können? Ariftoteles erkennt der Einzelſubſtanz allein Wirklichkeit in ftrengem DBerftande zu. ber mit diejer Einficht, welche dem Naturforſcher, dem gefunden Empirifer in ihm entipricht, iſt das, was er don der Ideenlehre beibehält, auf dem Standpunkt des natürlichen Syſtems der Metaphyſik nicht verträglich. — Auch er 1) Phys. III, 3 p. 202 a 25 ?rel oliv auyw xurnoss vgl. de gen. et corr. I, 7 p. 324 a 24 Metaph. VII, 4 p. 1029 22. In letzterer Stelle wird xivnoıs als Kategorie an die Stelle von woseir und maayeır eingejeßt. 2) de anima II, 5 p. 416 b 33. 3) Arift. de gener. et corr. I, 7 p. 323 b, Neuer Verſ., d. Derhältn. d. jubftantialen Formen z. d. Dingen 3. beftimmen. 259 findet nur da Wiſſen, wo durch den allgemeinen Begriff er- kannt wird; nur jo weit die Tadel der allgemeinen Begriffe in die Ginzeljubftanz hineinleuchtet, vermag dieje erhellt zu werden. Der allgemeine Begriff madt die Welenzbeftimmung oder Yorm de3 Ding fichtbar; dieje bildet feine Subftanz in einem fefundären Sinne, fo nämlich, wie fie für den Verftand da it (7 xara Tov Idyor odoia). Der Grund diefer Säbe über daB Willen liegt in der Borausfegung, welche die Wurzel aller meta- phyſiſchen Abftraftion ift; das unmittelbare Willen und Erfahren, in welchem das Ginzelne für und ba ift, wird für geringer und unvolllommener gehalten, ala der allgemeine Begriff oder Sat. Diefer Borausfegung entſpricht die metaphyſiſche Annahme: das Werthvolle an den Einzeljubftanzen und das dieſelben mit der Gottheit Verknüpfende ſei dad Gedanfenmäßige in ihnen. — In dem Wider- ſpruch zwiſchen dieſen Vorausſetzungen und der gefunden Einficht des Ariſtoteles über die Einzelſubſtanz zeigt ſich von neuem die Unmöglichkeit, auf dem Standpunkt der Metaphyſik das Verhältniß des Einzeldinges zu dem, was die allgemeinen Begriffe als den Inhalt der Welt ausdrücken, zu beſtimmen. Das einzelne Ding hat nach Ariſtoteles allein volle Realität, aber es giebt nur von der allgemeinen Weſensbeſtimmung, an welcher es theilnimmt, ein Wiſſen; hieraus ergeben ſich zwei Schwierigkeiten. Es widerſpricht dem Grundgedanken von der Erkennbarkeit des Kosmos, daß das an ihm wahrhaft Reale unerkennbar bleibt. So— dann wird nach den allgemeinen Vorausſetzungen der Ideenlehre, dem Wiſſen von den allgemeinen Weſensbeſtimmungen entſprechend, eine Realität der Formen angenommen, und dieſe Annahme führt nun zu dem halben und unglücklichen Begriff einer Subſtanz, welche doch nicht die Wirklichkeit der Einzelſubſtanz hat. Kann dieſe Verwirrung, welche in dem doppelten Sinne von Sein, von Subftanz liegt, gelöſt werden, bevor die Erkenntnißtheorie die einfache Wahrheit entwickelt, daß die Art, in welcher das Denken das Allgemeine ſetzt, keine Vergleichbarkeit hat mit der Art, wie die Wahrnehmung die Wirklichkeit des Einzelnen erfährt? bevor 17 * 260 Zweites Buch. Zweiter Abſchnitt. demnach die falſche, metaphufifche Beziehung durch eine Haltbare, erkenntnißtheoretiſche erſetzt wird !)? innerhalb der Einzelwiflenjchaften Hat diefe Metaphyfik der jubftantialen Yormen noch auffälligere Konjequenzen. Die mit ihr verbundene Wiſſenſchaft verzichtet auf die Erfenntniß des Neränderlihen an ihrem Gegenftande, denn fie faßt nur die bleibenden Formen auf. Sie giebt die Erkenntniß de Zu⸗ fälligen auf, denn fie ift allein auf die Weſensbeſtimmungen gerichtet. Wenige Minuten nur fehlten Kepler, um welche jeine Berehmung des Mar? von der Beobachtung abwich, aber fie ließen ihn nicht ruhen und wurden der Antrieb feiner großen Entdeckung. Dieje Metaphyfif dagegen ſchob den ganzen ihr uner= Härbaren Reit, wie fie ihn an ben veränderlichen Erjcheinungen zurüdließ, in die Materie. So erflärte Ariftoteleg ausdrücklich, daß die individuellen Verjchiedenheiten innerhalb einer Art, wie die Yarbe der Augen, die Höhe der Stimme für die Erklärung aus dem Zwecke gleichgiltig jeien: fie wurden den Einwirkungen des Stoffe zugewielen ®). Erft ald man die Abweichungen vom Typus, die Zwiſchenglieder zwilchen einem Typus und einem anderen, die Veränderungen in die Rechnung aufnahm, durchbrach die Willenichaft diefe Schranken der ariftoteliichen Metaphyfif, und die Erkenntniß durch das Geſetz des Veränderlichen ſowie durch die Entwicklungsgeſchichte trat hervor. 3. Indem Ariftoteles jo die Realität der Ideen in die wirkliche Welt verlegte, entitand die Zerlegung biefer Wirklichkeit in Die vier Prinzipien: Stoff, Form, Zweck und wirkende Urſache, und es traten ala die legten und die Zergliederung der Wirklichkeit abjchließenden Begriffe feines Eyftemd die von Dynamis (Ver⸗ mögen) und Energie hervor. Das Denken hebt am Kosmos als das Unveränderliche 1) Aus berjelben metaphyſiſchen Behandlungsweile des Problems ent: ipringt die umfelige, nicht aufzulöfende Frage, ob die Subitanz in ber form oder dem Stoff oder dem Einzelding zu fuchen ſei. gl. Arift. Metaph. VI, 3 p. 1028b 33 und die zutreffende Ausführung bei Zeller a. a. DO. 309 ff. 344 fl. A de gen. anim. V, L p. 7782 30. Verhaltniß von Bewegung, Zweck und Materie. 961 die Form heraus, die Tochter der platoniichen dee. Diele enthält das Weſen der Einzelſubſtanzen in ſich. Da die unver: änderlichen Formen in dem Entftehen und Vergehen enthalten find, ihr Wechfel aber einen Träger fordert, fondern wir an dem Kosmos als ein zweites ihn Fonftituirendes Prinzip die Materie ab. In dem Naturlauf ift dann die Form ſowohl der Zwed, deſſen Realiſation derjelbe zuftrebt, ala die bewegende Ur- ſache, welche von innen aus da3 Ding, gleichlam ala feine Seele '), in Bewegung jett oder von außen feine Bewegung bewirkt. So⸗ nach leitet dieſe Betrachtungsweiſe das, was im Naturlauf auf- tritt, nicht aus feinen Bedingungen in diefem ab, welche nad) Geſetzen zuſammenwirken, fondern an die Stelle eines Zuſammen⸗ wirkens von Urſachen tritt der Begriff der Dynamis, des Ver- mögend, und ihm entipricht der Begriff der zweckmäßigen Wirk: lichkeit oder Energie. In dieſen Begriffen befteht der Zuſammenhang der Wifjen- ſchaft des Ariftoteles, fie werden fchon in den erjten Büchern ber Metaphufit als die Mittel der Naturauffaffung entwidelt und führen durch das Bewegungsſyſtem des Kosmos bis zum unbe» wegten Beweger. Denn dies ift die Seele der ariftoteliichen Naturauffaflung: nicht die Sonderung von bewegender Urjache, Zwed und Form — diefelbe ift nur analytifches Hilfamittel —, viel- mehr die Ineinsſetzung des Zweckes, welcher Yorm ift, mit der bewegenden Urſache jowie die Sonderung dieſes dreifach=einen realen Faktors von dem realen, wenn auch im Kosmos nicht iſolirt vorkommenden Faktor: der Materie. Und bier enticheidet fih auch der Charakter feiner Naturwifſenſchaft. Im neueren Denten ift das Studium der Bewegungen losgelöft von der Auf- faffung des Zweckes; die Bewegung wird durch ihr allein eigene Elemente beftimmt; fo ift die Konjequenz der neueren Naturauf- faffung, daß fie, wenn fie von der metaphyſiſchen Verwerthung der Ideen nicht lafjen will, diefelbe von der mechanifchen Betrach⸗ tungsweiſe jcheidet, wie Leibniz gethan Hat. Bei Ariftoteles da= gegen verbleibt der Begriff der Bewegung an die Yormen des 1) Arift. de gen. animal. III, 11 p. 762 = 18. 262 Zweites Buch. Zweiter Abfchnitt. Kosmos gebunden; er wird don ihnen nicht wirklich losgeldſt, jo wenig, wie die Analyfis des Denkens in der Logik des Arifto- teles Hinter die Formen deflelben zurüdgeht. So entipringt jeine Unterfcheidung der volllommenen, in ſich zurüdfehrenden Kreis⸗ beivegung von einer gradlinigen, welche in ihrem Endpuntt erlifcht. Diefer Auffaffung ift das Gedankenmäßige der Kreisbewegung ein Urfprüngliches, ja in der Gottheit unmittelbar Bedingtes. Sie hat den verhängnißvollen Gegenſatz der Naturformen unter dem Monde von denen jenjeit defjelben begründet, und fo lange er die Ge- müther beherrſchte, beftand feine Möglichkeit einer Mechanik des Himmels. Dies ift das Bezeichnende gerade der erfolgreichen Richtungen des griechiichen Naturſtudiums: es bleibt an die An ſchauung mathematijcher Schönheit und innerer Zweckmäßigkeit in den kosmiſchen Formen gebunden. Zwar zerlegt es die zufammengejeßten Formen der Bewegung in einfachere, aber in dieſen einfacheren bleibt der zweckmäßige, äfthetilche Charakter der Form erhalten. Sp will Ariftoteles zivar die Bewegung im Weltall (welcher er in Acht griechiichem Geifte auch die qualitative Veränderung einordnet) auf ihre Urſachen zurüdführen; da aber alle beivegende Kraft ihm zweckmäßige Aktion ift, welche die Form realifirt, ja ihm in der Yorm die Urfache der Bewegung liegt: jo ift immer nur die in der Yorm enthaltene Kraft, welche Entwidlung her⸗ vorbringt, Urjache einer ihr gleichartigen Form. Daher ift dieſe Grklärung in einen Zauberkreis gebannt, innerhalb befien die Formen immer jchon da find, um deren Erklärung es fidh eigentlich handelt: fie find die Kräfte, welche das Leben im Weltall herborbringen: fie führen folgerichtig auf eine erjte, be= wegende Kraft zurüd. Metaphyſik und Naturwiſſenſchaft. Die Leiſtungen einer ſolchen Naturerklärung ſind durch dieſen ihren Charakter beſtimmt. Wie die platoniſche Schule ein Mittel⸗ punkt für mathematiſche Forſchung war, ſo wurde es nun die ariſtoteliſche für die beſchreibenden und vergleichenden Wiſſenſchaften. Gerade weil die Bedeutung dieſer ariftote- lichen Schule für den Fortichritt der Wiſſenſchaften jo unermeß- Die ariftoteliiche Metaphufit und die Naturwifjenichaft. 263 lich, der in ihr lebende Geiſt wiſſenſchaftlicher Betrachtung , em⸗ piriicher Forſchung fo hoch entwickelt geweſen ift, hat die Trage ein lebhaftes Interefſſe erregt, warum auch diefe Schule fidh mit unbeftimmten, vereinzelten und theilweile irrigen Vorftellungen von Bewegung, Drud, Schwere x. genügen ließ, warum fie nicht zu gefunderen mechanifchen und phyſikaliſchen Vorftellungen fort- ging. Man fragt nach den Urfachen der Einſchränkung der erfolg» reichen griechiichen Einzelforſchung auf die formalen Wiljenfchaften der Mathemathik und der Logik ſowie auf die bejchreibenden und vergleichenden Wiflenichaften innerhalb eines jo langen Zeitraums. Diefe Frage fteht augenjcheinlich mit der anderen in Zujammen- hang, wodurd die Herrfchaft der Metaphyſik der ſubſtantialen Formen bedingt war. Der formale und dejfriptive Cha— rakter der Wiſſenſchaften und die Metaphyfil der Formen find korrelative geſchichtliche Thatſachen. Man bewegt ſich nun im Zirkel, wenn man bie Metaphyſik als die Ur- lache betrachtet, welche den Fortſchritt des miflenjchaftlichen Geiftes über Diele feine damaligen Schranken hinaus’ gehemmt habe; denn aladann muß die Macht diefer Metaphyfit erklärt werden. Dies deutet darauf, daß beides, ſowol der Charakter der Wifjenjchaften in diefem Stadium ala die Herrichaft der Metaphyfil, in gemein- lamen tiefer zurücliegenden Urſachen gegründet jei. 63 fehlte ben Alten nicht an Sinn für Thatfachen und Be⸗ obachtung; ja auch das Experiment ward von ihnen in größerem Umfang, ald man gewöhnlich annimmt, angewandt, wenn auch die jozialen Verhältniffe hier hinderlich waren: der Gegenjab einer regierenden Bürgerjchaft, welche zugleich die Wiſſenſchaft pflegte, zu dem Stlavenftande, welchen die Arbeit mit der Hand zufiel, ver- bunden damit die Mißachtung der körperlichen Arbeit. Das Genie der Beobachtung in Ariftoteles, die Ausbreitung defjelben über ein ungeheure Gebiet haben in immer zunehmendem Grade die Bewunderung der pofitiven Forjcher in der neueren Zeit erregt. Wenn Ariftoteles nicht felten das, was Beobachtungen darbieten und was dur Schluß, insbeſondere durch Analogie, aus ihnen abgeleitet ift, vertvechjelt, jo macht jich hierin allerdings das Vor- 264 Zweites Buch. Zweiter Abſchnitt. herrſchen des Raiſonnements im griechiichen Geifte nachtheilig geltend. Ferner findet fich in den Schriften des Ariftoteles eine große Anzahl von Erperimenten erwähnt, die theild von Anderen vor ihm angeftellt waren, theild von ihm felber gemadjt worden find. Aber bier fällt nun die Ungenauigfeit in der Wiedergabe derjelben auf, der Mangel jeder Art von quantitativen Beitimmungen, bejonder® aber die Unfruchtbarfeit des Experimen⸗ tiren? bei Wriftoteled und jeinen Zeitgenoſſen für wirkliche Auf- löſung theoretiicher Fragen. Es beftand nicht eine Abneigung gegen dad Experiment, wol aber eine Unfähigkeit, von demfelben den richtigen Gebrauch) zu machen. Auch kann dieſe nicht in dem Mangel an Inftrumenten, welche quantitative Beſtimmungen er- möglichten,, gelegen haben. Erft two die Fragen an die Natur lolche fordern, werden diejelben erfunden, und felbft ber Mangel einer von wiſſenſchaftlich Gebildeten betriebenen Induſtrie hätte das Hervortreten ſolcher Erfindungen doch nur erſchweren können. Zunächſt kann nun die Thatfache nicht beftritten werben, daß die fontemplative Berfaffung des griechiſchen Geiftes, welcher den gedanfenmäßigen und äfthetifchen Charakter der Formen auffaßte, das willenjchaftliche Nachdenken in der Betrachtung fefthielt und die Derififation der Ideen an der Natur erichwerte. Das Menfchen- geichlecht beginnt nicht mit vorausſetzungsloſen methodiichen Unter: ſuchungen der Natur, jondern mit inhaltlich erfüllter Anſchauung, religiöfer zuerſt, dann mit der fonternplativen Betrachtung des Kos⸗ mos, in welcher der Zweckzuſammenhang der Natur fortdauernd feit- gehalten wird. Orientirung, Auffaffung der Formen und Zahlen⸗ verhältniffe im Weltall ift das Erfte, die Ordnung des Himmels wird mit religiöfer Scheu und kontemplativer Seligkeit in ihrer Vollkommenheit angeichaut, die Gejchlechter der Organigmen laflen eine auffteigende, von pſychiſchem Leben erfüllte Zweckmäßig⸗ feit gewahren und ermöglichen vermittelft ihrer eine dejfriptive Wiſſenſchaft. So wendet fi} die Betrachtung, welche der ältere Glaube bireft auf ben Himmel gerichtet Hatte, der Einzelforſchung über die Naturkörper auf der Erde zu, wird aber auch hier länger durch eine in ber Naturreligion gegründete fromme Scheu von Ber- Die ariftoteliicde Metaphyfik und die Raturwiflenichaft. 265 gliederung des Lebendigen zurüdgehalten. Dieſer Zauberkreis der Anſchauung eines idealen Zuſammenhangs fchließt fich in fi, ſcheint irgend eine Lücke zu zeigen, und es ift der Triumph der Metaphyſik, ihm alle Thatjachen, welche die Erfahrung barbietet, einzuordnen. — Diejer geichichtliche Thatbeftand kann feinem Zweifel unterliegen, und es kann fi) nur fragen, welche Tragweite er ala Erllärungdgrund babe. Es jei jedoch geftattet, einen zweiten Er- klärungsgrund von mehr hypothetiſchem Charakter einzuführen. Die abgefonderte Betrachtung eines Kreifes zuſammengehöriger Theil- inhalte, wie fie Mechanik, Optik, Akuſtik barbieten, jet einen hoben Grad von Abſtraktion in dem Forjcher voraus, welcher nur dad Ergebniß langer techniſcher Ausbildung der ifolirten Wiſſenſchaft if. In der Mathematit war eine ſolche Abftraftion durch Tpäter zu erörternde piychologifche Verhältniffe von Anfang an borbereitet. In der Aftronomie wurde in Folge der Entferming der Geftirne die Betrachtung ihrer Bewegungen von ber ihrer übrigen Eigenschaften losgelöſt. Aber auf keinem anderen Gebiet ift vor der alerandrinischen Schule eine Anzahl verivandter, zufammen- gehöriger Theilinhalte der Naturericheinungen einer beftimmten und ihnen angemefjenen erflärenden Borftellung unterworfen worden. Geniale Aperçus wie da8 der pythagoreiſchen Schule über die Zonverhältnifjfe hatten Teine durchgreifenden Folgen. Die beicjrei: bende und vergleichende Naturwifſenſchaft bedurfte ſolcher Ab⸗ ftraftion nicht, fie Hatte in der Vorftellung des Zweckes einen Leitfaden und führte vorläufig auf piychiiche Urſachen zurüd. So erflärt fich die Verbindung der glänzenden Leiftungen der ariſto— teliſchen Schule auf diefem Gebiet mit bem gänzlichen Mangel gefunder mechanifcher und phyſikaliſcher Vorftellungen in derjelben. Die Gottheit als der lebte und höchſte Gegenstand der Metaphyſik. Den Schlußpunft der Metaphyſik bed Ariftoteles bildet feine Theologie. In ihr vollzieht fich erſt die vollftändige Verknüpfung des anazragoreiihen Monotheismus mit der Lehre von den fubftantialen Yormen. 266 Zweites Buch. Zweiter Abfchnitt. Seit Anaxagoras ift die herrfchende europätfche Metaphyfik Begründung der Lehre von einer lebten, intelligenten und der Welt gegenüber jelbftändigen Urjache derjelben. Dieje Lehre tritt aber bier unter veränderte Bedingungen der metaphyſiſchen Be⸗ griffe und der allgemeintifjenichaftlichen Lage. So erfährt fie eine Reihe von Umgeftaltungen während des auf Anaragoras folgenden aweitaujendjährigen Leben? der Metaphufil. Die Umgeftaltungen liegen in den Schriften von Plato, Ariftoteles und den Philofophen des Mittelalter mit zureichender Klarheit vor und erfordern daher feine eingehende Erörterung des Thatbeſtandes. Der Zufammenbang dieſer Geichichte verlangt nur den Nachweis, daß die Metaphyfik fortdauernd an aſtronomiſchen Schlüjfen einen pofitiven, willenichaftlicden Rückhalt Hatte, welcher ihr unerjchütterliche Sicherheit gab. Dieſe Schlüffe, unterftüßt durch folche aus der Zweckmäßigkeit der Organismen, haben erheblich dazu beigetragen, daß die Metaphyſik zweitaufend Jahre den Charakter einer Weltmacht behielt: königliche Gewalt, nicht in dem engen Kreiſe von Gelehrten, fondern über die Gemüther aller Gebildeten, wodurch auch die ungebildeten Maflen ihr untergeordnet blieben. Das religiöfe Erlebniß, welches für den Glauben an Gott die tieffte und unzer⸗ ftörbare Grundlage enthält, wird nur bei einer ‘Minderheit der Menſchen in der von dem Wirbel der egoiftifchen Interefjen nicht geitörten Belonnenheit eines gläubigen Herzen? verftanden. Die Autorität der Kirche ift im Mittelalter oft beftritten worden. Die Äußeren Mittel des Hirchlichen Gehorſams und des Firchlichen Strafſyſtems Haben beftändige gährende Bewegungen und Die ſchließliche Zerſpaltung der Kirche nicht aufhalten Türmen. Aber unerjchüttert fteht in diejen zweitaufend Jahren die auf die Lage der europäiſchen Willenfchaft gegründete Metaphyſik der intelligen- ten Welturjache. Ariftotele8 bat auch an diefem Punfte die Geitalt der euro» päiichen Metaphyſik weſentlich durch die Art, wie er die wichtigften Thatfachen und Schlüffe zufammenfaßte, beftimmt. Die Gottheit iſt der Beweger, durch welchen jchließlich alle Bewegungen inner= halb des Kosmos (wenn auch auf vermittelte Weile) bedingt find; Bedeutung ber Afteonomie für die Lehre des Ariftotele® von Gott. 267 und zwar find die Bewegungen der Geftirne in ihrer Gedanken⸗ mäßigfeit ein Ausdrud der im Zwecke liegenden Bewegungskraft; die Aftronomie ift die der Philoſophie nächſtverwandte mathematijche MWillenichaft). Diefe Gedanken fchreiten in der von Anaxagoras zuerit betretenen Bahn fort, und ein Zug der Ideen wirkt von ihnen weiter biß auf die von dem gedanfenmäßigen, harmonijchen Charakter der Welt getragenen Forſchungen Kepler’3, nach welchen in Abmeffungen und Zahlen die VBolllommenheit Gottes ſich ab- ſpiegelt. Die Theologie des Ariſtoteles liegt in der Abhandlung vor, welche als zwölftes Buch der Sammlung der metaphyfiſchen Schriften eingefügt iſt. Sie enthält den Höhepunkt derſelben; denn fie erweift das Dajein der Einzelſubſtanz, welche immateriell und veränderung3los iſt und von Anfang an ala das eigentliche Objekt der eriten Philoſophie von Ariftotele® bezeichnet worden ift®). Die Abhandlung fteht einerjeitd mit dem Schluß der Phyſik ſowie der Schrift über dad Himmelsgebäude, andrerjeit? mit den Grund» beftimmungen der metaphufiichen Schriften in Beziehung. Diefe ariftotelifche Theologie beherricht das ganze Mittelalter. Jedoch übernahm in der jpäteren philoſophiſchen Entwicklung die erftgefchaffene Intelligenz die Stelle des Bewegers des Tirfternhimmeld, und aus den göttlichen Subftanzen, durch welche Ariftoteled die zufammengejegen Bewegungen der anderen Welt« förper hervorbringen läßt, wurde ein phantaftifches Reich von Geftirngeiftern. Der Gegenjat der Welt des Aether? und der Kreisbewegung zu der Welt der vier andern Elemente und der grablinigen Bewegungen, fonach des Bezirks des Emigen zu dem des Entſtehens und Vergehens wurde nun zum räumlichen Rahmen eines aus der inneren Welt ftammenden Gegenjabed. So entftand jene Borftellung, welche Dantes unfterbliches Gedicht verewigt hat. Der Schluß bes Ariftoteles auf den unbewegten Beweger hat zwei Seiten. 1) Ariſt. Metaph. XII, 8 p. 1073® 4. 2) Arift. Metaph. VI, 1 p. 1026= 10. 268 Zweites Buch. Zweiter Abichnitt. Die erfte Seite dieler Beweisführung zeigt befonder deutlich, wie innerhalb diefer Metaphyſik für den Willen, welcher von innen anfängt, feine Stelle ift, ja daß diejenige Transſcendenz, deren Weſen ift, von der Natur auf den Willen zurückzugehen, für fie noch nicht da ift. Ariftoteles aljo lehrt Folgendes. — Die Be- wegung ift ewig, eim zeitlicher Anfang derjelben kann nicht ge- dacht werden. Das Syftem der Bervegungen im Kosmos kann nun nicht jo vorgeftellt werden, daß jede Bewegung rückwärts eine weitere Bewegungsurſache habe und diefe Kette der Bewegungsurſachen in das Unendliche verlaufe, denn jo fämen wir nie zu einer wahrhaft wirkenden, erſten Urfache, ohne welche doch fchließlich alle Wirkungen unerklärt bleiben würden. Sonach muß ein lekter Haltpunkt angenommen werden. — Und zivar muß dieſe erfte Urſache als unbemwegt beitimmt werden. Wenn fie fi} jelber bewegt, jo muß in ihr das, was bewegt wird, von dem, was be= mwegt und welchem ſonach Bewegtwerden nicht zukommt, unter- Ichieden werden. Da die Bewegung Tontinuirlich ift, kann fie nicht auf einen veränderlichen Willen nach Art der Willen in den be- feelten Weſen zurüdgeführt werden, ſondern muß in Eine erfte unbewegte Urfache zurüdgehn. So gelangen wir zu dem unbe: wegten Beweger als der reinen Aktivität oder dem actus purus fowie zu der metaphyfiichen Konftruftion der eriten Bewegung ala Kreigbervegung. ') Die andere Seite des Beweiſes benubt die Betrachtung der gedantenmäßigen Formen, welche fich in den Bewegungen des Kosmos verwirklichen. Bewegung erjcheint in diefem Zuſammen⸗ hang ala ein Beſtimmtwerden der Materie durch die Form. Da die Bewegung in der Geftirnmwelt unmwandelbar ſich jelber gleich und in fich zurückkehrend ift, jo muß die Energie, welche fie bervorbringt, als unkörperliche Form oder reine Energie gedadjt werden. In dieſer fällt der letzte Zweck mit der beivegenden Kraft der Welt zufammen?). „Dielen oberiten Zweck zu erreichen ift — — — — 1) Dieſe Argumentation iſt mit meiſterhafter Strenge im achten Buche der Phyſik durchgeführt, welches ſo in die Metaphyſik überführt. 2) Metaph. XII, 7, populär und ohne Benutzung der metaphyfiſchen Der Schluß des Ariftoteles auf die Gottheit. 269 für Alle da8 Beſte;“ berjelbe „bewegt wie etwas, das geliebt wird!).“ — Dieler Seite der Bemweisführung des Monotheismus gehört die bei Cicero erhaltene erhabene Darftellung an. Der Ge- danke des Anaxagoras ift hier von Ariftoteled zu dem umfaflenden Beweis des Daſeins Gottes aus der Zweckmäßigkeit der Welt ent« faltet, und das ganze Syſtem des Ariftoteled kann ja ſchließlich zu einem ſolchen Beweis zuſammengeordnet werden. „Man dente jid Menjchen von jeher unter der Erde wohnen in guten und hellen Häufern, welche mit Bildjäulen und Gemälden ausgeziert und mit allen Dingen verjehen wären, an denen die Neberfluß haben, welche für glüdlich gehalten werden. Aber fie wären niemal® an die Oberfläche der Erde heraufgelommen, hätten nur durch eine dunkle Sage vernommen, eine Gottheit exiftire und Macht der Götter. Thäte fi nun diefen Menfchen einmal bie Erde auf, vermöchten fie dann aus ihren verborgenen Sitzen zu den von und bewohnten Orten emporzufteigen und nun hinauszu⸗ treten; jähen fie dann plößli die Erde, die Meere und den Himmel, nähmen die Wolkenmaſſen wahr und die Gewalt der Winde; blickten zur Sonne auf, erlännten ihre Größe und Schön- beit und auch ihre Wirkung, daß fie es iſt, welche den Tag Schafft, indem fie ihr Licht über den ganzen Himmel ergießt; erblickten dann, nachdem Nacht die Erde beichattete, den ganzen Himmel mit Sternen bejeßt und geichmüdt und betrachteten das wechjelnde Mondlicht in feinem Wachlen und Schwinden, aller diefer Himmels⸗ förper Auf und Untergang und ihre eiwigen, unveränderlichen Bahnen: dann würden fie gewiß überzeugt fein, daß Götter eriftiren, und dieje gervaltigen Werle von Göttern außgehen ?).“ Auch diefe dichteriiche BDarftellung ſucht in der Schönheit und Gedankenmäßigfeit der Bahnen der Himmelskörper eine Stüße für den Monotheismus. Begriffe und des Mittelglieda des aftronomiichen Thatbeftandes giebt Simplic. zu de caelo Schol. p. 487» 6 die Beweisflihrung, welche auf dad Vollkommenſte zurüdgeht. 1) Ariſt. de caelo II, 12 p. 292 d 18 Metaph. XII, 7 p. 1072 8. 2) Cicero de natura deorum II, 37, 95. 270 Zweites Bud. Zweiter Abjchnitt. Aber der monotheiftiiche Grundgedanke nimmt in Ariftotelez, wie in Blato, die Annahme von mehreren nicht aus Gott ſtammen⸗ den Urſachen in fi) auf. Das aftronomische Problem war viel tomplizirter geivorden, die Bahnen der Planeten bildeten die Hauptfrage. Es ward ver- fucht, die jcheinbaren Bahnen auf Drehungen von Sphären, verichteden nach Zeitdauer, Richtung und Umkreis, zurückzuführen, und die Drehung jolcher Sphären, an welchen die Geitime befeftigt find, legte mın auch Ariftotele3 zu Grunde. Somit lagen die Vorausſetzungen diefer aftronomijchen Theorie in dem In— einandergreifen diejer verjchiedenen Drehungen. Weder Ariftoteles noch ein anderer Denfer des Jahrtauſends, das auf ihn folgte, bat dieje Vorausſetzungen in den Zuſammenhang einer mecha⸗ niſchen DBorftellung gebradt. Und fo faßt denn Ariftoteles dad Verhältniß diejer Bewegungen zu einander mythiſch als innere Beziehung von pſychiſchen Kräften, von Geftirngeiftern zu einander auf; jede dieſer pigchiichen Kräfte verwirklicht gleich- ſam eine beftimmte dee von Kreisbewegung;, fünf und fünfzig Sphären (dieje Hypotheſe bevorzugt er ald die wahrjcheinlichere) *) außer dem Firfternhimmel greifen mit ihren Drehungen in einander. Ungeworden, unvergänglich ftehen demnach neben der höchſten Vernunft diefe fünf und fünfzig Geftirngeifter, welche die Drehung der Sphären bewirken, alsdann die Formen der Wirklichkeit, endlich die mit den menſchlichen Seelen verbundenen unfterblicden Geifter, die ebenfalls als Vernunft bezeichnet werden. Und die Materie ift ebenjo eine letzte, unabhängige Thatfache. Die Gottheit ſteht nach Ariſtoteles zu diefen Prinzipien in einem piychiichen Verhältniß; fie bilden einen in ihr den Abſchluß findenden Zwedzufammenhang. So Herricht die Gottheit, wie der Feldherr im Heere d. h. durch die Kraft, vermöge deren eine Seele die andere beftimmt. Hieraus allein erklärt fich ber ge- danfenmäßige Zujammenhang des Weltalls unter ihr als dem Haupte, während fie doch nicht die bervorbringende Urſache des⸗ 1) a. a. ©. p. 1073 d 16, Der Zweckzuſammenhang der legten Prinzipien gebt in Bott zurüd. 271 jelben ift. Der reine Geift, das Denken des Denkens, denkt nur fih jelber in unwandelbarem, jeligem Leben und bewegt, indem er ala höchfter Zweck anzieht, nicht indem er das im Zwecke An- gelegte jelber zu vollbringen thätig ift: wie eine Seele aljo auf andere geringere Seelen wirkt. So ijt das lebte Wort der grie- hifchen Metaphyſik das zwiſchen pigchiichen Wejenheiten ftatt- findende Verhältniß ala Erflärungsgrund des Kosmos, wie es im Götterftante Homer’3 ſchon angeſchaut worden war. — — — — — Siebentes Kapitel. Die Metaphyſik der Griechen und die geſellſchaftlich⸗geſchichtliche Wirklichkeit. Das Verhältnig der Intelligenz zu der gejellfchaftlich-gefchicht- lichen Wirklichkeit hat fi ung ganz verjchieden von dem gezeigt, welches zwiſchen ihr und der Natur beſteht. Nicht nur beein- fluflen die Intereſſen, die Kämpfe der Parteien, die fozialen Ge— fühle und Leidenschaften Hier die Theorie in einem viel höheren Grade. Nicht nur ift die aktuelle Wirkung der Theorie bier von ihrem Verhältniß zu diefen Intereſſen und Gemüthsbe— mwegungen innerhalb der Gejellichaft beflimmt. Auch wenn man den Zufammenhang, welchen die Entwidlung der Geifteawifien- ſchaſten bildet, betrachtet, jofern er nicht durch bag Mittel der Intereſſen und Leibenfchaften der Gejellichaft, in welchem er ftattfindet, bedingt ift, zeigt derjelbe ein anderes Verhältniß zu feinem Gegenftande, als e3 innerhalb der wifienichaftlichen Erfennt- niß der Natur obwaltet. Dies ift in dem erften Buche erörtert worden. Die Gefchichte der Geiſteswiſſenſchaften bildet in Folge dieſes Grundverhältniffes ein relativ jelbftändiges Ganze, das in Koordination mit dem Fort⸗ 272 Zweites Buch. Zweiter Abichnitt. ſchritt der Naturwiſſenſchaften fich entwickelt Hat; dieje Entwidlung fteht unter eigenen Bedingungen, in Betreff deren auf das erfte Buch zurüdverwiejen wird. Und diejelben beftimmen nun zunächſt dad Verhältniß, in welchem die griedhiiche Metaphyſik zu dem Studium der geiftigen Thatjachen fteht. Der Erfahrungskreis der geſellſchaftlich⸗geſchichtlichen Wirklichkeit bat fich in den Generationen jelber erft aufgebaut, welche über ihn reflektirten. Die Natur ftand der Schule von Milet fo gut ala ein abgeſchloſſenes Ganze gegenüber, wie einem heutigen Forſcher: es galt nur, die vorhandene zu erkennen. Dagegen ent- itand erſt zu der Zeit, in welcher die griechiiche Wiflenfchaft auftrat, allmählich der umfaflendere gefchichtlich-gejellichaftliche Erfahrungs: kreis, welcher der Gegenftand der Geifteswifjenichaften ift. Die Zuftände der umliegenden, uralten Rulturftaaten waren den grie- chiſchen Stämmen zu wenig bekannt und zu fremdartig, ala daß fie Gegenftand einer wirklich fruchtbaren Forſchung Hätten werden fönnen. Und zwar ftoßen wir hier wieder an eine Grenze des griechiichen Geiftes, welche in dem tiefiten Lebensgefühl des grie= chiſchen Menjchen begründet if. Gin energiiches Intereſſe der Auffaffung zeigt der Grieche nur für den Griechen und in zweiter Linie für den verwandten Staliler. Wol beweift der Sagenkreis, der da8 Haupt des Solon als des großen Repräfentanten maßvoller griechiicher Lebens⸗ und Staatskunſt umgiebt, den lebendigen An- theil an den großen SKataftrophen jener Kulturländer. Die Ge Ichichtichreibung des Herodot macht die regſame Neubegier grie= chiſcher Forſcher fichtbar in Bezug auf fremde Länder und Völker. Die Kyropädie erweilt, wie die Leiltungsfähigfeit monarchiſcher Einrichtungen die Bürger biefer freien, aber politiich und militäriſch unzureichend geſchützten Stadtftaaten befchäftigte. Aber der griechiiche Forſcher zeigt fein Bedürfniß, vermittelft der Sprachen fremder Völker in ihre Literatur einzudringen, um fi) den Quellpunkten ihres geiftigen Lebens zu nähern. Er empfindet die centralen Aeußerungen ded Leben biejer Völker ald ein Fremdes. hm liegt ihre wirkliche Kultur an den Grenzen defjen, was jeine ge= ſchichtlich⸗geſellſchaftliche Wirklichkeit ausmacht. Andrerjeit3 bauten Schranken des griechiichen Studiums der Gelellichaft. 273 fih die Kultur feines eigenen Volkes und deſſen politiſches Leben, joweit fie Gegenftand gejchichtlichen Willens find, in der Zeit, in welcher die griechiiche Wiſſenſchaft anhebt, erſt allmählich auf. Sonach war die gejchichtlich-gefellfchaftliche Welt, wie fie dad Menjchengejchlecht und deſſen Gliederung umfaßt, für den griechiſchen Geift noch unter dem Horizonte. Mit diefer engen Begrenzung finden wir einen pofitiven Irrthum verbunden, der aus derjelben entſprang. Die griechifchen Theorien empfingen ihre vollendete Geſtalt zu einer Zeit, in welcher gerade die höchitftehenden Politien rein griechifcher Abkunft ſchon ihren Höhe- punkt überfchritten Hatten. Welche Achtung auch noch Plato für das Staatsleben der Spartaner hatte und wie große Hoffnungen er an eine Konftitution noch Inüpfen mochte, welche die geſpannte einheitliche Kraft dieſer Staatsordnung in edlerer Richtung nachbildete: für Ariſtoteles gab es kein Beiſpiel eines ächt grie- chiſchen Staates mehr, der dem Schidjal des Sinkens entnommen geweien wäre. So entfteht an der Erfahrung jelber die Vor—⸗ ftellung von einem Kreislauf der menschlichen Dinge, der gefell- Ichaftlichen wie der politiichen Zuſtände, oder die noch mehr büftere von ihrem allmählichen Sinken. Und diefe völlige Ab— weſenheit jeder Borftellung von Yortichreiten und Entwidlung verbindet fi) mit der dargelegten Einſchränkung des unterſuchen⸗ den Geiftes auf den griechiichen Menſchen. Der griechiſche Er- forſcher der gejellichaftlichen und hiſtoriſchen Wirklichkeit Hatte To noch fein gejchichtliche® Bewußtſein von einer inneren fort- Ichreitenden Entwidlung, und er näherte fih der Empfindung feines realen Zuſammenhangs mit dem ganzen Menjchengefchlecht nur ſpät und allmählich durch die VBermittelung des macedonijchen Reiches und des römiſchen Imperium ſowie durch die Einwirkung des Orients. Dieſer Schranke des griechifchen Geiftes, welche ſich auf den Umfang feines geichichtlichen Geſichtskreiſes bezieht, entjpricht eine andere, welche die Stellung der Perſon zu der Gejellichaft betrifft. Und auch diefe Grenze ift im innerften Seelenleben des grie: hilchen Menſchen angelegt. Die Hingabe an das Gedantenmäßige Dilthey, Ginleitung. 18 274 Zweites Buch. Zweiter Abſchnitt. der Welt iſt mit einem Mangel an Bertiefung in die Geheimniſſe des Seelenlebend, an Erfaflung der freien Perjon im Gegenſatz zu Allem, was Natur ift, verbunden. Erſt in einer Tpäteren Zeit wird der Wille, welcher ſich ala Selbſtzweck von unendlichen Merthe findet, wenn er zur metaphufilchen Befinnung kommt, die Stellung des Menjchen zu der Natur und zu der Gejellichaft ab- ändern. Aber für den damaligen griechiichen Menjchen hat der Ginzelwille noch nicht um feiner ſelbſt willen den Anſpruch auf eine Sphäre jeiner Herrichaft, welche ihm der Staat zu ſchützen beftimmt ift und nicht rauben darf. Das Recht Hat noch nicht die Aufgabe, dem Individuum diefe Sphäre einer Treiheit zu fichern, innerhalb deren es ſchalte. Die Freiheit bat noch nicht die Bedeutung ungehemmter Entfaltung und Bewegung des Willenz innerhalb diefer Sphäre. Vielmehr ift der Staat ein Herrichafts- verhältniß, und die Yreiheit befteht in dem Antheil an dieſer Herr⸗ Ihaft. Die griechiiche Seele bedarf noch nicht einer Sphäre ihres Leben, welche jenjeit aller gejellichaftlichen Ordnung liegt. Skla⸗ verei, Tödtung verfrüppelter oder jchwächlicher Neugeborener, Oſtracismus bezeichnen diefe unvolllommene Werthichägung des Menichen. Der unabläffige Kampf um den Antheil an der politiichen Herrichaft bezeichnet die Wirkung derſelben auf die Geſellſchaft. Innerhalb dieſer Grenzen durchlief die Anſchauung der Völker de Mlittelmeeres über die gejellichaftlich-geichichtliche Wirklichkeit diefelben Stadien, welche in größerem Maßſtab, modificirt durch die veränderten Umftände, auch die Anſchauung der neueren Völker durchmeffen bat. In dem erften diefer Stadien, während der Herrſchaft des mythiſchen Vorſtellens, wird die Ordnung der Geſellſchaft auf göttlide Stiftung zurüdgeführt. Diele Vorstellung des Urſprungs der gejellichaftlichen Ordnung theilen die Griechen mit den umliegenden großen afiatiichen Staaten, wie verichteden auch die näheren Beftimmungen der Vorftellung bei den Griechen von ber bei den Orientalen find. Sie bleibt fo lange Stadium d. Zurüdführung d. gefellichaftl. Ordnung auf göttl. Stiftung. 275 herrſchend, ala die heroiſche Zeit dauert. Alle Macht war in diefer Zeit perjönlih. Der heroiſche König Hatte fein phyſiſches Machtmittel, den Gehorfam eine ewig wideriprechenden Adels zu erzwingen; e3 gab feine gejchriebene Verfaſſung, die einen Rechts⸗ anſpruch begründet Hätte. So find alle Vorftellungen und Ge- fühle jener Tage in daß Clement des Perjönlichen getaucht. Die Poeſie war Heldengelang; das Heroiſche der Gegenwart an ein Höheres der Vergangenheit zu Tnüpfen und diejes bis zu den perjönlichen Gewalten der Götter zurüdzuleiten, in den Bildern des Götteritantes die Motive des eigenen Lebens in mächtigerem Pulsſchlag zu empfinden und zu genießen: war ein Grundzug der fozialen Gefühle und Vorftellungen jener Tage. Die Borjtellung von dem Zuſammenhang der gejellfichaftlichen Ordnung mit den perjönlichen Kräften einer höheren Welt ift dann ein lebendiger Beftandtheil griechiicher Meberzeugungen geblieben '). Gentralgriechenland, nördlich wie durch breite Querriegel des Ge- birged? vom Kontinent ifolirt, gliedert fih durch die Beräftelung der Gebirge zu einer Anzahl von Kantonen, die von Bergen mit hoben und engen Zugängen in ihrer Selbſtändigkeit geſchützt find: zugleich öffnet es ſich dem Meere, das ſchützt und verbindet. Ueber die milde See leiten Inſeln, den Pfeilern einer Brücke gleih. In vielen diejer Kantone erhielt fi) lange mit zäher Ge- walt die Macht der mythiſchen VBorftellungen. Denn die Wurzeln des mythiſchen Glaubens lagen für dieje abgefchlofenen Gemein- ſchaften in den Iolalen Kulten, wie aus dem jpäten Bericht des Pauſanias noch erjehen werden Tann. Diefelben geographiichen Bedingungen haben zugleich auf die Entwidlung Heiner Politien Hingewirkt, in denen mit vegfamer intelleftueller Entiwidlung verbunden politiiche Freiheit fich ent⸗ faltete. Daher fand die politijche Freiheit in den Schriften ber 1) Die fortdauernde Macht diefer Vorftellungen kann, neben dem Be: weiß aus den befannten Stellm, auch daraus erfchlofen werden, daß bie fophiftifche Aufllärung die Religion als eine Erfindung ber Staatskunſt auffafien konnte (Eritiad bei Sextus Empiricus adv. Math. IX, 54, Plato Gelee X, 889€). 13* 276 Zweites Buch. Zweiter Abichnitt. Griechen zuerft einen dauernden, künſtleriſch mächtigen, wiflen- Ihaftlich begründeten Ausdruck. Hierdurch wurde fie erft für die europäiſche politiihe Entwicklung ˖ ein unvergänglicher Erwerb. Dieſe Bedeutung der politiſchen Literatur der Griechen iſt unzer⸗ ftörbar. Sie wird nur jehr vermindert durch eine Einfeitigkeit ihrer politiichen Auffaffung, welche wir bald erörtern werden und die fich ebenfalld auf das neuere politifche Leben übertragen bat. Die eriten Anfänge diefer Literatur gewahren wir in den . großen Seeftädten, deren politifche, ſoziale und intelleftuelle Ent- wicklung jehr raſch verlief. Hier entitand das Bedürfniß, den mythilchen Glauben an die gejellichaftlide Ordnung durch eine metaphyfiiche Begründung zu erjeßen. Und zwar begann eine ſolche erſte theoretiſche Betrachtung der Gejellichaft, indem die Soziale Ordnung ala ſolche mit dem metaphyſiſchen Zuſammen⸗ bang des Weltganzen in Beziehung geſetzt wurde. Heraklit ift der mächtigfte Repräjentant diefer metaphufilcden Begründung der ge- ſellſchaftlichen Ordnung; aber auch die Nefte der pythagoreiſchen ‚ Ideen beuten auf eine ſolche, obwohl diefelbe augenjcheinlich mit mythiſchen Beftandtheilen jehr verjegt war. Die griechische Auffaffung der gejellichaftlichen Ordnung trat in ein neued Stabium in dem Zeitalter der Sophiften. Das Auftreten von Protagorad und Gorgiad bildet den Anfangspunkt dieſer großen intelleftuellen Ummälzung. Indeſſen wäre es irrig, den Stand der Sophiſten (mit welchem Namen zunächſt ein verändertes Unterrichtsſyſtem in Griechenland, nicht eine Ver—⸗ änderung der Philofophie bezeichnet wurde) für den Wechjel in den politiichen Borftellungen, welcher nun eintrat, verantwortlich zu machen. Die Theorien der Sophiften folgen nur einer gänz« lichen Veränderung der jozialen Gefühle und find ihr Ausdruck Diefe wurde hervorgerufen durch die allmähliche Zerftörung der alten Gejchlechterverfaflung, in welcher da3 Individuum noch ala Beitandtheil einer Gliederung der Gejellichaft fich gefühlt hatte und von der es nach feinen wejentlichen Lebensbeziehungen umfaßt worden war. Noch die Tragödie des Aeſchylus geftaltete darum Das Naturrecht ber Sophiften. 277 fo tief die Mythen einer vergangenen Zeit, weil fie noch bie dieſen zu Grunde liegenden Verhältnifie und Gefühle nachempfand. Nun wurde eine individualiftiiche Richtung in den Intereſſen, den Ge- fühlen wie den Vorftellungen herrichend. Athen ward der Mittel- punkt diefer Veränderung der fozialen Gefühle. Die jo eintretende- Umwälzung wurde allerdinga mächtig befördert durch die Gentrali= fation der intellektuellen Bewegung in diefer Stadt und ben in ihr um fich greifenden jfeptifchen Geift. Anaragoras ſchuf in Athen eine herrſchende Macht intellektueller Aufklärung im fünften Jahre Hundert; e8 darf angenommen werden, daß dann Zeno dort er- ſchien und durch feine ſkeptiſche Geiftesrichtung Einfluß gewann ; dag Auftreten des Protagoras ſowie des Gorgias beförderte weiter den- ſelben Geift jfeptifcher Aufllärung in der Stadt. Waren die Sophiften auch nicht die Urheber der Umwälzung, welche fi) im Leben und Denten der griechiichen Gefellichaft jener Tage vollzog: dieſelbe ward doch außerordentlich unterftüßt, ala, dem Bedürfniß einer Beit entiprechend, in welcher die Rede zum mächtigften Mittel geworden war, Einfluß und Reichthum zu erringen, diejer neue Etand von DBertretern eine höheren Unterricht? die atheniſche Jugend an fich zog. Ein deal von perjönlicher Ausbildung ent- and, in defien Sinne |päter ein Cicero im Redner das Lebens⸗ ideal eines römifchen Mannes jah: der Humanismus hat in der Tolgezeit nicht nur die Kultur der Alten, jondern auch dies ihr Bildungsideal erneuert und dadurch die unjelige Vorherrſchaft einer formalen Bildung unter una herbeigeführt. In der Lehr: thätigfeit der Sophiften ift von diefem Allen die Wurzel; von ihr ging der Geiſt der Rhetorenſchulen aus, die fich über die alte Welt verbreiteten. Vergeblich Haben Plato und Ariftoteleg im Kampfe gegen die Sophiften, im Gegenſatz zu dem armjeligen Rhetor Iſo⸗ crate3 dieje Krankheit des griechiichen Lebens befämpft; vergeblich, weil die Sophiften nur in dem Privatunterrichtäfgftern der griechi- chen Bolitien, in welchem die Schule der freien Konkurrenz anheim- fiel, gerade da geboten haben, was den herrjchenden Neigungen entſprach. Ein Privatunterrichtsfyften kann eben nie beffer fein ala der Durchichnittägeift einer Zeit. So floß denn nun in unzähligen 278 Zweites Bud. Zweiter Abſchnitt. Kanälen der individualiſtiſche und fleptifche Geift, wie ex fich ſeit der Mitte des fünften Jahrhunderts entwickelt Hatte, abwärts? dem Niveau der Maflen entgegen, um fich dort zu vertheilen, ver- mittelft der Volksverſammlungen, der Theater, des neuen ſophi⸗ ſtiſchen Unterrichts, zunächft in Athen und dann von dieſem Centrum aus über ganz Griechenland. jedoch zeigt die erite Generation der Sophiſten noch feine entichiedene und Klare negative Stellung der beftehenden gejell= Ihaftlichen Ordnung gegenüber. In dem Relativiamus des Pro- tagoras lagen die Prämifien einer folchen negativen Haltung. Auch war Protagoras nicht der Kopf, ihre Tragmeite zu überjehen ?). Aber Hätte er die Konjequenzen diejeg Relativismus bereit? wirt- lich entwidelt, jo wäre der Mythus, welchen Plato in feinem Namen in dem nad) ihm bezeichneten Dialog vortrug, unerklärlich. Gorgiad, ein Genie ber Sprache, von einem weilen Verhältnig zum 2eben, eine neutrale und in Bezug auf die fittlichen und gejellichaftlichen Probleme von feinem ſtarken Affelt bewegte Vir⸗ tuofennatur, Tieß die fittlichen Ideale des Lebens in ihrer mannig- fachen Thatjächlichkeit beftehen 2), fie bildeten ihm die Voraus⸗ ſetzung feiner Technik, welche nur die Kraft und Kunft, Glauben bervorzurufen, zum Gegenftand hatte. Dennod lag in der Bewegung, welche die Sophiften der erften Generation hervorriefen, der Ausgangspunkt einer negativen Philojophie der Geſellſchaft. Die ungeheure Wandlung der geiftigen Intereſſen, wie fie in diefem Zeitalter ftattfand und das große Werk der Sophiften ift, an die in diefer Rückſicht Socrates fich anichloß, läßt nunmehr geiftige Thatjachen, Sprache, Denken, Be- redſamleit, Staatsleben, Sittlichleit ala Gegenftand von wiſſen⸗ ſchaftlicher Forſchung in den Vordergrund treten. An dieſen geiftigen Thatſachen und ihrer Betrachtung ging erft im Gegen- fat zu den materiellen Vorftellungen von Seele ein Bild deſſen auf, was im Geifte vollbracht wird. Diejelbe Wendung der intellet- 1) Bol. Pinto Theätet 167. 1724. Protagorad 33. 2) Vgl, Arift. Polit. I, 18. 1260 24 mit Platos Meno. Unterfcheibung der erften und zweiten Generation ber Sophiften. 279 tuellen Entwidlung ftellte andrerjeit3 jedes Phänomen unter den Geſichtspunkt der Nelativität. Und jo mußte die kluge Mäßigung der erften Generation der Sophiften gegenüber der gejellichaftlichen Ordnung Griechenlands und den religiöjen Grundlagen derjelben ſchrittweiſe einer radifaleren Haltung Pla machen. Zwiſchen der erften und zweiten Generation der Sophiften fteht Hippias. Auch in feiner Perjon jpürt man, in einer anderen Modifilation ala in der des Protagoras oder Gorgias, die Luft einer ganz veränderten Zeit. Virtuoſe Vielfeitigkeit, deren intelleftueller Ehrgeiz über die Heinen Bolitien hinausgewachſen ift, jonnt ſich im Glanze einer Zeit, in welcher die Kunst weltlich und ein Ausdrud ſchönen Lebenäbedürfniffes, jedes wiſſenſchaftliche Problem Gegenftand radikaler Debatten geworden ift und in welcher Reichthum und Ruhm auf dem meiten Theater der griechiſch redenden Völker in ganz neuem Maßſtab zu ertverben waren. ch habe dargelegt, daß der Gegenſatz zwiſchen dem gött- lichen, ungejchriebenen Geſetz und der menjchlichen Sabung, welcher von Sophocles mit der eindringlichen Gewalt des Dichterd aus- geiprochen worden ift, durch Archelauß und Hippias eine wiſſen⸗ Ihaftlihe Formulirung erhalten hat‘). Das göttliche Weltgeſetz, welches für die Metaphyſik eines SHeraklit der hervorbringende Grund aller gejellichaftlichen Ordnung der einzelnen Staaten ge- mwejen war, wird von Hippiad zu Dielen Ginzelordnungen in Gegenſatz geſtellt. Gele der Natur und Satzung des einzelnen Staates find die Schlagworte der Zeit, und diefer Gegenſatz wird von nun an in den ganz verichiedenen Erſcheinungen des geijtigen Leben? aufgeſucht. Doch war ein weit radilalered Verhältniß zu der gejellichaft- liden Ordnung in dem Relativiamus eines Protagoras angelegt, und e3 wurde in der zweiten Öeneration der Sophiften entiwidelt. Nun wird die gejellfchaftliche Ordnung aus dem Spiele des Egoismus von Individuen abgeleitet, wie in der Schule Leukipp's die Ordnung des Kosmos aus dem Spiele der Atome. 1) ©. 97 fi. 280 Zweites Buch. Zweiter Abichnitt. Es entfteht eine metaphyfiſche Kosmogonie der fittlichen und gejellichaftlichen Ordnung. Die ganze metapbufiiche Mafchinerie dieſes radilalen Naturrecht, wie fie und in Hobbes und Spinoza wieder begegnet, findet fich in diefer Kogmogonie der Gejellichaft Ichon angewandt: der Kampf ftarfer, den Thieren vergleichbarer Individuen unter einander in einem gejeblojen Leben um Daſein und Macht; der Vertrag, in welchem eine gejegliche Ordnung entfteht und Ordnung nunmehr zwar vor dem Schlimmften der Vergewaltigung ſchützt, jedoch zugleich den Weg zu dem höchiten Glück ſchrankenloſer Herrihaft verjperrt; die Entftehung von Sittlifeit und Religion ald einer Ergänzung der Staatsgeſetze im Intereſſe der Vielen oder der Starken; end⸗ lih die Fortdauer des egoiſtiſchen Interejjes in den Individuen als des wahren Hebeld der gefellichaftlihen DBe- mwegungen ‘). Euripides ift der dichterifche Vertreter diejer neuen individualiftiichen Zeiten und er hat in feinen Schaufpielen ſolche radilale Theoreme al® Grundlage der Handlungen beftimmter Perjonen mit einer Energie bingeftellt, welche jein perjönliches Intereſſe durchblicken läßt. Ariftophaned Hat in einer berühmten Wechſelrede den Sa, daß e3 fein der Gewalt gegenüber jelbftändig begründetes Recht gebe, ala einen ‚Streitja feiner Tage verjpottet. Und wie auf dem Theater, jo ließ fich dies radikale Naturrecht auch in den politiichen Berfammlungen vernehmen ; foviel wenigſtens kann aus den Reden des Thucyhdides geſchloſſen werden, welches auch der Grad ihrer Autbenticität in jedem einzelnen Tyalle fein mag ?). 1) Die Stellen Platos müffen nad) dem Kanon benußt werden, daß, wo Konjequenzen von ihm felber gezogen werden, dies durch die Art, wie fie aus dem Gegner durch Folgern herausgelockt werden, angedeutet ift, da= gegen too die Säße, wie von Thraſymachus und Glauco im erflen und zweiten Buch der Politie geichieht, dem Socrates entgegengebracdht werben, ein Bericht über bie fremde Theorie vorliegt. Was die Darlegung ber Theorie burch Slauco betrifft, jo hätte Plato fie nicht einem Süngling in den Mund gelegt, wäre fie eine felbftändige Yortbildung. 2) Vol. befonders die Erörterung ziviichen den Meliern und ben atheniſchen Gefandten bei Thucydides V, 85 ff. aus dem Jahre 416. Bebeutung und Grenzen be3 Naturrechts ber Sophiften. 981 Die Grenzen dieſes Naturrechts find bedingt durch die dargelegten Schranken des griechiſchen Menſchen und der griechiichen Geſellſchaft. Nirgend Handelt es fich im griedhiichen Naturrecht um die fubjettiven Rechtsſphären der in der Gefell- Ichaft zufammenmirkenden Individuen; nirgend ift das Biel dieſes Naturrechts die Freiheit in ſolchem Verſtande. Das Streben des Individuums ift nach dieſen radikalen Schriften nur auf den An- teil der gefellichaftlichen Atome an der Macht und dem Nugen der To entftehenden Ordnung gerichtet. So ftüßten fie Hier die Tyrannis dort den Gedanken einer demokratiſchen Gleichiwerthig- feit dieſer gejellichaftlichen Atome in der Staatdordnung, und bier wie dort ift ihr letztes Wort die Sklaverei jedes höheren und idealen Willend. Andrerſeits ift dieje naturrechtliche Meta⸗ phyſik in der gemäßigten Schule, die Hippiad repräfentirt, nur auf die Sonderung einer objektiven Ordnung der Natur von der Satzung des einzelnen Staates gerichtet. An dieje Schranken ftößt die cyniſche und ſtoiſche Stantälehre, aber durchbricht fie nicht. Sie verhält ſich auf diefem Gebiet zu unjerer modernen Rechts: anſchauung ganz jo, wie fich der fophiftiiche und ſteptiſche Relati- vismus zu der modernen Erfenntnißtbeorie verhält. So lagen in dieſer Bewegung die Keime zu den verjdie- denen Richtungen derjenigen Theorie der Geſellſchaft, welche ala Naturrecht bezeichnet wird. Das Naturrecht iſt, nachdem es munmehr ausgebildet war, in verhältnißmäßig ftetiger Suc- ceffion von den alten Völkern auf die neueren übergegangen. Es it auch im Mittelalter in einer breiten Literatur gepflegt worden. Aber feine Herrichaft und feine praktiſche Wirkſamkeit war auch bei den neueren Völkern durch das Gintreten des⸗ jenigen Stadium der gefellichaftlichen Entwidlung bedingt, in welchem es bei ben alten Bölfern entitanden war. Erſt mit dem Niedergang der feudalen Ordnungen bei dieſer zweiten Generation europäijcher Völker erhebt ſich das Naturrecht derjelben zu einer leitenden Stellung in der Gejchichte der Geſellſchaft. Es vollbrachte num jein negatives Wert, ala deſſen Beſchluß die Wir- fung eine Roufleau auf die Revolution, eines Pufendorf, Kant und 282 Zweites Bud. Zweiter Abichnitt. Fichte auf die deutfche Reformarbeit angejehen werden muß. Denn feinen Ausgangspunkt bildet eben dag Einzelindividuum, der abftrafte Menich , durch Merkmale beftimmt, welche zu allen Zeiten gleich= mäßig ihm zukommen, in abftraften Beziehungen, welche aus diefen Merkmalen auf einem gleichlam abftraften Boden folgen. Aus folden Prämiſſen folgert dad Naturrecht allgemeine Be— ftimmungen einer jeden gejellichaftlichen Ordnung. Dieje werden ihm ber Maßftab für die Kritik der alten europäiſchen Gejellichaft und für die Neuordnung einer künftigen. So erhielt dieſe Be— griffedichtung in der Revolution und ihrem Verſuch eines Aufbaus der Gejellichaft auf die abftraften Menſchenatome eine furchtbare Realität. Das Naturrecht kann ala eine Metaphyfit der Gejell- haft bezeichnet werden, wenn ber Ausdrud Metaphyſik in diefem engeren Sinne geftattet wird, in welchen er eine Wiſſen⸗ Ihaft ausdrüden würde, die den ganzen objektiven, inneren Zu⸗ ſammenhang der gejellichaftlichen Thatſachen in einer Theorie dar- ftellt. Bon Metaphyfik in vollem Verſtande unterfcheidet fich das Naturrecht eben dadurch, daß feine Abficht nur auf die Konſtruk⸗ tion des inmeren Zuſammenhangs ber Gefellichaft gerichtet ift; daher es gerade in feiner vollkommenſten Geftalt nicht einen ob- jeftiven inneren Zuſammenhang aller Erjcheinungen dem Studium der Gejellichaft zu Grunde legt, ſondern diefen Gegenftand jelb- ftändig behandelt. In dielen Grenzen hat e8 die Eigenschaften einer Metaphyſik. Es analyfirt nicht die Wirklichkeit, jondern ſetzt ſie aus abftralten Zheilinhalten von Individuen ald aus veris causis zuſammen und betrachtet den jo entftehenden Zu⸗ ſammenhang als die reale Urſache der gefellichaftlichen Ordnung 9. Hat fi) nun dieſer foziale Atomismus in der damaligen Lage der Wiſſenſchaft fruchtbarer für die Specialertlärung der gejellichaftliden Phänomene erwieſen, ala der naturwiſſenſchaft⸗ liche für die Erjcheimingen des Kosmos? Die erhaltenen Trümmer des damaligen Naturrecht? erlauben fein ganz audreichende Ur⸗ 1) Dal. ©. 99ff. D. Naturr. e. Metaph. db. Gefellich.; b. Einzelwifſenſch. d. Gejellich. fehlen. 283 theil. Doch Können wir auch hier ein Verhältniß noch feftftellen, welches dem an der Naturwiſſenſchaft derjelben Zeit beobachteten analog it). Das Naturrecht ging von den pfychiichen Ein⸗ beiten aus und beabfichtigte eine Erklärung der bürgerlichen Geſellſchaft, wie eine einzelne örıs fie umschließt, denn diejer konkrete politifche Körper bildet den Gegenftand der griechiichen politiichen Wiſſenſchaft. Nun find die pigchologiichen Grundvor- ftellungen von Interefle, Befriedigung, Nußen, deren ſich das jophi= ftiiche Naturrecht bedient, höchſt unvolllommen. Zwiſchen den piychologiihen Grundvorftellungen und der komplexen Thatſache dieſes politiihen Ganzen liegen alsdann Zwiſchenglieder, wie Arbeitätheilung, Nationalreihthum, Stufen des wiflenfchaftlichen Lebens, Yormen des Familienrechts und der Eigenthumsordnung, religiöfer Glaube und ſeine jelbftändige Kraft ꝛc., deren wiſſenſchaft⸗ liche Bearbeitung erſt das exakt wifjenjchaftliche Studium des kom⸗ pleren politifchen Ganzen bedingt. Dieje Thatfachen können aber nur durch abftrafte Wiflenichaften bearbeitet werben, welche verwandte Theilinhalte des piychiichen Lebens, wie fie die Gefellichaft enthält, zulammenordnen; dies ift im erſten Buche gezeigt worden. Während nun die entjprechenden abſtrakten Wifjenfchaften innerhalb der Natur⸗ forſchung erft in der alerandriniichen Zeit in ſehr vereinzelten An⸗ ſätzen fich zu bilden begannen, beſtanden die technischen Theorien der Grammatik, Logik, Rhetorik, Poetik, Nationalölonomie, juriſtiſchen Technik jchon früh; das Bedürfniß der Gelellichaft hatte fie hervor⸗ gebracht, wie auch die das erſte Buch gezeigt hat. Trotzdem haben die Vorftellungen der Griechen über Arbeitötheilung, über die Faktoren des Nationalreichthums, iiber das Geld niemals eine erheblich höhere Stufe erreicht ald die über Drud, Bewegung und Schwere, und die Griechen haben innerhalb diefer Spekulationen, fo weit wir jehen, niemals von eraften juriftifchen Begriffen Gebraud) gemacht. Daher war ihre naturrechtliche Konftrultion der Geſell⸗ ſchaft ganz ebenſo zu einer verhältnißmäßigen Unfruchtbarteit ver⸗ urtheilt wie ihre atomiftifche Konftruftion des Kosmos. Auch auf 1) 2gl. ©. 212 ff. 245. 284 Zweite Bud. weiter Abſchnitt. diejem Gebiet fiel der ſokratiſchen Schule, der Metaphyſik der jubftantialen Yormen der Sieg für lange Jahrhunderte zu gegen- über der Metaphyſik gejellichaftlicher Atome. Die Jofratiihe Schule war aud dem Bedürfniß ent- ſprungen, inmitten der relativen Wahrheiten, welche die Sophiſtik übrig ließ, einen feften Punkt zu entbeden. Gin folcher Tann innerhalb des griechiichen Vorſtellungsſchemas entweder in der Richtung der Abbildung des objektiven Seins im Denken oder in der Richtung der Beitimmung des Sein? durch dad Handeln gejucht werden. Er ift gegeben ala Subftanz in der Wirklichkeit oder ala höchſtes Gut in der Welt des Willend und Handelns, ſei es der Einzelnen oder der Gemeinjchaften. Socrates ließ die Mög- Iichfeit eines feiten Punktes für die Welterfenntniß fallen, er fand dagegen einen foldyen für das Handeln, nämlich in den fittliden Begriffen. Dieſe Sonderung ber theoretiichen und . praftifchen Philojophie bezeichnet eine Grenze, welche aus ber des griechifchen Geiftes überhaupt folgt. Daß im Imneren, im Innewerden ber fefte Punkt für alle Erkenntniß, auch der objektiven Welt, liege: diefer Gedanke liegt jelbft außerhalb des Geſichtskreiſes des Sorrated. Erft wann dieſe Hare Einficht vorhanden ift, tritt die fittliche Welt, der fefte Punkt alles Handelns in ihr, in den umfaflenden Zufammenhang ber menschlichen Wiſſenſchaft. Mit ihr ift exit die falfche Sonderung der theoretifchen und praftiichen Willenichaften überwunden, und die wahre Sonderung der Natur- wiſſenſchaften von den Geifteawifjenichaften kann begründet werden. Indem Socrates in den fittlichen Begriffen ein Unveränder- liches entdeckt, empfängt auch die politifhe Wiſſenſchaft ein klares Ziel. Das Ziel des Staates entfteht nun nicht aus dem Spiele der benjelben bildenden Atome. Vielmehr ift für Socrates im Willen unverrüdbar fett Ein Punkt gegeben, um welchen die Individuen gravitiren: das Gute. Das Gute ift nicht relativ, jondern unbedingt gewiß. Died Ziel ordnet fich aljo al® der die Gliederung des Staates beherrichende Gedanke die Einzelnen unter. Diefe politifche Auffaffung des Socrates tritt Die Staatswiffenichaft der ſokratiſchen Schule. 285 in Gegenjat zu der berrichenden Demokratie und zu der Gleich- berehtigung jedes gejellichaftlichen Atoms in Bezug auf die Leitung des Stanted, welche diefe Demokratie am fchroffften in der Zu⸗ theilung von Staatsämtern durch das Loos ausdrückte. Das Willen macht zum Herrſcher; es ift die Vorbedingung bed An⸗ theile an der Staatsleitung. Platos großer organiſatoriſcher Geift konſtruirt von dieſem Gedanken aus den idealen Staat als ein Gegenbild des äußeren Kosmos, den Staat als Kunſtwerk. Er fand die atheniſche Geſellſchaft in ſoziale Atome aufgelöſt; ſo faßte er den Gedanken, die Beziehung zwiſchen politiſchem Wiſſen und Können und dem Antheil an der Staatsleitung nicht in das vorhandene politiſche Gefüge einzuordnen, ſondern von dieſem abſtrakten Ver— hältniß aus den Staat zu konſtruiren; bei den neueren Völkern bat dann dieſer Gedanke auf die vorhandene Realität der Staats⸗ ordnnungen fortbildend eingewirkt, und jo erjcheint Plato ald weis⸗ fagender Genius in Bezug auf wejentliche Züge des modernen Beamtenftaatee. Er fand aladann, umgeben vom Ringen ber Bolitien um die Herrichaft und vom Kampf der Intereſſen, die höchfte Koncentration aller Einzelinterefjien und Einzelfräfte in dem von ihm entworfenen einfichtigen, einheitlichen Staatäwillen noth⸗ wendig; daher ftattete er feinen idealen Staat mit den äußerften Mitteln aus, welche in dem Bereich ded ohnehin mit dem Eigen- thum wie mit der Freiheit in fünftleriicher Machtvollkommenheit Ihaltenden griechiichen Staates lagen, um dieſe Unterordnung der Einzelwillen, der Einzelintereflen unter die leitende Vernunft her- zuftellen. So entfteht eine Gliederung, in welcher die Einfichtigen regieren, die Starken fie unterftüßen, die im Erwerb verfunfene Maſſe gehorcht: ein Abbild der Piyche. Die Tugenden der Theile der Seele find die der Stände des Staated. Wie dag Streben nad) dem Guten in der Beziehung der Pſyche zu der Ideenwelt gegründet ift, jo geftaltet dafjelbe auch im Zufammenhang mit der Ideenwelt das deal eines gejellichaftlichen Kosmos, den Stant, ala eine zwar entjtandene, aber durch die Abmeſſung der Kräfte in den Seelen unzerreißbar gefügte Einheit. Die politiiche Kunft ge 286 Zweites Buch. Zweiter Abfchnitt. ftaltet nach den Ideen der Gerechtigkeit jowie der anderen Tugen- den aus dem Stoffe der Seelen den gejellichaftlichen Kosmos, wie ber gute Gott den äußeren Kosmos gebildet hat. So entiteht der Menſch im Großen: eine reale Einheit wie der Einzelmenſch. Die innere Unhaltbarfeit diefer Art von Metaphyfit der Ge- ſellſchaft iſt augenfcheinlih. Die Analogie des Menjchen im Großen verschiebt nur das Problem, wie aus Einzelmillen ein Geſammtwille d. 5. ein Gefüge der Willen, welches einheitlich wirkt, entftehe. Plato Hat feine Aufgabe weder für die Einzelſeele noch für den Staat gelöfl. Vielmehr bilden feine Seelentheile fo wenig eine wirkliche piychiiche Einheit, ala feine drei Stände eine einheitliche Geſellſchaft ausmachen können. Da Plato nicht von den Antereffen der Individuen ausging, von der Realität der menfchlichen Natur, wie fie einmal ift?), entitand ihm nicht das Geflige der Intereſſengemeinſchaft, welches die Unterlage des wirklichen Staates bildet; vielmehr hat er dieje als das Niedrige mißachtet und Arbeit, Gewerbe, Handel feiner Unter- ſuchung unterzogen. Die bier zu Grunde liegende falſch vor- nehme Richtung ift derjenigen verwandt, welche die Griechen auf dem Gebiet der Naturerkenntniß überall zeigen. Co bleiben Ge- danke und phyſiſche Gewalt, den Staat zufammen zu halten, da= gegen gehen die Intereſſen der Stände in ihm außeinander und müffen ihn zerreißen. Mit einer Art von Abſolutismus des Ge- dankens werden die realen Intereſſen der Individuen ala bloßes widerjtrebende® Material für den politiichen Künſtler behandelt, anftatt daß dad Gefüge von Abhängigkeit und Gemeinschaft, welches als ein Staatswille ſich darftellt, als die Wirkung ber Intereſſenvereinigung erkannt worden wäre. So wird bier ein Staat in die Luft gebaut. Es entfteht eine Foncentrirtefte, aber zugleich dem Spiele der Intereſſen gegenüber ohnmächtige Einheit. 1) Die Ableitung der molıs aus der Arbeitstheilung und dem Ver—⸗ fehr in Politie 369 ff. beftätigt dies nur. Denn fie zeigt, daß Plato bie Tragweite der einzelnen Intereſſen für das Gemeinleben erwog, jedoch die Einheit des Willend in feinem Staate nicht auf fie gründen zu können glaubte. Platos Staatsbegriff eine unhaltbare Abftraltion. 987 Diefer Menſch im Großen ift ein Tropus; die in diefem Tropus behauptete reale Einheit des Staates ift nicht nur unfaßbar — das bleibt fie immer und überall, da fie eben Metaphyſik it —, es wird auch nicht verjucht, den Tropus durch Begriffe aufzuklären. Sp folgenſchwere inhaltliche Mängel verknüpfen fi) mit einem allgemeineren Fehler methodifcher Art. Der Staat foll verjtanden werden, bevor die Intereſſen und Zweckzuſammenhänge analyfirt find, welche feine Realität im Menſchen bilden, vermöge deren er lebt und Kraft Hat. Diefer Wehler hat zur Folge, daB an die Stelle de Zuſammenhangs von Thatjachen (Zweckzuſammen⸗ hängen, Interefien) dag metaphufiiche Fabelweſen des Menſchen im Großen tritt‘). Ariftoteles bat verjudht, eine Formel an die Stelle dieſes Tropus zu jeßen. Er will den Begriff der realen Einheit, welche Staat ift, entwerfen. Seine Staatdlehre ift gerade dadurch aud) hier fo belehrend, daß fie zeigt, wie diejer fundamentale Begriff der jozialen Metaphyſik mit den anderen metaphyfiichen Haupt: begriffen die Eigenſchaft teilt, der vollftändigen Auflöjung in einfach Klare Gedankenelemente zu widerftehen. Es ift dargelegt, daß die Subjekte für Ausfagen über die gejellichaftliche Wirklichkeit in den Individuen gegeben find. Die Eubjelte der Auslagen über die Natur find und ungzugänglich, dagegen bie des gelellichaftlichen Lebens, des Thuns und Leidens wie der Zuftände in demjelben find in der inneren Erfahrung ent- alten 2). Ariftoteled® bat nun die vernünftigen Einzel- weſen ala Subftanzen beitimmt. Er hat andrerjeit3 im Zuſammenhang feiner Metaphyſik den Staat, welcher aus folchen Einzelweſen beiteht, als eine Einheit angejehen, die nicht eine nadhträglide Zujammenfügung derjelben if. Zwar Bat er ben Begriff des Staates ſeiner Metaphyſik nicht eingeordnet, da dieje vor der praktiſchen Welt, ſonach gerade vor dem großen Problem 1) Dal. Darlegung beffelben Fehlers in der Philojophie der Geichichte ©. 137 ff. 2) ©. 185 ff. 288 Zweites Buch. Zweiter Abfchnitt. des Willen? endigt und in feinem Syſtem das Gebiet der praf- tiihen Vernunft von dem der theoretiihen Wiſſenſchaft gejondert ift. Aber die Prämiflen feiner Auffaffung von der Einheit des Staates find die folgenden. Der teleologifhe Zufammen- hang zeigt in dem Reiche der organiichen Welen eine Steigerung der Yunktionen; fie ent|pricht der Steigerung des Pſychiſchen. Die Gattung des Menſchen ift jo die Höchite der jubftantialen Formen in der Stufenreihe der organifchen Weſen. Die Einzel- weſen in dieſer menjchlichen Gattung find aber noch auf anbere Meile verbunden als dadurch, daß jie eine Jubftantiale Form verwirklichen. Die einzelnen Menjchen befinden fich in gefell- ſchaftlichen Ganzen, innerhalb deren die Individuen fich mie Theile verhalten. Solche Ganze bilden jchon Bienen und andere herdenweiſe lebende Thiere, in einem viel engeren PVerbande aber der mit Sprache und Berftand zu diefem Zwecke von der Natur begabte Menſch, welcher das Vermögen ber Unterjcheidung von Recht und Unrecht befitt. Diele Gemeinihaft (Koinonie) ift al3 Yamilie untrennbar mit Menfchendajein überhaupt gegeben, und indem diefe zur Dorfgemeinde, meiter zur Polis fich ausdehnt, erreicht in der leßteren da in der Natur angelegte Ge— meinjchaftsftreben das Endziel der Autarkie d. h. des völligen Selbft- genügens; die Polis ift der Zweck der mehr elementaren Formen von Gemeinſchaft, der in den weniger zufammengefeßten ſchon wirk- ſam ift. In diefem Zuſammenhang tritt die Formel des Ari« ftotele8 auf, daß der Staat ein Ganzes bilde, welches vor den Yamilien und Individuen ald feinen Theilen ſei y. Dieje Formel drüdt aus, daß der Staat nicht ein Werk menschlicher MWillfür jei, fondern ein in der Phyſis begründetes Syſtem. In der Phyfis, in welcher der Zweck wirkt, ift ein Zu⸗ ſammenhang von Beitimmungen angelegt, welche nur durch die einzelnen Individuen und in ihnen fich verwirklichen, welche aber Diefe Individuen der Zulammenordnung (ra«&ıc) in einer Bolitie zuführen, da erft in dieſer das Ziel der Eudämonie auf felbft= — — — — — 1) Vgl. näher Ariſt. Polit. I, 2 p. 1252 30 p. 1253 19. Der ariftoteliiche Begriff des Staates. 289 genugjame Weile erreicht wird. Solche Beitimmungen find 3.8. die Ungleichheit der Individuen, der Gegenja der Herrichenden und DBeberrichten, die Proportion von Leiftung und politifcher Macht. Sie befiken die Nothwendigkeit des Zweckes. Und zwar befteht das Syſtem (odorzuu), zu welchem bie Menge (rRj9os) durch den Zweck in der Politie geordnet ift, aus ungleichartigen Beftandtheilen. Auch geht da3 Individuum in diefem Zweck nicht ganz auf. Das Zuſammenwirken von ungleichartigen Einzelnen ala von XTheilen zu einem Ganzen kann mit dem der Theile inner- halb eines Organismus verglichen werden. Der einzelne Menſch verhält fi) zum Staatsganzen wie Fuß oder Hand zu einem Körper. So bereitet fi) in Ariftoteles die Auffaffung des Staates ala eine Organismus vor, welche eine jo verhängnik- volle Rolle in der Geſchichte der politiichen Wiſſenſchaften gejpielt bat. Der Begriff des Organismus ift in feiner Art das lebte Wort diefer Metaphufit des Staates. Und zwar ift derjelbe, wie jeder Begriff der Stantzeinheit, welcher dieſe nicht ana— Iytiih aus der Wirklichkeit des Staatslebens bis zu einem ge= willen Punkte auftlärt, fondern ala eine Yormel zum Zwecke der Ableitung auftritt, eine metaphufifche Begriffsdichtung. Was im lozialen Leben erfahren wird, kann die Analyfis in einem gewifjen Umfang zerlegen, aber nie vermag fie, in einer Formel den Reich- thum des Lebens auszudrücken). Daher ift die Realität des Staates nicht in einer beftimmten Zahl begrifflicher Elemente dar⸗ ftellbar. Died zeigt fich ſchon Hier, bei Ariftoteles, in der Dun- felbeit des von ihm gebildeten Gedankens des Staates ala eines or- ganiſchen Ganzen, und dieſe Dunkelheit als in der Sache jelber liegend ift nie überwunden tworden ?). Dennoch hat die Betrachtungsweiſe des Ariftoteles, welche den Staat ald einen realen Zweckzuſammenhang dachte, fich für ein vergleihendes Studium des Staates höchft fruchtbar 1) Bgl. ©. 119 F}. 2) Bol. ©. 88 ff. Dilthey, Einleitung. 19 290 Zweiter Buch. Zweiter Abichnitt. eingreifende Arbeit für das Studium des Staates vollbracht, als die Ymeckbetrachtung des Ariftoteles auf dem der Natur für Die biologischen Willenfchaften geleiftet bat. Ja auf dem politijchen Gebiet hatte diefe Betrachtungsweife ein roch höheres Recht. Zwar kann der Staat nicht ala die Realifirung eined einheitlichen Zweck⸗ gedanken? aufgefaßt werden; jelbit der von Ariftoteles jo geſund entwickelte Zweckbegriff der Eudämonie‘) ijt nur eine abftrafte Tormel. Aber in Wirklichkeit bilden doch Wille, Intereflen und Zwecke da3 Gefüge des Staates, und daher darf die von Aristoteles in der Gefelichaft angenommene Richtung auf Ber- wirflihung der Eudämonie wenigftend als eine unvollkommene Abbreviatur des Thatbeftandes angejehen werden. Die Betrachtung aus dem Zwecke, die Ariftoteles anwendet, gelangt daher bier auf den Boden der Thatſächlichkeit. So konnte fie durch eine fom- parative Analyje der Staaten die Grundzüge ihrer Struktur feſt⸗ ftellen und die Hauptformen des politiichen Lebens beftimmen. Und fie bat diele SLeiftung mit ſolcher Vollendung ausgeführt, daß die fo gejchaffenen Begriffe ihren Werth bis heute behauptet haben. Dieje Arbeit des Ariftoteles und feiner Schule war die Bor- bedingung erklärender Methoden auf dem Gebiet der Staatäwifjen- Ichaften, wie fie diejelbe auf dem der Biologie geweſen ift. So hat auch Hier die Metaphyſik der Jubftantialen Formen fih in einem Stadium der Willenichaft fruchtbar erwieſen, in welchem die Mittel einer Zerlegung in den Bujanımen- bang der Vorgänge nach Geſetzen noch nicht vorhanden waren. Alle Verbandsverhältniſſe, dies zeigte unfere eigene theoretiſche Erörterung ?), folgerecht auch der Staat, find, piychologifch angefehen, aus VBerhältnifien der Abhängigkeit und Gemeinſchaft zufanımenge- jet. Aus dielem Syſtem der pafliven und aktiven Willensbeſtim⸗ mungen entipringt das piychologifche Verhältniß von Befehlen und Gehorchen, von Obrigkeit und Unterthan, auf welchen die Willens» einheit des Staates begründet ift. Aber dieſes Syſtem von Abhängig- 1) Der Zweck bes Staates ift die Verwirklichung der Eubämonie, bes ev Inv ober auch ber (wis relelus xal aurapxoug. 2) ©. 86 ff. Die ihm entiprechenbe Aufgabe einer vergl. Zergliederung b. Staatsverf. 291 leiten und Gemeinſamkeiten ift nur die Außenfeite ber realen Be⸗ ziehungen der Intereſſen unter einander. Die inhaltlichen Faktoren des Staatslebens liegen inäbejondere in den Zwecken und Intereſſen, welche nicht durch das Freie Sneinandergreifen der Handlungen ber In⸗ dividuen zur Befriedigung gelangen. Hier gewahren wir die reale Seite deflen, wa3, nad den bloßen Willengverhältnifien betrachtet, ala Me— chanik der Gejellichaft und des Staatslebens fich darftellt und in der Exiflenz eines herrichenden Staatswillens feinen Abſchluß findet. Diefen status der äußeren Willensverhältniffe in einem Staate fönnen wir ala Staatsform oder auch als Verfafjung bezeichnen. Diefem Thatbeftand entipricht, daß die politiiche Wiſſenſchaft in Ariftoteleg zunächſt durch) Anwendung der vergleichenden Methode die äußeren Yormen oder die Verfaffungen beftimmt bat. Das reale Leben des Staates ift fo außerordentlich fompler, daß jelbft die moderne, wahrhaft analytiiche Wifſenſchaft noch am Anfang feiner wifjenfchaftlichen Behandlung ſteht. Das Altertfum beſaß aber die Bedingungen eines jolchen wahrhaft analytiichen Verfahrens noch gar nit. Ihm fehlten eine entwidelte Piycho- logie und die zwilchen ihr und der Politik ftehenden Einzelwiſſen⸗ Ichaften. Der Zufammenfeßung der realen Zwecke im Leben des Staated gegenüber war es jo an einer fruchtbaren Analyfis ge= bindert, welche exit jehr ſpät Wiſſenſchaften wie die politifche Delonomie und Schriftiteller wie Niebuhr, Xocqueville zu voll bringen begonnen haben. Sonah war bie griechiſche Staatswiſſenſchaft auf ihrem Höhepunkt in Ariſtoteles vorzugsweiſe Zergliederung der Berfaffungen. Durch diefe Einſchränkung der Betrachtungsweiſe ift bedingt, daß dem Ariftoteles der Staat ein anderer wird, wenn die Staatöverfaffung fich ändert. Der Staat (ndiıs) ift eine Gemeinſchaft (xowwri«), das Weſen diefer Gemeinichaft (xor- vowia noFırCv) wird durch die Verfaflung (roAıreia) bezeichnet; ſo⸗ nach ändert fid) mit ber Verfafjung der Staat. Die Perjonen bleiben dabei Diejelben, wie ja dieſelben Perjonen den tragiſchen Chor bilden und aus ihm in ben Chor der Komödie eintreten. Ariftoteles gewahrt nicht Hinter dem Wechſel der Stantzform die dauernde 19* 292 Zweites Bud. Zweiter Abichnitt. Sinterefiengemeinichaft de Volles, welche das den politiichen Zufammenhang Konftituirende ift, ſondern ihm ift die Staats⸗ verfaffung dag Wejenhafte, welches den Staat ausmacht ). Dem entipricht, daß fich ihm der Politifer zu den Staatsbürgern ver- hält, wie der Künftler zu feinem Stoffe. Die Maſſe bildet dag Material für den Aufbau des Staates 2). So fubftituirt Ariftoteles einen falichen Gegenjat von Stoff und Form dem realen Zufammen- hang der Gelellichaft, und diejer Gegenjaß ift auf bem Gebiet der Staatswiflenfchaft eben jo verhängnißvoll für ihn gewejen, wie auf dem der Naturmifjenichaften. In Wirklichkeit find im Staate überall bildende Kraft, Zweckzuſammenhang, Intereſſenbezieh⸗ ungen, und überall Stoff: denn überall ift Perfon. In ben Rebenäzweden des Volkes, welches ihn ausmacht, ift auch das Leben des Staates gegründel. Hier aber verjchwindet, wie in ge= wiſſem Grade für den griechifchen Menfchen überhaupt, das Hifto- riſche Bewußtſein von Naturwachsſthum ganz Hinter dem Macht- gefühl des politifchen Menſchen, der den Staat wie ein bildenber Künftler zu kneten beanſprucht. Und zugleich tritt das Bewußtſein von Rechtskontinuität zurüd; wie denn Ariftoteles in obigem Zu- ſammenhang die weitere Yrage aufwirft, inwiefern nach Verände⸗ rung der Staatöverfailung die Verbindlichkeiten, welche der frühere Staat eingegangen ift, fortbeftehen oder ebenfalls aufhören. Und fo bejtätigt ſich auf überrafchende Weife auch innerhalb ber Geiſteswiſſenſchaften das von und aufgeftellte Geſetz ber Entwidlung der europäiſchen Wiſſenſchaft. Diefelbe jucht zu⸗ nächft die jo jehr zuſammengeſetzte Wirklichkeit direkt zu erkennen, be= fchreibt, vergleicht und geht auf vermuthete oder von der Metaphyfik untergelegte Urjachen zurüd. Allmälig erſt ſondert fie einzelne Kreife von Theilinhalten der Wirklichkeit ab und unterwirft fie einer beharrlichen und abftrakten Kaufalunterfudung. Die Phäno- mene der Bewegung 3. B. bilden einen ſolchen Kreis, die des wirth- Ichaftlichen Lebens einen anderen. Der Gang ber Erkenntniß ent- widelt nun in abftratten Wiffenichaften die Grundeigenjchaften ber )Qriſt. Polit. II, 8 p. 127601. 2) Arift. Polit, VII, 4 p. 192540. Dieje Aufgabe entipr. d. Stadium d. Metaphyfik d. fubftantialen Formen. 293 innerhalb der einzelnen Kreiſe zufammengehörigen Theilinhalte und erjeßt 3.8. Smedvorftellungen, wie Ariftoteles fie ala Erflärungg- gründe bemutte, durch angemefjene Begriffe. Metaphyſik in ihrer Herrichenden Stellung innerhalb der Willenichaften ift eine dem erfteren Stadium der Betrachtung Eforrelative Thatjache geweien. Tie äußere Organifation der Gefellichaft in Staaten hat am ſtärkſten die Blicke der Forſcher auf ſich gezogen, welche die gejellichaftlich = gefchichtlicde Wirklichkeit zu ihrem Gegenftand machten. Denn bier bot fid) das merfwürdige Phänomen einer über die einzelnen Willen fich erhebenden Willendeinheit. Dies Phänomen mußte den Griechen noch weit erftaunlicher ala den monarchiſchen Völkern des Oſtens erſcheinen. Denn lebteren ftellte ſich die Willenseinheit in ihren Königen auf eine perjönliche Weiſe dar, Dagegen war fie in diejen griechiſchen Bolitien gleichſam körper: 08. Dies Problem der Willendeinheit im Staate beichäftigte die ala Sophiften bezeichneten Schriftfteller. Mit einander ringende Staaten bilden das Objekt der großen griechifchen Hiftorifer. Noch war der Durchſchnittsmenſch, wie er in einer gegebenen Zeit lebt, arbeitet, genießt und leidet, der Geſchichte jo wenig fichtbar ala die Menjchheit. Dafjelbe Problem beichäftigte die ſokratiſche Schule in erfter Linie und ed ward Gegenitand einer Theorie ber Gefell- ſchaft, welche dem metaphyſiſchen Standpunft des europätichen Denkens entſprach. In der nun geſchaffenen, vergleichenden Wiſſen⸗ ſchaft von Struktur und Formen der Staaten tritt die Korre⸗ ſpondenz zwiſchen einem ſehr glücklichen deſtriptiven Studium ber politiſchen Formen und der Metaphyſik hervor. Dieſe vergleichende Wiſſenſchaft der Staaten geht, gemäß dem Dargelegten, von der Betrachtung des Herrſchaftsverhält— nifjes aus, wie es in der Verfaflung feinen Ausdruck gewinnt. Verfaſſung ift für Ariftoteles die Ordnung des Staates in Bezug auf das Regiment der obrigkeitlichen Gewalten, insbejondere der über ihnen allen ftehenden fouveränen Gewalt!). Bürger ift ihm 1) Arift. Polit. III, 6 p. 12788, 294 Zweites Buch. Zweiter Abichnitt. dem entiprechend derjenige, welcher an ben Funktionen der Staats- verwaltung und Rechtäpflege theilnimmt!). Und zwar legt Ari⸗ ftotele8 der Zergliederung der Verfaffung in ihre Formbeſtandtheile (die zu unterjcheiden ift von der Erlenntniß aus den Faktoren des Staates als einer Realität) ſowie der Aufſuchung der Haupt- formen von Staatöverfaffungen den in der ſokratiſchen Schule entwidelten Begriff der Beziehung zwilchen der politiſchen Leiftung und bem Antheil an der Herrſchaft ſowie ben Gütern zu Grunde. Ariſtoteles erweitert diefen Begriff ber Leiftung mit unbefangen realiftiichem, Thatjachen vergleichenden Geifte. — Die Leiftung fteht in Beziehung zu dem Zwed des politiihen Ganzen, um deflen Leben und Wirken e8 fi handelt. Diefer Zweck ift in feinem Syſtem durch die auffteigenbe Reihe der die Arten der Lebeweſen unterjcheidenden Funktionen beftimmt und befteht in der Eubämonie de Ganzen und feiner Theile, der einzelnen Bürger. Der Staat ift ſonach einem lebenden, zwedmäßig wirkenden Weſen zu vergleichen. Die Verſchiedenheit der Art von Eudämonie, welche das lebendige politiihe Ganze gemäß ſeinen Lebensbedingungen judht, beftimmt die Berichiedenheit in der Schäßung der Leiſtungen, und dies wirft auf den Anſatz der Proportion zwiſchen Leiftungen und Antheilen an der Herrichaft ſowie an dem Nuten. — Dieſe Beziehungen Fonftituiren die Struftur eines politiſchen Ganzen. Das Bild Ddiefer Struktur eines lebendigen Weſens vollendet ih, indem Ariftoteles rückwärts die Beziehungen zwiſchen den Leiftungen unb ben fie begründenden Bebensverhältniffen und Lebensbedingungen verfolgt. So entftehen bie Grundlagen für eine morpbologijche, vergleichende Betrachtung der Staaten ſowie für die geniale Theorie von den Störungen ber Proportion und der Geneſis der Revolutionen. Die vergleichende Staatswiſſenſchaft des Ariftoteles Hat ihre Schranke darin, daß fie für die Zergliederung nicht Kauſalbegriffe aus außgebildeten, weiter zurldliegenden Wiſſenſchaften benußen 1) Arift. Polit. II, 1 p. 1275222. geiftungen db. Ariſtoteles u. feiner Schule f. daB Studium db. Gejellichaft. 295 kann, jondern in der Hauptfache auf unvolllommene Zweckvor⸗ ftellungen angewielen if. So jchloß Ariftotele voreilig auf die Naturnothwendigkeit der Stlaverei, weil er eine in der Phyſis an- gelegte Ungleichheit der Menichen annahm, ohne ihren Urjprung in geichichtlichen Berhältniffen und die Hierdurch gegebene Mtög- lichkeit einer Ueberwindung derjelben zu erwägen. So bat er die Sonderung des natürlich Bolllommenen, dem Zweckzuſammenhang Entjprechenden von den Abweichungen, wie dieſelbe in ſeiner Phyſik jo viel Unheil anrichtete, auch in die Politik hinein fort- geführt, jeine Sonderung der vollflommenen von den entarteten Berfaffungen muß ala willfürliche Konftruftion einer Wirklichkeit, die nur Grade zeigt, verworfen werden. Aber am meiften verhäng- nißvoll wirkte die Einfeitigfeit, mit welcher er in ber Verfafſung den Staat ſah. Der politiiche Formalismus des Ariftoteles ift für die realiftiiche Staat3betrachtung in hohem Grade hindernd gemeien. Ariftotele8 und die ariftoteliiche Schule bilden aber weiter den Mittelpunkt für eine unvergleichliche Thätigkeit von Samme- Iung, Gejchichtichreibung und Theorie, welche über die Staat3- wiflenichaft Hinausreicht. Neben den Theorien über Dichtung, Beredſamkeit, wiſſenſchaftliches Denken und fittliches Leben finden wir Geichichticehreibung der Wiflenichaften, der Kunſtthätigkeit, der religiöfen Vorftellungen in der ariftoteliichen Schule. Ya Dikäarch gebt in feinem 4i00 "Eriados fchon zu einer kulturgefchichtlichen Betrachtungsweiſe fort; er fondert das fabelhafte goldene Zeitalter eine? mäßigen friedlichen Naturzuftandes, das Auftreten de Nomadenlebend und als eine weitere geichichtliche Stufe die. Seß— Haftigkeit, welche der Aderbau bervorbringt,; an die Naturbedin- gungen Griechenlands knüpft er ein Bild des griechifchen Lebens, in welcdem Sitten, Lebensgenuß, Feſte und Berfaffungen in einer inneren Verbindung gefehen werden. So ftehen die Leiftungen ber ariftoteliichen Schule für die Geifteswiflenichaften in feiner Weile Hinter denen für die Naturwiſſenſchaften zurüd. Bezeichnen wir fchließlicd die Stellung de Studiums der menſchlichen Gejellihaft innerhalb des Zuſammen- hangs der Wiſſenſchaft in dem durchlaufenen Zeitraum. Wie 296 Zweites Buch. Zweiter Abſchnitt. die einzelnen Theorien über die Syfteme der Kultur und über Die äußere Organilation der Gejellichaft auß der Aufgabe technifcher Anweilungen für das Berufsleben hervorgegangen waren, fo haben fie diefen praftiichen Charakter behalten, der auch der Politik Die Richtung auf die befte Verfaſſung gab.. Die theoretifche Wiſſenſchaft in firengem Verſtande endigt im Ganzen für dieſe Philoſophen, wo ber Wille fein Reich aufzubauen beginnt. Schon aus diejer Betrachtungsweiſe ergiebt fi), daß dieje Zeit da8 Problem noch nicht jah, wie Freiheit des Willens mit der Unterordnung aller Erſcheinungen unter das Kauſalgeſetz verträglich fe. Aber dauernder ala eine ſolche Einſchränkung der Metaphyſik, welche nur vorübergehend jein jollte, wirkte in diefer Richtung das allgemeine und bleibende Verhältniß der ganzen Metaphyſik der Jubftantialen Yormen zum Problem der Freiheit. Diefe Metaphyſik unterwarf dem Zufammenhang des Erkennens nur die allgemeinen Formen der Wirklichkeit, von dieſen wurde aber die Freiheit des Individuums nicht berührt. ‘Mit beneidens⸗ werther Sicherheit des in der inneren Erfahrung gegebenen Trei- heitsbewußtſeins, ungeftört noch von der Frage nach der Stellung defielben zu dem Raufalzufammenbang, welche die Wiſſenſchaft auf⸗ ftellt, ſpricht es Ariftotele3 aus, daß Handeln wie Unterlafien, Tugend wie Lafter in unjerer Gewalt jet '). Achtes Kapitel. Zerjegung der Metaphufit im Stepticismus. Die alten Völker treten in das Stadium der Einzelwiflenichaften. Die Stellung, welche Ariftotele3 der Erfenntniß zur Wirklich- feit giebt, ift die, welche die Metaphyſik jelber ihr vorfchreibt. Die erflärende Geichichte der Metaphyſik Hat daher nunmehr ihr Hauptwerk gethan; nur Fortbildung der Metaphyſik Liegt noch vor ihr. 1) Eth. Nic. IN, 7 p. 1113%6. Näher Trendelenburg Hift. Beiträge Il, 149 fi. u Die griechifche Wiſſenſchaft tritt in daa Stabium d. Einzelwifienichaften. 297 Inzwiſchen Hatte feit dem Zeitalter der Sophiften der Skepti⸗ cismus fortbejtanden. Unmittelbar nad) Aristoteles tritt Pyrrho auf, der Begründer der fleptiichen Schule. Die Debatten dieſer Schule, ingbejondere aber der neueren, ſteptiſch gerichteten Akademie erfüllen das 3. und 2. Jahrhundert vor Chriftus und erhalten ihren Abſchluß in der Zufammenfaffung ber Beweizführungen gegen alle Willenichaften durch Sertus Empiricus. Sie zeigen, verglichen mit dem Relativiamus des Protagorag, einen Yortichritt bes ſtep⸗ tiichen Gedankens, indem fie auf Grund der nun geichaffenen Logik und Metaphyfik von den Unterfchieden der Wahrnehmung und des Denkens, des Phänomens und des dem Phänomen objektiv zu Grunde Liegenden, des Syllogismus und der Inbuftion ꝛc. für die Durch- führung des ſteptiſchen Grundgedankens Gebrauch machen. Hier- durch trat zwar noch deutlicher die Schranke heraus, welche durch den griechiichen Geift dem Skepticismus gezogen war; innerhalb der Vorausſetzungen der alten Völker erwies ſich nun aber dieſer Skepticismus als ganz unwiderleglich. Er blieb Sieger auf dem weiten Sampfpla der griedhiichen Metaphyſik. Der Skepticismus. Melche find die Grenzen in der Beweisführung der ſteptiſchen Schulen des Alterthums? Lieft man, was übrig ge- blieben ift, jo wird es nur verftändlich, wenn wir von unferem höheren Standpuntt aus den Sfkeptilem zu Hilfe fommen, wenn wir gleichiam heraufheben, was nad) ihrem Standort unter ihrem Horizont lag. So zeigt fich, wie biejelben jolchergeftalt nur beftritten und aufgelöſt Haben, was ihr Geſichtskreis enthielt: die objek— tive Welterfenntniß des Altertfums, daß jedoch dieje ihre Kritit Anderes gar nicht erblidte -— und darum nicht traf. Das Nicht- Willen des Socrates war mit dem Affelt des Wahrbeitäge- fühls der Zukunft zugewandt. Pyrrho fteht in fich gelehrt an der Grenze des Griechentgums. Er ftellt ruhig feft, daß alle Meta— phyfik, alle pofitive Erfenntniß, welche der griechilche Geift zu er- blicken vermocht Hatte, objektive Wahrheit nicht ift. Die Zeit ftand bevor, in welcher von einem höheren Standort aus Anderes gejehen 298 Zweites Buch. Zweiter Abfchnitt. wurde, das die Skeptiler von Pyrrho bis Sertud Empiricus nicht zu gewahren vermocht haben. Ihr Endurtheil über die ganze Bofition des Metaphyſikers ift in Geltung geblieben, fie haben Die Metaphyſik zerjeßt: aber die Wahrheit ift eben nicht Metaphyſik. Alſo wir ergänzen durch unfere Einfiht, um die Skeptiker von Grund aus zu veritehen. Sie ſprechen von einem Wahr- nehmungazuftand, den der Menſch . exleidet!), und unterjcheiden diefen vom Erfenmen ?). Aber keine Ahnung ift in ihnen, daß das Innewerden eined folchen Zuftandes, welches fie nicht beftreiten, eben jelber ein Willen und zwar das ficherfte Willen ift, von welchem jede Erkenntniß ihre Gewißheit zu Zehen tragen muß. Biel- mehr juchen fie gemäß dem metaphyſiſchen Standpunkt die Wahrheit ausfchließlich in dem, was als objektive Grundlage dem in ber äußeren Wahrnehmung gegebenen Phänomen vom Denken unterge- legt wird 3). Sie erkennen daher zwar das Sehen, das Denten als einen zweifelloſen Thatbeftand an; aber derjelbe ſchließt Tür fie nicht ein wertvolles Willen, nämlicd) von den Thatfachen des Be⸗ wußtſeins, in fih. In Folge davon entwideln fie nicht Har, daß die Außenivelt nur Phänomen für dad Bewußtſein fei, und gelangen ſonach nicht zu einer Folgerichtigen Anſchauung der Außenwelt in diefem Sinne *), jondern fie fragen nur, ob der im Bewußtſein gegebene Sinneseindrud ala ein Zeichen von der objeltiven Grund⸗ lage ſolcher Phänomene benußt werden kann. Und fie leugnen das mit Recht. Sie verneinen richtig jede Art von Erkenntniß dieſer objektiven Unterlage der Phänomene: des Kant'ſchen Dinges an fih5). Mio nur darin irren fie, daß fie auf Grund hiervon bie Möglichkeit des Willens beitreiten. 1) Diogenes IX, 108: zeol ulv wr os avdewrroı maoyouev, Öuo- loyoüuev. 2) ebdi. 3) Sextus Empir. hypotyp. I, 19f. 4) ebbf. jowie Diogened a. a O. 5) xal yap Orı nuloe Lorl xal örı [üuev xal alla rolle or dv To Blp yarwvoulvav dieyıvaoxousv' nepl d’wv ol doyuarızol duaße- Buovvraı TO Aoyp, yınsvor xzaresijpdeı, ep roiraom Enkyouev ag adnılwv, uora di ra naIn Yıraoxousv. Diogened IX, 108. Die Schranken bes antilen Stepticiamuß. 299 So erklärt Sextus Empiricus ausdrücklich: der Skeptifer hebt das Ericheinende nieht auf; er erkennt den paifiven Zuftand, in dem er fih in der Wahrnehmung findet, an und bezweifelt nur jede Be⸗ hanptung über dag dieſem Zuftand objektiv zu Grunde Liegende'). Ber Divgened Laertius findet man damit übereinftimmend Die Grenzen des Sfepticiamus angegeben, wie fie von den Skeptikern gegenüber den Entjtellungen der Metaphyſiler feftgeftellt twurden. Zuftände, die wir erleben, Phänomene (7 yanwdusva), werden nicht bezweifelt, wol aber jede Erkenntniß deſſen, was wahrhaft ift, beilen nämlich, was in der Außenwelt ihnen zu Grunde liegt ?). Diefe ausdrüdlichen Erklärungen zeigen, daß ben Skeptikern die richtige Verwerthung der von ihnen anerlannten Phänomene des Bewußtſeins für das Problem de Willens durchaus fehlt. Daher leugnen fie jedes Willen von etwas wahrhaft Seiendent, während fie im Grunde nur eine Erkenntniß der Außenwelt wider- legt Haben. Am deutlichiten wird dieſe Grenze ihres Denkens durch einen fonderbaren Streit. Sagen die Steptifer: Alles ift falich, To erflären die Metaphyſiker: aljo auch diefe Behauptung, und fonach hebt fie fich felber auf. Die gründlichfte Erwiderung der Skeptiker hierauf ift: der Sfeptifer drückt mit ſolchen Worten nur feinen eigenen Zuftand aus, anſichtslos, ohne über das außer⸗ halb feiner den Phänomenen Unterliegende irgend etwas auszufagen :). Da muß dem der Erfenntnißtheoretifer Hinzutreten, um den Streit zu ſchlichten, und muß erflären: eben in dieſem Zuftand ift ein wahrhaftes Wiſſen gegeben, und in ihm liegt der Ausgangspunkt aller Philoſophie. Nachdem wir ung dieſe Schranken des Skepticismus Tlar ge- macht haben, verweilen wir nunmehr mit Entſchiedenheit jeden, welcher eine Erkenntniß der objektiven Unterlage de in unferen Eindrüden Erjcheinenden für möglich hält, auf die definitive Be⸗ feitigung jedes Verfuchs folcher Art, wie fie in den auf uns ges kommenen Neberreften der vortrefflichen fteptiſchen Schule enthalten 1) Sertu3, hypotyp. I, 13. 20. 2) Diogenes? IX, 102—108. 3) Sertus, hypotyp. I, 15. 300 Zweite Bud. Zweiter Abichnitt. it. Der Relativismus der modernen Philojophen ift von dem des Sextus Empiricuß in keinem Punkte unterjchieden, joweit er fih auf den Nachweis der Unmöglichkeit aller Metaphyſik bezieht. Er geht nur über ihn hinaus in Bezug auf die Herftellung einer Theorie vom Zufammenbang der Phänomene in den Schranten der Einſicht von ihrer Relativität. Obwol die Wahrjcheinlichkeitälehre des berühmteften aller Sfeptiler, des Carneades, doch auch ſchon entwidelt, daß nach Verzicht auf die Wahrheit die Herftellung eines widerſpruchsloſen Zuſammenhangs der Phänomene zum Zwecke der Feſtſtellung des Werthes eines einzelnen Eindruds möglich bleibe. Der Relativismus der Steptifer erweilt die Unmöglich— feit, den objektiven Zufammenbang der Außenwelt zu erfennen, durch die Kritif der Wahrnehmung Jowie durch die des Denkens. So bereitet er die große Beweisführung vor, welche das fiebzehnte und achtzehnte Jahrhundert gegeben bat, indem die empiriftiiche Schule ſeit ode die Wahrnehmung zergliederte, um in ihr die Möglichkeit einer objektiven Erkenntniß zu finden, zugleich aber die rationale Schule zu bemfelben Zwecke daB Denken zer- gliederte: wobei ſich dann unmwiderjprechlich herausſtellte, daß weder bier noch dort eine Quelle metaphyfifcher Erkenntniß des objektiven Zuſammenhangs der Erjcheinungen zu entdeden fei. Die erite Frage ift ſonach: Welcher ift der Erkenntnißwerth des in der jinnlihden Wahrnehmung Gegebenen? Die Ericheinungabilder find zunächft bedingt dur die Sinnes—⸗ organe. Die protagoreiiche Begründung des Relativiamus durch Beobachtungen über die Sinne ift nunmehr vermitteljt eines vor⸗ geichrittenen biologijchen Studiums vertieft. — Die Sehwerkzeuge der lebenden Weſen find jehr verichieden und zwingen ung, auf eine Verſchiedenheit der durch fie bedingten Gefichtäbilder zu Ichließen. Hier wendet biefe Schule die Methode an, jubjeltive Sinnegericheinungen zu beobachten und die Bedingungen, unter denen fie auftreten, ala Analogien zu benußen, um ſich über Die Abweichungen der Gefichtäbilder der Thiere von den normalen menfchlichen Gefichtäeindrüden eine Vorftellung zu bilden. Dafjelbe Derfahren wird auch durch die anderen Sinnesorgane hindurch ver= Er erweift die Unmoglichkeit einer metaphyfifcden Erkenntniß. 301 folgt. Bei trodner Zunge in der Fieberhitze haben wir andere Ge⸗ Ihmadsempfindungen ala in normalem Zuftande, und jo kann an= genommen werden, daß auch die entiprechenden Verſchiedenheiten in der thieriſchen Organilation von einer Verſchiedenheit der Ge- ſchmacksempfindungen begleitet find. Das Ergebniß wird in folgen- dem jchönen Bilde zufammengefaßt: wie der Drud derfelben Hand auf die Leier bald einen tiefen Ton bald einen hohen bewirkt, jo bringt da3 Spiel derjelben wirkenden Objekte in Folge der in dem Bau lebender Weſen liegenden feinen und mannigfachen Abftim- mung der Empfindungen ganz verjchiedene Phänomene hervor. — Diefelbe Verſchiedenheit kann aladann innerhalb der Men⸗ ſchen welt jeftgeftellt werden; die phantaftiichen Geſichtserſchei⸗ nungen jowie die großen Differenzen in der Reaktion auf Ein- drüde durch Luft und Unluft find hiefür Belege. — Nun find aber weiter die Objekte und in fünf Arten von Sinne?- wahrnehmungen gegeben; jo ift berjelbe Apfel ala glatt, mwohlriechend, ſüß, gelb für uns da. Wer kann nun jagen, ob er nur Cine Beichaffenheit Hat, nach der verichiedenen Einrich⸗ tung der Sinnedorgane aber verjchieden erjcheint? Das obige Bild von dem Drude derjelben Hand auf die Leier kann Diele Möglichkeit veranjchaulichen. Und kann nicht eben fo gut ber Apfel die fünf verichiedenen, ja noch mehrere und unbelannte Eigenſchaften haben? Ein zugleih Blind» und Taubgeborener nimmt an, daß nur drei Eigenjchaftäklaflen der Objekte vorhanden find. Dazu aber find wir nicht berechtigt, jolchen Bedenken gegen- über die Natur zu Hilfe zu rufen, welche unfere Sinnedorgane ihren Gegenständen Eorrefpondirend made. — Ja jelbft innerhalb des einzelnen Sinnesorgand find die Eindrüde von dem Wechſel feiner Zuftände abhängig. Daſſelbe Waller ſcheint, auf entzündete Stellen gegofjen, fiedend zu jein, welches von dem normalen Temperaturgefühl der Haut al lau empfunden wird. — Sp nahe rücdt die fkeptiiche Lehre an die Theorie der Sinmnes- energien, wie Johannes Müller fie begründet bat, heran). ı) Die vier erften Tropen des Sextus, hypotyp. 1, 40—117 find in diefem Abſatz zufammengefaßt. 302 Zweites Buch. Zweiter Abſchnitt. Die Einficht in die Relativität der Sinnesbilder erweitert fich, indem wir gewahren, wie die wechjelnden äußeren Um— ftände, unter denen ein Objekt gegeben ift, eine Verſchiedenheit der Eindrüde bedingen. Diefelbe objektive Urlache des Tons bringt in dünner Luft einen anderen Eindrud als in dider hervor; ſchabt man das Horm der Ziege, da8 in dem Beſtand des Ganzen ſchwarz erjcheint, jo ändert ſich der Sinnedeindrud in Weiß; ein einzelnes Sandkorn erjcheint Bart, ein Sandhaufen weich ?). So gewinnt der Skeptiker die allgemeine Formel von der Relativität jedes Wahrnehmungabildes oder Sinnes- eindrudd. Alle von ihm aufgeftellten Tropen erweiſen fich ſchließ⸗ lich als Specififationen des Einen umfaflenden Theorems von der Relativität der Eindrüde 2). Diele Eindrüde find durch das Subjekt fowie durch die Äußeren Bedingungen, unter denen das Objektive auftritt, bedingt; und fo kam man im Gegenſatz zu aller Meta⸗ phyfik, welche zum Weſenhaften Hindurch zu dringen behauptet, außfprechen, daß die Wahrnehmungen nur Relationen bes Ob- jettiven ausdrücken können. Und der Berftand? dad Denken? Die Widerlegung der objektiven Naturerfenntniß durch die Skeptiker iſt an dieſem Punkte weit undolltommener als in der Unterfuchung über den Erfennt= nißwerth der finnlicden Wahrnehmung. — Die Vernunftwiſſenſchaft von Plato und Ariftoteles war in Mißkredit gerathen. Garneades geht davon aus, daß der DBerftand feinen Stoff aus der Wahr- nehmung fchöpfen muß. Bleiben wir daher zunächſt innerhalb biejer Vorausſetzung. Das Problem empfängt bier feine all- gemeinfte Yaflung durch den Begriff des Kriteriumd. Es if Har, daß die Wahrnehmungen nicht ein Kriterium in fich tragen, welches die falichen von ben wahren fchiede. Wir vermögen nicht jene von dieſen nach einem inneren Kennzeichen, das fie an fidh haben, zu fondern. Das Kriterium muß aljo im Denken, im 1) Ebenfo fünfter bis fiebenter Tropus a. a. O. 118—134. 2) Zum achten Tropus 135 ff. vgl. 39 fowie Gellius, N. A. XI, 5, 7: omnes omnino res, quae sensus hominum movent, ra» moös Ts esse dicunt. Er erweiſt die Unmöglichkeit einer metaphufiichen Erkenntniß. 303 Derftande gefucht werben. Das Denken ift hier nun aber in ber- felben Lage wie Jemand, der das Portrait einer ihm unbelannten Perſon vor fich fieht und aufgefordert wird, die Aehnlichkeit dieſes Portrait aus demſelben allein zu beurtbeilen; unjer Berftand kann aus den Bildern in den Sinnen auf dad Unbelannte, das ihnen zu Grunde liegt, nicht ſchließen. — Nehmen wir dagegen mit Plato und Ariftoteles an, das Denken habe einen eigenen Gehalt, fo können wir das Verhältniß defielben zu der Realität nicht feft- ftellen. Der Berftand im Innern des Menfchen enthält in fich fein Datum zur Yeftftellung deflen, was draußen tft. Auch ver- mag das Schlußverfahren nicht in ſolchen Schwierigkeiten zu Hilfe zu fommen. Die Skeptiker erkennen jchon vollftändig: foll der Oberſatz eines Syllogismus ficher fein, ohne aus anderen Syllo- gismen nur abgeleitet zu jein, jo muß er durch eine vollftändige Induktion erwielen werden, und in diefem alle ift dag im Schluß- fat ſcheinbar Gewonnene ſchon in dem Oberfatz enthalten; ſonach entſteht im Schluß nicht eine neue Wahrheit. Jedes Schluß- verfahren jeßt alfo eine Wahrheit letter Inſtanz ſchon voraus, welche aber für den Menjchen weder in der Wahrnehmung nod) im Berftande voghanden ift. Diele Beweile von der Unmöglichkeit einer Erkenntniß des Objektiven find durchweg Jiegreich gegenüber jeder Meta- phyſik, da Ddiejelbe. einen objektiven Zujammenhang der Welt außer und nachzumeilen beansprucht. Sie widerlegen nur nicht Erkenntniß überhaupt. Weberjehen fie doch, daß in und jelber eine Realität gegeben ift, welche nicht abgewielen werden kann. Die Disjunftion: entweder äußere Wahrnehmung oder Denken, bat eine Lücke. Dies verlannten die Skeptiker, und noch Kant hat es nicht gejehn. Der Skepticismus dedt aber auch die Schwierigfeiten in den realen Begriffen auf, welche die Bänder jeder meta- phyſiſchen Konftruftion der Welt find, und zwar find dieſe Schwierigkeiten theilweiſe unbefieglid. — So fieht er richtig, daß ‚der Begriff der Urſache nicht eine Realität, fondern eine bloße Relation außdrüdt; ala ſolche Relation hat aber die Urjache feine 304 Zweites Buch. Zweiter Abfchnitt. reale Eriftenz, jondern wird nur zu dem Wirklichen Hinzuge- dacht). Er bemerkt, daß die Urſache weder als der Wirkung vorausgehend noch ala ihr gleichzeitig gedacht werben Tann. Ja ihm zeigt fi, daß jeder Verſuch, dad Verhältniß von Urfache und Wirkung in feinen einzelnen Beitandtheilen Mar zu denken, unausführbar ift. Demgemäß erfuhr die Denkbarkeit des Verhält- niſſes von Urſache und Wirkung von Ceiten des Sfepticiamus bereit? Angriffe, welchen gegenüber e3 feine Vertheidigung giebt. — Der Begriff Gottes als der Welturſache wird von Carneabes dem Zmeifel unterworjen, in einer ſehr flachen Beitreitung der flachen im Menjchen den Naturzweck erblidlenden Teleologie, als— dann aber vermittelt einer Aufdedung der Antinomie zwiſchen den Gigenjchaften eines perjönlichen Weſens und der Natur bes Vollkommenen und Unendlichen ?). — Ebenfo werden in den mathe- matischen und phyſikaliſchen Grundbegriffen von Körper, Aus— dehnung, Bewegung, Mijchung die befannten Schwierigkeiten für den zerlegenden Verſtand nachgewieſen. Der Gegenjat ber ffeptiichen Schulen zu der praftiichen Philoſophie der Metaphyſiker Toncentrirte fich in der Beftreitung der fundamentalen Theorie vom höchſten Gute. Auch diele Polemik zeigt den ſchwachen Punkt in ihrer Pofition ſehr deutlich. Ihr ſcharfſinnigſtes Argument ift dieſes. Gin Streben des Willen nach dem Gutem ala jeinem Objekt jeßt voraus, daß nicht in diefem Streben felber ſchon das Gute gelegen fei, da wir ja aus dem Zuftande des Strebens heraustreten wollen, jondern in feinem Ziele. Nun kann dieſes Ziel nicht ein Thatbeftand außer un, fondern muß unfer eigener Zuftand, unſere Gemüthsverfaſſung fein; auch ein körperlicher Zuftand ift nur in der Gemüthsver⸗ faflung für und ala Gut vorhanden. Someit ift die Darlegung vortrefflich. Aber nun tritt wieder die beftändig wirkende Ver⸗ wechielung des unmittelbaren Willen? mit abftrafter Erkenntniß 1) Sertus, adv. Math. IX, 204 sq. 2) Jedoch het auch Carneades dad Dajein der Götter nicht leugnen wollen. Cicero, N. D. III, 17, 44. Haec Carneades aiebat, non ut deos tolleret, sed ut Stoicos nihil de diis explicare convinceret. Fortg. d. Differenz. d. Wiſſenſch. u. Abſond. d. Einzelwifienichaften. 305 ein. Wir können nicht erfennen, welche Gemüthäverfaffung für und dad Gute fei, da wir nicht einmal willen, ob und was die Seele ift, um deren Verfaſſung es ſich handelt. Ein grober Trugſchluß des Skepticismus! Die nachariſtoteliſche Metaphyſik und ihr ſubjektiver Charakter. Die Philoſophie war die organiſatoriſche Macht geweſen, welche noch zuletzt in der ariſtoteliſchen Schule den ganzen Inbegriff der wifſenſchaftlichen Forſchungen geleitet hatte, wie in der platoniſchen Schule die mathematifche und aftronomilche. Die Gejchichte des fleptiichen Geiftes, wie wir ihn gejchildert Haben, zeigt aber, daß auch bie Vollendung der Metaphyſik in Ariftoteles nicht vermocht hatte, den negativen erkenntnißtheoretiſchen Standpunkt, welcher in den Sophiften zunächit einer unvolllommmeren Metaphyſik gegen- übergetreten war, zu überwinden. Andrerfeitd war nunmehr eine Aenderung baburch vorbereitet, baß unter dem organijatorifchen Ein⸗ fluß der metaphyſiſchen Philojophie Natur= und Geiſteswiſſen— haften herangewachſen waren. So vollzog ſich in dem großen Differenzirungsproceß des europätichen Geiſtes eine weitere Sonderung. Bon ber Metapbyfif, der Naturpbilojophie und ber praftiichen Philojophie Löften ſich nunmehr die Einzelwiſſen⸗ ichaften bis zu einem gewiflen Grade los. Jedoch gejchah dieſe Abtrennung noch nicht fo folgerichtig als in der neueren Zeit. Viele der bebdeutendften pofitiven Forjcher "blieben in einem Schulver- band oder doch in innerer Beziehung zu einer der metaphufilchen Schulen. Diefem Gange der Entwidlung entſprach, daß zugleich neue metaphyſiſche Sekten entftanden, welche fich in den Dienft der perjönlichen Befriedigung de Gemüths begaben. So ſondern fi eine Metaphufil, welche die Leitung der wifſenſchaftlichen Bewegung aufgiebt, und Einzelwifienichaften, die fi pofitiv, von Gmpirie und Bergleihung aus, entivideln. Stoiſche, epikureiſche, eklektiſche Metaphyſik waren Mächte der Kultur, der großen gebildeten Geſellſchaft; die Einze wiffenſchaft Dilthey, Einleitung. 306 Zweites Buch. Zweiter Abichnitt. dagegen ftüßte ſich ausſchließlich auf Erfahrung und trat in den Dienft jener Givilifation, welche der Herrichaft über die Erde auftrebt. Die bezeichneten metaphyſiſchen Syfteme Haben auf ein- fachere Weile Ergebnifle zuſammengefaßt und erlernbar gemacht; fie haben dieſelben möglichft den Angriffen der Skeptiker durch geringere Anforderungen an Strenge des Beweisverfahrens entzogen und dem anwachſenden empirifchen Geifte angenäbert. So liegt ihr Ziel in einer Gemüthaverjaflung, ihr Zujammenhang in der allgemeinen Kultur, ihre Darftellungsform in der Vereinfachung. Der Ato- mismus ift durch die Epikureer nicht fruchtbarer für die Er- Härung der fompleren Thatſachen der Natur geworden, ald er in dem Syſtem des Demokrit gewejen war. Denn bie Annahme ber Epitureer, daß die Atome im leeren Raume von oben nach unten fraft ihrer Schwere fallen, und zwar mit gleicher Geſchwindigkeit und einer Abweichung von der jenkrechten Linie, war jo augenfchein- lich ungeeignet zur Erklärung des Kosmos, daß nur ber Leichtfinn der Schule und ihre rücdftändigen aſtronomiſchen Anfichten dieſen Theil des Syſtems erflärlich machen. Der Monotheiamus hat, wenn auch die Stoa ihn nun dem Empirigmus nähert oder pantheiftiich Tärbt, den Gegenfatz einer bewegenden, bie Formen in fich fallenden Kraft und des Stoffes nicht überwunden. Die Geichichte Hat nur zu verzeichnen, daß von dem Auf- treten des Leukipp ab der Gegenfaß einer mechaniſchen, atomiftiihen Erklärung der Natur und einer theiſtiſchen, teleologijchen fortbeſtanden hat, jo lange die alten Völker lebten. Die atomiftiiche Gedankenarbeit war feinen Tag unterbrochen. Ihr ift der Kosmos ein bloßes Aggregat; die Theile ftehen in ihm ein jeder für fich, ala gäbe es feine anderen. Der Anfangszuftand der Welt, von dem fie audgeht, ift dem erften Zuftand der Ge jellichaft, den die naturrechtlichen Theoretiker erſannen, zu ver- gleichen, nach welchem Individuen in die Welt geworſen find, die nur an fich denken und nun in der Enge derjelben aneinander= prallen. Und zwar bildet ſich mit immer Elarerer Einfeitigkeit dieſe Richtung aus, welche das ganze Problem eliminixt: wie können Subjeltiver Charakter ber nachariftoteliichen Metaphyfil. 307 Einzeldinge unter gemeinfamen Geſetzen fliehen und auf einander wirkten? So pflanzt fich von Gejchlecht zu Gejchlecht der Kampf fort zwiſchen der Klarheit, welche nur das finnlich Borftellbare anerkennt, und der Tiefe, welche da3 Unfaßbare und doch That: ſächliche eines Zuſammenhangs ausdrüden möchte, der in keinem einzelnen finnlichen Element wohnen Tann. Goethe nennt das einmal den Kampf des Unglaubens und des Glauben? und erklärt diefen Gegenfab für den tiefften in aller Geſchichte. Die mecha⸗ niſche Philoſophie ſowie andrerjeit3 die fkeptijche haben innerhalb der alten Welt fi) der Zurüdführung der bejonder® an ber Geftirnmwelt angefchauten Naturordnung auf eine intelleftuelle Ur» fache entzogen. Der Skepticismus leugnete in Folge feiner un fruchtbaren, rein negativen Stellung zu den Phänomenen die Er⸗ fennbarkeit des Seienden überhaupt. Die Philofophie der Atomiften erhielt wenigſtens dasjenige Problem rege, deſſen wiſſenſchaftliche Behandlung bei den neueren Völkern dann die Metaphyſik der intellettuellen Urſache in Frage geitellt hat: das Problem einer mechaniichen Erklärung des Kosmos. An Einem Punkte findet eine Veränderung ftatt, welche fich von der Metaphyſik zu den großen ragen der Einzelwiſſenſchaften erftredt und für die weitere intellektuelle Entwidlung von außer- ordentlich bedeutenden Tolgen if. Die Bedingungen, unter denen bie national-griechiſche Staatswiſſenſchaft geftanden hatte, find nun vorüber. In der Zeit ihrer Herrichaft galt es, den Einzelftaat zu einem Athleten zu bilden; die Freiheit, welche in dieſen Staaten beftand, war ein Antheil an der Herrichaft geweſen, und ein moderner Menſch würde den Zuftand eines atheniſchen Bürgerd in der Zeit von Kleon in vieler Rüdficht ala Sklaverei empfunden haben. Wol hatte fich ſchon mitten in der Zeit nationaler Entwidlung hiergegen ein Widerfpruch geregt. Die politilchen Schriften des immer noch nicht genug gewürdigten Antifthenes ſowie de Diogenes, von denen der eine nicht VBollbürger, der andere ein Berbannter war, haben die innere Freiheit des Weiſen gegenüber dem Drude des Staates, ja ein Gefühl von Fremdheit des inneren Lebens gegenüber dem ganzen Lärme des äußeren politiichen ’ 20 * 308 Zweites Buch. Zweiter Abichnitt. Apparats geltend gemacht. Wie die national-griechifche Entwidlung zu Ende gegangen ift, wie die Züge Alexander's den Often er- Ichließen und aladann jpäter dad römiſche Imperium feine welt⸗ geſchichtliche Miſſion einer Vereinigung aller kultivirten Nationen unter Einem Rechte und Einem Haupte zu vollbringen ſich anfchidt verändert ſich allmälig das Lebensgefühl des Menſchen, der den Griechen und Italiker mit dem dunkel gefärbten Bewohner ber öftlichen Länder tagtäglich vergleicht und das gemeinfam Menſchliche fühlt, das Band, da8 den Orientalen, der in Griechenland Iebt und lehrt, den Nationalgriechen, der unter einem macebonijchen Fürſten oder jpäter unter römiſchen Optimaten fteht, mit bem Staate verbindet, ift von gänzlich anderer Art als das, welches einen Socrates mit dem Rechte feiner Heimathftadt verbimden Hatte. So entfteht eine gänzlich veränderte politifche Philofophie. Die Literatur Über den Staat ift in beftändigem Wachsthum begriffen. Cicero fpricht mit Bewunderung von ber großen Zahl und der geiftigen Bedeutung der politifchen Werte auß der Schule von Plato und Ariftoteled; wir kennen die Titel der politijchen Schriften von Speufipp auß Athen, von Xenocrate® aus Chal- cedo, von Heraclides auß dem pontüchen Heraclea, dann die von Theophraft aus Ereſus (eine große Zahl), von Demetriud aus Phalerum, von Dikäarch aus Meflana. Neben die augenfcheinlich geringe Zahl von politischen oder vielmehr gegen das politifche Leben gerichteten Schriften der Epilureer tritt eine reiche ſtoiſche politiiche Literatur, Schriften des Zeno aus Citium, des Cleanthes aus Aſſus, des Herill aus Karthago, Perſäus aus Citium, Chry⸗ fipp auß Soli, Sphärus vom Bosporus, Diogenes aus Seleucia, Panätius aus Rhodus. Man bemerkt, daB in der ftoifchen Schule die Herfunft aus Barbarenländern bedeutend überwiegt. Zeno wird als ein Phönicier bezeichnet; Perſäus ſoll zunächft Sklave Zenos geweien fein. Indem die Stoa die Barbarenvöller‘ zu fich beranzieht, indem alsdann die Mebertragung der griechischen Spetulationen über Staat und Recht auf die Römer ftattfindet, vollzieht fich eine Verbindung der politiichen Wiſſenſchaft, ins⸗ befondere der ftoilchen, mit den Monardjien, die auf Alerander Die politiſche Wilfenichaft der metaphyfiſchen Schulen. 309 folgen, und ihren Lebensbedürfniſſen, alsdann mit dem römischen Stantäleben. Die ftoiiche Schule verknüpft nun eine verein- fachte teleologiihe Metaphyſik mit dem Gedanken des Rechtes ber Natur, und in dieſer dem praltiichen Bedürfniß angepaßten Zufammenfaffung lag ein Hauptmoment ihrer Wirkung. Dur die Römer vollzieht fich dann die epochemachende Ver⸗ bindung der Spetulationen über dad Naturrecht mit der pofitiven Juri3prudenz. Und in diefer Literatur arbeitet fi nun ein verändertes geſellſchaftliches Gefühl des Menfchen der letzten Jahrhunderte vor Ehriftus durch. Dies ift ſchon in der Art bemerkbar, in welcher ber jelbftjüchtige Quietismus der Epikureer das Naturrecht der älteren nationalen Zeit umformt. Der Staat ift nach diefer Schule auf einen Gicherheitävertrag gegründet, der von dem Intereſſe biktirt wird; fo ift der Privatmenſch und deflen Intereſſe der Mapftab feines Werthes. Dad veränderte gefellichaftlicde Gefühl findet aber einen würdigeren Ausdrud in der politiichen Wiſſenſchaft der ftoifchen Schule. Die monotheiſtiſche Metaphyſik entividelt bier Folgerungen, welche durch den nationalgriechiichen Geift und feine Inftitutionen vorher gehemmt waren. Run wird die Ge- fammtheit aller vernünftigen Weſen als Ein Staat betrachtet, in welchem bie Einzelſtaaten enthalten find, wie Häujer in einer Stadt. Diefer Staat lebt unter Einem Gele, das ala allgemeines Naturgeſetz über allen einzelnen politiicden Recht3ordnungen fteht. Die einzelnen Bürger diejes Staates find mit gewiſſen Rechten aus⸗ geitattet, die auf jenem allgemeinen Gejeß beruhen. Der Wirkungs- bereich des Weiſen ift diefer Weltftaat. Die Selbftändigteit der Einzelwiſſenſchaften. Zugleich traten nun die alten Völker, wie erwähnt, in das Stadium der Einzelwiſſenſchaften. intellektuelle Veränderungen ſo durchgreifender Art pflegen mit Abänderungen in der Stellung der Perſonen, welche ihre Träger ſind, ſowie der Einrichtung der wiſſen⸗ ſchaftlichen Anſtalten verbunden zu ſein. Neben die Philoſophen⸗ 310 Zweites Bud. Zweiter Abfchnitt. ſchulen traten nun die von Yürften und Staaten gegründeten wifſen⸗ ſchaftlichen Anftalten. Alerandrien wurde durch die Schöpfungen einer großberzigen und weiſen Politik Mittelpunkt der neuen geiftigen Bewegung; die intellektuelle Herrichaft ging bamit von Athen dorthin über. Denn es bedurfte von jebt ab der Objervatorien mit einem immer reicheren Apparat von nftrumenten, der zoologischen und botaniichen Gärten, der Anatomien und unge= heuren Bibliothefen, um an der Spitze dieſer pofitiven Wiffen- Ichaften zu bleiben. Was mm gejchah, ift nicht geringer. als was die metaphufiiche Bervegung bisher geichaffen hatte. Wenn das Eintreten der neueren europäifchen Völker in dag Stadium ber pofitiven Wiſſenſchaften vom fünfzehnten Jahrhundert ab Renaiflance ift, jo werden in diejer die pofitiven Forſchungen ba aufgenommen, wo die Einzelmwillenichaften der Alten den Faden ihrer Arbeit hatten fallen laſſen müſſen, und niemand glaube, daß die Epiſode des italieniichen Platonismus oder die Erneuerung des reinen Ariſtoteles in Italien und Deutichland den Kern der euro- pätichen Renaiffance, jofern fie intellektuelle Entwidlung ift, ge⸗ bildet babe. Jedoch -bildete der Erwerb des metaphyſiſchen Sta- diums der alten Völker die Grundlage für die Leiftungen dieſer folgenden Zeit, in welcher da8 Schwergewicht des intellektuellen Fortſchritts in den Einzelwiffenichaften lag. — Die erfte Bedingung dieſes Yortichrittd find die erworbenen Begriffe. So hatte bie griechische Metaphufit die Begriffe von Subftanz und Atom bervor- gebracht, die von Urſache und Bedingung oder Grund unterjhieden und den Begriff von Form auf den einzelnen Gebieten durchgeführt. Sie hatte Grundverbältniffe, wie die Beziehung zwiſchen Struktur, Funktion und Zweck in einem Organismus oder zwiſchen Leiftung und Antheil an Herrſchaft und Gütern in einem politiichen Ganzen aufgezeigt. — Die zweite Bedingung lag in der Entwidlung von grundlegenden, wenn auch an Evidenz ungleihen Süßen. Solche waren: es giebt keinen Uebergang aus dem Nicht? zum Sein oder aus diefem zurüd in das Nichts, es kann nicht dafielbe in derfelben Beziehung behauptet und verneint werden; räumliche Be- D. Erkennen d. alt. Völker tritt i. d. Stabium b. Einzelwifienichaften. 811 wegung bat den leeren Raum zur Vorausſetzung. — Endlich lag eine wichtige Bedingung in dem logiſchen Bewußtfein. Die Arbeit an der Unterwerfung des Wirklichen unter die Erkenntniß hatte die griechiichen Geifter während der fjophiftiichen Epoche in eine revolutionäre Bewegung gebracht, in deren Strudel einmal die ganze griechiiche Wiffenfchaft unterzugehen drohte. Die wifienjchaft- liche Gejeßgebung der ariftotelifchen Logik überwand dieje Revolution und ermöglichte erſt den ruhigen Yortichritt der pofitiven Wiflen- Ichaften. In ihr lag die Vorausſetzung für den Aufbau der mathe- matiſchen Wiflenfchaften, wie fie ein Euflid zeigt. Nur ihrer Hilfe - verdanfte man ed, daß zu derjelben Zeit, in welcher Metaphyſiker und Phyſiker über die Möglichkeit eines Kriteriums der Wahrheit ftritten, das Elementarwerk des Euklid herbortreten Tonnte, welches in der unangreifbaren Verkettung feiner Beweiſe den Widerſpruch der ganzen Welt herauszufordern jchien und das klaſſiſche Vorbild von Evidenz geworden ift. Die Schranken diefer Metaphyſik machten fich folgerecht auch in diefem Stadium der Einzelwiſſenſchaften geltend, die neuen Richtungen, welche die Einzelwiſſenſchaften theilweife einjchlugen, wurden nicht gleichmäßig feitgehalten. In der Mathematik wurde das Werkzeug für exakte Wiſſenſchaft entwicelt, da8 den Arabern und den germanifch-romanischen Völkern die Aufichließung der Natur ermöglichen jollte. Auch nahm die Anwendung von Inftrumenten, welche eine Meſſung ermöglichen, ſowie des Experiments, welches Erſcheinungen nicht nur beobachtet, fondern unter veränderten Bedingungen willürlich hervorruft, beftändig zu. Einen bervor- ragenden all von zujfammenhängender erperimenteller Behand» lung eined Problems bilden die Unterfuchungen des Ptolemäus über die Brecdung der Lichtftrahlen bei ihrem Durchgang durch Mittel ungleicher Dichtigkeit, Hier werden die Strahlen von ber Luft in Wafler und Glas, von Wafler in Glas unter verichiedenen Einfallswinkeln geleitet. Die am meiften fundamentalen Vor—⸗ ftellungen, zu denen mın die Wiflenjchaften von der Natur ge= langten, find in den flatiichen Arbeiten des Archimedes enthalten. Er entwidelte auf vorherrichend mathematifchen Wege, von dem 312 Zweites Buch. Zweiter Abſchnitt. Sabe aus, daß gleich ſchwere Körper, die in gleicher Entfernung wirken, fi im Gfleichgetvicht befinden, das allgemeine Kebel- prinzip und legte den Grund zu der Hydroftati. Aber dem Archimedes blieb die Dynamik ganz fremd, und er fand im Alter: thum feine Nachfolger‘), Nicht minder charakteriftiich ift die gänzliche Abrvejenheit von chemilcher Wiflenichaft in diefem Stadium der Einzeltifjenichaften bei den alten Völkern. Die ariftoteliiche Lehre von den vier fogenannten Elementen ift abgeleitet aus der mehr fundamentalen von vier Grundeigenjchaften, wenn aud) die vier Elemente jelber eine Erbſchaft aus älterer Zeit waren. Der Gegenftand diefer Theorie waren alfo nur 'prädilative Be- fliimmungen und ihre Kombinationen; fie zerlegt nicht in Subjelt- einheiten d. 5. Subftanzgen. So wirkte fie nicht direlt auf experi⸗ mentelle Arbeiten Hin, welche die gegebenen Objekte aufzulöfen verjucht Hätten. Die Atomenlehre hatte nur eine ideelle Ber- legung der Materie vollzogen, und ihre Vorftelung von einander qualitativ gleichen Einheiten mußte in Bezug auf die Entftehung hemijcher Srundvorftellimgen zunächft eher hindernd wirken. Aus den Beditrfniffen der mediciniſchen Kunft erwuchs der Verſuch des Adclepiades von Bithynien, die Vorftellung von Korpuskeln der Betrachtung ded Organismus anzunähern?), jowie die An- weifung zur Herftellung einiger chemifcher Präparate, deren die Aerzte fich bedienten, wie fie bei Divßcorides vorliegt. Im Gegen- fat zu fo vereinzelten Anfängen machten die Naturwiſſenſchaften, welche von geometrijcher Konftruftion oder von Zmedvorftellunger geleitet wurden, wie Aftronomie, Geographie und Biologie regel» mäßige Yortichritte. So entftand ſchon den alten Völkern in diefer Epoche der Einzel⸗ wiflenichaften ein Bild des Kosmos von einer unermeßlichen Weite und doch zugleich von wifjenichaftlicher Genauigkeit, welches das Gerüft für ihr Studium der Geiſteswiſſenſchaften bildete. 1) Bergl. bie außgezeichnete Darlegung in den recherches historiques sur le principe d’Archim&de par M. Ch. Thurot (revue archeol. 186869). 2) Ueber Adclepiabes vgl. Laffwig, Vierteljahrsſchrift für wiſſenſch. Bhilof. II, 425 ff. D. Bild d. Kosmos, welch. Ergebn. d. Einzelwiſſenſch. d. alt. Völker ift. 313 Eratoſthenes, Hipparch, Ptolemäus umfaſſen die kreiſenden Maffen der Geſtirne und die Erdkugel. Ein erſter Verfuch der Gradmeffung ift bemüht, den Umfang ber Erde annähernd zu beftimmen; Gratofthenes begründet die Geographie ala Wiſſenſchaft. Die Deberficht über die Pflangenbededung der Erde und die Thierwelt auf ihr, wie fie Ariftoteles und Theophraſt erreicht hatten, wird - nun durch Fortſchritte in der Zergliederung des thieriichen und menschlichen Körpers ergänzt, welche beſonders tief in die Erkenntniß der Gefäße eindringen. Die Kenntniß von der Vertheilung des Menfchengefchlechts auf der Erde jowie den Berichiedenheiten defjelben war durch den Eroberungszug Alexander's und die Ausbreitung des römtichen Imperium nunmehr außerordentlich erweitert. In Yolge Hiervon wird der Einfluß von Boden und Klima auf die geijtigen und fittlicjen Berjchiedenheiten der Menjchheit in den Kreis der Unter- fuhung gezogen. Das Material ber Geifteswiflenichaften wird in den Grenzen des num ber Geſchichte anheimgefallenen griechiichen Leben? mit kritiſchem Bewußtſein unterfuht und gejammelt. Einzelne Syfteme der Kultur, vor Allem die Sprache, werben einer Zergliederung untertvorfen. Die vergleichende Betrachtung der Staaten ift zum felten Befit der Wiflenichaft geworden. Auf fie geftüßt, unternimmt Polybius, das große weltgeichichtliche Phänomen, welches den Horizont feiner Zeit erfüllt, Rom's Auf: fteigen zur Weltherrichaft, der Erklärung zu untertverfen. In feinem Werke Liegt ein Verſuch vor, bie politiſche Wiſſenſchaft, wie wir fie an Ariftoteles in ihrer Stärke und ihren Grenzen harakterifirt haben, zur Grundlage einer ertlärenden Geſchichtswiſſenſchaft zu machen. Seine vergleichende Ber- olieberung der Berfafjungen (wie fie in den Fragmenten des 6. Buches erhalten ift) findet in der gemifchten römifchen Ver⸗ faffung ein Gleichgewicht der Gewalten verwirklicht, vermöge deſſen jede einzelne diefer Gewalten unter der Kontrole der anderen fteft und jo im ihren Meberfchreitungen gehemmt wird. Hierzu treten ihm als erflärende Gründe der römiſchen Machtentfaltung eine glückliche Organifation des Staates in Bezug auf materielle 314 Zweites Bud. Zweiter Abfchnitt. Mittel, durch die Rom erreicht, was 3. B. Sparta trotz feiner ebenfall® gemiſchten Verfafſung nicht erreichen konnte, fowie ein auf Verehrung der Götter gegründeter Rechtöfinn. Die Welt- beichreibung de Plinius Tann wenigſtens in Rüdficht ihres Planes, bei großer Oberflächlichkeit der Ausführung, ala der Ab ſchluß der großen Arbeit der alten Völker Europas gelten, ben Kosmos von den Bewegungen der Maflen, im Weltraum bis zu der Verbreitung und dem geiftigen Leben bed Menſchengeſchlechts auf der Erde zu umfaflen. Und zwar verfolgt er beſonders gern die Wirkung des Naturzufammenhangd auf die menfchlidhe Kultur. Sn der Morgendämmerung griechiſchen Geifteslebend war ber Begriff des Kosmos aufgegangen; num war in den großen Arbeiten eined Eratoſthenes, Hipparch und Ptolemäuß, von deren um fafiendem Geifte wir noch einen Hauch in dem Plan des Plinius empfinden, den $ugendträumen biejer Völker im Alter die Erfüllung geworden. Jedoch die Kultur der alten Welt zerbrach, ohne daß die Einzelwiſſenſchaften zu einem Ganzen ſich verknüpft hätten, welches wirklich die Stelle der Metaphyſik hätte ausfüllen können. Es gab wol Skepticismus, aber es gab keine Erkenntnißtheorie, welche doch erſt den Zuſammenhang der Einzelwiſſenſchaften neu zu organiſiren vermag, warn die große Illuſion der metaphyfiſchen Grundlegung der Willenichaften ſich aufgelöft Hat. Was der Geift auf feinem Eroberungszug durch die ganze Welt nicht zu erringen vermocht hatte, fichere Begründung feiner Gedanken wie jeines Handelns, das findet er mın, zurückgekehrt, in fich jelber. Das Chriſtenthum. | 315 Dritter Abſchnitt. Metaphufildes Stadium der neneren europüiſchen Völker. Erſtes Kapitel. Chriſtenthum, Erlenntniktheorie nnd Metaphyfit. Man denkt fi) wol den Menschen ber älteften Zeiten unferes Geichlechted, wie er, von der Höhle beichüßt, von Nacht und Ge- fahr umgeben, den Morgen erwartete; brach dann ber Tag an, und fuchten ihn die erften Strahlen der aufgehenden Sonne: wie fühlte er das Herannahen einer erlöfenden Macht! So haben die Bevölkerungen der alten Welt empfunden, ald die Strahlen des auffteigenden Lichtes aus einer reinen Welt im Chriftenthum fie trafen. Wenn fie jo fühlten, jo war dies doch nicht allein die Folge davon, daß der Ehriftenglaube die fejte Ueberzeugung don einer jeligen Unfterblichkeit mittheilte, ſowie daß ex eine neue. Gemeinſchaft, ja eine neue bürgerliche Gejellfchaft inmitten ber Berrüttung der antiten Staaten darbot!).. Das eine wie das andere war ein wichtiger Beftandtheil der Stärke der neuen Religion. Jedoch tvay beides nur Folge einer tieferen Veränderung im Seelenleben. Diefe Veränderung allein und auch fie nur nach der Seite, welche fie der Entwidlung des Zweckzuſammenhangs ber Erkennt⸗ niß zukehrt, kann in dieſem Zuſammenhang berührt werden. Eine herbe Kritik des chriftlichen Bewußtſeins zieht ſich durch Spinozas Ethik; ihr liegt zu Grunde, dab für Spinoza ſelber Vollkommenheit nur Macht iſt, Lebensfreude der Ausdruck dieſer wachſenden Vollkommenheit, aller Schmerz dagegen nichts als Ausdruck der Unvollkommenheit und Ohnmacht. Das tiefe 1) So Jakob Burdhardt, welcher in feinem Werk über die Zeit Kon⸗ ftantin’8 des Großen die erften Jahrhunderte nach Chriſti Geburt am tief ften bargeftellt hat, ebd}. ©. 140 ff. 316 Zweite Bud. Dritter Abſchnitt. chriſtliche Seelenleben bat die Verbindung der Vorſtellungen von Bolllommenheit mit denen von Glanz, Macht und Glüd des Leben? zerrifien. Ja die Verbindung des Gottesbewußt- feind mit der gedanfenmäßigen Schönheit des Weltalls tritl zurüd Hinter den Zuſammenhang dieſes erhabenften menjchlichen Gefühls, dad fic- von keinem Raume einjchränten läßt, mit den Erfahrungen des ärmften unruhevoll in engem Seife durch bie Natur feines Daſeins beivegten Menſchenherzens. Auf jener Ver⸗ bindung berubte vordem die Anſchauung, welche die griechiiche Wiſſenſchaft vom Kosmos Hatte, und der kunſtleriſche Aufbau eines Gegenbildes dieſes Kosmos in der fittlich-gefellichaftlichen Welt, wie ihn die Staatswiffenfchaft der Alten entwarf. Nun foll bie Vollkommenheit der Gottheit jelber mit Knechtsgeſtalt und Leiden zufammengedacht werden oder vielmehr nicht gedacht: fie find im religidjen Erlebniß eins. Das Volllommene bat nicht nöthig, im Glanz der Geftirnmwelt zu ftrahlen und in Glück und Macht fih zu jonnen. Gottes Reich ift nicht von diefer Welt. So hat der Wille nun nicht mehr fein Genüge in der Herftellung eines . objektiven Thatbeftandes, in dem fichtbaren fittlichen Kunſtwerk der Politik oder des vollendeten Staatsmannes und Rebnerd. Vielmehr gebt er Hinter dieſes Alles als bloße Geftalt der Welt, in fich felber zurüd. Der Wille, welcher objektive Thatbeftände in der Welt geftaltet, verbleibt in der Region des Weltbewußtſeins, ber feine Biele angehören. Im Chriftentyum erfährt der Wille feinen eigenen meta phyſiſchen Charakter. Damit berühren wir die Gränze unferer bier dem Menſchlichen, Geſchichtlichen allein zugewandten Betrachtungsweiſe. Dieſe tiefe Veränderung im menſchlichen Seelenleben ſchließt die Bedingungen in ſich, unter welchen die Schranken ber antiten Wiſſenſchaft durchbrochen werden konnten und allmählich durchbrochen worden find. MWiflen war für den griechiichen Geift Abbilden eines Objek⸗ tiven in der Intelligenz. Nunmehr wird das Erlebniß zum Mittel- punkt aller Intereſſen der neuen Gemeinden; dieſes ift aber ein einfaches Innewerden defien, was in der Perſon, im Selbſt⸗ D. Selbftgeiw. d. inneren Erfahr. durchbr. d. Schrank. b. antik. Wiſſenſch. 317 bewußtjein gegeben ift; dieſes Innewerden ift von einer Sicher- beit erfüllt, welche jeden Zweifel ausſchließt; die Erfahrungen des Willens und des Herzens verjchlingen mit ihrem ungeheuren Intereſſe jeden anderen Gegenftand bed Willens, fie erweiſen fich in ihrer Selbftgewiß heit allmächtig gegenüber jedem Ergebniß der Betrachtung de Kosmos fowie gegenüber jedem Zweifel, der aud Erwägungen über bad Verhältniß der Intelligenz zu den von ihr abzubildenden Gegenftänden flammte. Hätte gleich damals dieſer Glaube der Gemeinden eine ihm ganz entfprechenbe Wiſſenſchaft entwicelt: jo Hätte diefe in einer auf Die innere Erfahrung zurücdgehenden Grundlegung beftehen müfjen. Aber dieſer innere Zuſammenhang, welcher in Bezug auf die Begründung der Wiffenichaft zwiſchen dem Chriftentbum und einer von der inneren Erfahrung ausgehenden Erkenntniß beiteht, Hat im Mittelalter eine entjprechende Grunblegung ber Wifjenjchaft nicht hervorgebracht. Died war in der Uebermacht der antiten Kultur begründet, innerhalb deren dad Chriſtenthum nun langjam ſich geltend zu machen begann. Alsdann wirkte von innen im derjelben Richtung das Verhältniß der religiöfen Erfahrung zu dem Vorſtellen. Yindet doch auch das innigfte religidfe Seelenleben nur in einem Vorſtellungszuſammenhang feinen Ausdrud. Schleiermacher fagt einmal: „die Entwicklung des Chriſtenthums im Abendlande Hat eine große Mafle des ob- jettiven Bervußtjeind zum Rückhalt; genauer genommen können wir aber dieje Maſſe des objektiven Bemußtjeind nur ala ein Berftändigungsmittel anjehen !).* Die Selbftgewißheit der inneren Erfahrungen des Willens und des Herzend, alddann der Inhalt diefer Erfahrungen, ſonach die Beränderung des tiefften Seelenlebend: dies Alles enthielt nun aber nicht nur die Anforderung einer auf die innere Erfahrung zurüdgehenden Grundlegung in fi, ſondern e8 wirkte auch in anderer Beziehung auf die fernere intellektuelle Entwidlung, und zwar jowol in Bezug auf die Naturerfenntniß ald auf die Geiftea- wiſſenſchaften. 1) Schleiermacher, Pſychologie S. 195. \ 318 Zweites Buch. Dritter Abſchnitt. Einerjeit3 trat eine Abwendung von der bloßen Gedanken⸗ mäßigfeit des Kosmos ein. Nicht in biefer in Allgemein- begriffen darftellbaren ebenmäßigen Schönheit lag dem Chriſten ber Zweck des Weltganzen ; nicht in ihrer Betrachtung beftand. ihm das, worin die menfchliche Vernunſt ihre Berwandtichaft mit der göttlichen genießt: die Stellung des Menſchen zur Natur hat fich ihm umgeänbert, und die Vorftellung der Schöpfung aus Nichts, der Gegenſatz von Geift und Fleiſch laflen den Umfang diejer Deränderung ermefjen. Andrerjeitö bewirkte der veränderte Stand des Seelenleben? eine ganz neue Stellung des metaphy— ſiſchen Bewußtſeins zu ber geiftigen Welt. In dem erhabenften Gedanken, der über den Zuſammenhang diejer geiftigen Melt je gedacht worden ift, verfnüpften ſich die einfach großen Borftellungen von dem Reiche Gottes, der Brüderlichleit der Menjchen und ihrer Independenz in ihrem höchften Berhältnifie von allen natürlichen Bedingungen ihres Daſeins; derjelbe begann jet feinen Siegeslauf. Ihn verwirklichte die gejellichaftliche Ord⸗ nung ber Chriftengemeinde, bie auf Aufopferung gegründet war und in welcher fi) ber einzelne Chriſt wie in einem jchütenden Boote auf der wilden See deö Lebens wol bebütet fühlte. Zwar war da8 Bewußtſein der inneren Freiheit des Menſchen, die Auf bebung der Ungleichheiten und nationalen Schranken zwiſchen diefen Freien and) in dem teiteren Verlauf der antiken Philoſophie, inäbejondere bei den Stoifern, vorhanden, aber dieſe innere Freiheit war nur für den Weilen erreichbar, Hier dagegen war fie jedem durch den Glauben zugänglid. Dem Allen entiprachen die Vor⸗ ftellungen von einem genealogiichen Zuſammenhang in der Ge- ſchichte des Menjchengeichlechts und einem metaphufiichen Bande, das die menschliche Geſellſchaft zufammenhält. | Das Alles lag in dem Erlebniß des Chriſtenthums. Die erften wiſſenſchaftlichen Darftellungen befielben ent- fanden in einer Epoche des Ringens zwifchen den alten Religionen und den chriftlichen Gemeinden, in den erſten Jahrhunderten nach Chriſtus. Offenbarung, Religion und der Kampf der Religionen: dad war in diefen Jahrhunderten die große Angelegenheit der Andere im Chriſtenthum gelegene Keime einer veränderten Wifſenſchaft. 319 Menichheit. Die Philoſophie des Helleniftiichen Judenthums, wie fie Philo ausgebildet hat, die Gnoſis, der Neuplatonigmus ala die philojophiiche Reftauration des Götterglaubend und die Philo- ſophie der Kirchenväter haben die Grundzüge einer Weltformel gemeinjam, welcher noch Spinozas und Schopenhauer’3 Syſtem die einfache Geichlofienheit ihres Aufbaus verdanken. In diejer Formel verichlingen fich bereit Natur und Geſchichte. Aus der Gottheit leitet dieſelbe die Entſtehung des Endlichen als eined Unvolllommenen und der Veränderlichkeit Anheimgegebenen ab und zeigt aladann die Rückkehr dieſes Endlichen in Gott. So ift der Ausgangspunkt diefer Metaphyſik die im religiöjen Er- lebniß ergriffene Gottheit, ihr Problem ift der Hervorgang des Endlichen in feinem angegebenen Charakter, dieſer Hervorgang erſcheint als ein lebendiger pigchifcher Proceß, in welchen dann auch die arme Gebrechlichkeit des Menſchenlebens entipringt: bis in einem gleichjam inverjen Verlauf die Rückkehr in die Gottheit fih vollzieht. Die PHilofophie des Judentums enwickelte fich zuerft, die de3 Heidenthums folgte: über beide erhob fich fiegreich die Philo- ſophie des Chriſtenthums. Denn fie trug eine macht⸗ volle geſchichtliche Realität in fich; eine Realität, die fich mit dem innerſten Kerne jeder Wirklichkeit, die geichichtlich vorher da war, im Seelenleben berührte und fie in ihrem innern Rapport zu fich empfand. Bor diefer verwehten die Efftafen und Schau: ungen wie Sommerfäden im Winde. Indem das Chriſtenthum um den Sieg rang, ward in dem Kampfe der Religionen das Dogma zu der abichließenden Fafſung gebracht, daß Gott, im Gegenfa zu allen partialen Offenbarungen, welche Juden und Heiden in Anſpruch nahmen, ganz und ohne Reft in die Offen- barung durch Chriſtus mit feinem Wefen eingegangen fei. Sonad) wurden alle früheren Offenbarungen diefer als Vorſtufen unter: geordnet. Damit ward nun Gottes Weſen, im Gegenfab gegen feine Fafſung in dem in fich geichloffenen Subftangbegriff bes Alter- thums, in gejchichtlicher Lebendigkeit ergriffen. Und jo entitand, 320 Zweites Buch. Dritter Abſchnitt. dad Wort im höchften Berftande genommen, nun erſt das ge— ſchichtliche Bewußtſein. Wir verſtehen, indem wir aus unſerem eigenen tiefen Leben dem Staube des Vergangenen Leben und Athem wiedergeben. Es bedarf gleichſam der Verſetzung unſeres Selbſt von einem Stand⸗ ort auf den andern, wenn wir den Fortgang der geſchichtlichen Entwicklung von innen und in ſeinem centralen Zuſammenhang verſtehen ſollen. Die allgemeine pfychologiſche Bedingung hier⸗ für iſt immer in der Phantafie vorhanden; aber erſt wenn der geſchichtliche Fortgang an den tiefften Punkten, an welchen ein Fortrücken ftattfindet, von der Phantafie nacherlebt wird, entſteht ein gründliches Verſtändniß der geichichtlichern Entwidlung Als in einem Paulus in den Kämpfen des Gewiſſens das jüdiſche Geſetz, dad heidniſche Weltbervußtjein und der Chriftenglaube an⸗ einanderftießen, als in feinem Erlebniß Gejebeöglaube und Ehriftenglaube als zwei lebendige Erfahrungen in inneritem Verſtehen aneinandergehalten wurden, und zwar von der Er fahrung des lebendigen Gottes aus: da waren in dieſem Be⸗ wußtjein eine große geichichtliche Vergangenheit und eine große geichichtliche Gegenwart zuſammen gegenwärtig, beide in ihrer tiefften, der religiöjen Grundlage erfaßt, ein innerer Uebergang wurde erlebt, und fo ging das volle Bewußtſein von einer ge= ſchichtlichen Entwiclung de3 ganzen Seelenlebend auf. Denn nur was in dem Reichthum des Gemüthes nacherlebt wird von den Thatjächlichkeiten der Gejchichte, wirb verftanden. Und in dem Maße, ala das Erleben in die tiefe und centrale Grundlage ber Kultur Binabreicht, vermittelt es Died Verſtändniß; wenn wir auch alle nur theilweiſe veritehen, was vergangen ift. Die höchfte Lebendigkeit der Phantafie, der größte vitale Reichthum des Inneren reichen nicht aus, wo nicht daß Seelenleben felber in diefem Sinne geichichtlih if. So geht von Hier zu dem Gedanken der Erziehung des Menfchengejchlechtes in Clemens, von biefem zu dem Gottes» ftaat des Auguftinus und von diefem Buch zu jedem neueren Ver- Judy, den inneren Zufammenhang der Menichheitägeichichte zu er- fafjen, Eine Linie. Das Ringen der Religionen unter einander in Tas Chriſtenthum und da3 geichichtliche Bewußtſein. 39] dem von gejchichtlicher Realität erfüllten chriftlichen Seelenleben hat das hiſtoriſche Bewußtſein einer Entwicklung des ganzen Seelenlebeng bervorgebradht. Denn das volllommene fittliche Leben war ber Chriftengemeinde nicht in der Yormel eines Sittengefeßes oder höchſten Gutes gedankenmäßig darftellbar: ala ein unergrimblich Lebendige wurde es von ihr in dem Leben Chrifti und in dem Ringen des eigenen Willens erfahren; jo trat es nicht zu anderen Säten in Beziehung, fondern zu anderen Geftalten des fittlich- zeligiöjen Lebens, die vor ihm beftanden und unter denen ed nun erihien. Und dies hiſtoriſche Bewußtſein fand ein feſtes äußeres Gerüft in dem genealogiihen Zufammenhang ber Gefchichte der Menfchheit, welcher innerhalb des Judenthums geichaffen worben var. So waren für die intelleftuelle Entwicklung der europäifchen Menjchheit ganz veränderte Bedingungen erwachſen. Die Züge bed Willen? waren aus der Stille des Einzellebend in den Borber- grund der Weltgeichichte getreten, welche ihn von dem ganzen Naturzuſammenhang abicheiden: Aufopferung de Selbit, Aner⸗ fernen des Göttlichen im Schmerz und in der Niedrigkeit, auf- richtige Verneinung defjen, was er an ſich verwerfen muß. Die Beziehung der Perfonen auf einander in diefem ihren wejenhaften Kern, der über ihren ganzen Werth entjcheidet, Eonftituirte ein Reich Gottes, innerhalb deſſen jeder Unterjchied der Völker, der Kulte und der Bildung aufgehoben war, das ſonach von jeder Art politifchen Verbandes fich Ioslöfte. Und follte die Metaphyſik, welche das griechiiche Altertum geichaffen hatte, fortbeftehen, fo mußte fie zu dieſer neuen Welt des Willen? und der Geſchichte ein Verhältniß gewinnen. Auch lagen jchon in der geiftigen Bil- dung der finkenden alten Völker wie in dem Schidjal des religiöfen Vorgangs Bedingungen, welche über die Richtung entjchieden, in der das geſchah !). 1) Dal. S. 224. Dilthey, Einleitung. 21 322 Zweites Bud. Britter Abichnitt. Zweites Kapitel. YAuguftinus. Die chriftlichen Gemeinden waren die Träger der wirkſamſten unter einer Mehrheit vertvandter Bervegungen, welche dem geiltigen Leben ber alternden Völker während ber römijchen Kaiſerzeit ſein unterjcheidendes Gepräge gaben. Ein veränderter Gemüthaftand ſpiegelt fi in der Literatur der eriten Jahrhunderte nach Chriftus. Wir ſahen denjelben vor- bereitet in ber römijch-griechiichen Gejelichaft; immer mehr über- wogen zuerft bei den Griechen, dann bei den Römern die In— terefien des Privatmenjchen, und fo Iöfte fi in der aleran- drinifchen Literatur und ihren römifchen Nachbildungen die Dar- ftellung de3 Seelenlebena von dem Zuſammenhang der fittlichen und politifchen Ordnung der Geſellſchaft ab. Die Innerlichkeit des Chriſtenthums fand im Seelenleben den Mittelpuntt der Auffaffung und Behandlung der ganzen Wirklichkeit, ja den Eingang in die ge- heimnißvolle metaphufifche Welt. Pſychologiſche Gemälde zogen in befonderem Grade dag Intereffe der Leer in den erften Jahrhunder⸗ ten nad) Chriſtus an ſich; Grörterungen der religiöjen Erlebniffe und Gemüthazuftände nahmen einen breiten Raum ein; der Roman, die Meditation, welche da3 innere darftellt, die Legende, welche vielfach auf romanhafte Motive zurüdgreift und das Be— dürfniß der Phantafie in chriftlichen Kreifen befriedigt, Predigt, Epiftel und Grörterung der Tragen, welche das Welen des Menſchen und fein Geſchick betreffen, fanden im Vordergrund der Literatur. — Auch ftellte die Philofophie immer ausſchließlicher die erlangte Erfenntniß des Kosmos in den Dienft der Geftaltung des Charakters und der Herftellung eines in fich verſöhnten Ge- müthazuftandes. Hatte der Werth der Naturwiſſenſchaften jchon für Epikur Hauptjächlih in der Befreiung des Gemüthes von falfchen Vorftellungen gelegen, das Biel der Philoſophie für die Stoifer in ber Bildung des Charakters: jebt miſchten ſich in den Jahrhunderten von dem Zeitalter Chrifti bis zum Untergang der Der Offenbarungsglaube ber alternben Völker. 3928 alten Kultur die Aufgaben der philofophifchen Wiffenfchaft ganz mit den Bebürfnifien des religidg-fittlichen Lebens. Unter dem gemein- famen Dache des römilchen Imperiums zufammenmwohnend, paßten Griechen ihre Gedanken den Borftellungen und Symbolen der Orien- talen über das Leben an, und Egypter, Juden 2. formten noch Mäftiger da3 griechiiche Bild der Welt um. Sn ber To vielfach unbefriedigten und bedrohten Gejellichaft jener Tage fiegte die Richtung auf das Jenſeitige. „Aus unerforſchlichen Tiefen,“ ſagt Jakob Burdhardt, „pflegt folchen neuen Richtungen ihre mwejentliche Kraft zu kommen, durch bloße Folgerungen aus vorhergegangenen Zuftänden find fie nicht zu deduciren.“ — In daB religiöfe Leben, welchem in den inneren Erfahrungen des Willen? Gott ala Wille, Perſon zu Perſon, gegeben ift, finden wir überall den Offen- barungaglauben vertwoben. Die ſchwere Aufgabe einer Analyfis des Inhaltes der monotbeiftifchen Religion kann bier auch nicht angerührt werden; aber das tieffte Geheimniß diejer Religion Tiegt in der Beziehung der Erfahrung eigener Zuftände zu dem Wirken Gottes im Gemüth und Schickſal, hier hat das religiöfe Leben fein der allgemeingiltigen Erkenntniß, ja der Vorſtellbarkeit über- Haupt entzogenes Reich. In diefen Zeiten drang nun, wie aus unfichtbaren Tiefen, aus dem Untergrund des religiöfen Lebens der Offenbarungaglaube in die Wiffenfchaft der Metaphyſik, in der er immer fremd bleibt und verwirrend wirken muß. So erfchien in der Metaphyfif ein Saß, der ein ganz neues Prinzip derjelben würde enthalten haben, läge er nicht überhaupt jenſeit der Grenzen wiflenfchaftlichen Denkens. Diefer Sat behauptete, daß eine unmittelbare Mittheilung von Gott an die Menjchenfeele ergebe, daß fie feine Offenbarung unmittelbar vernehm. So wies Philo, im Zeitalter Chrifti, geftüßt auf die Bemweisführung der Skepſis!), die Möglichkeit einer wiſſenſchaftlichen Erkenntniß des Kosmos ab; zugleich machte er gegen die innere Erfahrung, ähnlich wie fpäter die Pofitiviften, geltend: das Auge getwahre zwar die Objekte außer ſich, doch nicht ſich ſelber, jo könne auch 1) Die Hauptſtelle in Philo de ebrietate p. 332—388 engen) 324 Zweites Bud. Dritter Abſchnitt. die Vernunft nicht fich felber begreifen !); jomit ergab ſich ihm die Nothivendigkeit einer Erleuchtung durch göttliche Offenbarung. In den Kreiſen des Heidenthums vertheidigte ein jo glänzender und wirkſamer Schriftfteller wie Plutarch Mittheilungen aus einer Melt höherer Kräfte. Und PBlotin fügte den Glauben an einen ekſtatiſchen Zuftand, in dem die Seele ſich eins mit der Gottheit findet, dem Beftand einer ftrengeren Metaphyſik ein. Ein fremdes Element überfluthete die Grenzen allgemeingiltiger Wiſſenſchaft: denn Erfahrungen, die von jedem kontrolirt werden können, find nur in den Wahrnehmungen über die Welt und den Thatjachen des Berwußtfeind gegeben. — Nun entftand auch die emanatiftifche Metaphyſik, indem die Phantafie, beflügelt von orientaliichern Fabelweſen, das Geheimniß der Nähe und Ferne Gottes zu be- wältigen rang und ed doch nur in der Bilderichrift des Natur- willen? auszudrücken im Stande war: ein unfruchtbares Ziwitter- gebilde au8 der Ehe von Religion und Philofophie , Dichten und Denken, Orient und Occident: feine Geftalt des Gedankens, mit welcher eine Gejchichte der Metaphyſik ernithaft zu rechnen Hätte, obgleich ihre Nachwirkungen durch das ganze Mittelalter hindurch bi3 in die neuere Zeit reichen. inmitten dieſer geiftigen Bewegungen war die alte Kirche bemüht, den Gehalt der chriftlichen Erfahrung zu vollem Bewußt- fein und zu erſchöpfender Darftellung in Yormeln zu bringen, jowie einen Beweis der Allgemeingiltigleit des Chriſtenthums zu geben, wie er das Korrelat für den Anſpruch deſſelben auf Welt- berrihaft war. Die Löſung der bezeichneten Aufgabe in den Schriften der Väter und Deklarationen der Koncilien erfüllt die Sahrhunderte vom Schluß des apoftoliichen Zeitalterd bis zu Gregor dem Großen und dem Ende des ſechſten Jahrhunderts. Diele Beit gehört noch der Kultur der alten Völker, welche zunächft auch nach dem Untergang des weſtrömiſchen Reiches allein wiſſenſchaft⸗ liche Schriftiteller bervorbrachten. Und zwar konnten die Väter in einer doppelten Richtung die Löſung ihrer Aufgabe unternehmen. — 1) Philo legum allegor. 1 p. 62 M. Die Väter. 325 Sollte die Bedeutung der chriftlichen Erfahrung und ihres In—⸗ haltes feftgeftellt werben, jo führte das in eine Analyſis der That⸗ lachen des Bewußtſeins zurüd. Denn im chriftlichen Bewußtſeins⸗ ftande war zuerft eine Geiftesverfaffung gegeben, welche eine er- kenntnißtheoretiſche Grundlegung mit dem pofitiven Ziele, Die Realität der inneren Welt zu begründen, möglich machte. Und das Intereſſe einer wirkſamen DVertheidigung de Chriſtenthums machte eine ſolche Grundlegung nothwendig. Wie tief die Ge- dankenarbeit der Väter in diefer Richtung reichte, werden wir an dem größten derjelben feftftellen. — Doch überwog die andere Richtung. Es ift das tragifche Schidfal des Chriſtenthums ge= weſen, die Heiligften Erfahrungen des Menfchenherzgend aus der Stille des Einzelleben? heraus und unter die Triebfräfte der welt- geſchichtlichen Maſſenbewegungen einzuführen, hierdurch aber einen Mechanismus des Sittlichen und eine hierarchiſche Heuchelei ber- vorzurufen; auf dem theoretifchen Gebiet verfiel es einem nicht minder ſchwer auf feiner weiteren Entwicklung laftenden Gelchid. Wenn e8 den Gehalt feiner Erfahrung zu Harem Bervußtjein bringen wollte, mußte es ihn in den Vorſtellungszuſammenhang der Außenwelt aufnehmen, welchem derjelbe nach den Beziehungen von Raum, Zeit, Subftanz und Kaujalität eingeordnet wurde. So war die Entwidlung dieſes Gehaltes im Dogma zugleich ſeine Deräußer- lichung. War doch auch in dem Offenbarungsglauben die Möglich- feit gegeben, da8 Dogma al3 ein autoritatives Syſtem von dem Willen Gottes ausgehend zu entwideln, und ein ſolches Syſtem entſprach dem römifchen Geifte, welcher feine Rechtöformeln big in das Innere der chriftlichen Glaubenslehre hineinführte. Aus dem griechifchen Genius entjprang eine andere Art von Veräußerlichung; in den fo8- milchen Begriffen des Logos, der Ausftrahlung aus Gott, der Er- langung eines Antheils an ihm und an feiner Unfterblichkeit entftand eine großartige, doch dem Mythus verwandte Symbolik al3 Sprache des Chriftenglaubend. So wirkte nur zu Vieles dahin, daß der Ge- Halt des Chriſtenthums in einem objektiven, von Gott aus ableitenden Syſtem dargeftellt wurde. Ein Gegenbild der antifen Metaphyſik entitand. Wir ftellen den Zuſammenhang, welcher fo fich bildete 326 Zweites Buch. Dritter Abfchnitt. und von der Tiefe der Eelbftbefinnung in bie trandjcendente Welt emporreicht, an demjenigen Echriftjteller dar, welcher die äußerften Grenzen des in diefem Zeitraum Errungenen bezeichnet. Mir beginnen ſonach mit der folgenden Trage. Wie weit ift in diejer Zeit der Väter dad Recht der neuen Selbſtgewißheit des Glaubens und des Herzens gegenüber der antiken Bhilofophie, insbe⸗ londere gegenüber dem Skepticismus als ihrem lebten Worte, wiſſen⸗ Ichaftlich geltend gemacht worden? Der tieffte Denker dieſes neuen Zeitraums der Metaphyſik, zugleich) der mächtigfte Menſch unter den Schriftitelleen der ganzen älteren chriftlichen Welt ift Au - guſtinus geweſen, und es jchien, ald ob er zu einer der großen Realität des Chriſtenthums entfprechenden Grundlegung der chrift- lihen Erkenntniß bindurchdringen werde. Was des Drigenes milder Geift, von anderen wiſſenſchaftlich geringeren griechiichen Vätern zu ſchweigen, verfucht Hatte, erreichte die ſtürmiſche Seele des Auguftinus für lange Jahrhunderte: er verdrängte und über- bot die antite Weltanihauung durch ein umfafjendes Lehrge- bäude der chriftlichen Wiſſenſchaft. Und wie weit gelangte nun Auguftinus? Diefem in das religiöje Erleben vertieften Menjchen find die Probleme des Kosſsmos ganz gleichgiltig geworden. „Was willft Du alfo erfennen?” So redet die Bernunft im Selbft- geipräch die Seele an. „Gott und die Seele will ich erkennen.“ „Und nichts weiter?" „Gar nichts weiter.” Selbftbefinnung ift daher der Mittelpunft der erften Schriften des Auguftinug, welche wie in einem ftarfen Strome von innen, darum innerlich zujammenhängend, feit dem Jahre 386 bervorbrachen. Die Eelbftbefinnung findet fich aber des inneren Lebens allein volllommen ſicher. Wol ift ihr auch die Welt gewiß, aber al® dad, was dem Selbſt ericheint, ala fein Phänomen. Aller Zweifel der Akademie richtet fih alfo nad) Auguftinus nur das gegen, daß dad, was dem Selbft erjcheint, jo tft, wie es erjcheint; jedoch kann feinem Zweifel unterworfen werden, daß ihm etwas ericheine. Ich nenne nun, fährt er fort, dies Ganze, welches Ausgangspunkt des Auguftinus in der. Selbitbefinnung. 397 meinen Augen fi darftellt, Welt). Der Ausdrud Welt be- deutet ihm jonadh ein Phänomen des Bewußtjeind. Und der Yortgang in der Erkenntniß der Phänomenalität der Welt, welcher in Auguftinus vorliegt, ift dadurch bedingt, daß ihm die gejammte Außenwelt nur Interefle bat, jofern fie für das Seelen- leben etwas bedeutet. Bon dieſer Selbftgewißheit des Ich aus ift zunächſt die MWiderlegung der Akademie gefchrieben. In die Tiefen des Inneren führen alsdann die Soliloquien, welche dort die Un- fterblichkeit der Seele und bie Exiſtenz Gottes entdeden: eine jener Meditationen, deren Form fchon das mit fich jelber beichäftigte Seelenleben gewahren läßt. Dann ſucht der Dialog über den freien Willen in bemjelben Imeren die Entjcheidung über eine der größten Steeitfragen der Zeit. Und in der Schrift über die wahre Religion wird der Glaubenzinhalt von der Selbftgewißheit des Subjektes aus entiwidelt, das zweifelnd, denfend, lebend feiner inne wird. Ueberall ift bier der Ausgangspunkt derjelbe: er liegt in der Entdedung der Realität im eigenen Inneren. „Du, der Du Dich erkennen willſt, weißt Du, daß Du bift?“ „Ich weiß e8.” „Und woher?“ „sch weiß es nicht.“ „Fühlſt Du Dich einfach oder vielfach?“ „Ih weiß ed nicht.” „Weißt Du, daß Du Dich bewegt?“ „Ich weiß es nicht.” „Weißt Du, daß Du dent?" „Ich weiß es.“ „Allo ift e8 wahr, daß Du dent?" „Es ift wahr.” Und zwar knüpft Auguftinus, wie ſpäter Descartes, die Selbitgewißheit an ben Zweifel felber. In bemjelben werde ich inne, daß ich denke, mich erinnere, Dieſes Innewerden umfaßt nicht nur das Denken, ſondern die Totalität des Menfchen; als Leben bezeichnet er mit einem tiefen, wahren Ausdrud den Gegenftand der Selbitgewiß- heit. Auch das reiffte Werk des Auguftinus, die Schrift „vom Gotteaftante,“ enthält benfelben Gedanken, in vollendetem Ausdruck. Daß wir find, daß wir willen, daß wir unjer Sein und Willen lieben, ift ung gewiß. „Denn dies berühren wir nicht, wie die 1) Auguftinu® contra Academ. III c. 11. 328 Zweites Bud. Dritter Abichnitt. äußeren Objekte, durch irgend ein Sinnedorgan unſeres Körpers, wie die Farben durch den Gefichtsfinn, die Töne durch das Gehör ac., fondern unabhängig von täufchenden Phantafievorftellungen oder Einbildungen ift e8 mir ganz gewiß, daß ich bin, davon weiß und das im Gefühl der Liebe umfafje. Auch fürchte ich in Bezug auf diefe Wahrheiten die Gründe der akademiſchenESkeptiker nicht, welche die Möglichkeit außfprechen, daß ich mich täufche. Denn wenn ich mich täufche, jo bin id. Wer nicht ift, kann fich nicht täuschen ).“ Die Selbftbefinnung, welche bier, nach verwandten An- fäen der Neuplatonifer, in Auguftinug auftritt, ift von der des Socrates und der Sokratiker durchaus verjchieden. Hier endlich geht im Selbſtbewußtſein eine mächtige Realität auf, und dieſe Erkenntniß verichlingt alles Intereſſe an dem Studium des Kosmos. Dieſe Selbftbejinnung ift daher nicht Rückgang auf den Erkenntnißgrund des Wiſſens allein, und aus ihr entipringt fomit nicht nur Wiſſenſchaftslehre?). In diefer Befinnung geht dem Menichen das Weſen feiner Selbft auf, der Ueberzeugung von ber Realität der Welt wird wenigftena ihre Stelle beftimmt, vor Allem wird in ihr das Weſen Gottes aufgefaßt, wie denn fogar das Geheimniß der Dreieinigleit durch fie halb entjchleiert zu werben ſcheint. Die drei Fragen der alten Logik, Phyſik und Ethik: was ift der Grund der Gewißheit im Denken, was die Urſache der Welt und worin befteht dad höchſte Gut ?)? führen auf Eine gemeinfame Bedingung, unter welcher das Willen, die Natur und das praf- tijche Leben ftehen, auf die Idee Gottes *); zwei von diejen ragen entftehen aber in der Selbftbefinnung und finden in ihr Beant- wortung. Und zwar gelangt dieje Selbftbefinnung erſt zu ihrem vollen Ergebniß, wo ber religiög-fittliche Vorgang des Glaubens alle Tiefen der Seele aufgejchloffen hat. Das berühmte crede ut 1) Auguftinus de civ. Dei XI c. 26. 2) Vogl. ©. 224. 321. 3) Diefe Eintheilung der philofophiichen Probleme benutzt Auguſtinus de civ. Dei XI c. 25 vgl. VIII c. 6—8. 4) Ebdi. XI c. 25. Tortgang zur Metaphyſik der veritates aeternae. 399 intelligas bejagt zunächft, daß die volle Erfahrung für die Analyſis da jein muß, ſoll dieſe erichöpfend fein. Das Unterfcheidende des Inhaltes diefer chriftlihen Erfahrung liegt vor Allem in der Demuth, welche in dem Ernſt bed richtenden Gewiſſens begrün- bet ıft?). | Die Selbftbefinnung des Auguftinus, wie fie in diefen Grund⸗ zügen fich von jedem früheren verwandten wiſſenſchaftlichen Ver⸗ uch unterfcheidet, unterwirft zunächſt das Wiſſen felber der Analyſis; eine der drei Hauptfragen war die nach dem Grunde der Gewiß- beit für das Denken. Und dennoch geht eine erfenntniß- theoretijhe Grundlegung aud aus diefer Selbftbefinmung nicht hervor. Die chriftliche Wiſſenſchaft, welche von biejem Ausgangspunkte aus entworfen wird, löſt ihre Aufgabe nicht in angemefjener Weile. Warum das nicht gefhah? In ben Jahren, in welchen der Gedanke einer ſolchen Grundlegung den Auguſtinus beichäftigte, verharrten feine Gedanken noch in der ihm von den Neuplatonikern gegebenen Richtung; Tpäter, als auch da3 für ihn abgethan war, wurden die objektiven Gewalten der katholifchen Kirche und de3 Eatholiichen Dogma zu übermächtig in feinem Bemwußtfein, auch nahmen die Intereſſen der großen Firchlichen und dogma⸗ tiichen Kämpfe Tag für Tag ihn in Anſpruch; als entjcheidend wird fi) und aber die in jeiner Natur felber liegende Grenze ergeben. So entipringt aus feiner Selbſtbeſinnung zunädft ver- mitteljt des platonijirenden Begriffs der veritates aeternae wieder Metaphyfik, In jener Stelle des Gottesſtaates jagt er weiterhin: „Ich, ber fih täufchte, würde doch eriftiren, auch wenn ich mich täufchte; darum täufche ich mich ohne Zweifel darin ‚nicht, daß ich erkenne: ich bin. Hieraus folgt aber, daß ich mich auch darin nicht täufche: ich weiß, daß ich weiß. Denn ganz jo wie ich weiß, daß ich bin, weiß ich auch, daß ich weiß *).” An diefe Idee des Willens ichließt fi in dem Syftem des Auguftinuß unmittelbar die Lehre 1) Auguftinus ep. 118 c. 3, de civ. Dei II c. 7. 2) De civ. Dei XI c. 26. 330 Zweites Bud. Britter Abichnitt. von den an fich gewifien Wahrheiten, ganz ähnlich wie jpäter in dem des Decarted. Und zwar iſt diefer Fortgang von ber Selbftgewißheit zu den an fi gewiljen Wahrheiten in den erften grundlegenden Schriften ausführlich dargeftellt. — Wir entiwideln zunächſt das erfte Glied des dort vorliegenden Schlußverfahrens. Ich finde in meinem Zweifel ſelbſt einen Mapftab, vermittelft deflen ic; Wahres von Falſchem unterfcheibe. Der deutlichfte Yall von Anwendung eines ſolches Maßſtabs ift das Denkgeſetz des Widerſpruchs. Und zwar ift dies Geſetz ein Glied aus einem Syſtem von Geſetzen der Wahrheit. Dieſes Syſtem, welches als „Wahrheit” bezeichnet werden fann, ift un- veränderlid. Ihm gehören die Zahlen und ihre Verhältnifie an, aladann Gleichheit und Aehnlichkeit, vor Allem die Einheit; denn die Einheit kann in Feiner finnlichen Wahrnehmung gegeben fein, fie findet fi nicht an den Körpern, ſondern wird vielmehr von unjerem Denken ihnen abgejprochen, ſonach ift fie dem Denken eigen. — Obwol dieſes erſte Glied des Schlußverfahrend von ber Erfahrung der Realität in und ausgeht, zeigt es doch bereits die Macht der vererbten indbejondere neuplatoniichen Gedanlen⸗ maflen über das ſtürmiſche und ungleiche Genie des Auguftinus. Denn es benubt die pſychiſche Realität, die Lebendige Erfahrung nur ala Ausgangspunkt, uyı die aprioriichen Abftralta zu erreichen, welche die metaphufiiche Bernunftiifienichaft entwidelt Hatte. Die verhängnißvolle Verkehrung de wahren Thatbeftandes dauert fort, nach welcher die Abftralte daB im Geifte Erfte ift, und ſonach ift nicht zu vermeiden, daß es auch in dem aufzuftellenden objektiven Zuſammenhang das Erſte jein wird. — Bon dieſem erften Gliede gelangen wir zu dem zweiten der Beweisführung. Auguftinus denkt weiter mit den Platoniten. Dieſes Syſtem der Wahrheiten wird von der Bernunftthätigleit aufgefaßt, welche ein Er⸗ bliden rein geiftiger Art if. Die Seele erfchaut durch ſich, nicht vermittelit des Körper und feiner Sirmedorgane, dad Wahre. Es befteht eine „Berbindung des erfchauenden Geiftee und bes Mahren, welches er erſchaut.“ Wir find wieder mitten in der Metaphufit Platos, die wir hinter und gelaffen zu haben glaubten. Fortgang zur Metaphyfit bes Willenz. 331 Alles Willen ift ein Abjpiegeln eines Objekts, das außerhalb des Spiegeld if. Und der Gegenftand dieſes Willens ift die un⸗ wandelbare Ordnung der Wahrheiten, welche über das Kommen und Gehen der Individuen, ihre Irrthümer und ihre Vergäng- lichkeit Hinausreiht: fie ift in Gott. Auguſtinus acceptirt auch in feinen jpäteren Schriften die intelligible Melt Platos mit ber Griveiterung der neuplatonischen Schule, daß Gott das metaphufifche Subjelt ift, in welchen dieſe Ideenwelt enthalten ift!). — Diele ganze Beweisführung enthält nur in einer neuen Verſchiebung ben Schluß aus dem menſchlichen Denken auf ein göttliches ala feine Bedingung und fie gewinnt nur den Begriff eines logifchen Weltzufammenhangs, nicht den Gottes. Un fie Iehnt fich ber Schluß aus dem Charakter der Welt, ihrer zwedmäßigen Schön« beit und zugleich ihrer DVeränderlichkeit, auf Gott. In der inneren Erfahrung des Auguftinus find andrer- ſeits Elemente gegenwärtig, welche über dieſen plato= nifirenden Zuſammenhang zwilchen dem Intellekt bes Menſchen, der Welt und Gott in den veritates aeternae hin» ausreihen. Aber auch dieſe Elemente drängen Auguſtinus aus der Gelbftbefinnung in eine objektive Metaphyſik. Daher bilden fie neben dem eben dargelegten Beftandtheil der neuen theologischen Metaphyfil, welcher aus dem Alterthum, bejonders dem Neuplatonimus ftammt, einen zweiten Beftandtheil derjelben, welcher über das Denken de Alterthums hinausreicht. Der Fort- gang von dem Prinzip der Selbftgewißheit zu einer objektiven Metaphyſik ift in ihnen der folgende. In der inneren Erfahrung bin ich mir direkt gegenwärtig; alles Andere ift dem Geifte ein Abwejendes, ein ihm Fremdes. Da- ber fordert Auguftinus, daß der Geiſt fi nicht durch einen Denkoorgang zu erkennen juche, welcher PBhantafiebilder äußerer 1) Auguftinu® de div. quaest. LXXXIII, quaest. 46 definirt den Begriff ber bee, wie er nun in das Mittelalter überging: sunt ideae principales formae quaedam vel rationes [wobei er ausdrücklich bemerkt, daß biefer Begriff die urfprüngliche Ideenlehre überjchreite] rerum stabiles atque in- commutabiles, quae ipsae formatae non sunt, ac per hoc aeternae ac semper eodem modo sese habentss, quae in divina intelligentia continentur. 332 Zweites Buch. Dritter Abſchnitt. Objefte benußt, twie bie Elemente des Naturlaufs: vielmehr „ſoll der Geift ſich nicht wie etwas ihm Fremdes juchen, jondern die Intention des Willens, mit der er unter den Außendingen umberirrte, auf fich jelbft richten.“ „Und er wolle fich nicht er⸗ fennen wie etwa, von dem er nicht weiß, jondern unterjcheide fich nur don dem, was er ala das Andere kennt.“ Der Gelft befitt und weiß ſich ganz, und auch indem er fich zu erkennen fucht, weiß ex fich Ihon ganz. Dies fein Willen von ihm felber entfpricht mehr den An= forderungen an wiſſenſchaftliche Wahrheit als dag von der äußeren Natur. — Die in dieſen Säten enthaltene, tiefe erfenntnißtheoretifche Wahrheit wird nun von Auguftinus zu folgendem Schluß benukt. Wir werden unjer jelber inne, indem wir Denken, Erinnern, Wollen als unfere Akte auffallen, und in dem Gewahrwerden berjelben haben wir ein wahres Wiſſen über und. Nun heißt, ein wahres Willen von etwas haben, defien Subftanz erkennen. Sonach er= fennen wir die Subftanz der Seele!). — Liegt in der Einführung des Begriffs der Subſtanz eine unbaltbare und in dieſem Zu- ſammenhang unnöthige Benußung der Metaphyſik, jo wird andrer- jeitö von ihm der Nachweis, dab dieſes Seelenleben nicht ala eine geiftung der Materie betrachtet werden könne, nach richtiger Dies thode geführt. Aus der Analyſis des Seelenlebeng wird abge- leitet, daß die Eigenschaften defjelben auf körperliche Elemente nicht zurüdgeführt werden dürfen?). Nur daß aud) hier jofort der dogmatiſche Begriff der Seelenfubftanz fich einftellt. — Aus der Verkettung dieſer Schlüffe ergiebt ſich endlich: die Seele Tann nit auf die materielle Naturordnung zurlcgeführt werden, je doch muß fie ala veränderlich einen unveränderlichen Grund haben, ſonach ift Gott die Urſache der Seele wie ber veränderlichen Welt überhaupt, die Seele ift von Gott gefchaffen, denn mas nicht feine Unveränderlichkeit theilt, Tann nicht ein Theil der Sub- ftanz Gottes fein ?). 1) Die wichtigſten Stellen finden fich im zehnten Buche der Schrift de trinitate. Vgl. de Genesi ad litt. VII c. 21. 2) De Gen. ad litt. VII c. 20. 21; de vera religione c. 29; de libero arbitrio II c. 8ff. $) Sermo 241 c. 2, epist. 166 c. 2, de vera relig. c. 30. 31. Gott ala Wahrheit und Gott ala höchites Gut. 333 Insbeſondere aber aus der Selbftbefinnung über die That- ſachen des Willens hat Auguftinus feine metaphyfiiche Ordnung gefolgert. Hinter diefe Erfahrungen des Willen? ift ihm das theoretilche Verhalten des Menſchen immer mehr zurüdgetreten. Indem er in dem Urtheil das Clement der Zuftimmung des Willens heraushebt, ordnet er da3 Willen felber dem Willen unter ?), das Willen ift in diefem Verſtande Glaube. Durch einen folchen Glauben find wir zunächſt der Außenwelt gewiß, injofern wir und praktiſch verhalten 2) ; dann finden wir una in demjelben Zujfammen- bang des praftiichen Verhaltens, in der Richtung auf ein höchſtes Gut, dasſelbe ift ala ein unfichtbares nur im Glauben, als ein nichtgegenmwärtiges in der Hoffnung für und da?) War in dem oben entwicdelten Zufammenhang Gott als der Ort der veritates aeternae gewiß, jo ift er es bier ala das höchſte Gut). Daher find wir in diefem Glauben derjenigen Realität der Welt wie der Gottes ficher. So ift die Selbftbefinnung des Auguftinuß nur der Ausgangspunkt füreine neue Metaphyſik. Und in dem Inneren dieſer Metaphyſik ift fchon der Kampf zwiſchen den veritates aeternae, in welchen ber Intellekt die Gedanken mäßigfeit der Welt befitt, und dem Willen Gottes, der dem praftifchen Verhalten des Menfchen gewiß if. Denn wo Wille it, da ft eine Reihe von Veränderungen, welche durch ein Ziel beftimmt ift. Auguftinug möchte das lebendige Verhältniß Gottes zur Menfchheit, feinen Plan in der Geichichte ergründen) und doch zugleich die Unveränderlichkeit Gottes fefthalten: erfüllt von dem antiten Gedanken, daß alle Veränderlichkeit Bergänglichkeit einjchließt. 1) Auguftinus Jde trinitate XI c. 6. 2) De civ. Dei XIX c. 18: civitas Dei talem dubitationem tanquam dementiam detestatur ... creditque sensibus in rei cuiusque evidentia, qui- bus per corpus animus Nutitur, quoniam miserabilius fallitur, qui nunquam putat eis esse credendum. 8) Bal. die Ichöne Darftellung der Lehre vom höchſten Gut de civ. Dei XIX c. 3 und 4. 4) Zu der zuleßt angezogenen Stelle ebdſ. VIII c. 8. 5) De civ. Dei V c. 10 und 11. 334 Zweites Bud. Dritter Abfchnitt. Geſchichtliche Lage und Art der perjönlichen Genialität be= dingen fo die Stellung des Auguftinus zwiſchen Er- fenntnißtheorie und Metaphyſik. Haben fie dem Philo- ſophen die Konfequenz verjagt, jo haben ſie dafür den Schrift: fteller durch eine weltgeſchichtliche Wirkung entichädigt. Denn in⸗ dem er die volle und ausschließliche Realität der Thatſachen des Bewußtſeins erkannte, diefe Thatfachen aber nicht einer zufammen- hängenden Bergliederung unterwarf, jondern denfelben in feiner Imagination, im Weben der reichften Seelenfräfte gleichlam unter- lag: madjte ihn dies zwar zu einem fragmentariichen Philo- ſophen, aber zugleich zu einem der größten Schriftfteller aller Zeiten. Die griechifche Willenfchaft Hatte eine Erfenntniß des Kosmos gejucht und im Skepticismus mit der Einficht geendigt, daß jede Erkenntniß von der objektiven Unterlage der Phänomene unmög- lich ſei. Hieraus Hatten die Skeptiker voreilig die Unmöglichkeit alles Willens erjchloffen. Zwar leugneten fie nicht die Wahrheit. der Zuftäggde, welche wir in und vorfinden, aber fie vernad)- läffigten diejelbe ala etwas für ung Werthloſes. Auguftinus 309 aus der Veränderung der Richtung der Intereſſen, welche das Chriſtenthum durchgefeßt Hatte, die erfenntnißtheoretiiche Kon- ſequenz. Weder die Einfälle Tertullian’® noch der einer neu⸗ platonifchen Zeitbildung Hingegebene Synkretisnus bed Clemens oder Origenes hatten das vermocht. Und in Folge hiervon bildet Auguftinus ein jelbftändiges Glied in dem jo langſamen und ſchweren gejchichtlicden Fortgang von ber objektiven Metaphyſik zu der Erfenntnißtheorie. Aber er verdankt die Stellung, welche er jo einnimmt, nicht feinem zergliedernden Vermögen, fondern der Genialität feines per- fönlichen Lebensgefühls. Und diefer Thatbeſtand macht ſich in einer doppelten Richtung geltend. Auguftinus ift gänzlich frei von der Neigung der Metaphy- ſiker, der Wirklichkeit die Nothwendigkeit des Gedankens zu ſub⸗ flituiren, der vollen piychiichen Thatlache den in ihr enthaltenen Borftellung2beftandtheil. Er verbleibt in dem Gefühl und der Macht d. Darftellung innerer Erfahr. u. Mangel ihrer Zergliederung. 395 Imagination des vollen Lebende. So bezeichnet er, was dem Zweifel ald unantaftbar zurücbleibt, nicht ausſchließlich ala Denken, fondern auch ala Leben. Hierin drücdt fich feine Natur im Unterjchied von ber eine Descarted aus. Er möchte aus⸗ ſprechen, was in dem Lebensdrang, von welchem feine affektive Natur bewegt ift, enthalten ſei. Er zuerft Hatte dad Bedürfniß und die Kühnbeit, feine Gefchichte, wie fie aus dieſem Lebens⸗ drang entſprungen ift und das innere Schidjal defjelben ab}piegelt, binzuftellen. Wie ein ungebundenes mächtige Naturelement war er durch die Welt gegangen, unaufgehalten von konventionellen Ein- ſchränkungen, ein gewaltiger Menſch: er Hatte immer gelebt, was er gedacht hatte. Die Konfeflionen haben dem Mittelalter fein Bild eingeprägt: ein glühendes Herz, das in Gott allein Ruhe findet. Er rang andrerſeits, in einer allgemeinen piychologifchen Deifrip- tion den dunklen Trieb nach Glüdjeligkeit in feinen weſenhaften Zügen auszudrücken, er ging ihm nad) durd) die Dämmerung des Bewußtſeins, in welcher er webt, in das Reich der Illufionen, die hieraus entipringen, bis Diejer Drang fich an die fchöne Ge- ftaltenmwelt Gottes verliert, doch immer von dem Bewußtſein be- gleitet, daß der Wechjel der jo entitehenden Zuftände nicht das erreichte höchfte Gut iſt). Endlich ehren feine Schriften im Einzelnen immer wieder zum Nachempfinden und Grübeln über Seelenzuftände zurüd. Sie Haben tieffinnig dem Zujammenhang bon piychiichen Thatfachen, welche bis dahin vorwiegend aus dem Borftellungsleben erklärt worden waren, mit bem Willen, mit dem ganzen Menſchen nachgejpürt, man vergleiche feine feinfinnigen Erörterungen über die Sinne?), über das dunkle Leben des Willens im Sinde 3), feine Beobachtungen und Spekulationen über die durchgreifende Bedeutung des Rhythmus im geiftigen Xeben t). Dem entiprechend haben jeine Schriften ferner Begriffe, welche bis dahin in der Metaphyſik abftraft behandelt und in Vorſtellungs⸗ 1) Dgl. den Exkurs in feiner Selbftbiographie confess. VII c. 10—15. 2) Auguftinu® de libero arbitrio II c. $ ff. 3) Confess. I c. 6. 4) De musica, beſonders im fechften Buche. 336 Zweite Bud. Dritter Abfchnitt. elemente zerlegt worden waren, auf ihre Grundlagen in der Totalität des Seelenlebend zurüdgeführt; hierfür werden 3. B. feine Unterſuchungen über die Zeit immer muſterhaft bleiben '). Aber diejer genialen Gewalt der VBergegenwärtigung war fein Bermögen der Zergliederung nicht gewachſen. Kann dad Wun— der nehmen? Dieſes naturmächtige Gemüth, dem nichts als Gott genugthun fonnte, war nicht zu gewöhnen, der Zerlegung ber Begriffe ein Beben zu widmen. Zwar vermochte Auguftinus, wie feiner der Jahrhunderte nach Paulus, die Gedankenmächte, die er borfand, in großem Sinne zu ſchätzen, und in Yolge hiervon begriff er, umgeben von den Trümmern ber antilen Spefula- tion, richtig die Wahrheit des griechtichen Skepticismus gegenüber der objektiven MWeltanficht. Er vermochte dann, den enticheidenden Punkt zu finden, in welchem die chriftliche Erfahrung ben antiken Skepticismus aufhebt, und jo konnte er einen dem kritiſchen ver- wandten Standpunkt erfafien. Aber ihn durchzuführen vermochte er nicht; er entbehrte der analytiihen Kraft, ihm die Wiſſenſchaft der äußeren Wirklichfeit unterzuorbnen, die der inneren Wirt- lichkeit von ihm aus aufzubauen fowie die falichen Begriffe aufzulöjen, welche beanjpruchen, die geiftigen und die Natur- thatjachen in einem objektiven Ganzen zufammenzubalten. Was jo entitand, war fein Syſtem. Man wird Auguftinus in jeiner wahren Größe ala Schriftiteller erft erkennen, wern man den pfychologiſchen Zufammenhang, welcher in ihm ift, enttwidelt und auf den fuftematifchen verzichtet, welcher nicht bei ihm zu finden ift. Und weiter als Auguftinus bat fein mittelalterlicher Menſch gejehen. So bildete fich anftatt einer erfenntnißtheoretiich begrün- deten Darftellung der religiöfen Erfahrung und ihres Aus— drudes in Vorftellungen eine objektive Syftematil. Es entitand in ber Theologie eine zweite Klaffe von Metaphyſik, tiefer im Ausgangspunkt, aber gemäß ihrem Verhältniß zu den praftifchen Lebensaufgaben in unreiner Mifchung mit pofitiven, in Autorität gegründeten Beftanbdtheilen: eine in jeder Rüdficht un= 1) Auguftinus confess. XI c. 11—30. Begründung ber theologiſchen Metaphyſik. 337 fritiihe Metaphyfil des Willens. Bald ftreitend bald in äußerer Ausgleichung gehen nun Auguftinus, der Repräfentant der Metaphyſik des Willend, und Ariftoteles, das Haupt ber Metaphyſiker des Kosmos, durch das Mittelalter. Und zwar lebt Auguftinus nicht nur mit Plato und Nriftoteles vereint in der Scholaſtik fort, fondern jofern er das in unmittelbarem Willen Gegebene nicht den an der Außenwelt früher gefundenen Begriffen unterordnen will, findet er feine Nachfolger in den Myſtikern. Schon die literarischen Yormen, in welchen die Myſtik fi) aus- ſprach, zeigen diefen Zufammenhang mit Auguftinus). Auch Hat die Myftit in Bezug auf erfenntnißtheoretifche Begründung ihres Gegenſatzes zu der Metaphyſik feinen Schritt über Auguftinus hinaus gethan, fie Hat ſich nur reiner in dem Clement der inneren Erfahrung abgejchloffen. Daher erhielt fie ſich nicht Fraft ihrer wifjenichaftlichen Grundlegung, fondern ihr inneres Leben hat fie getragen. Die Independenz de perjönlichen Glaubens- lebend wurde jo von ihr durch Blüthe und Untergang der mittel» alterlihen Metaphyſik Hindurch gerettet, bis dieſe Independenz in Kant und Schleiermacher eine wiſſenſchaftliche Begründung erhielt. 1) Bedeutender als die äußeren literariſchen (confessiones, soliloquia) iſt die innere ſchriftſtelleriſche Form; Auguſtinus wechſelt zwiſchen Mono⸗ log, Gebet und Anſprache, und die hinreißende Gewalt ſeiner Schriften beruht mit auf dieſer lebendigen Beziehung bald zu fich ſelber, bald zu der Gemüthserfahrung Anderer, bald zu Gott. Hand in Hand damit geht ſein Mangel an Kompofitionstalent für größere Werte. Dilthey, Einleitung. 22 338 Zweites Buch. Dritter Abſchnitt. Drittes Kapitel. Die neue Generation von Böllern und ihr metaphufiiches Stadium. Mehr als ein Jahrtaufend liegt zwiſchen Auguftinug und den Zeiten von Copernicus, Luther, Galilei, Descartes, Hugo de Groot. In den Mittelmeerflaaten des Alterthums hatte ſich die bisher dargelegte Metaphyſik entwidelt, eine Metaphyſik als Grundlegung der Willenichaften ift nun auch der neuen Generation von Völkern überliefert worden, welche in die Erbſchaft der älteren eintrat. Auguftinuß erlebte, daß die Germanen ald Herren in ber Stadt Rom fchalteten, ihnen fiel im Occident die Herrichaft zu, im Morgenlande erhoben ſich die Araber. Wie diefe Völker bis dahin vorwiegend in religiöfen Vorftellungen den Gehalt ihres intellektuellen Lebens bejeflen Hatten, war e8 naturgemäß, daß die theologifchen und metapyfiichen Probleme fie mächtig er- griffen. Eine parallele Entwidlung vollzog fich bei ben Völkern des Islam und in der Chriftenheit; auffallende Analogien diefer Entwidlung treten in dem langen Zeitraum theologifcher Metaphyſik Hervor. Doch machte fich jchon darin ein tiefer Gegenfat bemerkbar: die Araber nahmen neben der Metaphyſik der Griechen deren mathematisch = naturtvifjenjchaftliche Arbeiten auf; die Metaphufit des Abendlandes erarbeitete eine tiefere Auffaffung der menſchlich-geſchichtlichen Welt, im Zufammen- hang mit der jelbftändigen Aktivität der germaniich-romanifchen Völker im politifchen Leben. Die Gedankenarbeit der Araber begann in der theologischen Bewegung und diefe bildet die erſte Epoche ihres Geiſteslebens. Die Mutaziliten, die arabiichen Rationaliften, haben die Probleme behandelt, welche unabhängig von jedem Studium der Außenwelt da entipringen, wo die Erfahrungen des fittlichsreligiöfen Lebens einen klar abgegrenzten Ausdruck in beitimmten Vorftellungen fuchen. So oft innerhalb eined monotheiftiichden Glaubens ein folder Ausdrud Bingeftellt wird, treten die im religiöfen Vor⸗ Die Völker des Islam. 339 ftellen unabänderlich gelegenen Antinomien zwiſchen bem freien Willen und der Prädeftination, der Einheit Gottes und feinen Eigenschaften hervor. So erhoben fi) Hier im Orient diejelben ragen, welche vorher und gleichzeitig das chriftliche Abendland bewegt haben. Und zwar lag bier wie dort der Antrieb in dem religiöfen Leben jelber, und die Belanntfchaft mit dem antiken Denken gewährte nur diefer Bewegung Nahrung. Der Verſuch der „lauteren Brüder”, jene merkwürdigen Geheimbundes im Dienfte der freien Forſchung, Ariftoteles, Neuplatonigmus und Slam zur Einheit eine enchHlopädiichen Zuſammenhangs zu verknüpfen, bildet ein weiteres Stadium diejer Gedankenentwicklung. Auch diefer Verſuch mißlang „Sie ermüden — äußerte ſich der Scheich Sagaftani —, aber befriedigen nicht; fie ſchweifen herum, aber gelangen nicht an; fie fingen, aber fie erbeitern nicht; fie weben, aber in dünnen Fäden; fie füämmen, aber machen kraus; fie wähnen was nicht ift und nicht fein kann“1). Senfeit der Theologie ſetzte die geiftig regſame, Icharffinnig beobachtende, aber der Tiefe und der fittlichen Selbftändigfeit entbehrende Na— tion, unterjtüßt von der Begabung der untertworfenen Böller, die mathematifch-naturwillenichaftliche Arbeit der Griechen fort. Und die Metaphyſik der Araber, eine Erneuerung des Ariftoteles mit neuplatonilchen Interpolationen, Tieß gegen den einen, noth- wendigen und gedanfenmäßig allgemeinen Zuſammenhang das Clement des Willend zurüdtreten, ja gelangte in einigen ihrer be= deutendjten Vertreter, wie Ihn Badja und Ibn Roſchd, von ſolchen Vorausſetzungen zur Leugnung der perjönlichen Unfterblichkeit. Die Ergebnilfe der naturwiſſenſchaftlichen und metaphyfiichen Forſchung der Araber gingen auf das Abendland über, wogegen der Sieg der orthodoren Schule der Afchariten über die Philo⸗ ſophen, welcher fi fchon im zwölften Jahrhundert entfchied, zujammen mit dem todten Despotismus ber politifchen Verfafjung, alles innere Leben im Islam felber verfiechen madhte. 1) Bal. Flügel in ber Zeitichrift der deutfchen morgenlänbdilchen Ge: jellichaft Bd. XIII ©. 26. 22* 340 Zweite? Buch. Dritter Abfchnitt. In dem Entiwidlungdgang der romaniſch-germaniſchen Völker, wie fie den Zuſammenhang der europäiichen Chriften- heit bildeten, Hat fi die Metaphyſik weit Iangjamer audgelebt, fie war der lange Jugendtraum diefer Nationen. Denn diejelben befanden fih, ala fie in die Erbſchaft der Metaphyſik ein- traten, noch in ihrem SHeldenzeitalter. Sie fanden unter ber geitung der Kirche und der Theologie. Die Vorftellungen von pſychiſchen Kräften, welche das Weltall durchiwalten, waren für fie, wie einft für die Griechen, der natürliche Ausdrud ihres der mythiſchen Epoche des Borftellend kaum entwachſenen Geiftes. Innerhalb der ihnen überlieferten Theologie bildeten ſie ſich aus den Reſten ihres mythiſchen Fühlens und Denkens und verwandten Beſtandtheilen, die ſie bei den Alten ſanden, eine reiche und phantaſtiſche Welt, die von Heiligen, Wundergeſchichten, böſem Zauber, Geiſtern aller Art erfüllt war. Schwer lebten ſie ſich in die vorhandene Metaphyſik ein, wie ſie in Ariſtoteles ihren Abſchluß gefunden hatte. Mit der Zeit erweiterte ſich ihre Kenntniß des Ariſtoteles; allmälig wuchſen ihnen die Kräfte abſtrakten Denkens. So entſtand ein Ganzes, welches mit königlicher Gewalt über die Gemüther herrſchte. Zu keiner Zeit war die Macht der Metaphyfik fo groß als in dieſen Jahrhunderten, in denen fie mit der Theo- logie und der Kirche verbunden war. Und in diefer Entwidlung erlitt die ariftoteliiche Metaphyſik eine wejentliche Umgeftaltung. Elemente traten in der neuen Metaphyſik hervor, die ihre Herr⸗ Ihaft unter den modernen Völkern lange behauptet haben und in vielen Punkten ſowie innerhalb weiter Streden der europäiſchen . Bevölferung noch heute behaupten. Denn die geichichtliche Lage diefer neuen Völker gab ihnen neben vielen Nachtbeilen aud) große Vortheile gegenüber den Alten. Die europäiſche Menjchheit "Hat nunmehr eine Vergangenheit Hinter fich, die abgefchloffen ift. Ganze Völker und Staaten haben audgelebt auf dem Boden, wo eine neue Welt fich eingerichtet Hat. Sie haben in berjelben römischen Sprache, die noch herricht, gefprochen, und in die Literatur diefer Sprache ift auch dag Wichtigfte der griechiſchen Entwicklung gerettet. Andrerſeits aber fanden ſich dieje jungen germanifch- ‘ Hortjchritt der Metaphyſik bei den romanifchegermaniichen Völkern. 341 romanischen Völker im Kampfe mit dem vom Islam mächtig er- tegten Morgenlande. Der politiihe und militäriiche Gegenſatz wurde zugleich als ein folder der beiden großen Weltreligionen empfunden, die um die Herrichaft rangen, und ſetzte fich bis in da8 Gebiet der Metaphyſik fort. Die Metaphyſiker der Chriften- beit fanden fich jcharffinnigen Syftemen gegenüber, welche aus dem Islam hervorgegangen und dem Chriſtenthum innerlich feindfelig waren. Dies Alles gab der Metaphyſik der neueren europäiſchen Völker ein Mebergewicht über die der Alten in zwei Punkten. Die veränderte Lage ermöglichte den Metaphyſikern einerſeits, zu einer Abſtraktion fortzugehen, welche den Griechen in ihrem natürlichen nationalen Wachsſsthum nicht möglich war. Sie ge— langten zu Abſtraktionen äußerſten Grades. Denn die Metaphyſik fo gut als die Religionswahrheiten, Rechtsſätze und politiſchen Theorien der Vergangenheit wurden nunmehr einer Reflexion unterworfen, welche trotz der bitterſten Mängel in der Erkenntniß und Auffaſſung des Geſchichtlichen doch die Reſte dieſer Vergangenheit als Stoff vor ſich hatte. Und zwar war die metaphyſiſche Reflexion in Bezug auf die Frage, welche Be— weile vor dem Verſtande fich zu behaupten vermöchten und twelche Begriffe in verjtandesmähige Elemente aufgelöft werden könnten, zunächſt von der Firchlichen Autorität nicht gebunden. Wie ver- hängnißvoll auch für die nur in der Unabhängigkeit gedeihenbe Philofophie der Einfluß kirchlicher Vorftellungen und Tirchlicher Macht auf die Gemüther der mittelalterlihen Menſchen war: diefe Frage, was an den gegebenen Inhalten überlieferter Meta- phyſik und geltenden Glauben? dem Verſtande entiprecjenb und zugänglich fei, war noch von der Kirche Freigelaffen. Andrerfeit3 ermöglichte die veränderte Lage den Metaphyſikern, ihr Syſtem, welches aus der wifjenfchaftlichen Erforſchung der Natur hervorgegangen war, auf die geſchichtliche Welt aus: zudehnen. Dieje breitete fi nun ald eine umfangreiche Realität vor ihren Bliden aus. Sie ftand vermittelft der chriftlichen Wiſſenſchaft mit den tiefften Prinzipien der metaphyſiſchen Welt 342 Zweite Bud. Dritter Abfchnitt. in einer inneren Verbindung und bildete vermöge der Beziehung zu diefen Prinzipien ein in fich zufammenhängendes Ganzed. Bus gleich jonderte der chriſtliche Dualismus von Geift und Fleiſch Ihärfer von der ganzen Natur dieſes Reich des Geiftes, ala einen in dem Trandfcendenten begründeten Zuſammenhang. Die mittel- alterliche Metaphyſik bat jo eine Erweiterung erfahren, durch welche erſt die geiftigen Thatſachen und die geichichtlich = gefell- Ichaftliche Wirklichkeit ala ein der Natur und Naturerfenntniß ebenbürtiges Glied ihr eingeordnet wurden. Zum zweiten Male begann jo die Gedankenarbeit der Metaphyſik. Der Wille zu erkennen fuhr fort, die Subjelte, deren Thun und Eigenſchaften in Natur, Selbfterfahrung und Ge- ſchichte fich offenbaren, mit dem Gedanken durchdringen zu wollen, und das Leben, welches dieſem Willen ber Erfenntniß vorlag, reichte nun in Tiefen, welche der metaphyſiſchen Befinnung des Alter- thums nicht erreichbar geweien waren. Es liegt außerhalb des Kreifes unferer Erörterung zu betrachten, wie die metaphyſiſche Gedantenarbeit Trinität, Gotimenjchheit in klare und beweigbare Beitandtheile aufzulöjen den Verſuch machte und die Unlöglichkeit des chriftlichen Dogma für den Verſtand fchließlich erfennen mußte. Aber der menschliche Geift erfuhr ferner zum zweiten Male, daß überhaupt ein natürliches metaphyſiſches Syftem unmöglich ſei. Die Metaphyſik ſchmolz vor der DVerftandeskritif zujammen wie Schnee bei fteigender Sonnenwärme. Und fo endigte das zweite metaphuyfiiche Stadium in biefer Rüdficht wie daß erfte, jo viel inhaltvoller auch der Rüdftand war, den es zurüdlieh. Diefer Vorgang geftattet, wieder tiefer in dad Weſen der Metaphyſik fomwie in die Unmöglichkeit ihres dauernden Be— ſtandes zu bliden, denn was die großen inhaltlichen Thatjachen des Geiftes in ihrem Welen enthalten, jagt und nur die Gejchichte. Die mittelalterliche Metaphyſik jchloß eine Erweiterung der Welt- anſchauung in fich, welche in gewiſſen Grenzen noch heute fort- beſteht. Sie enthielt ein tiefere Seelenleben, ald dag des Alter- thums gewejen war. Und je angeftrengter fie fich bemühte, was nun innerhalb des Horizontes der metaphyſiſchen Befinnung fich befand, Das negative Ergebniß dieſes metaphyfilcden Stadiums. 343 verftandesmäßig zu begreifen, defto deutlicher wurde die Unmög- lichkeit Hiervon. Biel wird der unvolllommenen intellektuellen Ausbildung der Schriftfteller zugefchrieben werden müflen, welche diefe Metaphyſik geichaffen Haben. Die Aufgabe, die großen Rea- Yitäten des Chriſtenthums und die Borftellungen, in welchen diefe audgedrüct waren, mit der griechiichen, insbeſondere ariftotelifchen Metaphyſik zu vereinigen, ift von ihnen äußerlich gefaßt worden, weil ihnen die tieferen wiſſenſchaftlichen Beweggründe der griechi- ſchen Metaphyſik unzugänglic waren. Wie diefe Beweggründe aus der Arbeit der wirklichen Wiflenjchaft hervorgegangen waren, jo konnten fie und die von ihnen aus entftandenen Begriffe und Säte nur von ſolchen veritanden werden, welche an derjelben Arbeit die Hand Hatten. Die Begriffe der fubftantialen Form, der Eiwigfeit der Welt, des unbewegten Bewegers waren unter den Anforderungen des Erkennens, welches den Kosmos erklären wollte, entftanden, gerade jo wie der Begriff des Atoms oder der des leeren Raumes. Andere Begriffe waren bedingt durch die pofitive, naturwiſſenſchaftliche Forſchung. Daher die Begriffe der Alten bei den Scholaftifern den aus ihrem Boden geriffenen -Dflanzen in einem Herbarium gleichen, deren Standort und Lebens⸗ bedingungen unbelannt find. Dieje Begriffe wurden nun mit ganz unvderträglichen verbunden, ohne jonderlichen Widerftand zu leiften. So findet mar Schöpfung aus Nichts, lebendige That und Ber- fönlichkeit Gottes verbunden mit den Begriffen, welche von ber Unveränderlichkeit der erften Subftanz oder von dem ariftotelifchen Begriff der Bewegung ausgehen. Aber wie fehr auch dieſer Mangel an wirklich wiſſenſchaftlichem Geift die Löſung ber bezeichneten Auf- gabe, daß Leben des Chriſtenthums mit der Wiſſenſchaſt vom Kosmos zu Einem Syftem zu vereinigen, erſchweren mußte: dennoch erklärt derfelbe nicht den gänzlichen Zufammenbruch diefer Metaphyſik ala MWifienichaft, welcher das Ende des metaphufilchen Stadiumß der neueren Bölfer und den Eintritt in das der wirklichen Wiflenjchaften bezeichnet; vielmehr tritt die innere Unmöglichkeit der Aufgabe jelber hervor. indem diefe Metaphufil in erfter Linie von dem In⸗ terefie an den Erfahrungen des Willend und des Herzens aus- 344 Zweites Buch. Dritter Abfchnitt. geht, macht fich tiefer ald vordem geltend, daB, was wir im Leben befißen, nicht von dem Verftande in einen Zuſammenhang ganz durchfichtiger Begriffe aufgelöft werden kann. Indem bie Bedingungen der Natur mit denen der geſchichtlichen Welt in Einem objeftiven Zufammenhang verknüpft werden follen, tritt der tiefe Widerſpruch zwilchen der Nothwendigkeit, Die den Gedankenmäßigen eigen ift, und der Freiheit, welche Die Erfahrung des Willens ift, in den Mittelpunkt der Metaphyſik: er zerreißt ihr Gewebe. Doch vollzog dieſe zweite Epoche der Metaphyſik zugleich einen bleibenden pojitiven Yortfchritt in der euro päifchen intellektuellen Entwidlung, welcjer dem modernen Men⸗ ichen und der freien Verbindung von Erfenntnißtheorie, Einzel⸗ wiſſenſchaft und religiöfem Glauben erhalten bleibt. Zu dem Ihon Ermwähnten tritt Folgendes Hinzu. Im Alterthum Hatte fich die Wiſſenſchaft als ein unabhängiger Zweckzuſammenhang ab= gefondert und war zur Selbftändigfeit gelangt. In den großen In— ftituten von Alerandria, in den anderen willenjchaftlichen Sammel- punkten des ſpäteren Alterthums Hatte fie auch eine äußere Or— ganifation erhalten, durch welche die Kontinuität pofitiver Leiſtungen ermöglicht wurde. So trat die Wiſſenſchaft ala ein die Völker umfpannender Zujammenhang dem wechjelnden und zerftüdelten Staatäleben gegenüber. Die Macht und Souveränetät des chrift- lichen Bewußtſeins verkörperte fi) nun während des Mittelalters in dem jelbftändigen Aufbau ber Tatholifchen Kirche, auf welche viele politifche Ergebniſſe des römischen Imperiums übertragen wurden. Wenn ihr die individuelle Freiheit des chriftlichen Bewußtſeins zur Zeit geopfert wurde, jo bereiteten doch Die großen forporativen Ordnungen des Glauben? und Willens eine Zukunft vor, in der bei inmerer Freiheit des Seelenlebens die Differenzirung und äußere Gliederung der einzelnen Zweckzu⸗ ſammenhänge durchgeführt werden kann: eine Zukunft, die auch wir heute nur in unficheren Umriſſen erbliden. Alsdann unter bielten das religiöfe Leben und die Schulen der Myſtik das Be— wußtlein, daß das meta-phufiiche Weſen bes Menfchen in der Der pofitive Syortichritt. 345 inneren Erfahrung, ala Leben, auf eine individuelle, einen allge: meingültigen wiflenschaftlichen Ausdrud ausfchließende Weile ge- geben ift. Die Metaphyſik fügte dem Begriffezufammenhang, der an der Außenwelt entwicdelt war, den Hinzu, welcher aus dem religiöfen Leben ftammte: Schöpfung aus Nichts, innere Lebendig- feit und gleichſam Geichichtlichkeit Gottes, Schickſal des Willens. Und als an bem inneren Widerſpruch, ber jo entiprang, bie Metaphyſik des Mittelalter® zu Grunde ging, da war und ver- blieb da3 perfönliche, keiner allgemeingültigen wiflenjchaftlichen Begründung fähige Bewußtfein unjerer meta-phyfiichen Natur dag Herz der europäifchen Gejellichaft; fein Schlag ward empfunden in den Moftifern, in der Reformation, in jenem gewaltigen Puritanismus, der in Kant oder Fichte jo gut lebt als in Milton oder Garlyle und welcher einen Theil der Zukunft in fich ſchließt. Viertes Kapitel. Erfter Zeitraum des mittelalterlihen Dentens. Den Ausgangspunkt der Gedankenarbeit des Mittelalters bildeten die Probleme der drei monotheiftiichen Religionen. Wir beginnen mit dem Einfachften. Judentum, Chriftenthum wie Slam haben ihren Mittelpunkt in einem Willensverhältnik des Menichen zu Gott. Daher Ichließen fie eine Reihe von Elementen in fi}, welche der inneren Erfahrung angehören. Da aber unjer Dorftellen an die Bilder der äußeren Erfahrung gebunden: ift, jo kann, was dem Erlebniß angehört, nur in dem Zujammen- bang unſeres Bildes der Außenwelt vorgeftellt werden. Den einfachften Beweis hierfür Liefert das Mißlingen jedes Verſuchs, Gott ohne ein Bild des räumlichen Außereinander von dem eigenen Selbft zu fondern, ihn in Beziehung zu diefem Gelbft ohne ein Element des räumlichen Verhaltens und Einwirkens zu denten, oder etiwa die Vorftellung der Schöpfung ohne Bilder eines 346 Zweites Bud. Dritter Abfchnitt. wenn auch noch fo beichleunigten Herbortretend und zeitlichen Geftalten® zu vollziehen. Daher ftellt ſich das religiöfe Erleben in den monotheiſtiſchen Religionen eben fo in einer Vorſtellungs— welt dar, welche nur Gewand und Hülle, gleihlam Berjinn- lihung der inneren Erfahrungen ift, wie dies in den indogermanischen Religionen der Yall geweſen ift, aus deren my⸗ thiſchem Borftellen der Welt wir die griechiiche Metaphyſik her- vorwachſen jahen!). Und das Denken ftrebt nothiwendiger Weile, dieje die religiöfe Erfahrung verfinnlichenden Vorſtellungen aufzu= Hären, zu zergliedern und widerſpruchslos zu ver— binden. Hierbei trifft da8 dogmatifche Denken überall auf Vorftellungs= beitandtheile, welche dem Bilde der Außenwelt angehören. Und da Chriſtenthum, Heidenthum und Islam die Bearbeitung dieſer Elemente durch die erklärende Wiſſenſchaft des Kosmos vor ſich hatten, miſchten ſich Begriffe aus dieſer erklärenden Wiſſenſchaft in ihre Theologie ein. Daher hat ſich die Entwicklung der Formeln, welche die religiöſe Erfahrung in einer Verknüpfung von Vor⸗ ftellungen abgrenzen und gegen andere Formeln innerhalb der- jelben Religion wie gegen andere Religionen rechtfertigen follten, nicht folgerecht auß der im Chriſtenthum gegebenen Selbftgewiß- beit innerer Erfahrung vollzogen). Vielmehr mündete der ge- waltige und friiche Fluß diejer inneren Erfahrungen in den breiten, trüben, Glemente verjchiedenfter Art mit ſich führenden Strom der abendländilchen Metaphyſik. Ein Synkretismus in der Me—⸗ taphyſik, wie er der Niederichlag der langen Entwidlung grie= chiſch⸗römiſchen Denken? war, jchien dem religiöjen Vorftellen die Mittel darzubieten, fi) in einem Syſtem zu formiren und ala ſolches zu behaupten. So entftand die chriftliche und ähnlich bildete ſich die jüdiiche und muhamedaniſche Theologie. Und zwar ftand die Aufgabe der Theologie nur eine einge= ſchränkte Zeit hindurch bei den neueren Völkern in dem Mittel- 1) ©. 169 ff. 2) Wie an Auguftinus ©. 826 ff. gezeigt ill. Bearbeitung bes Glaubendinhaltes in ber Theologie. 347 punkt alles ſyſtematiſchen Denkens. Im chriftlichen Abendlande währte dieje Zeit länger ala bei den Völkern des Islam; von Alcuin und dem achten Jahrhundert reichte fie Hier dia zum Ende des zwölften Jahrhunderts. Während diefer vier Jahrhunderte machten fich die möglichen Stellungen de Glaubensinhaltes zum Berftande gel- tend, wie fie biß heute fortdauern. Die in der Hierarchie herrſchende Partei betrachtete den Glaubensinhalt ala eine der Vernunft un- erreichbare und unſerer verderbten Natur in der Offenbarung autori- tativ gegenübertretende Thatſächlichkeit. Gemäß der dargelegten Beziehung zwilchen dem Offenbarungsglauben und der inneren Er- fahrung verband fich diefer Standpunkt mit dem zweiten, welcher die im Chriſtenthum angelegte Erkenntniß enttwidelte, daß Die inneren religiöfen Erfahrungen in einem verftandesmäßigen Zu- ſammenhang nicht dargeftellt werden können). Doch trat biefe zweite Stellung zum Glaubensinhalt auch mehr losgelöſt vom Autorität3prinzip auf, insbeſondere in den myſtiſchen Schulen. Eine dritte Partei hatte ihren wichtigften Repräfentanten während dieje8 Beitraumd in Anjelm. Die Vorausſetzungen bderjelben lagen ebenfall3 in Auguſtinus. Sie vereinigte in ſchwer zu faflendem Zieffinn die beiden Seiten des mittelalterlichen Denkens: in jedem, auch dem tiejften Geheimniß des Glauben? ift ein Ber- nunftzulammenhang, und er könnte der göttlichen Vernunft nad)= gedacht werden, wenn die Gedanken der Menfchen den Gottes zu erreichen die Kraft hätten; aber diefer Zufammenhang wird allein unter der Vorausſetzung des Glaubens erblidt?). Die lebte unter 1) Tieſe Verbindung der beiden Standpunkte (für deren erſteren Belege überflüffig find) findet man in dem bekannten Worte des Bernhard von Glairvaur: „quid enim magis contra rationem, quam ratione rationem conari transcendere? Et quid magis contra fidem, quam credere nolle, quicquid non possis ratione attingere?“ — Zur zweiten Partei vgl. 3.8. Hugo von St. Viktor de sacram. I pars 10 c. 2. 2) Anjelm de fide trinitatis praefatio und c. 1. 2; de concordia praescientiae Dei cum libero arbitrio, qu. III c.6. Die Löfung ber ſchein⸗ baren Widerfprüche Liegt bei Anſelm in der Voraudfehung, daß auch daB unerreichbare Glaubendgeheimniß in Gott Vernunftzufammenhang ift. Wie Anjelm Hierdurch fi) von den Moftilern jondert, berührt er ſich andrerſeits hierin mit Scotu8 Erigena und Abälard. Vgl. Eadmer Vita S. Anselmilc.9. 348 Zweites Buch. Dritter Abſchnitt. diefen Parteien betrachtete den menfchlichen Verſtand als MaB- tab des Slaubenzinhaltes, und die Unterfchiede in ihr waren vorzugsweiſe durch den Grad von Gelbftvertrauen bedingt, mit welchem diejer Verftand auftrat. So kann fie ald Nationalismus bezeichnet werden. Sie empfing ihre Macht nicht allein au dem Trieb des Erkennens, welcher zumal im zwölften Jahrhundert zur Leidenſchaft anwuchs; auch der Ziviefpalt der Autoritäten über die Glaubensgeheimniſſe Eonnte von Abälard in feiner Schrift „Ja und Nein“ ihn und geſchickt zu Gunften der Entjcheidung von Glaubens⸗ fragen durch den Verftand veriverthet werden, und der Streit einer Mehrheit monotheiltifcher Religionen machte die jchließliche Geltung derjelben von dem Richterſpruch des Denkens abhängig, die Ge— Ipräche zwiſchen den Repräfentanten der verichiedenen Religionen, wie der Rujari und der Abälard’fche Dialog zwiſchen einem Philoſophen, einem Juden und einem Chriften, laſſen die Macht dieſes thatjäch- lihen DVerhältniffes erkennen. So Tonnte der Vervollſtändigung des Materiald für die Kenntniß der ariftotelifchen Logik eine dialek- tifche Bewegung folgen, deren negative Exgebniffe viele Zeitgenoſſen erſchreckten). Der Glaubensinhalt wurde ſchon ala eine Anticipation der Vernunfterlenntniß angejehen ?), und die Yrage trat auf: wenn die Lehrſätze des Chriſtenthums einer rationalen Behandlung zu- gänglich find, warum bedurfte es der Offenbarung? 1) Für die angegebene Bebeutung der Schrift Sic et non von Abälard ift der Schluß des Prologs enticheidend. Im Uebrigen vgl. die aus Johann von Salisbury, Richard von St. Viktor, Abälard u. a. entnommene Schil: berung der rationaliftiichen Fraktionen bei Reuter, Gefchichte der Auf: Härung I, 168 ff. 2) Tied war die Conſequenz der zulebt erwähnten Richtung. Sie kann aus ber befannten Formel des Scotus Srigena de divisione Ic. 66 p. 511» (Floß) abgeleitet werden. Doch ift weder der Nationalismus des Scotus Erigena noch der Abälard’3 unbeichräntt. Die Theorie, welche fich bei beiden findet und welche die Beziehung der Begriffe und Urtbeile des Verftandes auf die endliche Wirklichkeit einſchränkt, die zu bezeichnen fie beftimmt feien, (wie denn der Sak in dem unentbehrlichen Verbum die Zeitlichkeit ala Schrante einfchließe), ift ein Verſuch, die wirkliche Transſcendenz Gottes gegen die Rationaliften zu vertheidigen. Vgl. Abälard theologia christ. l. III, p. 12468. 12478 (Migne) nebjt ber Parallelftelle der introductio und Scotus Erigena de divisione I c. 15ff. 4693 B. c. 73 p. 518. Dialektit ala Werkzeug der Theologie. 349 Die Erfaffung des Glaubenzinhaltes durch die Vernunft, nad) welcher jo in diefen Jahrhunderten gerungen wird, Hat in der Dialektik (Logik) ihr Werkzeug. — Es ift überzeugend nachge= wiejen tworben, wie der Zuftand dieſes Werkzeug durch die elende urjprüngliche Meberlieferung des logiſchen Materiald und die lang- ſame Erweiterung der Kenntniß echter ariftotelifcher Logik bedingt geweien ift '). Aber die Dialektik diefer Jahrhunderte erjcheint in einem günftigeren Lichte, wenn die andere Seite ihrer damaligen Geichichte, ihre Beziehung zu den Aufgaben der Theologie, auf- gefaßt und die Abhängigkeit ihrer wichtigften Züge von dieſer Aufgabe erkannt wird. Wie die Logik des Ariſtoteles von der Lage und Aufgabe der Metapbufit de Kosmos bedingt ift, fo die Dialektik des Mittelalters durch die der Theologie, al deren Wiſſenſchaftslehre. — Diefem Verhältniß ent|prechend war die mittel- alterliche Logik mit fehr lebhaften Crörterungen über die Beziehung der Formen ded Denkens zu der in Gott angelegten Gedanlen- mäßigfeit der Wirklichkeit verbunden. Die Sätze der platonijch- ariftoteliichen Metaphyfit über diefen Punkt, wie fie von den Neuplatonikern fortgebildet worden waren, bildeten die Grundlage ber Theologie der meiften Kirchenväter, insbeſondere des Auguftinus, Zugleich befand ſich in dem überlieferten logiſchen Material eine dürftige Mittheilung, welche wie durch einen engen Spalt in die fonft der Kenntniß damals entzogenen Kämpfe des Alterthums einen Blick geftattete 2). In der Mannichfaltigfeit der Richtungen, die eine Löfung des nun leidenschaftlich beiprochenen Problems verjucht Haben, fondern fich drei Klaffen, wenn man die und allein angehende metapbufiiche Bedeutung des Problems in? Auge faßt. Die allgemeine Bebingung dieler Parteibildung lag darin, daß das metaphyfiſche Stadium der Wiſſenſchaft einen gedanlenmäßigen Zuſammenhang der Erjcheinungen nur als Syſtem von Formen, — — — — 1) Coufin, Jourdain, Hauréau und Prantl haben das Hauptverdienſt dieſes geſchichtlichen Nachweiſes. 2) Vgl. Hauréau histoire de la philos. scolast. I, 42 ff., Prantl über Porphyrius in der Gefchichte der Logik I, 626 ff., Über Boethius 679 ff., über bie Streitfrage II, Iff. 35 ff. 350 Zweites Buch. Dritter Abfchnitt. die ſich in Allgemeinbegriffen darſtellen, beſeſſen hat. Die Einen nahmen nun einen realen Vorgang logiſcher Specifikation in der Subſtanz der Dinge an, mochten ſie dieſe nach der Formel einer Emanation, wie Scotus Erigena, oder nach der einer Schöpfung vorſtellen. So treten nach Wilhelm von Champeaux zu dem in fich gleichen Stoff zuerft Yormen der oberften Gattungen, innerhalb jeder derjelben folche, welche die Gattung zu Arten gliedern, abwärts bis Individuen entftehen !). Die Anderen vertwarfen einen ſolchen realen Proceß logiſcher Specififation und begnügten fi mit ber Annahme einer realen Beziehung zwischen dem göttlichen Verſtande, in welchem die Formen wohnen, der Wirklichkeit, der fie durch ihn eingebildet find, und dem menfchlichen VBerftande, durch den fie an den Dingen berausgehoben werden können ?).. Der Nomina⸗ lismus bildete den gemeinfamen Charakter einer dritten Klaſſe von Dialektilern. — Das Schickſal diefer drei Richtungen war wejentlich bedingt durch ihr Verhältniß zur Aufgabe der Theologie. Die erfte mußte, wie ihr Abälard’3 Scharfſinn nachwies, folgerecht auf die weſenhafte Einheit derjelben Subftanz und damit auf den Pan- theismus führen >). Die leßte derjelben, die nominaliftilche Theorie, erwies ſich als ganz unfähig, der Theologie als Grundlage zu dienen, bis fie in einem jpäteren Stadium zu der inneren Er—⸗ fahrung in Beziehung gejeßt wurde. Daß war der Grund, aus welchem fie in diefem eriten Zeitraum des mittelalterlichen Denkens fih nicht behaupten fonnte. Sprach doch der Nominalismus des Rofcellinug nicht nur der Beziehung des Einzeldings zur Gattung, londern auch der des Theild zum Ganzen jede objektive Geltung ab. Nun berubte aber auf diefem lebteren Verhältniß der ganze Zuſammenhang des göttlichen Heilsplanes, wie er die Grundlage 1) Scotus Erigena 3. B. de divisione naturae I c. 29 ff. p. 475B, IV ec. 4 p. 748; Wilhelm von Champraur nach dem Bericht in der Schrift de generibus (ouvrages inedits d’Abelard p. Cousin) p. 513f. und in Abälard’3 epist. I c. 2 p. 119. 2) Zu ihnen gehörte Abälard, vgl. introductio ad theolog. II c. 13 p. 1070. 3) In den glossulae super Porphyrium nad) dem Auszug von Remufat Abälard II p. 98. Dazu trat bie Logifche Unhaltbarkeit dieſes Realismus, welche de generibus p. 514ff. entwidelt ıfl. « Parteiung über den metapbufiichen Werth ber Begriffe. 351 der Kirche ausmachte. Das Sündigen in Adam, da Erlöſtwer⸗ den in Chriſtus, die Verbindung des Einzelnen mit der Kirche waren ohne diefen Zuſammenhang von Theilen in einem Ganzen nicht denkbar. Ebenſo ſchien die Dreieinigleitälehre eine reale Be⸗ ziehung des Einzelnen zu dem übergeordneten Begriff vorauszu⸗ jeßen. So gelangte die mittlere Anficht, wie fie zunächft Abälard mit Glüd vertreten hatte, zum Siege: fie entſprach der Aufgabe der mittelalterlichen Metaphyfit am beften, bis dann der Nomina- liamu3 in der Theorie der inneren Erfahrung und des in ihr gegebenen Willens ein tiefered Recht gewann. Wurde jo in dieſem Ringen des Berftandes mit dem Glaubens⸗ inhalt während der bezeichneten vier Jahrhunderte zunächft eine dialektiſche Grundlegung angeftrebt, jo war dad doch nur Vor— bereitung für die Theologie. Und zwar lag bie nächfte Auf« gabe in der Yortentwidlung der Beweisführung fürdie Eriftenz einer transfcendenten Welt; indeß bilden in der Gefchichte der Begründung der trangjcendenten Welt auf Vernunftbeweis die Leiltungen diefer Jahrhunderte einen Beftandtheil, den iſolirt zu betrachten fein Intereſſe für uns befteht. Ferner fuchte fich der Derftand in der trandfcendenten Welt zu orientiren und den Zu— ſammenhang de Glaubensinhaltes gedanfenmäßig zu entwideln. Hierbei entjchied fich in Diefem Zeitraum ein Schid- fal des mit diefer Aufgabe befchäftigten Verftandes, welches tiefer in die Lebensbedingungen des metaphyſiſchen Denken? bliden läßt. An den wichtigften Punkten ergaben fich anftatt der Dar- ftellung in einer dem Berftande genügenden Formel Widerfprüche auf Widerjprüche, und dies Verhältniß trat nicht nur innerhalb der jpecifiihen Dogmen der einzelnen monotheiftiichen Religionen hervor, auch in den Sätzen, welche diefen gemeinfam find und ſonach zur Metaphyſik in einem näheren Berhältniß ftehen, ward ed fichtbar. Ein Widerfpruch flellt fich in zwei Süßen dar, deren einer den anderen ausſchließt; er befteht alſo in einem Verhältniß der Prädikate defielben Subjektes, vermöge defien fie fich in ihrer Be⸗ ziehung auf daffelbe gegenjeitig auzfchließen oder aufheben. Ein 352 Zweites Bud. Dritter Abfchnitt. ſolcher Widerfpruch zweier Säbe ift eine Antinomie, wenn die beiden Sätze unvermeidlich find, und Antinomien find daher Sätze, welche von demjelben Subjekt mit gleicher Nothwendigkeit Wider- Iprechendes ausſagen. Das Altertum hatte zunächſt die Antino- mien entividelt, welche in unferer Auffaffung der Außenwelt ent- halten find; diejelben haben ihre Wurzel im Verhältniß des Er— fennend zu den äußeren Wahrnehmungen. Die zweite Hälfte aller Antinomien entjpringt, indem die inneren Erfahrungen dem äußeren Borftellungszufammenhang eingeordnet werden und das Erkennen fie feinem Geſetz zu unterwerfen tätig ift. Innerhalb diejer Klaſſe traten gejchichtlich zuerjt die Antinomien des religiöſen Vorſtellens, der Theologie und der die religiöje Erfahrung in fih aufnehmenden Metaphyſik hervor, der Kampfplatz derjelben waren Theologie ſowie Metaphufit des Mittelalters, und fie wirkten eben jo zerjeßend in der altproteftantilchen Dogmatif. Bon diefen Antinomien gelangten zunächſt in der Zeit der Kirchen⸗ väter. und dem früheren Mittelalter diejenigen zu klaſſiſcher Aus— bildung, welche die Wiſſenſchaft vom Kosmos noch nicht vor- ausſetzten, jondern aus dem Verhältniß der religiöjen Erfahrung zum Vorſtellen und zur logiſchen Reflexion hervorgingen. Da da3 religiöfe Leben genöthigt it, fih in einem Vor⸗ ftelungazufammenhang außzudrüden und diefem Vorſtellungsin⸗ begriff ala ſolchem die Antinomien anhaften, jo treten diejelben in parallelen Formen neben einander in ber Theologie des Chriſtenthums, des Judenthums wie des Islam auf. Und zwar gehört dag Bewußtſein diefer Antinomien keineswegs erſt der Zeit der Auflöfung der Dogmen an; vielmehr ringt das religiöfe Boritellen und Denten von Anfang an mit denfelben, fie bilden ein mächtige Agens in ber Dogmenbildung jelber und vereivigen die Parteien und den Streit innerhalb der einzelnen Religionen. Aber die Religion ift nicht Wiſſenſchaft, ja was wichtiger zu lagen ift, fie ift auch nicht Vorftellen. Die Antinomien der religiöjen Borftelung löſen die religiöje Erfahrung nicht auf. So wenig die Antinomien in unjerer Raumvorftellung ung beftimmen können, auf unſer räumliches Sehen zu verzichten, jo wenig vermögen bie Erfte Antinomie zwiſchen ber religidjen Erfahrung und dem Vorftellen. 353 dem religiöjen Borftellen anbaftenden Widerjprüche, das religiöſe Leben in und zu vermindern oder in feiner Bedeutung für unſer Gefammtleben herabzufeßen. Der Maler wird nicht von den Anti⸗ nomien der Raumborftellung geftört, denn fie verwirren ihm nicht feine Raumbilder. Genau jo hindern die religiöfen Antinomien nicht die freie Bewegung des religiöjen Leben? felber. Aber fie machen allerdingd die konſequente Durchbildung des religiöjen Vorſtellens, feine Zergliederung und die Verknüpfung der jo ent- ftehenden Begriffe zur Einheit eines Syſtems, wie noch Schleier- macher fie verjuchte, unmöglich. Die Antinomie zwiſchen der Borftellung de3 allmädtigen und allwiffenden Gottes und der Bor- ftellung der Freiheit des Menſchen. Die erfte und am meiften fundamentale Antinomie des religiöfen Bewußtſeins ift darin gegründet, daß das Subjekt fi) in jedem gegebenen Moment nach rückwärts Thlehthin bedingt und abhängig findet, zugleich aber fi frei weiß. Dieſes Doppel- verhältniß ift, wie daß die Deffription des religidjen Lebens zeigt, gleichſam die Springfeder der beftändigen Arbeit des religiöfen Geiftes, in welcher die Gottedidee erft volle Ausbildung gewinnt. Sp ericheint innerhalb des religiöjen Worftellungsleben? eine Antinomie, welche Teine Formel zu bemältigen vermocht bat. Gott ift einmal Subjelt der Prädifate Güte, Allmacht, Allwiſſen⸗ heit, andrerſeits erfcheinen alle dieſe Prädifate in ihm durch die Millenzfreiheit und Verantwortlichkeit des Menſchen eingejchräntt, und ihre Einſchränkung ift ihre Aufhebung. Vielleicht Hat feine Trage das Nachdenken einer größeren Zahl von Menſchen unferer Erde beichäftigt und Feine in gewaltigeren Naturen gearbeitet als dieje, welche die Vorftellungawelt des Islam erjchüttert und Paulus, Auguftinus, Luther, Calvin, Cromwell beiwegt hat. Wenn wir über das weite Trümmerfeld der Selten und Schriften Ichreiten, welche dies Problem hervorrief, empfinden wir ftärfer ala lonjt, wie ganz abgethban Hinter und die Dogmatik liegt. Denn feine dieſer Streitfragen oder Diftinktionen bewegt Heute noch die Dilthey, Einleitung. 354 Zweites Buch. Dritter Abſchnitt. Herzen der Menſchen. Ihre Zeit ift vergangen. Und das Schweigen de Todes ruht heute auf dem weiten Raum diefer Ruinen. Das Hriftlihe Abendland, um Allzubelanntes nur zu berühren, rang von den Vätern ab vergeblich mit den Antinomien zwifchen der Unveränderlichkeit Gottes und der Rückwirkung der menjchlichen Handlungen auf den göttlichen Willen, zwiſchen dem Vorherwifſen der Handlungen in Gott und der freiheit des Menfchen, fie zu thun und zu laffen, zwiſchen der Allmacht und dem menschlichen Willen ',. Lange war im Abendlande dad &e- tümmel des pelagianifchen Streites verhallt und die Willenzfrei- heit, die Verantivortlichkeit des Menjchen, damit feine Selbftän- digfeit, waren der Tendenz der katholiſchen Kirche, alles Gute in der Menſchenwelt von Gott durch die Organe der Kirche herabfließend vorzuftellen, bi8 auf einen ungenügenden Reft zum Opfer gefallen, ala in den Ländern des Islam derjelbe Streit ausbrach. Die Rationaliften des Islam, die Mutaziliten ?), gingen von den inneren Problemen der Religion aus, wenn fie auch alddann für deren Löfung die griechiiche Wiſſenſchaft zu Hilfe nahmen, ja viel: leicht von der Theologie und den Sekten der Chriften mit beeinflußt waren?). Durch den Koran zieht fi) der Widerſpruch ziwifchen 1) Nach dem Streit, in welchem Gottſchalk vermittelft des Begriffs der Umveränberlichteit Gottes die fyreiheit bed Menſchen aufhob, Scotus Erigena fie mit ber Nothwendigkeit in eins jete, hat Anjelm dies Problem in den zwei Schriften de libero arbitrio und de concordia praescientiae et praedestinationis cum libero arbitrio am tiefften behandelt. 2) Mutazila bezeichnet eine von einer größeren Gelammtheit ſich ab: trennende Schaar, eine Sekte. Der Name wurde auf bie bebeutendfte unter ben Selten de3 Islam übertragen. Bgl. Steiner, die Mutaziliten S. 24 fi. Nach dem Inhalte des Streites angejehen, wurden die Bertheidiger ber menjchlichen Willenzfreiheit Kadarija genannt. Vgl. ebdſ. 26 ff. und Munt Melanges de philosophie juive et arabe p. 310. Bericht über fie in Schahraſtanis Religionsparteien und Philoſophenſchulen, überjekt von Hanr: brüder I, 12 ff. 40 ff. 84 ff. II, 386 ff. 398 ff. 3) Die Bergleichung des Seftenlebend hüben und drüben drängt dieſe Anſicht auf und bie hiftoriichen Verhältniſſe machen fie wahrſcheinlich. Munf Melanges p. 312. Die Theol. d. Judenth., Chriftenth. u. Islam ringen vergebens mit ihr. 355 einer ftarren Prädeftinationzlehre, nach welcher Gott felber eine An- zahl der Menjchen ala unfähig, feine Wahrheit zu vernehmen, für die Hölle erichaffen Hat, und dem praftiichen Glauben an die Willen3- freiheit, auf dem die Verantwortlichkeit des Menjchen beruft. Nun machen die Mutaziliten zunächft die eine Seite der Antinomie, die Selbftgewißheit der inneren Erfahrung von der Freiheit, geltend. Der menjchliche Wille wird nach ihnen ala ein jelbftthätiges Prinzip erlebt, welches den Körper wie ein Werkzeug zu Bewegungen in Thätigkeit jet, und feine Freiheit jchließt ein, daß ihm ein Urtheil über gut und böfe beimohne!). Bon bier aus entwideln fie Säße, welche fi) ausjchließend gegenüber der Lehre von Allmacht und Allwiflenheit Gottes für ein fonjequentes VBorftellen verhalten. Das Böſe kann nicht auf Gott ala Urſache defielben zurückgeführt werden; denn das Böſe ift ein wejentliches Attribut des bölen Weſens (im Gegenſatz zu der Anficht, nach welcher dieſes Attribut innerhalb des ganzen Zuſammenhanges der Weltordnung ſchwindet); wäre nun Gott die Urjache des Böſen, jo würde dadurch jeine Güte aufge- hoben 2). Die Freiheit kann nicht verneint werden; denn mit ihr wird die Verantwortlichkeit und folgerecht die Uebung der Ge- rechtigkeit Gottes in Bezug auf Lohn und Strafe verneint. Während jo die Mutaziliten die Freiheit auf Koften der Allmacht Gottes Ichüßen, haben andrerjeitß diejenigen Sekten, welche den ftärferen Antrieb im Islam Tonjequent entwidelten, die Brädeftination auf Koften der Freiheit vertheidig. Die Djabarija leugneten einfach, daß die Handlungen des Menſchen ihm angehören, und führten fie auf Gott zurüd. Nur darin jonderten fie fi, daß die einen dem Menſchen das Vermögen zu Handlungen voll: ftändig und ganz abſprachen, die andern aber dieſem anerjchaffe- nen Vermögen gar feinen Einfluß zujchrieben?). Unter den Frei= denkern hat Amr al Gahiz die Nothmendigkeit der Handlungen behauptet, und er unterjchied den Entſchluß nur dadurch) von 1) Schahraftani I, 55, 59. Die Unterfchiede der Parteien innerhalb der Mutazila kommen bier nicht in Betracht. 2) Ebdi. I, 581. 8) Ebdi. I, 88 ff. 233* 356 Zweites Buch. Dritter Abichnitt. inftinktiven Handlungen, daß wir bei jenem bewußt bdenfen !). Zwiſchen den Schwierigkeiten, welche fo gleichermweije entftehen, wenn mit der Yreiheit oder mit der Prädeftination Ernſt gemacht wird, Ichlüpft al Aſchari mit einer Halbheit durch. Einerſeits ift noch ein Unterjchted zwiſchen unmwillfürlichen Bervegungen und wille fürlichen Handlungen in der inneren Erfahrung mit Sicherheit gegeben; andrerjeitö ift diejelbe Handlung, von Gott aus angejehen, ein Hervorbringen, Bewirken durch Gott, vom Menſchen aus be= trachtet, ein „Aneignen“ deſſen, was Gott bewirkt?). Dafür ift dann al Alchari Grundlage der ſpäteren orthodoxen Scholaftik des Islam geworden, welche in dürren und doch halben Formeln erſtarrte. Die Antinomie, welche in dieſem Ringen der theologiſchen Sekten zum Vorſchein kommt, hat ſpäter Ibn Roſchd in abſchließender Verſtandesklarheit folgendermaßen ausgeſprochen. Die Beweiſe find in dieſer Frage, einer der ſchwierigſten der Religion, einander entgegengeſetzt, und „des⸗ wegen haben ſich die Moslimen in zwei Parteien getrennt; die eine Partei glaubt, daß das Verdienſt des Menſchen Urjache de3 Lafter? und der Tugend ſei und dieſe für ihn Belohnung und Beftrafung zur Folge Haben. Dies find die Mutazila. Die andere Partei glaubt das Gegentheil, nämli daß der Menjch zu feinen Handlungen gezwungen ımd gedrängt ſei.“ Der „Widerſpruch der aus dem Berftande Hergenommenen Beweiſe in diefer Trage” läßt fich in folgenden beiden Gliedern barftellen, deren jedes zugleich nothiwendig und unmöglid iſt. Theſis: „Wenn wir annehmen, daß der Menſch feine Handlungen hervor⸗ bringt und fchafft, jo iſt es nothwendig, daß es Handlungen giebt, welche nicht nach dem Willen Gottes und feiner freien Entſchließung gejchehen, und dann gäbe es einen Schöpfer außer Gott. Nun aber find alle Moslimen darin einverftanden, daß es feinen Schöpfer außer Gott giebt“ (und die Einzigkeit Gottes ift von Ibn Rojchd 1) Schadraftani I, 77; vgl. Steiner's Wiedergabe de3 Inhaltes der ſchwer faßbaren Stelle ©. 70. 2) Schahraftani I, 98 ff., beſonders 102 ff., wozu Steiner ©. 86. Formeln dieſer Antinomie. 357 an einer anderen Stelle metaphyſiſch aus der Einheitlichkeit in der Welt bewieſen?). Antitheſis: „Wenn wir aber annehmen, daß der Menſch ſeine Handlungen nicht erwirbt, fo ift nothwendig, daß er zu ihnen gezwungen ift: denn es giebt fein Mittleres zwilchen Zwang und Erwerb; und wenn ber Menich zu feinen Handlungen gezwungen ift, jo gehört die Berantwortlichkeit in die Kategorie de3 unmöglich zu Leiftenden?).“ Unter den chrijt- lichen Theologen des erften Zeitraumes mittelalterlichen Denkens hat Anſelm unjere Antingmie in den folgenden zwei Widerſprüchen dargeftelt. Erfter Widerfprud: „Vorauswiſſen Gottes und freier Wille fcheinen fich zu widerſprechen. Denn dagjenige was Gott vorauafieht, muß nothiwendig in Zukunft eintreten, was aber Durch den freien Willen gefchieht, erfolgt mit feiner Nothwendig⸗ keit.” Zweiter Wiberfprud: „Was Gott vorausbeftimmt, muß in der Zukunft eintreten. Wenn ſonach Gott dad Gute und Böſe was geichieht, vorausbeſtimmt, jo gejchieht nicht? durch den freien Willen;“ jo heben fich freier Wille und Vorausbeſtimmung gegenfeitig auf ?). Welche Diftinktionen die theologiſche Metaphyſik auch in Morgen- und Abendland gegen diefe Antinomie aufgeboten hat: innerhalb des Vorſtellungsſchemas und feiner Zerlegung und Zuſammenſetzung duch den Verſtand giebt e3 Fein Entrinnen. jedes freie Subjekt tritt ala eine nicht bedingte Macht neben die Macht Gottes. Wann aljo der Gedanke eines allmächtigen Willens im Bewußtjein aufgeht, dann erlölchen vor ihm, wie Sterne vor der aufgehenden Sonne, alle Einzelivillen. In jedem Augenblid und an jedem Punkte bedingt die Allmacht Gottes dad Dafein und den Beftand des einzelnen Willend, und wo fie zurüdträte, da 1) In feiner fpelulativen Dogmatik, vergle Philofophie und Theo: logie des Averroed, überjegt von Müller S. 45; ich citire unter diefem Titel und der Seitenzahl die beiden in ber Webertragung vereinten Abhanb: lungen: Harmonie der Religion und PHilofophie, und ſpekulative Dogmatif. 2) Philofophie und Theologie bed Averroes, über]. v. Müller S. 98ff. 3) Anjelm de concordia, quaest. I: Anfang; II: Anfang. Opp. p. 507 a. 519 c (Migne). — Dazu Säte und Gegenläße in Abälard, sic et non c. 26—838. Opp. p. 1386 c ff. (Migne). 358 Zweites Buch. Dritter Abichnitt. ſänke auch der Wille ganz oder in feinem ent|prechenden Beſtand oder Theil in ſich zufammen. Dies tritt beſonders deutlich in der Formel der chriftlihen Scholaftit hervor, nach welcher die Erhaltung eine bloße Fortſetzung der Schöpfung ift!). Da Gott in der Schöpfung allein Alles wirft, fo ift er folgerichtig auch für den menschlichen Willen in jedem Moment und gleichlam an jedem Punkte deflelben die wirkende, im Erhalten hervorbringende Urfache. Diefe Region des in die MWiderjprücdhe des Vorſtellens vertvidelten Verſtandes, feiner Ausflüchte und Biftinktionen, wird verlaffen, wenn im Reiche der Myftif, der Sufis, der Biltoriner und ihrer Nachfolger die gedankenklare Unter: Icheidung der einander gegenüberftehenden Willen Gottes und des Menichen untergeht in dem Abgrunde der Gottheit. Aber aud) die Myſtik und die fich an fie anfchließende pantheiftiiche Speku⸗ lation finden in ber dunklen Tiefe eined lebendigen, den menſch⸗ lihen Willen einjchließenden göttlichen Weltgrundes das uralte Problem ungelöft wieder vor. Denn wenn diejer Weltgrund in feiner freien quellenden Einheit den menfchlichen Willen mitum- Ihließt, dann ift zwar die Freiheit ald ein Akt in Gott gerettet, aber um fo ficherer fällt die Schuld des Bölen in die Gott- beit ?2). um fo unbegreiflicher wird das Gefühl der Selbftändigfeit des Individuums. 1) Die Erhaltung der Welt wird von älteren Scholaſtikern einfach zur Schöpfung gerechnet; ber oben entwidelte Sat ift bei Thomas überzeugend in der summa theol. p. I qu. 108. 104 de gubernatione rerum ıc., befonder& quaest. 104 art. 1 dargelegt: conservatio rerum a Deo non est per aliquam novam actionem, sed per continuationem actionis, qua dat esse; quae quidem actio est sine motu et tempore, sicut etiam conservatio luminis in aere est per continuatum influxum a sole. 2) Daher auf diefem Standpunft im Widerſpruch mit dem fittlichen Bewußtjein das Böſe ala relativ, die ganze Wirklichteit ala gut betrachtet werden muß. Worte dürfen bier nicht täuſchen. So lehren Scotus Eri: gena (Abweichendes ift ſicher Akkommodation), bie bebeutendfien der Sufis fowie der Myſtiker des chriftlichden Mittelalter? unb ſehr ſchön Jakob Böhme: „In folder hohen Betrachtung findet man, daß biejed Alles von und aus Gott jelber berfomme, und daß es ſeines eigenen Weſens jei, das er ſelber ift, und er jelber aus ſich alſo geichaffen habe; und gehöret Erſte Ausrede bes theologiichen Verſtandes. 359 - Daher denn ſchließlich nur eine Auflöfung von erfenntniß- theoretiſchem Standpunkt aus möglich bleib. Was nicht in einen objektiven Zufammenhang hineingedacdht werden Tann, das Tann vielleicht, ala von verjchiedener piychifcher Provenienz, in feiner unaufhebbaren Berjchiedenheit anerkannt und in eine zwar äußerliche, aber gejegmäßige Beziehung zu einander gebracht werden. So ift die Antinomie der antiten Metaphyſik des Kosmos zwiſchen dem Gtätigen der Anſchauung und dem Diskreten der Der: ftandeserkenntniß, ber Veränderung am Wirklichen und der Bus fammenfeßung von unvderänderlichen Theilinhalten im Berftande, innerhalb diejes natürlichen metaphyfiſchen Syſtems unübertwind- lich geweſen; aber die erkenntnißtheoretiſche Einfiht und die zwar äußerliche, doch geſetzmäßige Beziehung dieſer pigchilchen Elemente, die von berjchiedener Provenienz find und daher nicht auf einander zurüdgeführt werden können, müſſen und genügen. Was für Schutt und Trümmer wären nun zu durchiwandern, wollte ich die einzelnen Ausreden des theologiſchen Verftandes gegenüber diejer Antinomie darlegen. Die Methode ift überall dieſelbe. Das Wirken Gottes wird fo nahe und fo vielfeitig ala möglich an die Punkte der Welt gleichſam räumlich herangebradit, an welchen der freie Wille auftritt: e& umfpinnt und umgiebt fie ganz. Ferner werben an diefen Punkten durch Begriffäbeftimmungen das urjächliche Wirken Gottes in den Handlungen der Menſchen und bie freie Wahl einander inhaltlich jo ſehr als es irgend geſchehen kann angenähert. Aber wie eng im Weltzufammenhang das Wirken Gottes die Freiheit ummindet: an jedem Punkte, an dem fie zu= jammentirfend gedacht werden, verbleibt ein Widerfprud. Und wie ſehr dieje alchemiftifche Kunft beftrebt ift, die Eigenichaften der Yreiheit denen der Nothwendigkeit anzunähern und dieje jchließ- ih in jene zu wandeln: fie bleiben jpröde außer einander. Die erfte dieſer beiden Methoden, die Härte des Widerſpruchs wenigftend herabzumindern, ift im engen Anfchluß an jeine ara- dad Böſe zur Bildung und Beweglichkeit und das Gute zur Liebe ꝛc.“ Beichreibung ber drei Prinzipien Vorr. $ 14. 360 Zweite Buch. Dritter Abſchnitt. bilchen Vorgänger von Ibn Rojchd jo zuſammengefaßt worben. Gott Hat die Willenskraft gejchaffen, welche entgegengeſetzte Dinge zu erwerben vermögend ift, aber auch einen Zuſammenhang von Urſachen, durch deren Vermittlung allein der Wille an die äußeren Dinge berandringen kann, welche er erreichen will, und zugleich ift diefer Wille auch innerlich an den Raufalzufammenhang ge- bunden, weil das Seben des Ziels durch das objektive Verhältniß der Auffafjung zu den Gegenftänden bedingt ift!). Derjelben Me— thode bedienen fich neben den arabilchen die jüdiichen Philoſophen; fie teilen den formalen Scharffinn und die finnliche Flachheit diefer Darlegung, werden aber durchgreifender als die Denker bes Islam von dem Freiheitsbewußtſein geleitet 2). So geht der Kufari des berühmten jüdilchen Dichter Jehuda Halevi von dem in Gott gegründeten Syſtem der Urſachen aus; Veränderungen werden in diefem Syſtem entiveder direlt oder durch Mittelurjachen von Gott aus bewirkt, in dieſer Verkettung treten die Wahlhandlungen de3 Menjchen auf, und wo fie erjcheinen, ift der Uebergang aus diefer nothiwendigen Verkettung zur Freiheit. „Die Wahl Hat Gründe, die in einer DVerfettung bis zur erften Urſache zurüd- führen, aber dieje BVerkettung ift ohne Zwang, weil die Seele ih zwilchen einem Entihluß und defien Gegentheil befindet und tun kann, was fie will®).“ Und die chriftlichen Theologen des 1) Averroes a. a. O. S. 99. 2) So im Kuſari S. 414 (überſ. von Caſſel): „Die Natur bed Mög: lichen wird nur von dem hartnädigen Heuchler geleugnet, ber ſpricht, woran er nicht glaubt. Aus feiner Vorbereitung auf bag, wad er hofft oder fürdhtet, kannſt bu erjehen, daß (er glaubt daß) die Sache möglich, aljo die Vorbereitung von Nutzen iſt. Maimonibes, More Nebochim Th. III, 102 (überf. von Scheyer): „Es ift ein Grundia der Geſetze unferes Lehrers Mofes und aller, die ihm anhängen, daß der Menſch volllommene Freiheit babe d. h. daß er vermöge feiner Natur mit freier Wahl und Selbfibe: flimmung Alles thue, was er zu thun vermag, ohne daß hierzu etwas Neues in ihm hervorgebracht wird. Auf gleiche Weife bewegen fich alle Gattungen der unvernünftigen Thiere nach ihrer Willlür. So wollte e3 die Gottheit . . . Daß diefem Grundſatz von Männern unjerer Nation und unſres Glauben? je widerſprochen wurde, ift nie gehört worden.” 3) Kuſari ©. 416. Zweite Audrebe bed theologiichen Verſtandes. 361 Mittelalters haben das Berdienft, in der Kooperation des Wirkens Gottes mit der menfchlichen Freiheit bei jedem Willensakte einen Mechanismus bergeftellt zu Haben, in welchem ein a und ein non a freundnachbarlich nebeneinander ala Springfedern wirken. Die andere Methode, die Schärfe der Antinomie zu mildern, befteht darin, durch Begriffsbeftimmungen die Vorftellung von der Abhängigkeit innerhalb des in Gott gegründeten urfächlichen Syftems der von der Freiheit anzunähern. Bald wird verjucdht die Kau- jalität Gottes in Bezug auf die Handlungen der Menjchen abzu- ſchwächen, bald die Freiheit des Menjchen zu verdünnen und zu verflüchtigen; jolche Begriffsbeftimmungen gehen von der Lehre der Aſcharija bis zu den proteftantiichen Dogmatilern. So fieht man Anſelm den menſchlichen Willen verflüchtigen bis auf den arm- feligen Reft einer Fähigkeit, die ihm von Gott gegebene Richtung feitzubalten *), und in diefem Reſt ift doch eine Grenze des gött- lichen Willen? und die abjolute Macht eines Geſchöpſes enthalten. So führt Thomas die Realität in der menschlichen Handlung auf Gott als Urſache zurück, wogegen er den Defelt in ihr, auf Grund deflen fie böſe ift, dem Gelchöpf zujchreibt *); ala ob der Impuls zum Böfen nicht etwas Pofitives wäre! Und da bie Dinge mit Gott gemäß ihrer Natur zuſammenwirken, die Natur des menjchlichen Willens aber Freiheit ſei, findet er Gottes Willen mit der Freiheit des Menſchen in Einklang’). Anderer Schutt der Arbeit an diefen Widerfprüchen wird fichtbar, wenn Gottes Vorausficht von Anjelm als ein ewige und unmwandelbares Willen au) des Wandelbaren beftimmt wird, und fo der Berftand die 1) Anfelm dialog. de casu dieboli c. 4 Opp. t. Ip. 3382 8 f.; de con- cordia 2c. quaest. III c. 2ff. Opp. t. I p. 522. 2) Thomas summa theol. p. I quaest. 49 art. 2: eflectus causae secundae deficientis reducitur in causam primam non deficientem, quan- tum ad id, quod habet entitatis et perfectionis, non autem quantum ad id, quod habet de defectu... quicquid est entitatis et actionis in actione mala, reducitur in Deum sicut in causam; sed quod est ibi defectus, non caussatur a Deo, sed ex causa secunda deficiente; womit altpro: teftantifche Dogmatiker übereinſtimmen. 3) Thomas summa theol. p. II, | quaest. 10 art. 4. 362 Zweites Bud. Dritter Abſchnitt. Form eines eigenen Vorſtellens in der Zeit zu durchbrechen ftrebt !); oder wenn Andere Gotte® Vorſehung nur auf das All⸗ gemeine bezogen denken wollen und der Verſtand fo den Glaubens⸗ inhalt vernichtet, indem er ihn zu retten bemüht ift. Der Ausgang ded Ringen mit diejer Klaſſe von Antinomien im Mittelalter war verſchieden bei den Theologen des Islam und denen des Chriftentbums. Während fi} der Islam dem Unter: gang aller individuellen Yreiheit in der göttlichen Macht zuneigt, dem Gott des Despotismus und der flachen Wülte, erhebt fich in der Chriftenheit immer mächtiger da8 Bewußtſein der perjön- lichen Treiheit des Individuums. Es bat feinen Sitz in der Franciscanerſchule, Dund Scotuß bat die erfte gründliche Theorie des Willen? in feinem Verhältniß zum Verſtande geichaffen ?), und in Occam tritt der erfenntnißtheoretiiche Gegenſatz zwiſchen unmtittelbarem Willen und dem an der Hand de Sabed vom Grunde fortichreitenden Erkennen auf, die Bedingung für das Verſtändniß ber Freiheit. Non potest probari (libertas volun- tatis) per aliquam rationem. Potest tamen evidenter cog- nosci per experientiam, per hoc, quod homo experitur, quod, quantumcunque ratio dietet aliquid, potest tamen voluntas hoc velle vel nolle °). Die Antinomien in der Borftellung Gotted nad feinen Eigenichaften. Eine zweite Klaffe von Antinomien .entjpringt, indem die re ligiöfen Erfahrungen, wie fie der Gottezidee zu Grunde liegen, in Einem Vorſtellungszuſammenhang ausgedrüdt werden. Die Idee Gottes muß in die Ordnung der VBorftellungen eintreten, in welcher auch unjer Selbft und die Welt ihren Pla haben, und doch kann den Anforderungen, welche an diefe Idee dag religiöfe 1) Anjelm de concordia ⁊c., quaest. I. 2) Belonderd in der Darlegung ded Duns Scotud in sent. II dist. 42, 1ff. 8) Occam quodlibeta septem, I qu. 16. Zweite Antinomie zwiſchen ber religidfen Erfahrung und dem Borftellen. 363 Leben ftellt, fein Syſtem im Borftellen entworfener Formeln ent: iprechen. Zwiſchen ber Idee Gottes, wie fie in der religidfen Erfahrung gegeben ift, und den Bedingungen des Vor— ſtellens befteht eine innere Heterogeneität, und Diele bringt die Antinomie in der Vorftellung des höchften Weſens hervor. Der Nachweis dieſes Thatbeftandes liegt zunächſt in der Dar- legung der fruchtlojen Verſtandesarbeit, welche feit dem Mittelalter vollbracht worden ift, und wird jpäter durch pigchologiiche Be⸗ trachtung ergänzt werden können. Das geſammte Mittelalter ringt auch mit diejer zweiten Klaſſe von Antinomien, und eine vergleichende Betrachtung Tann diejelben durch die theologische Metaphyfil des Judenthums, des Ehriften- ihums und bes Islam hindurch verfolgen. — Und zwar findet eine Antinomie ftatt zwiichen der Idee Gottes und ihrer Dar- ftellung in den Formeln des Vorſtellens durh Eigen- Ihaften. Die Theſis wird durch die Ausſagen über Eigen- ſchaften Gottes gebildet, diefe Ausfagen find innerhalb des Vor⸗ ftellena nothivendig, und werden fie aufgehoben, jo wird die Borftellung Gottes jelber mit ihnen aufgehoben. Die Antithefiz befteht in den Sätzen: da in Gott Subjelt und Prädikat nicht gefondert find, Eigenfchaften Gottes aber Prädilate defielben fein würden, jo müſſen Gott Eigenschaften abgejprochen werden; da Gott einfach ift, die Verſchiedenheit der Eigenschaften aber in ihm ein Mehrfaches een würde, fo können auch aus dieſem Grunde von Gott Gigenfchaften nicht außgelagt werden; und da Gott Vollkommenheit ift, jede Eigenjchaft aber ein Begrenztes ausdrücken würde, jo ergiebt fich noch einmal die Unangemefjen- heit der Annahme von Eigenjchaften Gottes). — Eine Reihe 1) Die Thefis wird fo oft ausgeſprochen, daß Belege überflüjfig find, die Antitheſis ging beſonders aus ber neuplatoniichen Schule vermittelft des Areopagiten Dionyfius auf Scotus Erigena und andere ältere mittelalter- liche Schriftfteller über, vgl. Scotuß Erigena de divisione Ic. 15 ff. p. 463 B c. 78 ff. p. 5184. Abälarb theolog. christ. lib. III p. 1241 Bf}. Anfelm Monolog. c. 17 p. 1664. — Die Antinomie wird aus bem älteren Material jehr Har formulirt von Thomas, summa theol. p. I quaest. 18 art. 12. 364 Zweites Buch. Dritter Abfchnitt. anderer Antinomien entiteht durch die Beziehungen, welche inhaltlich wilden den einzelnen Beftandtheilen der Bor- ftellung Gottes auftreten. Unſer Borftellen Gottes in feiner Be- ziehung zur Welt und un jelber ift an die Bedingungen räum- licher und zeitlicher Beziehungen gebunden, unter welchen die Welt und wir felber ftehen, aber die dee Gottes fchließt räumliche und zeitliche Beitimmungen aus. Unſer religiöfes Leben befikt Gott als einen Willen, wir können jedoch einen Willen nur ala Perſon und diefe nur als von anderen Perſonen eingejchräntt vorftellen. Endlich ift die unbedingte Kaufalität Gottes d. h. feine Allmacht, welche auch die Urjache der Uebel in der Welt ift, mit dem fittlichen deal in ihm d. 5. jeiner Güte in Widerſpruch, und fo entipringt dad unauflösbare Problem der Theodicee ?). Auch diefe ganze Klaſſe von Antinomien ift, wie die früher behandelten, mit dem religiöfen Vorſtellen zugleich gegeben und wird fchon bei der Arbeit, e8 in Yormeln auszudrüden, em⸗ pfunden ſowie aufzuldjen verſucht. Auguftinug bat mit ber ihm eigenen Energie de Ausdruckes dies Antinomilche der Gottes⸗ vorftellung ausgeſprochen: „groß ohne quantitative Beftimmung, allgegenwärtig ohne einen Ort einzunehmen, Kaufalität der Ver⸗ änderungen ohne Veränderung in fih ꝛc.“).“ Das Bewußtſein diefer Widerjprüche tritt im Islam bei den Mutaziliten in großer Klarheit auf und Hat fie zur Leugnung der Eigenjchaften Gottes geführt). Ja von einem Mitglied diefer Schule, welches freilich in der Aufhebung von Eigenjchaften in Gott weiter ging als bie anderen, wurde Gott dad Willen abgeſprochen; denn entweder 1) Bol. neben ben nachfolgenden Stellen Abälard sic et non c. 81- 88 p. 1389 ff. 2) Auguftinud de trinitate V c. 1: ut sic intelligamus Deum, si possu- mus, quantum possumus, sine qualitate bonum, sine quantitate magnum, sine indigentia creatorem, sine situ praesidentem, sine habitu omnia continentem, sine loco ubique totum, sine tempore sempiternum, sine ulla sui mutatione mutabilia facientem ... 3) Schahraftani I, 18: „die Mutazila übertreiben aber bei ber Behaup: tung ber Einheit fo viel, daß fie durch die Beſtreitung der Eigenichaften zur gänzliden Leermachung gelangen.“ Die Theol. d. Judenth., Ehriftenth. u. Islam ringen vergeben? mit ihre. 365 hätte dafielbe Gott zum Gegenftande, wodurch dann in Gott eine Trennung von Wilfendem und Gewußtem, ſonach die Aufhebung feiner vollen vom Islam fo fireng gefaßten Einheit gejebt würde, oder e3 hätte einen Gegenitand außer ihm, und dann märe Gott in Rüdficht diefer feiner Eigenichaft von der Eriftenz dieſes Gegen- flandes außer ihm bedingt). Dann ftellten die Mutaziliten die Dertlichteit Gottes, wie fie dem Vorſtellen unvermeidlich ift, ja überhaupt die dem Vorftellen anbaftenden finnlichen Züge in Grage?). Und die arabiihen Philofophen Ichlofien: jede Vor- ftelung vollzieht fi) in der Unterfcheidung eines Subjeltes, das erfannt werden fol, von Prädikaten, durch welche erkannt werden ſoll; aber ein Unterjchied eine Trägers von Eigenschaften und diefer Eigenichaften felber, einer Subftanz und der Attribute, wie er damit eintreten würde, hebt die Einfachheit Gotted auf?), jo= nach iſt das Weſen Gottes unerkennbar. Mit den Selten des Islam finden wir dann die Hriftliden Theologen des frühen Mittelalters auch in Bezug auf diefe Antinomie in einer merf« würdigen Uebereinſtimmung. Scotuß Erigena und Abälard zeigen die Unmöglichkeit jeder angemeffenen Ausfage über Gott; da eine ſolche aus Begriffen beftehen würde, dieje aber nur zur Bezeich- nung ber relativen und endlichen Dinge gefunden find; da fie unter Kategorien ftehen würde, aber felbft die Kategorie der Sub- flanz Accidenzen von ſich ausfchlieft, aljo Gott begrenzt; da fie aus Begriffen zuſammenſetzen würde, Gott aber einfach ift; da fie 1) So berichtet mit lebhaften Ausdruck der Mißbilligung Schahraftani I, 69 f. 2) Vgl. die Auseinanderſetzung des Ibn Roſchd mit den Mutazila hierüber in der „Abhandlung über die Gegend” in ſeiner ſpekulativen Dog: matit, Philofophie und Theologie S. 62 ff. und Schahraftani I 43. 3) Averroes' PHilofophie und Theologie ©. 53f. Die entiprechende Tarlegung Maimunis bei Kaufmann, Geſchichte der Attributenlehre S. 431 ff., nad dieſer kann nur Gottes Exiſtenz erfannt werben, aber nicht feine Eſſenz, da fich der Begriff jedes Gegenftandes aus Gattung und artbilden« dem Unterichied zufammenfeht, diefe aber für Gott nicht eriftiren; ebenjo find Accidenzen von Gott ausgeichlofjen. 366 Zweites Buch. Dritter Abichnitt. endlich im Zeitwort eine Bewegung einfchließen würde, Gott aber jenſeit des Gegenjaßes von Bewegung und Ruhe ifl '). Mit diefer Kritik der Eigenichaften Gottes verband fich früh Nachdenken über den Urſprung unferer Begriffe von ihnen, und diejes führte ebenfalls zu negativen Ergebnifien. Einficht in den Ur- Iprung der Beftimmungen über Gott mußte eine Entſcheidung letzter Inſtanz Darüber gewähren, welcher Erfenntnigwerth diefen Be- flimmungen zukomme. Die Theologie der Araber unterjchied relative und negative Attribute Gottes, die jüdilche jonderte mit einer nicht erheblichen Abweichung zuweilen auch jolche der Thätigfeit ?), und die chriftliche Theologie ftellte, einer jchon im zweiten Jahrhundert und don da an oft bei den Neuplatonifern auftretenden Unter: ſcheidung folgend ?), die „Drei Wege“ neben einander, auf welchen man zu den Eigenjchaften Gottes gelangt: viam eminentiae, causalitatis und remotionis oder, wie diefer dann häufiger ge- nannt wurde, negationist). Die lebtere Unterjcheidung kann ſich gegenüber der Zweitheilung der Methoden, zu der Idee Gottes auf⸗ zufteigen, nicht behaupten; hat doch die Entjchränfung nur ihre andere Seite an der Berneinung, ſonach Tann die via eminen- tiae von der via negationis nicht getrennt werden. Yührt man, fie berichtigend, die Eigenjchaften Gottes auf ſolche zurüd, in welchen die Verneinung dad Endliche an dem religiöjen deal aufhebt, und ſolche, in denen Gott durch jein ſchaffendes Welt⸗ wirken vorftellig gemacht wird: alsdann leitet auch dieſe Unter- ſuchung des Urſprungs der Vorftellungen von Eigenschaften Gottes — — —— — 1) Val. ©. 363 Anm. 1. 2) Die Zweitheilung bei Maimuni Ic. 58 (Munk le guide des &gares I, 245); wogegen Jehuda Halevi eine Dreitheilung antvendet, bie freilich fehr unvollkommen ift, vgl. Kaufmann Attributenlehre S. 141ff. ebenfo Kufari (über. von Caſſel) ©. 80 ff.; der arab. ähnlich die Zweitheilung in Emunah Namah von Abraham ben David (überl. von Weil) S. 65 ff. 3) Freudenthal, helleniſtiſche Studien III, 285 f. 4) Durandus in Lombardi I dist. 3 p. 1 qu. 1: triplex est via investi- gandi Deum ex creaturis: scilicet via eminentiae, quantum ad primum; via causalitatis, quantum ad secundum; via remotionis, quantum ad tertium. Die Theol. d. Judenth., Chriſtenth. u. Islam ringen vergebens mit ihr. 367 auf die Erfenntniß ihrer Unangemefjenheit. Denn wo ift dann die Grenze im Vorgang der Aufhebung? und wo ift dann das Recht, von dem, was wir an der Welt gewahren, auf die Be- Ihaffenheit ihrer Urſache zu fchließen, da diefe Urſache der Welt ganz beterogen jein Tann? So endigt die Arbeit des Mittelalters, dad Weſen Gottes durch ſeine Eigenschaften beftimmen zu wollen, mit der gründlichen Einficht in die Unangemeſſenheit diefer Vorftellung über Gott an das reli- giöfe deal. Jede Ausflucht ift auch Hier vergeblich. Die Aufgabe ift unlögbar, den Gehalt des Ideals in uns feftzubalten und doch menjchliche, endliche Yorm und Mannigfaltigkeit aufzu= heben. Spinozas hartes Wort in Bezug auf jeden ſolchen Verſuch, Sintelleft und Wille Gottes feien dem unfrigen nicht ähnlicher, ala das Geſtirn des Hundes dem bellenden Thiere, entwickelt nur Sätze der Theologie des Judenthums. So erklärt Abraham ben David: „Der Wille Gottes iſt von dem unſrigen ſpezifiſch ver⸗ ſchieden; denn unſer Wille gründet fih auf ein Begehren, und dieſes befteht in dem Wunfche, etwas zu bejiken was man nicht Bat. Gott aber bedarf nichts, ſondern alle Dinge bedürfen feiner, und fein Wille ift dem Zwecke nach gerade dag Entgegengefehte “ von dem, wa wir und unter unſerem Willen vorftellen !).“ Und Maimuni gebt biß zu der Frage: „Findet denn zwiſchen unjerem und Gottes Willen eine andere Gleichheit ala die des Namens ftatt 2)?" Wenn in Bezug auf eine weitere Schivierig- feit Kirchenväter und Scholaftifer erklären, die Gigenjchaften in Gott jeien untereinander identilch °), fo ift dieſe Identität des Unterjchiedenen ein hölzernes Eiſen. Wenn Thomas fagt, daß das Mehrfache der Eigenfchaften, durch welche wir Gott erkennen, in der Abjpiegelung Gottes in der Welt jowie in der Auf- faſſung vermittelt unſeres Intellektes gegründet fei, und nun 1) Emunah Ramah üb]. von Weil ©. 70. 2) Daimuni, More Nebodim üb]. von Scheyer Bd. III, 130. 3) So ſchon bei Auguftinus de trinitate VI c.7: Deus multipliciter quidem dicitur magnus, bonus, sapiens, beatus, verus: sed eadem magni- tudo ejus est, quae sapientia etc. 368 Zweites Bud. Dritter Abfchnitt. im Zuſammenhang feiner tbeologiichen Metaphyfik die mannig> faltige Vollkommenheit der Kreaturen in dem einfachen Weſen Gottes enthalten gedacht werden fol: dann wird anerfannt, daß jeder Ausdrud mır inadäquat fei, ja der Ergänzung durdh die anderen bedürfe, und doch wird nicht auf Erkenntniß Gottes verzichtet‘). Hebt Thomas tiefblidend hervor, daß der Inhalt der Ausſage nicht abhängig von der Art fei, wie wir audfagen, ſonach durch die Unterfcheidung im Satze fein Unterfchied in Gott gejeßt werde*): fo ergiebt fich Hieraus um fo klarer die Un- möglichkeit, den durch Unterjcheidung aufgefaßten Inhalt einfach vorzuſtellen. So führt keine Diftinktion der mittelalterlichen tbeo- - Iogiihen Metaphyfit über die nur ſymboliſche Bebeutung der Gottesvorftellung hinaus: damit ift aber eine dem Gegenftande entiprechende Erkenntniß der Eigenjchaften Gottes aufgegeben, und alle endlichen relativen Beftimmungen behalten nur den Sinn einer Bilderjchrift für das Meber-Endlide und über alle Re lationen Hinausreichende ?). —— -— — — 1) Die widerſpruchsvolle Stellung des Thomas in dieſer Frage tritt am beutlichften hervor in ber summa theol. p. I quaest. 3 und quaest. 13, ſowie in der Schrift contra gentiles I c. 31—36; vgl. befonderd in ber erfteren Schrift quaest. 13 art. 12. 2) Contra gentil. I c. 86. Summa theol. p. I quaest. 13 art. 12. 8) Occam quodlibeta septem III quaest. 2: attributa (divina) non sunt nisi quaedam praedicabilia mentalia, vocalia vel scripta, nata sig- nificare et supponere pro Deo, quae possunt naturali ratione investigari et concludi de Deo. Die Araber. 369 Fünftes Kapitel. Die Theologie wird mit der Naturerfenninik und der ariſtoteliſchen Wiſſenſchaft vom Kosmos verknüpft. Die Theologie war von ihrem Urjprung ab mit Be- ftandtheilen der antiken Wiſſenſchaft vom Kosmos verwoben. Sie benußte dieſe Beitandtheile für die Auflöſung ihrer Probleme, gleichviel ob fie aus der platoniſchen, ariftotelifchen oder ſtoiſchen Philojophie ftammten, wie man in die Kirchen jener Tage Mar⸗ mortrümmer fügte, wo man fie fand. Formel, Vertheidigung, Verſuch des Beweiſes und der dialektiichen Behandlung lagen inmerhalb ihre Umfreifes. Sie Hatte ihre Aufklärer, ihre Frei— denfer im Morgen⸗ wie im Abendlande!). Über in der Kontinuität der Wiſſenſchaft erhielt und ent- widelte fi) die von den Griechen gefchaffene Ertenntniß des Kosmos als die andere von jener Theologie ganz unter= ſchiedene Hälfte des intellektuellen Lebens. Dieje Wiſſenſchaft vom Kosmos, die Schöpfung der Griechen, traf mit der Theologie ftreitend, ergänzend zufammen: fo entftand erſt die metaphyſiſche Meltanficht des Mittelalter. Und zwar hob bei den Arabern die Veränderung an, in welcher das Naturwiſſen fi) langſam durchfämpfte und die in der intellektuellen Entwicklung des Abend⸗ Iandes im Mittelalter am meiften durchgreifend geweſen if. Wir gehen ſonach von den Arabern aus. Der Gegenſatz des metaphyſiſchen Denkens der Araber wie der Juden zu dem der Klaffilchen Völker ift ihnen felber zum Be⸗ wußtfein gelommen. Die Weberficht der metaphyfiichen und theo- logischen Anfichten des Mienfchengefchlechtes, wie fie Schahraftani verhucht, erwähnt an ihrem Beginn eine unter den Arabern ange- wandte Unterjcheidung, nach welcher die Griechen (nebft den Per⸗ fern) vornehmlich der Beftimmung der äußeren Natur der Dinge 1) Ueber das zerjegenbe Treiben fleptilcher Selten bed Islam Renan Averrods ® S. 103f. Dilthey, Ginleitung. 24 370 Zweites Buch. Dritter Abſchnitt. und der Beichäftigung mit den körperlichen Objekten ſich widmeten, wogegen die Araber und Juden fi) den geiftigen Dingen unb der inneren Gigenthümlichleit der Objekte zuwenden‘). Und ber Kufari bemerkt dem entiprechend, daß die Griechen dad, was nicht von der fichtbaren Welt aus gefunden werden kann, ver⸗ werfen, wogegen die Propheten in dem, „was fie mit dem gei- . ftigen Auge gejehen haben“ , den Ausgangspunkt eines ficheren Wiſſens beſaßen und nichtgriehiiche Philofophen dieje inneren Anfchauungen in den Kreis der Spekulation aufgenommen haben ?). Gleichviel wie es fi mit der urjprünglichen oder der ftätigen Richtung diefer verichiedenen Völker verhalte, ſolche Stellen be— zeichnen richtig den Gegenſatz zwiſchen der griechiichen Wifjenfchaft vom Kosmos und der herrichenden Richtung einer theologiſchen Metaphyſik bei den Arabern und Juden, wie fie bis zum Auf- treten der naturwiſſenſchaftlichen Forſchung und dann der ariftote- lüchen Metaphyſik bei den Arabern dauerte, bei den Juden aber das ganze Mittelalter hindurch nicht unterbrochen wurde. Noch klarer ift die, Einfeitigkeit der kosmiſchen Wiſſenſchaft der Griechen im chriftlicden Abendlande allmälig erkannt worden. So hatte zunächft innerhalb des eben durchlaufenen Zeitraums die Theologie (gewiffermaßen eine Metaphyſik der religiöfen Er⸗ fahrung) das vorberrichende nterefie der Araber, Juden und abendländiichen Völker in Anfpruch genommen. Wol war fie vielfach auf die von den Griechen ausgebildeten Begriffe angewieſen, und die Mutazila jo gut ala Auguftinus oder Scotuß Erigena bedienten fich diefer in einem wetten Umfang; auch wurde dieſe tbeologifche Vorſtellungswelt dizciplinirt durch die antike Logik und Kategorienlehre. Jedoch geftaltete fich der ganze Gedankenkreis während dieſes Zeitraums um den Mittelpunkt der religiöjen Erfahrungen und Vorſtellungen; dieſes centrale Intereſſe zog die Bruchſtücke griechiichen Wiſſens an ſich und ordnete biefelben fich unter. Cine Aenderung in dem intellettuellen Leben des Mittel 1) Schabraftani I ©. 3. 2) Jehuda Halevi, Kuſari S. 3237. Die Erneuerung der Naturwiſſenſchaften geht von ben Arabern aus. 371 alter? trat erft ein, ala zunädft die Araber in dem Natur— wilfen dee Griechen und in ihrer kosmiſchen Speku— lation ein zweite? Centrum intelleftueller Arbeit entdedten und um dieſes ſich ein Kreis von Naturerfenntniß zu bilden begann. Im Orient waren Ariftotele® und einige wichtige mathe- matiiche, aftronomilche und mediciniſche Schriften der Griechen niemals verloren gegangen. Nach dem Untergange der griechijchen Philoſophie waren die Schulen der chriftlichen Syrer Hauptfiße der Kenntniß von griechiicher Sprache, Metaphyſik und Natur- erfenntniß geworden; ſyriſche Uebertragungen griechiſcher Schriften vermittelten die Kenntniß derjelben und wurden vielfach Meberjegungen in dag Arabifche zu Grunde gelegt‘). Und zwar war ber ſyriſche Ariftoteled, wie er zu den Arabern kam, ſchon von dem urjprüng- lihen gar ſehr verjchieden; freilich kann da8 nähere Verhältniß zwijchen dem ſyriſchen Ariftoteleg und den Theorien der arabijchen Philoſophen, wie fie zuerft bei al Kindi und al Farabi auf- traten, nad) dem gegenwärtigen Stand unferer Kenntniß noch nicht zuxeichend feſtgeſtellt werden?). Mit der Berlegung der Nefidenz der Kalifen nach Bagdad, welches in der Mitte zwiſchen den beiden Sitzen des Naturwiſſens, Indien und den Schulen griechiſcher Wiflenichaft, Tag, wurden die Araber Träger diejer Tradition und ihrer Yortbildung. Nicht viel über hundert Jahre waren damals vergangen, jeitdem dieſe arabifchen Bebuinen die Grenzen ihres Landes überfchritten und Paläftinad und Syriens ſich bemächtigt Hatten, und die Geichichte Hat Tein zweites Beiſpiel eines jo wunderbar raſchen Uebergangs aus einem verhältnikmäßig niedrigen geiftigen Zuſtande in den einer raffinirten Givilijation. Die Kunft ſyriſcher Aerzte, welcher diefe zur Herrichaft über Aſien auffteigenden Beduinen bedurften führte Hippocrates und Galen ein, und Naturwiffen wie Theologie wiefen auf Ariſtoteles; Kultus und Verwaltung machten mathematiiche und aftronomifche Kenntniß nothivendig: eine edle wifjenjchaftliche Neubegier bernäch- 1) Munt Melanges de philosophie juive et arabe p. 313 ff. 2) Nur unbeflimmte Vermuthungen bei Renan Averrods® p. 92 ff. 24 * 372 Zweites Buch. Dritter Abfchnitt. tigte fich der Nation. Aus Konftantinopel kam unter al Mamun (813— 833) eine große Anzahl von griechiichen Manuffripten als Geſchenk des Kaijerd; eine von den Kalifen angeorbnete geregelte Thätigfeit der Mebertragung erfüllte da3 neunte Jahrhundert und reichte in das zehnte Hinein; Weberjeßungen von Schriften des Ariftoteles, Hippocrates, Galen, Dioscorides, Euklid, Apollonius Pergäus, Archimedes, Ptolemäus jebten die Araber in die Lage, die naturwifjenfchaftliche Arbeit da wieder aufzunehmen, wo die Griechen fie hatten fallen lafſen. Die jo entftandene naturwiſſenſchaftliche Bewegung innerhalb des Islam hat die pofitiven Wiſſenſchaften fortgebildet, welche in Alerandrien beftanden hatten, und die Differenzirung der Willen- ſchaft aufrecht erhalten, wie fie damala vollzogen war. Die Be- beutung der Araber für die Entwidlung dieſes pofitiven Natur: willen? kann zwar noch nicht mit aureichender Sicherheit feft- gejtellt werden ?), doch ift die Wichtigkeit der Vermittlung feinem Zweifel untertvorfen, die ihnen nach ihrer geographiichen Lage und ihrer Verbreitung über ein fo weites Reich zufiel. So verdantt dag Abendland ihrer Bermittlerrolle das indiſche Pofitionsſyſtem der Ziffern und die Erweiterung der griechiſchen Algebra ?). Und in einer zwiefacden Richtung haben fie ohne Zweifel durch jelbftändige Fortſchritte die Entftehung der modernen Na— turwiſſenſchaft vorbereitet. Die Araber Haben die alchemiſtiſche Kunft mit anderer Wiſſenſchaft aus Alerandrien empfangen. Wir kennen leider ben Zu- ftand nicht ausreichend, in welchem diejelbe auf fie überging. Diefe Kunft, die auf Metallveredlung gerichtet war, verjelbfländigte das chemifche Experiment, welche® vorher in dem Dienfte bald der Mebicin bald der Technik geftanden Hatte. Sie entzündete fo einen 1) Sebillot Materiaux p. s. & l’histoire comparée des sciences mathematiques I, 236. 2) Neber die Hebertragung des ala „indiſch“ ausbrüclich bei den Arabern bezeichneten Syftem® Wöpde Mem. sur la propagation des chiffres in- diens. Journal asiatique 1863 I, 27; über die Möglichkeiten, die Her kunft der Algebra zu beftimmen, Hantel, 3. Geſch. d. Mathematit ©. 259 ff. Gantor, Geſch. d. Mathematit I, 620 ff. Selbitändige Fortichritte der Araber in den Naturmiflenichaften. 373 mächtigen Eifer für die reale Zerlegung dev Raturobjekte, nachdem jo lange die ibeellen Serlegungen der metaphyſiſchen Methoden die Menjchheit getäufcht Hatten. Sie nährte dieſe Leiden⸗ Ihaft durch die geheimnißvolle auf die Theorie ber Mtetallver- wandlung gegründete Hoffnung, das Präparat darzuftellen, welches unedle Metalle in Silber und endlich in Gold "überzuführen er- mögliche. So entiwidelte fie den Keim einer theoretifchen Anficht, welche nicht wie die ariftoteliiche von den vier Elementen auf An⸗ Ihauung und Spekulation, fondern auf wirkliche Zerfpaltung ge= gründet war, in der Lehre von dem Mercurius und dem Sulphur. Unter diefen Namen verftand man nicht einfach Duedfilber und Schwefel, jondern Subftanzen, deren Verhalten gegenüber bem Experiment, indbejondere der Einwirkung des Feuers, fie ber einen oder der andern diejer beiden Klaſſen einordnete.e Auf diefem Mege entitand erſt das wahre Problem, in den durch chemische Zerlegung dargeftellten Stoffen die Komponenten der Materie zu entdecken. Und wie unvolllommen auch die Ergebnifje diefer erften alchemiftifchen Epoche in theoretiſcher Hinficht waren, fo bereiteten fie doch quantitative Unterfuchungen und eine angemefjene Vor— ftellung über die Konftitution der Materie vor. Yugleich hat diefe alchemiſtiſche Kunſt eine große Anzahl von Präparaten zuerft bergeitellt und auf neue chemilche Manipulationen geführt‘). Die andere Richtung, in welcher die Araber durch felb- tändigen Fortichritt die Entftehung der modernen Naturerkennt- niß vorbereitet haben, beitand in der GEntwidlung und Be- nußung der Mathematit als eines Werkzeugd zur Darftellung quantitativer Beftimmungen über die Natur. Crfinderifcher Gebrauch meflender Inſtrumente, unermüdliche Verbefferung der Hilfsmittel der griechiichen Gradmeſſung, unterftüßt durch Er- weiterung der SKenntniß der Erde, dann das Zuſammenwirken reich ausgeſtatteter Sternmwarten für die Verbeflerung und Ber- vollftändigung des aftronomischen Materials und dag Zufammen- 1) Nähere Angaben über die praftifchen Kenntniffe der arabifchen Shemifer bei Kopp, Geichichte ber Chemie I, 51ff. 374 Zweites Buch. Dritter Abfchnitt. wirken vieler Forſcher und freigebig zugetheilter Mittel nach großem Plane haben ein Net quantitativer Beftimmungen auf der aleran- brinifchen Grundlage Hergeftellt, welches einer jchöpferiichen natur- wiſſenſchaftlichen Epoche unfchäßbare Dienfte leiſten folltee So ift in die alphonfiniichen Tafeln, welche die gemeinfame Arbeit mau= riſcher, jüdifcher und cHriftlicher Aftronomen im Dienfte des Königs Alphons von SKaftilien (auch das ganz in der Art der Kalifen) bergeftellt Hat, der Ertrag der arabischen Aſtronomie überge- gangen, und dieſe Tafeln waren dann die Grundlage der aftro= nomilchen Studien ?). So trat in bie neue Generation von Pöllern, welche unter einander in Iebendigem Austauſch insbeſondere durch Die Bermittelung der Juden flanden, Kenntniß des naturwiſſenſchaft⸗ Iihen Bermächtniffe der Griechen und jelbftändige Vermehrung dieſes Erbes. Der inneren religiöfen Erfahrung und der Theologie ftellte fi) Naturerkenntniß ala ein zweiter unabhängiger Mittel- punkt intelleftueller Arbeit und Befriedigung gegenüber. In dem Reiche des Islam ging dies Licht auf, verbreitete fich über Spanien, und ſchon früh, wie die Geftalt eines Gerbert zeigt, fielen feine Strahlen aud) in das chriftliche Abendland. Doch war diefe Naturertenntniß der Araber jo wenig als die der Alerandriner im Stande, den vorhandenen bejfriptiven und teleologifhen Zujammenhang des Wiſſens vom Kosmos durch einen, wenn auch noch jo un— vollkommenen Verſuch der Kaufalerflärung zu erjegen. — Der vorberrichende Betrieb der formalen und ber deifriptiven Wiſffenſchaften und die Macht einer Metaphyfit der pſychiſchen 1) Näheres über bie Leiftungen ber Araber in ber Mathematik bei Hankel, 3. Geſchichte der Mathematik S. 222-298; über ihre Leiftungen in ber mathemat. Geographie Reinaud Geographie d’Aboulfeda, t. I intro- duction; über ihre Leiftungen in ber Aftronomie Gebdillot Materiaux p. 8. & Phistoire comparde des sciences mathematiques chez les Grecs et les Orientaux, wozu in Bezug auf die von Sebillot behauptete Anti⸗ eipation ber tychonifchen Entdeckung der Bariation de Mondlaufs durch Abul Wefa die Einwendungen Biot’3 zu berüdfichtigen find. Auch fie gelangen noch nicht zu Kauſalerkläärung ber Natur. 375 Kräfte und ſubſtantialen Yormen find von und als Torrelate geſchichtliche Thatſachen erkammt worden‘). Die formalen Wiflen- ſchaften der Mathematik und Logik, deſkriptive Aftronomie und die Erdkunde, welche in die Grenzen der deffriptiven Wiſſen⸗ Schaft eingefchloffen if: dies waren die Erkenntniſſe, welche bei den Arabern einen hohen Grad von Ausbildung erlangten und den Mittelpunkt der höheren intelleftuellen Intereſſen bildeten. Der nächfte äußere Zufammenhang dieſer Wiſſenſchaften beitand in dem Gejammtbilde dea Kosmos, welches ſchon Gratofthenes, Hipparch und Ptolemäus angeftrebt hatten. Daher ift die ench- klopädiſche Richtung der alerandriniichen Wiſſenſchaft in dem Willen des Mittelalter naturgemäß in noch böberem Grabe fichtbar. Sie zeigt fich in der Encyklopädie der lauteren Brüder wie in den abenbländifchen Arbeiten eine Beba, Iſidor, ja eines Albertus Magnus, in Berbindung mit metaphyfiicher und theo⸗ Iogiicher Begründung. — Dagegen waren auch in der arabifchen Naturerkenntniß Wiffenichaften wie Mechanik, Optik, Mluftik, welche einen Kreis zujammengeböriger Theilinhalte der Naturerfahrung abgefondert behandeln und daher eine Ableitung der zuſammen⸗ gelegten Gleichförmigfeiten des Naturganzen ermöglichen, noch nicht fo weit entwidelt, um den Verſuch einer Kaufalerflärung ber Naturerjcheinungen aus Naturgejeen zu geftatten. Ja die Aus» ficht auf kauſale Naturerklärung, welche die Atome Demokrit's einft innerhalb eines engen Umkreiſes befannter Naturthatjachen, bei Amvendung einer willlürlichen Methode?), darzubieten fchienen, mußte mit der wachjenden Erfenntniß ber Verwicklung des Natur⸗ gewebes zunächft mehr zurüdtreten; wir finden daher bei den Arabern ein Extrem von atomiftifcher Naturanſchauung im Dienfte der orthodoren Mutalalimın. Die Grundwiſſenſchaft jeder er- Märenden Naturerkenniniß, die Mechanik, machte bei den Arabern feine Fortſchritte. Die Ideen über die Bewegung, den Druck 1) ©. 268. 2) Bol. den Gegenſatz ber Methoden zwiſchen biefen Aelteren und Plato S. 225 ff. 376 Zweite Bud. Dritter Abſchniti. und die Schtwere ıc. waren jo wenig alö bei den Alerandrinern ausreichend, die metaphufiichen Filtionen der pigchiichen Weſen⸗ beiten und fubftantialen Formen zu erſetzen. Die Yortichritte in der Optik über Btolemäus hinaus, wie fie dad uns erhaltene Wert des al Hazen zeigt, hatten zumächſt feine Wirkung auf das Ganze der Raturanfiht. Die Leiftungen der Ehemie geftatteten noch nicht, die Materie in ihre wirklichen Beftandtbeile aufzulöfen und deren Verhalten feftzuftellen, und jo ift wol bei Jbn Roſchd eine Neigung bemerkbar, die ariftoteliiche Lehre von der Materie der bed Anaxagoras anzunähern, aber diejelbe kann noch nicht durch eine auf wirkliches Naturwiſſen begründete erjebt werden. In der arabiſch⸗mauriſchen Aftronomie treten DBedenten in Bezug auf die Tomplicirte epicukliicde Hypotheſe des Ptolemäuß hervor ?), doch bat noch Fein Verſuch Erfolg, fie durch eine angemefienere zu erſetzen. Endlich waren die organiichen Formen, welche im Kommen und Gehen der Individuen auf der Erde unwandelbar ſich zu erhalten jcheinen, weder durch die Paläontologie in ihrem vorübergehenden Charakter erlannt noch einer Kaufalbetradhtung unterworfen worden, jondern immer noch waren fie mır durch eine teleologijche Betrachtung dem Verftändniß zugänglich). So machte die Lage der Naturwiſſenſchaften in der ganzen Zeit von ihrem Auftreten bei den Arabern bis zu dem Grlöfchen der wiſſenſchaftlichen Kultur dieſes Volkes die metapbufiichen Bor ftellungen von pigchiichen Urſachen und deren Aeußerungen in den Formen des Naturganzen noch nicht für die Erflärung der Natur entbehrlich. Und zwar entſprach die befondere Geftalt, welche dieſe teleo- logiſche Metaphyſik der pſychiſchen Urfachen in dem Syſtem und der Schule des Ariftoteles erhalten hatte, andauernd der Lage der Naturerfenntnig. — Die Araber haben bei den ſyriſchen Ehriften die peripatetiiche Schule in Blüthe vorgefunden. Es ift nutzlos zu 1) Schon Gabir ben Ablah ftellt fich freier zu den Hypotheſen des Ptoles mäud; der don den Lateinern ald Alpetragiud bezeichnete Aftronom be= tämpit dann die Epichklentheorie ded Ptolemäus (Delambre Histoire de l’astronomie du moyen dge p. 171 ff.), und ebenfo Ibn Roſchd. Lem entipricht die Herrichaft ber ariftoteliichen Metaphyfil. 377 fragen, ob diefer Äußere Umftand über das Studium bes Ariftoteles bei ihnen entichied ?), in der Stufe ihres Naturwiſſens lagen die pofitiven Urſachen, welche ihnen das Syſtem des Ariftoteled ala die angemefjenfte Form der Wiffenichaft vom Kosmos erfcheinen ließen. Wol war die pofitive Naturwiſſenſchaft ber Alerandriner und Araber nicht überall in Uebereinftimmung mit dem Syſtem des Ariſtoteles. Wol floß ferner bei den Arabern bie Ueberlieferung der mathematiſchen Naturtoiffenichaft keineswegs überall mit der Entwidlung ihrer peripatetiichen Schule zujammen;; Thurot bat die Yortdauer der relativen Sonderung der pofitiven Naturwiſſenſchaft von der Metaphyfil, wie fie das Ergebniß der Entwidlung der antiken Wiſſenſchaft gewefen ift, an einem her⸗ borragenden alle nachgewieſen; das hydroſtatiſche Theorem, welches von ſeinem Entdecker den Namen Prinzip des Archimedes führt, iſt ſowol in der weiteren griechiſchen als in der arabiſchen Geſchichte der Wiſſenſchaft den Mathematikern bekannt und bleibt in ihrer Tradition erhalten, dagegen iſt es den Metaphyſikern nicht bekannt?). Doch taftete auch die pofitive Wiſſenſchaft noch nicht die Metaphyfit des Ariftoteles in ihrem Kern an, vielmehr beftand zwilchen den großen Zügen des Naturwiſſens und denen ber ariftoteliichen Metaphyſik Mebereinftimmung. Noch hatte da Fernrohr nicht Veränderungen auf den andern Himmelskörpern gezeigt, noch beftand fein Anfang einer allgemeinen Phyſik des Meltgebäudes, und jo erhielt fich die ariftoteliiche Lehre von einer doppelten Welt: der volllommenen und unmwandelbaren Ordnung der Geſtirne und dem Wechſel des Entftehens und Vergehens unter dem Monde. Daher wurde die Gedanfenmäßigfeit des Kosmos nicht durch eine pantheiftiich vorgeftellte Weltvernunft audgedrüdt, vielmehr blieb die Welt der Geftime der Sit einer bewußten Intelligenz, welche von Hier außftrahlte und in einer niederen Welt fich kundthat. Ja die theologiſche Metaphyfik, für 1) Ueber dieſe Frage Renan Averro&s® p. 98. 2) Thurot in ber revue archeologique n. 3. XIX, I11ff. (recherches bistoriques sur le principe d’Archimäde). 878 Zweites Buch. Dritter Abſchnitt. welche diefer Gegenfab im Kosmos Symbol eine in der inneren Erfahrung gegebenen Gegenſatzes war, gab diefem Schema eine gewaltigere Macht, ala e8 in der alten Welt befiten konnte. Und der Zufammenhang, welcher von der Geftirnwelt zu ber ver⸗ änbderlichen Erde, ihrer Pflanzendede und ihren Bewohnern reicht, nahm in fi) ala ihm völlig entiprechend bie deſtriptive Wiſſen⸗ Ihaft des Kosmos auf. So ging neben der Aneignung des Naturwiſſens der Griechen die Uebertragung des Ariftoteles ber. Diejelbe begann unter al Mamun, und während de neunten und zehnten Jahrhunderts wurden die Ueberſetzungen des Ariftoteles beftändig vervollftändigt. Auf diefer Grundlage, in Wechſelwirkung mit dem Tebendigen Raturftudium, erhielt die arabiiche Philoſophie in Ibn Sina und Ibn Roſchd ihre vollendete Geftalt: ala eine felbftändige Fortſetzung der peripatetiichen Schule. Während die Araber fo vom neunten Jahrhundert ab Natur⸗ ertenntniß wie ariftotelifche Wiſſenſchaft neben der Xheologie pflegten, hat im hriftliden Abendlande, wo fih Allee m breiteren Mafjen entwidelte, die Theologie lange beinahe auß- ſchließlich gehe rrſcht. Encyklopädien überlieferten todte Notizen über die Natur. Gerbert bringt im zehnten Jahrhundert aus Spanien etwas von dem Licht des arabiichen Naturwiſſens, dann kehrt Con⸗ ftantinus Africanus von feinen Orientreilen mit mediciniſchen Schrif- ten zurüd, Adelard von Bath, gewinnt ebenfalld von den Arabern naturwiffſenſchaftliche Kenntniß; aldann folgen einander dichter Uebertragungen von Ariftoteles, feinen Kommentatoren und arabi⸗ ſchen Phyfilern ’). Aber nur Spärlich Lichtet fich die Finſterniß, die über dem Naturwiſſen liegt. Das intelleltuelle Leben des Abendlandes pulfirte Hi3 zum Ende des zwölften Jahrhunderts in der Theologie und ber ihr verbundenen metaphufilchen Betrach- tung der menschlichen Geſchichte und Gejellichaft. Auch änderte es hieran nicht?, daß man die Logik des Ariftoteled ala ein mächtiges 1) Das Nähere bei Jourbdain neben den recherches in jeiner philo- sophie de Saint Thomas I, 40 ff. Uebertragung ber Naturwiflenichaft auf dad Abendland. 379 Hilfamittel tbeologifcher Dialektik benüßte und in Abälarb eine fühne Subjektivität die Rechte des Verftandes fcharffinniger geltend machte, als je vorher geſchehen. Wol zeriekte das negative Treiben der theologiichen Dialektiker jener Tage den Beftand der überlieferten Dogmatik; wie in den entjprechenden Erſcheinungen des Islam, entwidelte fi) auß den Antinomien der religidjen Vorftellung unmiderftehlich der Zweifel bis zur Verzweiflung des Verſtandes, und vergebens fuchten Bernhard von Clairvaux und die Biltoriner in der Myſtik den Frieden des Geiſtes. Aber erft dann hörte die theologiſche Metaphyfik auf, Mittelpunkt des ganzen europäilchen Denkens zu fein, ala nun das Naturwiflen und die Naturphilofophie der Alten und der Araber über den Horizont der abendländijchen Ebriftenheit traten und allmälig ganz ſichtbar wurden. Dies ift die größte Veränderung, welche im Verlauf der intellektuellen Entwicklung Europas während des Mittelalters ftatt- gefunden hat. Diefe Beränderung im Abendlande wurde durch bie wiederholten Verbote der naturwiſſenſchaftlichen und metaphyſiſchen Schriften des Ariftoteles nicht aufgehalten. Schon im erften Drittel bes dreizehnten Jahrhunderts ift jo ziemlich der ganze Körper der ariftoteliichen Schriften übertragen. Die Syſteme des Ibn Sina und Ibn Roſchd werden befannt und bedrohen den chriftlichen Glauben. Die abendländifche Metaphuyfit des Mittelalters entſteht zum Schube diejed Glauben? aus der Verfnüpfung der Theologie des Chriſtenthums und der von ihr ausgehenden metapbufiichen Philoſophie der Gelchichte mit dem arabiſchen Ariftoteled und der mit feinem Studium verbundenen Naturerkenntniß. Die Uni: verfität Paris wird, ala Sit diefer Metaphyſik, zum Mittel punkt der geiftigen Bewegung Europad. Ein Jahrhundert hin⸗ durch von der Mitte de dreizehnten ab, während Albert der Große und fein Schüler vom Kölner Dominitanerklofter, Thomas von Aguino, Dun? Scotus und der fühnfte, gewaltigfte der Scholaſtiker, der papftfeindliche Wilhelm von Occam, lehren, find die Augen von ganz Europa auf diefe neue Vernunftwiſſenſchaft und ihr Scidfal gerichtet. — Zugleich ift nun das Material 380 Zweites Buch. Dritter Abſchnitt. für eine jelbftändige Fortarbeit der abendländiichen Chriften in den Naturwiſſenſchaften gegeben. Langſam, breit und tief ent=- wicelte fi diefe Arbeit. Die äußeren Bedingungen, unter welchen die Wiflenichaften in den Klöftern und an von ber Kirche geleiteten Anftalten fi befanden, unterftüßten die Ueber— macht de theologijch-metaphufilchen Interefſſes, und die Beichäf- tigung des Hofes Friedrich's des Zweiten mit den Naturwifſen⸗ ſchaſten, wie fie durdy da8 Vorbild der Kalifen hervorgerufen war, fand feine Nachfolge. Die politiiche Verfaſſung Europas gab den Problemen ber Geichichte und des Staates ſowie den Schriften Hierliber ein Gewicht, welches fie in den Despotenreichen des Islam nicht bejaßen. Der Gang der öffentlichen Ange- legenbeiten im Abendlande war fchon damals von Ideen mächtig beeinflußt, und dieſe zogen da3 öffentliche Intereſſe beſonders auf ih. Die felbftändige, ja geniale Yortarbeit des chriftlichen Abendlandes in dem Ginzelwifien lag daher zunächſt während des Ddreigehnten und vierzehnten Jahrhundert? auf dem Gebiete der Geiſteswiſſenſchaften. So wurde die Erweiterung des Natur- wiſſens in erfter Linie benüßt, eine von Metaphyſik getragene encyklopädiſche Einheit des Wiſſens herzuſtellen. Diejer Richtung des Geiſtes entſprachen die Schrift über die Natur der Dinge des Thomas von Cantiprato, der Naturſpiegel des Vincenz von Beauvais, das Buch der Natur von Konrad von Megenberg, das Weltbild von Pierre d'Ailly, und die Geſammtthätigkeit des Albertug Magnus war von ihr beitimmt. Es fanıı noch nicht genügend beurtheilt werden, was von den Einzelergebniflen, welche und zuerjt bei Albertus begegnen, einem jelbftändigen Natur- ftudium entjprungen war; jedoch kann Förderung der bejchrei= benden Naturwiſſenſchaft in eigener Beobachtung und Unterfuchung ihm nicht abgeiprochen werden. Alsdann trat in Roger Ba— con dad Bewußtfein von der Bedeutung der Mathematik ald des „Alphabet? der Philofophie” und der erperimentalen Wiſſenſchaft ala der „Herrin der fpekulativen Wifjenichaften“ hervor. Er ahnte die Macht einer auf Erfahrung gegründeten Erkenntniß der wirken⸗ den Urfachen im Gegenfaß zu Tyllogiftiicher Scheinwiſſenſchaft, Richtung a. d. Herftellung e. Deſkription d. Kosmos i. Abendlande. 381 und jeine mächtige Einbildungskraft eilte den Ergebniſſen feiner Arbeit voraus in ſeltſamen Anticipationen künftiger Entdeckungen. Andrerfeitß traten im Abendlande allmälig bie theils herüber- gebrachten theils felhftändig gemachten Erfindungen auf, welche das Zeitalter der Entdeckungen vorbereiteten !). Sechſtes Kapitel. Zweiter Zeitraum des mittelalterlicden Denleus. Bon ber Uebertragung des arabiichen Naturwiſſens und der ariftoteliichen Philofophie hebt da3 neue Stadium des mittelalter- lichen Denkens an und dauert bis zum Ausgang des Mittelalters. Der frühere Zeitraum hatte eine Dialektik ala Grundlage der Theo- Iogie geichaffen, den von den Vätern, insbeſondere von Auguſtinus entivorfenen Beweis für das Dajein einer trandfcendenten Ord⸗ nung immaterieller Weſenheiten fortgebildet und die Aufgabe, einen verftandesmäßigen Zufammenhang des Glaubenzinhaltes zu ge= winnen, in einer Theologie gelöft, welche jedoch das dem Denken Erfaßbare noch nicht methodiſch von dem Unerfaßlichen ſchied. Schon diefe Aufgaben felber empfingen nun unter den neuen Bes dingungen eine reifere Faſſung. Die Vergleichung von Chriften- tum, Islam und Judenthum verbreitete ihre Helle über das Ge- biet der Theologie; die Vergleichung der VBernunftwiflenichaft des Ariftoteles mit der Theologie der Religionen erleuchtete die Grenzen des Beweisbaren und des religiöfen Geheimnifjes; die Verbindung bes Naturwifjena mit der Theologie erweiterte ben Horizont ber Vernunftwiſſenſchaft. Wie wurden mın unter den neuen Be- dingungen die Aufgaben, welche wir im vorigen Beitraum ſon⸗ berten, gefaßt und zu Iöfen verfucht? 1) Näheres in den grundlegenden Unterfuchungen von Libri, Histoire des sciences math&matiques t. II. 382 Zweited Bud. Dritter Abfchnitt. 1. Abſchluß der Metaphyſik der jubftantialen Formen. Indem jebt mit der Theologie der monotheiftiichen Religionen die Wiffenichaft vom Kosmos verknüpft wurde, entiprangen zwar weitere unlösbare Schiwierigfeiten, welche die Zerſetzung der mittel- alterlicden Metaphyſik herbeigeführt haben, jedoch ſo lange fie ver- deckt werden Tonnten und das Gute des Willend mit dem Wer- nünftigen des Denkens, das Chriſtliche mit der griechiſchen Ver— nunftwiſſenſchaft in eins geſetzt wurden, ergab ſich hieraus Die Geltung einer glänzenden Formel, welche die bisherige Meta⸗ physik zu ſyſtematiſcher Einheit abſchloß. Zunächſt jubftituirte man den analytifchen Ergebniflen des Plato und Ariſtoteles, welche letzte Vorausſetzungen des Kosmos enthalten, den konſtruktiven philonifch = neuplatoniichen Gedanken. Nach demjelben haben die Ideen in Gott ihren Ort, und bon diefer intelligiblen Welt ſtrahlen die da AU durchwirkenden Kräfte aus. Dielen Gedanken hatte Auguftinus, wie e8 andere Kirchen⸗ väter gethan, in die Philofophie des Chriſtenthums aufgenommen ') und mit der Schöpfungslehre in Verbindung gejeßt. Die Dinge find nad ihm von der Gottheit als Ausdruck der in ihr be— ftehenden intelligiblen Welt unveränderlicher Ideen geichaffen ; fo empfängt die Metaphyſik als Vernunftwillenichaft nun eine ein= fachere und mehr ſyſtematiſche Faſſung ihres Zuſammenhangs: die intelligible Welt in Gott ift der Schöpfung einge- 1) Auguftinu3 Retractat. Ic.3. Nec Plato quidem in hoc errarit, quia esse mundum intelligibilem dixit, si non vocabulum, quod ecclesiasticae consuetudini in re illa non usitatum est, sed ipsam rem velimus atten- dere. mundum quippe ille intelligibilem nuncupavit ipsam rationem sempiternam atque incommutabilem, qua fecit Deus mundum. quam qui esse negat, sequitur ut dicat, irrationabiliter Deum fecisse quod fecit, aut cum faceret, vel antequam faceret, nescisse quid faceref, si apıd eum ratio faciendi non erat, si vero erat, sicut erat, ipsam videtur Plato vocasse intelligibilem mundum. Dal. weiter die S. 381 citirte Stelle. Dazu vgl. Leibniz’ Monadologie $ 43. 44: bie „ewigen Wahrheiten ober die Ideen, von benen fie abhängen”, müſſen in einem Reellen, Exiſtiren⸗ den ihre Grundlage haben. Die abſchließende metaphyfiſche Formel. 988 bildet, und die diefem objektiven Zuſammenhang entiprechen- ben Prinzipien find in den von Gott geſchaffenen Einzel- geift hineingelegt?). So bildete ih auf der Höhe diefer Entwidlung folgende Theorie, die Thomas von Aquino feinfinnig entiwidelt bat. Plato nahm nach ihm irrthümlich an, dag Objekt der Erfennt- niß müfle in fich jo erxiftiren, wie in unferem Willen, ſo⸗ nach immateriell und unbeweglid. In Wirklichkeit vermag die Abftraktion das, was in dem Objekt ungefondert if, zu fondern und einen Beftandtheil in ihm, abjehend von den anderen, für ſich zu betrachten. Der Beftandtheil, welchen unfer Denken im Allgemeinbegriff am Gegenſtande heraushebt, ift ſonach real, aber er ift nur ein Theil der Realität deflelben. Daher ift eine den Allgemeinbegriffen entjprechende Realität nur in den Einzeldingen gegeben; „die Univerjalia find nicht für fich be— ftehende Dinge, fondern haben ihr Sein allein in dem Gin- zelnen“. Jedoch wird andrerjeit? in den Univerjalien etwas Meienhaftes ausgeſondert von dem menjchlichen Intellekt, denn fie find in dem göttlichen Sntellett enthalten und von ihm den Objekten eingebildet. So kann Thomas fich einer den Streit über die Univerjalien jcheinbar beendenden Formel bedienen. Die Univerfalien find vor den einzelnen Dingen, in ihnen und nach ihnen. Sie find vor denjelben im göttlichen, vorbildlichen Deritande; fie find in den Dingen ala Theilinhalte derjelben, welche ihre allgemeine Wejenheit ausmachen, und fie find nach den- jelben ala Begriffe, welche durch den abftrahirenden Verftand her⸗ borgebradht find. Diefe Formel kann aladann leicht im Sinne der modernen Wifjenjchaft eriveitert werden, und eine ſolche Erweiterung bat ſtatigefunden; fie ift ſchon im Mittelalter vorbereitet: in Gott find nicht nur die allgemeinen Begriffe, fondern die allgemeinen Wahrheiten, die Gejeße der Veränderungen des Weltlaufs ?). 1) Bel. ©. 243 ff. 2) Ueber die Entftehung diefer Formel nach ihrer logiſchen Seite aus⸗ führlich Prantl, Geichichte der Logik II, 305 f. 347 ff. IH, 94 ff. — Ueber die 384 Zweites Buch. Dritter Abfchnitt. Metaphyſik als Vernunftwiffenichaft empfing in diefen Säßen die volllommenfte Form, welche ihr während des Mittelalters gegeben worden iſt. Diefe DVernunftwiflenjchaft will dad Ge: danfenmäßige de Weltalls deutlich und begreiflich machen; ihr Problem ift die Natur diefer Gedankenmäßigleit, der Urſprung derjelben in der Welt und der des Wiſſens von ihr im Bewußt⸗ fein. Die Löfung des Problems wird auch in dieſer Formel in ein Transſcendentes hineingeſchoben; denn fie enthält eine Relation zwiſchen drei Gliedem, in deren jedem daffelbe x, die unaufgelöfte, allgemeine Yorm der Einzeldinge, wiederfehtt. Die Sntelligenz, der Weltzufammenhang und Gott find dieſe Glieder. Und zwar ift Gott nicht nur bewegende und Zweckurſache der Melt, jondern auch vorbildliche Urſache derfelben. Oder wie Scotus Gott ala die Iehte Bedingung eines inneren und nothwendigen Weltzuſammenhangs aufzeigt: der Weltzuſammenhang enthält eine Verkettung der Urfachen, eine Ordnung der Zwecke, eine Stufen- reihe der Vollkommenheit; alle drei Reihen führen auf einen An⸗ fangspunkt, der nicht durch ein weiter zurückliegendes Glied der- jelben Reihe bedingt ift, und zwar in berjelben Weſenheit: denn, ebenjo wie |päter Spinoza folgert, das necesso esse ex se kann nur Einer Wejenheit zufommen. So ift Gott in diefem metaphy⸗ fichen Zuſammenhang die nothivendige Urjache ). Die Zahl der Wahrheiten, welche dieſe Vernunfwiſſenſchaft feftftellen zu können glaubte, verringerte fich ihr beftändig während ihrer Arbeit; bis in dem Zeitalter Occam's die Formel felber, nach welcher in Gott die Welt in Allgemeinbegriffen angelegt ift, aufgeldft wurde und die Erfahrung des Singularen ihr Recht geltend machte, nicht nur in Rüdficht auf die Außenwelt, fondern jowol bei Roger Bacon als bei Occam auch in Bezug auf die innere. Einfügung ber rationes in bieje Formel, 3. B. des Denkgeſetzes des Wider: ſpruchs, vol. S. 331. 1) Duns Scotus in sentent. I dist. 2 quaest. 2 und 3. Ration. Theol. a. erſter Beſtandth. d. Begründ. d. tranzicendent. Welt. 385 2. Die verftandesmäßige Begründung ber trand- fcendenten Welt. Da im Gottesbewußtfein der Mittelpunkt der mittelalterlichen Metaphyſik Tag und man von Gott aus die Welt und den Mtenfchen erblickte, hat diele Vernunftwifienichaft während des zweiten Zeit- raum der abendländiichen Philoſophie, ihrem Streben gemäß, Alles der Denknothwendigkeit zu unterwerfen, dad Dafein Gottes zu⸗ nächſt feitzuftellen verjucht, Gottes Eigenschaften entwidelt und von ihm aus fich über die geichaffenen geiftigen Weſen verbreitet. Dies Hatte zur Folge, daß Einzelbeweije für das Dajein Gottes an die Spibe der Metaphyſik traten und ſolche für den Beftand eines Geifterreiches, welchem auch die Menfchen angehören, feit- geftellt wurden. Die abſtrakte Metaphufit der wolffiſchen Schule hat auf der Baſis der Ontologie die rationale Theologie, Kosmo⸗ logie und Piychologie ala die drei Theile der metapbyfifchen Wiſſen⸗ ſchaft gleichwerthig behandelt, und Kant hat entjprechend aus dem einen Weſen der Vernunft die Ideen auf diefen drei Gebieten abzuleiten unternommen. Die gejchichtliche Betrachtung des Mittel- alterd zeigt, daß die rationale Theologie und Piychologie, als in eine transfcendente Melt des Glaubens mit ihren Schlüfien zurüdgreifend, eine ganz andere Stelle im menfchlichen Denkzu- fammenhang einnehmen wie die Kosmologie, welche nur die Be- griffe von der Wirklichkeit zu vollenden ftrebt. Mir betrachten zunächft die Beweiſe für das Dafein Gottes, die vationale Theologie. Das Chriſtenthum hatte in dem monotheiftiicden Ergebniß der antifen Willenichaft des Kosmos feine geichichtliche Voraus— legung ’), und die Väter Haben den Schluß auf Gott auß dem Charakter der Welt, welcher zweckmäßige Schönheit und doch zugleich Veränderlichkeit ift, ala bindend betrachtet. Während der langen Jahrhunderte des Mittelalter? ift die Zurüd- führung der Welt auf Gott, bejonderd der Schluß von ber 1) Römerbrief 1, 19 ff. Apoftelgeichichte 14, 15 ff. 17, ef Dilthey, Einleitung. 386 Zweites Buch. Dritter Abfchnitt. Drehung der Himmelskugel auf einen erften Beweger berjelben bon feinem emfthaften Forſcher verworfen worden, wenn auch der Grad feiner Evidenz der Unterſuchung unterzogen wurde; alle anderen Glaubendwahrheiten dagegen verfielen mehr oder minder der Diskuſſion. — Seit dem Jahre 1240 war De- zennien hindurch die firchliche Autorität im Kampfe mit einer Partei der pariler Univerfität, welche extreme Folgerungen der averroi- ftiichen Lehre außbreitete. So wurde innerhalb der Univerfität die Ewigkeit der Welt vertheidigt, da der „erite Anfang“ ala ein Mirakel den nothiwendigen Zuſammenhang der Wiſſenſchaft durdh- brach ; die Echöpfung aus Nichts twurde angegriffen ala mit den Anforderungen der Wiſſenſchaft unverträglich ; die Annahme eines eriten elternlojen Menfchen wurde verworfen, und mit dem erften leugnete man aud) die leßten Menſchen und ſonach das jüngfte Geriht. Der Mittelpunkt dieſer ſteptiſchen Berwegung lag in der Beitreitung der Tortdauer der Einzeljeele, da diefelbe aus der Lehre von den fubltantialen Formen nicht gefolgert werden Tann. Aus diefen Vorausſetzungen folgte dann das kecke Wort: quod sermones theologi sunt fundati in fabulis, und ihm ent|pradh ein andered: quod sapientes mundi sunt philosophi tantum. Aber unter allen Säten, welche damald unter Studenten und Lehrern der pariler Univerfität umliefen und der kirchlichen Genfur untertvorfen wurden, findet fich feiner, welcher da8 Dafein Gottes in Frage gezogen hätte. — Ein zweiter Herd des ſteptiſchen Geiftes war während des dreizehnten Sahrhundertz !) der Hof Friedrichs des Zweiten im Süden. Der abergläubiiche Sinn des niederen Volles umgab die gedanfenmächtige Geftalt des großen Kaiſers mit Erzählungen, in welchen ala das Auffälligfte jein Skepticismus und feine Neigung zu experimenteller Beantwortung folcher Yragen hervortritt, die man ſyllogiſtiſchen Erörterungen zu überlafen ges wohnt war. Wollte man boch wiflen, er habe Menſchen den 1) Die Chronica Fr. Salimbene Parmensis (Parmae 1857) ſpricht p. 169 von ber destructio credulitatis Friderici et sapientum suorum, qui credi- derunt, quod non esset alia vita, nisi praesens, ut liberius carnalitatibus suis et miseriis vacare possent. ideo fuerunt epycurei ... Der Schluß vom Kosmos auf Bott wird noch allgemein anertannt. 387 Leib öffnen laflen, zum Zwecke des Studiums der Verdauung; er habe Kinder von dem Verkehr abgejondert aufnähren laffen wollen, um die Yrage nach der Urſprache zu Löjen; ein jolcher Verſuch erinnert an den philojophiichen Roman des Ibn Tophail, welcher im dreizehnten Jahrhundert verbreitet war und die natür- liche Entwidlung eines Menſchen zum Gegenftande Hatte. Die Schriftftüde, die im Kampfe der Kurie gegen den Kaiſer ausge— arbeitet wurden, und die öffentliche Meinung beichuldigten ihn der Leugnung der Unfterblichkeit, und fanden den letzten Beweggrund feiner Schreckensherrſchaft im ſicilianiſchen Reiche in diefer ma⸗ terialiftifchen Bertverfung jeder Vorftellung eines jenjeitigen Lebens. Zwar dad furchtbare Wort von den drei Betrügern, den Be— gründern der drei Religionen de Abendlandes, kann nicht auf den Kaiſer zurüdgeführt werden; aber der Gedanke, daß die philo- ſophiſche Wahrheit in allen drei Religionen von Yabeln verhüllt fei, muß als ein Gemeingut der Aufgeflärten an diefem bunten, bald im Morgen» bald im Abendlande unter religiös gemifchten Bevölferungen refidirenden Hofe betrachtet werden. Und doch wird und unter allen Witzworten, welche damald von Friedrich ume gingen, feines überliefert, welches den Schluß auf Gott ala die Welturfache angetaftet hätte!). — Unterfucht man die Yeußerungen von Skepticismus aus anderen Kreifen, jo jeßen widrige und rohe Berhöhnungen Gottes wie die von Alberih von Romano be= richtete, durchaus das Dajein Gottes voraus ?). Auch gingen die Zweifel der Nominaliften gegen jeden Punkt einer rationalen reli⸗ gidfen Willenichaft zwar bei Occam dazu fort, die Gründe für das Dafein Gottes einer Icharfen Kritik zu unterwerfen, ja dieſer ſprach ſchon kühn die Möglichkeit aus, daß die Welt fi felbft bewege; aber auch er erkannte doch die übertviegende Kraft der Beweisführungen für das Dafein Gottes an). 1) In der ſchönen auf perfönlicher Anfchauung beruhenden Schilderung ber erwähnten Chronik p. 166 heißt e3 von fyriedrich dem Zweiten: de fide Dei nihil habebat, aber biefe fides Dei ift augenfcheinlih im Sinne bes Gottesglaubens eines Ehriften zu verftehen. 2) Ebdj. p. 182. 3) Zu ben Icholaftifchen Debatten über das Daſein Gottes in den 25 * 388 Zweites Bud. Dritter Abfchnitt. Der Grund diejer Thatjache, daß der metaphufifche Geift des Mittelalter an der Evidenz des Dajeind Gottes einen unerſchütterlichen Stützpunkt Hatte, während feine andere Glau⸗ benswahrheit von dem Zweifel unberührt blieb, kann nicht in der Macht religiöfer Ueberzeugungen gefunden werden, denn dieje waren, wie wir eben fahen, vielfach erſchüttert. Er lag nicht in der Tradition des Zuſammenhangs der MWeltgefchichte, die an Gott mit ihrem Beginn und Schluß gebunden war; denn jo wichtig diefe für da Lebenagefühl und die Denkart des mittel- alterlihen Menſchen geweſen ift, jo ward fie doch von fühnen Geiftern mwenigftend dem Zweifel, wern auch noch nicht der Unter- ſuchung unterworfen. Am wenigſten können wir ihn in dem ontologifchen Argumente finden; denn die Kraft defjelben wurde von den hervorragendften gläubigen Forſchern beitritten. Er lag in dem Schluß, welcher auf Grund de damaligen Standes des Naturwifſens von den regelmäßigen, harmoniſch ineinandergreifen- den Bahnen der Geſtirne jowie von der die Formen der Natur durchwaltenden Zweckmäßigkeit auf Gott zurüdging. Diefer Schluß tritt nicht ala ein einzelnes Argument auf, jondern bildet, wie bei Ariftoteled, den Zuſammenhang der ganzen Naturanſicht. Wol haben die Scholaftifer dieſes Zeitraums zuerst eine geichlofjene Zahl von einander unabhängiger Einzelbeweile für das Daſein Gottes aufgeftellt, auch hat fich wenigſtens die Unterjcheidung des kosmo⸗ logiſchen und des teleologiichen (phyfito-theologijchen) Beweiſes in der Schulmetaphyfit erhalten; doch nicht in dieſer zerfplitterten Ihulmäßigen Yaflung lag die Macht der Gründe, die von ber Melt auf Gott Ichließen, über den mittelalterlichen Geift '). Klöftern vgl. Thomas be Ecclefton de adventu fratrum minorum in Angliam (Monum. Francisc. Lond. 13858) p. 50: cum ex duobus parie- tibus construatur aedificium Ordinis, scilicet moribus bonis et scientia, parietem scientiae fecerunt fratres ultra coelos et coelestia sublimem, in tantum, ut quaererent an Deus sit. 1) An der Spite der summa theologiae des Thomas ftsht p. I quaest. 2 de Deo, an Deus sit (quaest. 1 behanbelt nur ben Begriff der chriltlichen Wiſſenſchaft); im dritten Artikel derſelben werden fünf Einzelbeweiſe gejondert: aus der Bewegung, aus der Berkettung der Urſachen und Wirkungen, aus Grund Hiervon in der Lage ber Naturwifienichaften. 389 Die Phyfit der Erde war in den erften Anfängen geblieben und wurde nicht auf die Erklärung der Phänomene der Geftirn- welt angewandt, weder die Hilfämittel der Rechnung noch die Kunſt des Inſtruments jchlugen eine Brüde von den Ereigniffen auf der Erde zu denen jenjeit3 im Weltraum, die Schwere wurde ala eine - terreftrifche Thatſache aufgefaßt, Veränderungen waren noch an feinem Punkte ala jenjeit3 der irdiſchen Atmoſphäre im Weltraum vorhanden nachgewieſen, und diefe Sonderung der Welt himm- Iiicher Körper von der unter dem Monde wurde zu einer vor- ſtellungsmäßigen, räumlichen Vergegenwärtigung des großen Ge- genſatzes benubt, in welchem das Chriftentfum allen irdiſchen Wandel und alle irdifche Unvollfommenheit dem gegenüber erblickt, was nicht von dieſer Welt ift. Die Bedeutung dieſer aftrono- mijchen Trandfcendenz für den Geift des mittelalterlichen Menjchen zeigt Dantes kosmiſches Gedicht, deſſen drei Theile nicht zufällig, ein jeder in anderer Wendung, mit einem anderen Ausblick auf den Sternenhimmel jchließen, der lebte mit den berühmten Worten: l’amor che muove il sole e l'altre stelle. Der Schluß felber ging von der Gleichförmigleit der Be- wegungen am Himmel und ihrer Zweckmäßigkeit, vermittelft deren der ganze Haushalt der irdiichen Welt bis zum Menſchen hinauf geregelt wird, auf eine vollfommene und geiftige Weſenheit. Er berubte bei den meilten Scholaftifern auf der aftronomi- ſchen Konftruftion, die fie in ihrem Ariftotele® fanden, feltener auf der, melde fie aus Ptolemäus jchöpften. Bald bediente diefer Schluß fich des Hilfsfabes, den Anaxagoras, Plato und Ariftoteled anmwandten, daß jede Bewegung eined Sörperd im Raume eine Bewegungsurſache außerhalb deſſelben vorausſetze, bald der Unterjcheidung der Bewegungen auf der Erde, welche gradlinig find und in einem Ziele zur Ruhe fommen, von denen — dem Verhältniß des Möglichen, das ſein kann, doch nicht zu fein braucht, entſteht, ſich verändert und vergeht, zu dem Nothwendigen (der ſpätere Be⸗ weis a contingentia mundi), aus dem Verhaͤltniß der Grade in den Dingen zu einem Abſoluten, aus der Zweckmäßigkeit. Hiermit vgl. Duns Scotus in sent. I dist. 2 quaest. 2. 390 Zweites Bud. Dritter Abfchnitt. am Himmel, die kreisförmig und kontinuirlich find und ſonach auf ein intelligente® Prinzip von unendlicher Kraft zurückweiſen. Er kann jo gut bei Albertus Magnus ala bei Thomas, bei Bona= ventura ala bei Dund Scotus gefunden werden‘). Während ihm Strenge Evidenz zugejchrieben wurde, ift von den meilten Theologen Probabilität für die Annahme in Anſpruch genommen worden, daß die Gottheit durch geichaffene Geifter übermenfchlicher Art diefe Bewegungen am Himmel bewirfe, und die Zahl der beivegenden Engel durch die der bewegten Sphären beftimmt werden könne. Die Engellehre wurde auf Grund der ariftoteliichen Theorie mit der aftronomischen Weltanficht verfnüpft, und es waren daher auch Hier ſchließlich pſychiſche Beziehungen, welche ftatt eines mehanilhen Naturzufammenhangd den lebten Erklärungsgrund für die Bervegungen im Kosmos darboten. Die herrfchende europäische Metaphyſik fuhr fort, einen mythiſchen Willenszuſammenhang piychiicher Kräfte als Iekten Er- Hörungägrund des äußeren Weltzufammenhangs feſtzuhalten. Auf der Erde wurde an den organischen Wejen eine Zweck⸗ mäßigfeit nachgewiejen, welche auf Gott zurückleitete. Dieſen Schluß ftattete Albertus Magnus, welcher auch hierin dem Arifto= tele8 bejonder3 nahe Stand, mit dem größten Beweismaterial aus. „Dur die Weile und das Maß feines Seins, durch das jpezi- fiiche Weſen, das ihm in der Reihe der übrigen Gelchöpfe die be- ftimmte Stelle anweift, durch das Gewicht oder die Ordnung, in welcher es nach feiner Verwerthung mit den anderen in Harmonie ift und auf die Verwirklichung des Weltzwecks Einfluß übt, be= weist das Gejchaffene fichtlich die Macht eines mächtigen , weiſen und gütigen Urhebers“?). 1) Albertus Magnus de causis et processu universitatis lib. I tract. 4 c. 7. 8. lib, II tract. 2 c. 35-40. Zhoma3 contra gentil. III c. 23 sq. Bonaventura in lib. II sententiarum, befonders dist. 14. p. 1 (die Bor: außfegungen des Schluffeg am beutlichiten art. 3 quaest. 2: an motus coeli sit a propria forına vel ab intelligentia),, Duns Scotus qu. subt. in met. Arist. lib. XII q. 16—21. 2) Albertu® summa theol. II tract. 1 qu. 3 m. 3 art. 4 part. 1 p. 282, D. befond. Form b. Schluffes entipr. d. Naturbegriffen jed. Zeitalters. 39] Der Beweis für das Dafein Gottes aus dem gedanfen- mäßigen Zuſammenhang der Vorgänge im Weltganzen bat una von Anaxagoras ab begleitet. Und zwar haben die Mittelglieder gewechſelt, durch welche in ihn aus der Anſchauung der Welt auf die dee Gottes geichloffen wird. Denn fie wurden in einem jeden Zeitalter durch diejenigen Begriffe von dem Zuſammenhang ber Natur gebildet, welche der Stand der pofitiven Willenjchaften entwidelt hatte. Die Funktion dieſes Beweiſes in dem Körper der Metaphyſik einer Epoche ift alfo abhängig von der zu derfelben Zeit entwidelten Naturanficht. Dieſes Grundverhältniß hat Kant's ungejchichtlicher Geift verfannt, wie er denn überhaupt den ver- geblichen Verſuch machte, eine Metaphyſik an fi) aus den Syſtemen zu ziehen, dabei aber in der Regel ſich begnügte, die wolffilchen Kompendien dur Machtipruch für diefe Metaphyſik an fich zu erllären. In Wirklichkeit Hat jede Yorm des vom Kosmos auf deffen Bedingung zurüdgehenden Beweijes für eine vernünftige Welturſache nur einen relativen Erfenntnißtverth, nämlich in ihrer Relation zu den anderen Naturbegriffen eines Zeitalters; und auch die vollftändige Begründung, weldhe nur im Zujammenhang des Syſtems jelber fich vollzieht und welche den für fich ganz unzureichenden kosmologiſchen Schulbeweis mit dem phyſiko⸗theo⸗ Iogijchen verbindet, hat feine hierüber hinausreichende Tragweite. Sie kann nur zeigen, daß unter Vorausſetzung der Begriffe, welche der Erklärung der Wirklichkeit in einer gegebenen Zeit zu Grunde gelegt werden, der Rüdgang auf eine erjte, zweckmäßig wirkende Urfache nothwendig if. Der Begriff Gottes ift in ihr nur ein Glied in dem Syſtem der Bedingungen, welches den Phänomenen zu ihrer Erklärung auf einer beftimmten Stufe ber Erkenntniß zu Grunde gelegt wird, und die Unenibehrlichkeit dieſes Gliedes ift abhängig von der Beziehung der Annahme auf andere Schon vorhandene Annahmen. So bedurfte Newton neben der Gravitation eines Anftoßes, er bedurfte eines Grundes für die Zweckmäßigkeit in den Abmeſſungen der Verhältnifie der Planeten- bahnen; hierbei war die Gravitation nur ein Augdrud für einen Theil der Bedingungen, und der Gott, deſſen er neben ihr zu be⸗ 392 Zweite? Buch. Dritter Abſchnitt. dürfen erklärte, war ebenjo nur ber Außdrud für einen anderen Theil diefer Bedingungen, die unter-Annahme von Materie, Raum, Zeit, Urſache, Subftanz zur Erklärung der Wirklichkeit ihm noth— wendig erſchienen. Sonach ift ein firenger Beweis für das Dajein Gottes von dem Kosmos aus fo lange unmög- lich, ala nicht die objektive Gültigfeit eines abgeſchloſſenen Syſtems von Naturbegriffen ihm zu Grunde gelegt werden kann. — Wir heben einzelne Bedenken noch bejonder hervor. Ein ſolcher Beweis ftünde unter der Vorausſetzung der Anwendbarkeit des Kaufalbegriffs auf den Weltzufammenhang ; wie ſchon mittel- alterliche Philoſophen feftitellten, wilrde er nicht geftatten, auf einen Weltichöpfer zu fchließen, fondern nur, nach Kant's Aus— drud, „auf einen Meltbaumeifter, der durch die Tauglichkeit des Stoffes, den er bearbeitet, immer jehr eingeichräntt wäre” ; er würde nicht über eine der erfannten gedantenmäßigen Einheit proportionale Urſache Hinausführen,, und Schritt für Schritt Haben ſich in der neueren Zeit die Naturbegriffe über diefe gedankenmäßige Einheit fo geändert, daß der Zwang des Schluffes auf ein jelbftändiges, von der Welt unterjchiedened perſönliches Weſen aufhörte. Don jedem ſolchen einzelnen Beweis verjchieden ift das ihnen allen zu Grunde liegende Bewußtſein von Gedantenmäßigteit, welches mit der Betrachtung der Bahnen und Abmefjungen der Geftirne, jo= wie der Formen der organiſchen Welt verfnüpft ift: diejes drückt nur aus, daß wir über und hinaus in ein dem menschlichen Gedanken Analoges, ihm in der Welt Entiprechendes bliden. Es ift Die eine Seite des unvertilgbaren Gottesbewußtſeins der Dtenjchheit, und wie es die einzelnen Beweile bervorbringt, bleibt es beftehen, nachdem jie aufgelöft find, aber für fich enthält es nicht die Ge— wißheit eines von der Welt unterjchiedenen perfönlichen Weſens ?). Es giebt neben diefer Schlußart nur Eine andere, welche wir ala die pſychologiſche bezeichnen. Sie hat in der Analyfis der inneren Erfahrung ihren Ausgangspunkt; hier findet fie pfy- 1) Die Vorausſetzung der Schlüffe aus der Welt auf einen von ihr unterjchiebenen Gott, daß ein regressus in infinitum unmöglich fei, ift von Occam aufgelöft worben. Die andere Schlußart ift die aus der inneren Erfahrung. 3093 chologiſche Beitandtheile zu einer lebendigen und perjönlichen Ueber- zeugung verbunden, welche unabhängig von aller Naturerfenntniß den Frommen des Dafeind Gottes verfichern. So führt bie freie und der Aufopferung des eignen Selbit fähige Moralität eines Weſens, welches ſich doch nicht als feinen eigenen Schöpfer zu betrachten vermag, dafielbe über alle Naturbegriffe hinaus und legt ala ihre Bedingung einen göttlichen Willen. Die Art, wie wir die Bergänglidhfeit in ung fühlen, alddann den Irrthum fowie die Unvollkommenheit deflen, was wir find, ſchließt, pſychologiſch angelehen, in fich, daß ein Maßſtab für und da ift, welcher über die Alles hinausreicht; käme diefem Maßftab feine Realität zu, dann wäre das Gefühl von Unvollkommenheit und Schuld eine leere Sentimentalität, die die Wirklichleit an unmirf- lichen Gedantenbildern meſſen würde. Das lebendige Bewußt- fein der ſittlichen Werthe fordert, daß fie nicht ala Nebenerfolg des Naturzuſammenhangs im Bewußtlein aufgefaßt werden, fondern ala eine machtvolle Realität, auf welche die Geftaltung der Welt Bingerichtet und welcher in der Weltordnung der Sieg gefichert iſt. Hatte dad antife Denken die in dem Beweis aus der einheitlichen Gedantenmäßigfeit de Kosmos entwidelte Seite unjerer meta- phyſiſchen Befinnung zur Darftellung gebracht, jo richtete ſich das hriftliche vornehmlich auf diefe andere Seite derſelben, die Tiefen unſeres Selbſt durchmefjend und die Erfahrungen des Willen aufrichtig im Innern zu vernehmen bemüht. Wol hat dad Chriften- thum in dem monotbeiftifchen &rgebniß der antiten Wiſſenſchaft des Kosmos feine gefchichtliche Vorausfeßung und in dem Bewußt⸗ fein der Gedankenmäßigfeit des Weltganzen einen bleibenden Be— ftandtheil feines Gottesgedankens; aber die Gewißheit Gottes, der für es mehr als eine intelligente Urſache ift, Tiegt ihm in erfter Linie in den Erfahrungen des Gemüths und des Willen?, und die ganze Kiteratur der Väter und des Mittelalters ift von Schlüfjen aus diejen inneren Erfahrungen auf das Dafein Gottes durchzogen, unter denen die drei oben angegebenen bejonderd hervortreten !). 1) Aus dem großen Material können feine einzelnen Belege heraus⸗ gehoben werden. Thomas verweift ausdrüdlich diefe Begründung nur darum 394 Zweites Buch. Dritter Abſchnitt. Wie fo Vieles im Mittelalter ſymboliſch ift, war damals diefer Bufammenhang der fittlihen Ordnung in Gott an der Hierarchie fichtbar, in welcher Gnade und Gewalt von Gott abwärts floßen; jedes Mebopfer ließ die Gegenwart Gottes im Dieſſeits gewahren. Was fo dem Frommen auf jubjeltive und perjönliche Weiſe gewiß war und Kirchenväter wie mittelalterliche Schriftiteller in unzähligen Formen frei und perjönfich ausgeſprochen haben, das wollte die chriſtliche Metaphyſik auf einen für Alle zwingenden Schluß bringen. Und ziwar hat dieje piycholo= giiche Begründung die am meiften abftrafte begrifflicde Fafſung in dem ontologifchen Beweis erhalten. Anſelm ſetzte fich die tief- gedachte Aufgabe, eine Begründung Gottes zu finden, welche die Exiſtenz und Beichaffenheit der Welt nicht zur Vorausſetzung habe. Gr leitete aus dem Begriff Gottes durch logiſche Analyſis die Einficht in fein Dafein ab. Die Unhaltbarkeit des jo entitehenden ontologifchen Beweiſes ift von Gaunilo bis Thoma von Aquino und von diefem bis Kant überzeugend gezeigt worden; nicht in dem abftraften Begriff Gottes, fondern in dem lebendigen Bufammenhang des Gottesgedankens mit ber Totalität des plychiichen Lebens ift eine von der Wiflenichaft des Kosmos un= abhängige Gewißheit Gottes begründet. Diejer lebendige und natürliche Zuſammenhang ift in dem früheren Beweis Anſelms angemefjener ausgedrückt; Hier wird ala Grundlage unjeres Bes wußtleind von verjchiedenen Graden des Guten und Vollkommenen das eines höchſten Gutes, einer unbedingten Vollkommenheit aufs gezeigt. So wird auf Gott ald das höchſte Gut geichloflen, im Unterfchied von dem Schluß auf ihn ala intelligente Urjache?). aus jeiner Beweisführung, weil fie feine allgemeingültige Yaflung geitattet, summa theol. p. I quaest. 2 art. 1. Der Fortgang vom Streben nach dem höchſten Gut zu der Behriedigung in Gott wird in ber Regel im Mittel» alter nach Auguftinus (vgl. S. 833) dargeſtellt; an ihn fchließen fich die Myſtiker, unter denen fon Hugo von St. Viktor den Yeweiß aus ber Welt von ber Begründung aus dem religidjen Erlebniß untericheidet. 1) Die Vorausſetzung de3 ontologiichen Beweiſes, welcher aus dem esse in intellectu für das Weſen, quo majus cogitari non potest, da® esse Ration. Piychologie zweiter Beitandth. db. Begründ. d. tranzic. Welt: 395 Dem moraliſchen Beweis hat bekanntlich Raymund von Sabunde eine ziwingende Form zu geben verjudht. Do waren alle Verſuche, dem Zuſammenhang der inneren, beſonders fittlihen Erfahrungen mit dem Gottesglauben die Form eined metaphyfiichen Beweisverfahrens zu geben, von einer ebenfo vorübergehenden Bedeutung, als da3 Unternehmen, aus dem Kos⸗ mos einen perfönlichen Gott zu erichließen. Denn die Elemente der inneren Erfahrung, aus deren Analyfi3 diefe Verſuche folgerten, find einer allgemeingültigen Darftellung nicht fähig. Ahr Gegenftand ift eben praftiiche Religion, und dieje ift perjönliches Leben. Ya dieſer praftiiche Glaube ift Jo unabhängig von feiner theoretifchen Darftellung, daß ein Menſch Gott gleichjam zu leben vermag, deijen intelletiuelle Lage ihm das Schickſal, Gott zu bezweifeln, auferlegt hat. Daher erfannte der praftiiche Glaube erft im Proteſtantismus, ala die Metaphuyfit des Mittelalters ſich aufgelöft hatte, die wahre Beſchaffenheit feiner Gewißheit. Bon der rationalen Theologie, dem Mittelpunkte des mittelalter- lichen Dentens überhaupt, wenden wir und zur rationalen Pſychologie. Sie empfing bereits von den Metaphyſikern aus der Zeit des Kampfes zwiſchen Chriſtenthum, Judenthum und griechiſch-römiſchem Götterglauben ihre dauernde ſyſtematiſche Geſtalt. Es iſt dargelegt, wie die Erfahrungen des Herzens, das Studium des Seelenlebens in den erſten Jahr⸗ hunderien nach Chriſtus in den Vordergrund traten. Schon das Ueberwiegen des Privatlebens wirkte in dieſer Richtung. Als⸗ dann lenkte die Imperatorenherrſchaft alle Blicke der römiſchen Geſellſchaft mit athemloſer Spannung auf Einen Mann, und man et in re erſchließt, iſt am deutlichſten in Anſelms apologeticus c. 1 u. 3. — In dem früheren Beweis Anſelms iſt beſonders der Satz im monologium c. 1 beacdjtenäwerth: quaecunque justa dicuntur ad invicem, sive pariter sive magis vel minus, non possunt intelligi justa nisi per justitiam, quae non est aliud et aliud in diversis. An bies frühere Be: weisverfahren Anjelm’s fchließt fich der vierte Betweisgrund des Thomas summa theol. p. I quaest. 2 art. 3. 896 Zweites Buch. Dritter Abſchnitt. bemerkt an Tacituß, welche Veränderung nunmehr das hiſtoriſche Sehen erfuhr; feine Seelengemälde der Kaiſer find der Ausdrud der veränderten Intereſſen der Geſellſchaft. Tiefere Beweggründe traten hinzu; die Sehnfucht nach der Unfterblichkeit ift der Grund« zug des alternden Heidenthums. Die Grabinjchriften jener Zeit zeigen, daß die Vorftellung eines kraftloſen Traumlebens in der Unterwelt nun gänzlich zurüdtrat Hinter die Erwartung eines höheren Lebens. „Ihr hochgelobten Seelen der Frommen,“ heißt ed in einer ſolchen Grabinichrift, „Führet die ſchuldloſe Magnilla durch die elyfifchen Haine und Gefilde in eure Wohnungen.” Das Märchen von Amor und Piyche, die beliebt werdende Dar- ftelung der Piyche unter dem Symbol des Schmetterlinga find Sinnbilder diefer Sehnſucht. Miyfteriendienfte wieſen die Wege, auf welchen dies inbrünftige Verlangen das Herz der Gottheit ſuchte. Boetins’ ſchönes Werk „über den Troft der Philofophie“ bat den letzten Ausblick in der Zuverficht: wenn die Seele guten Gewiſſens, aus dem irdiſchen Gefängniß erlöft, nun frei dem Himmel zuftrebe, dann werde alles irdiiche Thun ihr ala Nichts ericheinen, vor dem Genuß der Freuden des Himmeld. Das Herz der Kriftlichen Literatur der erften Jahrhunderte ift das Gefühl von dem unendlichen Werthe der moraliichen Perſon vor Gott. Die Grundlegung der Lehre von einem Reiche ewiger individueller Seelenfubftanzen ift nur der wiſſenſchaft— lide Ausdruck diefer Veränderung des Seelenleben2. Nun erhebt fich über den Horizont der metaphufiichen Beſinnung die Geilterwelt und ihr Reich. Der literariide Ausdruck diejer Thatjache liegt in den Stylformen von Meditationen, Soliloquien, Monologien, und der einjame Verkehr des Geiftes mit fich felber it nun der tiefe Quellpunkt des willenjchaftlichen Denkens. Plotin, der reinfte und edelfte Vertheidiger des mit dem ChriftentHum im Todeskampfe ringenden Heidenthums, zeigt in jeinem Syſtem die Gemüthäverfaflung der neuen, dem ächten griehiichen und römischen Leben ganz fremden Zeit. War doch Ammoniu3, jein Lehrer, in dem neuen Seelenleben der chriftlichen Gemeinden aufgewachſen. Wenn nun die unfichere Neberlieferung Der einzige ſtrenge Beweis einer Seelenſubſtanz von Plotin entwidelt. 397 noch erkennen läßt, daß ſchon Ammonius die Immaterialität der Eeele zu erweifen unternahm), jo finden wir bei Plotin diejen Beweis zu einer vollftändigen Metaphyfit des Seelenlebens ent- wickelt, welche fich gegen die Theorien der Epilureer und Stoifer wende. Mit ihm berührt fi an manchen Punkten Origened in feiner Schrift über die Prinzipien, er löft für die im Kampfe mit den Gnoftifern begriffenen chriftlichen Gemeinden diejelbe Auf- gabe, wie Plotin für die heidniſche Welt. Plotin erweist durch eine lange Reihe von Gründen, daß bie Eeele ald ein immaterielles Weſen eriftirt. — Wir heben zunächft das folgende Argument hervor: das Erkennen ift außer Stande, aus den Berhältnifien Törperlicher Elemente zu einander einen geiftigen Thatbeſtand abzuleiten, keine Zufammenjegung macht dag Hervortreten von Bemwußtjein, das in den Komponenten nicht vor⸗ handen war, erflärlih; dem Vernunftlofen kann durch Feine Kunſt Bernunft abgemonnen werden ?)., Dieſe Berweisführung hat nur die Tragweite, piychiiches Leben ala eine für unfer Erkennen von dem materiellen Thatbeitand ganz unterfchiedene, nie auf ihn zu⸗ rüczuführende Thatfache aufzuzeigen’). — Aber Plotin geht in diefem Zuſammenhang zu demjenigen Beweis fort, welcher in der europäilchen Metaphyſik die erfte Stelle behauptet Hat. Er war bei Plato und Wriftoteleg vorbereitet. Plato hatte mit tiefem Blicke hervorgehoben: wenn wir im Stande find, das in verjchiedenen Sinnen Gegebene zu vergleichen, Aehnlichkeit oder Unähnlichkeit außzufprechen, dann kann das nur in einem von den Sinnedorganen Berfchiedenen, in der Seele jelber geichehen *). Dann hatte Ariftoteles erlannt, daß ein Urtheil: ſüß ift nicht weiß, unmöglich ift, wenn dieſe Empfindungen an ver- — 1) Nemefiuß de natura hominis c. 2. 3. 2) Plotinu® Enn. IV 1.7 p. 456 ff., gegen bie Epikureer (p. 457), einige Peripatetiter (p. 458) und die Stoifer (p. 458 S.) gerichtet und ein vortrefflicher Nachweis der Unmöglichkeit einer Ableitung piychiicher Thatſachen, wenn diejelben nicht jchon in ben Erklärungsgründen vorausgeſetzt find. 3) Dal. S. 11 ff. 4) Plato Theaet. 185 ff. 398 Zweited Buch. Dritter Abſchnitt. Ichiedne Subjekte vertheilt werden und nicht vielmehr in demjelben Subjelt zujammen beftehen ).. Plotin unternimmt allgemein zu beweilen: wäre die Seele materiell, aladann könnte weder Wahr⸗ nehmung noch Denken oder Willen oder das Sittliche und Echöne vorhanden fein. Soll etwas, jo jchließt er hierbei, ein andered wahrnehmen, jo muß es eine Einheit fein; wenn die ein= tretenden Bilder, vermöge der Mehrheit der Sinnedorgane, ein Mannichfaches find, ja innerhalb des Empfindungskreiſes Eines Sinnedorgand ein Mannichfaltiges in fich Ichließen, jo müflen fie durch eine mit ſich jelbft idventifche Einheit zum Gegen— ftand verbunden werden; die Einnedeindrüde müffen in einer untheilbaren Einheit ji) begegnen. Er drüdt es in einem zu⸗ treffenden Bilde jo aus: die Wahrnehmungen müflen von der ganzen Peripherie des Sinneslebend her wie Radien eines Kreiſes in dem untheilbaren Mittelpunft des Seelenlebens zujammentreffen. Andern Falles würden innerlich viele Wahrnehmungen neben ein= ander entftehen, denn Theil A der materiellen und ausgedehnten Seele würde feine Eindrücde für ſich haben, ebenfo B und C; dies wäre alſo jchließlich fo, ala ob ein Individuum A und neben ihm ein Individuum B wahrnähme. Sind wir ferner im Stande, zwei Eindrücde unter einander zu vergleichen, von einander zu unter|cheiden, dann ſetzt bie voraus, daß fie in einer Ein = beit aneinandergehalten werden. In diefem wie in an« deren mehr untergeordneten Beweiſen ift der große Sag von der Unvergleichbarfeit der Leiſtung des Bewußtſeins mit dem, mad wir als Vorgang den Veränderungen in der Außenwelt zu Grunde legen, von Plotin ganz vollftändig durchgedacht worden. Dieſer Cab Hatte freilich irrthüimlicher Weiſe für ihn eine pofitive metapbufilche Beweidkraft; aber eine folche ift demſelben auch in der ganzen weiteren Entwidlung bis auf Leibniz, Wolff, Mendelsfohn, ja Lotze hin beigelegt werden; während er in Wirklichkeit nur einen negativen Werth, gegenüber jeder Art von materialiftifcher oder ogenannter moniftijcher Metaphyſik hat ?). — — — — — 1) Ariftotele3 de anima III, 2 p. 426b 15. 2) Plotinus Enn. IV 1.7 p. 461 ff. Bemerkenswerth aud) das parallele Auguftinus fügt eine erfenntnißtheoretiiche Unterlage hinzu. 399 Diefe Begründung der Lehre von feeliichen Subftanzen ift von Auguftinus durch feinen erkenntnißtheoretiſchen Geſichtspunkt vertieft und befeftigt worden. Er erklärt: „ich wage zu behaupten, daß ich in Bezug auf die Immaterialität der Seele nicht nur glaube, jondern ein ftrenges Willen habe” '). Sein Wiſſen ſahen wir?) darin gegründet, daß die ganze Erfenntniß der Außenwelt dem Skepticismus, der auf dieſe Erfenntniß fich bezieht, erliegen muß, dagegen die Selbftgewißheit in der inneren Erfahrung aufgeht. innere Erfahrung wird von ihm ala ein Willen erkannt, in dem und bereit3 das ganze Seelenleben gegeben ift, wann die Abſicht anftritt, deſſen Weſen zu erkennen. Der fpezifiiche Unter- ichied diefer inneren Erfahrung von aller Erkenntniß des äußeren Naturlaufs wird ausgeſprochen und die Inferiorität dieſer leßteren für den Erfenntnißzufammenhang wird durchſchaut. — Und zwar zeigt der „Inhalt der inneren Erfahrung auch dem Auguftinuß die Unvergleichlichteit de3 geiftigen Leben mit dem Naturlauf und ſonach die Unmöglichkeit einer Zurüdführung der geiftigen auf materielle Borgänge. Das geiftige Leben kann nicht al Qualität an dem Subjeft Körper aufgefaßt werden, denn man kann nicht die Leiftungen des geiftigen Lebens auf die eines materiellen Ganzen zurüdführen. Insbeſondere unterfcheidet den Geift, daB er in jedem Punkte des Körperd ganz gegenwärtig ift und die Empfindungen der Sinne zum Gegenftande des Bewußtſeins, ber Vergleihung und des Urtheild zu machen vermag ?). Die von den Neuplatonifern und dem an fie fich anjchließen- den Auguftinus begründete Metaphyſik der Seelenſubſtanzen ift Argument aus dem finnlicden Gefühl p. 462. Tenkt man fich die einzelne Stelle, an welche ich den Schmerz verlege, ihn empfindendb und eine Mittheis Yung dieſes Zuſtandes flattfindend, dann würben wir ben Schmerz aller in Mitleidenichaft gezogenen Stellen, alfe ein DVielfaches, fühlen. Geringer die Beweisführung aus dem Denken, der Zugend ꝛc. — Ueber ben nur nega= tiven Werth de3 Schluſſes vgl. S. 11ff. 487 f. 1) Auguſtinus de Gen. ad litt. XII c. 38. 2) ©. 331f. 3) Belegftellen aus Auguflinus habe ich S. 332 angegeben, die Haupt: darlegung war im erften Buche de libero arbitrio. 400 Zweites Buch. Dritter Abjchnitt. dann von den mittelalterlihen Philoſophen ausge— baut worden. Diefelben fchließen ſich an neuplatonijch gefärbte Quellen fowie an Auguftinus an und folgern aus der Beichaffen- heit geiftiger Vorgänge, daß dieſe nicht aus der Materie abgeleitet oder in irgend einem Sinne ala materiell aufgefaßt werden können '). Sie gehen in allen ftrengeren Beweilen für die Un— fterblichkeit von der Vergleichung der Leiftungen des piychiichen Lebens mit den Eigenjchaften eines Räumlichen und Körperlichen aus, folgern jo den Beſtand einer Seelenjubitanz, und aus diefem erſchließen fie die Unfterblichkeit. Wird die Beweisführung inZbe- ſondere durch die arabiichen Peripatetifer feiner und mannig= faltiger entwickelt, jo wird doch zugleich ihr Ausgangapunlt auf eine für die Beweiskraft nachtheilige Weile verjchoben. Man geht nicht von den Thatjachen des Wahrnehmen und Vergleichend, ſondern von denen einer abitrakten Wiſſenſchaft und der in ihr gegebenen all⸗ gemeinen Begriffe aus. Dies kann an den wichtigiten der arabilchen Beweiſe feſtgeſtellt werden, welche in der außgezeichneten Darftellung der Destructio destructionum bei Ibn Rojchd zufammengeftellt find. Der Hauptgrund ift hier: die abſtrakte Wiſſenſchaft ift untheilbare Einheit und kann ſonach nur einem Subjelt zufommen, das ebenfall3 untheilbare Einheit iſt—). Im Abendlande kehren diejelben Gründe wieder, e8 muß eine untheilbare Seelenjubitanz geben, das Untheilbare ift aber unzerftörbar *). Sie wurden dann durch foldhe von einem anderen Charakter ergänzt‘). Die fittliche 1) Thomas contra gentil. II c. 491. p. 197 ff. 2) Uverroed destructio destructionum II disputatio 2 und 3 fol. 135 n ff. 145 c ff. (Ven. 1562). Das Hauptargument in ber ihm von Ibn Sina gegebenen Geftalt findet fi) in den Gegenbemerfungen des Ibn Rojchd zu der ratio prima für die immaterielle Seelenfubftanz be: fonderd angegeben. Weitere Beweiſe Schließen aus der Undenkbarkeit defien, was aus der Annahme folgen würde, ein KHörperorgan 3. B. dad Gehirn denke; aladann wäre 3. B. ein Willen von unfrem Wiffen unmöglich. — Eine jehr korrumpirte Zufammenftellung der bei den Arabern gewöhnlichen Be: weite findet fich in bem Brief bes Ibn Sab'in an den Kaiſer Friedrich den Zweiten, der auch ragen bes Kaiſers über Unſterblichkeit beantwortet. 3) So Thoma contra gentil. II c. 49—55 p. 197 ff. 4) Dieſe Hlaffe von Argumenten gut zufammgefaht bei Bonavdentura in lib. II sententiarum dist. 19 art. 1 quaest. 1. Das Mittelalter bildet ihn fort. 401 Ordnung fordert Strafen, dieſe treten aber im Dieffeit3 nicht regelmäßig ein; wir finden in una ein natürliches Streben nach Glückſeligkeit und dieſes muß zur Befriedigung gelangen ; aus bem teleologifchen Zujfammenhang der Welt in Gott folgt, daß bie Schöpfung in ihr Prinzip zurückkehren muß, und wie fie von dem göttlichen Intellekt ausging, erreicht fie in geiftigen Weſen ihren Abſchluß ). Die Beweiskraft des Schluſſes auf den Beſtand immaterieller Subſtanzen iſt während des Mittelalters unerſchüttert geblieben. Denn die dogmatiſchen Naturbegriffe der mittelalterlichen Meta⸗ phyſiker boten ein Fundament für die Folgerung auf ein von der Natur unterſchiedenes Geiſtige. Dagegen iſt der weitere Schluß auf die individuelle Fortdauer der Einzelſeelen ſchon von mittelalter⸗ lichen Denkern als unhaltbar erkannt worden. Wie im Morgen- lande Ibn Roſchd die individuelle Unſterblichkeit in Frage ftellte, ſo gingen auch im chriſtlichen Abendlande Amalrich von Bena und David von Dinanto, wahrſcheinlich unter dem Einfluß arabiſcher Lehren, zur Leugnung der perſönlichen Fortdauer fort. Und zwar zogen fie die Konfequenz ber Vernunſtwiſſenſchaft, wenn fie in bem Sein, dad dem höchſten Begriff entipricht, bie Diffe- renzen ber Gattungen, Arten und Individuen gleichfam nur ein- gezeichnet vorftellten und jo jedes Einzeldafein ihnen nur die vor⸗ übergehende Modifilation derjelben Subſtanz war. Und Duns Scotuß bedient ſich zwar einer der oben bdargelegten verwandten Betrachtungsweiſe, um jede Art materialiftifcher Vorſtellung abzu⸗ wehren, aber er erkennt bereit3 nicht mehr ar, daß die individuelle Fortdauer aus ihr folge 2). Das Mittelalter hat, entiprechend feinem geringeren Intereſſe für die wiflenfchaftliche Durchbildung der Begriffe von der Wirk- 1) Thomas contra gentil. II c. 46 p. 192 =. 2) Ueber Amalrich von Bena und David von Dinanto Haureau histoire d. 1. phil. scol. I, 1 p. 73 ff, vgl. oben S. 386 |. — Die wichtige Befireitung ber Beweisbarkeit perfönlider Fortdauer, wie fie Duns Scotu3 in die hriftlicde Scholaftil einführte, vgl. bei Duns Scotus reportata Paris. ]. IV dist. 43 und die entſprechende Darftellung in sent. Dilthey, Einleitung. 26 402 Zweite Buch. Zritter Abfchnitt. lichkeit, das Syſtem der kosmologiſchen Säße nur höchſt un— vollkommen entwickelt, und was es dem Erwerb des Alter⸗ thums zufügte, war ein aus dem Intereſſe an der transſcendenten Welt ſtammendes Problem. Denn die Antinomien, welche die Kritik der Eleaten, Sophiſten und Skeptiker in der Weltvor- ftellung aufgezeigt hatte, wie räumliche Endlichkeit und räumliche Unendlichkeit, Etätigfeit der äußeren Wirklichkeit und Zerlegbarkeit in diskrete Theile, wurden nun vergeſſen oder die Schärfe ihrer Begriffe wurde abgeftumpft. Dagegen trat diejenige hervor, welche den Angelpunft aller Kämpfe des jpäteren Mittelalters um Die veritandegmäßige Begründung der chriftlichen Gottegidee bildet. Dies ift die Antinomie zwilchen dem Theorem von der Ewigkeit der Welt und dem von ber Schöpfung d. h. dem Urſprung der Melt in der Zeit aus dem bloßen Willen Gotted. Die Yolge- richtigfeit des Weltzufammenhangs nad) den der Außenwelt an- gehörigen Berhältniffen der Bewegungen zu einander, deren Re— präjentanten Ariftoteled und Ibn Roſchd, der Ariftoteles der Araber, waren, fand fi in Widerjpruch mit der chriftlichen Glaubenswelt, und dies war der wichtigite Theil des ſogenannten Kampfes zwiſchen Glaube und Unglaube im Mittelalter. 3. Innerer Widerfprud der mittelalterliden Metaphyfil, der aus der Verknüpfung der Theologie mit der Wiſſenſchaft vom Kosmos entjpringt. Charakter der fo entftehenden Syiteme. Aus der Vereinigung zweier Ströme, deren einer in Europa entjprungen tvar, der andere im Morgenlande, ift die mittelalter- liche Metaphyſik hervorgegangen. Indem fie in diefem Stadium ihre Aufgabe vollftändiger umfaßte, machte fi in ihr die An tinomie zwiſchen der inneren Erfahrung und dem Vorftellen, dem Erkennen viel gründlicher als vorher geltend. Dieje Antinomie ericheint nun ala MWiderfpruch zwijchen dem Bufammenhang ber Natur, deren Begriff von der äußeren Wahrnehinung aus feft- geftellt wird, und der moraliſch-religiöſen Weltordnung, deren Charakter der mittelalterliden Metaphyſik. 403 Gewißheit von den inneren Erfahrungen bes Willens aus in ber Menfchheit entftanden ift und ungerftörbar aus ihnen immer neu hervorwächſt. Die Antinomie war auf dem Standpunkt der natür- lichen Weltanficht, wie ihn Ariftotele8 begründet Hatte und bie Scholaſtik einnahm, nad) welchem die eine wie die andere Welt- ordnung ein objektiver Zuſammenhang ift, unauflösbar. Bald bewirkte fie die Ausbildung von Sat und Gegenſatz in den ver- ſchiedenen Schulen, bald arbeitete fie in den einzelnen Syſtemen Telber, diefelben durch Widerjprüche zerfeßend. Sie gejellte ih nun zu den Wiberfprüchen, an denen die Wiffenfchaft vom Kosmos und die Theologie bereits litten, und jo trat der allgemeine dur) An— tinomien beftimmte Charakter der mittelalterlichen Metaphyſik immer klarer hervor. Er äußerte fich in der Form ihrer Darftellung und löfte jedes Syftem in Quäftionen auf, in denen Sat und Gegenſatz fich an allen Stellen befämpften. Und der Hauptwiderſpruch kam an ganz verfchiedenen Punkten bes mittelalterlichen Syſtems wie ein geheimer Schaden im Blute zum Vorſchein, in dem Streit zwilchen dem Willen Gottes und feinem Veritande, zwiſchen der ewigen Welt und der Schöpfung aus Nichts, zwiſchen den ewigen Wahrheiten und der Delonomie bes Heild. Ya er erftredte fich in feinen Wirkungen jchließlich in Die Konfteuftion des großen gejellichaftlichen Dualismus der mittel- alterlichden Welt. Antinomie zwiſchen der VBorftellung des göttlichen Intellekts und der Vorftellung de3 göttlichen Willens. Die Metaphyſik als Vernunftwiſſenſchaft, wie fie in Arifto- tele ihren Abſchluß gefunden, Hatte die Gottheit ald „Denken des Denkens“ beitimmt. In Ariftoteles verkörperte ſich für das Mittelalter die Theft, nach welcher die Welt, wie fie in ber äußeren Erfahrung gegeben ift, einen dem Denken angemefjenen Zufammenhang bildet, welcher als Gedankenmäßigkeit, Zufammen- ftimmung, Zweckmäßigkeit erfannt und auf eine höchſte Intelligenz zurüdgeführt wird. 26* 404 Zweites Bud. Dritter Abfchnitt. Die Peripatetiker des Islam ftanden, wie wir ſahen, in Zuſammenhang mit ber älteren peripatetiichen Schule und unter dem Eindrud der fortichreitenden Naturerkenntniß. Sie zogen aus der Art, wie vom Studium der Außenwelt aus der meta- phyfiſche Zuſammenhang erjcheint, eine Yolgerung, welche die Ver⸗ nunftiviffenfchaft des Ariftoteles einen Schritt weiter, Spinoga und dem mobernen intellettualiftiichen Pantheismus entgegen führte ’). Berbleibt man innerhalb des Studiums ber äußeren Wirflich- feit, fo gilt daß: ex nihilo nihil fit?). Bon dieſer PBoraus- ſetzung aus Hält Ibn Rofchd an ber ariftoteliichen Ewigkeit der Welt feſt. Der gebantenmäßige Zuſammenhang dieſer ewigen Welt ſteht nun mit dem Berftande Gottes und zugleich mit dem menjchlichen Intellekt in Beziehung. Dies für die Vernunftwiſſen⸗ Ihaft grundlegende Verhältnig empfängt bei den arabijchen Peripa⸗ tetifern, inZbefondere bei Ibn Roſchd eine geänderte Fafſung, indem der leßtere nad) dem Vorgang des Ibn Badja die menjchlichen Einzelintelligenzen nicht von einander trennt, ſondern ala in dem univerjellen Verftande enthalten betrachtet. So entfteht die erfte Formel deffen, was dann ala unendlicher Intellekt Gottes bei Spinoza, ala Weltvernunft in der deutichen Spekulation erjcheint. Diefe Einheit des in der reinen Erkenntniß wirkſamen Intellekts erjcheint unter einem beftimmten Gefichtspunkt ala berechtigte Konjequenz der ariftoteliicden Vernunftwiſſenſchaft. Abſtrahirt man von den Erfahrungen des Willens, jo liegt in dem iſolirt betrachteten Intellekt thatjächlicy ein über da In⸗ dividuum Hinaußreichender Zuſammenhang, vermöge deflen die Prämiffen des Denkens von Ariftoteles in das Denten des Plato 1) Da3 dritte Buch der Piychologie des Ariftoteles wurde ber Aus⸗ gangspunkt für bie Lehre vom einheitlichen Intellekt: Alexander von Aphro⸗ difiad, Themiftius, die pſeudoariſtoteliſche Theologie enttwidelten fie, und die arabifchen Peripatetiler benukten die Theorien vom leidenben und thätigen Berftande bei Alexander und Themiftius. 2) Die eingejchräntte Geltung des Sapes ex nihilo nihil fit hat ſchon Thomas don Aquino erkannt: der Satz bat feine Geltung für bie trans icendente Urfache, contra gentil. II c. 10. 16. 17. 97. Die arabifchen Peripatetiler u. d. Theorie vom einheitlichen Verſtande. 405 und weiter des Parmenided 2c. zurüdteichen, und die Allgemein- gültigleit der Säbe dad Individuelle aufzuheben ftrebt. Dies Un⸗ perjönliche des Denken? erhält in dem Maße für die metaphyfiſche MWeltanficht größeres Gewicht, als das Syſtem der allgemeinen Begriffe und Wahrheiten im Geifte verjelbfländigt wird. Wird das Weſen des Menfchengeiftes im Denlen gefunden, jo fehlt ein Prinzip, welches dem Einzelgeifte feinen jelbftändigen Mittelpunkt ficherte, denn ein ſolches liegt nur in dem Lebenägefühl und dem Willen. Menden wir diefe allgemeinen Sätze an. Der Intellektualis⸗ mus der arabilchen Peripatetifer, wie er in Ibn Roſchd feinen Höhepunkt erreicht Hat, findet in Borgängen des Wiſſens das Band des Weltzufammenhangs, und felbjt die Vereinigung der Seele mit Gott vollzieht fich ihm in der Wiſſenſchaft. Ihm fehlt ba- ber, in folgerihtigem Zuſammenhang mit dem Griumdgedanten der ariſtoteliſchen Vernunftwiſſenſchaft, Tür die geiftige Welt ein Prinzip der Imdividuation?!); da in der Materie ein ſolches nur für die finnlicyen Einzelexiſtenzen gegeben ift. Sa Yon Roſchd ift ih der Eigenschaften des Denken, welche die Alte deſſelben in verjchiedenen Individuen innerlich zu Einem Vernunftzufammenhang verbinden, fehr klar bewußt. Er jchließt daraus, daß das Denken dad Unveränderliche zu feinem Gegenftande hat, e8 müſſe jelber ewig fein?) In dem über Entitehfung und Untergang der Individuen hinausgreifen⸗ den Zufammenhang der Wiſſenſchaft iſt das Auftreten dieſes oder jened Denlkers nur zufällig, der Verſtand jelber ift ewig ®). 1) Averroed destructio destructionum II disp. 3 fol. 145 (Venet. 1562): nam plurificatio numeralis individualis provenit ex materia. 2) Averroed de animae beatitudine c. 3 fol. 150 ff. 3) Destructio destructionum II disp. 2 fol. 144K, Averroe zu der ratio decima: igitur necesse est ut sit non generabilis, nec cor- ruptibilis, nec deperditur, cum deperdatur aliquod individuorum, in quibus invenitur ille. et ideo scientiae sunt aeternae et nec generabiles nec corruptibiles, nisi per accidens, scilicet ex copulatione earum Socrati et Platoni .. . quoniam intellectui nihil est individuitatis. 406 Zweites Buch. Dritter Abſchnitt. Der einheitliche Verſtand entipricht der Selbigkeit der Vernunft- wahrheit in den vielen Individuen‘). Nur jo ift erflärbar, dab der Intellekt das Allgemeine, und zwar nicht im Berhält- niß einer durch die Materie ihm zufallenden endlichen Stellung in der Körperwelt, zu erkennen vermag ?). Daber ift die menſch⸗ liche Wiſſenſchaft ala in fich zufammenhängendes Ganze ein in Gott gegründeter, nothivendiger und ewiger Beltandtheil der MWeltordnung. Sie ift unabhängig von dem Leben des einzelnen Menfchen. Ex necessitate est, ut sit aliquis philosophus in specie humana >). — Innerhalb diefer panlogiftiicgen Ver⸗ faflung de Syſtems tritt von Neuem bei bon Rojchd die pantheiftiiche Konjequenz derjenigen Bernunftwiflenichaft hervor, welche die Gedantenmäßigkeit der Welt in dem realen Zuſammen⸗ Hang der Gattungen und Arten fieht. Ibn Roſchd's Lehre von dem ewigen und univerjellen Verftande entiprang näher aus der ariftoteliichen Anficht von den Prinzipien der Individuation. Das Einzelweſen befteht aus Stoff und Form; nun ift Stoff den Geiſtern ober Seelen nicht beizulegen, ihre Yorm oder Weſenheit aber ift identiſch; jonach müſſen fie jelber identiſch ſein ). — Und dem entipricht die Verjchiebung des Ausgangspunktes der Beweiſe für die Unfterblichkeit, die wir in feiner Darlegung derſelben her⸗ aushoben. In der Vereinigung mit dem von Gott audftrahlenden „wirkenden Geiſte“ befteht diejenige Unfterblichkeit des Menſchen⸗ 1) Destr. destr. Idisp. 1fol.20 1: et anima quidem Socratis et Platonis sunt eaedem aliquo modo et multae aliquo modo: ac si diceres sunt eaedem ex parte formae, et multae ex parte subjecti earum . .. anima autem prae caeteris assimilatur lumini, et sicut lumen dividitur ad divi- sionem corporum illuminatorum, deinde fit unum in ablatione corporum, sic est res in animabus cum corporibus. 2) Albertu3 Magnus de unitate intellectus contra Averroem c. 4. — Die Argumente find im Text frei wiedergegeben, da fie in ihrer genauen Faſſung die Spezialitäten der averroiſtiſchen Metaphyſik vorausſetzen. — Dal. übrigend Leibniz, Considerations sur la doctrine d’un esprit uni- versel, welche ſchon Averroes zu Spinoza in Beziehung eben. 3) Averroes de anim. beat. c. 2 fol. 1496. 4) Averroes destr. II disp. 3 fol. 145 ff. Emanatiftiiche Form bes Panlogismus. 407 geiftes, welche Ibn Roſchd als in der Vernunftwiſſenſchaft begründet anerkennt !). Mag trennt dieſe Theorie noch von Spinozas unendlichen göttlichen Sintellett oder von dem Panlogismus der deutlichen Identitätsphiloſophie? Innerhalb des naturwiſſenſchaftlichen Den- kens ift e3 die aſtronomiſche Konſtruktion der Welt, welche Gott räumlich von der Welt jondert und den Bezirk der volllommenen, unveränderlichen Bervegungen noch von dem der Beränderlich- keit, des Entſtehens und Vergehens ſcheidet. So entfteht bei den arabiichen Peripatetifern die emanatiftiihde Form ded Pan- logisſmus, welche der pantheiftilcden vorausgeht. Das Schema entipringt, nach welchem einerfeit3 ein Bewegungsſyſtem ſich ab» wärts in der Welt abftuft, andrerjeit3 ein Willen. Don der Wiſſenſchaft Gottes ftrahlt das Wiſſen aus und, dem Lichte gleich, das in die trübe Atmoſphäre hineinjcheint, zerftreut es fi und ſchwächt fi) ab, indem es von einem Weltkreiſe der Bewegung zum andern fich fortpflanzt. So trennen fi) in der emanatifti= ſchen Vorftellung des Ibn Roſchd Intelligenzen von einander, bis zu dem feparaten Intellekt abwärts, der im menjchlichen Denten fi) der Seele verbindet. Das ift der ganz vergängliche Theil der berühmten Theorie des Ibn Roſchd vom gejonderten einheit« lichen Intellekt, welche jo viele Yedern im chriftlichen Abendlande in Bewegung jebte. Zwiſchen dieſer Wiffenjhaft von dem gedanten- mäßigen Zufammenhang des Kosmos und der Lehre von einem wirkliden Willen in Gott befteht ein unauflösbarer Widerſpruch. Der unerbittlihe Scharffinn des Ibn Roſchd hat ihn erfannt und fchließt den freien Willen in Gott durch folgende Beweizführung aus?). Die Welt ift entweder möglich in dem — — — ·— ⸗ 1) Das Nähere hierüber bei Renan Averroès? p. 152ff. und exakter bei Munk, Le guide des égarés, traité de theologie et de philosophie t. I p. 484 Note 4. — Die Berichiebung der Beweiſe, nach welcher Ibn Roſchd hauptjächlich von der Thatſache ber abftratten Wiſſenſchaft ausgeht, ift angedeutet und belegt ©. 400. 2) Rhilojophie und Theologie bez Averroes (Müller) S. 79 ff. 408 Zweites Bud. Dritter Abfchnitt. Sinne, daß aus der Wahl Gottes auch andere Eigenſchaften Der Dinge hätten hervorgehen Tönnen, oder in ihr ift ein höchfter Zweck vermöge der angemeflenen Mittel und: in einem Zujammenbang, der nicht anders gedacht werden kann, verwirflidt. Nur in Dem leßteren alle exiftirt für und ein vernünftiger Zuſammenhang, ber auf ein erſtes Denken führt. „Wenn man nicht einfieht, daß es zwilchen den Anfängen und den Bielpunkten in den berbor- gebrachten Dingen Mittelglieder giebt, auf welche die Exiſtenz der Zielpunkte gebaut ift, jo giebt e3 feine Ordnung und Reihenfolge, und wenn e3 dieje nicht giebt, jo exiftirt fein Beweis, daß dieje Mejen ein wollendes, wiſſendes Agens haben. Denn die Ordnung und Anreihung und das Gegründetfein der Urſachen auf Die Wirkungen beweift, daß fie von einem Willen und einer Weisheit abftammen.“ Den gedantenmäßigen Zufammenbang bis zu feinem erften Prinzip erkennen, ift ihm hiernach, Gott erfennen, und die Dinge ala zufällig betrachten, beißt ihm Gott leugnen. Auch ergiebt ſich die Unmöglichkeit der Wahlfreiheit in Gott daraus, daß fie in ihm einen Mangel, einen leidenden Zuftand, eine Veränderung vorausſetzen würde. Daher bedeutet der Wille in Gott, daß die Vorftellung des volllommenften Zweckes einen nothiwendigen Zuſammenhang der Verurſachung in Gott in Be- twegung feßt. Und dies nennt Ibn Roſchd die Güte Gottes! Stellt Thoma? von Aquino Hier wie überall nur ein fünftliche® Gleichgewicht zwiichen den Sätzen und Gegenſätzen ber, mit welchen die Scholaftif ringt!), jo Hat dagegen Duns 1) Thomas von Aquino verbleibt in der Auffaflung bes Willen unter dem Banne de3 Intellektualiſsmus; vergl. contra gentil. Ic. 8327. p.112 a. Er verlegt aber die Antinomie in den Willen Gottes jelber, indem er die Nothwenbigfeit, mit welcher biefer feinen eigenen Inhalt ala Zweck will, von ber Freiheit unterfcheibet, mit welcher er deſſen Mittel in der zufälligen Welt will, da er doch auch ohne diefe Mittel feine Bolllommens heit beißen könnte; vergl. summa theol. p. I qu. 19 art. 3. Und zivar enthält nach ihm ein joldder Wille keine Unvollfommenheit, weil ex fein Dbjelt ftet3 in fich felber hat; vergl. ebdf. art. 2. So will Gott ewig was er will, nämlich feine eigene Vollkommenheit, ſonach auf nothwendige Weile; ebdf. art. 3. Hiernach ift augenfcheinlich Gottes Wille nach Thomas in feinem Kern nothwendig, wie fein Wiffen. Duns Scotu3 und die Antinomie zwilchen Intellekt und Wille in Bott. 409 Scotus) diefe Antinomie mit klarem Bewußtſein aufgefaßt, und er fuchte fie nicht wie Ibn Roſchd wegzuſchaffen, indem er den Willen bei Seite brachte, ſondern fein Syftem bezeichnet ben Puntt im mittelalterlicden Denten, an welchem mit derfelben energifchen Schärfe des Geiftes der verftandegmäßige Zufammenhang in der Welt und dad dem Berftande fich entziehende Walten der Freiheit anerlannt werden. Daher ift fein Syſtem von diefem Wider- fpruch in der Mitte zerriffen. Der Beitandtheil der Weltauffaffung, welcher einen gedanfenmäßigen nothwendigen Zuſammenhang er- kennt und ihn auf eine denfende Urſache zurüdführt, ift gänzlich ge⸗ trennt don dem anderen, welcher eine unableitbare Thatjächlichkeit, die eben jo gut ander? fein, und einen freien Willen, der wollen oder nicht wollen kann, feftftellt und Beides auf ein Prinzip des Willen? zurüdführt. Hiervon war die Bedingung, daß er eine erfte gründliche Analyje der Willensfreiheit vornahm; die⸗ jelbe zieht fich durch. feine ganze fchriftftelleriiche Thätigkeit hin- durch. Er ftellt fich dem Ariftoteles jelbftändig gegenüber, welcher das Problem des Unterſchieds von Wille und Denken nicht zu- reichend behandelt habe ?), und thut den Schritt zu klarem Erfaſſen der fich ſelbſt beftimmenden Spontaneität®). Diele ift eine unmittelbar gegebene Thatſächlichkeit“). Diefelbe kann nicht geleugnet werden; denn die Zufälligfeit des Weltlaufs ift augenscheinlich, wer fie beftreitet, müßte gemartert werden, bis er zugefteht, es jei auch möglich, daß er nicht gemartert würde; diefe Zufälligfeit weift aber auf eine freie Urſache. Die Thatſache bes freien Willens kann andrerfeitd nicht erflärt werden; denn 1) Ich benuße befonderd? Duns Scotus in sent. I dist. 1 und 2; dist. 8 quaest. 5; dist. 39 befonber® quaest. 5; II dist. 25. 29. 48. 2) Duns Scotus in sent. I dist. 2 quaest. 7. 3) Bal. mit Ariftotele® S. 268 Tuns Scotus in sent. II dist. 25 quaest. 1. 4) Duns Scotus in sent. I dist. 8 quaest. 5: et si quaeras, quare igitur voluntas divina magis determinatur ad unum contradictoriorum, quam ad alterum, respondeo: indisciplinati est, quaerere Omnium causas et demonstrationem .. principii enim demonstrationis non est demonstratio: immediatum autem principium est, voluntatem velle hoc. 410 Zweites Buch. Dritter Abichnitt. daß jie der Auflöfung in Vernunftzufammenhang unzugänglich ift, macht eben ihren Charakter aus. Sonach find das Denken in ' Gott und der Wille in ihm zwei letzte Erklärungsgründe, deren feiner auf den anderen zurüdgeführt zu werden vermag 1). Zwar ijt der Intellekt die Bedingung des Willend, aber biejer letztere kann das was der Intellekt vorftellt, wollen oder nicht tollen, ganz unabhängig von jenem. So ift in dem Syſtem des Duns Scotus Dualismus der Ausdrud der Antinomie, von welcher es beivegt ift. Er bat dieſe Antinomie jo durchſchaut, daß feine Begriffe nur in das Pſychologiſche und Erkenntnißtheoretiſche umgedacht zu werben brauchen. Denn der Verftand ift nach ihm eine natürliche und nach dem Gejehe der Nothwendigkeit wirkende Kraft, in dem Willen, aber nur in ihm allein, wird ber nothwendige Naturzulammenhang überfchritten, und zwar ift der Wille eben frei, jofern bier das Aufluchen einer ratio endet *). Schließlich Hat Dun? Scotuß die Annahme der vom Verſtande getrennten Frei⸗ heit in Gott big zu dem Sabe verfolgt, daß auch fittliche Geſetze ihm in diefem Willfürafte Gottes allein begründet fchienen. | So erkennt das Denken des Mittelalterd die Unmöglichkeit, ein inneres Verhältniß von Wille und Intellekt in diefem höchſten göttlichen MWejen (dem Abbilde des Gegenſatzes unſeres wiſſen⸗ Ichaftlichen Denkens des Kosmos und unjerer Willenserfahrungen in ungeheurem Maßftabe) zu entwerfen; denn es kann weder Mille in Gott noch PVerftand in ihm leugnen, e8 vermag aud) nicht eind dem andern unterzuordnen und am wenigiten kann ed fie koordinirt nebeneinander ftellen, ala lebte objektive und einander heterogene Thatjachen, wie Dund Scotus gethan hatte. Und wie in Ibn Roſchd die eine Seite diefer antinomijchen Meltordnung einfeitig entwidelt worden war, fo finden wir in 1) Duns Ecotu in sent. I dist. 2. 2) In sent. II dist. 1 qu. 2: sicut non est ratio, quare voluit naturam humanam in hoc individuo esse et esse possibile et contingens: ita non est ratio, quare hoc voluit nunc et non tunc esse, sed tantum quia voluit hoc esse, ideo bonum fuit illud esse. Vgl. hierzu und zur ganzen Lehre vom Willen Duns Scotus quaestiones quodlibetales, quaest. 16. Occam und bie Theorie bes Willen. 411 dem Fortgang der Metaphufit des chriftlichen Abendlandes ins⸗ beſondere dur Occam die andere in ihre legten Konſequenzen fortgeführt). Jene mußte im weiteren Verlauf in dem Panlo- gismus endigen, diefe mußte die Metaphyſik gerftören und der inneren Erfahrung fowie dem in ihr gegebenen Willen Raum maden. Jene führt zu Spinoza und Hegel, dieje zu den Müftitern und Reformatoren. Inden aber in der Metaphyſik jelber da Prinzip des Willens, ja der Willkür geltend gemacht wird, zerießt der Hierin liegende Widerſpruch zwiſchen der Form und dem Inhalt die Metaphyſik, deren Weſen debuftive Folge⸗ richtigkeit ift, und er erfcheint in Occam und feinen Schülern ala Hrivolität und al Flucht in ein jupranaturaled asylum ignoran- tiae, während zugleich ein tiefer Emft in der Behauptung des großen Prinzips der Willendperfönlichkeit und ihrer freien Macht gegenüber aller Autorität und aller leeren Abftraftion in Occam fi geltend macht. Indem Occam ſo die Antithefis der Antinomie ebenfo ein- jeitig entwidelte, wie Ibn Roſchd die Theſis außgebildet Hatte, empfing nunmehr der Nominaligmuß einen Lebens— gehalt. Dieſer Hatte in Rozcellinug mit unfruchtbarer Negativität die Begriffe, welche ein Allgemeines oder ein Ganzes audfprechen, verneint, während gerade auf den lebteren die ganze theologilche Dogmatik ald Lehre von der Delonomie des Heils berubte. Jetzt wirkte das Prinzip der Erfahrung, welches bisher nur eine unfruchtbare Erinnerung des Alterthums und ein todtes Spiel des Verſtandes geweſen war, pofitiv und aufbauend. Es Hat in Roger Bacon das Studium der Außenwelt, in Occam die ſelb⸗ ftändige Betrachtung der inneren Erfahrung begründet. Occam ift die mächtigfte Denterperfönlichleit des Mtittelalterd ſeit Au⸗ auftinus. Wie er die Independenz des Willens verkündete, jo bat er fie auch kämpfend in feinem Leben dargeftellt. Ihn be= 1) Sie parallele Erfcheinung im Morgenlande fehlt auch bier nicht. Sie Mutalalimun fubftituirten dem Kauſalzuſammenhang ber Natur un: mittelbare Einzelakte Gottes und führten jo ben Weltlauf als zufällig auf den göttliden Willen zuräd. 412 Zweites Bud. Dritter Abſchnitt. ſeelt das moderne Prinzip der unabhängigen Willensmacht der Perſon. Das Objekt des Willens find die Einzeldinge; die allge- meinen Begriffe Zeichen; das Band zwiſchen ihnen und dem gött- lichen Intellekt, das alle Bernunftwifjenichaft zujammengehalten hatte, ift zerrifien; und die praktiſche Theologie jelber wird zerjeßt von dem Gegenſatz der jcholaitiichen Verftandeserörterung als ihrer Yorm, und der Willenderfahrung ala ihres Inhaltes. Als Luther, ein eifriger Leſer Occam's, die Independenz der Erfahrungen des Willen? ausſprach und den perfönlichen Glauben von aller Metaphyſik auch in Bezug auf die Yorm fon- derte, da war die Metaphyſik bes Mittelalter burch eine freiere Geſtalt de Bewußtſeins abgelöfl. Aber jo langſam arbeitet Die Wahrheit in der Geſchichte, daß die altproteftantiiche Dogmatik wie in einem Schattenjpiel die Begriffe der mittelalterlichen theo- logiſchen Metaphyſik wieder erfcheinen ließ. Die Gedantenmäßigkeit der äußeren Welt ift die Grundvorausſetzung der Wiſſenſchaft, und dad Syftem der Erjcheinungen nach dem Sabe vom Grunde iſt ihr Sdeal; wo aber die Erfahrungen des Willens und des Ge⸗ müths beginnen, bat eine ſolche Erkenntniß feine Stelle mehr. Antinomie zwifchen der Emwigleit der Welt und ihrer Schöpfung in der Beit. Die Antinomie, welche die mittelalterliche Metaphyfit im Inner⸗ ften zerreißt, ſetzt fich in die Auffafjung des Verhältniffes Gottes zur Melt fort. Der Wiſſenſchaft vom Kosmos ift die Welt ewig, ber Erfahrung des Willens Schöpfung aus Nichts .in der Zeit. Die arabiichen Peripatetiler find die Repräfentanten der erfteren Lehre, und wie die Leugnung der Unfterblichteit Hat die Neberzeugung von der Ewigkeit der Welt und der Unabhängigkeit der Materie dem abendländilchen Mittelalter die Geftalt des Son Rojchd zu einem Typus des metaphyfiichen Unglaubens gemacht. Won Albertus ab bekämpft die abendländifche Metaphyſik diefe Meberzeugung mit einleuchtenden Gründen. Sie verfucht ihrerjeit? vergeblich, Die Ewigkeit ber Welt und Schöpfung aus Nichts. 413 Schöpfung der Welt aus Nichts in der Zeit vorftellig zu machen und in einer Wiffenichaft vom Kosmos ihr einen Platz zu be= ftimmen. Die Lehre von der Ewigkeit der Welt war innerhalb der ariftotelifchen Wiflenjchaft nothivendig!). Es giebt innerhalb der kosmiſchen Anjchauung von dem Syſtem der Bervegungen feinen Weg zu dem Gedanken eines bewegungsloſen Zuſtandes oder gar zu dem einer Abweſenheit der Materie: dieſes Syſtem muß ala ewig gedacht werden. Der Sa: aus Nicht? wird Nichts fordert die Ewigkeit der Welt und fchließt jede Schöpfungslehre aus 2). Die hriftlihe Schöpfungslehre war der vorftellungs- mäßige Ausdrud für die inmere Erfahrung der Trandfcendenz des Willens gegenüber der Naturordnung, wie fie in dem Vermögen, fein Selbft aufzuopfern, ihre höchſte Erfahrung Hat. Sie ver- neinte den Naturprozeß als Welterflärung, mochte er emanatiftijch oder naturaliftiich gedacht werden ?), ſowie die Einſchränkung des göttlichen Vermögens durch eine Materie. Aber fie vermochte ihren pofitiven Gehalt mur durch die für die VBorftellung unvollziehbaren Formeln: „ex nihilo‘“‘, „nicht aus dem Weſen Gottes“, „in der Zeit“ auszudrücken *). Aus dem Gegenjaß diefer beiden Begriffe entfteht eine Antinomie, jofern das religiöje Bewußtſein die Beziehung Gottes 1) Dal. ©. 268. 2) Renan (Averroös ? 108 ff.) giebt eine Erörterung bed Ibn Rofchb aud dem großen Kommentar defielben zur Metaphyfik bes Ariftoteles (Buch XII) in Uebertragung, twelche über diefe Theis fich zureichend aus. ſpricht. 3) Thomas contra gentil. I c. 81 8q. p. 1112; IV c. 18 p. 502: Deus res in esse producit non naturali necessitate, sed quasi per intel- lectum et voluntatem agens. 4) Die Yormel ex nihilo ift die Meberiragung von 2 Matt. VII, 28; in ber Stelle war möglicherweife das Nichtfeiendbe in platoniſchem Sinne zu verſtehen; jchon Hermas mandatum 1 (Pastor, herausgeg. v. Gebh. u. Harn. p. 70): 6 moınoas dx rou un ovros els TO elyaı ra navre, — Die Begründung der Antithefis, nämlich ber Schöpfungslehre 3. B. Thomas contra gentil. II c. 16 p. 145®. 414 Zweites Buch. Dritter Abſchnitt. zur Welt irgendwie zu erfennen fi) auf dent untritiichen Stand- punkt genöthigt findet. Denn unter den Bedingungen de Wor- ftellend und Erkennen? muß die Welt entweder ewig oder in der Zeit entftanden und entweder aus der Materie geformt oder aus Nicht? geichaffen gedacht werden. Und zwar kann jebes diejer beiden Glieder durch Aufhebung des anderen gejeht werden. Das Ringen de Mittelalters mit diefer Anti— nomie ftellt fi) darin dar, daß Sab wie Gegenjat durch ent= Icheidende Gründe vernichtet werden, aber die Berjuche einer befriedigenden pofitiven Aufftellung vergeblich find. Diefer Streit befteht jeit dem Anfang des achten Jahrhundert? zwijchen den arabiſchen Theologen und Philoſophen, aber insbeſondere Die Epoche von Ibhn Roſchd, Albertu® Magnus und Thomas von Aquino ift erfüllt von ihm. — Einerfeit3 wird die Eriftenz der Materie und die Ewigkeit der Welt von der Hriftlihen Phi— lofophie widerlegt. Langſam war die Lehre von der Formung ber Materie feit Ibn Sina bei den arabiichen PBeripatetifern her⸗ angewachſen; in Ibn Roſchd empfing fie ihre Härtefte Yorm, da nad ihm in der Materie die Formen Teimartig liegen und durch die Gottheit bervorgezogen werden (extrahuntur), und wie Dieje Lehren in’3 Abendland dringen, nimmt Albertu3 den Kampf gegen fie auf. Die Unmöglichkeit der Ewigkeit der Welt wird von Albertus daraus eriwiefen, daß von dem gegenwärtigen Zeitmoment ab rückwärts nicht eine unendliche Zeit verfloffen fein Tann, da fonft diefer Zeitmoment nicht eintreten Tonnte !). 1) Albertus Magnus summa theol, II tract. 1 qu. 4 m. 2 art. 5 part. 1 p. 55aff. Dal. Kant 2,338 ff. (Roſenkr.). Eine gute Tarftellung im Kufart, wo ber erfte Lehrſatz der Mebabberim (das heißt der philofophirenden arabiſchen Theologen) jo gefaßt if: „Zueft muß man die Erichaffenheit der Welt feftftellen und dies durch Widerlegung des Glauben? an bie Nichter: Ichaffenheit beftätigen. Wäre die Zeit ohne Anfang, jo wäre die Zahl der in diejer Zeit bis jet beftandenen Individuen unendlich; was unendlich ift, tritt aber nicht in die Wirklichkeit, und wie find jene Individuen in die Wirklichkeit getreten, da fie ja ber Zahl nach unendlich find?"..... „was in die Wirklichkeit tritt, muß endlich fein, was aber unendlich if, kann nicht in die Wirklichkeit treten.” Alſo hat bie Welt einen Anfang. KHufari überſ. von Caſſel ? ©. 402. Ebenfo beftimmt jchon bei Eaabdja Das Ringen mit diefer Antinomie. 415 Und die Unmöglichkeit einer Materie neben Gott wird daraus gezeigt, daß fie Gott einjchränten und ſonach feine Idee aufheben würde. — Andrerſeits weifen die Araber nad), daß in dem Zu— ſammenhang der natürlichen Weltanficht die Schöpfung nicht ge- dacht werden kann. Denn, wie Ihn Roſchd richtig folgert, die Entftehung aus Nicht? in der Zeit hebt den Grundſatz der Wiſſen⸗ ſchaft: ex nihilo nihil fit auf. Eine Veränderung, für welche von außen ein Grund nicht vorliegt und die von innen nicht aus einer anderen Veränderung folgt, kann nicht gebacht werden ). Dertheidigen fi Albertus und Thomas hiergegen durch die Unterfcheidung des natürlichen Bewegungsſyſtems und der trans⸗ feendenten Urjacje 2): jo find wir Hier bei einem Webergang aus dem Ueberfinnlichen zu den Naturvorgängen angelommen, welcher ſich der Borftellbarkeit entzieht. Daher denn ſchon von Thomas ab die Schöpfung dem Glauben überlaflen und von der Metaphyfik audgeichlofien wurde. Cine andere Antinomie ift mit dieſer verfnüpft, führt aber bereit8 in die metaphufiiche Behandlung der Geiſteswiſſenſchaften. In Gottes Verſtande ift die Wirklichkeit in ewigen Wahrheiten und in der Form bed Allgemeinen gegeben, in feinem Willen ala Geichichte, und in dem Zuſammenhang derjelben ift es gerade die einzelne Berfon, auf welche der göttliche Wille fich bezieht. Diefe Antinomien fönnen in feiner Metaphyſik aufgelöft werden. So entfteht ber innerlich widerſpruchsvolle Charakter der mittelalterlichen Metaphufil. Der objektive und .denktnothiwendige Emunot, überf. vd. Fürſt S. 122, und anders gewendet bei Maimuni, More Nebochim I c. 74, 2 (Munt I, 422). 1) Averroed destruct. destr. I disp. 1 fol. 15ff. 2) Beſonders Thomas contra gentil. II c. 10. p. 140b; c. 16 sq.p. 145; c. 37 p. 1778 und summa theol. I qu. 45 art. 2: antiqui philosophi non consideraverunt nisi emanationem effectuum particularium a causis par- ticularibus, quas necesse est praesupponere aliquid in sua actione. et secundum hoc erat eorum communis opinio, ex nihilo nihil fieri. sed tamen hoc locum non habet in prima emanatione ab universali rerum principio. 416 Zweites Bud. Dritter Abſchnitt. Zulammenhang der Welt findet fich gegenüber den freien Willen in Gott, deſſen Ausdrud die gefchichtliche Welt, die Schöpfung aus Nicht? und die moralifchereligidfe Ordnung der Geſellſchaft find. Hier begegnen wir der erften, noch unvolllommenen Form eines Gegenſatzes, welcher die Metaphyfif von innen zerftören und eine jelbftändige Geiſteswiſſenſchaft der Naturwiſſenſchaft gegenüber- ftellen mußte. Ja Kant's Kritik der Metaphyſik empfing ihre Richtung durch dieſe Aufgabe, den nothivendigen Kaufalzufammen= hang mit der moraliichen Welt zufammenzudenten. Oder wie follte die objektive Unveränderlichkeit eines den Einzel- thatjachen vorhergehenden und ihre Bedeutung zeitlos ausdrücken⸗ den Ideenzuſammenhangs in einem Willen Beftand haben, der lebendige Geſchichte ift, deſſen Vorjehung auf dad Einzelne fich richtet und deſſen Thaten Einzelrealität find? Mit formaler Ge⸗ ichielichkeit haben Albert der Große und Thomas einen Vertrag diejer Begriffe miteinander errichtet. Duns Scotus zerreikt ihn. Er erfennt neben dem Intellekt einen freien Willen in Gott an, welcher auch eine ganz andere Welt hätte hervorbringen können !), und da⸗ mit ift der denknothwendige metaphyſiſche Zuſammenhang jo weit aufgehoben, ala diejer freie Wille reicht, welcher den rationalen Zu⸗ ſammenhang ausjchließt. — Und entfteht weiter die Aufgabe, Ver⸗ ftand und Willen in Gott, dieje fi) befehdenden Abftraftionen, in einen pſychologiſchen Zuſammenhang zu jeßen, jo finden wir eine ſolche Vorſtellung natürlich insgeheim durch die ungeeignete Analogie des menjchlichen Bewußtſeins geleitet; romanhafte Spiegel» bilder unſeres eigenen Seelenlebend, außeinandergezogen in’3 Große, treten und gegenüber. So gewiß die Perjönlichleit Gottes in unferem Leben ala Realität gegeben ift, weil wir und jelbft ge- geben find, jo gewiß können wir doch mur durch eine jpielende Uebertragung in die Gottheit und verjeßen, wobei dann der Wider- 1) Duns Scotus in sent. I. dist. 8 qu. 4.5. Die voluntas ift eben ba» duxch voluntas, daß eine ratio für ben Zufammendbang, aus welchem ber Willensatt hervorgeht, nicht aufgeftellt werden kann, vgl. ebd. II dist. 1 qu. 2. Die Unterſcheidung eines erften und zweiten Derflandes in Gott (ebdf. I dist. 39) Löft die jo entftehende Antinomie nicht auf. Die Wideriprüche der mittelalterliden Metaphyſik find unauflöglid. 417 ſpruch zwiſchen einem foldhen von uns erjonnenen Weſen und dem Schöpfer Himmels und der Erde hervortritt. Eitle Träume! — Dccam läßt für den rationalen Zujammenhang feinen Schlupf: winkel in Gott übrig. Wie follte, nachdem die Allgemeinbegriffe ala Schöpfungen der Abſtraktion anerkannt find, ein Daſein derjelben in Gottes Verftande abgefondert von dem Willen, als dem Erflärungdgrund der einzelnen Dinge, gedacht werden können? Eine ſolche An- nahme wiederholt nur den Irrthum von einem Syſtem der Ge- jeße und Ideen, welches, der Wirklichkeit voraußgehend, dieſer feine Gebote auflege. Geſetze find nur abftrafte Ausdrüde für eine Regel der Veränderungen, Allgemeinbegriffe Ausdrüde für das im Kommen und Gehen der Objelte Verharrende. Berlegt man dagegen ben Urjprung dieſes Syſtems von Ideen und Gefeben in die That Gottes, jo entjteht der andere Wiberfinn, daß der Wille Wahrheiten jchafft. Es giebt eben: hier feine metaphyfifche, jondern nur eine erkenntnißtheoretiſche Auflöfung. Die Provenienz deſſen, was ich Ding, Wirklichkeit nenne, ift eine andere als die Pro- venienz deſſen, was ich als Begriffe und Gelee, ſonach ala Wahr- heiten im Denten enttwicle, zu dem Zwecke entwickle, diefe Wirk- lichkeit zu erklären. Indem. ich von dieſer Verjchiedenheit des piy- chologiſchen Urſprungs ausgehe, kann ich zwar die Schwierig- feiten nicht auflöfen, aber ihre Unauflößbarleit erflären und die Trageftellung, in der fie entftanden, als eine unrichtige nachweiſen. Mie Jollte der Streit, ob Gott die Welt, wie fie ift, ge ichaffen, weil fie jo gut ift, oder ob fie gut ift, weil er fie fo ſchuf, gefchlichtet werden können? Jede Erörterung diefer Fragen jeßt einen Gott, der will, aber in dem dad Gute noch nicht ift, oder einen ſolchen, in dem die intelligible Welt des Guten ift, der aber noch nicht will. Weder jener noch diefer ift ein wirt: licher Gott, und ſo ift diefe Metaphyſik nur ein Spiel ber Ab- ſtraktionen. Dilthey, Einleitung. 27 418 Zweite Buch. Dritter Abſchnitt. Siebentes Kapitel. Die mittelalterliche Metaphufil ber Geſchichte und Geſellſchaft. Die Metaphyſik des Mittelalters erwies in ihrer klaſſiſchen Zeit, daß die menſchlichen Seelen immaterielle unſterbliche Sub⸗ tanzen find. Als dann mit Duns Scotus die Beweisbarkeit der Unfterblichkeit beftritten zu werden begann, blieb die Erörterung hierüber eine Streitfrage der Schulen und gewann auf die Ueber- zeugungen feinen Einfluß; die Leugnung individueller Yortdauer it nur in dem engen Seife radilaler Aufllärung aufgetreten, welcher vorwiegend unter arabiichem Einfluß ftand. So find im⸗ materielle Subftanzen verjchiedener Art für den mittelalterlichen Menichen ein metaphyfiiches Reich; Engel, böfe Geifter und Menſchen. Sie bilden unter Gott ala ihrem Haupte eine Hie—⸗ rarchie der Geifter, deren Rangordnung fi) in der vor der Mitte des jechften Jahrhundert? unter dem Namen des Dionyfiuß Areo- pagita aufgetauchten Schrift von der himmlischen Hierarchie mit Reinlichkeit beichrieben und feitgeftellt fand. Dieje Hierarchie er- ftredt jih von dem Throne Gottes bis zu der letzten Hütte und bildet die ungeheure für den mittelalterlichen Geift greifbare Rea- Tität, welche allen metapbufiichen Spetulationen über die Gejchichte und die Gejellichaft zu Grunde lag. Es beitand fein Bedenken mehr, die metaphyfiiche Be— weisführung auf diefe geiftige und geſellſchaftliche Welt auszudehnen. Thoma von Aquino eriwieß vermittelft ber von den Neuplatonikern zuerft ausgeführten Gründe, umfafiender aus dem teleologishen Zufammenhang der Welt in Gott, daß ein Reich endlicher Geifter beiteht und die Schöpfung in ihm zu ihrem Prinzip zurückkehrt: wie fie von dem göttlichen Intellekt ausging, jo muß fie in geiftigen Wejen ihren Abſchluß erreichen ). Sa er leitet durch ein weiteres metaphufifches Schlußverfahren die 1) Xhoma3 contra gentil. II c. 46 p. 192=; c. 49ff. p. 197. 198. Das metapbufifche Reich immaterieller Subftanzen. 419 Gliederung der Geifterwelt ab, nach welcher Gott getrennt ift vom Reiche der Engel, dieje von dem der menſchlichen Seelen’). Und jo Hat die mittelalterliche Philoſophie eine vollftändige Metaphyfik der geiftigen Subftanzen gefchaffen, die lange in dem Denken ber europäifchen Völker ihre Macht behauptet hat, auch nachdem ſeit Duns Scotus die Angriffe gegen fie beftändig an Ausdehnung und Gewicht zunahmen. Wir nähern und der erhabenen Konception des Mittelalters, welche nun der Metaphyfil der Natur ala der Schöpfung des griechifchen Geiftes zur Seite trat. Sie befteht in der auf die Lehre von den geiftigen Subftanzen gegründeten Philoſophie der Geſchichte und Geſellſchaft. Wie vielfach auch daß mittelalter- liche Denken von dem der alten Völker abhängig geweſen tft: hier iſt es jchöpferiich, und die am meiften auffälligen Züge in der politiichen Thätigfeit des mittelalterlichen Menfchen find durch dieſes Syftem von Borftellungen mitbedingt; mag man nun den then» kratiſchen Charakter der mittelalterlichen Gejellichaft betrachten oder die Macht der Kaiſeridee in derjelben oder die der Einheit der Chriftenheit, wie fie am gewaltigften in den Kreuzzügen hervor⸗ tritt. So zeigt fi) von neuem, wie bedeutend die Funktion geweſen ift, welche die Metaphyſik innerhalb der europäiſchen Geſellſchaft auszuüben Hatte. Es wird zugleich fichtbar, wie vor ihr, während fie voranjchritt, eine unlösbare Antinomie nach der anderen ſich aufthat, da fie doch Feine wirklich gelöft Hinter fich zurüdließ. Sie gleicht den ſagenhaften Helden, welche, je mehr fie ringen, um fo fefter fih in Banden verftridt finden. Die geiftigen Subftanzen, welche das Reich Gottes bilden, werben von biefer Metaphyſik in ihrem Mittelpunkt, als Willen, gefaßt und fo befteht nach ihr dad menjchliche und gejchichtliche Leben in ben Zuſammenwirken des Wollen? diefer ge= Ihaffenen Subftanzen mit der göttliden Providenz, welche in ihrer Willensmacht fie alle ihrem Ziele entgegenführt. 1) In demſelben Zufammenhang ber Argumentation ebendajelbft vo p. 1995 ab entwidelt. 27* 420 Zweites Bud. Dritter Abfchnitt. Diejes Schema des Leben ift von der Betrachtungsweiſe der Alten ganz verjchieden. Diejelben Haften an dem Kosmos ihre Auf- fallung der Gottheit gebildet, und jelbft ihre teleologifchen Syſteme fannten nur eine Gedanfenmäßigfeit des Weltzufammenhangs. Hier tritt Gott in die Gejchichte und lenkt die Herzen zur Verwirklihung ſeines Zweckes. Daher wird bier der Begriff der Gedankenmäßig⸗ feit der Welt durch den der Verwirklichung eines Planes in ihr erjeßt, für welchen jene ganze Gedantenmäßigkeit nur Mittel, nur Apparat it. Ein Biel der Entwicklung fteht feit und jo empfängt der Gedanke des Zweckes einen neuen Sinn. Indem diefer Plan Gottes mit der Freiheit des Menjchen zufammengedacht werden joll, tritt in den Mittelpunkt der chrift- lichen Metaphyſik der Geichichte dad Problem, welches durch die Antinomie der Freiheit und eines objektiven den Menſchen beftimmenden Weltzufammenbanga gebildet wird. Daffelbe entipricht innerhalb der realen gefchichtlicden Welt dem, welches wir während des Mittelalterd in der Borftellung Gottes aus der Antinomie zwiſchen dem denknothwendigen Zuſammenhang und dem freien Willen Hervortreten ſahen). Es bat von dem Gegen- ſatz der griechifchen und lateiniſchen Väter und dem pelagianijchen Streite ab mannichfacdde Yormen angenommen. Aber jo wenig einft das Berbältni des Beftandes der Ideen zu dem Dafein der Einzeldinge hatte widerſpruchslos gedacht werden können, war nun die innere Beziehung des fchaffenden, erhaltenden und leiten- den göttlichen Willens zu Freiheit, Echuld und Unglüd menschlicher Millen der Aufklärung durch irgend eine begriffliche Zauberformel fähig. Wie es dort unmöglich war, ein objektive und wider- ſpruchsloſes Syſtem auf dem Begriff der Subftanz aufzubauen, jo gelang e3 bier nicht, eine reale innere Beziehung zwiſchen den Beitandtheilen des Syſtems von Urſachen und Wirkungen, welche für den Willen Raum gelaffen hätte, dem Begriff der Kaufalität abzugewinnen. Die Formel, zu welcher an diefem Punkte dag metaphyſiſche Denken bes Mittelalterd gelangte, war die folgende. 1) ©. 403 ff. Die Antinomie in demjelben. 421 Alles Wirken eined endlichen Subjeltes, jei es ein Naturding oder ein Wille, empfängt in jedem Augenblide die Kraft zu feiner Leiftung von ber erften Urſache. Doch verhält ſich dag Wirken der endlichen Subftanzen zu dem der erſten Urſache nicht einfach wie das mittlere Glied einer Verkettung von Urſachen rückwärts zur erften Urfache oder Subftanz. Die Wirkung, welche ein endliches Geſchaffenes, fonac auch der Wille, Hervorbringt, ift ganz bedingt durd) jeine Beichaffenheit und ebenjo ganz durch die der erften Ur- lache. Das endliche Reale ift in der teleologifchen Ordnung gleich- fam ein Inftrument in der Hand Gottes, und dieſer verwendet es der Natur dieſes Realen gemäß, wenn auch in Jeinem Zweckzu—⸗ ſammenhang. So gebraucht Gott den Willen des Menſchen ge= mäß der Beichaffenheit deffelben, welche Freiheit einſchließt, und in der Richtung feines lekten Ziels, welches die Aehnlichkeit mit ihm ſelber, ſonach wiederum die Freiheit in fi) faßt!). Aber vergeblich verfuchen nun die Formeln, welche Thomas entwarf, fih Hindurchzumwinden zwilchen dem Deismus, melcher für Gott etwa die Vollkommenheit der Leiftung beaniprucht, welche dem Erbauer einer Majchine zukommt, ſodaß feine Welt nicht be= fändiger Nachhilfe bedarf, und dem Pantheismus, nach welchem aus der beitändigen Erhaltung des gefammten Einzelweſens auch die gänzliche Berurfachung aller von ihm ausgehenden Wirkungen folgt. Widerjprüche quellen überall hervor, fobald man anftatt erfenntnißtheoretiich den Urſprung diefer verjchiedenen Beitandtheile unferer Borftellung vom Leben aufzuzeigen und jo die blos pſychologiſche Bedeutung diefer Antinomie Elarzulegen, dad Unvereinbare durch künſtliche PVeranftaltungen in Harmonie bringen will. SKaufalzufammenhang können wir nicht denken, wo wir Freiheit denken. ben jo wenig können wir beide äußerlich bon einander abgrenzen. Und welche Art ſolcher äußerlichen Ab- grenzung wir verjuchen mögen, diejelbe vermag nicht die Schöpfung der endlichen Wejen durch Gott in folcher Weife faßbar zu machen, — r — — — — 1) Thomas contra gentil. III c. 66—73, beſonders p. 364 2, 367a, 3714, 3758. 422 Zweites Buch. Dritter Abichnitt. daß Gott von der Urheberichaft des Böſen freigefprocdden werben fönnte; fie vermag nicht den Widerfpruch zwiſchen dem göttlichen Vorherwifſen und der Freiheit des Menſchen aufzulöfen. Die veränderte Anjchauung des Reiches der Geifter ſpiegelt ih in der von den chriſtlich gewordenen romanifchegermanijchen Völkern gefchaffenen Dichtung des Mittelalters, in den ritterlichen Epen fo gut ala in Dantes göttlicher Komödie. Nicht mehr in ſich geichloffene Typen allein, welche gegeneinander in Wirkſamkeit treten, erjcheinen in dieſer Dichtung, ſondern Gefchichte des Seelen⸗ lebens, in2befondere de Willens, wie denn Auguftinus jagt: immo omnes nihil aliud quam voluntates sunt, alsdann Auf- faſſung diefer Gejchichte des Willens nach ihren Beziehungen zu dem providentiellen Willen Gottes; in diefer Auffafjung ift aber ein ungelöfter Zwieſpalt zwiſchen der inneren freien Entwidlung und dem dunklen Hintergrund von Kräften aller Art, die ihn beeinfluffen. Das Reich der Einzelgeifter verwirklicht nun einen metaphyfiihen Zwedzujammenhang, welder in der Offenbarung ausgeſprochen ift. Hierin flimmt das ganze europäiihe Mittelalter überein, und nur die Frage, wie viel von diefem Inhalt aller Geichichte in Begriffen erkannt werden’ kann, wird ungleich entichieden. Die Metaphyſik des Verlauf? der Geſchichte und der Or— ganifation der Gefellichaft hat während des Mittelalter ihre legten Gründe in dem Bewußtfein, daß der ideale Gehalt dieſes Verlauf? und diefer Organifation in Gott angelegt, in feinee Offenbarung verfündigt und nad feinem Plane in der Gefchichte der Menfchheit verwirklicht ift und fich weiter ver⸗ wirklichen wird. Hiermit war gegenüber dem Alterthum ein Fort⸗ Ihritt von großer Bedeutung vollzogen. Das Zweckleben der Menjchheit, wie e8 in den Syſtemen der Kultur fich entfaltet und durch bie äußere Organifation der Geſellſchaft wirkt, wurde ala ein einheitliches Syſtem erkannt und auf ein erflärendes Prinzip zurüdgeführt. So erlangte die Erfenntniß des inneren Zuſammen⸗ hang in den Borgängen der menschlichen Geſellſchaft ein In⸗ Der Eine Zbealgehalt in ihm. 423 terefie, dad von der Abficht techniicher Anweiſung für das Be⸗ rufäleben ganz unabhängig war!). Dieje Erfenntniß wurde jet bald in der Zelle des Mönchs durch vertiefte Verſenkung in den Gedanken von der Vorſehung Gottes gejucht, bald von ben Bubliziften der Kurie wie des kaiſerlichen Hofes im Dienfte der Parteien verwerthet. Aber war ſchon die Methode der ariftoteliichen Staats⸗ wiflenichaft darin ungenügend geweſen, daß fie für die Berglie- derung nicht Kaufalbegriffe aus durchgebildeten weiter zurücliegenden Miffenichaften benuten, ſonach die einzelnen Zweckzuſammen⸗ hänge, wie Wirthichaftöleben, Recht, Religion ꝛc. nicht durch analytiiche Erkenntniß fondern nur durch unvolllommene Vor—⸗ ftellungen von einer in der Phyſis angelegten Zweckmäßigkeit er- Hären konnte?): das Mittelalter war noch viel weniger geneigt, die Zufammenbänge, wie fie in den einzelnen Kulturſyſtemen fich darftellen und jchließlich der äußeren Organifation der Gejellichaft zu Grunde liegen, methodiſch zu zergliedern und die jo gervonnenen Zheilinhalte der gejellichaftlichen Wirklichkeit für die Erklärung zu verwerthen. Zudem enthielt die gejellichaftliche Wirklichkeit, wie fie fi ihm darbot, die Inhaltlichleit des geſchichtlichen Lebens noch auf einer niederen Stufe von Diffe- renzirung. Das Auge des Betrachter ſah damals in jedem geiftigen Inhalt den Zufammenhang mit dem Geſetze Gottes oder den Widerftreit gegen daſſelbe. Religion, wifjenjchaftliche Wahr- heit, Sittlichteit und Recht wurden nicht ala relativ jelbftändige Zwedzufammenhänge vom mittelalterlichen Denken aufgefakt, ſon⸗ dern für dieſes war Ein Idealgehalt in ihnen, und erſt feine Verwirklichung unter den Bedingungen der Natur und That des Menichen jchien die Verjchiedenheit diefer Lebensformen hervorzu⸗ bringen. So ſah man in Gott, fofern er das Vernunftideal in ſich enthält, den Quell des Naturrechtes, welches ala eine bindende Norm, und zwar die höchite, folglich ala wirkliches Necht aufgefaßt 1) Bol. ©. 295f. 2) Dal. S. 292 ff. 424 Zweites Buch. Dritter Abſchnitt. wurde‘). Daher wurde die ideale Inhaltlichkeit des geſchicht⸗ lichen Lebens nicht wie fie in diefem wirklich da ift, ala Recht, Sittlichkeit, Kunft 2c. analyfirt und dargeftellt, fondern fie wurde in einfdrmiger und erhabener Unbeftimmtbeit in Gott aufgejucht, und alle nähere Erflärung wurde dem Syſtem von Bebingungen anbeimgegeben, unter welchen dieſer ideale Gehalt auf dem Schau⸗ platz der Exde fich verwirklicht. So Hat dieje mittelalterliche Die- taphyfik der Gejellichaft das Problem der Geifteziwiflenjchaften in weltumſpannendem Geift geftellt, aber anjtatt feiner methodifchen Auflöfung nur ein grandiofes tbeologifches Schema der Gliederung geichichtlichen Lebens entworfen. Daher befitt dag Mkittelalter kein andere® Studium der allgemeinen Eigenſchaften des Rechts, der Sittlid- feit zc. ala dies metaphyſiſche. Und wie die Grundlegung der Metaphyſik von dem Widerfpruch zwifchen dem Willen Gottes und dem nothwendigen Zuſammenhang de Kosmos in feinem Verſtande, zwiſchen der Oekonomie des Heild und den ewigen Wahrheiten innerlich zerriffen wird, fo fett fich derjelbe ın die Metaphyſik der Gejellichaft fort. Die fo entftehende Antinomie tritt zu der zwiſchen der menschlichen Freiheit und der göttlichen Providenz. Willendgebot und Willensakt in Gott, durch fie geſetzte Snftitution und Thatjächlichkeit find in bald verſchwiegenem bald laut ausbrechendem Widerftreit mit der Konftrultion aus der Noth- wendigfeit de3 Gedankens. Das Nachfolgende wird zeigen, daß Wille und Plan Gottes der mächtigere Theil dieſer theologiſchen Metaphyſik waren; wie fie denn auch das letzte Wort behielten. 1) Am Larften entiwidelt in Thomas von Aquino summa theol. II, 1 quaest. 90 ff. (wo feine Rechtsphiloſophie beginnt): 1) lex — quaedam rationis ordinatio ad bonum commune, ab eo qui curam communitatis habet, promulgata (quaest. 90 art. 4); 2) lex aeterna — (da Gott als Monard) die Welt regiert) ratio gubernationis rerum in Deo sicut in principe universitatis existens (quaest. 91 art. 1); dieſe lex aeterna ift bindende Norm oberfter Art und Urſprung jeder anderen binden: den Norm; 3) lex naturalis — participatio legis aeternae in rationali creatura; burch eine Participation des Menſchen an dem ewigen Gejeß ent: fteht aus der lex aeterna in Gott die lex naturalis, welche die überall gleiche Norm ber menſchlichen Handlungen bildet (quaest. 91 art. 2). Keine analytiſche Methode und keine Kaufalerkenntniß. 425 Bon dem durch die Offenbarung vermittelten Bewußtjein bes Spdealgehaltes von Weltlauf und Gejchichte geht nun das Licht aus, welches diefer mittelalterlichen Metaphyſik der Geſellſchaft den inneren Bufammenhang der Weltgejchichte erleuchtet. Die Einheit der Weltgeſchichte liegt in dem Plane Gottes. „Es ift nicht zu glauben”, jagt Auguftinus, „daß Gott, der nicht allein Himmel und Erde, nicht allein den Engel und den Menfchen, fondern auch da8 Innere des Heinen fo leicht miß- achteten Thieres, das Flügelchen des Vogels, die Kleine Blüthe des Graſes und das Blatt des Baumes ohne eine Angemeſſenheit ihrer Theile und gleichſam eine friedliche Harmonie nicht hat laſſen wollen, die Reiche der Menjchen, ihre Herrſchafts- und ihre Ab- bängigteitäverhältniffe von der Gejebgebung feiner Providenz Hätte auzichließen wollen“ *). Diefer Zufammenhang des Planes der Vorſehung ift in Anfang, Mitte und Ende durch die Cifenbarung feftgeftellt._ Der Stammvater der Menjchen, in welchem alle fün- digten, Chriſtus, in dem alle erlöft wurden, und die Wiederfunft, in der über alle gerichtet wird, find folche feſte Punkte, zwiſchen denen nun die Deutung der Thatfachen der Gejchichte ihre Fäden zieht. Dieje Deutung ift augfchließlich teleologifch. Die Glieder des geichichtlichen Verlaufs werden nicht als die einer Kauſal⸗ reihe, ſondern als die eined Planes betrachtet. Die Yrage, welche folgereht an die einzelne gejchichtlicde Thatjache geftellt wird, ift nicht die nach ihrer urjächlichen Beziehung zu anderen Thatfachen oder allgemeineren Verhältnifſen, jondern die nad) ihrer Zived- beziehung zu dieſem Plan. Daher bedienen ſich die mittelalter- lichen Gelchichtichreiber zwar des Pragmatigmus zur Erklärung der Handlungen der einzelnen Perjonen, aber die gejchichtlichen Maſſenerſcheinungen treten ihnen niemals in einen kau⸗ falen Zufammenhang. Diele Metaphyſik der Weltgefchichte ſucht in ihr ala Erklärung ihres Zuſammenhanges einen Sinn, wie wir einen ſolchen in dem Epos eines Dichters Juchen. 1) Auguſtinus de civ. Dei V c. 11 vgl. Origened c. Cels. II c. 30. In Auguftinus de civ. Dei tehrt diejer leitende Gedbante immer wieder 3. 32. IV c. 33; V c. 21. 426 Zweite Bud. Dritter Abſchnitt. Und zwar fand ſich das chriftlicde Nachdenken zunächſt zu einer folchen teleologijchen Deutung der Geſchichte durch die Ein- wendungen der Gegner genöthigt. Daher entftand dieſe Metaphyſik der Geſchichte Schon in ber Epoche der Väter und des Ringen? zwiſchen Chriſtenthum, antitem Götterglauben und Judenthum durch die Gewalt der Dinge und wurde vom Mittelalter nur fort« gebildet. Warum, jo fragten die Gegner des Chriftenthums, mußte das von Gott durch Moſes gegebene Geſetz verbeflert werben, da man doch nur verbeflert, was jchlecht gemacht worden ift!)? Warum joll der Römer die religiöfen Ueberzeugungen, auf welchen die Gejellichaft beruht, und die gemeinfame Bildung, welche bie zur Humanität Erzogenen verbindet, verlaffen)? Warum, ſo fragten Celſus und Porphyrius in ihren Etreitichriften gegen das Chriftentfum gemeinfam, ift e8 Gott erft nach jo langem Derlauf der Geſchichte +ingefallen, die Menſchen zu exlöfen >)? Und jeitdem die Barbaren dag römilche Imperium zu bedrängen begannen, ja die chriſtlichen Gothen Rom erobert und verwüftet hatten, entftand die noch tiefer in die Deutung der weltlichen Ge⸗ ichichte Hineinführende Frage: ift nicht das Chriſtenthum die Ur- fache aller neueften Unglüdafälle des Imperiums, oder wie kann, im Gegenſatz gegen die dahinzielenden Vorwürfe, diefe ungeheure politijche Krifis gedeutet werden *)? Die erften diejer Fragen riefen 1) Anfrage des Marcellinus an Auguftinus, in deſſen Briefwechſel, epist. 136. 2) So vielfach 3. B. Celſus bei Origenes contra Cels. V c. 35ff. 3) Celſus bei Origenes contra Cels. IV c.8, Porphyrius bei Auguftinus epist. 102 (sex quaestiones contra paganos expositae, quaest. 2: de tempore christianae religionis). 4) Gegen biefen Borwurf ift Auguftind Hauptwerk de civitate Dei gerichiet, vgl. lib. I u. lib. II, c. 2. Ebenſo beziehen fich auf ihn die fieben Bücher historiarum adversum paganos von Orofius. Vgl. I prol.: er entipreche ber Vorſchrift bes Auguftin, die Vorftellung einer Zerrättung ber Welt und der menjchlichen Gejellichaft in Folge des Chriſtenthums zu befämpfen; daher ſchleppt er alle Unglüdsfälle zufammmen. praeceperas “ergo, ut ex omnibus, qui haberi ad praesens possunt, historiarum atque annalium fastis, quaecumque aut bellis gravia aut corrupta morbis aut fame tristia aut terrarum motibus terribilia aut inundationibus aquarum insolita aut eruptionibus ignium metuenda aut ictibus ful- — — — Der einheitliche Zuſammenhang ber Geichichte. 427 eine Deutung der inneren Gejchichte der religiöjen und pbilofo- phiſchen Ideen hervor, welche in dem gejchichtlichen chriftlichen Bewußtſein jchon angelegt war'). Die letzte Frage zwang, das römiſche Imperium in den Kreis dieſer metaphufiichen Betrach⸗ tung der Geichichte zu ziehen, und zu ihrer Beanttwortung traten die erften Entwürfe einer umfaflenden Philojophie der Gejchichte, die Schrift des Auguſtinus über den Gotteaftant und die Hiftorien feined Schülers Oroſius, hervor. Ueber dieſen Räthſeln ſann der chriftliche Geift, gejchichtlich in feinem Weſen, zurücblidend auf nunmehr abgeichlofiene Ge- ftalten des geiftigen Leben? , die innerlich vergangen waren, und zu univerjalbiftoriicher Betrachtung aufgeregt, da die Nacht der Barbarenherrichaft über da3 Imperium Romanum bereinzubrechen Ihien. So entftand die Löjung diefer Räthjel durch den Ge- banken einer inneren Entwidlung be Menſchenge— ſchlechtes ald einer Einheit in einer Stufenfolge, in welcher jede frühere Stufe die nothiwendige Bedingung der jpä- teren if. Die Stufen find nicht im Kauſalzuſammenhang als Wirkungen bedingt, jondern in dem Plane Gottes als Beſtand⸗ theile angelegt. Und der Gedanke ded Fortgang durch fie ver- bleibt in den Grenzen eined Schema, nach welchem der Yortichritt durch eine Anpaffung der göttlichen Erziehung an die Zuftände des Menſchengeſchlechts bewirkt wird. — Zertullian betrachtet das Menſchengeſchlecht in Rückſicht jeiner veligiöjen Erziehung als einen einzelnen Menſchen, welcher in verſchiedenen Lebenzaltern lernend und voranichreitend die nothiwendigen Stufen feiner Entwicklung durch⸗ läuft. Der religiöje Fortgang im Menſchengeſchlecht zeigt nach ihm ein organisches Wachstum. Das Bild de Organismus, welches als Leitfaden für das Verſtändniß des Verhäliniſſes der Theile zum Ganzen in der Geſellſchaft verwandt worden war, wird von minum plagisque grandinum saeva vel etiam parricidiis flagitiisque misera, per transacta retro saecula repperissem, ordinato breviter voluminis textu explicarem. Das war ein unheilvolles Vorbild für die Geſchicht⸗ fchreibung des Mittelalters. 1) ©. 319 ff. 428 Zweites Bud. Dritter Abfchnitt. ihm gebraucht, um die Art, wie bier dag Frühere dad Spätere trägt und bedingt, aufzullären )y. Diefem Stufengang ber Er- ziehung bat Clemens vermittelit feiner Lehre vom Logos auch die griehiiche Philojophie eingeordnet ?); jedoch Hat eine jo weit- herzige Lehre Teine Folgen für den nächſten Verlauf der Metaphyſik der Geichichte gehabt. Und Auguftinus findet die Verände— rungen, welche innerhalb der Offenbarungsreligion ftattfinden, be- dingt durch eine Entwicklung der Menjchheit, welche der Stufen- folge der Lebengalter vergleichbar ift?). — So beherricht dieſe und andere Kirchenväter dieſelbe Auffaſſung. Die Menjchheit ift eine Einheit, gleichſam Ein Individuum, welches eine Lebensent⸗ widlung durchlaufen muß, dem aber, ala einem Zögling, die Regel diefer Entwiclung vorherrichend von dem planmäßig wirkenden Erzieher kommt. Neben diefer tieferen Gliederung der Geichichte der Menſchheit geht die mehr äußerliche Eintheilung Her, welche diejelbe in den Schöpfungdtagen entiprechende Weltalter zerlegt. Diefe Idee von dem inneren Zuſammenhang der Gelchichte der Menfchheit, welche flüchtig und unfaßbar wie fie war zwifchen den harten Thatſachen der Geichichte ſchien zerfließen zu müffen, empfing feften Umriß und Sörperlichkeit durch den Zufammen- hang religiöfer und weltlider Borftellungen, m welchen fie eintrat. In der Unabhängigkeit der religiöfen Er- fahrung und des auf fie begründeten religiöfen Gemeinlebens, welches auch gegenüber der römiſchen Weltherrichaft ſich aufrecht erhielt und fih im Gefühl feiner Unbefiegbarfeit behauptete, war die Trennung der religiöjen Sphäre der Gejellichaft 1) Zertullian de virginibus velandis c. 1. 2) Glemend stromat. I c. 5 p. 122 (Sylb.) von der Bhilofophie: enaıdayaya yap xal ebrn TO "Elinvıxov, ws 6 vöuos tous "Eßewfovs eis Xoıoror. 3) Auguftinus ep. 138 c. 1, zur Auflöfung des von Marcellinus (S. 424 Anm. 1) geftellten Probiemd: quoties nostrae variantur aetates! adoles- centiae pueritia non reditura cedit; juventus adolescentiae non mansura succedit; finiens juventutem senectus morte finitur. haec omnia mutantur, nec mutatur divinae providentiae ratio, qua fit ut ista mutenfur.. aliud magister adolescenti, quam puero solebat, imposuit. Kirche und Weltreich. 429 von der weltlichen begründet. Sie war zuerft in der Entjchei- dung Chrifti außgefprochen worden: gebet dem Kaiſer, was des Kaiſers ift, und Gott was Gottes ift. Durch diefe Trennung wurden Geſetz und Staat Gottes, die das letzte Wort der alten Philojophie in der ftoifhen Schule gewejen waren, in eine weltliche Ordnung der Gejelichaft und einen religiöfen Zufammen- bang zerlegt. Dem entiprechend lehnte fi) nun die nähere Vor- ftellung von dem Zufammenhang der Hiftorie und ber Gelell- Ihaft an zwei geſchichtliche Vorftellungsfreife, deren einer die Kirche, der andere dad römische Weltreich, feine Dorläufer und jein Schickſal zum Gegenftande Hatte Da dieſe Gejellichaftslehre von dem Willen und Plane Gottes audging, fonnte fie nicht rein aus einem DVernunftgehalt den Zuſammenhang der Geichichte deduciren, jondern mußte auß den großen geichicht- lichen Bezeigungen dieſes Willen? den Plan Gottes deuten. Die Ipefulative Konftruftion trat nur nachträglich zu dieſer religiöfen Deutung Hinzu, wie ihre Lücen zeigen. Diefe Deutung arbeitete aber mit einen elenden Material. Der unwiſſenſchaftliche Charakter des mittelalterlichen Geiftes und die Herrichaft des Aberglaubend über denjelben Tann nur aus feiner Stellung zu den geichichtlichen Thatjachen und zu der geichichtlichen Tradition verftanden werden. Denn ihm jtand eine abgekürzte und verfälichte Meberlieferung über die alte Welt ala Autorität gegenüber, gleichviel welche die Ur— jachen waren, die ihn zu einem jo unkritiſchen Verhalten beftimmt haben. Und indem dieje feine Lage gegenüber ben hiſtoriſchen Wiſſenſchaften mit dem Zuſtande jeine® naturwiſſenſchaftlichen Denken? zuſammentraf, breiteten fi) von bier aus tiefe Schatten und fabelhafte MWejen über die Erde aus. Unter den Elementen, au8 welchen die Erklärung der äußeren Organiſation der Geſellſchaft im Mittelalter fich zuſammenſetzt, war das wichtigste die Anjchauung der Kirche. Dieſe beftimmte den theokratiſchen Charakter der mittelalterlichen gejellfchaftlichen Auffaſſung. Die geiftigen Subftanzen aller Rangordnungen find in der Kirche zu einem myſtiſchen Körper verbunden, der von der Dreieinigfeit und den Engeln, die ihr zunächſt ftehen, hinabreicht 430 Zweites Buch. Dritter Abichnitt. bis zu dem Bettler an den Pforten der Kirchenthür und dem leibeigenen Mann, der demüthig in dem letzten Winkel der Kirche Inieend da3 Opfer der Mefle empfängt. Der Ichöpferifche Keim diefer Anfchauung Liegt in den Briefen des Apoftel Paulus. Paulus bezeichnet die einzelnen Chriften als Glieder des Leibe Chrifti; unter Chriſtus ala bem Haupte find die einzelnen Gemeindeglieder durch die Einheit des Geiftes zu einem Organismus verknüpft. Innerhalb dieſes Organismus haben die einzelnen Gemeindeglieder verjchiedene, aber dem Leben des Ganzen nothivendige Funktionen. Daher leiden mit jedem Glied alle anderen Glieder mit. In diefer pauliniichen Anſchau⸗ ung des chriftlicden Gemeindelebend ift die Mebertragung des Bes griff? eines Organismus ein Tropus, und nie bat Paulus daran gedacht, den Zuſammenhang des religids fittlichen Lebens der Gemeinde in die Naturgebundenheit des organiſchen Lebens herabzumindern. Aber diefer Tropus drückt hier den That⸗ beftand einer Einheit aus, welche ganz anderer Natur ift, als die in einem politiſchen Ganzen. Denn dad Prreuma ift in der Gemeinde eine reale Einheit, ein reales Band, mie die Pſyche in einem menjchlichen Körper. Und daher empfängt in dieſer Anwendung ber Tropus ded Organismus einen genaueren Sinn. indem nun aus den Gemeinden, auf welche die tieffinnige Anſchauung de Paulus fich bezog, Die rechtliche und politiiche Organifation der katholiſchen Kirche erwuchs, entftand ein Begriff, in welchem dieſer Staat Gottes vorgeftellt wurde als zuſammen⸗ gehalten durch ein reales Band, dem gleichlam neben und zwiſchen den Individuen eine Art von Griftenz zukam. Wir können bie Momente erkennen, welche diejen Begriff geftaltet haben. Der Gedanke der Kirche als eines durd) den einheitlichen Geift Gottes be- feelten Körpers empfängt zunächft eine Stübe in der Auffaffung des Abendmahl, welche in demielben das Sakrament der Einverleibung in die Kirche ſieht. Dieſe Auffaffung, wie fie bei Auguftinug ab- geichlofien vorliegt, ift dadurch vermittelt, daß unter dem Körper Chrifti die Kirche verftanden wird; daher in dem Abendmahl die Theilnahme an diefem Körper Chrifti, der alleinjeligmachenden Das reale Band der Firchlichen Organijation. 431 Kirche, die Inkorporation des Einzelnen in die Kirche flattfindet 2). Eine weitere Unterflübung empfängt die dee von dem realen Bande, welches die Kirche zuſammenhält, durch die Vorſtellung von einer Webertragung thatjädhlicher Art, vermöge deren in den Meihen Kräfte der üiberfinnlichen Welt auf den Klerus von oben übergeben, ja gleichſam in Stufen abwärts firömen; jo entipringt mit der Ordination die von den Laien unterjcheidende geiftliche Befähigung, vermöge deren der Kleriker feine Funktionen übt. Auf diefe Weile empfängt die dee der Kirche ald des corpus mypsti- cum Christi eine finnliche Vorftellbarkeit. Da aber zugleich dieſe Kirche zu einer civitas Dei, einem jtaatähnlichen Ganzen wird, welches Träger ausgedehnter Machtbefugniffe ift, wird der Begriff der Einheit des kirchlichen Organismus nun auf dieſen politiichen Körper übertragen. Dies bat zur Tolge, dab der von oben wirtende Geift als Träger von Machtbefugnifien erfcheint, welche durch feinen Körper in der Kirche ausgeübt werden. Das dem Kleriter durch die Weihen übertragene Amt enthält nach dieler Seite dag Recht und die Pflicht, die Kirchengewalt in einem be= flimmten materiellen Umfang und innerhalb eines beftimmten - räumlichen Bezirks auf Grund des ftändig ertheilten Auftrags auszuüben. Die Machtbefugnifie der Kirche innerhalb der Ge- jellichaft find einerſeits, als Machtbefugnifie, durch Rechtsſätze daritellbar und demgemäß in einer Rechtsordnung, dem kanoniſchen Rechte, gegliedert, und andrerſeits haben fie, als von Gott ftammend, die Höchfte Geltung in der menschlichen Gejellichaft. So entftand die Anichauung der aus Haupt und Gliedern be= ftehenden Geſammtheit der Kirche, in welcher, als ihrem Körper, die aus der transſcendenten Welt auf fie übertragene, eine gött- liche Heilsordnung vollziehende Einheit wohnt: als Seele dieſes Körper venwirklicht fie den höchſten Zweck mit den höchſten Machtbefugnifien,; wie mit diefem Zweck verglichen alle die In— 1) Nah Aelteren Auguftinus serm. 57 c. 7; serm. 227 und 272; de civ. Dei XXI c. 19ff. 432 Zweites Buch. Dritter Abſchnitt. terefien, welchen die politijchen Ordnungen leben, nur Mittel find, jo find alle politiichen Ordnungen ihr unterthan. Dies ift der Grundgedanke der theokratiſchen Geſellſchafts⸗ ordnung des Mittelalters. — Die Theologen, vor allen Au— guftinus, haben diejen Grundgedanken theoretifch dargeftellt. Indem fie ſich an die durch die Stoiker geichaffene Verknüpfung des Naturrechts mit einer teleologifchen Metaphyſik anjchloffen !), fiel ihnen weiter mit dem göttlichen Recht, deſſen Träger die Kirche ift, dad natürliche zujammen, und fo ftellten fie das Tirchliche Recht ala ein aus Gottes ewigem Heilsplan erfließendes, darum an fi und unveränderlich gültiges, den menfchlichen Saßungen gegenüber ?). Sie betrachteten die gegen die kirchlichen Geſetze ver- ftoßenben Anordnungen und Geſetze des Staats ala unverbindlich °). Sie orbneten im Zuſammenhang mit der ganzen eben dargelegten hriftlichen Teleologie den Staat dem myſtiſchen Körper Chrifti oder der Kirche ala Mittel, ala dienendez Inſtrument unter ). — Aber während die Theologen dieje Theorie enttvidelten, hat die monar- chiſche Staatsgewalt des römiſchen Imperiums an den Grund: lagen des überlommenen römiſchen Rechtes feftgehalten, nur allmälig drangen die chriftlich-Kirchlichen Ideen in das Rechts⸗ leben ein, und erft die Ranoniften haben fie in den willen- 1) Bal. ©. 309. 2) Auguſtinus tract. VI, 25 ad c. 1 Joann. v. 32: divinum jus in scripturis divinis habemus, humanum jus in legibus regum; ep. 93 c. 12. Bol. Ifidor Etymol. V c. 2; omnes autem leges aut divinae sunt aut humanae. divinae natura, humanae moribus constant; ideoque hae discrepant, quoniam aliae aliis gentibus placent. — Für ben Begriff der lex naturalis, welche ala Gejehgebung Bottes das fittliche wie das rechtliche Gebiet umfaßt, ift zwiſchen Auguſtinus und Thomas von Aquino beſonders wichtig Abälard in feinem dialogus inter philosophum, Judaeum et Christianum. 3) Auguſtinus ep. 105 c. 2; sermo 62 c. 5. — Ueber den Begriff be3 Naturrecht? bei Thomas von Aquino und feine Untericheidbung von lex aeterna und lex naturalis vgl. ©. 424. 4) Innerhalb der Darlegung des Auguftinus in Buch XIX de civ. Dei beſonders c. 14: das Biel der terrena civitas ift bie pax terrena, ba3 ber coelestis eivitas dagegen ift die pax aeterna, und ber Zweck bes Menfchen liegt in der letzteren. Die Kirche und bie theofratifche Geſellſchaftsordnung. 438 ſchaftlichen Zuſammenhang ber pofitiven Jurisprudenz mit ſchöpferi⸗ ſcher Kraft eingeführt. Wir heben nur den Grundgedanken heraus. Die Korporation der Kirche beruht auf unmittelbarer göttlicher Einſetzung; ſie wird von dem himmliſchen König regiert; von dieſem transſcendenten Willen aus durchſtrömt fie der Geiſt Gottes; und zwar iſt die Art wie er in der Kirche wirkt durch die gött⸗ liche Einſetzung feſtgeſtellt, daher in rechtlichen Formen beſtimmt, an welche die Heilsmittheilung wie die in ihr begründete Macht⸗ befugniß ber Kirche gebunden iſt; bie Form dieſer Verfaſſung iſt der rechtliche Ausdruck der Thatſache, daß in ihr der göttliche Wille aus der transſcendenten Welt in die irdiſche, und innerhalb dieſer von dem Stellvertreter Chriſti in Stufen abwärts geleitet wird. Man gewahrt hier, daß dem Syſtem der Hierarchie innerlih eine emanatiftiide Vorſtellungsweiſe ent- ſpricht, wie denn die Darftellung der himmliſchen und irdifchen Hierarchie durch den Wreopagiten und die Wirkung dieſer Dar- ftelung im Mittelalter einen ſolchen Zuſammenhang beftätigt; die ‘dee Gottes it in einen lebendigen Fluß und Prozeß aufge- löft,; von Gott aus erftrecdt fich ein Willenszuſammenhang in den Naturzufammenhang. Diefe theofratifche Geſellſchaftsordnung des Mittelalters ſetzt an die Stelle der bisherigen politiichen Prinzipien des Abendlandes das der Autorität, die von Gott ftammt. Die in ihr wirkende Anſchauung Hat die ganze Auffaffung der Gejellichaft im Mittel- alter umgeftaltet. In der Jurisprudenz entftand nun ein Begriff der Korporation, welchem gemäß die natürlichen Individuen, die in ihr verbunden find, nur das wirkliche Rechtäfubjelt repräfentiren, das als unleiblic” und unfichtbar allein durch feine Glieder zu handeln vermag; die wichtigen ftaatsrechtlichen Begriffe der Reprä- jentation und des perjönlicden Amtes bildeten fi aus. In der politiſchen Wiſſenſchaft entftand die theologiiche Begründung der Begriffe vom Staat und, verbunden mit ihr, eine erfte Metaphufit der Gejellichaft, welche in der allgemeinen Metaphyſik gegründet war und die ganze damals befannte Wirklichkeit der gejchichtlichen und gejellichaftlichen Phänomene umfaßte. Dilthey, Einleitung. 28 434 Zweites Bud. Dritter Abſchnitt. Aber das gerade gab und erhielt diefer theokratiſchen Gefell- ſchaftslehre ihre Macht, wie ihr Grundgedanke fi) mit den mannig⸗ fachften Elementen verband, vom Altertum ber mit den Begriffen der griechiichen Philofophie und des römischen Recht? ſowie ber Thatſache des römiſchen Kaiſerthums; von dem Leben der ger- maniſchen Völker her mit rechtlichen und politiichen Ideen und Inſtitutionen. ‚Hier war ein weltlihder Vorſtellungskreis begründet, welcher theild von dem theofratiichen Syſtem unter- worfen wurde und jo mit ihm verſchmolz, theild demſelben ent⸗ gegentwirkte. AS das römifhe Imperium noch aufrecht ftand, wenn auch von den anftürmenden germaniſchen Barbaren bereitö er- Ichüttert, fchrieb Auguftinus fein Wert über den Staat Gottes, in welchem er den weltlichen Staat dem Gotted gegenüber ftellte. Nach diefem Werke ift das römiſche Weltreich eine Repräjentation der civitas terrena in ihrem legten und mächtigſten Stadium. Die Römer haben von Gott die Weltherrichaft empfangen, weil fie den höchſten irdiſchen Leidenschaften, vor allem der Begierde be3 Nachruhms, „durch welchen fie auch nad) dem Tode gleidh- fam fortleben wollten“, alle niederen Leidenichaften unterordneten ; ihre Aufopferung für den irdiichen Staat ift den Chriften ein Borbild der Aufopferung, welche fie dem himmlischen ſchuldig find). Der Gedanke des römischen Weltreiches war nad) den ſtaatsphiloſophiſchen Erörterungen des Polybius in der gefchicht- lichen Literatur der Kaiſerzeit jelbft durch die dürftigen Hand- bücher eine Florus und Eutrop befeftigt worden, Auguftmus beftimmte nun in jeiner Konftrultion die Bedeutung, die dem römischen Weltreich im Plan der Vorjehung zukomme, und zu= gleich deren Grenze, wie er ſie vom Standpunkte des Chriſtenthums aus einzuſehen glaubte. Als dann die Kirche die kaiſerliche Krone dem großen Germanenkönig auf das Haupt fette, trat der Gedanke ber römiſchen Weltmonarchie in ein näheres Verhältnik zu dem Begriff einer von der Kirche umfahten einheitlichen Chriftenbeit. 1) Auguftinud de civ. Dei V c. 12 ff. Das Weltreich. 495 Wenige Jahre danach) (829) haben. zwei Koncilien zu Paris und zu Wormd auf Grund der Lehre von dem Einen Körper der Chriftenheit entwidelt, daß diefer Körper einerjeitd vom Priefter- thum, anbererjeitd? vom Königthum regiert werdet). Eine That- ſache und ein begriffliher Zuſammenhang begegneten fich jo in der Konſtruktion der Weltmonarchie. Und rückwärts verfolgte man den Gedanken derjelben unter dem Einfluß der Stelle im Buche Daniel über die vier Reiche in das Morgenland: fabel- umgebene Bilder von den vier Meltmonarchien wurden da8 Schema der politiichen Geſchichte. Diefe gefchichtlichen und politiicden Realitäten, vermiſcht mit Tabeln von folcden, erhielten in dem theokratiſchen Syſtem ihren Pla und eine mit deflen tiefften Prinzipien zuſammenhängende Deutung. Schon die Stoiker hatten die Monarchie Gottes mit dem römischen Univerjalftaat in Beziehung gebracht; num wird aus dem einheitlichen Plane Gottes und der Einheit des Menfchen- geichlechtes ala feines Gegenftandes die Monarchie in Dantes Berftande d. h. der Weltſtaat gefolgert, entiprechend dem geift- lichen GEinheitäftante der Kirche. Dante Hat diefen Zuſammen⸗ bang am eindringlichften dargeftellt, in einer Mehrzahl von Ar- gumenten, deren Nerv bderjelbe if. Das Menſchengeſchlecht, ein Theil des von Gott geleiteten Univerfums, bat einen einheitlichen Zweck, welcher in dem Auswirken aller intelleftuellen und praf- tiſchen Kräfte der Menjchennatur befteht. Nun wird eine Vielheit zu Einem Zweck am ficherften durch eine einheitliche Kraft gelenkt, wie die Vernunft alle Kräfte der Menſchennatur leitet, das Familien⸗ haupt jein Haus, der Einzelfürft feinen Staat und ſchließlich Gott die Welt, in welcher das Menjchengejchlecht enthalten if. So 1) Concil. Parisiense 829 (Mansi t. XIV p. 537f.). Const. Worm. (Monum. Germ. Legum 1 p. 333 rescr. c. 2. 3): 2. Quod universalis sancta Dei ecclesia unum corpus ejusque caput Christus sit. Died wirb durch bie S. 430 berührten Stellen de3 Paulus erwielen. 3. Quod ejusdem ecılesiae corpus in duabus principaliter dividatur eximiis personis. principaliter itaque totius sanctae Dei ecclesiae corpus in duas eximias personas, in sacerdotalem videlicet et regalem, sicut a sanctis patribus traditum accepimus, divisum esse novimus. 28* 436 ° Zweite Buch. Dritter Abichnitt. allein wird der Friede unter den Menfchen verwirklicht und bie Aehnlichkeit mit dem Vollkommenſten, der Herrſchaft Gottes über die Welt, hergeftellt. So allein wird die äußere Bedingung für die Herjtellung der Gerechtigkeit erfüllt, da ein Syſtem ftreitender Stanten feine höchſte Inſtanz zur Entjcheidung nach dem Rechte befäße. So allein wird endlich die innere Vorausſetzung, beren die Gerechtigfeit bedarf, geichaffen, da der Kaiſer allein, deſſen Jurisdiktion nur an dem Ocean feine Schranten bat, Teinen Wunſch mehr haben kann und jo keine Begierde in ihm die Ge- rechtigfeit hemmt. Mit allem Aufwand des ſyllogiſtiſchen Hand⸗ wert? jener Tage erichließt der große Dichter, daß nur das Kaiſerthum als Weltftant einen befriedigenden Zuftand des Menfchengejchlechtes herbeiführen könne). Wie alle Deduftionen der mittelalterliden Metaphyſik der Gejellichaft, Tonnte auch diefe von entgegenftehenden Intereſſen leicht befämpft und durch andere erjebt werben. Die Vertheidiger des Rechtes der Einzelmonarchien durften den Willen Gottes aus der Verjchiedenheit der Lebend- bedingungen, der Sitten wie des Rechtes der Einzelvöller im Sinne des Nationalitätsgedankens deuten ?). Die nähere Einordnung des Staates in den dargelegten theo— fratiichen Zujammenhang ift eine verjichiedene geweſen, je nad) der wechielnden Werthung des Imperiums, des Staatälebend über- haupt. Drei verjchiedene Arten, den Werth des weltliden Staates zu beftimmen, können hier unterfchieden werden. 1) Dante widmet das ganze erfte Buch feiner Schrift de monarchia der Entwidlung diefer Sätze. — Auch hier findet man bei Occam eine Iharffinnige Abwägung von Gründen und Gegengründen, welche die logiſche olgerichtigkeit der metaphyfiſchen Konſtruktion nicht mehr anerkennt, Occam dialogus p. IH tract. 2 1. 1 c. 1—9. 2) Au Thomas von Aquino hebt in feinem Kommentar zur ariftotes liſchen Politik lib. VII lect. 3 hervor, daß ein mäßiger Umfang bed Staates für die Ordnung in ihm erforderlich fei; vgl. Johannes Parifienfi3 de po- testate regia et papali c. 3 (in Golbaft monarchia II p. 111) und die am meiften allfeitige Behandlung des Problems dur Occam dialogus p. II tract. 2 1.1 c. 1ff.; Occam verwirft jede metaphyfiſche Auflöfung des Problems und geftattet nur eine nach ber hiſtoriſchen Lage c. 5. Drei verichiebene Werthungen des weltlichen Staates. 437 Auguſtinus betrachtete allein den „Staat, deflen König Chriſtus ift,“ d. h. die Kirche, ala Stiftung Gottes und ala Aus⸗ drud der in ihm gegründeten fittlichen Weltordnung, dagegen leitete er Eigenthum und Herrichaftsverhältniffe aus dem Sündenfall ab. Daber war ihm der weltliche Staat, wenn er nicht in den Dienft des himmliſchen tritt, eine Schöpfung der Selbftfucht: civitas dia- boli!). So begründete er die hierarchiſche Auffaflung des Staats⸗ lebend, für welche der Staat ein an fich werthloſes Anftrument im Dienfte der Kirche zum Schube des wahren Glauben und zur Belämpfung der Ungläubigen geweſen if. Gregor VII. und Vertreter feiner päpftlichen Politik haben denjelben Stand⸗ Punkt feftgehalten ?), und in der ertremen päpftlichen Partei hatte er während des ganzen Mittelalter jeine Vertreter. Aber bei den hervorragendften politiichden Metaphyfilern des Mittel⸗ alter8 befteht im Zuſammenhang mit dem Studium des Ariftoteles eine andere Werthung des ftaatlichen Lebens. Thomas von Aauino und Dante bezeichnen den Höhepunkt diejer politischen Me⸗ taphyſik; fie find beide von dem Standpunkt des Auguſtinus weit entfernt; jo verjchieden fie fi) auch felber in diefer Frage ver- halten, beide weilen die Ableitung des ftaatlichen Lebens aus dem Sündenfall ab und finden daflelbe vielmehr in der fittlichen Natur des Menjchen begründet. Und zwar it Thomas von Aquino der Hauptver⸗ treter der zweiten Richtung in Bezug auf die Wertbung des Staatzlebend. Er beftimmte deilen Aufgabe dahin, daß ed das Syſtem von Bedingungen verwirflide, an welche der — — — 1) Auguſtinus de civ. Dei XIVc. 28, XV ec. I-5, XVlc. 3.4. XIX c. 15—28. — Die Vergleihung des Staates mit einem wilden Thiere, wie fie Plato und Hobbes gebraudgen, wird auch don Auguftinus, anknüpfend an bie Apofalypje angewandt, de civ. Dei 20 c. 9. 2) Gregor VI. in Jaffés bibliotheca IH (1865) lib. VIII ep. 21 a. 1081 p. 457: quis nesciat, reges et duces ab iis habuisse principium, qui, deum ignorantes, superbia rapinis perfidia homicidiis, postremo universis paene sceleribus, mundi principe diabolo videlicet agitante, super pares, scilicet homines, dominari caeca cupidine et intolerabili prae- sumptione affectaverunt ? 438 Zweites Buch. Dritter Abſchnitt. religiöſe Zweck des menſchlichen Daſeins gebunden iſt. Dieſe Auffaffung entſpricht der allgemeineren mittelalterlichen Auffaffung des weltlichen Lebens, als eines Mittels und einer Grundlage für die Verwirklichung des religiöſen, wie fie in der Ethik Albert’ 3 des Großen und des Thomas von Aquino ihren Haffi- ſchen Ausdrud gefunden bat. Der lebte Zweck der menſchlichen Gelelichaft ift nach der Schrift des Thomas über das TFürftenre- giment, durch tugendhaftes Leben zu dem Genufle Gottes zu kommen. Dies Biel kann nicht durch die Kräfte der menichlichen Natur er- reicht werden, jondern nur durch die Gnade Gottes. Daber ift die Verwirklichung des tugendhaften Leben? in der ftaatlichen Gemein ſchaft dag Mittel für die Erreichung eines Zweckes. welcher jenfeit des vom Stante zu Leiftenden liegt und von dem göttlichen Könige felber fowie durch Mebertragung von dem Prieſterthum ver- wirklicht wird. Alſo ift diefer Hierarchie die weltliche Herr- ſchaft untergeordnet‘). Einen ſchon aus ber Zeit ber Kirchen- väter herrührenden, von den mittelalterlichen Denkern vielfach an⸗ gewandten Vergleich aufnehmend, findet Thomas im Verhältniß des weltlichen Staates zur Kirche ein Abbild des Verhältniſſes des Leibes zur Seele?). Diefe Werthbeftimmung des ftaatlichen Leben war unter den mittelalterlichen Schriftftellern die am meiften verbreitete, und Thomas, der weiſeſte aller Vermittler, bat auch hier die. außgleichende Formel glüdlich ausgeſprochen. Ein dritter Standpunkt entjprang aus einer höheren Werth⸗ ſchätzung des Staatälebend. Er betrachtet dad imperium und da3 sacerdotium als zwei gleich unmittelbar von Gott ftammende &e= walten, von denen jede eine jelbftändige Funktion in der fittlichen Welt ausübte. Er erkennt alfo dem Staate und der Kirche bie 1) Thomas de regimine principum I c. 15. Hiermit übereinflimmenb summa theol. II, 1 qu. 93 bei. art. 3 und 6. 2) So ſchon in ben apoftoliichen Konftitutionen II c. 34 p. 6810 (Migne) und in der orat. 17 des Gregor von Nazianz c. 8 p. 976B (Diigne), alsdann bei vielen mittelalterlichen Schriftftellern, und auch bei Zhoma®, summa theol. II, 2 qu. 60 art. 6: potestas saecularis subditur spirituali, sicut corpus animae. Drei verichiedene Werthungen des weltlichen Staates. 439 gleiche Souveränität zu. Diefe Werthichäßung des imperium wird von ben literarilchen Vertretern der kaiſerlichen Anſprüche jeit Heinrich IV. zu begründen verſucht!). Sie wird tieffinnig von Dante in feiner Schrift über die Monarchie entwidelt, aus Süßen des Ariftoteles und Thomas, aber wie in gewaltigerer Sprache, fo | auch in größerem Stil deö Denkens, ala Thomas ihn zeigt. Der Zweck jedes Theile der Schöpfung liegt in der ihm eigenthümlichen Thätigkeit. Nun vermag nicht ein einzelner Menſch das im DVer- nunftvermögen Enthaltene zu verwirklichen, ſondern das Menichen- gejchlecht allein fann das theoretilche und in zweiter Linie daB praftifche Vernunftvermögen ganz auswirken. Die Bedingung für die Erreichung dieſes Zieles liegt in dem allgemeinen Frieden, und diejen fichert die Monarchie; fie hält die Gerechtigkeit aufrecht und richtet das Wirken der Einzelnen auf das Eine Ziel?). So tritt die Monarchie zu der theofratifchen Ordnung der Gejellichaft in folgendes Verhältniß. Unter allem, was exiftirt, fteht der Menſch allein in der Mitte zwiſchen der vergänglichen und einer unvergänglichen Welt. Daher Hat er, ſofern er vergänglich ift, ein anderes Endziel, als jofern er unvergänglich ift. Die uner- Ichöpflich tiefe Providenz Hat ihm in der Seligfeit dieſes Lebens, welche in dem Auswirken der ihm eigenen Tugend beiteht, das eine und in der Seligkeit des ewigen Lebens, die in dem Genuß der Anichauung Gottes befteht, das andere Ziel gegeben. Wir gelangen zum erjteren Ziele auf dem Wege philojophilcher Einficht vermittelft unferer intellettuellen und moraliichen Tugenden, und wir erreichen den anderen Endzwed auf dem Wege der Offen: barung vermittelft der theologifchen Tugenden. Die Leitung des Strebens nad) dem erfteren Ziele fteht dem Kaifer zu und die nach dem anderen dem Papfte. Das Kaiferthum lenkt vermittelft der philojophifchen Einficht dag Menſchengeſchlecht zu feiner zeit lihen Glüdjeligkeit, der Papft führt es vermittelt ber Offen- barung3wahrbeiten zum ewigen Leben 3). — Diefe Jelbftändige Werth: 1) Stellen bei Gierke, Deutjches Genoflenichaftsrecht III, 534. 2) Dante de monarchia I c. 1 ff. 3) Ebd. im dritten Buche. 440 Zweites Bud. Dritter Abfchnitt. ſchätzung des Staated, wie fie un in Dante entgegentritt, führte in einem Kopfe wie Marſilius von Padua weiter dahin, gemäß dem Bebürfnib, jolden Dualismus zu überwinden, das sacerdotium ala einen Beftandibeil und eine Funktion des Staates anzujehen. Marſilius zieht die Konſequenzen des antiken Staats⸗ begriffs, er befämpft im Grunde ben Fortſchritt, welcher in dem Ausspruch Chrifti über das Recht des Kaiſers und dag Recht Gottes enthalten war). Diefe Vertheilung der Werthgebung zwiſchen geiftlicher und weltlicher Macht bat ihren Ausdrud in den rechtsgeſchicht— bichen Yabeln von der Ueberlragung der göttlichen Macht, wie fie einen wichtigen Beftandtheil der gejchichtlichen Metaphyſik des Mittelalter ausmachen. Denn wo der Wille Gottes mit denen der Menichen zu der Verwirklichung eines von der Vorſehung überwachten Planes zufammenwirkt, entjteht der Begriff der In— ftitution, welche in einem befonderen göttlichen Alte begründet ift und in der ein Theil der Aufgabe der Weltregierung einer irdilchen Perjon ala dem Stellvertreter Gottes übertragen wird. Die Hierarchie gründet ihre Befugniſſe auf die Vollmacht des Statthalter Chrifti. Ebenſo wird dag Königthum vorberr- ſchend gm Mittelalter ala ein von Gott übertragene® Amt be- trachtet. Und bie Trage entfteht dann, ob die Staatsgewalt ihre Vollmacht direft von oben befite oder durch eine Uebertragung. die von der geiftlichen Gewalt ausgegangen ift. Aus den befannten Srörterungen hierüber ragt Dante Beweis des legitimen Ur- fprung? der römiſchen Weltmonardhie darum hervor, weil er einer Hiftoriichen Begründung der XLegitimität ganz bejonders nahe fommt. Diefer Beweis findet die Legitimität in dem Willen Gottes gegründet, fucht aber diefen Willen nicht in theofratiichen Einzelatten auf, jondern, wie der Wille eine Menichen von außen 1) Marfilius von Padua defensor pacis I c. 4: die Beltimmung ber Aufgabe des Staates nach Ariftoteled’ Politik; dann c. 5. 6: Einfügung des sacerdotium nach chriftlicher Beftimmung in ben Staat; bafjelbe wird ala eine pars civitatis bezeichnet. Begrünb. d. YInflitution a. d. Willen Gottes. Staat als Organismus. 441 nur aus Zeichen erkannt werben kann, jo legt Dante die Ge- Ihichte al3 ein Syftem von Zeichen des Willend Gottes aus '). Wie dad theokratiſche Syftem dem Staate feine Stellung in der äußeren Organifation der Geſellſchaft zumaß, ebenfo gewährte ed einen Anhalt, die Natur des Staates zu beftimmen. Bon bem myſtiſchen Leibe der Kirche wurde die Vorftellung des Organis- mus in einem neuen, über Ariftoteles hinausgehenden Sinne auf den Staat übertragen. Die wol ältefte und noch zugängliche Durchführung der Vergleichung zwiſchen den Gliedern des Körpers und den Theilen des Staates unter der Vorausſetzung, dab die Grundzüge der organifchen Struktur wirklich im Staate wieder- ehren, war in einer dem Plutarch untergefchobenen Institutio Trajani enthalten, die wir in dem merkwürdigen Polycraticus des Johannes von Salisbury noch theilweiſe wiederzuerfennen ver- mögen ?). Diele Harmonie des Weltganzen, nach welcher die Struktur des Staates ald eine corpus morale et. politicum ſich in der feiner Theile, der Individuen, widerſpiegelt, bildet den Hintergrund des mittelalterlichen organiſchen Staatsbegriffs. Und ſchon die Schriftfteller jener Zeit verwenden geiftvoll Beziehungen, die wir am organischen Körper gewahren, zur Aufklärung des politifchen Organismus. Sjenjeit diefer ganzen theokratiſchen Auffaffung von Geichichte und gejellichaftlicher Ordnung trat im Fortichreiten des Mittelalters immer mächtiger eine ganz entgegengejeßte hervor, welche aus den freien Stadtgemeinden des Alterthums ftammte: die Ableitung der politiſchen Willenseinheit und des Rechtes der Herr- ſchaft aus den Einzelwillen der zu einer Organijation ver- Bundenen Perſonen. Diefe Theorie erklärte die Entftehung von 1) Tante de monarchia im Beginn be3 zweiten Buches. 2) Dal. beionder? Buch V. Dort c. 2: est autem res publica, sicut Plutarcho placet, corpus quoddam, quod divini muneris beneficio ani- matur, et summae aequitatis agitur nutu, et regitur quodam moderamine rationis. ea vero quae cultum religionis in nobis instituunt et infor- mant, et Dei (ne secundum Piutarchum deorum dicam) ceremonias tra- dunt, vicem animae in corpore reipublicae obtinent. Hier gewahrt man bireft bie Mebertragung von dem Begriff der Kirche ber. 442 Zweite Buch. Dritter Abſchnitt. Millendeinheit in der äußeren Organijation der Gejellichaft richt aus Uebertragung des göttlichen Herrichaftsrechtes, jondern durch ein von den Einzelwillen ausgehendes pactum subjectionis, ſo- nad) durch eine Konftruftion von unten, von den Elementen des Staatslebens aus. Sie führte den Grundgedanken des griechilchen Naturrechtes fort. Aber wenn diejes das Problem einer mechanifchen Erklärung der politiichen Willenzeinheiten aus der Anarchie der gejellichaftlichen Atome ganz allgemein vorgeftellt Hatte und wir es jo als eine Metaphyſik der Geſellſchaft bezeichnen konnten, fo verfolgte das Mittelalter das ſchon von den Römern eingejchlagene Berfahren, diefe griechifchen Spekulationen mit ber pofitiven Jurisprudenz in Beziehung zn jeßen. Unter der Hand der Faro» niften und Legiſten war der Begriff der Korporation zu dem herrſchenden auf dem Gebiet der äußeren Organilation der Gefell- ihaft geworden und wurde auf Staat wie Kirche angewandt. Die juriftiiche Konftruftion dieſes Begriffs ließ aus einem kon⸗ ftituirenden Afte die einheitliche Nechtafubjektivität der Korporation, vermöge deren fie Berfon ift, entjpringen. So wurde die Kon⸗ ſtruktion der Willenseinheit in einem politischen Ganzen durch: einen ſolchen Akt Mittelpunkt jeder publiziftiichen . Theorie, und die Mitwirkung oder die ausſchließliche Wirkfamfeit der ver- einigten Willen in dem Alte, Durch welchen der Staat entfteht, gaben diefem den Charakter eines Vertrags. Grundvorftellungen des älteren deutjchen Rechtes, dann die Rechtsfabel von einem konſtitu— irenden Akte, in welchem das römische Volk die Herrichaft auf den Imperator übertragen habe, weiter die Einwirkung der griechijchen Theorien, endlich das Selbftregiment freier Kommunen in alien, dem wichtigften Lande für die politiiche Theorie jener Zeit: dies Alles Tieß die naturrechtlihe Strömung anwachſen. Bon ber Mende des dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert? ab formirte fich ſyſtematiſch die juriftifche Konftruftion aus den Einzelwillen und ihrem Vertrag. Gejellichaftzvertrag, Souveränität des Volkes, Einſchränkung des pofitiven Rechtes durch das Naturrecht traten in das öffentliche Recht ein. Diefe pofitiv- rechtliche Fortent⸗ wicklung des Naturrecht3 verftärkte feine revolutionäre Kraft für Naturrechtliche Konſtruktion bet Staats von den Einzelwillen aus. 448 eine fünftige Zeit, zunächft aber hatte fie während des Mittelalters die Anpafjung defjelben an die anderen gejellichaftlichen Ideen der Zeit zur Folge. Erft in einem Marfiliuß von Padua löſt diefer radikale Standpunkt fih von den anderen gejellichaftlichen Ideen des Mittelalter los und das bezeichnet die Morgendämmerung der modernen politifchen Ideen. Die volle Machtentfaltung des Naturrechts begann dann bei den neueren Böllern mit dem Niedergang der feudalen Ordnungen. Nun war der Punkt in der Entwidlung der neueren Gejellichaft erreicht, an welchem mit der Souveränität der Individuen Ernft gemacht werden fonnte, entjprechend dem Punkte in der Entwidlung der griechifchen Geſellſchaft, an dem dag Naturrecht der Sophiften fi) Geltung verichafft Hatte ?). So fand die theokratifche Geſellſchaftslehre in der naturrecht- lichen ihre Grenze, und dieſe letztere ihrerſeits entbehrte noch der generellen Faſſung und der Hilfsmittel der Analyſis, welche ihr eine zureichende Erklärung der Gejellfchaft ermöglicht hätten. Wir überbliden und prüfen jchließlich die Verbindung der entwickelten Sätze in dieſer theokratiſchen Metaphyſik der Gejell- ſchaft. — Dieſe Theorie war jeder früheren darin überlegen, daß fie von dem umfaſſenden Zuſammenhang bes geſellſchaftlichen Lebens der Menſchheit ausging und jeder Satz über die Befugniſſe einer politiichen Gewalt fo gut ala jede Behauptung über den Begriff einer Tugend oder einer Pflicht durch diefen Zuſammenhang be= dDingt war. — Aber die zufammengefehten Thatfachen, welche fich der Geichichtäfunde und der politiichen Beobachtung barbieten, find bon den mittelalterlichen Denkern nicht in einfachere Cinzelzuſammen⸗ hänge zerlegt worden, vielmehr wurden fie durch teleologifche Deutung zu einem Ganzen verbunden. Hieraus Hätte nun nichts ala ein willürliches Spiel entftehen können, wenn nicht für dieſe Chiffern der Geſchichte und der Gefellichaft der Schlüffel in ber 1) Bon biefer zweiten geichichtlichen Formation des Raturs rechts, der mittelalterlidgen, haben wir eine erite gründliche Dar: ftellung und Beleoftellen in Gierkes Genofienichaftsrecht erhalten, III 627 ff., und in befien Althufius ©. 77ff. S. 92ff. S. 123 ff. Tg m — — — — — — — En mE, di u 444 Zweites Bud. Dritter Abichnitt. Offenbarung zur Hand geweſen wäre: fie legte Anfang, Mitte und Ende des Lebenslaufs der Menſchheit feft und beftimmte deflen Gehalt. Daher bildete den‘ Grundzug dieſer Metaphyfik der Gejellichaft: jede Konſtruktion in Begriffen ift nur der nach⸗ träglicde Verſuch, dad, was Tradition und religidfer Tieffinn be— fiten, in Begriffen darzuftellen und zu beweifen. — Unb zwar ift die herrſchende mittelalterliche Geſellſchaftslehre ein theokratiſches Syftem, jedoch galt diejes nicht ohne Widerſpruch. Das Leben ber Korporationen enthielt ein andere Clement, ein Recht der Ge— ſammtheit, welche auf ein Vertragsverhältniß zurückzuweiſen fchien. Dieſer Beftandtheil wurde von der theokratiſchen Gefellfchaftslehre nicht erklärt, und wie die naturrechtliche Geſellſchaftslehre fich ent- wickelte, bezeichnete fie für das theokratiſche Syſtem eine Schranke feiner Brauchbarkeit und eine Lüde in feinen Prämiflen. — Inner⸗ lich ift dieſe theofratiiche Metaphyſik der Gefellichaft von den Antinomien zerriffen, welche aus der, metaphyfilchen Prinzipien- lehre in die Philofophie der Gefellichaft Hineinreichen. Die tieffte diefer Antinomien wirkt in der Gejelichaftslehre ala der Wider- ſpruch zwifchen der Auffaffung Gottes als eines Intellekts, für “ welchen nur dad Ewige und Allgemeine ift, und ala eines Willens, welcher Veränderungen zu einem Ziele hin durchläuft, in zeitlichen Alten fich Eundthut und von den Thaten freier Willen zu Gegen⸗ wirkungen angeregt wird. Die ewigen Wahrheiten haben ald Prinzipien der gejellihaftliden Ordnung für das Altertfum innerhalb der Menfchenwelt diefelbe Bedeu- tung wie die Jubftantialen Formen innerhalb der Natur. Als Ariftoteles die platoniichen Ideen in die Welt jelber ver- legte, ftattete er diefe Welt mit Ewigkeit ſowol in Rüdficht ihres Beftandes ala ihrer Formen aus. In unveränderlicher Selbft- gleichheit entfteht innerhalb derjelben aus dem organischen Keime dad lebendige Weſen und der Keim felber rückwärts aus dem Leben. Der Berlauf der Geſchichte erringt nad) Ariftoteles der- Seele und der von ihr verwirklichten Eudämonie feinen tieferen Inhalt. Ein feſtes Gefüge von Begriffen, welches das fich ſtets gleiche Gejeh des Staatslebend enthält, wird von feiner deſtrip⸗ Logifcher Zufammenbang dieſer Metaphyfit der Geſellſchaft. 445 tiven Wiſſenſchaft der Politik entwidelt und bat an den verän⸗ derlichen LZebensbedingungen der Gejellichaft nur feinen wechſeln⸗ den Stoff. So tief Ariftoteles das Verhältniß der Lebens⸗ bedingungen der Staaten zu den politiichen Formen aufgefaßt Bat: die Entwidlung der Zwechuſammenhänge des menſchlichen Lebens bedarf nach ihm nicht einen immer neuen, dem veränderten Gehalt entſprechenden Ausdruck in den politiſchen Verfaſſungen, ſondern die Bedingungen der Geſellſchaft ermöglichen, gleichſam als die Materie der Staatenbildung, hier eine geringere, dort eine höhere Ausgeſtaltung der Einen Idealform. Dem Chriften- thum wird Gott geſchichtlich. Die vom Chriftentbum getragene mittelalterliche Geſellſchaftslehre benubt zuerft die Idee eines gött= lichen Willens, welcher eine auffteigende Reihe von Veränderungen als Zweck enthält und in der Zeitreihe einzelner Willenzalte, in Wechſelwirkung mit anderen Willen, diefen Zived verwirklicht. Die Gottheit tritt in die Zeit ein. So oft nun die mittelalterliche Meta⸗ phyſik das griechiſche Syſtem ewiger Wahrheiten mit dem Plane Gotted vereinigen will, zeigt fi) die Unauflösbarfeit des Wider- ſpruchs. Denn die lebendige perjönliche Erfahrung des Willens, welcher Bebürfniß und Veränderung einjchließt, Tann nicht in Einklang gebracht werden mit der unveränderlichen Welt ewiger Gedanken, in denen der Antelleft die nothivendige und allgemein- gültige Wahrheit befikt '). — Erkenntnißtheoretiſch mwiderjpricht die ipekulative Konftruftion aus Begriffen der willfürlichen That⸗ lächlichkeit, die den Entjcheidungen eines freien göttlichen Willens eigen ifl. Daher löfte die Willenzlehre Occam's die objektive Me= taphyſik des Mittelalter auf, und war br Nominalismus in feinem erften Stadium an feiner unfruchtbaren Negativität gegen= 1) Auguftinug de civ. Dei XI c. 10: neque enim multae sed una sapientia est, in qua sunt immensi quidam atque infiniti thesauri rerum intelligibilium, in quibus sunt omnes invisibiles atque incommutabiles rationes rerum etiam visibilium et mutabilium; de trinitate IV c. 1: quia igitur unum verbum dei est, per quod facta sunt omnia, quod est in- commutabilis veritas, ibi principaliter et incommutabiliter sunt omnia simul. Auflöfung ſucht Auguflinus vergeben? in dem Sat de trinitate II c. 5: ordo temporum in aeterna Dei sapientia sine tempore est. 446 Zweites Bud. Bierter Abſchnitt. über den Aufgaben des mittelalterlichen Denkens zu Grunde gegangen: in der mächtigen Realität des Willen? fand er nun auch bier innerhalb der Gejellichaftslehre feine höhere Berechtigung. Die geiftesgewaltigen kirchenpolitiſchen Schriften Occam's zer- flörten in meitläufiger Darlegang von Gründen und Gegen- gründen jeden Theil des rationalen Zuſammenhangs einer Philo- ſophie der Geichichte und der Gelellichaft ). Und mit Recht; denn wirklich ift die Demonftration unfähig geweſen, die mittel- alterliche Gefellichaftslehre einigermaßen zu begründen. Die Folge⸗ richtigkeit des Schlufles verfagt, wo aus dem theokratiſchen Prin- zip der Dualismus von Staat und Kirche abgeleitet oder über Streitfragen, wie das Berhältniß von Staat und Kirche, von Weltmonarchie und Einzelftaat durch Syllogismen entjchieden werden joll. Bierter Abſchnitt. Die Anflöfung der uertaphyſiſchen Stellung des Menfhen zur Mirklidkeit. — — — — Erſtes Kapitel. Die Bedingungen des modernen wiſſenſchaftlichen Bewußtſeins. Die zweite Generation der europäiſchen Völker erfuhr nun eine Umwandlung, welche der ähnlich ift, die in Griechenland aus der Auflöfung ber alten Gefchlechterverfaffung hervorging. Indem die feudalen Ordnungen, die Gliederung der Chriftenheit 1) Das Prinzip Occam's, welches bie fittliche Ordnung mit dem Willen in fein piychologifches Verhältniß fehte, dad was bem Willen werthvoll ift von dem flar jonderte, tvad dem Verſtande wahr ift, und jo jede Meta: phyſik der fittlichen Welt aufhob, trat Freilich zunächſt in überfpannter Fafſung auf 3. B. in sent. II quaest. 19: ea est boni et mali moralis natura ut, cum a liberrima Dei voluntate sancita sit et definita, ab eadem facile possit emoveri et refigi: adeo ut mutata ea voluntate, quod sanctum et justum est possit evadere injustum. Hierdurch war dann ber extreme Supranaturaliamus Dccam’3 bedingt. Der moderne Menſch. 447 unter Papft und Kaiſer, ſich löften, entitand die neuere euro⸗ päiſche Gejellichaft und inmitten ihrer der moderne Menſch. Dieſer ift das Erzeugniß der allmäligen inneren Entwicklung, welche in der Jugendzeit diejer zweiten Generation der europäilchen Völker oder dem Dkittelalter ftattfand. Was wir in ihm juchen, ift unfer eigener Herzichlag, verglichen mit dem, was wir in den Seelen der Menfchen älterer Zeiten zu lejen vermögen und das und fremb if. Nichts ift daher relativer, mag man auf die All- mäligfeit ſehen, mit welcher es ſich geltend macht, oder auf bie Verſchiedenheit des perfönlichen Gefühls im Gejchichtäfchreiber, von welchem aus ein ſolcher hiſtoriſcher Typus beftimmt wird. Dennoch fieht der Geſchichtſchreiber Wirklichkeit, wenn er erfte Bei- Ipiele de3 mobernen Menjchen an beitimmten Stellen auftreten fieht, mitten in einer fontinuirlichen Entwidlung faßt er das Er- gebniß in anfchaulich darftellbaren geichichtlichen Erjcheinungen auf und hält es feft. Auch Hindert ihn hieran nicht, daß der Punkt, an welchem in ber Entwidlungsbahn des einen Volles ein ſolcher Typus auftritt, der Zeit nach weit abliegt von dem Punkte, an welchen dies bei einem anderen ftattfindet. Es beirrt ihn nicht, daß die bejonderen Züge diefer Form bei dem einen Volle ſehr abweichen von denen bei dem anderen. Ein folder Typus if augenscheinlich Petrarca, der mit Recht ala der erſte Repräfentant de modernen Menjchen, wie er jchon im vierzehnten Jahr⸗ hundert in Haren Zügen bervortritt, aufgefaßt wird. Es ift nicht Yeicht, denjelben Typus in dem modernen Menſchen des Nordens wiederzufinden, in Luther und feiner Independenz des Gewiſſens, in Erasmus und jener perjönlichen Freiheit des unterjuchenden Geiftes, welcher in einem grenzenlojen Meere von Tradition, nad) Aufklärung verlangend, vorwärts dringt. Dennoch ift hier wie dort etwas die ganze Weſenheit diefer Menjchen Beitimmendes, mas wir mit ihnen theilen und was fie von Allem abfondert, das früher gewollt, gefühlt oder gedacht wurde. Aus dem Zufammenhang deffen, mas ben modernen Menſchen ausmacht, heben wir einen Zug heraus, weldden wir im Ver lauf der intelleftuellen Gejchichte langſam und mühjelig fih ent» 448 Zweites Buch. Vierter Abichnitt. falten jahen, und der nun für die Entftehung wie dad Recht de8 modernen wifjenjhaftliden Bewußtfeins in feinem Gegenja zu der metapbufiichen Stellung des Menfchen entſcheidend ift. — Der Zweckzuſammenhang der Erfenntniß in Europa bat fich in der Wiſſenſchaft von feiner Grundlage in der Zotalität der Menfchennatur abgelöft, wie neben ihm die Kunft oder in anderer Art dad Recht. Auf diefer Differenzirung berubt nicht nur die technifche Vollendung der großen Zweckſyſteme der menschlichen Gejellichaft, jondern, ala innerfter Kern des Vorgangs, das Freiwerden aller Kräfte in der Einzeljeele aus ihrer anfäng- lichen Gebundenheit; die Seele wird Herrin ihrer Kräfte, einem Mann zu vergleichen, der gelernt hat, jede Bewegung der Glieder unabhängig von den Bewegungen der anderen auszuführen und in genauer und fidherer Abmefjung auf die Wirkung zu benußen. Die urjprüngliche Bindung der Seelenkräfte löſt fich durch die Arbeit der Geichichte. Denn erſt vermittelft der Kunft befitzt das Gefühl ſein mannichfaches, wechſelndes und reiches Leben; die Werke der Künftler ſtrahlen ihm wie in einem Wunderſpiegel in Bildern, Wahrnehmungen, Borftellungen feine innere Welt erhöht azurüd. In der Arbeit der Wiſſenſchaft erkennt erſt der Intellekt feine Mittel und deren Tragweite, feine Methode und deren Macht und gebraucht nun mit der technifchen Virtuofität gleichſam des logiſchen Athleten die in ihm liegenden Kräfte. Der mittelalterlihe Menſch Hatte die in ber alten Welt erreichte Differenzirung nur unvollkommen feitgehalten. Wol hatte er die chriftlide Erfahrung tiefjinnig entfaltet. In dem katho— lichen Kirchenſyſtem Hatte er die jelbjtändige Macht des religiöſen Lebend und des ihm verbundenen gejellichaftlichen Bewußtſeins, das alle Völker verknüpft, befeftigt und vertheidigt, wenn auch mit furdhtbaren Gewaltmitteln. Unter dem Schube und leider auch der Gewalt dieſes Kirchenſyſtems erwuchs der Zweckzu⸗ ſammenhang der Wiflenfchaft in den Univerfitäten ebenfalls zu einer größeren Organilation, und inmitten des forporativen Lebens des Mittelalterd vang auch er nach einer rechtlichen Selbftändig- keitsſphäre. Aber die Herrichaft der Religion, welche allen höheren Sein Unterfhied vom mittelalterlichen Menichen. 449 Gefühlen und Ideen eine feltene Sicherheit und Tiefe im Mittel- alter gab, Hat doch alle felbftändigen Zweckzuſammenhänge bis zu einem gewillen Grade gebunden. Die Legirung des Chriſtenthums mit der antilen Wiflenjchaft Hat die Lauterfeit der religiöjen Er- fahrung beeinträchtigt. Die Torporative und autoritative Bindung der Imdividuen bat die freie Beziehung der Thätigkeiten von Per- onen auf einander in Gebieten, welche wie Wiſſenſchaft und Religion in der Freiheit ihren Lebenzathen haben, gehemmt. So haben die LebenZbedingungen des Mittelalter? den Reichthum höheren Daſeins zu einem von der Kirche geleiteten Zujammen- hang verwebt, in dem das Chriſtenthum fi) an eine metaphyſiſche Wiſſenſchaft verlor, Wiflenichaft und Kunft innerli und äußer- lich gefeflelt waren. Diefer Zujammenhang ber Bildung hatte in der äußeren Organijation der Kirche feinen Körper. Ihm gegenüber war Alles, was fonft im mittelalterlichen Menjchen fih regte, Weltlichkeit, die vernichtet oder untertvorfen werden mußte. So ging durch jeine Seele derjelbe Zwieſpalt, welcher die Gefellichaft jener Tage in die kaiſerliche und Kirchliche Gewalt außeinanderriß. Naturtvuchd des Staatslebens, Verharren ber Individuen in den urjprünglichen Beziehungen zum Boben, Be- ſonderheit, perjönliches Verhältnig und perfönlicher Verband, unter Zurüdtreten allgemeiner Rechtäregeln, dazu ein jugendliches Un- geftim in der germanifchen Race und den durch fie mit neuem Blute erfüllten älteren Böllern: dies Alles hatte in bem Men⸗ chen jener Zeit ungebändigtes Leben der Sinne und des Willens zur Folge. Aber in feiner Seele fämpfte biergegen der Glaube an ein trandicendente® Reich, welches durch die Kirche, ben Kleriler und das Sakrament in das Diezjeitö herüberwirkt und aus dem göttliche Kräfte beftändig ausftrahlen. Die Macht dieſes objektiven Syſtems wurde gefteigert durch die Ordnung ber mittelalterlicden Geſellſchaft. In diefer war da3 Individuum ganz in Verbände eingegliedert, von denen die Kirche und bie feudale Ordnung nur die gewaltigften waren. Die Zweckinhalte der Gejellfchaft, welche am meiſten der Freiheit zu bedürfen icheinen, waren von der Autorität und der Korporation getragen Dilthey, Einleitung. 2 450 Zweites Buch. Vierter Abſchnitt. und gebunden. Dieje Abhängigkeit des mittelalterlichen Menſchen wurde vermehrt durch jeine Stellung zu der gefammten hiſtori⸗ ſchen Ueberlieferung, welche jein Denken wie in einem dichten Walde von Traditionen fefthielt. Und nicht der geringfte unter den Gründen, welche Selbftthätigleit der Individuen und une abhängige Entfaltung der einzelnen Lebenszwecke in der Gejell- ſchaft Hinderten, beftand in einer Metaphyſik, welche nach der Sage der Wifienfchaften in ihren Grundzügen fiegreich ſich be- hauptete und der von der Kirche vertheidigten tranzfcendenten Ord⸗ nung einen feften Stüßpunlt gewährte. So ericheinen auch die intelleftuell gewaltigften mittelalterlichen Denker nur ala Re—⸗ präjentanten diefer Weltanficht und Lebensordnung, vergleichbar den großen feudalen und bierarchiichen Häuptern der Geſellſchaft jener Tage. Was in ihnen individuell war, ordnete fich diefem Syſtem unter, und darin war gegründet, daß der Denker eine Weltmacht war. Wie .einfam und verbüftert auch ein Dante feinen Meg ging, feine ganze große Seele war diefem objektiven Zu⸗ fammenhang bingegeben, jo gut ala die eines Anſelmus, Albertus oder Thomad. Hierdurch wurde er zu der „Stimme zehn Ichweigender Jahrhunderte”. Die weſenhafte Veränderung, die wir als Auftreten bes modernen Menjchen bezeichnen, ift das Ergebniß eines zu- fammengejetten Bildungsprozeſſes, und ihre Erklärung würde eine umfaflende Unterfuchung erfordern. — Hier, two es fi) um Ent- ftehung und Recht des modernen wifjenichaftlichen Bewußtſeins handelt, ift zunächſt das Wichtigfte, daß die vorher von den Völkern der alten Welt vereinzelt erreichtesDifferenzirung und Ver⸗ felbftändigung der Zweckzuſammenhänge der Gejellichaft innerhalb der neuen Generation der europäischen Völker verwirklicht wird. Die geiftige Bildung dieſer Völfer ruht auf der Selbftgewißheit ber religiöfen Erfahrung, der Selbſtändigkeit der Wiffenſchaft, der Befreiung der Phantafie in der Kunft; im Gegenjaß zu der früheren religiöfen Gebundenheit. Eine ſolche neue Verfafjung des inneren Zufammenhanga der Kultur ift eine höhere Stufe in der Entwidlung ber neuen Generation europäifcher Völker, da diefe Na- —\ - — — 4, Wie in ihm dad moderne wiſſenſchaftliche Bewußtſein entfteht. 451 tionen in der Gebundenheit der Seelenkräfte naturgemäß begonnen Hatten. Sie ift aber zugleich eine Wiederherftellung des von den Griechen Srarbeiteten und im Chriſtenthum Getvonnenen, und daher find Humanismus und Reformation hervorragende Beftandtheile des Vorganges, in welchem unfer modernes Bewußtfein entftand. — Zu diefer Differenzirung trat als eine andere Seite der gefchichtlichen Bewegung, welche dem modernen wiljenfchaftlichen Bewußtſein das Leben gab, die Veränderung in der äußeren Organijation ber Geſellſchaft, welche alle individuellen Kräfte löfte und das In⸗ dividuum verjelbftändigte.e Innerhalb der Etädte vollzog fich zuerſt dieje ſoziale und politifche Umgeftaltung. In den Zuſammen⸗ Bang unferer Darlegung fügt ſich harmoniſch das klaſſiſche Ge⸗ mälde ein, welches Jakob Burdhardt von dem erften Auftreten des modernen Menſchen in dem Stalien der Renaiffance entworfen hat. „Im Mittelalter, jagt er, lagen die beiden Seiten des Be- wußtſeins — nach der Welt hin und nad) dem Inneren de Menſchen ſelbſt — wie unter einem gemeinfamen Schleier, träumend oder halbwach. In Italien zuerft verweht dieſer Schleier in bie Lüfte, es eriwacht eine objektive Betrachtung und Be- handlung des Staat? und der ſämmtlichen Dinge diefer Welt überhaupt; daneben aber erhebt fich mit voller Macht dad Sub- jektive; der Menſch wird geiftige® Individuum und erfennt fih ala ſolches.“ Was hier ala objektive Behandlung bezeichnet wird, ift zunächft durch die relative Verſelbſtändigung der einzel- nen Kreiſe der Eriftenz bedingt; indem die Wifjenjchaft die Unter- ordnung unter das mittelalterliche Schema des religidfen Vorſtellens aufgiebt, zerreißt dad Band zwiſchen den rveligidjen Ideen ala Mitteln ber Konſtruktion und der Wirklichkeit, man wirb in un⸗ befangener Auffaffung dieſer gewahr, und jo entfteht objektive Be⸗ trachtung und pofitive Wiſſenſchaft, wo ehedem metaphy- fiſche Ableitung das Phänomen mit dem Tiehften des geiftigen Gejammtlebend verbunden gehalten hatte. Andrerſeits bewirkte die veränderte Lage des Individuums in der äußeren Organijation der Gejellichaft eine Befreiung der individuellen Kräfte und des individuellen Selbftgefühle. So entftand eine neue Stellung 29* 452 Zweites Bud. Vierter Abfchnitt. de erfennenden Subjeltd zur Wirklichkeit. Endlich nahm mit dem Wachsthum des individuellen Selbftgefühlse und der Ausbildung der objektiven Betrachtung eine freie Mannig- faltigfeit der Weltanfiht zu. In metaphyliichem Denken wie in poetiichem Sinnen wurden alle Möglichkeiten der Weltbe— trachtung durchgebildet. — Traf das volle Licht diefer neuen Zeit zuerſt Italien, jo war doch jchon das erjte Aufdämmern berjelben im Norden ein mächtigered Phänomen. In Occam finden wir eine tiefere Grundlage des modernen Bewußtſeins, als in feinem jüngeren Zeitgenofjen Petrarca: die Selbftgerwißheit ber inneren Erfahrung. Gegenüber der Autorität, der Wortbeweisführung, den die Erfahrung überjchreitenden Syllogismen wirb hier im Willen eine mächtige Realität, aufrichtige und wahrhaftige Weſen⸗ heit wahrgenommen. So erweiſen ſich Veränderungen in dem ganzen status ho- minis auch innerhalb der relativ jelbftändigen intellektuellen Ente widlung als einwirkend, ja beflimmend. Es iſt eine äußerliche Betrachtung, wenn man die Umänderung bes wiſſenſchaftlichen Geiftes jeit dem vierzehnten Jahrhundert auf den Humanismus zurückführt. Durch das ganze Mittelalter geht das Anwachſen der Kenntniß von Büchern und Hilfsmitteln des Alterthums 2). Trat nun inneres Wiederverftändniß des Geiftes der alten Schrift- fteller zuerft im vierzehnten Jahrhundert in Stalien, ſpäter bei den anderen Völkern hervor, jo war dies die Yolge tiefer liegender Urſachen. Es bildeten fich bei den neueren Völkern, insbeſondere in den Städten, Toziale und politiiche Zuftände, welche denen in den alten Stadtftanten analog waren; die hatte ein perjön- liches Lebensgefühl, Stimmungen, Interefien, Vorftellungen zur Tolge, welche durch ihre Verwandtſchaft mit denen der antiken Völker ein Wiederverftändniß der alten Welt möglich gemacht haben. Denn der Menjch, welcher in fich daß Vergangene erneuern 1) Prantl hat in feiner Gefchichte der Logik im Abenblande 1855 ff. für einen einzelnen Zweiq der wifjenichaftlichen Literatur ben Beweis dieſes wichtigen Sabes erfchöpfend geführt. Der moderne Menſch und die Metaphyſik. 453 ſoll, muß durch eine innere Wahlverwandtichaft Hierzu vorbe- reitet jein. Diele veränderte Verfafjung der geiftigen Bildung, wie fie in der zunehmenden Selbftändigfeit der Religion, Wiſſenſchaft und Kunft und der wachjenden Freiheit des Individuums gegenüber dem Berbandaleben der Menjchheit erjcheint, ift der tieffte, in der piychiichen Verfaſſung des modernen Menſchen ſelber liegende Grund dafür, daß jebt die Metaphyfit ihre bisherige ge- ſchichtliche Rolle ausgefpielt Hat. Die chriftliche Religion, wie Luther und Zwingli fie auf die innere Erfahrung ftellten, die Kunft, wie nun Lionardo fie den geheimnißvollen Tieffinn der Wirklichkeit erfaflen lehrte, die Wiſſenſchaft, wie fie Galilei auf die Analyſis der Erfahrung verwies, konſtituirten das moderne Berwußtjein in der Freiheit feiner Lebendäußerungen. Metaphyſik, ala Theologie, war dad reale Band geweſen, welches im Mittelalter Religion, Wiſſenſchaft und Kunſt, die ver- chiedenen Seiten des geiftigen Lebens, zufammengebalten hatte: nun Wurde dies Band gejprengt. Das intelleftuelle Leben der neuen Völker war jo weit herangewachſen und ihr Verſtand durch die Scholaftit jo digciplinirt für die Forſchung um der Forſchung willen, daß eingefchränttere Aufgaben vermittelft ftrengerer Methoden geftellt und auch gelöft zu werden begannen. Die Zeit felbftändiger Entwidlung der Einzelwiſſenſchaften war gefommen. Die Ergebniffe der pofitiven Epoche der alten Welt tonnten aufgenommen werden. Wo ein Archimedes, Hipparch und Galen den Yaden pofitiven Forſchens fallen gelaflen, konnte er wieder angefnüpft werden. Altertfum und Mittelalter haben in der Wiflenichaft die Antwort auf das Räthjel der Welt, in ber MWirklichleit die Verkörperung der höchften Ideen gefucht; jo war die Betrachtung der idealen Bedeutung der Erſcheinungen mit der Bergliederung ihres urfächlicden Zufammenhangs vermifcht worden. Indem jebt die Wiſſenſchaft fi) von der Religion loslöſte, ohne fie erjegen zu wollen, trat die kauſale Forſchung aus diefer faljchen Verknüpfung und näherte fi) den Bedürfniffen des Lebend. Man war des abftraften Schließend auf transfcendente Objekte, der 454 Zweite® Buch. Vierter Abſchnitt. metaphyfiſchen Spinngewebe, welche vom Diesſeits zum Jenſeits gezogen worden waren, jatt, und doch dauerte das aufrichtige Ringen nach der Wahrheit Hinter den Erfcheinungen for. So wandte fi) mın der Romane den Erfahrungen der äußeren Natur und des MWeltlebend, der nordiiche Menſch zunächft der lebendigen religiöſen Erfahrung zu. Und jeßt erſchien auch an diefer Wende der intelleftuellere Entwidlung ala Träger der neuen Richtung eine neue Klafſſe von Perjonen: der Kleriker machte dem Literaten, dem Schrift- fteller oder auch dem Profeffor an einer der von Städten oder aufgeflärten Fürſten gegründeten oder neugeftalteten Univerfitäten Platz. In den Städten, in welchen dieſe Männer auftraten, be= fand nicht der Unterfchied zwiſchen einer großen thätigen aber ununterrichteten Sklavenmaſſe und einer Heinen Zahl freier Bürger, welche jede Art von körperlicher Arbeit ald ihrer unwürdig an- ſahen. Während dies Verhältniß in ben griechilchen Städten den Hortichritt der Erfindungen in hohem Grade gehindert hatte, ent⸗ ftanden im Zulammenhang mit der Snduftrie in den modernen Städten Erfindungen von großer Tragweite. Der weite Schau- plat unſeres Erdtheils und die ungeheuren Mittel diejer modernen Melt brachten einen ununterbrochenen Zuſammenhang vieler Ar- beiter hervor. Diejen aber ftand die Natur nicht ala ein in fich göttliches Gewächs gegenüber: die Hand des Menjchen griff durch fie hindurch, Hinter ihren Formen die Kräfte zu erfaſſen. In diefer Bewegung entftand der Charakter der modernen Willen- haft: Studium der Wirklichkeit, wie fie in der Erfahrung ge= geben ift, vermittelft der Auffuchung des faujalen Zuſammenhangs, ſonach durch Zerlegung der zuſammengeſetzten Wirklichkeit in ihre Taltoren, befonderd durch daß Erperiment. Die Aufgabe, das Konſtante in den Veränderungen der Natur feftzuftellen, wurde durch die Aufſuchung von Naturgejeken gelöft. Das Naturgejet verzichtet darauf, da Weſen der Dinge auszudrücken, und indem jo Grenzen der pofitiven Wiſſenſchaft bervortraten, wurde das Studium ber Wirklichkeit ergänzt durch eine Erkenntniß— theorie, welche das Feld der Wiſſenſchaften abmaß. Die Funktion ber Metaphyfit in der Gefellichaft ändert ſich 455 So entftanden, als die eigenthümlichen Erzeugniſſe der modernen Wiſſenſchaft, Erforſchung der Kauſalgeſetze der Wirk⸗ lichkeit auf dem Gebiete der Natur wie der geſellſchaftlich⸗geſchicht⸗ lichen Welt und Theorie der Erkenniniß. Dieſe beiden führen ſeitdem den Vernichtungskrieg gegen die Metaphyſik, und jebt ift ihre Tendenz, auf der Grundlage der Erkenntnißtheorie einen Zuſammenhang der Einzelwifjenichaften ber Wirklichkeit Herzuftellen. Und bat fi nun in diefer modernen Welt, an deren Ein- gang wir flehen, Metaphyſik zu vertheidigen verjucht, fo ändert ſich doch allmälig ihr Charakter und ihre Lage. — Die Stelle, die fie im Zuſammenhang der Wilfen= Ihaften zu behaupten verfucht, iſt eine andere. Denn indem die pofitiven Wiſſenſchaften die Wirklichkeit analyfiren und die allgemeinften Bedingungen derjelben in einem Eyftem von @le- menten und Geſetzen feftzuftellen ftreben, indem fie ſich der Stellung diefer Säße zur Wirklichkeit wie zum Bewußtſein kritiſch bewußt werden: verliert die Metaphyſik ihren Platz als Grund- lage der Erklärung der Wirklichkeit in den Einzelwiſſenſchaften, und ihr bleibt nur ala mögliche Aufgabe, die Ergebniffe der pofi= tiven Wifjenichaften in einer allgemeinen Weltanficht abzufchließen. Der Grad von Wahrfcheinlichkeit, der einem ſolchen Verſuche erreichbar iſt, kann nur ein bejcheidener fein. — Ebenſo ändert ch die Funktion folcher metaphyſiſchen Syfteme in der Ge— ſellſchaft. Ueberall wo Metaphyſik fortbeftand, wandelte fie fi in ein bloßes Privatſyſtem ihres Urhebers und derjenigen Perjonen, welche fich vermöge einer gleichen Verfafjung der Seele von diefem Privatſyſtem angezogen fanden. Died war durch die veränderte Zage bedingt. Diefelbe hat die Macht einer einheitlichen mono- theiftiichen Metaphyſik gebrochen. Die veränderten phyſikaliſchen und ajtronomijchen Grundbegriffe haben die Schlüffe der mono- theiſtiſchen Metaphyſik zerftört. Eine freie Mannigfaltigkeit von metaphyſiſchen Syftemen, deren feine erweisbar ift, bat ſich nun gebildet. So blieb Ver Metaphyſik nur die Aufgabe, Gentren zu jchaffen, in welchen die Ergebnifle der pofitiven Wiſſen⸗ ſchaften fich zu einem befriedigenden allgemeinen Zuſammenhang 456 Zweites Buch. Bierter Abfchnitt. der Erſcheinungen in einer Yaflung von relativem Werthe ſammeln fonnten. Die pofitive Wiflenjchaft bringt nach der Anficht der Meta- phyſiker nur die einzelnen Worte und bie Regeln der Verknüpfung derjelben hervor, welche dann erft unter ihren Händen zum Gedicht werden. Aber ein Gedicht bat feine allgemeingültige Wahrheit. Man bat ungefähr in derjelben Zeit neben einander Schelling feine Offen- barungsphiloſophie, Hegel jeine Weltvernunft, Schopenhauer feinen Weltwillen, die Materialiften ihre Anarchie der Atome beweiſen hören; alle mit gleich guten oder fchlechten Gründen. Handelt es fi) etwa darum, unter diejen Syſtemen das wahre auszuſuchen? Das wäre ein jonderbarer Aberglaube; jo vernehmlich ala möglich lehrt diefe metaphyfiiche Anarchie die Relativität aller metaphy- fiichen Syſteme. Ein jedes von ihnen repräfentirt jo viel, ala ed in fi faßt. Es bat jo viel Wahrheit ala eingegrenzte That- laden und Wahrheiten feinen grenzenlojen VBerallgemeinerungen zu Grunde liegen. Es ift ein Organ, jehen zu machen, die Individuen durch den Gedanken zu vertiefen und zu dem unfichtbaren Zu— ſammenhang in Beziehung zu erhalten. Dieſes und vieles DVer- wandte bildet die neue Yunktion der Metaphyſik in der modernen Geſellſchaft. Daher find diefe Syſteme der Aus- drud bedeutender und in ihren Gedanken weit um fich greifender Perjonen. Die wahren Metaphyſiker haben gelebt, was fie jchrieben. Descartes, Spinoza, Hobbea, Leibniz find von neueren Geſchichts— Ichreibern der Philojophie immer mehr als centrale Individuali= täten aufgejaßt worden, in deren weiter Seele cine Lage ber wiffenichaftlichen Gedanken fich auf relative Weiſe abjpiegelt. Eben diefer ihr repräfentativer Charakter beweift die Relativität des MWahrbeitögehaltes in ihren Syftemen. Die Wahrheit ift nicht etwas Repräjentatives. Aber jelbft dieje Funktion der metaphyſiſchen Syſteme in der modernen Geſellſchaft kann nur vorübergehend fein. Denn dieſe ſchimmernden Zauberjchlöffer der wiſſenſchaftlichen Einbildungskraft können, nachdem die Relativität ihres Wahrheitsgehaltes erkannt iſt, das ernüchterte Auge nicht mehr täuſchen. Und gleichviel wie lange noch ein Einfluß auf die Kreiſe der Gebildeten von meta⸗ Beftändige Abnahme der Bedeutung der Metaphufit. 457 phyfiſchen Syſtemen geübt werden mag, die Möglichkeit, daß ein ſolches Syftem von relativer Wahrheit, dad neben vielen anderen von demjelben Wahrheitsgehalt ftebt, als Grundlage für die Wiſſenſchaften benutzt werde, ift ummviederbringlich dahin. Zweite? Rapitel. Die Naturwifienichaften. Sin dem dargelegten allgemeinen Zufammenbang entftand bie moderne Naturwiſſenſchaft. Der Geift der neueren Völker war in den wifjenjchaftlichen Korporationen des Mittelalters dig- ciplinixt worden. Die Wiffenichaft, ala Beruf, der fi in großen Körperichaften vererbte, betrieben, jteigerte ihre Anforderungen an techniiche Vollendung und ſchränkte fich auf dasjenige ein, was fie zu beherrfchen vermochte. Und zwar fah fie fich Hierbei durch fräftige Impulſe gefördert, welche fie in der Gejellichaft vor— fand. In demjelben Maße, in welchem fie von der Unter: fuchung der letzten Gründe fich Ioglöfte, empfing fie von ben fort- Ichreitenden praktiſchen Zwecken der Gejellichaft, dem Handel, der Medizin, der Induftrie ihre Aufgaben. Der erfindende Geift in dem arbeitfamen, die Handgriffe mit finnendem Nachdenken ver- einigenden Bürgertfum jchuf der experimentellen und mefjenden Wiſſenſchaft Hilfamittel von unberechenbarer Bedeutung. Und von dem Chriſtenthum ber lebte in diefen romanifchen und germa- niſchen Völkern ein mächtige® Gefühl, daß dem Geift die Herr- Ihaft über die Natur gebühre, wie es Francis Bacon ausgedrückt bat. So löſt fi} eine ihrer eingefchränften Ziele fichere pofitive Wiſſenſchaft der Natur immer klarer von dem Ganzen der geiftigen Bildung, welche als Metaphyſik aus der Totalität der Gemüths⸗ fräfte ihre Nahrung gezogen Hatte. Das Naturerkennen ſcheidet fi) von dem jeelifchen Gefammtleben ab. Immer mehrere von den Vorausſetzungen, welche in dieſer Totalität gegeben find, werden von dem Naturerkennen eliminivt. Seine Grundlagen 458 Zweites Buch. Bierter Abſchnitt. werden vereinfacht und auf das in der äußeren Wahmehmung Gegebene immer genauer eingefchräntt. Die Naturtvifienichaft des jechzehnten Jahrhunderts arbeitete noch mit Phantafien von pfychi⸗ chen Berhältnifjen in den Raturvorgängen; Galilei und Descartes begannen den erfolgreichen Kampf gegen dieje überlebenden Vor⸗ ftellungen auß der metaphbufifchen Zeit. Und allmälig wurden ſelbſt Subftanz, Urfache, Kraft bloße Hilfebegriffe für die Löfung der methodifchen Aufgabe, zu den in der äußeren Erfahrung gegebenen Erjcheinungen die Bedingungen zu ſuchen, unter tvelchen ihr Nebeneinander und ihre Abfolge erflärt und ihr Eintreffen doraudgelagt werden Tann. Diefe moderne Naturwiſſenſchaft bat allmälig die Meta- physik der jubftantialen Formen zerfeßt. Der denknothivendige Zufammenhang, den die moderne Na⸗ turwiſſenſchaft ald Erklärungdgrund der gegebenen Wirklichkeit jucht, gemäß dem in der Metaphyſik entwidelten und von der—⸗ jelben ihr vorgezeichneten deal der Erlenntniß, bat zu feinem Material die ebenfalld in der Metaphyſik auß dem Erlebniß der vollen Menjchennatur abftrahirten und wiſſenſchaftlich entwidelten Begriffe der Subftanz und der Kaufalität (wirkenden Urjache). Als die Begriffe von Erfenntnißgrund oder Denknothwendigkeit in der Entwidlung der Metaphyſik auftraten, fanden fie dieſe beiden Grundvorftellungen vor, ala welche bag menschliche Denken vom Gegebenen rückwärts zu den Gründen leiten. Dem entiprechend jehen wir die Naturforſchung bemüht, das anfchauliche Bild der Veränderungen und Bewegungen an ben Objekten in die Ber« fettung von Urfachen und Wirkungen aufzulöjen, die Regelmäßig- feiten in ihnen zu erjaflen, durch welche fie für den Gedanken beherrſchbar werden, und ala Träger dieſes Vorgangs Subftanzen zu fonftruiren, welche nicht wie finnliche Objekte dem Entftehen und Vergehen unterworfen find. Soweit unterfcheidet ſich die Gedantenarbeit ber modernen Naturwiflenichaft gar nicht von der Arbeit der Griechen, die erften Gründe des gegebenen Weltalla aufzufuchen. Worin befteht nun das die Erforſchung der Natur bei den neueren Völkern am meiften Untericheidende, worin der Naturwiſſenſchaft zerfegt Metaphyfit der jubflantialen Formen. 459: Kunſtgriff, vermittelft deſſen fie das alte Lehrgebäube vom Kos⸗ mos zetftört Haben? Schon in der Alchemie macht fi) die Richtung auf die wahren Yaltoren der Natur geltend. Die ariftoteliiche Elementen- lehre Hatte Eigenſchaften, welche fidh der einfachen Wahrnehmung darbieten, Wärme, Kälte, Yeuchtigleit, Trodenbeit, zu Grunde ge⸗ legt. Das Stadium der Chemie, wie es Paracelſus repräjentirt, bedient fich der chemilchen Analyfe, um Hinter dieje deffriptive Be⸗ trachtungsweiſe zu den wirklichen Yaltoren, aus denen die Materie jih zuſammenſetzt, zu dringen. Es unterjcheidet daher drei Grundlörper (tres primas substantias), das was brennt: Sul» pbur, das was raucht und fih fublimirt: Mercurius, das was ala unverbrennliche Afche zurückbleibt: Sal. Aus diefen Grund» förpern, welche zwar nicht iſolirt dargeftellt, aber von der chemijchen Kunſt am Verbrennungdvorgang unterichieden werden können, leitet Paracelfuß erſt die ariftoteliichen Elemente ab. Sp war der Weg beichritten, durch die thatfächliche Zerlegung der Materie im Experiment ſich den chemilchen Elementen zu nähern; eben der Verbrennungsprozeß, von welchem Paracelſus ausging, jollte Lavoiſier den Eintritt in die quantitative Unterſuchungsweiſe ver⸗ mitteln. Jedoch lange Zeit bevor die Chemie zu einer ficheren Grund- legung gelangte, wurde die Mechanik durch Galilei exakte Wiſſen⸗ ichaft. Lagrange hat in Bezug auf dieſe Leiftung Galilei? hervorge- hoben, e8 babe, um die Jupitertrabanten, Venusphaſen und Sonnen- fleden zu finden, nur des Teleſtops und des Fleißes bedunft, wo⸗ gegen nur ein außerordentlicher Geift die Gejege der Natur in Er- Icheinungen, welche man ſtets vor Augen gehabt, aber bis dahin nicht hatte erklären können, zu entwirren vermocht habe. Die einfachen, begrifflih) wie quantitativ beftimmten Porftellungen, welche er zu Grunde legte, jeßten eine Zerlegung des Bewegungs⸗ vorgangs in abftrafte Komponenten voraus, und fie ermöglichten gerade durch die Einfachheit der fundamentalen Beziehungen die Unterordnung der Bewegungen unter die Mathemati. Das icheinbar jo jelbftverjtändliche Prinzip der Trägheit durchichnitt die ganze von uns dargelegte metaphufilche Theorie, nach welcher 460 Zweites Buch. Vierter Abichnitt. eine Bervegung nur durch das Fortwirken der fie bervorbringenden Urfache fich forterhält, ſonach den gleichförmig fortdauernden Be⸗ wegungen eine gleichförmig wirkende Urſache zu Grunde gelegt werden mußte. Auf diefe Theorie, welche der Sinnenjchein von geftoßenen und in Rubezuftand zurücklehrenden Körpern empfahl, war die Annahme von piychiichen Wejenheiten als Urjachen eine weiten Kreiſes von Veränderungen in der Natur einerjeitö be- gründet tworden, wie fie andrerſeits aus der Gedankenmäßigkeit der Bewegungen ihre mehr dauernde Kraft empfing. Nunmehr zeigte das Prinzip Galileis den Grund der Yortdauer einer Be— wegung in der Nothivendigkeit des Beharrens des Objektes ſelber in feinem Bewegungszuſtande; diefer Nothivendigfeit gemäß durch⸗ läuft dag Objekt jedes folgende Differential feiner Bahn, weil es das vorangehende durchlaufen bat. Die Grundlage der meta- phyſiſchen Naturbetrachtung war vernichtet. Die erfte Anwendung der Mechanil auf ein verwickeltes Syitem von Thatjachen, zugleich die glänzendfte und erhabenſte, deren fie fähig ift, war die auf die großen Bewegungen der Maſſen im Weltraum. So entitand die Mechanik des Himmeld. Sie wurde ermöglicht durch die Fortichritte der Mathematik in analytiicher Geometrie und Differentialrehnung. Nun wurde das verwidelte Getriebe der im Weltraum freilenden Geftirne durch die Theorie von ber Gravitation, ald dem unfichtbaren Bande der Sternen welt, der mechaniſchen Betrachtungsweiſe untergeordnet. Damit ſanken die Geftirngeifter der metaphufifchen Naturauffaffung dahin und wurden zu Märchen einer verklungenen Zeit. Die unermeßliche Veränderung der menſchlichen MWeltanficht, welche fi) jo vollzog, begann, indem Copernicus, antnüpfend an die Forichungen der Griechen, welche daflelbe verjucht, die Sonne in die Mitte der Welt ftellte. „Denn wer könnte wohl”, fo jagt ex, „in dem herrlichen Naturtempel dieſer Yadel einen anderen Ort anweifen wollen.“ Die drei Kepler’ichen Geſetze entivarjen deifriptiv die Figuren und Zahlenverhältniſſe der Helivcentrijchen Planetenbewegungen, in welchen Slepler, den Spuren der pytha⸗ goreifchen Schule nachgehend, die Harmonie des Himmels an- Naturwiſſenſchaft zerſetzt Metaphufil der fubftantialen Formen. 461 Ihaute. Newton fuchte die Erklärung für die fo ihrer Form nach beftimmten Berwegungen. Und zwar erflärte er fie durch eine Zerlegung in zwei Taltoren. Der eine Faktor liegt in einem Anftoß, welchen die Planeten in der Richtung einer Tangente an ihre gegenwärtige Bahn erhalten haben, der andere in der Gravis» tation; jo kann die Krümmung ihrer Bahnen abgeleitet werden. Auf ſolche Weile tritt an die Stelle der geiftigen Weſen, beren vorftellende Kraft und innere geiftige Beziehung zu einander der Erklärungsgrund der vertwidelten Formen der jcheinbaren Bahnen und ihrer mechanisch zuſammenhangsloſen Räderwerke geweſen waren, nachdem einmal durch den heliocentriichen Standpunft des Copernicus das Problem eine einfachere, durch Kepler eine genau präcifirte Yaffung erhalten Hatte, der Mechanismus, dem Triebwerk Einer ungeheuren Uhr vergleichhar. Und das Mittel war die Zerlegung, die auf dad Zuſammenwirken von Faktoren, welche der Erklärung dienen, die Form zurüdführte, während diele bis dahin Gegenftand einer äſthetiſchen und teleologifch deſkriptiven Betrachtung geweſen war. Wir verfolgen nicht die Bedeutung der fortſchreitenden Chemie und Phyſik für die gänzliche Veränderung der bisherigen Meta⸗ phyfik; insbeſondere in der Chemie fchien nun das analytiſche Verfahren experimentell die Auffindung der Subſtanzen be— wirken zu wollen, die im Kosmos vereinigt find; aber die Formen de3 organiichen Leben? waren der zweite Hauptftüßpunft für die Metaphyfik der jubftantialen Formen, und auch biefen jollte fie num verlieren. Die Metaphufit der fubftantialen Yormen widerftand vermittelt des Begriffs einer Lebenzfeele, der anima vegetativa, noch eine Seit lang der Anforderung, die organiſchen Hormen und Leiftungen ala dad am meilten fomplere aller Phä⸗ nomene der Natur ebenfall3 auf den phyſikaliſchen und chemiſchen Mechanismus zurüdzuführen. Dann wies die Biologie diejer Lebens⸗ jeele wenigftend die Benußung der chemilchen und phyſikaliſchen Kräfte zu: bis jchließlich die Mehrzahl der Biologen, insbejondere in Deutichland, den Begriff von Lebenzfeele, Lebenskraft ala für den Fortſchritt der Forſchung unfruchtbar zurüdftellte und ganz zu 462 Zweites Buch. Vierter Abichnitt. eliminiren bemüht war. Auch bier war ed wiederum die Zer⸗ legung der vordem als ein lebendiges, von Einem Pfychiſchen aus entwickeltes Ganzes betrachteten forma naturae, was die alte Metaphyſik ftürzte. — So drang das analytiſche Verfahren, nicht die bloße Zerlegung in Gedanken, ſondern die thatſäch- lich eingreifende, den erften Natururfachen entgegen und löfte piuchiiche Weſenheiten ſowie jubftantiale Formen auf. Hatte die monotheiftiiche Lehre den Mittelpunft der bia- berigen Metaphyſik gebildet und bejaß fie innerhalb der ftrengen Wiſſenſchaft ihren Hauptſtützpunkt an dem Schluß au den Thatſachen der Aftronomie, jo wurde nun aud) die Strin= genz dieſes Schlufles zerſetzt. Noch Kepler war durch feine Entdedungen nur dahin ge= führt worden, die göttliche Kraft, welche die Bewegungen der Pla⸗ neten hervorbringt, in die Sonne ala den Mittelpuntt aller ihrer Bahnen zu verlegen und jo bereit3 eine Centralkraft in der Sonne anzunehmen. „Wir müflen eins von beiden vorausſetzen: enttveber, daß die bewegenden Geifter, je weiter fie von der Sonne entfernt find, um fo ſchwächer werden, oder daß ed Einen beivegenden Geift in dem Mittelpunfte aller diefer Bahnen, nämlich in der Sonne, gebe, der jeden Himmelskörper in eine um jo fchnellere Bewegung verjeßt, je näher ihm diejer ift, bei den entfernteren aber wegen der Erftredung und Herabminderung der Kraft gleich- fam ermattet !).” Alsdann fiel auch noch für Newton nur Ein Erklärung?- grund der Form der Planetenbewegungen in ben Bereich der Materie; er bedurfte neben ihm der Annahme, daß der Planet durch einen Stoß in eine gewiſſe Richtung mit einer gewiſſen Ge- Ichwindigfeit geworfen fi. &o war der erfte Beweger, wenn auch zu einem untergeordneten Gejchäft, immer noch erforderlich. Ja mehr, Newton erllärt, daß Planeten und Stometen zwar nach den Geleben der Schwere in ihren Bahnen verharren, aber die uriprüngliche und regelmäßige Lage derjelben nicht durch diefe 1) Kepler Mysterium cosmographicum c. 20. Aufldfung des Schlufles aus den Thatſachen der Aftronomie. 463 Geſetze erlangen Tonnten. „Died volllommene Gefüge der Sonne, der Planeten und Kometen hat nur aus dem Rathſchluß und ber Herrichaft eines einfichtigen und mächtigen Weſens hervorgehen fönmen!).” Seine geiftige Subſtanz ift Trägerin der Wechſel⸗ wirkung der Theile im Weltall. So dauerte eine Zeit hindurch, wenn auch abgeſchwächt, die Macht des aftronomilchen Theils des kosmologiſchen Beweiſes für das Dajein Gottes fort. Eine Anzahl von bedeutenden Köpfen, welche ſonſt einen leidenfchaftlichen Kampf gegen den FKirchenglauben führten, fand fi) auch von diefem jo abgejchwächten Argument überzeugt. Indem aber die mechaniſche Theorie von Kant und Laplace dazu angewendet wurde, die Entftehung des Planetenſyſtems zu erklären, trat in der neuen Hypotheſe der Mechanismus an die Stelle der Gottheit. Die metaphyſiſche Beweisführung, welche una durch die ganze Gefchichte der Metaphyſik begleitet hat, ift ala jolche von jet an zerftört. Zudem ift die Untericheidung einer höheren un⸗ veränderlichen Welt von ber des Wechſels unter dem Monde nun- mehr durch die Entdedungen über die Veränderungen auf den Geftimen jowie durch die Mechanit und Phyſik des Himmels oufgeboben. Was zurücdbleibt ift die metaphyſiſche Stim- mung, ift jenes metaphyſiſche Grundgefühl des Menſchen, welches diefen durch die lange Zeit feiner Gejchichte begleitet hat, von der Zeit ab, da die Hirtenvölfer des Oſtens zu den Sternen aufblidten, da die Priefter auf den Sternwarten der Tempel des Orient? den Dienft der Geftirne und ihre Betrachtung verbanden. Dieſes metaphuyfifche Grundgefühl ift in dem menschlichen Bewußt⸗ fein mit dem pſychologiſchen Urjprunge des Gotteaglaubens über- all verwoben; e3 beruht auf der Unermeßlichkeit de Raumes, welcher ein Symbol der Unendlichkeit ift, auf dem reinen Lichte der Geftirne, das auf eine höhere Welt zu deuten fcheint, vor Allem aber auf der gedankenmäßigen Ordnung, welche auch die einfache Bahn, die ein Geftirn am Himmel beichreibt, zu unferer geo- 1) Aus der berühmten allgemeinen Anmerfung zu bem britten Buche von Newton’3 mathematiichen Prinzipien. 464 Zweites Buch. Vierter Abſchnitt. metrifchen Raumanjchauung in eine geheimnißvolle aber lebendig empfundene Beziehung fett. Dies Alles ift in Einer Stimmung verbunden, die Seele findet fi) erweitert, ein gedantenmäßiger göttlicher Zufammenhang breitet fi ringe um fie in das Un⸗ ermeßliche aus. Dies Gefühl ift nicht fähig, in irgend eine De- monftration aufgelöft zu werden. Die Metaphyſik verftummt. Aber von den Sternen ber Klingt, wenn die Stille der Nacht fommt, auch zu una noch jene Harmonie der Sphären, von welcher die Pythagoreer jagten, daß nur das Geräufch der Welt fie übertäube; eine unauflögliche metapbufifche Stimmung, welche jeder Beweisführung zu Grunde lag und fte alle überleben wird. Menn nun jolchergeftalt die moderne Naturwiſſenſchaft die ganze bisher dargeitellte Metaphufit der jubftantialen Formen und der pſychiſchen Weſenheiten aufgelöft hat bis in den innerften Kern, den die einheitliche geijtige Welturſache ausmacht, jo entfteht die Frage: in was hat fie dieſelbe aufgelöft? Was ſetzte nun die Zerlegung der zuſammgeſetzten Yormen der Natur an die Stelle dieſer formae substantiales, welche einft der Gegenftand einer dejkriptiven Auffaffung und Zurückführung auf geiftähnliche Weſenheiten geweſen waren? Man bat wol gefagt: eine neue Metaphufil. Und in der That fo weit ein Standpunkt veicht, wie ihn neuerdings Fechner ald die Nachtanficht gejchildert bat, ein Standpunkt, für welchen Atome und Gravitation meta- phyfiſche Entitäten find, wie fie vorher die fubftantialen Formen waren, iſt natürlich) nur eine alte mit einer neuen Metaphyſik ver- taujcht worden, und man kann nicht einmal jagen: eine fchlechtere mit einer befieren. Der Materialismus war eine ſolche neue Metaphyfik, und eben darum ift der gegenwärtige naturwiſſen⸗ ſchaftliche Monismus fein Sohn und Erbe, weil auch ihm Atome, Moleküle, Gravitation Entitäten find, Wirklichkeiten, jo gut al? irgend ein Objekt, daß gefehen und betaftet werden Tann. Aber das Verhältniß der wahrhaft pofitiven Foricher zu den Begriffen, durch welche fie die Natur erkennen, iſt ein anderes, als das ber metaphyfiichen Moniften. Newton jelber jah in der anziehenden Kraft nur einen Hilfabegriff für die Yormel des Geſetzes, nicht Mechan. Naturerll. darf nicht als neue Metaphyfik angejehen werben. 465 die Erfenntniß einer phyſiſchen Urſache!). Solche Begriffe, wie Kraft, Atom, Molekül find für die meiften hervorragenden Natur- foricher ein Syſtem von Hilfefonftruftionen, vermittelft deren wir die Bedingungen für das Gegebene zu einem für die Vor⸗ ftellung Elaren und für das Leben benußbaren Zuſammenhang entwideln. Und dies entipricht dem Sachverhalt. Dingund Urjacdhe können nicht ala Beftandiheile der Wahr- nehmungen in den Sinnen aufgezeigt werden. Sie ergeben fich auch nicht aus der formalen Anforderung eines denknothwendigen Zulammenhangs zwiſchen den Wahrnehmunggelementen, noch) weniger aus den bloßen Beziehungen derjelben in Koexiſtenz und Succefſion. Für den Natıyforicher mangelt ihnen daher die Legi- timität des Urſprungs. Sie bilden die inhaltlichen im Erlebniß gegründeten Vorjtellungen, durch welche Zuſammenhang unter unferen Empfindungen befteht, und zwar treten fie in einer vor der bewußten Erinnerung liegenden Entiwidlung auf. Aug ihnen ſahen wir im Verlauf dieſes gefchichtlichen Ueber⸗ blicks die abſtrakten Begriffe von Subftanz und Kauſalität hervorgehen. Nun beftimmt die Unterjcheidung des Dings von Wirken, Leiden und Zuſtand nebft den aus ihr rechtmäßig vom Erkennen abgeleiteten Unterjcheidungen, welche mit den Be- griffen der Subſtanz und der Kauſalität gegeben find, die Form de Urtheils. Alſo können wir diefe Begriffe wol im Wort, nicht im wirklichen Vorſtellen eliminiten, und die Naturforſchung kann nur darauf gerichtet fein, ‚vermittelft diefer Worftellungen und Begriffe, welche den einzigen und möglichen, unjerem Bewußt⸗ fein eigenen Zufammenbang in fich jchließen, ein zureichendes und 1) Newton Principia def. VIII: Voces autem attractionis, impulsus vel propensionis cujuscunque in centrum, indifferenter et pro se mutuo promiseue usurpo; has vires non physice, sed mathematice tantum con- siderando. Unde caveat lector, ne per hujusmodi voces cogitet me spe- ciem vel modum actionis causamve aut rationem physicam alicubi de- finire vel centris (quae sunt puncta mathematica) vires vere et physice tribuere, si forte aut centra trahere, aut vires centrorum esse dixero. Dilthed, Einleitung. 30 466 Zweites Buch. Vierter Abichnitt. in fich geſchloſſenes Syſtem der Bedingungen für die Erklärung der Natur zu konſtruiren. Wir ziehen wieder nur einen Schluß aus der hiſtoriſchen Ueberficht, wenn wir zunächſt weiter behaupten: der Begriff der Subftanz umd der von ihm ausgehende Tonftruftive Begriff des Atoms find aus den Anforderungen des Erkennens an das, was in der Beränderlichleit de Dinges ala ein zu Grunde liegendes Feſtes zu ſetzen Sei, entftanden; fie find gejchichtliche Erzeugnifie des mit den Gegenftänden ringenden logischen Geiftes; fie find alfo nicht Wejenheiten von einer höheren Dignität ala da3 einzelne Ding, ſondern Gejchöpfe der Logik, welche das Ding denkbar machen follen und deren Erkenntnißwerth unter der Bedingung des Erleben und Anſchauens fteht, in denen da8 Ding gegeben if. Dem Schema diefer Begriffe haben ſich die großen Entdedungen ein- geordnet, welche in den Grenzen unferer chemiichen Erfahrungen die Unveränderlichleit der Stoffe nach Mafle und Eigenſchaften mitten in dem Wechjel der chemilchen Verbindungen und Tren⸗ nungen erweilen. So entfteht die Möglichkeit, an welche alle fruchtbare Naturforſchung gebunden ift, die in der Anjchauung - gegebenen Thatbeftände und Beziehungen rückwärts dem zu Grunde zu legen, was der Anichauung entzogen ift, und folchergeftalt eine einheitliche Naturanficht durchzuführen. Die Haren PVor- ftellungen von Mafje, Gewicht, Bewegung, Geſchwindigkeit, Ab- ftand, welche an den größeren fichtbaren Körpern gebilbet find und an dem Studium der Maſſen im Weltraum fi) bewährt haben, werden auch da benußt, wo die Sinne durch die Bor- ſtellungskraft erfeßt werden müflen. Daher ift auch der Verſuch des deutſchen Idealismus, diefe Grundvorftellung von der Kon flitution der Materie zu verdrängen, eine unfruchtbare Epiſode geblieben, während die Atomiftik in ihrer Entwicklung ftätig, wenn auch zuweilen durch jehr barocke Vorftellungen von den Mafjen- theilcden, voranfchreitet. Diele barocken Vorftellungen wollen zwar unferen idealen Anforderungen an die erften Gründe des Kosmos nicht ent|prechen, find aber den fichtbaren Erfcheinungen gleichartig, und ermöglichen den nach der Lage der Willenjchaft zur Zeit für Mechan. Naturerkl. darf nicht ala neue Metaphyſik angefehen werben. 467 die Erflärung dieſer Erjcheinungen am meiften geeigneten Begriffa- zuſammenhang. Wogegen die DVorftellungen der idealiftilchen Naturpbilojophie zwar durch ihre Berwandtichaft mit dem geiftigen Leben höchſt würbig erjchienen, den Ausgangspunkt der Erklärung der Natur zu bilden, aber indem fie eine den Jichtbaren Objelten heterogene Imnerlichkeit Hinter dieſen dichteten, waren fie andrer= ſeits unfähig, diefe fichtbaren Objekte wirklich zu erklären, und darum gänzlich unfruchtbar ’). Diefelbe Folgerung ergiebt ſich alsdann in Bezug auf den Er- kenntnißwerth des Begriffes der Kraft und der ihm benachbarten von Kauſalität und Gejet. Während der Begriff der Subftanz im Altertbum ausgebildet wurde, bat der Begriff der Kraft feine gegenwärtige Geftallung erft im Zuſammenhang mit der neueren Wiſſenſchaft empfangen. Wiederum bliden wir rückwärts; den Urfprung dieſes Begriffs erjakten wir noch im mythiſchen Vor⸗ ftellen ala Erlebniß. Die Natur dieſes Erlebniffes wird fpäter Gegenftand der erkenntnißtheoretiichen Unterfuchung fein. Hier fei nur herausgehoben: wie wir in unjerem Erlebniß finden, kann der Wille die Vorftellungen lenken, die Glieder in Bewegung feßen, und dieſe Yühigkeit wohnt ihm bei, wenn er auch nicht immer von ihr Gebrauch macht; ja im Halle äußerer Hemmung kann fie zwar durch eine gleiche oder größere Kraft in Ruheſtand gehalten werden, wird jedoch als vorhanden gefühlt. So faflen wir die Vorftellung einer Wirkensfähigleit (oder eines Vermögens), welche dem einzelnen Alt von Wirken voraufgeht; aus einer Art von Reſervoir wirkender Kraft entfließen die einzelnen Willendatte und Handlungen. Die erfte wiſſenſchaftliche Entwwicklung biefer Vorſtellung Haben wir in der ariftoteliichen Begriffäreihe von Dynamis, Energie und Entelechie vorgefunden. Jedoch war die hervorbringende Kraft in dem Syſtem des Ariſtoteles noch nicht von bem Grunde der zweckmäßigen Form ihrer Leiftung gejondert, und wir erlannten gerade hierin ein charakteriftiiches Merkmal und eine Grenze der ariftoteliichen Wiſſenſchaft. Erſt dieſe Son- 1) Bgl. Yechner über die phyſikaliſche und philoſophiſche Atomenlehre 2 Leipzig 1864. 30* 468 Zweites Buch. Bierter Abfchnitt. derung ermöglichte die mechanische Weltanficht. Diejelbe trennte den abſtrakten Begriff von Quantität der Kraft (Energie, Arbeit) von den konkreten Naturphänomenen ab. Jede Majchine zeigt eine meßbare Triebfraft, deren Quantum von der Yorm verjcdhieden ift, in welcher die Kraft auftritt, und fie zeigt zugleich, wie durch die Leiftung Triebfraft verbraucht wird; vis agendo consumitur. Das deal eines objektiven dem Gedanken faßbaren Zulammen- hangs der Bedingungen für das Gegebene ift in dieſer Richtung durch die Entdeckung des mechaniſchen Aequivalent? der Wärme und die Aufitelung de Geſetzes von der Erhaltung der Kraft verwirklicht. Auch Hier Haben wir fein aprioriiches Gele vor und, vielmehr haben pofitive Entdedungen die Naturwiſſenſchaft dem angegebenen deal angenähert. indem eine Naturkraft nach der anderen in Bewegung aufgelöft, dieſe aber dem umfaflenden Geſetz untergeordnet wird, daß jedes Wirken Effelt eines früheren gleich großen, jeder Effekt Urfache eines weiteren gleich großen Gffeftes ſei: fchließt fih der Zufammenhang ab. So Hat daB Geje von der Erhaltung der Kraft in Bezug auf die Benußung der Vorftellung von Kraft diejelbe Funktion als der Sa von der Unveränderlichkeit der Maſſe im Weltall in Bezug auf den Stoff. Zufammen fondern fie, auf dem Wege der Erfahrung, das Konftante in den Veränderungen bed Weltall aus, welches aufzufaffen die metaphyſiſche Epoche vergeben? bemüht war. Sp viel ift Har: man kann die mechaniſche Naturerklärung, wie fie nun dad Ergebniß ber bewundernswerthen Arbeit des naturforjchenden Geiftes in Europa feit dem Ausgang des Mittel- alter3 iſt, nicht gröber mißverftehen, ala indem man fie als eine neue Art von Metaphyſik, etiva eine folche auf induftiver Grunde lage, auffaßt. Freilich fonderte ſich nur allmälig und langjam von der Metaphyſik das Ideal von erflärender Erkenntniß des Naturzuſammenhangs ab, und erſt die erkenntnißtheoretiſche For⸗ ſchung klärt den ganzen Gegenſatz auf, der zwiſchen dem metaphyſiſchen Geiſt und der Arbeit der modernen Naturwiſſenſchaft beſteht. Sie mag ihn vorläufig, vor der Darlegung unſerer Erkenntnißtheorie, folgendermaßen beſtimmen. Mechan. Raturerkl. darf nicht ala neue Metaphyſik angelehen werben. 469 1. Die äußere Wirklichkeit ift in der Totalität unferes Selbftbewußtieind nicht ala bloße Phänomen gegeben, jonbern als Wirklichkeit, indem fie wirkt, dem Willen widerfteht und dem Gefühl in Luft und Wehe da if. In dem Willensanftoß und Willenswiderftand werden wir innerhalb unjeres Vorſtellungszu⸗ ſammenhangs eined Selbjt inne, und gejondert don ihm eine Anderen. Aber dies Andere ift nur mit feinen präbifativen Be— ftimmungen für unjer Bewußtjein da, und die prädifativen Be— ftimmungen erchellen nur Relationen zu unjeren Sinnen und unferem Bewußtſein: da3 Subjelt oder die Subjelte jelber find nicht in unſeren Sinneseindrücken So wiſſen wir vielleicht, daß dies Subjekt da fei, doch ficher nicht, was es fei. 2. Tür dieſes Phänomen der äußeren Wirklichkeit ſucht nun die mechaniiche Naturerflärung dentnothbwendige Be- dingungen. Und zwar ift die äußere Wirklichkeit jederzeit, weil fie und ala ein Wirkendes gegeben war, Gegenfland der Unterſuchung in Bezug auf ihre Subftanz und die ihr unterliegenbe Urfächlichkeit für den Menfchen geweſen. Auch verbleibt das Denken durch dag Urtheil ala ferne Funktion an die Unterjcheidung von Subſtanz einerſeits und Thun, Leiden, Eigenjchaft, Kaufalität, Schließlich Geſetz anbdrerjeit3 gebunden. Die Unterjcheidung der zwei Klaſſen von Begriffen, welche das Urtheil trennt und ver⸗ Müpft, kann nur mit dem Urtheilen, jonad) dem Denken jelber aufgehoben werden. Aber eben darum können für das Studium der Außenwelt die unter diefen Bedingungen entmwidelten Begriffe nur Zeichen fein, weldde, ala Hilfsmittel des Zuſammenhangs im Bemußtlein, zur Löfung der Aufgabe der Erkenntniß in da8 Eyftem der Wahrnehmungen eingejeßt werden. Denn dag Er- fennen vermag nicht an die Stelle von Erlebniß eine von ihm unabhängige Realität zu ſetzen. Es vermag nur, das in Erleben und Erfahren Gegebene auf einen Zufammenhang von Bedingungen zurüdzuführen, in welchem es begreiflih wird. Es Tann die konſtanten Beziehungen von Theilinhalten feftftellen, welche in den mannichfachen Geftalten des Naturlebens wiederkehren. Verläßt man daher den Erfahrungsbezirk jelber, jo hat man es nur mit 470 Zweites Bud). Bierter Abſchnitt. erbachten Begriffen zu thun, aber nicht mit Realität, und die Atome find unter diefem Gefichtöpunfte, wenn fie Entitäten zu fein beanjpruchen, nicht befjer ala die fubftantialen Formen: fie find Gefchöpfe des wiſſenſchaftlichen Verſtandes. 3. Die Bedingungen, welde die mechaniſche Na— turerflärung ſucht, erklären nur einen Theilinhalt der äußeren Wirklichleit. Dieje intelligible Welt der Atome, des Aethers, der Vibrationen ift nur eine abfichtliche und höchſt kunſtvolle Abftraktion aus dem in Erlebniß und Erfahrung Ge- gebenen. Die Aufgabe war, Bedingungen zu Tonftruiren, welche die Sinnedeindrüde in der exakten Genauigfeit quantitativer Be—⸗ ftimmungen abzuleiten und ſonach Tünftige Eindrüde vorauszu⸗ lagen geftatten. Das Syſtem der Bewegungen von @lementen, in welchem dieje Aufgabe gelöft wird, ift nur ein Ausſchnitt der Realität. Denn ſchon der Anfah "unveränderlicher qualitätälofer Subftanzen ift eine bloße Abftraktion, ein Kunftgriff der Wiflen- Schaft. Er ift dadurd) bedingt, daß alle wirkliche Veränderung aus der Außenwelt in das Bewußtſein hinübergeſchoben wird, wodurd denn die Außenwelt von den läftigen Veränderungen der finnlichen Eigenichaften befreit wird. Das Medium von Klar⸗ heit, in welchem hier die leitenden Begriffe von Kraft, Bewegung, Geſetz, Element ſchweben, ift nur die Folge davon, daß die That- beftände durch Abftraktion von Allem befreit find, was der Maß⸗ beftimmung unzugängli iſt. Und daher ift dieſer mechaniiche Naturzuſammenhang zunächſt ſicher ein nothivendiges und frucht⸗ bares Symbol, das in Quantitäts- und Bewegungsverhältnifſen den Zuſammenhang des geſammten Geſchehens in der Natur aus⸗ drückt, aber was fie mehr ſei als dies, darüber kann kein Natur⸗ forſcher etwas ausſagen, will er nicht den Boden der ſtrengen Wiſſenſchaft verlaſſen. 4. Der Zuſammenhang der Bedingungen, welchen die mechaniſche Naturerklärung aufſtellt, kann vorläufig noch nicht an allen Punkten der äußeren Wirklichkeit auf— gezeigt werden. Der organiſche Körper bildet eine ſolche Grenze der mechaniſchen Naturerklärung. Der Vitalismus mußte aner⸗ Gegenfat de3 metaph. Geiftes u. der modernen Naturwiſſenſchaft. 471 fennen, daß die phyſikaliſchen und chemifchen Gefeße nicht an der Grenze des organifchen Körpers wirkſam zu fein aufhören. Hat ſich aber die Naturforſchung das umfaljende Problem geftellt, unter Eliminirung der Lebenskraft aus dem mechanischen Naturzuſammen⸗ hang die Prozefle des Lebens, feine organiiche Form, feine Bil- dungögefeße und jeine Entwidlung, endlich die Art der Speziali« firung des Organiſchen in Typen abzuleiten, jo ift die Problem heute noch ungelöft. 5. Aus der Natur dieſes Verfahrens der Aufſuchung von Bedingungen für die äußere Wirklichkeit ergiebt fich eine Weitere Folge. Man kann fi nicht verſichern, ob nicht noch weitere Bedingungen in den Thatſachen verftecdt find, deren Kenntniß eine ganz andere Konſtruktion erforderlich machen würde. Sa wenn wir einen teiteren Kreis von Erfahrungen befäßen, jo würden vielleicht diefe von uns fonftruirten Ges dankendinge durch ſolche von einer weiter zurücliegenden, gleich“ fam mehr primären Beichaffenheit erjegt werden. Hierauf leitet fogar pofitiv der noch unerklärte Reft, welcher die Meta- phyſiker beftimmt Hat, von dem Ganzen, von der dee auszugehen. Denn betrachtet man die Elemente als Urdata, fo muß die Betrachtung in einen Abgrund von Bedenken flürzen, daß dieje Elemente auf einander wirken, gemeinſames DBerhalten zeigen und vermittelft defjelben zum Aufbau zweckmäßig fich be= twegender Organismen zuſammenwirken. Die mechaniiche Natur- erflärung kann die uriprüngliche Anordnung, aus welcher dieſer gedankenmäßige Zuſammenhang hervorgeht, vorläufig nur als zu= fällig anjehen. Der Zufall iſt aber die Aufhebung der Denk nothivendigkeit, welche zu finden der Wille der Erfenntniß fi in der Naturwiflenichaft in Bewegung jebt. 6b. Die Nalurwiſſenſchaft gelangt jo nicht zu einem ein« heitliden Zujammenhang der Bedingungen ded Ge- gebenen, welchen aufzufuchen fie doch ausgegangen war. Denn die Gejeße der Natur, unter denen alle Stoffelemente gemeinfam ftehen, können nicht dadurch erklärt werden, daß fie dem einzelnen Stoffelement als fein Verhalten zugejchrieben werden. Die Ana⸗ 472 Zweites Bud. Vierter Abſchnitt. lyfis ift zu den beiden Endbpunften, dem Atom und dem Geſetz, gelangt, und wie dad Atom im naturwiſſenſchaftlichen Denken ala Einzelgröße benubt wird, liegt in ihm nicht, was mit dem Syſtem von Gleichförmigkeiten in der Natur in einen Erkennt⸗ nißzuſammenhang gebracht werden könnte. Daß ein Mafentheil- chen im Syſtem der Relationen daflelbe Verhalten ala ein anderes zeigt, ift auß jeinem Charakter ala Einzelgröße nicht erklärlich, ja ericheint von ihm aus ala jchwer faßbar. Und wie zmilchen underänderlichen Einzelgrößen ein Kauſalzuſammenhang ftattfinden fol, ift nun gar vollftändig unvorftellbar. Unfer Berjtand muß die Welt wie eine Mafchine außeinandernehmen, um zu erkennen; er zerlegt fie in Atome; daß aber die Welt ein Ganzes ift, kann er aus diejen Atomen nicht ableiten. Wir ziehen wiederum eine Tolgerung aus der geichichtlichen Darlegung. Diejer lebte Befund der Analyſis der Natur in der modernen Naturwiſſenſchaft ift demjenigen analog, zu welchem wir die Metaphyfif der Natur bei den Griechen gelangen jahen: den jubftantialen Formen und der Materie. Das Naturgeſetz Eorrejpondirt der fubftantialen Form, das Maffentheildden der Materie. Und zwar jtellt fih in dieſen iſolirten Befunden fchließlic nur der Unterjchied von Eigenjchaften dar, welche für die Einheit des Bewußt⸗ feina in Gleichförmigfeiten fich aufichließen, und dem, was ihnen al8 einzelne Bofitivität zu Grunde liegt, kurz die Natur des Urtheils, ſonach des Denteng. So ift felbit für die ifolirte Naturbetrachtung der Moniamu8 nur ein Arrangement, in welddem die Beziehung von Eigen Ihaften und Verhalten auf dad, was fich verhält, nothwendig iſt, da fie aus der Natur des Bewußtſeinsphänomens Wirklichkeit richtig geſchöpft wird, aber die Herftellung diefer Beziehung bindet nur an einander, was innerlich nicht zufammengehört: die einzelne Atomgröße und den gedantenmäßigen, gleichfürmigen Zuſammen⸗ hang, der für unjer Bemwußtlein ftet3 auf eine Einheit zurückweiſt. Meberfchreitet jedoch der naturwiſſenſchaftliche Monismus die Grenzen der Außenwelt und zieht auch das Geiftige in den Be⸗ reich feiner Erklärung, aladann hebt die Naturforichung ihre eigene w—n Gegenſatz des metaph. Geiftes u. der modernen Naturwifſenſchaft. 473 Bedingung und Vorausſetzung auf; aus dem Willen der Erkennt⸗ niß fchöpft fie ihre Kraft, ihre Erklärungen aber können diefen in feiner vollen Realität nur verneinen. Der Rüdftand der jo der wiflenichaftlichen Erklärung zurüd- bleibt, ift thatjächlich in dem Bewußtſein verbunden mit dem ganzen Verhältniß zur Natur, welches in der Totalität unſeres geiftigen Lebens gegründet ift und aus welchem ſich die moderne willenschaftliche Naturbetrachtung differenzirt und verjelbitändigt hat. Wir haben nachgewielen, daß in dem Geiſt von Plato oder Ariftoteles, von Auguftinus oder Thomas von Aquino dieje Diffe- renzirung noch nicht beftand; in ihre Betrachtung der Naturformen war noch das Bewußtſein von Vollkommenheit, von gedanken⸗ mäßiger Schönheit des Weltalld untrennbar verwebt. Die Son- derung der mechaniſchen Naturerklärung aus diefem Zuſammen⸗ hang des Lebens, in welchem uns die Natur gegeben ift, hat erſt den Zweckgedanken aus der Naturwiſſenſchaft ausgeftoßen. Er bleibt jedoch in dem Zuſammenhang des Lebens, welchem die Natur gegeben ift, enthalten, und wenn man die Xeleologie im Sinne der Griechen ala dies Bewußtjein von dem gedanken⸗ mäßigen, unferem inneren Leben entjprechenden ſchönen Zuſammen⸗ hang erkennt, ift diefe Idee von Zweckmäßigkeit im Dtenjchen- gejchlechte unzerftörbar. In den Yormen, Gattungen und Arten der Natur bleibt ein Ausdruck diefer immanenten Zweckmäßigkeit enthalten und wird jelbft von dem Darmwiniften nur weiter zu— rüdgefchoben. Auch fteht dieſes Bewußtſein der Zweckmäßigkeit in einem inneren Verhältniß zu der Erfenntniß der Gedantenmäßig- feit der Natur, kraft welcher in ihr nach Gejeben Typen bervor- gebracht werden. Diefe Gedankenmäßigfeit ift aber ftreng beweis— bar. Denn gleichviel wovon unjere Eindrüde Zeichen find, der Berlauf unjeres Naturwiſſens vermag, die Koexiſtenz und Succeſſion diefer Zeichen, welche in einem feſten Berhältniß zu dem im Willen gegebenen Anderen ftehen, in ein Syſtem aufzulöjen, welches den Eigenschaften unſeres Erkennens entipricht. Mit ber Macht einer unmwiderftehlichen Naturericheinung hat fi) zugleich mit der Durchführung der mechanischen Naturer- 474 Zweites Buch. Bierter Abſchnitt. klärung das tiefe Bewußtſein des Lebens in der Natur, wie es in der Totalität unjeres eigenen Lebens gegeben ift, in der Poefie ausgeſprochen; nicht ala eine Art von ſchönem Schein oder von Form (mie Vertreter der formalen Aefthetil annehmen würden), fondern ala gewaltiges Lebensgefühl; zunächft in der Naturempfin« dung von Rouffeau, deſſen Lieblingsneigungen naturwiſſenſchaftliche waren, alsdann aber in Goethe Poefie und Naturpbilofophie. Dieſer befämpfte mit leidenjchaftlichem Schmerz, vergeben, ohne die Hilfsmittel klarer Auseinanderſetzung, die ficheren Rejultate der Newton’schen mechanischen Naturerflärung, indem er dieje ala Naturphilojophie betrachtete, nicht ald das, was fie war: Entwick⸗ lung eines in der Natur gegebenen Theilzuſammenhangs ala ab- ſtraktes Hilfamittel der Erkenntniß und Benutzung der Natur. Ja jelbft Schiller hat der wifienjchaftlichen Analyſis, welche zer legt und tödtet, die Syntheſis fünftleriicher Betrachtung gegenüber- geitellt, ala ein Verfahren von einem höheren Grad gleichjam metaphyfiicher Wahrheit, und Hat dem entiprechend in feiner Aefthetit die Erfaflung des Jelbftändigen Lebend in der Natur dem Künſtler zugefchrieben. So ift in dem DifferenzirungSprozeß des Eeelenleben? und der Gejellihaft das Heilige, Unverlebliche, Allgeraltige, was ald Natur unferem Leben thatlächlich gegeben ift, von Dichtern und Künftlern geliebt und dargeftellt worden, während es einer wiflenjchaftlichen Behandlung nicht zugänglich it. Und bier ift weder der Dichter zu fehmähen, der von dem erfüllt ift, was für die Wiſſenſchaft gar nicht da fein kann, noch der Forſcher, der von dem nichts weiß, was dem Dichter die glüclichtte Wahrheit if. In ber Differenzirung des Lebens der Geſellſchaft hat ein Syftem wie die Poefie jeine Funktion ſtets modificirt. Die Dichtung Hat ſeit der Herftellung der mechanifchen Naturauffaffung das in fich verichloffene, keiner Erklärung zugäng- liche große Gefühl des Lebens in der Natur aufrechterhalten, wie fie überall ſchützt, was erlebt wird, aber nicht begriffen werden kann, daß es nicht in den zerlegenden Operationen ber abftraften Wiſſenſchaft fich verflüchtige. In diefem Sinne ift was Carlyle und Emerjon geſchrieben haben eine geftaltloje Poefie. Während Das Bewußtſein des Lebens in ber Natur. | 475 daher jene populären Darftellungen der Natur, welche in bie harten Haren Borftellungen des dad Sinnliche zerlegenden Ber- ftande3 ein täujchendes Spiel von innerer Lebendigkeit fentimental hineinverlegen, eine vermwerfliche Ziwitterbildung find, während die deutjche Naturphilofophie eine Verwirrung der Naturerkenntniß durch Hineintragung des Geiſtes und eine Herabminderung des Geiftigen durch Verſenkung in die Natur war, behält die Dich⸗ tung ihre unfterbliche Aufgabe. Erhabner Geift, du gabft mir, gabft mir Alles, Warum ich bat. Du haft mir nicht umjonft Dein Angeficht im Feuer zugewendet. Gabft mir die herrliche Natur zum Königreich, Kraft, fie zu fühlen, zu genießen. Nicht Kalt ftaunenden Beſuch erlaubft bu nur, Dergönneft mir in ihre tiefe Bruſt, Wie in ben Buſen eines Freunds, zu fchauen. Du führft die Reihe der Lebendigen Bor mir vorbei und lehrft mich meine Brüder Im ftillen Buſch, in Luft und Wafler kennen. Drittes Kapitel Die Geiſteswiſſenſchaften. Aus der Metaphuyfit Löfte fich ein zweiter Zulammenbang von Wiſſenſchaften, der ebenfalld eine in unjerer Erfahrung ge- gebene Wirklichkeit zum Gegenftande bat und diejelbe aus ihr allein erflärt. Auch Hier Hat die Analyſis für immer die Begriffe zer- ftört, durch welche die metaphyfiiche Epoche die Thatſachen ge« deutet hatte. So ift die metaphyſiſche Konſtruktion der Geſellſchaft und Geichichte, welche das Mittelalter gejchaffen Hatte, nicht nur an den dargelegten Widerjprüchen und Lücken der Beweisführung zu Grunde gegangen, fondern indem ihre Allgemeinvorflellungen durch eine wirkliche Berlegung in den Einzelwiſſenſchaften des Geiſtes erjebt zu werden begannen. 476 Zweites Bud. Bierter Abſchnitt Zwiſchen der Echöpfung Adam’3 und dem Weltuntergang Batte dieſe Metaphyfik die Fäden ihred Netzes von Allgemein- vorftellungen ausgeſpannt. In ber Bumaniftiichen Epoche be⸗ gann Herftellung eines außreichenden geſchichtlichen Materials, Kritil der Cuellen, Arbeit nach philologischer Methode. Eo wınde das wirkliche Leben der Griechen vermittelft ihrer Dichter und Ge⸗ ſchichtſchreiber wieder fichtbar. Ya wie wir emporfleigend immer entfernter liegende Landſchaften und Städte gewahr werben, jo hat fi der geſchichtliche Ueberblid den aufwärts fchreitenden neueren Völkern immer mehr erweitert, und der mythiſche Anfang bes Menſchengeſchlechts verſchwand num vor einer Yorfchung, welche den geichichtlichen Zügen in der älteften Weberlieferung nachging. Hierzu trat die Erweiterung des räumlichen, geographiichen Hori- zontes der gefellichaftlichen Wirklichkeit. Schon den Abenteurern, welche in die neuen Welttheile jenjeit de Oceans vorandrangen, traten Völker von niederer Kulturſtufe und von abweichenden Typus entgegen. Unter der Gewalt diefer neuen Eindrücke bat man gelegentlich einen ſchwarzen, einen rothen und einen weißen Adam unterfchieden. Das Hiftorifche Gerüft der Metaphyſik der Geſchichte brach zufammen. Ueberall Hat die Hiftorifche Kritik das Gewebe der Sagen, Mythen und Rechtöfabeln zerftört, durch welche die theofratifche Geſellſchaftslehre die Anftitutionen mit dem Willen Gottes verknüpfte. Blieb aber nicht eine metaphyfiiche Konftruftion übrig, welche die nunmehr von der Arbeit philologifcher und hiſto— riſcher Kritik reinlich feitgeftellten Thatſachen zu einem finnvollen Ganzen verknüpfen würde? Die mittelalter- liche Borftellung hatte die Einheit des Menfchengefchlechte® durch ein reales Band erklärt, wie ein ſolches ala Seele die Theile eine® Organismus vereinige, und eine ſolche Borftellung wurde nicht durch die hiſtoriſche Kritik zerftört wie die von der Schenkung Konſtantin's. Sie Hatte von ihrem theokratiſchen Gedanken aus den Zuſammenhang der Gefchichte einer teleologijchen Deutung untertvorfen, und auch dieſe wurde von den Ergebnifjen der Kritik nicht direkt vernichtet. Aber nachdem einmal die feiten Prämiſfſen — & ee U Un _ Zerftörung des hiftorifchen Gerüſts dev Metaphyfik der Geſchichte. 477 diejer teleologifchen Deutung in der Hiftoriichen Tradition von Anfang, Mitte und Ende der Gefchichte ſowie in der pofitiv theo- logiſchen Beftimmung ihre® Sinn ſich aufgelöft hatten, trat nun die gränzenlofe Bieldeutigkeit des geſchichtlichen Stoffes hervor. Hierdurch wurde die Unbrauchbarkeit eines teleo- logiſchen Prinzips der Geſchichtserkenntniß nachgewieſen. Wie denn veraltete Dogmen zumeiſt weniger dem direkten Argument erliegen als dem Gefühl der Nichtübereinftimmung mit dem auf anderen Gebieten des Willen? Erivorbenen. Die Raufalunterfuchung und das Geſetz wurden von ber Naturforichung auf die Geiftes- willenichaften übertragen, jo wurde der ganze Unterſchied des Er⸗ kenntnißwerthes von teleologiichen Ausdeutungen und von wirk—⸗ lichen Erklärungen befjer ala durch jedes Argument deutlich, ala man die Entdelungen von Galilei und Newton mit den Be— hauptungen von Boſſuet verglid. Und im Ginzelnen bat die Anwendung der Analyfis auf die zuſammengeſetzten geiftigen Erieinungen und die aus ihnen abftrahirten Allgemeinvor⸗ ftellungen ſchrittweiſe diefe Allgemeinvorftellungen und die aus ihnen gewebte Metaphyſik der Geifteswifjenichaften aufgelöft. Aber der Gang diefer Auflöfung der metaphufiichen Vorſtel⸗ lungen und der Herftellung eines jelbftändigen Zufammenhangs der auf unbefangene Erfahrung gegründeten Kauſalerkenntniß ift auf dem Gebiet der Geiſteswiſſenſchaften ein viel langjamerer geweſen als auf dem der Naturwiflenichaften, und es muß dar- gelegt werden, wodurch dies bebingt war. Das Verhältniß der geiftigen Thatjachen zur Natur legte den Verſuch einer Unterord- nung insbejondere der Piychologie unter die mechanische Natur: twiffenichaft nahe. Und das berechtigte Streben, Gejellichaft und Geſchichte ala ein Ganzes aufzufaflen, hat fi) nur langjam und Ihiwer von den aus dem Mittelalter ftammenden metaphyſiſchen Hilfamitteln zur Löſung diefer Aufgabe getrennt. Dies beides erläutern die folgenden gejchichtlichen Thatſachen, aber fie zeigen zugleich), wie neben einander fortichreitend dag Studium des Menjchen, das der Geſellſchaft und das der Gefchichte die Schemen 478 Zweite Buch. Vierter Abfchnitt. metaphufifcher Erkenntniſſe zerftört und überall lebensvolles, wir⸗ kungskraͤftiges Willen an ihre Stelle zu een begonnen haben. Der Analyfi3 der menſchlichen Gejelichaft ift der Menſch felber als lebendige Einheit gegeben‘), und die Bergliederung dieſer Lebengeinheit bildete daher ihr fundamentale3 Broblem®). Die Betrachtungsweiſe der älteren Metaphyſik wird zunächſt auf dieſem Gebiet dadurch bejeitigt, daß Hinter die teleologiihe Gruppirung allgemeiner Yormen des geiftigen Leben? zurüdgegangen wird auf erflärende Geſetze. Die neuere Pfychologie ftrebte alfo, die Gleichförmigfeiten zu erkennen, nach welchen ein Borgang im piychilchen Leben von anderen bedingt ift. Hierdurch erivies fie die untergeordnete Bedeutung der in der metaphyfiſchen Epoche auögebildeten Piy- chologie, welche für bie einzelnen Vorgänge Klafienbegriffe auf⸗ gefucht, und diefen Vermögen oder Kräfte untergelegt Hatte. Es ift höchft intereflant, in dem zweiten Drittel des fiebzehnten Jahrhunderts zwiſchen den unzähligen Hafjificirenden Werken dieje neue Piychologie fich erheben zu ſehen. Und zwar ftand fie naturgemäß zunächſt unter dem Einfluß der berrichenden Nature erklärung, innerhalb deren eine fruchtbare Methode zuerſt durchge⸗ führt worden war. Der Einführung der mechaniſchen Natur- ertlärung dur) Galilei und Descartes folgte daher unmittelbar die Ausdehnung dieler Erflärungsmeije auf den Men- chen und den Staat durch Hobbez und danach durch Spinoza. Spinozas Sat: mens conatur in suo esse perseverare indefinita quadam duratione et hujus sui conatus est conscia °) ftammt aus den Prinzipien der mechaniichen Schule; er ordnet 1) ©. 18. ff. 4 ff. 2) ©. 35 ff. 3) Diefen Urfprurig von Eth. III prop. 6—9 zeigt beuilidh die We gründung in prop. 4: nulla res nisi a causa externa potest destrui, ein Saß der nur von Einfachen gelten kann, ſonach nicht ohne Weiteres auf bie mens übertragbar ift und nur durch Mebertragung von bem Logiichen auf da3 Metaphyſiſche gemäß Spinozad falſcher Grundvorausſetzzung bes wieſen ift. nn — 1 et — Auffindung von Geſetzen des geiftigen Lebens. 479 augencheinlich dem Naturbegriff der Trägheit das Lebendige des um fich greifenden Willens unter. Nach denjelben Prinzipien ift der weitere Aufbau einer Mechanik der pigchifchen Totalzuftände (affectus) bei Spinoza durchgeführt. Er zieht Gelee Hinzu, denen gemäß piuchiiche Totalzuftände auf ihre Urfachen zurüdbezogen, nach Gleichartigfeit und Aehnlichkeit zurücdgerufen und fremde Gemütbazuftände in der Sympathie auf dag Eigenleben übertragen werden. Wol war diefe Theorie höchſt unvolllommen. Der todte und ftarre Begriff der Selbfterhaltung drüdt den Lebensdrang nicht zureichend aus; wenn wir die Theorie durch den Satz er- gänzen, daß die Gefühle ein Innewerden ber Zuftände des Willens find, jo kam nur ein Theil der Gefühlazuftände dieſer Voraus⸗ ſetzung untergeordnet werden; und die Sympathie wird nur durd) einen Trugſchluß aus der Selbfterhaltung abgeleitet). Aber die außerordentliche Bedeutung von Spinozas Theorie lag darin, daß fie im Geifte der großen Entdedungen der Mechanik und Aftronomie die fcheinbar regellofen und von Willkür geleiteten Totalzuftände des pfychiſchen Lebens dem einfachen Geſetz der Selbfterhaltung unterzuordnen den Verſuch machte. Dies geichieht, indem die Lebens⸗ einheit, der Modus Menſch, welcher fich zu erhalten ftrebt, in das Syftem der Bedingungen gleichſam Hineingezeichnet wird, welches fein Milieu bilde. Dadurch daß für die Selbfterhaltung För⸗ derungen von außen und Hemmungen in biefem Zuſammenhang abgeleitet und die jo entftehenden Affetionen unter Grundgeſetze der Berkettung pſychiſcher Zuftände geftellt werben, entfteht ein Schema des Kauſalſyſtems der pigchiichen Zuſtände. Feſte Stellen werden bezeichnet, an welchen in den jo entworfenen mechaniſchen Zufammenhdng die einzelnen pigchifchen Erlebniffe eingefeßt werben. Die Definitionen der Totalzuftände find nur ſolche Beftimmungen der Stelle derjelben in der Konftruftion de Mechanismus der Selbfterhaltung, und ihnen fehlte nur die quantitative Be⸗ fimmung, um äußerlich den Anforderungen einer Erllärung zu entiprechen. 1) Spinoza Eth. III prop. 16 und 27. 480 Zweited Bud. Vierter Abſchnitt. David Hume, welcher über zwei Generationen nad) Spi- noza deſſen Werk fortjette, verhält fich zu Newton genau jo wie Spinoza zu Galilei und Dezcarted. Seine Aſſoziationstheorie ift ein Berfuch, nach dem Vorbild der Gravitationslehre Geſetze des Aneinanderhaftend von Borftellungen zu entwerfen. „Die Aſtro— nomen“, jo erllärt er, „hatten fi} lange begnügt, aus den fichtbaren Erjcheinungen die wahren Bewegungen, die wahre Ord— nung und Größe der Himmelskörper zu beweilen, bi3 fich endlich ein Philoſoph erhob, welcher durch ein glüdliches Nachdenken auch die Gejebe und Kräfte beftimmt zu haben jcheint, durch welche der Lauf der Planeten beherrjcht und geleitet wird. Das Gleiche ift auf anderen Gebieten der Natur vollbradyt worden. Und man bat feinen Grund, an einem gleichen Erfolg bei den Unterfuchungen der Kräfte und der Einrichtung der Seele zu verzweifeln, wenn diejelben mit gleicher Fähigkeit und Worficht angeftellt werben. Es ift wahricheinlih, daß die eine Kraft und der eine Vorgang in der Seele von dem andern abhängt !)." Sp begann die erflärende Piychologie in der Unterordnung der geiftigen Thatfachen unter den mechanischen Naturzufammen- hang, und diefe Unterordnung wirkte bis in die Gegenwart. Zwei Theoreme haben die Grundlage des Verſuchs gebildet, einen Mechanismus des geiftigen Leben? zu entwerfen. Die Bors ftellungen, welche von den Eindrüden zurücbleiben, werben ala feſte Größen behandelt, die immer neue Verbindungen eingehen, aber in ihnen diejelben bleiben, und Gefetze ihres Verhaltens zu einander werden aufgeftellt, aus denen die piychiichen Thatjachen von Wahrnehmung, Phantafie 2c. abzuleiten die Aufgabe if. Hierdurch wird eine Art von piychiicher Atomiftit ermöglicht. jedoch werden wir zeigen, daß die eine wie die andere dieſer beiden Vorausſetzungen falſch iſt. So wenig ala der neue Früh—⸗ ling die alten Blätter auf den Bäumen nur wieder fichtbar macht, werden die Vorftellungen des geftrigen Tages am heutigen, nur etwa dunkler, wiedererweckt; vielmehr baut ſich die erneuerte 1) Hume, inquiry conc. human understanding, sect. 1. Hierdurch wird die metaphufiiche Piychologie bejeitigt. 481 Borftellung von einem beftimmten inneren Geſichtspunkte aus auf, wie die Wahrnehmung von einem äußeren. Und die Gefebe der Reproduktion von Vorftellungen bezeichnen zwar die Bedingungen, unter welchen das piychiiche Leben wirkt, doch ift unmöglich, aus ‚diefen den Hintergrund unſeres pinchiichen Lebens bildenden Pro- zeffen einen Schlußvorgang oder einen Willenzaft abzuleiten. Die pigchiiche Mechanik opfert das, deffen wir in innerer Wahr- nehmung inne werden, einem mit den Wnalogien der äußeren Natur Tpielenden Räfonnement auf. Und fo Hat die von ber Naturwiſſenſchaft geleitete erflärende Piychologie, in deren Bahnen fi) ſpäter auch Herbart bewegte, die Haffificirende der älteren metaphyfiſchen Schulen zerftört und die wahre Aufgabe der Seelen- lehre im Sinne der modernen Wiffenjchaft gezeigt, wo fie aber jelber von der Metaphyfil der Naturwiſſenſchaften beeinflußt wurde, vermag fie nicht, ihre Behauptungen aufrecht zu erhalten. Auch auf diefem Gebiet vernichtet die Wiſſenſchaft die Metaphyſik, die alte wie die neue. Das nächſte Problem der Geifteswillenichaften bilden die Syſteme ber Kultur, welche in der Gefellfchaft unter einander ver⸗ woben find, ſowie die äußere Organifation berjelben, ſonach Er⸗ Härung und Leitung der Geſellſchaft. Die Wiftenichaften, welche dieſes Problem behandeln, begreifen ganz verfchiedene Klaſſen von Ausfagen in fich: Urtheile, welche die Wirklichkeit ausfprechen, und Imperative ſowie Ideale, welche die Gejellfchaft Ieiten wollen. Das Denten über die Gefellichaft bat feine tieffte Aufgabe in der Verknüpfung der einen Klafſe von Ausſagen mit der anderen. Die metaphyſiſchen und theologischen Prinzipien des Mittelalterd hatten eine jolche ermöglicht, vermittelft des Bandes, durch welches die Gottheit und das ihr einwohnende Geſetz mit dem Organiamus des Staates, dem müftifchen Körper der Chriftenheit verbunden war. Der zeitige Zuftand der Ge ſellſchaft, die Summe der Traditionen, die in ihr angefammelt war, und das Gefühl von Autorität höherer Abkunft, das fie durchdrang, fanden in diefer Metaphyſik mit dem Gedanken Gottes in wohlgefügter Verbindung. Diejer Verband wurde num Dilthey, Einleitung. 31 482 Zweites Bud, Bierter Abſchnitt fchrittiveife gelodert. Das geichah auch bier, indem die Analyjıs hinter ben äußeren teleologifhen Zujammenhbang nad Tormbegriffen jet zurüdging und emen Bnfammen- hang nad) Geſetzen aufjudte. Es wurde ermöglicht durch Anwendimg der erflärenden Piychologie und Ausbildung der ab- ftralten Wiffenſchaften, welche die Grundeigenſchaften der imerhalb ber einzelnen Lebenskreiſe (Recht, Religion, Kımft x.) zuſammen⸗ gehörigen Theilinhalte entwickeln. So wurden die Zweckhorſtel⸗ Iungen bed Ariftoteles und der Scholaftifer durch angemeflene Kaufalbegriffe, die allgemeinen Formen durch Geſetze, die trans⸗ fcendente Begründung durch eine immanente und im Studium der menſchlichen Natur getvonnene erjekt. Damit war die Stellung der älteren Metaphyſik zu den Thatſachen der Gejellichaft und Ge⸗ ſchichte überwunden. Indem wir erläutern, wie die moderne Wiſſenſchaft die theologiſche und metaphyfiſche Auffaffung der Geſellſchaft zerſetzt hat, ſchräänken wir und auf die erſte Phaſe ein, die mit dem achtzehnten Jahrhundert abgeichlofien Hinter und liegt. Zumächſt ent- ftand nämlich das natürliche Syften !) der Erkenntniß ber menſch⸗ lichen Gejellichaft, ihrer Zweckzuſammenhänge wie ihrer äußeren Organifation, wie e8 dag fiehzehnte und achtzehnte Jahrhundert aus⸗ gebildet haben: eine nicht minder großartige, wern auch weniger haltbare Schöpfung ala die Begründung der Naturwiffenſchaft. Denn diefes natürliche Syftem bedeutet, daß die Geſell⸗ ſchaft hinfort auß der menſchlichen Natur verftanden werden wird, auß der fie entjprungen ift. In diefem Syſtem haben die Wiflen- ichaften des Geiftes zuerft ihr eigenes Gentrum gefunden — bie menſchliche Natur. Insbeſondere ging nun die Analyfis auf die piochologiichen Wahrheiten zweiter Ordnung (wie wir fie ge= 1) Mit biefem Namen bezeichnen wir die ald Naturredht, natürliche Theologie, natürliche Religion zc. fi) antündigenden Theorien, beren gemein: ſames Merkmal bie Ableitung der gejellfchaftlichen Ericheinungen aus bem Kauſalzuſammenhang im Menichen war, gleichviel ob ber Menſch nad pfychologiicher Methode ftubirt oder biologiſch aus dem Naturzufammen: bang erklärt wurde. Auflöfung der Metaphufil ber Geſellſchaft durch wirkliche Analyſis. 483 nannt haben) zurüd. Sie entbedte in bem Geelenleben beö In⸗ dividuums auch die Triebfebern des praftiichen Verhaltens und überwand jo den alten Gegenſatz zwiſchen theoretiicher und prak⸗ tiſcher Philoſophie. Der Ausdruck diefer wiſſenſchaftlichen Um⸗ wälzung in der ſyſtematiſchen Gliederung iſt, daß an die Stelle des Gegenjaßes der theoretiſchen und praktischen Philoſophie der einer Grundlegung für die Wiſſenſchaften der Natur unb einer foldden für die Willenjchaften des Geiſtes tritt. In der leßteren iſt das Studium der Erflärungsgründe für Urtbeile über Wirklichkeit verbunden mit dem der Erklärungsgründe für Werth: außjagen und Imperative, wie fie das Leben des Einzelnen und der Gefellichaft zu regeln beftimmt find. Die Methode, nach welcher das natürliche Syſtem Re= ligion, Recht, Sittlichleit, Staat behandelte, war unvoll⸗ lommen. Sie war vorberrichend von dem mathematischen Verfahren beftimmt, welches für die mechanifche Naturerflärung jo außerordentliche Ergebniffe gehabt Hatte. Condorcet war ber Deberzeugung, daß die Dienfchenrechte durch ein eben jo ficheres Berfahren entdeckt morden jeien, ala das der Mechanik ift. Sieyès glaubte die Politit ala Wiſſenſchaft vollendet zu haben. Die Grundlage des Verfahren? bildete ein abftraftes Schema der Menſchennatur, welches in wenigen und allgemeinen pjy= chiſchen Zheilinhalten den Erklärungsgrund für die Thatjachen des geichichtlichen Leben? der Menfchheit aufftelltee So war noch eine falſche metaphufiiche Methode mit den Anſätzen einer fruchtbaren Zergliederung vermifcht. Aber fo arm dieſes natür- lide Syſtem und Heute erfcheinen mag, das metaphyſiſche Stadium der Erkenntniß der Gejellihaft wurde de— finitiv durch dieſe dürftigen Sätze der natürlichen Theologie über die Religion, der Theoretifer des moraliichen Sinns über Sitt⸗ lichkeit, der phyfiofratiichen Schule über das Wirthſchaftsleben zc. überwunden. Denn diefe Säte entwideln die Grundeigen- Ichaften der innerhalb dieſer Syfteme der Gejellichaft zufammen- gehörigen Theilinhalte, ſetzen diefe Grundeigenichaften mit der menjchlichen Natur in Beziehung, und jo eröffnen biejelben in 31* 484 Zweites Bud. Vierter Abſchnitt. das innere Wirken der Yaltoren des gejellichaftlichen Lebens einen eriten Einblid. Das lebte und am meiften vertvidelte Problem der Geifteg- wifſſenſchaften bildet die Geſchichte. Die im natürlichen Shftem enthaltenen Analyfen wurden nun auf den gefchichtlichen Verlauf angewandt. Inden berjelbe dem entiprechend in den verjchiedenen relativ jelbftändigen Lebensſphären verfolgt wurde, ſchwand die theologifche Einfeitigkeit und der rohe Dualiamus des Mittelalters. Indem die Antriebe der gejchichtlichen Bewegung in der Menfch- beit jelber aufgefucht wurden, endete die tranzfcendente Geſchichts⸗ auffaflung. ine freiere umjfaflendere Betrachtung trat hervor. Aus der mittelalterlichen Metaphyfit der Gefchichte Löfte fich durch die Arbeit der Geiſteswiſſenſchaften im achtzehnten Jahrhundert eine univerfalbiftorifhe Anficht, deren Kern ber Ent- widlungdgedante iſt. Die Seele des achtzehnten Jahrhunderts ift, untrennbar ver- bunden, Aufllärung, Yortichritt des Menſchengeſchlechts und dee von Humanität. In diefen Begriffen ift diejelbe Realität, wie fie das achtzehnte Jahrhundert bejeelt, von verjchiedenen Seiten angejehen und ausgedrückt. — Die Macht des Bewußtſeins vom Zuſammenhang des Menſchengeſchlechts, wie das Müttel- alter es metaphyſiſch außgeiprochen hatte, Dauert fort. Im fiebzehnten Sahrhundert war daB Bewußtſein der Zulammengehörigfeit des Menjchengefchlechted noch vorwiegend religidß begründet und wurde nur auf die willenfchaftliche Gemeinjchaft ausgedehnt, dagegen galt auf iweltlichem Gebiet das homo homini lupus, wie diefer Gegen- fat dur Spinozas Syſtem fo fonderbar Hindurchgeht; nun er⸗ wuchs, insbeſondere getragen von der Schule der Oelonomiften und dem gemeinfamen Intereſſe der Aufklärung und Toleranz, in den verjchiedenen Ländern eine Solidarität auch der weltlichen Intereſſen. So feßte fich die metaphufiiche Begründung des Zu⸗ ſammenhangs im Menjchengefchlecht in die allmälig anwachſende Grlenntniß der realen Verbindungen um, welche Individuum an Anwendung der Einzelwifjenichaften der Geſellſchaft auf die Gefchichte. 485 Individuum Tetten!). — Andrerjeitö bildete fich das gejchichtliche Bewußtſein fort. Der Gedanke vom Yortichritt des Men- ſchengeſchlechtes beherrichte da8 Jahrhundert. Auch er war in dem gejchichtlichen Bewußtſein des Mittelalter angelegt, welches einen inneren und centralen Yortgang in dem status hominis erfannt Hatte. ber es bedurfte erheblicher Veränderungen in den Borftellungen und Gefühlen, damit er fich frei entfaltete. Schon im fiebzehnten Jahrhundert twurde die Vorftellung von einem biftoriichen Zuftand der Volllommenheit am Anfang der Menfchheitägeichichte vertvorfen. Damals wurde, zufammenhängend mit dem Yortjchritt zu einer jelbftändigen Literatur und Willen- ſchaft, im Gegenſatz gegen die Zeit der Renaiſſance, der Gedanke lebhaft erörtert, daB die modernen Völker der alten Welt in Bezug auf die Wiflenfchaften und bie Literatur überlegen feien. Nun geihah das Wichtigfte: dem mittelalterlichen Kirchenglauben und in vermindertem Grade dem altproteftantiichen waren die erhabeniten Gefühle des Menjchen, der Kreis feiner Borftellungen von den höchſten Dingen, feine Lebendordnung etwas in fich Fertiges, Abgejchloffenes geweſen; indern dieſer Glaube zurücktrat, war es als ob ein Vorhang weggezogen würde, der den Blick auf die Zukunft des Menſchengeſchlechtes bis dahin gehindert hätte; das gewaltige und fortreißende Gefühl einer unermeßlichen Ent⸗ wicklung des Menjchengefchlechtes trat hervor. Wol beſaßen bie Alten jchon ein klares Bewußtfein des geichichtkichen Fortſchritts der Menfchheit in Bezug auf Wiflenichaften und Künfte!). Bacon ift von demſelben erfüllt und hebt hervor, daß das Menſchenge⸗ — 1) Als Condorcet 1782 in die franzöfiiche Akademie eintrat, erflärte er: „Le veritable interöt d’une nation n’est jamais separe de l’interät general du genre humain, la nature n’a pu vouloir fonder le bonheur d’un peuple sur le malheur de ses voisins, ni opposer l’une & l’autre deux vertus qu’elle inspire egalement; Pamour de la patrie et celui de P’humanite.“ (Condorcet, Discours de reception & l’academie francaise 1782 Oeuvres VII, 118.) 1) Napa ulv yao Evlaw napsılmpaulr tırag dofas, ol di Toü yevladaı Tovrous alrıoı yeyovacıy. So Pfeubo-Ariftotele® Metaph. II(e), 1 p. 993b 18, vgl. das ganze Kapitel. 486 ° Zweites Buch. Bierter Abſchnitt. Schlecht nunmehr in em Alter von Reife und Erfahrung getreten und daher die Wiſſenſchaft der Neueren der des Alterthums über- legen jei!). Pascal hatte diefe Stelle Bacon’3 vor Augen, als er fchrieb: „der Menfch unterrichtet fich unaufhörlich in feinem Yort- fchreiten,; denn er zieht nicht nur aus feiner eigenen Erfahrung Vortheil, jondern auch aus der feiner Borgänger. Alle Menſchen indgefammt bilden in den Willenjchaften einen einzigen fort« fchreitenden Zuſammenhang, derart, daß die ganze Abfolge der Menſchen während des DVerlaufd von foviel Jahrhunderten als ein einziger Menſch angelehen werben muß, der immer befteht und beftändig lernt.” Zurgot und Condorcet erweiterten nun aber diefe Gedanken, indem fie bie Wiſſenſchaft als die leitende Macht in der Geſchichte betrachteten und mit ihrem Fortgang den der Aufklärung und des Gefühla von Gemeinihaft in Zuſammenhang ſetzten. Und in Deutichland wurde endlich der Punkt erreicht, an welchen die Auffaflung der Gejelichaft nach dem natürlichen Syſtem in ein wahres gejchichtliches Bewußtſein überging. Herder fand in der Berfaffung des Einzelmenjchen dasjenige, was fi) ändert und den geichichtlichen Fortſchritt ausmacht; das Organ, durch welches die Natur dieſes Fortſchritts in Deutichland ſtudirt wurbe, war die Kunft, insbeſondere die Boefie; und das fo entftehende Schema hat fi im Geifte Hegel’3 zu einer umiverjellen Betrachtung der Kulturentividlung ertveitert. So geht der Fortſchritt der Geiſteswiſſenſchaften durch das natürliche Syftem zur entwicklungsgeſchichtlichen Anſicht. „Will man, jagt Diderot, eine kurze Gejchichte faft unferes ganzen Elends Tennen? Hier ift fie; es gab einen natürlichen Menſchen; in deffen Inneres führte man einen künftlichen Men⸗ ſchen ein. Hierauf entbrannte zwilchen beiden ein Bürgerkrieg und diefer dauert biß zum Tode.“ ine ſolche Entgegenfegung des Natürlichen und Geichichtlichen zeigt die Schranken der konſtruk⸗ tiven Methode des natürlichen Syſtems in greller Beleuchtung. Und wenn Voltaire jchrieb: il faudra bouleverser la terre pour 1) Bacon, novum organum I, 84. Diele zerftört die metaphyfiſche Behandlung ber Geichichte. 487 la. mettre sous l’empire de la philosophie, fo entfaltet in ihm die Einfeitigkeit des ungelchichtlichen Verſtandes, in welcher das na⸗ türliche Syftem der Wirklichkeit gegenübergeftellt wurde, ihre zer⸗ Rörenden Folgen. Aber dafielbe natürliche Syftem Hat zuerft das große Objekt der geiftigen Welt einer Analyfis unterworfen, die af die Yaltoren gerichtet war. Es ging über die Klaſſenbegriffe durch eine wahre Zerlegung Hinaus, wie died am deutlichften die Analyfis der Vorftellung des Nationalreichthums in der politischen Oekonomie zeigt. Und die Berlegung Hat den wiſſenſchaftlichen &eift von felber über die Schranken des natürlichen Syſtems bin- ausgeführt und das moderne geichichtliche Bewußtſein vorbereitet. Der metaphuyfifche Geift umfpinnt Freilich die Thatjachen der Geſchichte und der Gejellichaft an unzähligen Punkten mit noch weit feineren Fäden: dieje flammen aus dem natürliden Vor⸗ ftellen und Denten. Denn im Stubium der Gefellichaft wieder- holt fich dafjelbe Verhältniß, welches wir in dem der Natur ge= wahrt haben. Die Analyfis trifft einerjeitd auf Individuen ala Subjekte, andrerfeit3 auf prädilative Beitimmungen, welche ala folche allgemein fein müfſen. Daher erjcheint, was in ben lebteren enthalten ift, als eine Weſenheit zwilchen und hinter den Individuen und wird als ſolche in Begriffen wie Recht, Religion, Kunft fub- ftantiirt. Dieſe feineren und unvermeidlichen Täufchungen bes natürlichen Denkens löſt erft die Erfenntnißtheorie völlig auf. Sie wird zeigen: dad Verhältniß der Subjekte zu den allgemeinen prädifativen Beftimmungen ift bier, wo wir in unjerem Selbftbe- wußtſein diefer Subjefte und ihrer Selbftändigfeit gewiß find, ja die Kräfte Tennen, die den prädilativen Beftimmungen zu Grunde liegen, verichieden von dem Verhältniß, das in der Natumwiflen- ſchaft zwilchen Elementen und Gejeben befteht; die Begriffe, die bier aus prädilativen Beftimmungen gebildet werden, find anderer Beichaffenheit als die der Naturwiſſenſchaften. 63 bleibt, wenn das graue Geipinnft abftrakter, jubitantialer Weſenheiten zerrifien ift, Hinter ihm übrig — der Menſch, in verichiedenen Lagen einer zum anderen, innerhalb des Mittelö der Natur. Jede Schrift, jede Reihe von Handlungen ift für uns in 488 Zweites Vuch. Vierter Abfchnitt. der Peripherie eines Menjchen gelegen, und wir fuchen zum Gen- trum zu dringen. ch nehme an, dieſer Menſch jei Schleiermadher und feine Dinlektif liege vor mir. Welche Gedanken dieſes Buch auch im Einzelnen enthalte, ich finde in ihm den Sab von Der Gegenwart des Gotteagefühle in allen piychiichen Alten, und an dieſem tiefjten Punkte berührt ſich die Dialektit mit den Reden über Religion. So gebe ich von Werk zu Werk, ich kann das Gentrum zwar nicht erkennen, auf welches alle dieje peripheriichen Yeußerungen hinweiſen, aber ich kann es verfiehen. — Nun finde i&, daß Schleiermacher einer Gruppe angehört, in der Schelling, Friedrih Schlegel, Novalis u. a. fi befinden. Eine ſolche Gruppe verhält fih analog, wie eine Klaſſe von Organismen ; ändert fich in einer ſolchen Klaſſe ein Organ, jo ändern ſich aud) die forrefpondirenden, fteigert fich eines, jo verkümmern andere. Sch Ichreite von Gruppe zu Gruppe, zu immer weiteren Kreifen. — Das Seelenleben bat ſich in Kunſt, Religion u. ſ. w. differenzirt, und nun entfteht die Aufgabe, die pfychologijche Grundlage dieſes Vorgangs zu finden und dann ſowol den Berlauf in der Eeele ala den in ber Gejellichaft aufzufaflen, in welchem dieſe Differen- zirung fich vollzieht. — Weiter kann ich in einem Durchſchnitt durch die menſchliche Geichichte die Gejellichaft einer beftimmten Zeit allgemein oder bei einem einzelnen Volk ftudiren. Ich kann ſolche Durchſchnitte an einander halten und den Menfchen aus der Zeit des Perikled mit dem aus der Zeit Leo des Zehnten ver- gleichen. Hier nähere ich mich dem tiefften Problem, dem was am Menſchenweſen in der Gejchichte veränderlich ift. — Ueberall jedoch, in all diefen Wendungen der Diethode ift ed immer der Menſch, welcher das Objekt der Unterfuchung bildet, bald als ein Ganzed, bald in feinen Theilinhalten ſowie in feinen Beziehungen. Indem diejer Standpunkt durchgeführt werden wird, werden Gefell- ſchaft und Geichichte zu der Behandlung gelangen, welche auf dieſem jelbftändigen Gebiet der mechaniichen Erklärung innerhalb des Studiums von Naturerfcheinungen entſpricht. Dann ift Die Metaphyſik der Geſellſchaft und Geſchichte wirklich vergangen. Finden nun vielleicht die Geifteswillenichaften, welche die Der Menich bleibt ala ausschließliche: Objekt der Geiſtesw. zurüd. 489 Metaphyſik eines Geifterreiched durch analytiiche Unterfuchung ver- brängt haben, in dem Menſchen, dem Anfangs⸗ und End» punkte ihrer Analyfis, den Eingang in eine neue Meta= phyſik? Oder ift eine Metaphyſik der geiftigen Thatlachen in jeder Yorm unmöglich geworden? | Metaphyfit als Wiflenichaft, ja. Denn der Verlauf der intellektuellen Entwidlung zeigte, daß die Begriffe Subitanz und Kaufalität ſich allmälig aus den lebendigen Erfahrungen unter den Anforderungen einer Erkenntniß der Außenwelt entwidelt haben. Daher können fie dem, der in der Welt der inneren Erfahrung beimijch ift, nicht mehr über dieje jagen ,- ald was aus ihnen felber geichöpft ift: was fie mehr fagen, ift eine Hilfskonſtruktion für die Erfenntniß der Außenwelt und darum auf das Piychiiche nicht anwendbar. Auch kann der Sab der metaphufiichen Pſycho⸗ logie, welcher den jelbftändigen jubftantialen und unzerftörbaren Beitand der Seele behauptet, weder bewieſen noch widerlegt werden, vielmehr hat der Beweis aus der Einheit des Bewußtſeins nur eine negative Tragweite. Ginheit des Bewußtſeins Liegt jedem Vergleichungsurtheil zu Grunde, da wir in ihm verlchiedene Empfindungen, 3. B. zwei Nüancen von Roth, zugleich und in der⸗ felben untheilbaren Einheit beſitzen müſſen: wie könnten wir des Unterfchiebes Jonft inne werden? Nun kann aus der Konftruftion der Welt, wie fie die mechanische Naturwiſſenſchaft erfchliekt, diefe Thatſache der Vewußtſeinseinheit nicht abgeleitet werden. Dächte man fich felbft die Maflentheildden der Materie mit pſy⸗ chiſchem Leben auögejtattet, jo könnte für das Ganze eines zu⸗ fammengejeßten Körpers aus dieſem Thatbeſtand ein einheitliches Bewußtſein nicht hervorgehen. Sonach ergiebt ſich, daß die mecha⸗ niſche Naturwiſſenſchaft die Einheit der Seele als ein ihr gegenüber Selbſtändiges betrachten muß, aber es iſt nicht ausgeſchlofſſen, daß ein Hinter dieſen für die Erſcheinungswelt gebildeten Hilfsbe⸗ griffen beftehender Zufammenbang der Natur den Urſprung der Ein- heit der Seele in fich enthalte: das find ganz transſcendente Fragen. Aber das Meta-Phofifche unfereg Leben ala perſönliche Er- fahrung d. h. als moralifch-religiöfe Wahrheit bleibt übrig. Die 490 Zweites Bud. Bierter Abfchnitt. Metaphufit — hier dürfen wir einen lang geiponnenen Faden zu Ende führen —, welche das Leben bed Menſchen in eine höhere Ordnung zurüdführte, hatte ihre Macht nicht, wie Kant in feiner abftralten und ungeichichtlihen Denkweiſe annahm, kraft der Schlüſſe einer theoretiichen Vernunft bejefien. Nie würde aus diejen die Idee der Seele oder der perjönlichen Gottheit hervorgegangen fein. Vielmehr waren diefe Ideen in der inneren Erfahrung be= gründet, mit ihr und der Befinnung über fie haben fie fich ent⸗ wicelt, und gerade der Denknothwendigkeit zum Troß, welche nur einen Gedankenzufammenhang Tennt, ſonach höchſtens zu einem Panlogiamus gelangen Tann, Haben fie ſich erhalten. — Nun entziehen fich aber die Erfahrungen bed Willen? in der Perſon einer allgemeingültigen Darftellung, welche für jeden anderen In⸗ telleft zwingend und verbindlich wäre. Dies ift eine Thatſache, welche die Gefchichte mit taufend Zungen predigt. Sonach fönnen fie auch nicht zu zwingenden metaphyſiſchen Schlüflen verwandt werden. Während die piychologifche Willenfchaft vergleichend Ge⸗ meinjamleiten des Seelenlebend an den piychiichen Einheiten feſt⸗ ftellen fann, verbleibt doch die Inhaltlichkeit des menſchlichen Willen? in der Burgfreiheit der Perfon. Hierin bat feine Me- taphyfik etwas ändern können, vielmehr Hat jede mit dem Pro⸗ teft der hierin Haren religiöfen Erfahrung zu Kämpfen gehabt, von den erſten chriftlichen Myſtikern ab, welche fich der mittelalterlichen Metaphyſik gegenüberftellten und darum nicht fchlechtere Chriften waren, bis auf Zauler und Luther. Nicht durch logiſche Folge— richtigkeit gezwungen, nehmen wir einen höheren Zuſammenhang an, in den unjer Leben und Sterben verwebt ift; es wird fidh und demnächſt zeigen, wohin dieſe logiſche TFolgerichtigkeit führt, wenn fie auf einen ſolchen Zufammenhang ausgedehnt wird; viel⸗ mehr entipringt aus der Tiefe der Selbftbefinnung, die dad Er⸗ leben der Hingabe, der freien Verneinung unſerer Egoität vorfindet und jo unfere Freiheit vom Naturzufammenhang eriweift, das Bewußtſein, daß diefer Wille nicht bedingt fein kann durch die Naturordnung, deren Geſetze fein Leben nicht entipricht, ſondern nur durch etwas, was biejelbe Hinter fich zurüdläßt. Diefe Er- Jenſeits der Wiflenichaft das Meta-Phyfilche des Leben. 491 fahrungen aber find jo perfönlich, jo dem Willen eigen, daß der Atheift dies Meta-Phyfiiche zu leben vermag, während die Sottesvorftellung in einem Weberzeugten eine bloße twerth- oje Hülje ſein kann. Der Ausdrud dieſes Thatbeftandes ift die Befreiung des religiöfen Glauben? aus feiner metaphufilchen Gebundenheit durch die Reformation. In ihr erlangte das re= ligiöſe Leben feine Selbftftändigfeit. Und fo bleibt neben dem Blid in den unermeßlihen Raum ber Geftirne, welcher die Gedankenmäßigkeit des Kosmos zeigt, der in die Tiefe bes eigenen Herzend. Wie weit hier die Ana- lyſis mit Sicherheit zu dringen vermöge, werben die folgenden Bücher zeigen. Jedoch wie dem jei, wo ein Menſch in feinem Willen den Zujammenhbang von Wahrnehmung, Luft, Antrieb und Genuß durchbricht, wo er nicht ſich mehr will: da ift das Meta-Phyfiiche, welches fich in der dargelegten Gejchichte der Me⸗ taphyfik nur in unzähligen Bildern fpiegelte. Denn die metapby- ſiſche Wiſſenſchaft ift ein Hiftoriich begränztes Phänomen, das meta⸗phyſiſche Bewußtſein der Perfon ift ewig. Biertes Kapitel. Schlußbetrachtung über die Unmöglichkeit der metaphyſiſchen Stellung des Erkennens. Wir verſuchen an dieſem Schluß der Geſchichte der meta⸗ phyfiſchen Stellung bed Geiſtes, der Geſchichte einer noch nicht durch die erfenntnißtbeoretiiche Stellung defjelben gebrochenen meta= phyfiſchen Wiflenfchaft die in ihr allmälig berborgetretenen That⸗ fachen durch eine allgemeine Betrachtung zu vereinigen. Der logiſche Weltzufammenhang ala deal der Metaphyſik. In der Einheit des menſchlichen Bewußtſeins iſt es gegründet, daß die Erfahrungen, welche dieſes enthält, durch den Zuſammen⸗ 492 Aweites Buch. Vierter Abfchnitt. bang bedingt find, in dem fie auftreten. Hieraus ergiebt fich das allgemeine Geſetz der Relativität, unter welchen unjere Erfahrungen über die äußere Wirklichkeit ftehen. Eine Geſchmacksempfindung ift augenicheinlic durch diejenige bedingt, welche ihr voraufging, dag Bild eines räumlichen Objektes ift von der Stellung des Sehenden im Raum abhängig. Daher ent⸗ fpringt die Aufgabe, dieje relativen Data durch einen Zuſammen⸗ hang zu beftimmen, der in fi) gegründet und feft if. Für bie anhebende Wiflenjchaft war diefe Aufgabe gleichjam eingehüllt in die don Orientirung in Raum und Zeit ſowie von Aufſuchung einer erften Urſache und verwoben mit den ethilch-religiöfen An⸗ trieben. So befaßte der Ausdruck Prinzip (aexn) die erfte Ur⸗ ſache und den Erklärungdgrund der Erſcheinungen ungejchieden in fih. Geht man von dem Gegebenen zu feinen Urjachen, jo kann ein jolcher Rüdgang feine Sicherheit nur au8 der Denknothwendig⸗ feit des Schlußverfahrend empfangen, daher war mit der wiſſen⸗ ſchaftlichen Auffuchung von Urfachen irgend ein Grad von logischen Bewußtſein des Grundes immer verbunden. Erſt der Zweifel der Sopbiften Hatte ein logiſches Berwußtjein der Methode, Urſachen oder Subftanzen zu finden, zur Yolge, und diefe Methode wurde nun als Rüdgang von dem Gegebenen zu den denknothwendigen Bedingungen defielben beftimmt. Da ſonach bie Erkenntniß von Urſachen an den Schluß und die in ihm Tiegende Denknoth⸗ wendigfeit gebunden ift, jo jeßt diefe Erkenntniß voraus, daß im Naturzulammenhang eine logiſche Nothwendigkeit obwalte, ohne welche dad Erkennen feinen Angriffspunkt hätte. Demnach ent= ſpricht dem unbefangenen Glauben an die Erfenntniß der Urjachen, welcher aller Metaphufit zu Grunde liegt, ein Theorem von dem logiſchen Zufammenbang in der Natur. Die Ent- wicklung dieſes Theoremd kann, jo lange die logiſche Form zivar in einzelne Yormbeftandtheile ala ihre Komponenten aufgelöft wird, aber richt durch eine wahrhaft analytifche Unterfuchung Hinter dieſe zurüdverfolgt wird, nur in der Darftellung einer äußeren Be- ziehung zwilchen der Form des logiſchen Denkens und ber des Naturzuſammenhangs beitehen. Der Logifche Weltzufammenhang. . 493 So wurde in der monotheiftilden Metaphyſik der Alten und ded Mittelalter der Logismus in der Natur als ein Gegebened, und die menſchliche Logik ala ein zweites Gegebenes be⸗ trachtet, das dritte Datum bildete die Korrefpondenz diefer beiden. Für dieſen Gejammtthatbeftand war dann eine Bedingung in einem fie verfnüpfenden Zuſammenhang aufzufinden. Dies leiftete - die Schon von Ariftoteles in ihren Grundzügen entworfene An⸗ fit, nach welcher die göttliche Vernunft den Zuſammenhang zwiſchen dem in ihr gegründeten Logismus der Natur und der ihr ent- Iprungenen menjchlicden Logik hervorbringt. Als die Lage des Naturwiffend die zwingende Kraft der tbeiftiichen Begründung immer mehr auflöfte, entitand die ein= fachere Yormel Spinozas, welche die göttliche Vernunft ala Mittelglied eliminirte. Die Grundlage der Metaphufif Spinozas ift die reine Selbftgewißheit des logiſchen Geiftes, welcher fich mit methodiſchem Bewußtſein die Wirklichkeit erkennend unterwirft, wie fie in Descartes das erſte Stadium einer neuen Stellung des Subjektes zur Wirklichkeit bezeichnet. Inhaltlich angefehen trat hier die Konception des Descarted vom mechanischen Zufammenhang des Naturganzen in eine pantheiftiiche Weltanficht, und fo wandelte fi) eine allgemeine Bejeelung der Natur in bie Xdentität der räumlichen Bewegungen mit den pfychilchen Vorgängen. Erfennt- nißtheoretiich betrachtet, wurbe hier das Willen aus der Ihentität des mechanifchen Naturzuſammenhangs mit der logiichen Ge- danfenverbindung erflärt. Daher enthält diefe Identitätslehre weiter die Erklärung der pfychijchen Vorgänge nach einem me- chaniſchen, fonach logiſchen Zufammenhang in fi: die objektive und univerjelle metaphufiihe Bedeutung des Logismus. In diefer Rückſicht drüdt die Attributenlehre die unmittel- bare dentität des Kaufalzufammenhangs in der Natur mit ber logiſchen Berfnüpfung der Wahrheiten im menſchlichen Geifte aus. Das Mittelglied diefer Verbindung, welches vorbem ein von der Welt unterfchiedener Gott gebildet hatte, ift ausgeftoßen: ordo et connexio idearum idem est ac ordo et connexio 494 Zweite Buch. Vierter Abſchnitt. rerum !). In ſcharfer Anfpannung diefer Identität wird jogar die Richtung der Abfolge in beiden Reihen ala korreſpondirend aufgefaßt: effectus cognitio a cognitiona causae dependet et eandem involvit ?). Ein Zujammenbang von Ariomen und De- finitionen wird entworfen, aus welchem der Weltzufammenbang fonfteuirt werden Tann. Dies geichieht durch auffällige Trug- Ichlüffe, denn eine Vielheit felbftändiger Weſenheiten kann aus den Vorausfetzungen Spinozas ebenjo gut gefolgert werben, ala die Einheit in der göttliden Subſtanz. Sind doch die Einheit des MWeltzufammenhangd und die PVielheit fefter ihm zu Grunde gelegter Ding-Atome nur die beiden Seiten defielben mechanischen d. 5. logiſchen Weltzufammenhangs. Spinoza mußte jeinen Pan⸗ theismus alfo mitbringen, um ihn folgern zu können. Gleichviel, in diefem Zuſammenhange tritt die Konfequenz des metaphyfifchen Sated vom Grunde in einer Vollftändigkeit heraus, die bei den Alten fich noch nicht fand. Hatten diefe den menjchlichen Willen al3 ein imperium in imperio gelten lafjen, jo bebt die Formel des Panlogismus nun dieſe Souveränität des geiftigen Lebens auf. In rerum natura nullum datur contingens; sed omnia ex necessitate divinae naturae determinata sunt ad certo modo existendum et operandum °). Die Metaphyſik Hat durch Leibniz in dem Sat von Grunde eine Formel entworfen, welche den nothiwendigen Zu⸗ ſammenhang in der Natur als das Prinzip des Denkens aus⸗ ſpricht. In der Aufftellung dieſes Prinzips hat die Metaphyſik ihren formalen Abſchluß erreicht. Denn der Sab iſt nicht ein logiſches jondern ein metaphyſiſches Prinzip d. h. er drüdt nicht ein bloßes Geje des Denkens, jondern zugleich ein Gejeb bes Zuſammenhangs der Wirklichkeit und damit auch die Regel der Beziehung zwifchen Denken und Sein aus. ft doch feine lebte und vollkommenſte Formel diejenige, welche in dem Briefwechſel mit 1) Spinoza Eth. II prop. 7. 2) ebd]. I axiom. 4. $) ebdj. I prop. 29. Sein ſchematiſcher Abriß in Spinozas Syſtem. 495 Clarke vorkam, nicht lange vor dem Tode von Leibniz. “Ce principe est celui du besoin d’une raison suffisante, pour qu’une chose existe, qu’un 6venement arrive, qu’une verit6 ait lieu). Dies Prinzip tritt bei Leibniz ftet? neben dem des Widerſpruchs auf, und zwar begründet der Sat des Widerſpruchs die noth⸗ wendigen Wahrheiten, dagegen der des rundes die Thatſachen und thatſächlichen Wahrheiten. Eben hier aber zeigt fich die metaphyfiſche Bedeutung dieſes Satzes. Obwohl die thatfächlichen Wahrheiten auf den Willen Gottes zurückgehen, jo ift diefer Wille jelber doch nach Leibniz fchlieglich von dem Intellekt geleitet. Und fo tritt Hinter dem Willen wiederum dad Antlitz eines logiſchen Weltgrundes hervor. Dies drückt Leibniz ganz deutlich jo aus: ‚D est vrai, dit on, qu’il n’y a rien sans une raison suffi- sante pourquoi il est, et pourquoi il est ainsi plutöt q’autre- ment. Mais on ajoute, que cette raison suffisante est souvent la simple volont6 de Dieu; comme lorsqu’on demande pour- quoi la matiere n'a pas 6t6 plac6e autrement dans l’espace, les m&mes situations entre les corps demeurant gardees. Mais c’est justement soutenir que Dieu veut quelque chose, sans qu’il y ait aucune raison suffisante de sa volont6, contre l’axiome ou la regle generale de tout ce qui arrive' *). Hiernach be» 1) Im fünften Briefe von Leibniz an Clarke $ 125. Unvollftändigere Fafſungen finden fi) Theodicee $ 44 und Monadologie 8 31ff. 2) Dritter Brief an Clarke 8 7. Und zwar verwirft Leibniz ausdrück⸗ lich die Annahme, daß in dem bloßen Willen Gottes bie Urſache eines Thatbeftandes in ber Welt gefunden werde. „On m’objecte qu’en n’ad- mettant point cette simple volonte, ce seroit öter à Dieu le pouvoir de choisir et tomber dans la fatalit&. Mais c’est tout le contraire: on soutient en Diew le pouvoir de choisir, puisqu’on le fonde sur la raison du choix conforme & sa sagesse. Et ce n’est pas cette fatalit& (qui n’est autre chose que l’ordre le plus sage de la Providence), mais une fatalit6 ou necessit6 brute, qu’il faut &viter, ou il n’y a ni sagesse, ni choix“ ($ 8). Berief fih Clarke ihın gegenüber darauf, daß der Wille felber ja als zureichender Grund angejehen werben könne, fo antwortet Leibniz peremptoriich: „une simple volont& sans aucun motif (a mere will), est une fiction non-seulement contraire à la perfection de Dieu, mais encore chimerique, contradictoire, incompatible avec la definition de la volonte 496 Zweites Buch. Vierter Abfchnitt. deutet der Satz des zureichenden Grundes die Behauptung von einem lückenloſen, Iogifchen Zufammenhang, der jede Thatjache und entfprechend jeden Sat in fich faßt; er ift die Yyormel für dad von Ariftotele3 in engerem Umfang aufgeftellte Prinzip der Metaphy⸗ fif!), welches nunmehr nicht nur den Zuſammenhang des Kosmos in Begriffen d. 5. ewigen Formen, fondern den Grund jeder Ber- änderung und zwar aud) in der geiftigen Welt in fich faßt. Chriſtian Wolff Hat diefen Sab darauf zurüdgeführt, daß nicht aus Nichts ein Etwas entftehen könne, ſonach auf das Prin⸗ zip des Erkennens, aus dem wir ſeit Parmenides die Metaphyfit ihre Sätze ableiten jaben. „Wenn ein Ding A etwas in fich ent- hält, daraus man verftehen kann, warum B ift, B mag entiveber etwas in A oder außer A fein, fo nennet man dasjenige, was in A anzutreffen tft, den Grund von B; A ſelbſt heißet die Urſache, und von B faget man, e3 fei in A gegründet. Nemlich ber Grund ift dasjenige, wodurch man verftehen kann, warum etwas ift, und die Urſache ift ein Ding, welches den Grund von einem anderen in fich enthält.“ — „Wo etwas vorhanden ift, woraus man begreifen kann, warum es ift, dad hat einen zureichenden Grund. Deromwegen wo feiner vorhanden ift, da ift nichts, woraus man begreifen Tann, warum etwa ift, nemlich warum es wirklich werden kann, und allo muß ed aus Nichts entftehen. Was dem- nach nicht aus Nichts entftehen kann, muß einen zureichenden Grund haben, warum es ift, als e8 muß an fich möglich fein und eine Urſache Haben, die es zur Wirklichkeit bringen Tann, wenn wir von Dingen reden, die nicht nothiwendig find. Da nun unmöglich ift, daß aus Nichts etwas werden kann, jo muß auch Alles, was ift, feinen zureichenden Grund Haben warum es ilt“. So erfennen wir nun rückwärts im Sabke vom Grunde den Ausdrud bes Prinzips, welches das metaphufiiche Erkennen von feinem Beginn geleitet hat 2). et assez refutee dans la Theodicke.“ (Bierter Brief an Clarke $ 2). Es ift ar, Leibniz Tommt fo zu einer Exefutivgemalt, welche den Gebanten ausführt, nicht zu einem wirklichen Willen. 1) ©. 242 ff 2) Wolff, Vernünftige Gedanken von Gott u. j. w. $ 29 u. 30. Der Sat vom Grunde ift fein Denkgeſetz. 497 Und blicken wir von Leibniz und Wolff vorwärts, fo ift die im Sabe vom Grunde enthaltene Vorausſetzung über den logiſchen Weltzuſammenhang jchließlich in dem Syſtem von Hegel mit Beradjtung jeder Furcht vor der Paradorie ald Realprinzip der ganzen Wirklichkeit entwickelt worden. Es bat nicht an Ber- ſonen gefehlt, welche dieſe Vorausſetzung in Frage ftellen, dagegen eine Metaphyſik beibehalten tollen, jo that dies Schopenhauer in feiner Lehre vom Willen ala dem Weltgrunde. Aber jede Metaphyſik diefer Art ift von vorn herein Durch einen inneren MWiderjpruch in ihrer Grundlage gerichtet. Dad über unjere Er- fahrung Hinaußliegende kann nicht einmal durch Analogie ein- leuchtend gemacht, gejchiveige denn bewieſen werden, wenn bem Mittel der Begründung und des Beweiſes, dem logifchen Zu- jammenbang, die ontologifche Gültigkeit und Tragweite genommen wird. Der Widerjprud der Wirklichfeit gegen dies Ideal und die Unhaltbarfeit der Metaphyſik. Das „große Prinzip" vom Grunde (fo bezeichnet es wiederholt Leibniz), die Iekte Yormel der metaphufilchen Erkennt⸗ niß, ift nun aber fein Denkgeſetz, unter welddem unfer Intellekt als unter feinem Yatum ftünde. Indem die Metaphyſik ihre Anforderung einer Erkenntniß von dem Subjekt des Welt- lauf? in diefem Sat bis zu ihrer erften Vorausſetzung ver— folgt, erweiſt fie ihre eigene Unmöglichkeit. Der Sat vom Grunde, in dem Sirme von Leibniz, ift nicht ein Dentgejeß, er Tann nicht neben das Dentgejet bed Widerſpruchs geftellt werden. Dem das Denkgeſetz des Wider⸗ ſpruchs ift an jedem Punkte unjeres Willens in Geltung; wo wir etwas behaupten, muß e3 mit ihm in Ginklang fein, und finden wir eine Behauptung mit ihm in Widerftreit, jo ift fie damit für und aufgehoben. Sonach fteht alles Willen und alle Gewißheit unter der Controle dieſes Denkgeſetzes. Es handelt fih für ung nie darum, ob wir es anwenden toollen oder nicht, „Iondern io Dilthey, Einleitung. 498 Zweites Buch. Bierter Abichnitt. fider ald wir etwas behaupten, unteriverfen wir ihm dieſe Be- hauptung. Es kann geicheben, dab wir an einem Punkte nicht den Widerſpruch einer Behauptung mit dem Denkgeſetz des Wider- ſpruchs bemerken; jedoch, Tobald auch der ganz Ungebilbete auf diefen Widerfpruch aufmerkſam gemacht wird, entzieht ex fich nicht der Konfequenz, daß von Behauptungen, welche jolchergeftalt in MWiderjpruch miteinander treten, nur Eine wahr fein kann, Eine falich fein muß. Der Sa vom Grunde dagegen, im Sinne von Leibniz und Wolff gefaßt, Hat augenfcheinlich nicht diefelbe Stellung in unfrem Denfen, und es war daher nicht richtig, wenn Leibniz beide Sätze ala gleichwerthige Prinzipien nebeneinander ftellte. Dies hat ſich und aus der ganzen Geſchichte des menschlichen Denkens ergeben. Der Menſch in der Epoche mythiſchen Vor⸗ ftellena ſetzte fi) Willensmächte gegenüber, welche mit unbe- rechenbarer Freiheit fchalteten. Es wäre unnüß geweſen, wenn ein Zogifer zu diefem im mythiſchen Vorftellen befangenen Menſchen getreten wäre und ihm deutlich gemacht Hätte: der nothwendige Zuſammenhang des Weltlaufs ift da aufgehoben, wo deine Götter walten. Eine ſolche Einficht Hätte jenem niemals die Ueberzeug- ungen von feinen Göttern geftört, vielmehr würde fie nur dag über den logischen Zufammenhang der Welt Hinaugreichende ihm Harer gemacht haben, was in ſolchem Glauben ala gewaltige Kraft mitenthalten war. Der Menſch in der Morgendämmerung der Wiſſenſchaft ſuchte dann einen inneren Zuſammenhang im Kosmos, aber der Glaube an die freie Macht der Götter inmitten deſſelben verharrte in ihm. Der griechiſche Menſch in der Blüthezeit der Metaphyſik betrachtete ſeinen Willen als frei. Was ihm hier in lebendigem und unmittelbarem Wiſſen gegeben war, wurde ihm nicht dadurch unſicher, daß das Bewußtſein der Denknothwendig⸗ keit in ihm ebenfalls vorhanden war; vielmehr erſchien ihm mit dieſem logiſchen Bewußtſein das Feſthalten deſſen verträglich, was er in unmittelbarem Wiſſen als Freiheit beſaß. Der mittelalter⸗ liche Menſch zeigt eine übertriebene Neigung zu logiſchen Betrach⸗ tungen, doch hat ihn dieſe nicht beſtimmt, die religiös-geſchichtliche Welt, in der er lebte und die überall denknothwendigen Zuſammen⸗ Der Sak vom Grunde ift kein Denkgeſetz. 499 hang vermiflen Tieß, aufzugeben. — Und die Erfahrungen des täglichen Lebens beftätigen, was die Geſchichte zeigte. Der menſch⸗ liche Geiſt findet es nicht unerträglich, den logiſchen Zufammen- bang, vermittelt deflen er über das unmittelbar Gegebene Hin- ausgeht, da unterbrochen zu fehen, two er in lebendigem und un- mittelbarem Wiflen freie Geftaltung und Willendmadt erfährt. Wenn der Eat vom Grunde, in der Fallung von Leibniz, nicht die unbedingte Gültigkeit eines Denkgeſetzes bat: wie ver- mögen wir feine Stelle im Zujammenbang des intellektuellen Lebens zu beftimmen? Indem wir feinen Ort auflucdgen, wird der Rechtsboden jeder wirklich folgerichtigen Metaphyſik geprüft. Unterſcheiden wir den logiſchen Grund vom Realgrunde, den logiſchen Zuſammenhang vom realen, ſo kann die Thatſache des logiſchen Zuſammenhangs in unſerem Denken, welches im Schließen ſich darſtellt, durch den Satz ausgedrückt werden: mit dem Grund iſt die Folge geſetzt und mit der Folge iſt der Grund aufgehoben. Dieſe Nothwendigkeit der Verknüpfung findet fich thatſächlich in jedem Syllogismus. Nun kann gezeigt werden, daß wir die Natur nur auffaſſen und vorſtellen können, indem wir dieſen Zu⸗ ſammenhang der Denknothwendigkeit in ihr auf— fuchen. Wir können die Außenwelt nicht einmal vorſtellen, es ſei denn erkennen, ohne einen denknothwendigen Zuſammhang ſchließend in ihr aufzuſuchen. Denn wir können die einzelnen Ein⸗ drücke, die einzelnen Bilder, die das Gegebene bilden, nicht für fi als objektive Wirklichkeit anerkennen. Sie find in dem that« ſächlichen Zufammenhang, in dem fie im Bewußtſein kraft feiner Einheit ftehen, relativ, und können ſonach nur in diefem Bus fammenhang benubt werden, um einen äußeren Thatbeftand oder eine Natururfache feftzuftellen. Jedes Raumbild ift auf die Stellung des Auges wie ber fafjenden Hand bezogen, für welche ed da ift. Jeder zeitliche Eindrud ift auf dad Maß der Eindrlide in dem Auffaflenden und den Zuſammenhang derjelben bezogen. Die Qualitäten der Empfindung find durch die Beziehung bedingt, in welcher die Reize der Außenwelt zu unferen Sinnen ſtehen. 32° 500 Zweites Buch. Vierter Abjchnitt. Die Intenfitäten der Empfindung vermögen wir nicht direlt zu beurtheilen und in Zahlenwerthen auszudrüden, ſondern wir be= zeichnen nur die Beziehung einer Empfindungsſtärke zu einer anderen. So ift die Herftellung eines Zuſammenhangs nicht ein Borgang, welcher auf die Erfaffung der Wirklichkeit folgt, ſondern Niemand faßt ein Augenblid3bild- ifolirt als Wirklichkeit, wir be= fiten e3 in einem Zuſammenhang, vermittelft defjen wir, noch vor aller wiflenichaftlicden Beichäftigung, Wirklichkeit feſtzuſtellen ſuchen. Die wiſſenſchaftliche Beihäftigung bringt Methode in dieſes Verfahren. Aus dem beweglichen veränderlichen Ich verjett fie den Mittelpunkt für das Syftem von Beitimmungen, dem die Eindrücde eingeordnet werden, in dies Syſtem jelber. Sie ent- wicdelt einen objektiven Raum, innerhalb deſſen die einzelne In⸗ telligenz fich an einer beftimmten Stelle findet, eine objektive Zeit, in deren Linie die Gegenwart des Individuums einen Punkt ein⸗ nimmt, jowie einen objektiven Kauſalzuſammenhang und jefte Glementeinheiten, zwijchen denen er flattfindet. Die ganze Ridj= tung der Wiſſenſchaft geht dahin, an die Stelle der Augenblicks- bilder, in welchen Mannichfaches aneinandergerathen ift, vermittelft der vom Denken verfolgten Relationen, in denen dieſe Bilder im Bewußtſein fi) befanden, objektive Realität und objektiven Zufammenhang zu feßen. Und jedes Urtbeil über Eriftenz und Beichaffenheit eines äußeren Gegenftandes ift Ichließlich durch ben Denkzufammenhang bedingt, in welchem dieſe Eriftenz oder Be Ichaffenheit ala nothwendig gejebt if. Das zufällige Zufanımen von Eindrüden in einem veränderlichen Subjelt bildet nur den Ausgangspunkt für die Konftruftion einer allgemeingültigen Wirk⸗ lichkeit. Sonach beherrſcht der Satz, jedes Gegebene ſtehe in einem denknothwendigen Zuſammenhang, in welchem es bedingt ſei und ſelber bedinge, zunächſt die Löſung der Aufgabe, allgemeingültige und feſte Urtheile über die Außenwelt feſtzuſtellen. Die Re- lativität, in welcher das Gegebene in der Außenwelt auftritt, wird von der willenichaftlichen Analyjis in dem Bewußtſein der Relationen, melde das Gegebene in der Wahrnehmung Borftell. u. Erkenntn. d. Außenwelt vollziehen fidh nad) Sat v. Grunde. 501 bedingen, zur Darftellung gebracht. So ſteht jchon jede Auf- fafjung der Objekte der Außenwelt unter dem Eabe des Grundes. Dies ift die eine Seite der Sache. Andrerfeit? aber muß bie kritiiche Anwendung des Satzes vom Grunde auf eine metaphyſiſche Erkenntniß verzichten und fi) mit der Auffaffung äußerer Verhältniſſe von Abhängigkeit innerhalb der Außenwelt genügen lafien. Denn die Beftandtheile bes Gegebenen find vermöge ihrer verfchiedenen Herkunft ungleihartig d. 5. unvergleichbar. Sonad können fie nicht auf einander zurücgeführt werden. ine Farbe kann mit einem Zone oder mit dem Gindrud von Dichtigkeit nicht in einen direkten inneren Zuſammenhang gebracht werden. Daher muß dad Studium der Außentvelt das innere Verhältniß des in der Natur Gegebenen unaufgelöft laffen und fich mit der Aufftellung eines auf Raum, Zeit und Bewegung gegründeten Zuſammenhangs begnügen, welcher die Erfahrungen zu einem Syſtem verbindet. So fteht zwar die Auffaflung und Erfenntniß der Außenwelt unter dem Gejeß: jedes in ſinnlicher Wahrnehmung Gegebene findet ſich in einem denk⸗ nothivenbigen Zuſammenhang, in welchen e3 bedingt ift und jelber bedingt, und nur in diefem dient es der Auffafjung des Eriftirenden. Aber die Verwerthung dieſes Geſetzes ift durch die Bedingungen des Bewußtſeins auf die bloße Herftellung eines äußeren Zuſammen⸗ hangs von Beziehungen eingejchräntt worden, durch welche den Thatſachen ihr Pla im Syſtem der Erfahrungen beitimmt wird. Eben dad Bedürfniß der Wiflenichaft, einen ſolchen denknothwen⸗ digen Zuſammenhang Herzuftellen, Hat dahin geführt, von dem inneren wejenhaften Zuſammenhang der Welt abzufehen. Diejem ft ein Zufammenhang mathematifchmechanifcher Natur fubftituirt worden, und hierdurch erſt wurden die Wiffenfchaften der Außen welt pofitiv. So wurde aus dem inneren Bedürfniß diefer Wiljen- Ihaften heraus die Metapbufit ala unfruchtbar zurückgeſchoben, noch bevor die erfenntnißtheoretiiche Berwegung in Locke, Hume und Kant fi) gegen fie twandte. Und nun if die Stellung de Erkenntnißgeſetzes dom Grunde zu den Geifteswijjenfchaften eine andere, 502 Zweite? Bud. Bierter Abjchnitt. ala die zu den Wiflenichaften der Außenwelt: auch dies madht eine Unterordnung der ganzen Wirklichkeit unter einen metaphy⸗ fiichen Zuſammenhang unmöglid. Das, deſſen ich inne werbe, iſt als Zuftand meiner felbft nicht relativ, wie ein äußerer Gegenftand. Eine Wahrheit des äußeren Gegenftandes als Ueber⸗ einftimmung des Bildes mit einer Realität beſteht nicht, bemm diefe Realität ift in feinem Bewußtſein gegeben und entzieht fich aljo der Vergleichung. Wie das Objekt außfieht, wenn Niemand es in fein Bewußtſein aufnimmt, fann man nicht wiſſen wollen. Dagegen ift dad, was ich in mir erlebe, ala Thatjache des Be— wußtfeind darum für mich da, weil ich befielben inne werbe: Thatſache des Bewußtſeins ift nichts Anderes als dad, deflen ich inne werde. Unjer Hoffen und Tradjten, unfer Wünfchen und Mollen, diefe innere Welt ift ala folche die Sache felber. Gleiche viel welche Anficht jemand hegen mag über die Beftandtheile dieſer pigchiichen Thatſachen — und Kant’3 ganze Theorie ded inneren Einnes kann nur ala ſolche Anficht Iogifch gerechtfertigt erfcheinen — : daß ſolche Bewußtſeinsthatſachen beftehen,, wird dadurch nicht be= rührt!). Daber ift und daß, deffen wir inne werden, ala Zu- ftand unferer jelbft nicht relativ gegeben, wie der äußere Gegen⸗ fand. Erſt wenn wir dies unmittelbare Willen und zu deutlicher Erfenntniß bringen oder anderen mittheilen wollen, entfteht die Trage, wiefern wir bierdurd) über dad in der inneren Wahr- nehmung Enthaltene hinausgehen. Die Urtbeile, welche wir aus⸗ jagen, find nur gültig unter der Bedingung, daB die Denlalte die innere Wahrnehmung nicht abändern, daß died Zerlegen und Ber- fnüpfen, Urtheilen und Schließen die Thatfachen unter den neuen Bedingungen de Bewußtſeins ala biejelben erhält. Daher Hat liches, nämlich die wirkliche Yyorm der inneren Anſchauung. Sie bat alio fubjeltive Realität in Anjehung der inneren Erfahrung, d. i. ich habe wirt: ih die Vorftellung von ber Zeit und meinen Beitimmungen in ihr”. In biefen Sätzen wird das, was ich oben zunächſt behaupte, anerfannt, nur in Berbindung mit einer Theorie Über die Komponenten der inneren Wahrs nchmung. Andere Stellung bed Geifligen. 503 denknothwendigen Zuſammenhang fteht, in dem es bedingt ift und bedingt, zu dem Umkreis der geiftigen Thatſachen nie biejelbe Stellung gehabt, welche ex der Außenwelt gegenüber in Anſpruch nehmen darf. Er ift bier nicht das Geſetz, unter welchem jebe Borftelung von Wirklicjkeit ſteht. Nur fofern die Individuen einen Raum in der Außenwelt einnehmen, an einem Zeitpunkt auftreten und finnfällige Wirkungen in der Außenwelt berbor« bringen, werden fie in dad Netz dieſes Zuſammenhangs mit ein« gefügt. So jett zwar die vollftändige Vorftellung der geiftigen Thatſachen ihre äußere Einordnung in den von der Naturwiſſen⸗ ſchaft geichaffenen Zujammenhang voraus, aber unabhängig von dieſem Zuſammenhang find die geiftigen Thatlachen als Wirklich- feit da und haben die volle Realität derjelben. So haben wir in dem Satze vom Grunde die logische Wurzel aller folgerichtigen Metaphyſik d. 5. der Vernunftwifienichaft und in dem Berhältniß des jo entitehenden logiſchen Ideals zur Wirk⸗ lichleit den Urfprung der Schwierigkeiten biefer Vernunftwiflen- Ichaft erkannt. Diejes Verhältniß macht und nunmehr einen großen Theil der biöher dargelegten Phänomene der Metaphyſik unter einem allgemeinften Geſichtspunkt begreiflid. Golgerichtig ift nur die Metaphyſik, welche ihrer Form nach Ber- nunftwiflenichaft ift d. h. einen logiichen Weltzufammenhang auf- zuzeigen ſucht. Bernunftwillenichaft war daher gleichiam das Rüdgrat der europäiſchen Metaphyſik. Aber das Gefühl des Lebens in dem wahrbaftigen, natürlich ftarlen Menfchen und ber ihm gegebene Gehalt der Welt ließen fich nicht in dem logiſchen Zufammenhang einer allgemeingültigen Wiſſenſchaft erichöpfen. Die einzelnen Inhalte der Erfahrung, die in ihrer Herkunft von einander getrennt find, ließen fich nicht durch Denken einer in den anderen überführen. jeder Verſuch aber, einen anderen als einen logiſchen Zujammenbang in der Wirklichfeit aufzuzeigen, bob die Form der Wiſſenſchaft zu Gunften des Gehaltes auf. Die ganze Phänomenologie der Metaphyſik hat gezeigt, daß die metaphufilchen Begriffe und Sätze nicht aus der reinen Stellung des Erfennend zur Wahrnehmung entfprangen, jondern aus ber 504 Zweites Bud. Vierter Abichnitt. Arbeit defjelben an einem durch bie Totalität des Gemüthes ge= ſchaffenen Zuſammenhang. In diefer Totalität ift zugleich mit dem Ich ein Anderes, ein von ihm Unabhängiged gegeben: dem Willen, welchem es widerfteht und der die Eindrüde nicht ändern ann, dem Gefühl, dad von ihm leidet: unmittelbar aljo, nicht durch einen Schluß, fondern ala Leben. Diefes Subjekt uns gegen- über, dieje wirkende Urjache möchte der Wille der Erkenntniß auf dem natürlichen Standpunkte durchdringen und bewältigen. Er ift ih zumächlt des Zuſammenhangs des Subjektes des Natur- lauf3 mit dem Selbitbewußtiein nicht bewußt. Eelbftändig fteht ihm dieſes in der äußeren Wahrnehmung gegenüber, und er ftrebt, ed nun mit den ihm gegebenen Mitteln von Begriff, Urtbeil, Schluß, ſonach als denknothivendigen Zuſammenhang, zu begreifen. Aber was in der Totalität unſeres Weſens gegeben ijt, kann nie ganz in Gedanken aufgelöft werden. Entweder wurde der Gehalt der Metaphyfik unzureichend für die Anforderungen der lebensoollen Menſchennatur, oder die Beweiſe erwieſen ſich als unzureichend, indem fie das, was der Verſtand an der Erfahrung feſtzuftellen vermag, zu überjchreiten ſtrebten. So wurde die Metaphyſik ein Zummelplaß von Trugſchlüſſen. Was in dem Gegebenen von jelbfländiger Provenienz ift, bat einen für die Erkenntniß unauflöslichen Kern, und Inhalte der Erfahrung, die durch ihre Herkunft von einander getrennt find, lafſen ſich nicht einer in den anderen überführen. Daher ift die Metaphyſik von falfchen Ableitungen und von Antinomien erfüllt ge= weien. So entiprangen zunächft die Antinomien zwiſchen dem mit endlichen Größen rechnenden Intellett und der Anfchauung, welche der Erfenntniß der äußeren Natur angehören. Ihr Kampfplak war Ihon die Metaphufit des Alterthums. Das Stätige in Raum, Zeit und Bewegung kann durch die Konftruftion in Begriffen nicht erreicht werben. Die Einheit der Welt und ihr Ausdrud in dem gedankenmäßigen Zufammenhang allgemeiner Yormen und Geſetze kann durch eine Analyfis, welche in Elemente zerlegt, und eine Syntheſis, die aus diefen Elementen zuſammenſetzt, nicht erflärlich gemacht werben. Das Abgefchloffene des Anſchauungsbildes wird Allgemeinfter Gefichtapunkt für die Schwierigkeiten der Metappyfil. 505 duch die Unbegrenztheit des über daſſelbe hinausſchreitenden Willens der Erfenntniß überall wieder aufgehoben. Dazu treten andere Antinomien, indem das Borftellen die in den Weltlauf verflochtenen piychilchen Lebengeinheiten in feinen Zufammenhang aufnehmen und das Erkennen fie feinem Syftem unterwerfen will. So entftanden zunächſt die theologischen und metaphyſiſchen An» tinomien des Mtittelalterd, und ald die neuere Zeit dad pfychiſche Geſchehen jelber in feinem Kauſalzuſammenhang zu erkennen unter- nahm, traten die Widerjprüche zwiſchen dem rechnenden Denken und der inneren Erfahrung innerhalb der metaphufiichen Behand⸗ lung der Piychologie Hinzu. Diefe Antinomien können nicht aufe gelöft werden. Yür die pofitive Wifjenichaft find fie nicht da, und für die Erkenntnißtheorie iſt ihr fubjeltiver Urſprung durchfichtig. Daher ftören fie die Harmonie unteres geiftigen Leben? nicht. Aber fie haben die Metaphyſik zerrieben. Will das metaphyſiſche Denken, ſolchen Widerjprüchen trotend, das Subjelt der Welt wirklich erkennen: jo kann dies nichts Anderes für es fein ala — Logismus. Jede Metaphyfif, welche bad Subjelt des Weltlaufß erkennen zu wollen beanſprucht, in ihm aber etwas Anderes ala Denknothwendigkeit jucht, geräth in einen augenjcheinlichen Widerſpruch zwilchen ihrem Ziel und ihren Hilfemitteln. Das Denken kann einen anderen als logiihen Zufammenhang in der Wirklichkeit nicht finden. Denn da und nur der Befund unjeres Selbſtbewußtſeins unmittel= bar gegeben ift und mir ſonach in das Innere der Natur nicht direkt Hineinbliden, jo find wir, wenn wir unabhängig vom Logismus über dieſes eine Borftellung bilden wollen, auf eine Vebertragung unſeres eigenen Inneren auf die Natur angewielen. Diefe kann aber nur ein poetifches Spiel analogiichen Vorſtellens fein, welches bald die Abgründe und dunkelen Gewalten unjeres Seelenlebend, bald die ruhige Harmonie defjelben, den hellen freien Willen, die bildende Phantafie in das Subjelt des Natur: lauf3 Hineinträgt. Die metaphyfiſchen Syſteme dieſer Richtung haben ſonach, ernftlich wiflenichaftlih genommen, nur den Werth eines Proteftes gegen den denknothwendigen Zuſammenhang. So 506 Zweites Buch. Bierter Abjchnitt. bereiten fie die Einficht vor, daß in der Welt mehr und anderes ala diefer enthalten if. Darin allein lag die vorübergehende Bedeutung der Metaphyfik Schopenhauer? und ihm verwandter Schhriftfteller. Sie ift im Grunde eine Myftil des neungehnten Jahrhunderts und ein lebens⸗, willenäkräftiger Proteft gegen alle Metaphyſik ala Folgerichtige Wiſſenſchaft. Wann dagegen das Er» fennen nad) dem Satze vom Grunde ſich des Subjektes des Welt- lauf zu bemächtigen entichloffen ift, entdedt e8 nur Denknoth⸗ wendigkeit ala den Kern der Welt, daher beiteht für daffelbe weder der Gott der Religion noch die Erfahrung der Freiheit. Die Bänder dead metaphyſiſchen Weltzufammen- hangs fönnen von dem Verſtande nicht eindeutig beftimmt werden. Mir gehen weiter. Die Metaphyſik vermag die PVerkettung der inneren und äußeren Erfahrungen nur dur) Borftellungen über einen inneren inhaltlichen Zufammenbang berzuftellen. Und wenn wir diefe Vorftellungen in's Auge faffen, ergiebt fich die Unmöglichteit der Metaphyſik. Derm diefe Vorftellungen find einer Haren eindeutigen Beftimmung unzugänglich. Der Differenzirungsproceß, in welchem die Wifjenichaft fich von den anderen Syftemen der Kultur fondert, zeigte fih und ala beftändig fortichreitend. Nicht mit einem Male löſte ſich aus der Sebundenheit aller Gemüthakräfte der Zweckzuſammenhang ber Erkenntniß. Wie viel Aehnlichkeit hatte doch noch die Natur, welche aus einem inneren Zuftand in den anderen nad) einer inmeren Lebendigkeit übergeht, oder das begrenzende Princip im Mittelpunkt der Welt, dad die Materie an fich zieht und geftaltet, mit den göttlichen Kräften der hefiodeilchen Theogonie. Und wie lange blieb dann die Anficht herrſchend, welche die gedantenmäßige Ordnung des Weltalld auf ein Syſtem pinchiicher Weſenheiten zurüdführte. Mühſam Iöfte fich der Intellekt von biefem inneren Zujammen los. Allmälic) gewöhnte er ſich, mit immer weniger Leben und Seele in der Natur hauszuhalten und auf immer Die Begriffe Subflanz und Saufalität nicht eindeutig beflimmbar. 507 einfachere Yormen der inneren Berbindung den Zuſammenhang des MWeltlaufd zurüdzuführen. Zuletzt wurde auch die Zweck⸗ mäßigleit ald Form eined inneren inhaltlichen Zuſammenhangs in Frage geftellt. Als die beiden inneren Bänder, melde den Weltlauf in all feinen Theilen zufammenhalten, blieben Sub⸗ ftanz und Kauſalität zurück. Indem wir und das Schidjal der Begriffe Subftanz und Raufalität zurückrufen, ergiebt fi): Metaphyſik ald Wiſſenſchaft iſt unmöglich. Der denknothwendige Zuſammenhang ſetzt Eubftanz und Kau⸗ ſalität als fefte Größen in die Verkettung aufeinanderfolgender und nebeneinander beſtehender Eindrücke ein. Nun erfährt die Metaphyfik ein Wunderbares. Sie iſt in dieſer Zeit ihrer von Erkenntnißtheorie noch nicht gebrochenen Zuverſicht überzeugt, zu wiſſen, was unter Subſtanz und unter Kauſalität zu denken ſei. In Wirklichkeit zeigt ihre Geſchichte beſtändigen Wechſel in der Beſtimmung dieſer Begriffe und vergebliche Verſuche, fie zu widerſpruchsloſer Klarheit zu entwickeln. Schon unſere Vorſtellung des Dinges kann nicht zur Klar⸗ heit gebracht werden. Wie kann die Einheit, welcher mannichfache Eigenſchaften, Zuſtände, Wirken und Leiden inhäriren, von dieſen letzteren abgegränzt werden? Dad Beharrliche von den Ber- änderungen? Oder wie vermag ich fetzuftellen, warın eine Ver⸗ wandlung defjelben Dinges noch ftattfindet und wann es vielmehr aufhört zu fein? Wie vermag ich das in ihm was bleibt von dem abzufondern was wechſelt? Wie Tann endlich dieje beharr- liche Einheit ala in einem räumlichen Außereinander irgendivo figend gedacht werden? Alles Räumliche ift teilbar, enthält alfo nirgend eine zuſammenhaltende untheilbare Einheit, und andrer- jeit3 ſchwinden mit dem Raume, wenn ich ihn hinwegdenke, alle finnlicden Qualitäten ded Dinged. Dennoch kann diefe Einheit nit aus bem bloßen Zuſammengerathen verſchiedener Ein- drüde (in Wahrnehmung und Affociation) erllärt werden; denn eben im Gegenjab Hierzu drüdt fie ein innere® Zuſammenge⸗ hören aus. 508 Zweite! Buch. Bierter Abichnitt. Don dieſen Schwierigkeiten berborgetrieben, tritt der Sub- ftanzbegriff auf. Wie wir geichichtlich nachwieſen, ift er aus dem Bedürfniß entftanden, dad Feſte, welches wir in jedem Dinge ala beharrliche Einheit annahmen, gedankenmäßig zu er- faflen und zur Löfung der Aufgabe zu verwerthen, die wechſeln⸗ den Eindrüde auf ein Bleibendes, in bem fie verbunden find, zu beziehen. Aber da er nichts als die wifienschaftliche Bearbeitung der Dingvorſtellung ift, jo entfaltet er die im dieſer gelegenen Schwierigkeiten nur deutlicher. Selbſt das metaphyſiſche Genie des Ariftoteles fahen wir vergeben? ringen, diefe aufzulöjen. Auch ift e8 umſonſt, wenn nun die Subſtanz in dad Atom verlegt wird. Denn mit ihr werden auch ihre Wideriprüche in dieſes untheilbare Räumliche, dieſes Ding im Kleinen verlegt, und die Naturwiſſenſchaft muß fich begnügen, ſofern fie den Begriff von etwas bildet, das in unſrem Naturlauf nicht weiter zerlegt werden kann, diefe Schwierigkeiten nur von fid) außzufchließen: auf ihre Löſung verzichtet fie. So wandelt fi der metaphufiiche Begriff des Atoms in einen bloßen Hilfäbegriff zur Beherrfchung der Er- fahrungen. Eben jo wenig werden die Schwierigkeiten gelöft, wenn die Subftanz der Dinge in ihre Yorm verlegt wird. Vergeblich ſahen wir die ganze Metaphyſik der fubftantialen Formen mit den Schwierigkeiten dieſes Begriffes ringen, und die Wiſſen⸗ Ihaft muß ſich auch) Hier Schließlich, ihre Grenzen gegen das Un⸗ erforjchliche wahrend, damit begnügen, dieſen Begriff ala ein bloßes Symbol für einen Thntbeftand zu behandeln, welcher fid) dem Erkennen, wenn ed den Zuſammenhang der Thatſachen aufjucht, ala objektive Einheit in denfelben darbietet, jedoch in feinem realen Gehalt unauflöglich ift. Ä ‚ Und im Kern bes Subftangbegriffä jelber, mag man ihn auf Atome oder auf Naturformen beziehen, bleibt eine nicht zu be= wältigende Schwierigkeit. Die Wiflenichaft von einem denfnoth- mwendigen Zufammenhang der Außenwelt drängt dahin, die Subftanz ala eine fefte Größe zu behandeln und ſonach MWechjel, Werden und Veränderung in die Relationen dieſer Elemente zu verlegen. Aber fobald dies Verfahren mehr ala Hilfskonftruftion der Bedingungen Die Begriffe Subflanz und Kaufalität nicht eindeutig beftimmbar. 509 für die Denkbarkeit des Naturzuſammenhangs jein, jobald eine Be- flimmung über das metaphufilche Welen des Subftantialen da⸗ raus entnommen werden fol, tritt eine Art von Berirfpiel ein. Die innere Veränderung ift nun in das pſychiſche Geſchehen Hin- übergeichoben, hier blitzt jebt die Farbe auf, erklingt der Zon. Dann haben wir nur die Wahl, einem ftarren Mechanismus der Natur die innerliche Lebendigkeit pſychiſchen Geſchehens gegen- überzuießen und jo die metaphufiiche Einheit des Meltzufammen- hangs, die wir fuchten, aufzugeben oder die unveränderlichen Ele— mente in ihrem wahren Werthe ala bloße Hilfäbegriffe aufzufafien. Es würde ermübden, wollten wir nun zeigen, wie der Begriff ber Kaufalität ähnlichen Schwierigkeiten unterliegt. Auch Hier kann bloße Affociation die Vorftellung des inneren Bandes nicht erflären, und doch kann der Verftand nicht eine Formel entwerfen, in welcher aus ſinnlich oder verftandesmäßig Maren Elementen ein Begriff zufammengefeßt würde, der den Inhalt der Kauſal⸗ vorftellung darftellte.e Und fo wird die Kaufalität ebenfall3 aus einem metaphyſiſchen Begriff zu einem bloßen Hilfsmittel für bie Beherrichung der äußeren Erfahrungen. Denn die Naturwiſſen⸗ ſchaft kann nur dasjenige, was durch Elemente der äußeren Wahr- nehmung und Operationen des Denkens mit denjelben belegt werden kann, ala Beftandtheile ihres Erkenntnißzuſammenhangs anerkennen. Können jo Subſtanz und Kaufalität nicht ala objektive Formen des Naturlaufs aufgefaßt werden, jo läge der mit ab- ftraften verftandesmäßig präparirten Elementen arbeitenden Wiſſen⸗ ſchaft am nächften, in ihnen wenigftend apriorifhe Formen der Intelligenz feftzubalten. Die Erfenntniktheorie Kant's, welche die Abftraktionen der Metaphyfif in erfenntnißtheoretifcher Abficht benußte, glaubte hierbei ftehen bleiben zu können. Aladann würden diefe Begriffe mwenigftend einen feften obzwar fubjektiven Zuſammenhang der Erſcheinungen ermöglichen. Wären fie ſolche Formen der Intelligenz felber, dann müßten fie als folche diefer gänzlich durchfichtig fein. Fälle ſolcher Durchfichtigfeit find das PVerhältniß des Ganzen zu den Theilen, der Begriff von Gleichheit und Unterfchied; in ihnen befteht über 510 Zweites Buch. Bierter Abſchnitt. die Interpretation der Begriffe kein Streit: B kann unter dem Begriffe von Gleichheit nur dafjelbe ala A denken. Die Begriffe von Kaufalität und Subftanz find augenscheinlich nicht von ſolcher Art, Sie haben einen dunklen Kern einer nicht in finnliche ober Ver⸗ jtandezelemente auflößbaren Thatfächlichkeit. Sie fünnen nicht wie Bahlbegriffe in ihre Elemente eindeutig zerlegt werden; hat ihre Analyfis doch zu endlofem Streit geführt. Oder wie kann etiva eine bleibende Unterlage, an welcher Eigenichaften und Thätigfeiten wechſeln, ohne daß dieſes Thätige felber in fich Veränderungen erführe, vorgeftellt, wie für den Verftand faßbar gemacht werden? Wären Subftanz und Kaufalität ſolche Formen der SYntelli- gen; a priori, ſonach mit der Intelligenz ſelber gegeben, alsdann könnten feine Beftandtheile diefer Denkformen aufgegeben und mit anderen vertaujcht werden. In Wirklichkeit nahm das mythiſche DVorftellen, wie wir jahen, in den Urſachen eine freie Lebendig- feit und feeliiche Kraft an, welche in unferem Begriff einer Urjache im Naturlauf nicht mehr anzutreffen if. Die Elemente, welche urjprünglich in der Urfache vorgeftellt wurden, haben eine beftän- dige Minderung erfahren, und andere find in einem Vorgang von Anpaflung der urjprünglicden Borftellung an die Außenwelt in ihre Stelle eingetreten. Dieje Begriffe haben eine Entwidlungd- gefchichte. Der Grund felber, aus welchem die Vorftellungen von Sub⸗ ftanz und Raufalität ſich einer eindeutigen flaren Beitimmung nicht fähig erweilen, kann innerhalb diefer phänomenologifchen Betrach⸗ tung der Metaphufit nur ala eine Möglichkeit vorgelegt werben, die dann die Ertenntnißtheorie zu erteilen bat. In der Tota- lität unſerer Gemüthskräfte, in dem erfüllten lebendigen Selbſt⸗ bewußtſein, welches das Wirken eineß Anderen erfährt, liegt der lebendige Urſprung diefer beiden Begriffe. Nicht eine nachlommende Mebertragung aus dem Selbſtbewußtſein auf die an fich lebloſe Außenwelt, durch welche dieje letztere in mythiſchem Vorſtellen Leben enpfinge, braucht hierbei angenommen zu werden. Das Andere kann im Gelbftbewußtjein jo urſprünglich wie das Selbft ala lebendige wirkſame Realität gegeben fein. Was aber in der Tota⸗ Subſtanz und Kaufalität find nicht Berftandesformen. 511 lität der Gemüthskräfte gegeben iſt, das kann nie von der Intel⸗ ligenz ganz aufgeklärt werden. Der Differenzirungsprozeß der Erkenntniß in der fortſchreitenden Wifſenſchaft kann daher als Vorgang der Abſtraktion von immer mehr Elementen dieſes Le⸗ bendigen abſehen: jedoch der unlösliche Kern bleibt. So erklären ſich alle Eigenschaften, welche diefe beiden Begriffe von Eub- ſtanz und Kaufalität im Verlauf der Metaphyſik gezeigt haben, und e3 Tann eingejehen werden, dab auch künftig jeder Kunft- griff des Verſtandes diefen Eigenjchaften gegenüber machtlos jein wird. Daher wird ächte Naturwiſſenſchaft diefe Begriffe ala bloße Zeichen für ein x, welches ihre Rechnung bedarf, behandeln. Die Ergänzung diejes Verfahrens liegt dann in der Analyfi3 des Be wußtjein®, welche den urfprünglichen Werth diefer Zeichen und die Gründe, aus welchen fie in der naturwiflenschaftlichern Nech- nung erforderlich find, aufzeigt. Ganz ander? ftehen zu dieſen Begriffen die Geiſteswiſſen⸗ haften. Sie behalten von den Begriffen Subſtanz und Kaufali- tät nur das rechtmäßiger Weile, was im Gelbftbemußtfein und der inneren Erfahrung gegeben war, und fie geben Alles auf, was in ihnen aus der Anpaffung an die Außenwelt ftammte. Sie dürfen daher von biefen Begriffen feinen direkten Gebrauch zur Bezeichnung ihrer Gegenftände machen. Ein folder bat ihnen oft gejchadet und nie an irgend einem Punkte genüßt. Denn nie haben dieſe abftraften Begriffe dem Erforfcher der menjchlichen Natur über diefe mehr jagen können, ala in dem Selbitberwußt- fein gegeben war, aus welchem fie hervorgegangen find. Selbft wenn der Begriff von Subftanz auf die Seele anwendbar wäre, vermöchte er nicht einmal die Unſterblichkeit in einer religiöjen Ordnung der Borftellungen zu begründen. Führt man die Ent- ftehung der Seele auf Gott zurüd, jo kann was entftanden ift auch untergehen, oder was fich in einem Vorgang von Emana⸗ tion auögejondert Hat in die Einheit zurüdtreten. Schließt man aber die Annahme einer Schöpfung oder Ausftrahlung von Seelen⸗ fubltanzen aus Gott aus, jo fordert die ſeeliſche Subftanz eine atheiſtiſche Weltordnung: die Seelen find dann, gleichviel ob allein ohne Gott oder unabhängig neben Gott, ungerworbene Götter. ® 512 Zweite! Buch. Bierter Abjchnitt. Eine inhaltliche VBorftellung des Weltzufammen- hangs fann nicht erwiefen werden. Indem die Metaphyſik ihre Aufgabe weiter verfolgt, ent- Ipringen aus den Bedingungen berjelben neue Schwierigfeiten, welche eine Löjung der Aufgabe unmöglich machen. Ein be flimmter innerer objeltiver Zufammenhang der Wirk: lichkeit, unter Ausſchluß der möglichen übrigen, ift nicht erweidbar. An einem weiteren Punkte ftellen wir daher feft: Metaphyſik ala Wiſſenſchaft ift unmöglich). Denn enttweder wird diefer Zuſammenhang aus aprisrifchen Wahrheiten abgeleitet, oder er wird an dem Gegebenen aufgezeigt. — Eine Ableitung a priori ift unmöglid. Sant bat die letzte Konjequenz der Metaphyſik in der Richtung fortichreitender Ab⸗ ftraftion gezogen, indem er ein Syſtem apriorischer Begriffe und Mahrbeiten, wie ed fchon dem Geifte des Ariftoteles und dem von Descartes vorjchiwebte, wirklich entwidelte.e Er hat aber un⸗ wibderleglich beiwiefen, daß auch unter diefer Bedingung „der Ge- brauch unferer Vernunft nur auf Gegenftände möglicher Erfahrung reicht“. Doch fteht vielleicht die Sache der Metaphyſik nicht ein⸗ mal jo günftig ala Kant annahm. Sind Kaufalität und Subftanz gar nicht eindeutig beftimmbare Begriffe, jondern der Ausdrud unauflöglicher Thatjachen des Bewußtſeins, dann entziehen diejelben fih gänzlich der Benußung für die denknothwendige Ableitung eine? Weltzuſammenhangs. — Oder die Metaphufit geht von dem Gegebenen zu jemen Bedingungen rüdmwärt?, dann befteht, wenn man von den willfürlichen Einfällen der deutjchen Naturphilofophie abfieht, in Bezug auf den Naturlauf darüber Einftimmigfeit, daß die Analyſis befielben auf Mafjentheilchen, welche nach Gejeten auf einander wirken, als auf legte der Natur⸗ wiſſenſchaft nothwendige Bedingungen zurüdführt. Nun erkannten wir, daß zwiſchen dem Beltand diefer Atome und den Thatjachen ihrer Wechſelwirkung, des Naturgefeßes und der Naturformen für und feine Art von Verbindung vorhanden ifl. Wir jahen, daß Unerweisbarkeit einer inhaltlichen Vorftellung db. Weltzuſammenhangs. 513 feine Aehnlichkeit zwiſchen ſolchen Atomen und den plychiichen Einheiten, welche als unvergleichbare Individuen in den Weltlauf eintreten, in ihm lebendig innere Veränderungen erfahren und wieder aud ihm verichwinden, ftattfindet. Sonach enthalten die legten Begriffe, zu denen die Wiflenichaften des Wirklichen gelangen, nicht die Einheit des Weltlaufs. — Sind doch aud) weder Atome noch Geſetze reale Eubjekte des Naturvorgangd. Denn die Sub— iefte, welche die Gejellichaft bilden, find ung gegeben, dagegen das Eubjelt der Natur oder die Mehrheit von Subjelten der- jelben nicht, Jondern wir bejiken nur das Bild des Naturlaufg und die Erlenntniß feines äußeren Zuſammenhangs. Nun iſt aber diefer Naturlauf jelber fammt feinem Zufammenhang nur Phänomen für unjer Bewußtſein. Die Subjekte, die wir ihm ala Maſſentheilchen unterlegen, gehören aljo ebenfalls der Phänomena- tät an. Sie find nur Hilfabegriffe für die Vorftellung des Zuſammenhangs in einem Syftem der prädilativen Beitimmungen, welche die Natur ausmachen: der Gigenfchaften, Beziehungen, Veränderungen, Bewegungen. Sie find daher nur ein Theil des Syſtems prädilativer Beitimmungen, deren realed Subjelt unbe- fannt bleibt. Eine Metaphyſik, welche zu verzichten weiß und nur Die legten Begriffe, zu welden bie Erfahrungswiſſen— haften gelangen, zu einem vorftellbaren Ganzen ver- tnüpfen will, kann weder die Relativität des Erfahrungskreiſes, den bieje Begriffe darftellen, noch die des Standorts und der Ver- faſſung der Intelligenz, welche die Erfahrungen zu einem Ganzen vereinigt, jemald überwinden. Indem wir dies eriweilen, zeigt fich bon zwei neuen Seiten: Metaphyfif ala Wiſſenſchaft ift unmöglich). Die Metaphyfit überwindet nicht die Nelativität des Erfahrungskreiſes, aus dem ihre Begriffe gewonnen find, In den lebten Begriffen der Willenjchaften werden für die be- fiimmte Zahl gegebener phänomenaler Thatbeftände, welche das Syftem unjerer Erfahrung bilden, Bedingungen ihrer Denkbarkeit aufgeftellt. Nun bat die Vorftellung von diefen Bedingungen fich mit der Zunahme unjerer Erfahrungen geändert. So war ein ı Dilthey, Ginleitung. 33 r 514 Zweite? Buch. Bierter Abſchnitt. Zulammenhang der Deränderungen nach Gejeßen, der heute bie Erfahrungen zu einem Syſtem verbindet, dem Altertfum nicht befannt. Daher bat eine ſolche Vorftellung von Bedingungen immer nur eine relative Wahrheit, d. 5. fie bezeichnet nicht eine Realität, Jondern entia rationis, Gedanfendinge, welche die Herr- ſchaft des Gedankens und des Eingreifens über einen gegebenen eingefchränkten Zufammenhang von Phänomenen ermöglichen. Stellt man ſich eine plößliche Erweiterung menſchlicher Erfahrung vor, dann würden die entia rationis, welche die Bedingungen diefer Erfahrungen ausdrücken follen, ſich ihrer Erweiterung anpaflen müffen; wer kann jagen, wie weit dann bie Veränderung greifen würde? Und fucht man nun für dieſe letzten Begriffe einen ver- einigenden Zuſammenhang, jo kann der Erkenntnißwerth ber jo ent- ftehenden Hypotheſe nicht ein größerer fein, als der ihrer Grund- lage ift. Die metaphufiiche Welt, die Hinter den Hilfsbegriffen der Raturivifjenichaft fich aufthut, ift aljo gleichfam in der zweiten Potenz -- ein ens rationis. Wird das nicht durch bie ganze Ge- Ihichte der neueren Metaphyſik beftätigt? Die Subſtanz Spinozas, die Atome der Monijten, die Monaden von Leibniz, die Realen von Herbart veriwirren die Naturiwiflenichaften, indem fie aus dem inneren pfychiichen Leben Elemente in den Raturlauf tragen, und fie mindern das geiftige Leben herab, inden fie einen Naturzu- ſammenhang in dem Willen fuchen. Sie vermögen nicht, die durch die Geichichte der Metaphyfik Hindurchgehende Dualität der mechanifch= atomiftifchen und der von dem Ganzen audgehenden Weltanſicht aufzuheben. Die Metaphyſik überwindet ebenfo wenig die einge- ſchränkte Subjettivität des Seelenlebens, welches jeder metapbufilchen Verfnüpfung der legten wiſſenſchaftlichen Begriffe zu Grunde liegt. Diefe Behauptung enthält zwei Sätze in fidh. Eine einheitliche Vorſtellung vom Subjelte des Weltlaufs kommt nur durch die Vermittlung defien, was das Seelenleben binein- giebt, zu Stande. Dieſes Seelenleben ift aber in beftändiger Ent- wicklung, unberechenbar in feinen weiteren Entfaltungen, an jedem Punkte gefchichtlich relativ und eingefchräntt und daher unfähig, Metapbufiicher Abſchluß der Erfahrungswiflenichaft unmöglich. 515 die lebten Begriffe der Einzelwiffenfchaften in einer objektiven und endgültigen Weile zu verknüpfen. Denn was bedeutet die Borftellbarkeit oder Denkbarkeit jener legten Thatbeſtände, zu welchen die Einzelwiflenichaften vor- dringen, wie die Metaphyſik fie herzuftellen jtrebt? Wenn die Meta- phyſik dieſe Thatbeftände in einer faßbaren Vorftellung vereinigen will, jo fteht ihr zu diefem Zweck zunächſt nur der Sat des Widerſpruchs zur Verfügung. Wo aber zwiſchen zwei Beding- ungen des Syſtems der Erfahrungen ein Wider}pruch befteht, da bedarf es eines pofitiven Prinzips, um zwifchen den wider- Iprechenden Sätzen zu entjcheiden. Wenn ein Metaphufiler be- hauptet, nur auf Grund dieſes Satzes des Widerſpruchs Die legten Thatjachen, zu denen Willenjchaft gelangt, zur Denkbarkeit zu verknüpfen, dann lafjen fich ſtets pofitive Gedanken nachmeijen, welche indgeheim feine Entjcheidungen leiten. Denkbarkeit muß alfo Hier mehr bedeuten ala Widerſpruchslofigkeit. Auch ftellen in der That die metapbufiichen Syſteme ihren Zujammenhang durch Mittel von einer ganz andern inhaltlichen Mächtigfeit ber. Denkbarkeit ift Hier nur ein abftrafter Ausdrud für Vorftell- barkeit, dieje aber enthält nichts anderes, ala daß das Denten, wenn es den feiten Boden der Wirklichkeit und der Analyfıs verläßt, teoßdem von Refiduen des in ihr Enthal- tenen geleitet wird. Innerhalb dieſes Umkreiſes der Bor- jtellbarfeit erjcheint dann vielfach das Entgegengeſetzte als gleich möglich, ja zwingend. Gin befannte® Wort von Leibniz lautet: Die Monaden Jeien ohne Fenſter, Lotze bemerkt Hierzu mit Recht: „Sch würde mich nicht wundern, wenn Leibniz mit dem gleichen bildlichen Augdrud im Gegentheil gelehrt hätte, die Monaden hätten Yenfter, durch die ihre inneren Zuftände mit einander in Gemeinſchaft träten, und diefe Behauptung würde ungefähr gleichviel Grund und vielleicht befjeren Grund gehabt Haben, ala die, welche er vorzog.“) Die einen Metaphyſiker halten ihre Maſſentheilchen, jedes für fi, für fähig einzuwirken oder 1) Lotze, Syflem der Philofaphie II, 125. 33* 516 Zweites Buch. Vierter Abfchnitt. Einwirkung zu erleiden, die anderen glauben, daß Wechſelwirkung unter gemeinfamen Gefeßen nur in einem alle Einzelweſen ver- bindenden Bewußtjein denkbar fei. UWeberall hat bier die Meta- phyſik, ala die Königin über ein Schattenreich, nur mit Echatten ehemaliger Wahrheiten zu thun, von denen die einen ihr vermehren etwas zu denken, die anderen es ihr aber gebieten. Dieſe Schatten von Weſenheiten, welche insgeheim die Vorftellung leiten und die Borftelbarkeit ermöglichen, find entweder Bilder auß der in den Sinnen gegebenen Materie oder Vorftellungen aus dem in ber inneren Erfahrung gegebenen pfychiichen Leben. Die eriteren find in ihrem phänomenalen Charakter von der modernen Wiſſenſchaft anerkannt, und daher ift die materialiftiiche Metapyſik, ala ſolche, in Abnahme gerathen Wo ea fich wirklich um dad Subjekt der Natur handelt und nicht bloß um prädifative Beitimmungen, wie Bewegung und finnliche Qualitäten fie darbieten, da enticheiden zumeift indgeheim oder bewußt die Vorftellungen des piydhji- ſchen Lebens über das, was als metaphufilcher Zulammenhang denkbar ſei oder nicht. Gleichviel, mag Hegel die Weltvernunft zu dem Subjekt der Natur machen oder Schopenhauer einen blinden Willen oder Leibniz vorftellende Monaden oder Loße ein alle Wechſelwirkung vermittelndes umfaſſendes Bewußtſein, oder mögen die neueften Moniften pfychiſches Leben in jedem Atom aufbliken laſſen: Bilder des eigenen Selbſt, Bilder des pfychilchen Lebens find es, welche den Metapbufifer geleitet haben, ala er über Denk⸗ barkeit entjchied und deren indgeheim wirkende Gewalt ihm bie Welt ummandelte in eine ungeheure phantaſtiſche Spiegelung feines eigenen Selbſt. Denn das ift das Ende: der metaphufifche Geift gewahrt fich felber in phantaſtiſcher Bergrößerung, gleichſam in einem zweiten Geſicht. So trifft die Metaphyſik am Endpunkte ihrer Bahn mit der Erkenntnißtheorie zuſammen, welche das auffaſſende Subjekt ſelber zu ihrem Gegenſtand hat. Die Verwandlung der Welt in das auffaſſende Subjekt durch dieſe modernen Syſteme iſt gleich- ſam die Euthanafie der Metaphyſik. Novalis erzählt ein Märchen bon einem Jüngling, den die Sehnfucht nach den Geheimniffen Metaphyfik und Erkenntnißtheorie. 517 der Natur ergreift, er verläßt die Geliebte, durchwandert viele Länder, um die große Göttin Iſis zu finden und ihr wunderbares Antlitz zu ſchauen. Endlich fteht er vor der Göttin der Natur, er bebt den leichten glänzenden Schleier und — die Geliebte finkt in feine Arme. Wenn der Seele zu gelingen ſcheint, das Subjekt de3 Naturlaufs ſelber ledig der Hüllen und des Schleierd zu ge= wahren, dann findet fie in diefem — ſich ſelbſt. Dies ift in der That das letzte Wort aller Metaphyfil, und man kann jagen, nach— dem dafjelbe in den legten Jahrhunderten in allen Sprachen bald des Verſtandes, bald der Leidenjchaft, bald des tieſſten Gemüthes ausgeſprochen ift, jcheint e8, daß die Metaphyſik auch in dieſer Rückſicht nichts Erhebliches mehr zu jagen habe. Wir folgern weiter mit Hilfe des zweiten Satzes. Diefer perjönliche Gehalt des Seelenlebenz ift num in einer beftändigen geichichtlichen Wandlung, unberechenbar, relativ, eingeſchränkt, und fann daher nicht eine allgemeingültige Einheit der Erfahrungen er- möglichen. Das ift die tieffte Einficht, zu welcher unjere Phäno- menologie der Metaphyſik gelangte, im Gegenſatz gegen die Kon— ftruftionen der Epochen der Menſchheit. Jedes metaphufilche Syſtem ift nur für die Lage repräfentativ, in welcher eine Seele das Welträthfel erblidt Hat. Es hat die Gewalt, diefe Lage und Zeit, ben Zuftand der Seele, die Art, wie die Menfchen die Natur und fich erblicten, un wieder zu vergegenwärtigen. Es thut das gründlicher und alljeitiger ala dichteriiche Werke, in welchen da3 Gemüthsleben nach ſeinem Geſetz mit Perjonen und Dingen Ichaltet. Jedoch mit der geichichtlichen Lage des Seelenlebeng ändert fih der geiftige Gehalt, welcher einem metaphyſiſchen Eyftem Ein- beit und Leben giebt. Wir können dieſe Aenderung weder nach ihren Gränzen beftimmen noch in ihrer Richtung voraudberechnen. Der Grieche in der Zeit des Plato oder Ariftoteles war an eine beftimmte VBorftellungsweile der erſten Urjachen gebunden; die chriftliche Weltanficht entwidelte fich, und es war nun gleich- ſam eine Wand weggezogen, Hinter welcher man eine neue Art, die erfte Urfache der Welt vorzuftellen erblidte. Für einen mittel- alterlicden Kopf war die Erkenntniß der göttlichen und menjch- 518 Zweites Bud. Bierter Abſchnitt. lichen Dinge in ihren Grundzügen abgejchloffen, und eine Bor- jtellung davon, daß die auf Erfahrung gegründete Wiſſenſchaft beftimmt ſei, die Welt umaugeftalten, befaß fein Menſch während des elften Jahrhundert? in Europa; dann aber gejchah, was Nie- mand hatte ahnen können, und die moderne Erfahrungswiſſenſchaft entftand. Sp müſſen auch wir ung jagen, daß wir nicht willen, wa3 Hinter den Wänden fich befindet, die ung heute umgeben. Das Seelenleben jelber verändert fich in der Geſchichte der Menſch— heit, nicht nur dieſe oder jene Vorftellung. Und dieſes Berwußt- jein der Schranken unferer Erkenntniß, wie es aus dem geichicht- lihen Blick in die Entwidlung des Seelenlebens folgt, ift ein andered und tieferes, als das, welches Kant batte, für den im Geifte de achtzehnten Jahrhunderts das metaphyſiſche Vewußt⸗ ſein ohne Geſchichte war. Der Skepticismus, welcher die Metaphyſik als ihr Schatten begleitete, hatte den Nachweis erbracht, daß wir in unſere Eindrücke gleichſam eingeſchloſſen ſind, ſonach die Urſache derſelben nicht erkennen und über die reale Beſchaffenheit der Außenwelt nichts ausſagen können. Alle Sinnesempfindungen find relativ und ge- ſtatten feinen Schluß auf das, was fie bervorbringt. Selbft der Begriff der Urſache ift eine von uns in die Dinge getragene Re- Iation, für deren Anwendung auf die Außenwelt ein Rechtägrund nicht vorliegt. Dazu Hat die Gefchichte der Metaphyſik gezeigt, daß unter einer Beziehung zwifchen dem Denken und den Ob- jekten nicht? Klares gedacht werden kann, mag diejelbe als Iden⸗ tität oder Paralleliamus, als Entſprechen oder Korrejpondenz be: zeichnet werden. Denn eine Borftellung fann einem Ding, jofern dieſes als von ihr unabhängige Realität aufgefaßt wird, nie gleich fein. Sie ift nicht dag in die Seele gejchobene Ding und kann nicht mit einem Gegenftand zur Dedung gebracht werden. Schwächt man den Begriff der Gleichheit zu dem der - Nehnlichkeit ab, jo kann auch diejer Begriff in feinem genauen Berftande bier nicht Metaphyſik und Erkenntnißtheorie. 519 angewandt werden: die Vorſtellung von Uebereinſtimmung ent- weicht fo in das Unbeftimmte. Der Rechtsnachfolger des Skep⸗ tikers ift der Erfenntnißtbeoretifer. Hier find wir an der Grenze angelangt, an welcher das nächfte Bud) anheben wird: vor dem erfenntnißtheoretiichen Standpunkte der Menfchheit. Denn das moderne tiflenfchaftliche Bewußtſein ift einerjeit3 bedingt durch die Thatfache der relativ Jelbfländigen Einzelwifjenichaften, anderer- ſeits durch die erkenntnißtheoretiſche Stellung des Menfchen zu feinen Objelten. Der Pofitiviamus hat vorwiegend auf die erjtere Seite defjelben ſeine philofophiiche Grundlegung aufgebaut, die Zranfcendentalpbilojophie auf die andere. An dem Punkte der intellettuellen Gejchichte, an welchem die metaphufiiche Stellung des Menjchen endigt, wird das folgende Buch anjeten und die Geſchichte des modernen wifjenjchaftlichen Bervußtfeind in feiner Beziehung zu den Geifteswiflenichaften darlegen, wie es durch die erfenntnißtheoretiiche Stellung zu den Objekten bedingt ift. Diele hiſtoriſche Darftellung wird noch zu zeigen Haben, wie die Rüd- ftände der metaphufifchen Epoche nur langſam überwunden und jo die Konſequenzen der erfenntnißtheoretiichen Stellung nur ſehr all- mälig gezogen wurden. Sie wird fihtbar machen, wie innerhalb der erkenntnißtheoretiſchen Grundlegung jelber die Abjtraktionen, welche die dargelegte Geſchichte der Metaphyſik Hinterlaflen bat, nur ſpät und bis heute noch jehr unvollftändig weggeräumt worden find. So foll fie zu dem pſychologiſchen Standpunkte Hinführen, welcher nicht von der Abftraktion einer ifolirten Intelligenz, jondern von dem Ganzen der Thatiachen des Bewußtſeins aus das Pro- blem der Erkenntniß aufzulöjen unternimmt. Denn in Sant voll- 30g fi} nur die Selbſtzerſetzung der Abftraltionen, welche die von una geichilderte Geichichte der Metaphyſik geichaffen Hat; nun gilt es, die Wirklichkeit des inmeren Leben? unbefangen gewahr zu werden und, von ihr auögehend, feftzuftellen, tvad Natur und Geſchichte diefem inneren Leben find.